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	<title>blogsgesang.de &#187; Eppelmann</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Vor 20 Jahren – Die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage macht Probleme</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 15:21:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/164516.eine-vergangenheit-die-nie-vergeht.html" target="_blank">Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag</a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/d7b9621a2af741f8b68bb820e2281a5d" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. <span id="more-1477"></span>Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst zu, die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hatte zwar lange gehofft, in einer reformierten DDR, wie in jedem Staat, ihren Platz zu haben, doch Anfang 1990 zeichnete sich immer st&#228;rker die kommende Vereinigung der beiden deutschen Staaten ab &#8211; und wer Realist war, wusste, dass diese Entwicklung auch die Geschichte der DDR-Aufkl&#228;rung besiegeln w&#252;rde.</p>
<p>Das zu begreifen, war das eine, die DDR-Spionage jedoch m&#246;glichst r&#252;ckstands- und f&#252;r ihrer Tausenden Mitarbeiter inner- und au&#223;erhalb der DDR auch folgenlos aus der Welt zu schaffen, war das andere. Das nat&#252;rlich nicht gelang. Jahrerlang waren politische, juristische uznd andere Gremien besch&#228;ftigt, die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage zu bew&#228;ltigen; dass dabei vielf&#228;ltige ideologische, materielle und auch mentale Aspekte eine Rolle spielten, erleichterte die Angelegenheit nicht.</p>
<p>Einen gewiss begrenzten Einblick in diese Vorg&#228;nge vor 20 Jahren gibt folgender Text, der 1992 in dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde. Zwar ist heute das damalige Geschehen gr&#252;ndlicher erforscht; dennoch kann diese alte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen; aktuelle Entwickjlungen werden einigen F&#228;llen durch entsprechende Links angezeigt.</p>
<h3>Die vertrackte Hinterlassenschaft der DDR-Spionage</h3>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-1481" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/02/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />»Kluge« &#8211; so stellte sich der grobknochige Mann an jenem nasskalten Sp&#228;twintertag am Potsdamer Platz vor, und er kam sogleich zur Sache. Gesch&#228;ftsm&#228;&#223;ig fragte er sein Gegen&#252;ber aus, wollte die Namen von DDR-Spionen in der Bundesrepublik wissen, forschte nach den verbliebenen Strukturen der HVA, nach etwaigen Kontakten zum sowjetischen KGB. Er war ein Abwehrmann des Verfassungsschutzes – beauftragt, einem Offizier der sich in Aufl&#246;sung befindlichen Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des MfS, der dem einstigen Gegner ein vorsichtiges Angebot zu Kooperation gemacht hatte, auf den Zahn zu f&#252;hlen und so viel wie m&#246;glich aus ihm herauszuholen. Das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz – in der jahrzehntelangen Auseinanderesetzung mit der HVA nicht eben erfolgreich – gedachte die nun entstandene desolate Situation des DDR-Spionagedienstes zu nutzen, um einige sp&#228;te Siege zu erringen.</p>
<p>Aber jener »Kluge« hatte mit seinem Gespr&#228;chspartner weitaus mehr gemein, als man angesichts dieser Zielstellung vermuten k&#246;nnte. Er hie&#223; n&#228;mlich mit b&#252;rgerlichem Namen Klaus Kuron un d war &#8230; Mitarbeiter der BfV-Abteilung IV, zust&#228;ndig f&#252;r die F&#252;hrung von Doppelagenten, der bereits seit acht Jahren f&#252;r die HVA spionierte. Seine Stellung im Amt hatte ihm jetzt diese Aufgabe beschert, denn er war nat&#252;rlich pr&#228;destiniert f&#252;r die Betreuung der &#220;berl&#228;ufer aus der HVA. So redete er nicht lange drumherum, bot stattdessen »Kopfgelder« f&#252;r jede wichtige Quelle in f&#252;nfstelligen D-Mark-Betr&#228;gen. Er war eben ein Profi, der seinen Job verstand.</p>
<p>Hernach jedoch landeten seine Berichte nicht nur auf dem Schreibtisch seines Chefs in K&#246;ln, sondern noch bis weit ins Jahr 1990 hinein ebenfalls in Ostberliner Amtsstuben, konkret denen des HVA-Chefaufl&#246;sers Bernd Fischer und seiner Leute.</p>
<p>Seit dem Herbst 1989 war jedoch auch f&#252;r Klaus Kuron eine Wende eingetreten. Pl&#246;tzlich waren – wenn auch ohne eigenes Zutun – seine eigentlichen Dienstherren die Sieger, und sein Nebenjob stellte eine t&#246;dliche Gefahr dar.</p>
<p>Das Beispiel zeigt, wie vielf&#228;ltig und kompliziert die Hinterlassenschaft war, die nach dem Ende der HVA zur&#252;ckblieb. Auf der einen Seite Tausende Mitarbeiter in der Berliner Zentrale und ihren zahlreichen Au&#223;enstellen, in den Bezirksverwaltungen, wo jeweils die Abteilung XV f&#252;r die Spionage zust&#228;ndig war, und auch in den Kreisdienststellen. Andererseits eine bislang unbekannte Zahl von Aufkl&#228;rern und Sp&#228;hern im Operationsgebiet, dessen Schwerpunkt in der Bundesrepublik Deutschland lag, das sich aber allm&#228;hlich auf beinahe die ganze Welt ausgedehnt hatte.. Da es f&#252;r diese Personen keine zentrale Registratur gab, sondern jede Abteilung sie selbst&#228;ndig f&#252;hrte, wird ihre Zahl auch im nachhinein nicht mehr zu ermitteln sein.</p>
<p>Von den hauptamtlichen Mitarbeitern waren bis Mitte Januar erst etwas mehr als 15 Prozent entlassen, zum Teil auf eigenen Wunsch, zum Teil, um den immer dr&#228;ngenderen Forderungen nach Reduzierung des Personalbestandes Rechnung zu tragen. Was aber sollte mit den vielen Tausenden von inoffiziellen Mitarbeitern in der BRD, im Ausland und nicht zuletzt in der DDR geschehen?</p>
<p>Von den toten Gegenst&#228;nden hatte man sich noch relativ leicht trennen k&#246;nnen. Neben dem weitl&#228;ufigen Geb&#228;ude an der Ecke Frankfurter Allee/Ruschestra&#223;e verf&#252;gte die HVA allein in Berlin &#252;ber Hunderte Objekte verschiedenster Art, nicht gerechnet die etwa gleiche Zahl von »konspirativen Wohnungen«, in denen sich die F&#252;hrungsoffiziere mit ihren IM trafen und wo immer wieder die Verwandlung eines unauff&#228;lligen DDR-B&#252;rgers in einen »K&#228;mpfer an der unsichtbaren Front«, also einen Instrukteur, einen Werber, einen Kurier im weitl&#228;ufigen Operationsgebiet stattfand. Neben diesen Wohnungen, &#252;berall im Stadtgebiet verstreut, existierten etliche Villen im Berliner Umland, meist komfortabel ausgebaut, in denen h&#228;ufig Treffen mit den Quellen aus dem Operationsgebiet stattfanden, die nicht selten in Feiern endeten. Solche Objekte konnte man in Karolinenhof und Schildow, in Wandlitz und Zeuthen finden. Schlie&#223;lich hatten sich der Leiter der HVA, seine Stellvertreter und einige besonders ehrgeizige Abteilungsleiter exquisite H&#228;user in attraktiven Gegenden der DDR, zum Beispiel auf dem Wei&#223;en Hirsch in Dresden, in Radebeul, Saalburg und anderswo, ausbauen lassen. Hier empfingen sie Kundschafter oder hielten Beratungen mit ihren Kollegen aus dem Ausland ab.</p>
<p>Zur Ausstattung der HVA geh&#246;rten auch 700 Kraftfahrzeuge, davon 400 bis 500 Pkw, eine im Aufbau befindliche Computeranlage im Stadtbezirk Hohensch&#246;nhausen, ein gro&#223;es Fotolabor, technische Werkst&#228;tten zur Herstellung falscher Papiere, von »Containern« zum Materialtransport und anderer Spionagewerkzeuge. Sie verf&#252;gte &#252;ber Ferieneinrichtungen in und um Berlin sowie in allen Bezirken der DDR, die in der Regel zugleich als Ausweichobjekte f&#252;r den Ernstfall eines Krieges dienen sollten.</p>
<p>Vor allein aber befanden sich in der HVA ungeheuere Aktenbest&#228;nde. Sie setzten sich aus den &#252;ber fast vierzig Jahre beschafften Informationen, den Angaben &#252;ber Personen und Objekte und den zahlreichen Weisungen und administrativen Papieren zusammen, die in solch einem b&#252;rokratischen Apparat anfallen. Die Mehrzahl der Informationen war bereits in den Jahren zuvor auf Mikrofiches verfilmt worden; ihr Volumen hielt sich in Grenzen. In den Panzerschr&#228;nken der von der HVA-Mitarbeitern verlassenen Dienstr&#228;ume befand sich aber soviel Material, dass damit sp&#228;ter etwa 100..LKW beladen, werden konnten.</p>
<p>Ende Januar und den ganzen Februar 1990 &#252;ber sammelten mit Zustimmung des B&#252;rgerkomitees kleine Gruppen von HVA-Mitarbeitern das gesamte Schriftgut und konzentrierten es in wenigen R&#228;umen. Gleichzeitig begann die Vernichtung, wobei davon auszugehen ist, dass zuerst besonders brisante Akten in den Rei&#223;wolf kamen. Dazu geh&#246;rten die Unterlagen &#252;ber Spione im Operationsgebiet, dazu geh&#246;rten Weisungen und Befehle, aus denen auf Schwerpunkt-Standorte geschlossen werden konnte, dazu geh&#246;rten aber auch all jene Papiere, die Aufschluss &#252;ber die Zusammenarbeit von Aufkl&#228;rung und Abwehr gaben. Den ganzen Tag &#252;ber – und auch nachts bei verdunkelten Fenstern – wurde das Papier zerschnipselt, verkollert, in S&#228;cken eingelagert. Der Abtransport war damals noch nicht m&#246;glich, so dass schlie&#223;lich die Papiers&#228;cke bis zur Decke stapelten. Die Mikrofiches wurden verbrannt. Als weitaus schwieriger erwies sich, die personellen Probleme zu l&#246;sen. Ging es doch dabei nicht nur um die Bereinigung konspirativer Vorg&#228;nge in der DDR, sondern vor allem um die ger&#228;uschlose, unauff&#228;llige Aufl&#246;sung der vielf&#228;ltigen Verbindungen ins Operationsgebiet. Als erstes wurden die Karteikarten der HVA aus der zentralen Registratur der Abteilung XII des MfS abgezogen. In dieser Abteilung waren s&#228;mtliche Personen festgehalten, die in irgendeiner Weise mit dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit zu tun hatten – ob als T&#228;ter, wie auch immer, oder als Opfer. Die Abteilung XII gab auf der Basis der bei ihr gespeicherten Grunddaten einen ersten Hinweis, wie eine angefragte Person einzusch&#228;tzen sei &#8211; wie sich oftmals zeigte, zu undifferenziert und holzschnittartig. Heute verf&#252;gt die Gauck-Beh&#246;rde &#252;ber die Karteikarten der Abteilung XII und wertet oftmals auf der Grundlage dieser unzureichenden Daten &#8230;</p>
<p>Die Sicherstellung der Personaldaten war nur der Anfang; vieles andere war zu bedenken – und dieser komplizierte Prozess konnte mit dem schnellen Ablauf der Aufl&#246;sung nicht Schritt halten. Daher vereinbarten die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches und die Reste der HVA die Auslagerung der Materialien der Aufkl&#228;rung an einen anderen Ort. Die Arbeitsgruppe Sicherheit beschloss am 23. Februar 1990, dass die HVA-Unterlagen in der ersten M&#228;rzdekade in das Objekt Roedernstra&#223;e 30, wo sich bislang Werkst&#228;tten befunden hatten, gebracht und dort von etwa 200 Mitarbeitern endg&#252;ltig aufgel&#246;st werden. Bis zum 15. M&#228;rz war die Normannenstra&#223;e zu verlassen, zum gleichen Zeitraum auch die Schule der HVA, erst vor etwa anderthalb Jahren bezogen, zu r&#228;umen. Der Umzug verlief unter der wachsamen Kontrolle der B&#252;rgerbewegung und der Kirche. Jeder Transport wurde von zwei Kirchenvertretern begleitet, die auch Stichproben machten. Von der Roedernstra&#223;e aus wurde dann die totale Vernichtung der HVA-Akten organisiert. Das geschah ebenfalls unter den Augen der B&#252;rgerkomitees und ihrer Aufl&#246;sungsgremien; die dazu ihre volle Zustimmung gaben. Sie lie&#223;en sich davon &#252;berzeugen, dass sowohl das operative Netz in der Bundesrepublik als auch das Hilfs-Netz in der DDR vor unbefugtem Zugriff zu sch&#252;tzen seien. Sicher sind dabei auch Unterlagen vernichtet worden, die f&#252;r eine historisch wahrhaftige Aufarbeitung des Kapitels Staatssicherheit von Wert gewesen w&#228;ren, und mancher hat gewiss Papiere beiseite gebracht, die er ungern in den H&#228;nden der B&#252;rgerrechtler gesehen h&#228;tte, zum Beispiel sie betreffende Dossiers f&#252;r die Abwehr. Wie sich seit Anfang 1992 zeigte, ohne gro&#223;en Nutzen, denn nat&#252;rlich waren die von der HVA zum Beispiel an die Hauptabteilung XX gegangenen Berichte in deren Hinterlassenschaft aufzufinden. Das k&#246;nnte helfen, Umfang wie Sto&#223;richtung dieses Teils der T&#228;tigkeit der HVA weitgehend zu rekonstruieren.</p>
<p>Ungeachtet dessen d&#252;rfte aber die weitere Entwicklung auch gezeigt haben, wie richtig die Entscheidung zur Vernichtung der HVA-Akten im Grundsatz war. Denn es ist ziemlich sicher, dass diese hochbrisanten Papiere s&#228;mtlich – und wahrscheinlich ausschlie&#223;lich – den Geheimdiensten zug&#228;nglich gemacht worden w&#228;ren; das seit 1. Januar 1992 geltende Stasi-Akten-Gesetz bot daf&#252;r gen&#252;gend Handhabe. Jene Materialien jedenfalls, die die HVA-Aufl&#246;ser – dem Beschluss des Runden Tisches folgend – f&#252;r eine zentrale Archivierung zur Verf&#252;gung stellten und die im Juni 1990 von Vertretern des B&#252;rgerkomitees, darunter der damalige Sprecher der Gauck-Beh&#246;rde, David Gill, gesichtet wurden, sind bisher der &#214;ffentlichkeit nicht zug&#228;nglich.</p>
<p>Es handelt sich dabei um ganze Jahrg&#228;nge von Ausgangsinformationen der Auswertungsabteilung der HVA, die sich mit den politischen, milit&#228;rischen und &#246;konomischen Vorg&#228;ngen in der Bundesrepublik und anderen beobachteten L&#228;ndern befassten. Aus den Best&#228;nden der fr&#252;heren Abteilung IX wurden Analysen zur Struktur und Arbeitsweise des Bundesnachrichtendienstes, die komplette Kartei der hauptamtlichen BND-Mitarbeiter sowie Dossiers &#252;ber eine gr&#246;&#223;ere Anzahl von ihnen &#252;bergeben, weiter Materialsammlungen &#252;ber das Bundesamt und die Landes&#228;mter f&#252;r Verfassungsschutz sowie Dossiers &#252;ber deren Mitarbeiter, schlie&#223;lich eine Aufstellung der Bediensteten des Milit&#228;rischen Abschirmdienstes (MAD). Auch Unterlagen &#252;ber den CIA – so die wichtigsten zentralen Richtlinien f&#252;r die Organisierung einer weltweiten Spionage, f&#252;r die elektronische &#220;berwachung, eine Kartei mit Angaben &#252;ber alle Dienststellen des USA-Geheimdienstes in der damaligen Bundesrepublik und West-Berlin, aber auch die komplette Dokumentation des Vorgangs »Ronny« – befanden sich seitdem beim Aufl&#246;sungskomitee und sind jetzt wohl beim »Bundesbeauftragten f&#252;r die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik« archiviert. Gleiches gilt f&#252;r Analysen &#252;ber Struktur und Arbeitsweise der Geheimdienste aller anderen NATO-Staaten sowie weiterer europ&#228;ischer L&#228;nder.</p>
<p>Die genannten Materialien wurden in einer spektakul&#228;ren Aktion -. unter dem Begleitschutz mehrerer Funkstreifenwagen – in den Archivtrakt der Normannenstra&#223;e &#252;berf&#252;hrt. Wo sind sie jetzt?</p>
<p>Die restlose Beseitigung der &#252;brigen Unterlagen erwies sich als ein hartes St&#252;ck Arbeit. Fast unaufh&#246;rlich rollten die Lkw zur Papierm&#252;hle in der Orloppstra&#223;e. Im Westteil Berlins mussten gr&#246;&#223;ere Posten von Papier- und Plastes&#228;cken eingekauft werden; dazu B&#252;ro-Rei&#223;w&#246;lfe zur Zerkleinerung der Akten. Ein letztes Mal bereitete die »Tonnen-Ideologie«, die Manie, &#252;ber jedes Detail ein Papier anzulegen, den Aufkl&#228;rern Verdruss. Schon wenn erste Kontakte mit einem ins Auge gefassten IM sich als vielversprechend erwiesen und ihre Fortsetzung beschlossen wurde, bekam er einen Aktenvorgang, registriert mit einem Decknamen. Der »Kandidat« entwickelte sich mehr oder minder gut – aber auch dann, wenn sich aus ihm nichts machen lie&#223;, wurde der Vorgang archiviert. All diese Unterlagen fanden sich nun in den Stahlschr&#228;nken der Mitarbeiter, zum Teil vergilbte und staubige Schnellhefter mit Namen, deren Tr&#228;ger in der operativen Arbeit der HVA nie eine Rolle gespielt hatten. Dazu kamen massenhaft Weisungen, Ordnungen, Vorschriften, Dienst- und Belehrungsb&#252;cher aus Jahrzehnten, Parteimaterialien und all das Papier, das man sich nicht wegzuwerfen getraute, weil es vielleicht noch einmal zu brauchen war.</p>
<p>Au&#223;erhalb der HVA waren s&#228;mtliche »konspirativen Wohnungen« aufzul&#246;sen, musste ihr Personal entlassen werden. Die materiellen Werte gelangten teilweise zum Verkauf, teilweise wurden sie auch kostenlos weitergegeben, so an die Hohensch&#246;nhausener Pfarrgemeinden, die f&#252;r manches Verwendung fanden.</p>
<p>Von besonderer Brisanz war der Umgang mit den Finanzmitteln. Bereits im November 1989 war die Finanzplanung 1990 vorbereitet worden; dabei sollte das »Anlegen zentraler operative Finanzreserven« gepr&#252;ft werden. Ein Teil dieser Mittel wurde f&#252;r die Abwicklung der im Aufl&#246;sungsprozess unumg&#228;nglichen operativen Ma&#223;nahmen ben&#246;tigt; so gab Klaus Kuron im Prozess gegen ihn an, noch im Fr&#252;hjahr 1990 f&#252;r seine Informationen knapp 60.000 D-Mark erhalten zu haben. &#220;ber den Verbleib der restlichen Gelder ist bisher zuverl&#228;ssig nichts bekannt.</p>
<p>Parallel zur Vernichtung der Akten und der »Abwicklung« der materiellen und finanziellen G&#252;ter begann die Herausl&#246;sung der Menschen aus dem Apparat der HVA. Dabei war die Entlassung der hauptamtlichen Mitarbeiter noch die einfachere Aufgabe – ganz im Unterschied zur Trennung von den Spionen im Operationsgebiet. Diese hatten auf ihr weiteres Schicksal zumeist keinen Einfluss, fragten sich aber gerade deshalb wohl oft bange: »Wer wird wie mit mir verfahren?« Begonnen wurde mit den Meldeakten in der DDR. Die als Methode von der HVA angewandte »&#220;bersiedelung« von Agenten hatte es mit sich gebracht, dass einige fr&#252;here DDR-B&#252;rger &#252;ber eine Zweitidentit&#228;t in der Bundesrepublik verf&#252;gten, die nun ohne Gef&#228;hrdung der Betreffenden nicht mehr aufgegeben werden konnte. Daher war es notwendig, deren Daten aus den DDR-Speichern zu tilgen.</p>
<p>Vereinzelt kamen auch DDR-B&#252;rger zweimal in den Meldekarteien vor. Bei der Bereinigung dieser F&#228;lle zeigte sich das Ministerium des Innern sehr kooperativ – sowohl Minister Peter-Michael Diestel als auch Vertraute der HVA in den Datenspeichern und bei den Meldekarteien.</p>
<p>Bereits Ende 1989 waren alle unwichtigen Treffs abgesagt worden, wurden Quellen des Operationsgebietes, die von minderer Bedeutung waren, »abgeschaltet«. Sie erhielten auf den festgelegten Verbindungswegen, oft &#252;ber Funk, die Mitteilung, dass die Zusammenarbeit beendet wird und alle operativen Materialien r&#252;ckstandslos zu beseitigen sind. Dar&#252;ber bestand im damaligen Amt f&#252;r Nationale Sicherheit wie auch im sp&#228;teren Aufl&#246;sungskomitee Konsens. Unterschiedlich waren die Meinungen jedoch, wenn &#252;ber die Spitzenquellen der HVA nachgedacht wurde. Im Herbst 1989 waren viele Aufkl&#228;rer noch davon &#252;berzeugt, dass es ein »Leben nach dem Tode« geben k&#246;nne. In einem Dokument der HVA vom 22. November hie&#223; es: »Mit dem Ziel der langfristigen Sicherung der wichtigsten Quellen &#8230; sind Vorschl&#228;ge zur Beendigung der Zusammenarbeit, Konservierung, Ver&#228;nderung der operativen Aufgabenstellung sowie zur langfristigen Sicherung der Funktionsf&#228;higkeit zu unterbreiten.« F&#252;r alle IM-Kategorien wurden konkrete Anregungen unterbreitet, bis hin zum schnellen Einstellen auf die ver&#228;nderten Bedingungen: »Neue M&#246;glichkeiten, die sich aus den aktuellen gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen in der DDR ergeben, sind kurzfristig auf ihre Anwendbarkeit und Wirksamkeit zu pr&#252;fen.«</p>
<p>Im Januar und Februar 1990 waren solche Pl&#228;ne schon zur Illusion geworden. Dennoch wurde &#252;ber M&#246;glichkeiten nachgegr&#252;belt, wie das Faustpfand, das die verbliebene HVA-F&#252;hrung mit dem operativen Netz im Westen besa&#223;, genutzt werden k&#246;nne. Daf&#252;r gab es verschiedene Modelle. Solange die DDR bestand und mit ihr die Nationale Volksarmee, die auch unter der Regie von Minister Rainer Eppelmann zun&#228;chst &#252;ber die Fortsetzung der konspirativen Milit&#228;raufkl&#228;rung nachdachte, ehe diese sp&#228;ter ohne viel Aufsehen verschwand, war eine der M&#246;glichkeiten, dass zumindest geeignete Quellen an sie &#252;bergeben wurden. Doch die NVA f&#252;rchtete, dass der schlechte Ruf der HVA als eines Bestandteils der Stasi ihr schaden k&#246;nne; sie winkte beizeiten ab.</p>
<p>Dann war da nat&#252;rlich die naheliegende Variante, das HVA-Netz zur G&#228;nze oder zumindest in gro&#223;en Teilen dem Komitee f&#252;r Staatssicherheit der UdSSR zu &#252;bergeben. Markus Wolf selbst schien &#252;ber diese M&#246;glichkeit, bot sich – geht man von einigen seiner &#196;u&#223;erungen in jener Zeit aus – nachgedacht zu haben, und von seiner Vita her bot er sich als Vermittler geradezu an. Auch bei einzelnen Vertretern der HVA-Aufl&#246;sungsgruppe war eine entsprechende Bereitschaft vorhanden – und das traf sich mit den Absichten der KGB-Residentur in Berlin-Karlshorst. Diese erhoffte sich von der &#220;bernahme ehemaliger HVA-Quellen eine Verbesserung der eigenen M&#246;glichkeiten, hatte sie sich doch schon in der Vergangenheit ab und zu mit den fremden Federn ihrer »tschekistischen Kampfgef&#228;hrten« in der DDR geschm&#252;ckt.</p>
<p>Wenn es schlie&#223;lich doch nicht zu einer solchen &#220;bergabe kam, dann zum einen wegen der z&#246;gernden Haltung der KGB-Zentrale in Moskau und zum anderen, weil die Ex-Chefs der HVA eine gewisse Eigenst&#228;ndigkeit wahren wollten. Moskau war zur&#252;ckhaltend, weil es davon ausgehen musste, dass jede der &#252;bergebenen Quellen wenigstens einem halben Dutzend ehemaliger DDR-Aufkl&#228;rer bekannt war und damit als unzureichend konspiriert ein st&#228;ndiges Risiko darstellte. Au&#223;erdem d&#252;rfte die j&#228;he Wendung, die ihr Leben – und das gilt f&#252;r Spione wie f&#252;r ihre F&#252;hrungsoffiziere gleicherma&#223;en – durch den Zusammenbruch der DDR und des Sozialismus erfahren hatte, kaum ein Anreiz gewesen sein, auf diesem gef&#228;hrlichen Grund weiter zu agieren. Wolf hat insofern recht, wenn er das HVA-Netz »einen demotivierten, deprimierten Haufen« nennt, den ein weitsichtiger Geheimdienstchef kaum &#252;bernehmen w&#252;rde.</p>
<p>Und dennoch hat es solche Bem&#252;hungen gegeben, die allerdings zus&#228;tzlich dadurch erschwert wurden, dass die HVA-F&#252;hrung sie unter Kontrolle halten wollte.Diese f&#252;hrte zwar mit ihren Spitzen-Aufkl&#228;rern im ersten Halbjahr 1990 letztmalige Treffs durch, bei denen Einzelheiten f&#252;r ihr »Untertauchen« er&#246;rtert wurden – einschlie&#223;lich der M&#246;glichkeit einer Reaktivierung zu gegebener Zeit. Die dabei getroffenen Festlegungen enthielten auch die in der Geheimdienstarbeit &#252;bliche Verhaltensma&#223;regel, auf Kontaktversuche anderer als der vereinbarten Personen nicht einzugehen. So war ein Verbindungsaufnahme seitens des KGB nur &#252;ber die Vertrauenspersonen der Quellen m&#246;glich – ein angesichts der Dekonspirierung aller HVA-Mitarbeiter &#228;u&#223;erst riskantes Unterfangen. Im Prozess gegen den Ingenieur Anton Steppan – eine Quelle, die auf dem R&#252;stungssektor der Bundesrepublik arbeitete – wurde mitgeteilt, dass Anfang Januar ein KGB-General versucht haben soll, Steppans F&#252;hrungsoffizier auf eine &#220;bergabe des Spions anzusprechen. Der HVA-Mitarbeiter informierte jedoch den Verfassungsschutz.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen ist eine erfolgversprechende Geheimdienstarbeit kaum zu leisten; die gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Warnungen vor einer &#220;bernahme von HVA-Kundschaftern durch den KGB in Gr&#246;&#223;enordnungen entlarven sich so als eine aktive Ma&#223;nahme zur Verunsicherung der eigenen Bev&#246;lkerung, als Versuch, auf diese Weise die Daseinsberechtigung bundesdeutscher Geheimdienste weit in die Zukunft hinein zu belegen. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, der selbst durch seine &#196;u&#223;erungen dabei mitwirkt, kann zwar kaum Beweise nennen, daf&#252;r aber umso mehr Vermutungen: »Das liegt doch sehr nahe, weil KGB und MfS sehr eng zusammengearbeitet haben, das MfS ein Kind des KGB ist und die internationale Solidarit&#228;t auch zur engeren Zusammenarbeit verpflichtet. Die Gefahr ist sehr deutlich.« Mehr hat er bis heute nicht ans Licht gebracht, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass es gewiss Einzelf&#228;lle gibt, wo der eine oder andere Kundschafter tats&#228;chlich einen neuen Herrn gesucht und gefunden hat . Doch nicht einmal diese werden genannt, vielleicht deshalb, weil sie – wie noch darzustellen sein wird – teilweise vom Verfassungsschutz provoziert wurden.</p>
<p>Eine dritte Variante des Umgangs mit dem brachliegenden Spionagenetz war der fr&#252;hzeitige &#220;bergang auf die andere Seite, die Kooperation mit dem bisherigen Gegner. Einige entschieden das f&#252;r sich pers&#246;nlich, andere wollten auf diese Weise die HVA als Ganzes &#252;bergeben &#8211; nicht zur Fortsetzung geheimdienstlicher Arbeit, sondern zu ihrer geregelten Beendigung. Die Vorstellung war, einerseits alle bisherigen HVA-Angeh&#246;rigen von ihrer gegen&#252;ber der DDR geleisteten Verpflichtung zu entbinden und gleichzeitig zu verpflichten, keinerlei riachrichtendienstliche Handlungen mehr zu unternehmen – ganz gleich f&#252;r wen. Die gleiche Verpflichtung sollten alle Quellen im Operationsgebiet gegen&#252;ber dem Aufl&#246;sungskomitee abgeben. Als Gegenleistung h&#228;tte die Bundesregierung einen Verzicht auf Strafverfolgung unter der Voraussetzung aussprechen sollen, dass sich die Aufkl&#228;rer in Ost wie West daran halten. Derart abgesichert, h&#228;tten den bundesdeutschen Organen die Namen der Ex-Spione offenbart werden k&#246;nnen, um ihr die Kontrolle der Vereinbarung zu erm&#246;glichen.</p>
<p>Diese &#220;berlegungen fanden auf beiden Seiten wenig Gegenliebe. Bei der Rest-Truppe der HVA spukte noch immer die Hoffnung auf Fortsetzung der Arbeit herum; nicht zuletzt deshalb wurde verf&#252;gt, dass ins Aufl&#246;sungskomitee niemand eingestellt werden d&#252;rfe, der f&#252;r diesen in der Zukunft liegenden Fall als F&#252;hrungsoffizier ins Operationsgebiet in Frage kam. Dies dr&#228;ngte hochkar&#228;tige Aufkl&#228;rer der HVA befristet in eine neue Konspiration, anstatt ihnen die M&#246;glichkeit zu geben, sich sofort von ihrem gescheiterten Spionage-Job zu trennen.</p>
<p>Aber auch auf der anderen Seite konnte man sich von den alten Feindbildern nicht l&#246;sen. Zwar bef&#252;rworteten weitsichtige Politiker wie der damalige Innenminister Sch&#228;uble, sein Kollege im Justizressort, Kinkel, damals aber auch noch Generalbundesanwalt von Stahl und der jetzige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Werthebach, seinerzeit Berater f&#252;r Geheimdienstfragen bei DDR-Innenminister Diestel, eine Amnestie f&#252;r die HVA-Mitarbeiter und eventuell auch f&#252;r ihre westlichen Quellen, wenn dadurch die innere Sicherheit der Bundesrepublik gef&#246;rdert werden k&#246;nne. In einem Gesetzentwurf der Bundesregierung vom Sommer 1990 hie&#223; es: »Mit dem Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten hat die gegenseitige nachrichtendienstliche Aufkl&#228;rung aufgeh&#246;rt. Sie war stark gepr&#228;gt von der Teilung Deutschlands und der Frontstellung der beiden deutschen Staaten. F&#252;r den Rechtsfrieden und damit f&#252;r die Zukunft des geteilten Deutschlands erscheint es sinnvoll, unter die damit verbundenen Straftaten einen befriedenden Schlussstrich zu ziehen und mit Wirksamwerden des Beitritts in begrenzter Weise Straffreiheit zu gew&#228;hren.«</p>
<p>Die Autoren dieses Entwurfs ber&#252;cksichtigten dabei, dass nat&#252;rlich auch seitens der Bundesrepublik Spionage gegen die DDR stattgefunden hatte. So f&#252;hrte der BND nach Presseberichten 500 Agenten im Osten Deutschlands, darunter hohe Offiziere der Staatssicherheit ebenso wie einen stellvertretenden Minister und andere f&#252;hrende Vertreter des Staatsapparates. Sie bleiben straflos, und Juristen – wie der Rechtanwalt Gunter Widmaier aus M&#252;nchen – monieren, »dass die selbstverst&#228;ndliche und rechtm&#228;&#223;ige Befreiung der Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes von jeder strafrechtlichen Behandlung wegen ihrer fr&#252;heren Spionaget&#228;tigkeit gegen die DDR nicht in derselben Weise auch auf die Mitarbeiter der HVA des MfS wegen deren fr&#252;herer Spionage gegen die Bundesrepublik ausgedehnt worden ist.«</p>
<p>Dies gelang damals, als daf&#252;r noch Zeit war, nicht weil sowohl die CSU als Koalitionspartner als auch die SPD-Opposition lehnten aus ideologischen Erw&#228;gungen eine solche faktische Amnestie ablehnten. Sie provozierten damit die betr&#228;chtlichen juristischen Probleme, die heute jedes der angestrengten Strafverfahren begleiten und auf die noch einzugehen sein wird. Seinerzeit f&#252;hrte das Verhalten der BRD-Beh&#246;rden zu einer Verunsicherung der kooperationswilligen Mitarbeiter der DDR-Aufkl&#228;rung. Sie wurden hingehalten und immer wieder aufgefordert, ihr Wissen ohne eine f&#246;rmliche Vereinbarung zu offenbaren. Lediglich sie selbst sollten nat&#252;rlich davon profitieren – sei es durch die Zusage von Straffreiheit, sei es durch betr&#228;chtliche Geldzuwendungen, Ein stellvertretender Abteilungsleiter der Milit&#228;raufkl&#228;rung bekam f&#252;r jede enttarnte Quelle 25.000 Mark geboten; dem Leiter der die USA bearbeitenden Abteilung wurden nach eigenen Angaben sogar eine Million Dollar in Aussicht gestellt, wenn er sein gesamtes Netz komplett &#252;berg&#228;be. Solche Angebote erfolgten nat&#252;rlich ohne Zeugen; dass es sie gab, beweisen jedoch die inzwischen namhaft gemachten &#220;berl&#228;ufer der HVA.</p>
<p>Bei ihrem Vorgehen zogen die westlichen Abwehrorgane die unterschiedlichen Positionen unter den ehemaligen HVA-Mitarbeitern ins Kalk&#252;l und versuchten, daraus maximalen Gewinn zu ziehen. Sie konfrontierten die Aussagen einzelner F&#252;hrungsoffiziere miteinander, pokerten mitunter auch mit Behauptungen, die Verunsicherung und Misstrauen schaffen sollten. Fakten und Erfindungen wurden gemischt, insbesondere Vorgesetzte immer wieder als angebliche Informanten genannt. Nat&#252;rlich hielten die Ermittler die Namen der &#220;berl&#228;ufer so lange wie m&#246;glich geheim. Das erm&#246;glichte ihnen, Enttarnungen nach Bedarf anderen HVA-Vertretern anzulasten. Erst allm&#228;hlich sickerte durch, wer jeweils dahinter steckte; dazu trug Kuron mit seinen Informationen bei. Dennoch setzten die Ermittlungsbeh&#246;rden diese Methode weiter ein und verd&#228;chtigten zum Beispiel noch nach dem Spuhler-Prozess den Gegenspionage-Chef Harry Sch&#252;tt der Kollaboration. So begr&#252;ndete Generalbundesanwalt von Stahl das relativ milde Bew&#228;hrungsurteil von zwei Jahren gegen Sch&#252;tt damit, dass er sich sehr kooperativ gezeigt und »in sehr gro&#223;em Umfang an der Schadensbegrenzung mitgewirkt h&#228;tte«.</p>
<p>Trotz aller Bem&#252;hungen blieb jedoch die Ausbeute solcher Operationen begrenzt. Gemessen an der gro&#223;en Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter der HVA ist die der Abtr&#252;nnigen gering, was nicht hei&#223;t, dass diese mit ihrem Wissen nicht wichtige Quellen enttarnen konnten.</p>
<p>Bisher betraf das vor allem Spione der Abteilung IX, an denen die bundesdeutschen Geheimdienste naturgem&#228;&#223; auch das gr&#246;&#223;te Interesse haben. Bereits 1989 lief ein Mitarbeiter der Fotostelle der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung zum BND &#252;ber. Er war wegen Sicherheitsbedenken, die in seiner Person lagen, aus dem MfS entlassen worden und hatte damals Kopien von den Original-Mikrofilmen aus dem BND und dem BfV mitgenommen. Sie enthielten weitaus mehr Hinweise auf die Quelle als die sp&#228;ter der Auswertung &#252;bergebenen, teilretuschierten Kopien. Die Sache wurde zwar bekannt, und der Mann wurde festgenommen, kam jedoch bei einer der ersten Amnestien nach der Wende wieder frei und offenbarte sich nun den Diensten der Bundesrepublik. So erhielt der Verfassungsschutz zum Beispiel erste Hinweise auf die Gebr&#252;der Spuhler. Durch weitere &#220;berl&#228;ufer konnten sie sp&#228;ter verifiziert werden. Zu ihnen geh&#246;rte der schon genannte Oberst Busch, aber auch Oberst Werner Roitsch, stellvertretender Leiter der f&#252;r die Beobachtung des Sicherheitsregimes im Operationsgebiet zust&#228;ndigen Abteilung VI, vor allem jedoch Oberst Karl Gro&#223;mann, stellvertretender Abteilungsleiter in der Spionageabwehr der HVA.</p>
<p>Roitsch hatte seinen Coup mit gr&#246;&#223;ter Vorsicht und streng konspirativ vorbereitet und mag sich gewundert haben, dass er schon nach kurzer Zeit von seinen Kollegen in der Aufl&#246;sungsgruppe enttarnt wurde. Verantwortlich daf&#252;r war auch hier niemand anderer als Kuron. Bei ihm war der Vorgang Roitsch gelandet, und er hatte sofort die Roedernstra&#223;e informiert. Diese entlie&#223; den Oberst »wegen Verrats« am 15. April 1990 fristlos. Da er vor seiner T&#228;tigkeit in der Abteilung VI Referatsleiter in der den Bonner Regierungsapparat bearbeitenden Abteilung I gewesen war, kannte er einige der von dort aus gef&#252;hrten Spione und trug zu deren Enttarnung bei.</p>
<p>Noch gravierender war der &#220;bertritt Gro&#223;manns. Im Jahre 1977 kam der Namensvetter des sp&#228;teren HVA-Chefs mit seinem G&#246;nner Harry Sch&#252;tt, als dieser zum Leiter der Spionageabwehr der HVA berufen worden war, in die Abteilung IX und stieg dort zum stellvertretenden Abteilungsleiter mit Zust&#228;ndigkeit f&#252;r die illegale Linie A (im Unterschied zu der die HVA-Leute in den DDR-Botschaften betreuenden Linie B) auf. Er hatte seine F&#228;higkeiten als &#228;u&#223;erst phantasievoll und mit hohem Risiko arbeitender Geheimdienstmann bewiesen, diese Eigenschaften jedoch nicht selten auch f&#252;r die Befriedigung pers&#246;nlicher Bed&#252;rfnisse eingesetzt. Das schuf ihm immer wieder Probleme, aber seine Erfolge als Agentenf&#252;hrer veranlassten seine Chefs stets zu Nachsicht. Erst als er mit dem Sohn von Alexander Schalck-Golodkowski zusammen einige anr&#252;chige Gesch&#228;fte gemacht hatte, verlor er seinen Leitungsposten, wurde jedoch zum »Sonderoffizier« ernannt und konnte im Prinzip ungest&#246;rt weiterarbeiten. Der BND, der ihn schon lange im Visier und bereits vor Jahren einen Konteragenten auf seine Frau angesetzt hatte, wusste durch eigene Recherchen, aber wohl auch durch Schalck um diese Schw&#228;chen und z&#246;gerte nicht, Gro&#223;mann »umzudrehen«. Dieser lieferte dann nicht nur die letzten Beweise f&#252;r die Enttarnung der Gebr&#252;der Spuhler, sondern er gab auch die entscheidenden Hinweise auf die Ende 1991 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilte Gabriele Gast, die aus dem Bundesnachrichtendienst wichtige Analysen sowie die regelm&#228;&#223;igen Lageeinsch&#228;tzungen f&#252;r den Bundeskanzler verraten hatte. Andere ehemalige DDR-Spione in den bundesdeutschen Abwehrbeh&#246;rden haben ihm ebenfalls ihre Festnahme zu verdanken.</p>
<p>Karl Gro&#223;manns Aussagebereitschaft besiegelte schlie&#223;lich auch das Schicksal des wohl kaltbl&#252;tigsten HVA-Maulwurfs <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Kuron" target="_blank">Klaus Kuron</a>. Als das Ende der HVA offenkundig geworden war, beschoss er, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen zu bleiben, sondern weiter mitzumischen. Das Verh&#228;ngnis, so es denn kam, sollte ihn nicht unvorbereitet treffen. Und zun&#228;chst ging tats&#228;chlich alles gut. Er empfing die HVA-&#220;berl&#228;ufer, forschte sie aus und pr&#252;fte vor allem die Gefahr f&#252;r sich selbst. Seine Chefs erfuhren nur, was ihm nicht schaden konnte. Zugleich meldete er die Abtr&#252;nnigen ihrem ehemaligen Arbeitgeber, damit dieser ihn vor deren Mitteilsamkeit sch&#252;tzte. So erfuhren die HVA-Aufl&#246;ser aus erster Hand, was das BfV gegen die HVA plante, welche Offiziere &#252;bergelaufen waren, was sie ausgesagt hatten und welche sonstigen Angebote an den Verfassungsschutz gemacht worden waren. Kurons fortgesetzte Spionaget&#228;tigkeit f&#252;r die HVA half dieser betr&#228;chtlich dabei, Quellen im »Operationsgebiet BRD« systematisch abzuschalten und viele von ihnen aus der Gefahrenzone zu bringen. Der Verfassungssch&#252;tzer best&#228;rkte aber auf diese Weise auch die alte HVA-F&#252;hrung, gegen&#252;ber den Beh&#246;rden der Bundesrepublik sehr reserviert aufzutreten und M&#246;glichkeiten einer fr&#252;hzeitigen Bereinigung des deutsch-deutschen Spionagekapitels ungenutzt zu lassen. Seine Informationen erm&#246;glichten &#252;ber lange Zeit die Verunsicherung und damit die Disziplinierung solcher HVA-Mitarbeiter, die einen endg&#252;ltigen, aber zugleich verantwortbaren Schlussstrich unter ihre Vergangenheit ziehen wollten.</p>
<p>Wenige Tage nach dem Vollzug der deutschen Einheit aber bekommt Kuron Wind von jenem hochrangigen DDR-&#220;berl&#228;ufer, der jedoch – im Unterschied zu allen vorherigen – ihn und seine langj&#228;hrige Doppelkonspiration kennt – Karl Gro&#223;mann. Und er kann sich ausrechnen, wann er nun selbst an der Reihe ist. Jetzt tut er das, was er schon lange ins Kalk&#252;l gezogen hat – er tritt die Flucht nach vorn an. Nachdem die HVA verschwunden ist, so glaubt er, bleibt ihm nur noch der KGB. Schon zuvor hatte er einige Male versucht, diese Karte ins Spiel zu bringen. Aktenkundig ist dies im Fall des schon genannten Ingenieurs Steppan. Dessen F&#252;hrungsoffizier wurde von Kuron aufgefordert, auf das sowjetische Angebot einzugehen und den Mitarbeiter der Friedrichshafener Firma Motoren- und Turbinen-Union (MTU) f&#252;r den KGB arbeiten zu lassen – nat&#252;rlich unter seinen Augen. Jetzt stellte Kuron &#252;ber seinen fr&#252;heren F&#252;hrungsoffizier Stefan Engelmann einen Kontakt zur Karlshorster Dependance des sowjetischen Geheimdienstes her und versuchte zugleich, den Ex-Aufkl&#228;rer der DDR mit auf die Reise zu nehmen. Engelmann lehnte ab, und auch die KGB-Leute blieben reserviert. Sie boten Kuron zwar dir Ausschleusung aus Deutschland an und ein Refugium im weiten Sowjetland; mehr aber versprachen sie nicht. Das war dein Geheimdienstler aus Passion zu wenig. Er pokerte zum letzten Mal, machte sich auf den Weg zur&#252;ck und rief von unterwegs, aus einer Telefonzelle in K&#246;nigslutter, den Verfassungsschutz an. Er bot seiner Dienststelle die Aussicht auf eine Doppelagenten-Operation gegen den KGB und verlangte im Gegenzug Nachsicht gegen&#252;ber dem eigenen Doppelspiel. K&#246;ln lehnte ab; soviel Chuzpe war nie Sache des Amtes.</p>
<p>Unmittelbar nach dem 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Einheit, gingen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden und Geheimdienste in breiter Front gegen die ehemaligen Widersacher aus der HVA vor. Dabei interessierten weder Strukturen noch Arbeitsweisen; an eine inhaltliche Aufarbeitung der HVA-T&#228;tigkeit war nicht gedacht – h&#228;tte sie doch die ganz &#228;hnlichen Praktiken der westlichen Dienste all zu sehr ins Blickfeld ger&#252;ckt. Allein Namen waren gefragt – Namen der Top-Spione der DDR-Aufkl&#228;rung vor allem, aber auch die Personalien der sogenannten kleinen Fische. Nach lange vorbereiteten Listen begannen die Befragungen der F&#252;hrungsoffiziere, jedoch auch des sonstigen Personals der HVA, vom Auswerter &#252;ber den Verwalter einer »konspirativen Wohnung«, die Sekret&#228;rin, den Kraftfahrer, bis hin zum Fotolaboranten, der &#252;bermittelte Mikrofilme im Original gesehen hatte. Jedes St&#252;ck Papier, jede noch greifbare Karteikarte wurden ausgewertet. Aus vielen kleinen Bausteinchen sollten die Mosaiks zusammengesetzt werden, die schlie&#223;lich zum unsichtbaren Kundschafter f&#252;hren w&#252;rden.</p>
<p>Mit begrenztem Erfolg, denn die meisten Mitarbeiter der HVA erwiesen sich denn doch nicht als so skrupellos, dass sie – um den eigenen Kopf zu retten – ihre Quellen unverz&#252;glich preisgaben. Die ersten, au&#223;erordentlich harten Urteile gegen Aufkl&#228;rer aus dem Operationsgebiet taten ein &#252;briges. Wenn auch oft unterstellt, ist es f&#252;r viele F&#252;hrungsoffiziere nicht einerlei, dass Leute, die ihnen &#252;ber eine lange Zeit hinweg vertraut hatten, nun vielleicht mit ihrer Hilfe f&#252;r zehn Jahre hinter Gitter wandern. Hinzu kommt, dass die Offenbarung einer Quelle in aller Regel auch unvorhersehbare Konsequenzen f&#252;r deren pers&#246;nliches Umfeld, f&#252;r Verwandte, Bekannte und Arbeitskollegen haben kann. »Ich halte die Preisgabe von Personen, die sich mir anvertraut haben, von uns angehalten wurden, nachrichtendienstlich t&#228;tig zu werden, f&#252;r absolut verwerflich«, hatte Markus Wolf immer wieder &#246;ffentlich betont, und er sprach damit f&#252;r die &#252;bergro&#223;e Mehrzahl seiner fr&#252;heren Mitarbeiter. Wolf selbst war mit solchen Angeboten ebenfalls konfrontiert worden: »Im Beisein meiner Frau malten freundliche Herren von der anderen Seite angesichts des mir drohenden Haftbefehls unsere Zukunft in den d&#252;stersten Farben. Voller Respekt und Verst&#228;ndnis zeigten sie danach einen passablen Ausweg mit gesichertem Schutz und Wohlstand, nat&#252;rlich bei entsprechender Gegenleistung.« Auf diese Weise hatten die Bundesbeh&#246;rden die Chance verpasst, durch einen seri&#246;sen und emotionslosen Umgang mit diesem das ganze Deutschland betreffenden Erbe eine sachdienliche L&#246;sung zu finden. Nun, da mehr als tausend Ermittlungsverfahren laufen und die ersten Urteile gesprochen sind, ist eine restlose Aufkl&#228;rung in weite Ferne ger&#252;ckt.</p>
<p>Zu dieser Entwicklung trugen aber auch die fr&#252;heren Chefs der HVA und ihre Vertreter im Aufl&#246;sungsstab durch den illusion&#228;ren Glauben an eine wie auch immer geartete Weiterarbeit bei. Nachdem sie – wie dargestellt – im ersten Halbjahr 1990 alle diesbez&#252;glichen Bem&#252;hungen blockiert hatten, begriffen sie nach der deutschen Vereinigung endlich, dass ihre Hoffnungen auf Sand gebaut waren. Am 17. Januar 1991 wandten sich f&#252;nf Stasi-Generale, darunter der letzte HVA-Chef Werner Gro&#223;mann, an Innenminister Sch&#228;uble, um ihm nun selbst das Angebot zu machen, das sie im Jahr zuvor noch torpediert hatten. Nun erkl&#228;rten sie pl&#246;tzlich ihre »Bereitschaft zum Offenlegen von noch nicht enttarnten Quellen des MfS im Gebiet der ehemaligen BRD sowie im NATO-Bereich; zur Offenlegung der tats&#228;chlichen Zusammenh&#228;nge zu dem Komplex ›&#220;bergabe von Quellen an das KGB der UdSSR im Zusammenhang mit der Aufl&#246;sung des MfS‹; mitzuwirken an der realen Bewertung des Handelns von IM in der ehemaligen DDR; Zusammenh&#228;nge von operativen Vorg&#228;ngen und Aktionen des MfS aufzudecken, sofern daf&#252;r insbesondere im Zusammenhang mit Ma&#223;nahmen der Strafverfolgungsbeh&#246;rden sowie zur Rehabilitierung Betroffener Handlungsbedarf besteht; auf F&#252;hrungsoffiziere und andere Angeh&#246;rige Einfluss zu nehmen, sich in diesen Prozess einzubringen; Einfluss geltend zu machen, dass von den ehemaligen Angeh&#246;rigen des MfS keine rechtswidrigen Handlungen gegen den Bestand der Bundesrepublik Deutschland begangen werden«. Als Gegenleistung sollte die Bundesregierung »auf der Grundlage entsprechender Rechtsvorschriften den Weg f&#252;r eine Selbststellung unter Zusicherung der Straffreiheit« ebnen. Die F&#252;hrungsoffiziere, die ein Jahr zuvor auf Weisung ihrer ehemaligen Leiter mit den Quellen noch Kontaktwege f&#252;r eine sp&#228;tere Reaktivierung vereinbaren mussten, sollten diese nun nutzen, um die Spione zur Selbststellung zu bewegen.</p>
<p>Am 15. Februar 1991 fand dazu in Berlin ein geheimes Treffen statt, an dem der damalige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Boeden und sein designierter Nachfolger Werthebach teilnahmen. Im M&#228;rz, wurde der Vorgang &#246;ffentlich bekannt und sogleich als »Kuhhandel« abqualifiziert. W&#228;hrend sich das Innenministerium vorerst ausschwieg, dementierte HVA-Generaloberst Gro&#223;mann das Ganze, doch vier Wochen sp&#228;ter gab die Regierung die Begegnung zu. Die f&#252;nf Generale h&#228;tten ihre Vorstellungen und W&#252;nsche vorgetragen, die Verfassungssch&#252;tzer ihrerseits erneut auf bedingungslose Offenlegung der Quellen gedrungen. »Der Erwartungshaltung der ehemaligen Mitarbeiter des MfS konnte dabei nicht entsprochen werden«, hie&#223; es lakonisch aus dem Innenministerium. Dieser letzte und zu sp&#228;te Versuch, eine einvernehmliche L&#246;sung des Problems zu erreichen, war von vornherein zum Scheitern verurteiIt, denn die MfS-Generale hatten in v&#246;lliger Verkennung der Situation l&#228;ngst ihre Tr&#252;mpfe verspielt. Nun setzte die Bundesregierung auf die Ermittlungen des Staatsschutzes und auf die Gerichte; die ersten »Pilotverfahren« waren schon eingeleitet. Eine Koalition der Unvernunft – bestehend aus unbelehrbaren Stasi-F&#252;hrern auf der einen Seite und rachedurstigen Parteipolitikern andererseits – hatte Deutschland ein Problem beschert, das &#214;ffentlichkeit und Justiz noch einen langen Zeitraum besch&#228;ftigen wird, ohne je zu einem guten Ende zu kommen.</p>
<p>Zu den ersten, die das zu sp&#252;ren bekamen, geh&#246;rten diejenigen Spione, die in den vergangenen Jahren aus eigenem Antrieb oder auf Anraten der Zentrale aus dem Operationsgebiet in die DDR zur&#252;ckgekehrt waren, um sich dort der Strafverfolgung zu entziehen. In der DDR hatten sie vielf&#228;ltige Ehrungen erfahren und sich leidlich eingerichtet, wenn auch die wenigstens von ihnen gl&#252;cklich waren. Wer seine Strafe in der Bundesrepublik abgesessen hatte, wie die Guillaumes oder Lothar Lutze und Renate Wiegel, ging lediglich einiger Privilegien verlustig; wer jedoch f&#252;r die Strafverfolgsbeh&#246;rden ein noch ungekl&#228;rter Fall war, musste mit seiner Verhaftung rechnen. Das betraf von den bekannteren Kundschaftern <a href="http://www.spiegel.de/wikipedia/Hansjoachim_Tiedge.html" target="_blank">Hansjoachim Tiedge</a>, <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488895.html" target="_blank">Ursel Lorenzen </a>oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sonja_L%C3%BCneburg" target="_blank">Sonja L&#252;neburg</a>.</p>
<p>Tiedge setzte sich schon im Sommer 1990 in die Sowjetunion ab, muss aber f&#252;rchten, dass diese ihn irgendwann ausliefert. Ursel Lorenzen ist nach ihrer Verheiratung unter dem Namen ihres Mannes ebenfalls und wiederum auf der Flucht. Sie, die im NATO-Hauptquartier in Br&#252;ssel gearbeitet hatte, war 1979 in die DDR geflohen, da sie sich gef&#228;hrdet f&#252;hlte. Am 17. Januar 1980 pr&#228;sentierte sie auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin Dokumente, die die Bereitschaft der NATO zum Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg in Europa belegten. Die meisten der vorgelegten Geheimpapiere hatte sie gar nicht beschafft, sondern stammten aus anderen Quellen sowohl der HVA als auch des milit&#228;rischen Nachrichtendienstes der Nationalen Volksarmee, die bei der NATO t&#228;tig gewesen waren. Sie wurden vom damaligen Leiter des Instituts f&#252;r milit&#228;rpolitische Forschung bei der NVA, Oberst Charisius, pr&#228;sentiert, der sie zuvor mit dem f&#252;r die Auswertung der milit&#228;rpolitischen Informationen der HVA zust&#228;ndigen Oberst Busch ausgew&#228;hlt hatte. Nun aber wird Ursel Lorenzen durch ihr damaliges Auftreten schwer belastet; auf dieser Grundlage will ihr die Bundesanwaltschaft den Prozess machen. Sie irrt mit ihrem Mann durch diejenigen L&#228;nder Europas, die kein Auslieferungsabkommen mit der Bundesrepublik haben.</p>
<p>Noch schlimmer ist es Sonja L&#252;neburg ergangen. Die ehemalige Sekret&#228;rin des FDP-Bundestagsabgeordneten William Borm, die nach dessen Tod zum damaligen Generalsekret&#228;r der Liberalen, Martin Bangemann, &#252;berwechselte und diesem dann auch ins Wirtschaftsministerium folgte, hatte sich im August 1985 zu einer Wochenendreise abgemeldet und war nicht wieder aufgetaucht. Ermittlungen ergaben, dass sie unter einer Doppelg&#228;nger-Legende f&#252;r die HVA gearbeitet haben soll. Nach der Vereinigung Deutschlands wurde in einem &#246;stlichen Vorort Berlins die 64j&#228;hrige Johanna O. festgenommen, hinter der man Sonja L&#252;neburg vermutet.</p>
<p>Die Strafverfolgungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik konzentrieren gegenw&#228;rtig all ihre Kraft auf die juristische Abrechnung mit den ehemaligen Spionen der DDR. Sie bringen dazu nicht nur jene Agenten vor Gericht, die in j&#252;ngster Zeit enttarnt wurden, sondern eben auch sogenannte Altf&#228;lle, bei denen sich nach der Vereinigung pl&#246;tzlich doch noch die M&#246;glichkeit er&#246;ffnet, strafend t&#228;tig zu werden, auch wenn das offensichtlich keinen tieferen Sinn mehr hat. Au&#223;er Ursel Lorenzen und Sonja L&#252;neburg betrifft das auch Inge Goliath und andere. Bei einigen, die nach Verb&#252;&#223;ung ihrer Strafe in die DDR kamen und hier Vortr&#228;ge vor MfS-Angeh&#246;rigen hielten, schuf das einen neuen Straftatbestand der »Beihilfe zu geheimdienstlicher Agentent&#228;tigkeit«. Ihnen wurden zum Teil neue Verfahren angedroht, wie dem fr&#252;heren Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Grunert, der 1978 zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden und danach in die DDK &#252;bergesiedelt war. Von Anfang an wurden in die gerichtlichen Verfahren auch die F&#252;hrungsoffiziere einbezogen, die vom Gebiet der DDR aus die Kundschafter anwarben, steuerten und entlohnten. Dieses undifferenzierte Vorgehen l&#246;ste unverz&#252;glich eine intensive Debatte &#252;ber Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats aus, die durch diese Praxis offensichtlich verletzt werden.</p>
<p>Vom abstrakten Gerechtigkeitsempfinden her erscheint die weitgehend gleichartige Verfolgung der Aufkl&#228;rer – unabh&#228;ngig ob erst vor kurzem gefasst oder schon seit l&#228;ngerem bekannt, ob in der alten BRD t&#228;tig oder vom Territorium der fr&#252;heren DDR aus agierend – durchaus denkbar. Gerade deswegen gab es ja die Bem&#252;hungen um eine Amnestie oder einen &#228;hnlichen Schlussstrich unter die deutsch-deutsche Spionaget&#228;tigkeit, jenes zwangl&#228;ufige Kind der Spaltung und des mit ihr verbundenen Kalten Krieges. Denn die juristisch gebotene Differenzierung verletzt den Gerechtigkeitssinn, die aus dieser Sicht logische Gleichbehandlung aber kollidiert mit rechtsstaatlichen Grunds&#228;tzen. Der genannte Gesetzesentwurf der Bundesregierung sah deshalb vor, nicht nur die spionierenden DDR-B&#252;rger straffrei zu stellen, sondern Gnade auch gegen&#252;ber jenen bisher nicht erkannten Agenten auf dem fr&#252;heren Bundesgebiet walten zu lassen, die sich innerhalb eines Jahres offenbaren. Sein Scheitern zwang die Beh&#246;rden zum Handeln, als sich vom 3. Oktober 1990 an die juristische Gewalt der Bundesrepublik auch auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR erstreckte. Am Morgen des Wiedervereinigungstages klingelte an der Pforte der Hohensch&#246;nhausener Villa des Ex-Generalobersten Werner Gro&#223;mann in Berlin die Polizei und nahm den letzten HVA-Chef fest. Sie st&#252;tzte sich dabei auf einen Beschluss des 3. Senats des Bundesgerichtshofs, der Gro&#223;mann der geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit als dringend verd&#228;chtig ansah. Damit setzten die Karlsruher Richter eine Diskussion in Gang, die sich schon bald als &#228;u&#223;erst facettenreich erwies und zwangsl&#228;ufig zur Anrufung des Bundesverfassungsgerichts f&#252;hrte.</p>
<p>Ihr Ursprung liegt jedoch nicht bei jenem 3. Oktober 1990, sondern einige Monate zur&#252;ck. Ursache f&#252;r das nun eingetretene Dilemma war ein – zuf&#228;lliges oder gewolltes? – Vers&#228;umnis des Einigungsvertrages, der grunds&#228;tzlich von der &#220;bertragung des Bundesrechts auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR ausgeht, jedoch eine Reihe von Bestimmungen und Gesetzen der alten Bundesrepublik aufz&#228;hlt, die ausdr&#252;cklich nicht anzuwenden sind. In dieser Aufz&#228;hlung fehlen die Straftatbest&#228;nde der »geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit«; mithin – so folgerte der Bundesgerichtshof in einer ersten Stellungnahme zu dieser Problematik vom 30. Januar 1991 – »kann und muss die Strafverfolgung ihren Fortgang nehmen«. Die obersten Gesetzesh&#252;ter standen damit in &#220;bereinstimmung mit der Auffassung der Bundesregierung, die in ihrem – nicht weiterverfolgten – Gesetzentwurf vom 13. September 1990 zu einem Amnestiegesetz unmissverst&#228;ndlich feststelle: »Nach Wirksamwerden des Beitritts unterliegen die Angeh&#246;rigen und Agenten der Auslandsnachrichtendienste der Deutschen Demokratischen Republik uneingeschr&#228;nkt unserer Staatsgewalt. Ihre bisher in der Deutschen Demokratischen Republik legitime T&#228;tigkeit wird ohne &#196;nderung ihres Charakters auch dort strafbar.« (Der Einigungsvertrag hat &#252;brigens einen ganz &#228;hnlichen Mangel f&#252;r die Spione der alten BRD, die in der DDR rechtskr&#228;ftig verurteilt wurden. Indem er alle rechtskr&#228;ftigen Urteile der DDR-Gerichte in die neue gesamtdeutsche Rechtsordnung &#252;bernahm, bleiben sie zun&#228;chst vorbestraft; nur &#252;ber komplizierte Rehabilitierungsverfahren k&#246;nnte daran etwas ge&#228;ndert werden.)</p>
<p>Die Anwendung des BRD-Rechts zur Spionage auf fr&#252;here DDR-B&#252;rger, die von ihrem Staat ausdr&#252;cklich mit der Aussp&#228;hung der Bundesrepublik beauftragt waren, l&#246;ste in der juristischen Fachwelt Kritik aus. Sie wurde erstmals ausf&#252;hrlich vom Verteidiger Gro&#223;manns, Dr. Gunter Widmaier, im Dezember 1990 in der »Neuen Juristischen Wochenschrift« formuliert. Dieser nennt sowohl verfassungsrechtliche als auch v&#246;lkerrechtliche Argumente gegen die Bestrafung der DDR-Aufkl&#228;rer. Zum einen versto&#223;e ein solches Vorgehen gegen den Gleichheitssatz in Artikel 3 des Grundgesetzes, wenn – wie schon dargestellt – »aufgrund der rechtlichen Konstruktionen des Einigungsvertrages die in der DDR t&#228;tig gewesenen fr&#252;heren Mitarbeiter der HVA des MfS wegen damals begangener Spionage zum Nachteil der Bundesrepublik bestraft werden sollen, w&#228;hrend umgekehrt f&#252;r die Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes eine Strafbarkeit wegen ihrer fr&#252;heren Spionage zum Nachteil der DDR mit Selbstverst&#228;ndlichkeit nicht einmal zur Diskussion steht«. Widmaier r&#228;umt ein, dass die DDR beim Einigungsvertrag m&#246;glicherweise »schlecht verhandelt« habe, doch k&#246;nne die Geltungskraft des Artikels 3 »nicht von der G&#252;te und Sorgfalt staatsvertraglicher Verhandlungen abh&#228;ngen«.</p>
<p>Hinsichtlich des V&#246;lkerrechts verweist Widmaier auf die Haager Landkriegsordnung vom 18. 10. 1907, die folgende Bestimmung enth&#228;lt: »Ein Spion, welcher zu dem Heere, dem er angeh&#246;rt, zur&#252;ckgekehrt ist und sp&#228;ter vom Feinde gefangen genommen wird, ist als Kriegsgefangener zu behandeln und kann f&#252;r fr&#252;her begangene Spionage nicht verantwortlich gemacht werden.« Was im Kriege gelte, m&#252;sse im Frieden erst recht zuerkannt werden: »W&#228;re – eine schlimme Vorstellung – die Wiedervereinigung Deutschlands mit milit&#228;rischen Mitteln und durch eine Annexion der DDR herbeigef&#252;hrt worden, so st&#252;nde die Straflosigkeit der im Auslandsnachrichtendienst der DDR t&#228;tigen DDR-B&#252;rger kraft geschriebenen V&#246;lkerrechts ohne weiteres fest. Es ist undenkbar. nach der Wiedervereinigung in Frieden, in Freiheit und gleichberechtigter Br&#252;derlichkeit zu anderen Ergebnissen zu kommen.</p>
<p>Beiden Argumentationen wollte der Bundesgerichtshof nicht folgen. In der schon genannten Stellungnahme vom 30. 1. 1991 hebt er zun&#228;chst darauf ab, dass eine Gleichbehandlung der Spione beider Seiten offensichtlich von den Verhandlungspartnern des Einigungsvertrages »nicht gewollt oder nicht durchsetzbar war«. Zugleich bringt er aber damals noch sein Unbehagen &#252;ber diese Entwicklung zum Ausdruck, denn die Mitarbeiter der HVA h&#228;tten »aus ihrer Sicht eine legitime T&#228;tigkeit ausge&#252;bt, die auch v&#246;lkerrechtlich nicht anst&#246;&#223;ig zu bewerten war«. Daher k&#246;nne »der bisherige Rechtszustand kaum zu einem befriedigendem Interessenausgleich beitragen«; eine sachgerechte L&#246;sung erscheine »deshalb nur durch ein Straffreiheitsgesetz m&#246;glich«.</p>
<p>Um aber den eigenen Spruch – es ging um die Fortdauer des Haftbefehls gegen Gro&#223;mann – einigerma&#223;en st&#252;tzen zu k&#246;nnen, begibt sich der BGH im weiteren auf das Feld der Spekulation. Zwischen den Spionen von DDR und BRD m&#252;ssten doch Unterschiede gemacht werden, weil »die &#228;u&#223;ere Sicherheit der BRD durch das fr&#252;here Tun dieser nachrichtendienstlich t&#228;tigen Personen m&#246;glicherweise weiterhin betroffen wird, da die Auswirkungen dieser T&#228;tigkeit durch den Eintritt der DDR in die BRD nicht weggefallen sind. Es ist allgemein bekannt, dass die Erkenntnisse der Spionagebeh&#246;rden der DDR wegen deren Einbindung in den Warschauer Pakt und wegen des engen Kontakts zu den sowjetischen Geheimdiensten, vor allem zum KGB, weitergegeben worden sind an Dienststellen au&#223;erhalb der DDR. Es ist nicht auszuschlie&#223;en, dass auch ›Quellen‹ nicht nur f&#252;r den Geheimdienst der DDR, sondern gleichzeitig auch f&#252;r andere Staaten des Warschauer Pakts t&#228;tig gewesen sind. M&#246;glicherweise sind auch fr&#252;here ›Quellen‹ der Geheimdienste der DDR von Geheimdiensten der anderen Staaten des Warschauer Pakts, vor allem der UdSSR, &#252;bernommen worden.« Und die logische Schlussfolgerung: »Eine Gleichstellung der Spione der BRD und der DDR&lt; ist schon aus diesem Grund nicht ohne weiteres gerechtfertigt.« Generalbundesanwalt von Stahl bringt den Pragmatismus, der hier waltet, auf den Punkt: »Im Staatsschutzrecht gibt es eine Mischung aus Gerechtigkeit, Zweckm&#228;&#223;igkeit und Staatsinteresse. Alle drei Punkte sind hier wohl ber&#252;hrt.«</p>
<p>So ermutigt, wird der Bundesgerichtshof in seiner n&#228;chsten &#196;u&#223;erung zum Sachverhalt noch weitaus deutlicher. In der Sache Harry Sch&#252;tt best&#228;tigt er am 29. Mai die Er&#246;ffnung der Hauptverhandlung wie den damals noch bestehenden Haftbefehl mit dem Argument: »Nur bei ausschlie&#223;lich formaler Betrachtung lassen sich die T&#228;tigkeiten der Nachrichtendienste der Bundesrepublik und der fr&#252;heren DDR einander gleichsetzen, nicht aber vom legitimen Standpunkt der ihrer Identit&#228;t nach fortbestehenden Bundesrepublik aus. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Nachrichtendienste der Bundesrepublik, auch wenn sie operative Auslandsaufkl&#228;rung betreiben, letztlich zu deren Schutz t&#228;tig wurden und werden, w&#228;hrend die gegen die Bundesrepublik gerichtete T&#228;tigkeit der Nachrichtendienste der DDR zur konkreten oder doch abstrakten Gef&#228;hrdung der &#228;u&#223;eren Sicherheit dieses Staates f&#252;hrte mit unter Umst&#228;nden bis in die Gegenwart reichenden, im einzelnen jedoch nicht fassbaren und absch&#228;tzbaren Folgen, die sich aus der Weitergabe von nachrichtendienstlichen Informationen und Informanten an andere Staaten des fr&#252;heren ›Ostblocks‹ ergeben k&#246;nnen.« Was im Januar noch im Konjunktiv stand, die Gef&#228;hrdung durch Weitergabe an eine dritte Macht, ist nun ohne Einschr&#228;nkung vorausgesetzt – wenn auch die Definition dieser »dritten Macht« (Sowjetunion, Ostblock, KGB?) jetzt schwerer f&#228;llt als je zuvor. Schon am 31. Juli 1991 sah der Sprecher der Bundesregierung in der Spionage der DDR nachtr&#228;glich keine Gefahr mehr f&#252;r die Sicherheit der Bundesrepublik. Vor Journalisten bewertete er einen m&#246;glichen Schaden als gering, zumal Geheimdienstaktivit&#228;ten immer mehr zur&#252;ckgingen und an Bedeutung verl&#246;ren.</p>
<p>Neben solcher Gelassenheit der Politiker steht die Skepsis von Juristen hinsichtlich der Position des BGH. Das Berliner Kammergericht, zu dem die Anklage gegen Gro&#223;mann und andere abverf&#252;gt worden war, setzte am 22. Juli 1991 sogar das Verfahren aus und rief das Bundesverfassungsgericht an. Es stellte dazu auch den gravierenden Mangel des Einigungsvertrages fest, »dass die gegen die Bundesrepublik Deutschland ausge&#252;bten nachrichtendienstlichen T&#228;tigkeiten strafbar bleiben; die Angeh&#246;rigen und Agenten der Aufkl&#228;rungsdienste der Bundesrepublik Deutschland sind dagegen straflos«. Dies sei eine Ungleichbehandlung, denn: »Die Bewertung, ob eine Spionaget&#228;tigkeit ›offensiv‹ oder ›defensiv‹ ausge&#252;bt worden ist, l&#228;&#223;t sich rechtlich nicht fassen.« Das Kammergericht stellt die T&#228;tigkeit beider Spionageapparate ausdr&#252;cklich gleich und differenziert zudem zwischen der DDR-Spionage und dem Stasi-Unterdr&#252;ckungsapparat: »Dass die Angeschuldigten als Angeh&#246;rige des MfS in Bereiche eingebunden gewesen w&#228;ren, in denen es zu Menschenrechtsverletzungen oder zu &#228;hnlich schwerwiegenden strafbaren Handlungen gekommen ist, oder dass sie durch die Weiterleitung von Erkenntnissen an den Inlandsapparat des MfS dessen Unterdr&#252;ckungsma&#223;nahmen strafrechtlich zu verantworten h&#228;tten, haben die Ermittlungen nicht ergeben.«</p>
<p>Mit dem Zitieren dieser Feststellung soll keineswegs das zur&#252;ckgenommen werden, was hier bereits &#252;ber die Verquickung von Aufkl&#228;rung und Abwehr, ihr gegenseitiges Geben und Nehmen ausgef&#252;hrt worden ist. Hier kam es zu einer Kooperation, die gewiss noch weiterer Ermittlungen bedarf und bei der nicht ausgeschlossen werden kann, dass – zu denken ist zum Beispiel an Briefkontrolle oder Telefon&#252;berwachung – auch strafbare Handlungen vorliegen. Insgesamt jedoch zeigt sich, dass gerade die Verletzung von Menschenrechten zwar einer starken moralischen &#196;chtung unterliegt, strafrechtlich aber kaum aufzuarbeiten ist. So unbefriedigend das sein mag: In dieser Hinsicht ist der Rechtsstaat unge&#252;bt und unsicher; nicht immer erfahren die Opfer die von ihnen erwartete Genugtuung.</p>
<p>Das belegten die ersten Prozesse gegen fr&#252;here DDR-Gr&#246;&#223;en, das kommt aber auch in hilflosen &#196;u&#223;erungen von Justizminister Kinkel oder des Generalbundesanwalts zum Ausdruck. Auf die Frage, wie die Bespitzelung des Volkes durch die Stasi geahndet werden k&#246;nne, sagte Alexander von Stahl: »Das ist strafrechtlich nur sehr schwer zu fassen.« Konkret fiel ihm nur der Tatbestand der »politischen Verd&#228;chtigung« ein. Und es ist Tatsache, dass die Chefs der Abwehr – Mielkes Stellvertreter Mittig und Schwanitz oder der Leiter der »Untergrundt&#228;tigkeit« bek&#228;mpfenden Hauptabteilung XX, Generalmajor Kienberg, sowie viele andere – bisher juristisch nicht belangt wurden. Kinkel, der es als ehemaliger Chef des Bundesnachrichtendienstes wissen muss, stellt resignierend fest: »Jeder Nachrichtendienst zahlt und arbeitet irgendwie mit Erpressungsmethoden.« Und Markus Wolfs Verteidiger verweist sogar darauf, dass mit den ehemals nationalsozialistischen Offizieren Reinhard Gehlen und Gerhard Wessel jahrelang Leute bundesdeutschen Geheimdiensten vorstanden, die bis 1945 in »ein Unrechtsregime eingebunden waren«.</p>
<p>Diese grunds&#228;tzliche Expertise zur Spionaget&#228;tigkeit vervollst&#228;ndigt das Berliner Kammergericht mit einer ebenfalls von der Sicht der Karlsruher Bundesrichter abweichenden Interpretation der Haager Landkriegsordnung. Hatten diese den entsprechenden Artikel als »eine kriegsrechtliche Sondernorm« bezeichnet, aus der eine Anwendung in Friedenszeiten nicht abzuleiten sei, so erkennt jenes darin einen &#252;bergeordneten Gedanken, der generell dann greift, wenn »sich der Spion ohne sein Zutun in einem anderen Hoheitsverh&#228;ltnis wiederfindet, auf dessen Entwicklung er keinen Einfluss gehabt hat, und nunmehr dem Zugriff des anderen Staates ausgesetzt ist«.</p>
<p>Schlie&#223;lich argumentiert das Berliner Kammergericht auch mit dem R&#252;ckwirkungsverbot. Demnach kann eine Tat nicht r&#252;ckwirkend verfolgt werden, wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Begehung. nicht unter Strafe gestellt war. Formalrechtlich ist dies zwar der Fall gewesen, aber das Gericht sieht eine sogenannte unechte R&#252;ckwirkung. Sie liege dann vor, »wenn ein Gesetz auf gegenw&#228;rtige, noch nicht abgeschlossene Rechtsbeziehungen f&#252;r die Zukunft einwirkt und damit zugleich betroffene Rechtspositionen nachtr&#228;glich &#228;ndert«. Da die DDR-Aufkl&#228;rer mit den eingetretenen Wandlungen nicht rechnen konnten, erg&#228;ben sich durch ihre Bestrafung verfassungsrechtliche Probleme.</p>
<p>Inzwischen hat sich die hessische Staatsanwaltschaft derartigen Bedenken angeschlossen. Eine Anklageerhebung gegen f&#252;nfzehn ehemalige Spione der HVA wurde ausgesetzt, um das Urteil der Karlsruher Verfassungsrichter abzuwarten.</p>
<p>Als einer der pragmatischen Gr&#252;nde f&#252;r die Verfolgung der ehemaligen HVA-Mitarbeiter gilt die Erwartung, dass sie unter dem Druck der Strafandrohung zur Aussage &#252;ber ihre fr&#252;here T&#228;tigkeit bereit seien und vor allem die untergetauchten Quellen im Operationsgebiet offenbaren k&#246;nnten. F&#252;r Alexander von Stahl z&#228;hlt nur die Frage: »Kriegen wir die Leute, die hier gearbeitet haben und potentiell wieder f&#252;r andere arbeiten k&#246;nnen?« Es erweist sich jedoch, dass er auf diese Weise seinem Ziel nicht n&#228;her kommt. Selbst das Berliner Kammergericht hielt ihm vor: »Ein derartiges Aufkl&#228;rungsinteresse ist zwar berechtigt; die Durchf&#252;hrung eines Strafverfahrens ist aber nicht geeignet, dieses Interesse durchzusetzen. Denn der Beschuldigte braucht sich nicht zu &#228;u&#223;ern (&#8230;). Von diesem Recht, die Angaben zur Sache zu verweigern, haben die Angeschuldigten weitgehend Gebrauch gemacht. Sie waren insbesondere nicht bereit, Namen und Erkenntnisse zu offenbaren, an denen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden gerade interessiert sind.«</p>
<p>Die mangelnde Bereitschaft zu einer f&#252;r beide Seiten bindenden Vereinbarung veranla&#223;t viele F&#252;hrungsoffiziere, gegen die selbst ermittelt wird, zu einer solchen Verweigerungshaltung. Und auch jene, die lediglich als Zeugen verh&#246;rt werden, sind angesichts der bereits ausgesprochenen drakonischen Strafen gegen ihre fr&#252;heren Informanten kaum bereit, zu einer solchen Art von »Rachejustiz« ihre Hand zu leihen. Sie k&#246;nnen in &#252;berlangen Haftstrafen keinen Sinn sehen, droht doch bei den T&#228;tern weder der R&#252;ckfall noch ist Abschreckung auf andere vonn&#246;ten. Die Sozialisierungsfunktion der Strafe wird dabei v&#246;llig missachtet.</p>
<p>Ungeachtet dessen gehen die Ermittlungen und die Einleitung von Strafverfahren gegen fr&#252;here Spione und ihre Hinterm&#228;nner in der HVA weiter. Mit Stand von Ende November 1991 waren 1691 Ermittlungsverfahren wegen Spionage eingeleitet, von denen jedoch die meisten nur sehr schleppend vorankommen. Lediglich in 89 F&#228;llen konnte bisher Haftbefehl erlassen werden: nur vereinzelt ist Anklage erhoben oder gar die gerichtliche Hauptverhandlung er&#246;ffnet; wenige Verfahren sind abgeschlossen – und auch da ist vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Generalbundesanwalt will aber noch mehr. Er k&#252;ndigte insgesamt etwa 5000 Ermittlungsverfahren an und sprach von 400 weiteren Spionen, deren er noch habhaft werden will.</p>
<p>Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt das Dilemma, in das die Rechtsprechung durch die Vers&#228;umnisse der Verhandlungspartner des Einigungsvertrages, aber auch durch die starre Uneinsichtigkeit sowohl der fr&#252;heren HVA-F&#252;hrung als auch ideologisch und populistisch denkender politischer Kr&#228;fte der Bundesrepublik geraten ist. Anfang 1991 schien dies auch dem Bundesgerichtshof noch bewusst, als er empfahl, im vorliegenden Fall des Beitritts eines Staates bei v&#246;lliger Aufgabe der staatlichen Souver&#228;nit&#228;t den nach seiner Auffassung legitimen Strafanspruch des &#252;bernehmenden Staates nicht in allen F&#228;llen durchzusetzen. »Das ist aber«, so res&#252;mierte er, »eine politische Entscheidung, die die Gesetzgebungsorgane zu treffen haben«.. Die Entwicklung nahm eine andere Richtung, und es bleibt abzuwarten, ob eine f&#252;r alle Seiten befriedigende L&#246;sung noch gefunden werden kann.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Der kurze Sieg der Opposition</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Sep 2009 20:49:52 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Im September vor 20 Jahren begann in der DDR der Countdown hin zu ihrem Ende zu laufen. Die Ausreisewelle im Sommer 1989 und die Unf&#228;higkeit der SED-F&#252;hrung, darauf angemessen zu reagieren, schufen den Boden, auf dem sich die seit Jahren vorhandene Oppositionsbewegung st&#252;rmisch entwickeln konnte. <span id="more-1279"></span>Jetzt entstanden in schneller Folge B&#252;rgerrechtsorganisationen, die so gro&#223;en Zulauf fanden, dass sie von der DDR-F&#252;hrung nicht mehr ignoriert werden konnten. Dass dies dennoch versucht wurde, beschleunigte nur die Zerfallsprozesse des ostdeutschen Staates, die wiederum auch den B&#252;rgerrechtlern die Basis f&#252;r ihr Wirken entzogen. Mit der Vereinigung und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik endete auch weitgehend das kurze Leben der B&#252;rgerrechtsbewegung in der DDR.</p>
<p>&#220;ber diese Vorg&#228;nge entstand 1990 nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h3>Der kurze Sieg der Opposition</h3>
<p><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/495b6d69082e440ca2e377b6be5e31f2" alt="" width="1" height="1" /><br />
Es waren nicht die seit langem t&#228;tigen und als »feindlich-negative Kr&#228;fte« eingestuften und etablierten Oppositionsgruppen, die im Sp&#228;tsommer 1982 den meisten Zulauf gewannen. Vielmehr wandten sich zahlreiche B&#252;rger den beinahe spontan entstandenen und im Prinzip niemand ausgrenzenden Basisbewegungen zu, von denen das Neue Forum die entscheidende Rolle spielte. Seine Wurzeln gehen auf das Fr&#252;hjahr 1989 zur&#252;ck, als die Unzufriedenheit in der Bev&#246;lkerung immer gr&#246;&#223;er und der Ruf nach Dialogm&#246;glichkeiten &#252;ber eine Alternative immer lauter wurden. B&#228;rbel Bohley, lange Jahre Mitglied der Inititiave Frieden und Menschenrechte, dazu: »Wir sp&#252;rten, dass wir uns f&#252;r einen viel gr&#246;&#223;eren Kreis &#246;ffnen und die zahlreichen einzelnen Gr&#252;ppchen zusammenf&#252;hren mussten.«</p>
<p>Au&#223;erdem war ihr klar, dass die »Dissidenten« der Staatssicherheit l&#228;ngst bekannt und voll unter Kontrolle waren. »Ich wollte etwas machen, was ganz legal sein sollte«, schilderte sie ihr Vorgehen im R&#252;ckblick 1990. »Deshalb habe ich etwa 30 Leute angesprochen, von denen ich wusste, dass man etwas mit ihnen machen kann. Es ging nicht um lange Diskussionen, durch die wir der Stasi nur aufgefallen w&#228;ren, sondern um schnelles Handeln. Man musste den Ring, den die Stasi um uns gelegt hatte, durchbrechen. Deshalb war es uns nicht m&#246;glich, alles bis ins Einzelne auszudiskutieren. Daher haben wir unseren Aufruf schnell in die &#214;ffentlichkeit gebracht und uns selbst offiziell angemeldet. Wir wollten legal sein.«</p>
<p>Das war am 10. bzw. am 18. September 1989. Bestrebungen zu solch einem breiten Zusammenschluss hatte es aber bereits vorher gegeben. So berichtete die MfS-Bezirksverwaltung Berlin am 11. Mai &#252;ber eine Veranstaltung in der Elisabeth-Kirche, in der Rolf Henrich, Rechtsanwalt aus Eisenh&#252;ttenstadt, Autor des schon vor der Wende – allerdings in der Bundesrepublik – erschienenen systemkritischen Buches »Der vormundschaftliche Staat« und dann einer der Mitbegr&#252;nder des Neuen Forum, verlangt hatte, »dass sich die oppositionellen Gruppierungen zusammenschlie&#223;en und auf der Grundlage gemeinsamer Ziele ein einheitliches Programm erarbeiten sollten.«</p>
<p>Das Neue Forum sprach das Empfinden der Mehrheit der damaligen DDR-B&#252;rger an:</p>
<blockquote><p>»Wir wollen Spielraum f&#252;r wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in eine Ellbogengesellschaft. Wir wollen das Bew&#228;hrte erhalten und doch Platz f&#252;r Erneuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben. Wir wollen geordnete Verh&#228;ltnisse, aber keine Bevormundung. Wir wollen freie, selbstbewusste Menschen, die doch gemeinschaftsbewusst handeln. Wir wollen vor Gewalt gesch&#252;tzt sein und dabei nicht einen Staat von B&#252;tteln und Spitzeln ertragen m&#252;ssen. Faulpelze und Maulhelden sollen aus ihren Druckposten vertrieben werden, aber wir wollen dabei keine Nachteile f&#252;r sozial Schwache und Wehrlose. Wir wollen ein wirksames Gesundheitswesen f&#252;r jeden; aber niemand soll auf Kosten anderer krank feiern. Wir wollen an Export und Welthandel teilhaben, aber weder zum Schuldner und Diener der f&#252;hrenden Industriestaaten noch zum Ausbeuter und Gl&#228;ubiger der wirtschaftlich schwachen L&#228;nder werden.«</p></blockquote>
<p>Das war eine geistige Klammer zwischen allen Unzufriedenen; das konnte jeder unterschreiben, der eine Alternative zum erstarrten System wollte – und jeder war auch willkommen, denn das Neue Forum grenzte niemanden aus: »Wir bilden deshalb gemeinsam eine politische Plattform f&#252;r die ganze DDR, die es Menschen aus allen Berufen, Lebenskreisen, Parteien und Gruppen m&#246;glich macht, sich an der Diskussion und Bearbeitung lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen.«</p>
<p>Die Initiativen traf den Nerv vieler. Auch viele SED-Mitglieder f&#252;hlten sich angesprochen und wollten mitarbeiten. Und selbst f&#252;r das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit stellte dessen oberster Parteisekret&#228;r, Ex-Generalmajor Felber nach der Wende fest: »In der ideologischen Arbeit mussten wir den Aufruf, des Neuen Forum als Diversion verdammen, aber nur wenige kannten ihn. Sie wollten wissen, was drin steht, und viele von denen, die ihn sich beschafften, sagten dann: Da kann ich nichts dagegen haben. Da stehen ja sogar Formulierugen aus unserem Parteiprogramm drin.«</p>
<p>Dieser legale Charakter des Neuen Forum und sein vom ersten Tag an betontes Streben nach &#220;bereinstimmung mit den g&#252;ltigen DDR-Gesetzen erschwerte auch der Partei- und Staatsf&#252;hrung ein Vorgehen nach altem Muster. So ist heute dokumentarisch belegt, dass das MfS zun&#228;chst nach einer moderaten L&#246;sung des Problems suchte. In einer umf&#228;nglichen »Information &#252;ber Bestrebungen feindlicher, oppositioneller Kr&#228;fte zur Schaffung DDR-weiter Sammlungsbewegungen/Vereinigungen« vom 19. 9. 1989 wurde hinsichtlich der Reaktion auf Zulassungsantr&#228;ge von Oppositionsgruppen die Empfehlung gegeben: »Den Antragstellern ist im Rahmen der gesetzlichen Bearbeitungsfrist in einem pers&#246;nlichen Gespr&#228;ch mitzuteilen, dass ihrem Antrag nicht entsprochen wird, da f&#252;r die beabsichtige Gr&#252;ndung der Vereinigung kein gesellschaftliches Bed&#252;rfnis besteht. Sie sind darauf hinzuweisen, dass zur Wahrnehmung politischer und gesellschaftlicher Interessen in der DDR bereits umfassende Organisationsformen bestehen. In &#220;bereinstimmung mit den gesetzlichen Bestimmungen sind die Antragsteller auf den Beschwerdeweg und auf die M&#246;glichkeit einer gerichtlichen Nachpr&#252;fung dieser Entscheidung hinzuweisen. Sie sind &#252;ber die Ungesetzlichkeit und Rechtsfolgen weiterer Gr&#252;ndungshandlungen und anderer mit der Organisierung einer Vereinigung im Zusammenhang stehender Aktivit&#228;ten zu. Belehren.« Ailerdings hie&#223; es dann weiter: »Bei Verst&#246;&#223;en der Antragsteller oder weiterer Mitwirkender an der Gr&#252;ndung dieser Vereinigungen gegen die Rechtsordnung der DDR sind konsequent Ordnungstrafma&#223;nahmen; bei Vorliegen individueller strafrechtlicher Verantwortlichkeit Strafma&#223;nahmen durchzuf&#252;hren.«</p>
<p>Die Parteif&#252;hrung jedoch griff – wie gewohnt – sofort dem gro&#223;en Kn&#252;ppel: »Ziele und Anliegen der beantragten Vereinigung widersprechen der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik und stellen eine staatsfeindliche Plattform dar. Die Unterschriftensammlung zur Unterst&#252;tzung der Gr&#252;ndung der Vereinigung war nicht genehmigt und folglich illegal. Sie ist ein Versuch, B&#252;rger der Deutschen Demokratischen Republik &#252;ber die wahren Absichten der Verfasser zu t&#228;uschen«, erkl&#228;rte das Ministerium des Innern (Neues Deutschland vom 22.9.1989). Nat&#252;rlich hatte sie daf&#252;r in der genannten MfS-Einsch&#228;tzung auch gen&#252;gend Belege geliefert bekommen: »Nach dem MfS vorliegenden zuverl&#228;ssigen Hinweisen unterh&#228;lt die Mehrzahl der Vorgenannten (es handelte sich um die Initiatoren des Neuen Forum – d. Verf.) stabile und intensive Verbindungen zu f&#252;hrenden Vertretern politischer Parteien in der BRD und Westberlin, insbesondere der SPD, FDP, der GR&#220;NEN und der Alternativen Liste, zu als Schaltstellen subversiver Aktivit&#228;ten gegen die DDR agierenden Kr&#228;ften im westlichen Ausland wie den ehemaligen DDR-B&#252;rgern JAHN und HIRSCH, zu antikommunistischen F&#252;hrungskr&#228;ften der westeurop&#228;ischen Friedensbewegung und nicht zuletzt zu in der DDR akkreditierten Korrespondenten westlicher Medien sowie zu antisozialistischen Kr&#228;ften in anderen sozialistischen Staaten. Erkennbar sind in diesem Zusammenhang zunehmende Bestrebungen dieser feindlichen, oppositionellen DDR-B&#252;rger, ihr strategisches und taktisches sowie inhaltliches und methodisches Vorgehen mit ihren Kontaktpersonen zu beraten und abzustimmen«</p>
<p>Egon Krenz stellte in einem Gespr&#228;ch im Jahre 1990 das Vorgehen gegen das Neue Forum als Machtkampf im Politb&#252;ro dar. W&#228;hrend er, die Abteilung Sicherheit des ZK und das Innenministerium f&#252;r eine begrenzte Diskussion gewesen seien, h&#228;tten Honecker, Mielke und Mittag das Verbot gefordert und die ausdr&#252;ckliche Attestierung der Staatsfeindlichkeit verlangt. Dass es in der Tat offensichtlich keine einheitliche Meinung im Politb&#252;ro gab, zeigte sich am 25. September, als die NF-Initiatorinnen B&#228;rbel Bohley und Jutta Seidel die offizielle Absage auf ihren Antrag erhielten und die nur lautete: »Es besteht keine gesellschaftliche Notwendigkeit f&#252;r eine derartige Vereinigung.« Von staatsfeindlichen Aktivit&#228;ten war da nicht die Rede, wohl aber drei Tage sp&#228;ter, als Erich Mielke vor der Parteiorganisation seines Ministeriums erneut diesen Begriff gebrauchte und hinzuf&#252;gte, die Nichtzulassung des Neuen Forum sei eine »deutliche Antwort« an alle nichtsozialistischen Kr&#228;fte. B&#228;rbel Bohley jedoch blieb optimistisch und erwies sich damit tats&#228;chlich als hellsichtig. Gegen&#252;ber der »Tageszeitung« erkl&#228;rte sie am 25. September: »Die DDR kommt nicht darum herum, irgendwann so etwas wie das Neue Forum zu legalisieren &#8230; Irgendwann werden sie uns dankbar sein.«</p>
<p>Das Neue Forum war zwar die gr&#246;&#223;te und wirksamste B&#252;rgerrechtsorganisation des Herbstes 1989, nicht jedoch die einzige. Beinahe zeitgleich mit ihr traten andere Gruppierungen hervor. So ver&#246;ffentlichte knapp eine Woche nach dem .Neuen Forum die Bewegung Demokratie jetzt ihren Aufruf. Sie war aus kirchlichen Kreisen hervorgegangen, vor allem aus dem- Friedenskreis der Bartholom&#228;us-Gemeinde in Berlin-Friedrichshain. Er hatte sich etwa 1987 herausgebildet, als der Gemeindekirchenrat die Synodalinitiative »Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung« formulierte. Darin hie&#223; es: »In der DDR ging die Entspannung jedoch zunehmend einher mit einer Politik der Abgrenzung, an deren Folgen unser gesellschaftliches Leben schwer – und viele, die weggehen, meinen: t&#246;dlich – erkrankt ist. Die Isolation der nachwachsenden Generation vom Leben ihrer internationalen Mitwelt bildet nach 26 Jahren Mauer und nach 6 Jahren Trennung von Polen den N&#228;hrboden f&#252;r Zerr- und Feindbilder. Unser allt&#228;gliches Leben droht in einer schwer aufzubrechenden Enge zu verharren.« Daran kn&#252;pften die Initiatoren von Demokratie jetzt an und forderten</p>
<blockquote><p>»eine solidarische Gesellschaft, in der</p>
<p>soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenw&#252;rde f&#252;r alle gewahrt sind,</p>
<p>der gesellschaftliche Konsens im &#246;ffentlichen Dialog gesucht und durch den gerechten Ausgleich verschiedener Interessen verwirklicht wird,</p>
<p>die verantwortliche und sch&#246;pferische Arbeit der B&#252;rgerinnen und B&#252;rger einen lebendigen Pluralismus unseres Gemeinwesens schafft,</p>
<p>Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit den inneren Frieden sichern,</p>
<p>&#214;konomie und &#214;kologie in Einklang gebracht werden,</p>
<p>Wohlstand nicht mehr auf Kosten der armen L&#228;nder gemehrt wird,</p>
<p>Lebenserf&#252;llung in Gemeinschaftlichkeit und sch&#246;pferischem Tun f&#252;r das Gemeinwohl mehr als bisher gesucht und gefunden werden kann.«</p></blockquote>
<p>Einer der Mitbegr&#252;nder von Demokratie jetzt, der inzwischen verstorbene Kirchenhistoriker Dr. Wolfgang Ullmann, sah diese Emanzipation von der Kirche als folgerichtig an: »Uns war klar, wenn wir jetzt in die &#214;ffentlichkeit treten und einen ganz bestimmten Impuls von uns ausgehen lassen wollten, dann konnten wir das nicht mehr im Namen der Kirche, unter dein Schutz der Kirche tun, sondern dann mussten wir auch die volle Verantwortung auf uns nehmen, d. h. wir mussten erkl&#228;ren: Wir sind eine politische Bewegung. Bei uns k&#246;nnen alle B&#252;rger mitwirken. Ob sie Christen oder Atheisten sind &#8211; das ist sekund&#228;r gegen&#252;ber Ihrer politischen Entscheidung, sich einzumischen.«</p>
<p>Eine andere Gruppe bestand &#252;berwiegend aus Geistlichen selbst und hielt lange Zeit eine enge Bindung zur evangelischen Kirche aufrecht &#8211; so eng, dass selbst Bischof Forck zeitweise daran gedacht haben soll, sich ihr zu n&#228;hern. Es war der Demokratische Aufbruch, ebenfalls Mitte September durch die Pastoren Edelbert Richter, Friedrich Schorlemmer, Reiner Eppelmann und andere ins Leben gerufen und am 1. Oktober offiziell gegr&#252;ndet. In seinem Aufruf hie&#223; es: »Wir brechen auf zu einer offenen, m&#252;ndigen, demokratischen Gesellschaft! Sie soll f&#252;r die Menschen durchschaubar sein, durch die Menschen kontrollierbar und ver&#228;nderbar. Das betrifft alle Bereiche des Staates und der Gesellschaft: Justiz, Bildungswesen, Presse, Rundfunk, Fernsehen, Wirtschaft, Kommunalwesen, alle Bereiche der Kultur und der Innenpolitik. Deshalb streben wir konsequent die Trennung von Staat und Partei an – damit alle Menschen sich f&#252;r die Gestaltung des Lebens verantwortlich f&#252;hlen k&#246;nnen.« Ausdr&#252;cklich grenzte sich auch der Demokratische Aufbruch »von keinem Menschen, keiner Gruppierung, keiner Vereinigung ab, die ihrerseits unterwegs sind zu einer demokratischen Umgestaltung des Lebens in diesem Land. Wir bejahen die Vielfalt der Bem&#252;hungen, aber gehen eigene Schritte in demokratischer Verbindlichkeit.«</p>
<p>Am 7. Oktober 1989 kamen in Schwante bei Berlin &#252;ber 40 Personen zusammen, um die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) zu gr&#252;nden. Einige Wochen zuvor hatte sich unter Leitung der Pastoren Meckel, Gutzeit und Noack sowie des IFM-Mitgliedes Ibrahim B&#246;hme bereits eine entsprechende Initiativgruppe gebildet, die folgende Forderungen aufstellte:</p>
<blockquote><p>»Rechtsstaat und. strikte Gewaltenteilung,</p>
<p>parlamentarische Demokratie und Parteienpluralismus,</p>
<p>relative Selbst&#228;ndigkeit der Regionen (L&#228;nder), Kreise, St&#228;dte und Kommunen (finanziell, wirtschaftlich, kulturell),</p>
<p>soziale Marktwirtschaft mit striktem Monopolverbot zur Verhinderung undemokratischer Konzentrationen &#246;konomischer Macht,</p>
<p>Demokratisierung der Strukturen des Wirtschaftslebens,</p>
<p>Freiheit der Gewerkschaften und Streikrecht.«</p></blockquote>
<p>Es ist auff&#228;llig, dass in den Jahren zuvor ziemlich fest gef&#252;gte Gruppierungen, wie die Initiative Frieden und Menschenrechte oder gr&#252;ne Organisationen, einen l&#228;ngeren Zeitraum brauchten, um sich auf diese neuen Entwicklungen einzustellen. »Unsere Gruppierung war klein und sehr stark auf sich bezogen«, erkl&#228;rte IFM-Mitbegr&#252;nder Werner Fischer dieses Ph&#228;nomen. »Durch den anhaltenden Stasi-Druck waren wir ersch&#246;pft; teilweise gab es Misstrauen untereinander. So hielten wir erst am 28. Oktober unser landesweites Treffen ab, als andere sich bereits ziemlich fest formiert hatten.«</p>
<p>Und f&#252;r die Gr&#252;ne Partei sagte deren damaliges Mitglied Vera Wollenberger, dass sie sich von Anfang an um ein &#246;kologisches B&#252;rgerrechtsb&#252;ndnis bem&#252;ht habe, das aber nicht zu machen war. Eigentlich h&#228;tte sie sich auch dem Neuen Forum anschlie&#223;en k&#246;nnen; es habe bei ihr pers&#246;nliche Gr&#252;nde gegeben, das nicht zu tun. Sicher haben die Aktivisten der IFM und der &#246;kologischen Gruppen nach den langj&#228;hrigen schlimmen Erfahrungen mit der Staatsmacht auch keinen Glauben daran gehabt, dass sich die Entwicklung so schnell, so weitgehend unblutig und letztlich beinahe reibungslos vollziehen w&#252;rde. Ihnen fehlte die Naivit&#228;t der Masse, die sich &#252;ber alle Bedenken hinwegsetzte und zun&#228;chst nur ein alle einendes Ziel kannte: Ver&#228;nderung!</p>
<p>Da fiel es anfangs auch kaum auf, dass just in diesem Moment, als die Befreiung begann, ein Differenzierungsprozess innerhalb des oppositionellen Lagers einsetzte. Die Gr&#252;ndung der genannten vier Organisationen sowie vieler weiterer kleinerer Gruppen war eine logische Folge der Tatsache, dass das gemeinsame Ziel in greifbare N&#228;he r&#252;ckte und sich nun die Frage stellen w&#252;rde: Wie weiter? Die Gruppen waren sich einig darin gewesen, wogegen sie sind; sie waren es nicht mehr, sobald zu beantworten war, wof&#252;r sie eintreten. »Das Neue Forum«, so Wolfgang Ullmann, »wollte von vornherein kein Programm schreiben, sondern lediglich eine Diskussionsplattform bilden, auf der Programme &#252;berhaupt erst einmal vorgestellt werden konnten. Das halte ich f&#252;r eine sehr originelle Idee, aber wir als Demokratie jetzt haben ein ganz explizites politisches Programm vorgelegt und dann gefragt: Wer macht dabei mit?«</p>
<p>Gerd Poppe erkl&#228;rt diesen Differenzierungsprozess mit dem nat&#252;rlichen Drang nach Pluralismus: »Nach den langen Jahren des Zentralismus war Vielfalt gefragt, die Differenzierung wurde zur Tugend erkl&#228;rt.« Aber er wei&#223; auch – wie viele Aktivisten der Bewegung, dass pers&#246;nliche Differenzen und Animosit&#228;ten eine ebenfalls nicht unwesentliche Rolle spielten. Die Bemerkung von Vera Wollenberger deutete das schon an.</p>
<p>Letzterer Faktor d&#252;rfte eine gr&#246;&#223;ere Rolle gespielt haben, als viele Leute eingestehen wollen. Denn betrachtet man die einzelnen Programme und Erkl&#228;rungen der Gruppen, dann &#252;berwiegen eindeutig die Gemeinsamkeiten. Und es gab bis in den Oktober hinein auch Initiativen, das gemeinschaftliche Handeln &#252;ber alle Differenzierung hinweg zu erhalten. Deutlichster Beleg daf&#252;r war die Zusammenkunft von Vertretern der Gruppen am 4. Oktober, als sie eine gemeinsame Erkl&#228;rung verabschiedeten, die sich vor allem mit den Modalit&#228;ten k&#252;nftig Wahlen besch&#228;ftigte. Dr. Ullmann nannte dies die Geburtsstunde des »Wahlb&#252;ndnisses 90«, das noch im Jahre 1990 existierte und am 3. Dezember acht Abgeordnete in den Deutschen Bundestag entsandte. Sp&#228;ter aber strebten die neuen Gruppen aus einander, und das »B&#252;ndnis 90« reduzierte sich nur auf einen Teil der urspr&#252;nglichen Oppositionsbewegung.</p>
<p>Wolfgang Ullmann sah daf&#252;r zwar auch pers&#246;nliche Gr&#252;nde, wollte aber doch vor allem unterschiedliche politische Richtungsentscheidungen nicht unbeachtet wissen. Dies habe besonders f&#252;r die damalige SDP und. den Demokratischen Aufbruch gegolten, in denen es sp&#228;ter ebenfalls zu inneren Differenzierungsprozessen kam. Sie setzten vor allein dann ein, als sich gro&#223;e westdeutsche Parteien f&#252;r ihnen nahestehende Kr&#228;fte in der damaligen DDR interessierten und ihren Einfluss geltend machten. »Eppelmann hatte schon immer sehr enge Kontakte zu Norbert Bl&#252;m, war geradezu mit ihm befreundet«, so Ullmann, »und Bl&#252;m hat Eppelmann den Zugang zu Kohl vermittelt, Damit war die politische Orientierung gegeben.« Ullmanns Sicht wird durch Dokumente des MfS gest&#252;tzt, das schon im Februar 1988 berichtet hatte: »Insbesondere Eppelmann unternahm 1987 Versuche, seine Kontakte zu Parteien und Pers&#246;nlichkeiten des politischen Lebens der BRD auszuweiten. Streng intern wurde bekannt, dass er neben Gespr&#228;chen mit Mitgliedern der SPD und der CDU, die sich in der Hauptstadt aufhielten, eine Reise in dringenden Familienangelegenheiten in die BRD zur Aufnahme pers&#246;nlicher Beziehungen zu f&#252;hrenden Pers&#246;nlichkeiten der BRD (u. a. Bundespr&#228;sident von Weizs&#228;cker, Au&#223;enminister Genscher und Bundestagspr&#228;sident Jenninger) missbrauchte. Nach eigenen Aussagen sei es Eppelmann gelungen, den etablierten Parteien der BRD zu demonstrieren, dass die ›unabh&#228;ngige Friedensbewegung‹ in der DDR nicht ausschlie&#223;lich auf die ›Gr&#252;nen‹ fixiert ist. F&#252;r die Perspektive seien solche Beziehungen entstanden, die stabil und ausbauf&#228;hig seien.« So wird verst&#228;ndlich, wenn Eppelmann schlie&#223;lich zu Aiffassungen gelangte, die bei seinen Mitk&#228;mpfern auf Unverst&#228;ndnis stie&#223;en. »Es ist traurig, wie einige – ich nenne ausdr&#252;cklich Eppelmann – heute Positionen vertreten, die weit ab von unseren fr&#252;heren Zielen sind«, so der Kommentar Werner Fischers schon Mitte 1990.</p>
<p>Auch Ibrahim B&#246;hme, viele Jahre einer der zuverl&#228;ssigsten St&#252;tzen der Initiative Frieden und Menschenrechte, ging einen anderen Weg, wobei Gerd Poppe einr&#228;umte: »Bei Meckel und B&#246;hme war der &#220;bergang zur SPD absehbar. Das wurde schon aus Ihrer Einstellung zur Staatslehre Hegels ablesbar.« Und auch f&#252;r Werner Fischer war die Umorientierung B&#246;hmes keine &#220;berraschung: »Er und andere wollten eben in eine Partei, weil sie da mehr zu bewirken hofften.« Die sp&#228;tere Entwicklung der SDP hin zur SPD, sehr stark von der westdeutschen Schwester beeinflusst, lie&#223; Ibrahim B&#246;hme immer st&#228;rker in Widerspruch zu seinen fr&#252;heren Vorstellungen und Idealen geraten &#8230; (Die Rolle B&#246;hmes als IM der Staatssicherheit war zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes noch nicht bekannt. &#8211; d. Verf.)</p>
<p>All diese inneren Differenzierungen bei der Entwicklung der B&#252;rgerrechtsbewegung wirkten sich jedoch on der damaligen zeit nicht negativ auf den Erfolg der Massenaktionen gegen das alte stalinistische System aus. »Die Gruppen sind so stark geworden, weil sie in der Sache recht hatten«, sagte nach der Wende der fr&#252;here Staatssekret&#228;r f&#252;r Kirchen fragen in der DDR-Regierung, Klaus Gysi, »unabh&#228;ngig davon, aus welchen Motiven sie ihre Fragen stellten. Vielleicht hatten sie letztlich antisozialistische, konterrevolution&#228;re Absichten, aber was sie vertraten, war im Kern richtig, Es war ein Fehler, sich damit nicht auseinanderzusetzen.« Und sein Widerpart in vielen Gespr&#228;chen, der Berlin-Brandenburgische Konsistorialpr&#228;sident Manfred Stolpe, sah drei Faktoren, die zu jenem Zeitpunkt im Herbst 1989 eine Aufhalten der Prozesse nicht mehr m&#246;glich machten: »die eindeutige Position, die die Kirche mit ihrer September-Synode bezogen hat, die Ermutigung, die f&#252;r viele von den Gruppen ausging, die Massenabwanderung in den Westen«.</p>
<p>Tats&#228;chlich erwies sich die Partei- und Staatsf&#252;hrung der DDR bereits im August/September 1989 als derart gel&#228;hmt, dass sie zu wirksamen Reaktionen &#252;berhaupt nicht mehr f&#228;hig war. Repressivma&#223;nahmen, das einzige Mittel, &#252;ber das sie noch verf&#252;gte, l&#246;sten immer weniger Angst aus; sie konnten zwar noch – bis hin zu einer »chinesischen L&#246;sung« – eskaliert werden, aber auch dar&#252;ber gab es mittlerweile in der F&#252;hrung und im Sicherheitsapparat unterschiedliche Auffassungen, In Dresden begann sich der dortige Erste Sekret&#228;r der SED-Bezirksleitung, Hans Modrow, vorsichtig von der Linie der zentralen F&#252;hrung abzusetzen. Er forderte Ende September &#246;ffentlich den Dialog mit der Bev&#246;lkerung und praktizierte ihn als einer der ersten noch vor Honeckers Abl&#246;sung. »Daf&#252;r wurde er in einer Beratung mit den Bezirkssekret&#228;ren fast an die Wand geklatscht«, berichtete MfS-Generalmajor Horst Felber, der zu diesem Kreis geh&#246;rte. »Es gab in dieser Phase keine klare Orientierung mehr. Heute hie&#223; es h&#252;h und morgen hott.«</p>
<p>Im MfS selbst breitete sich einerseits – Felbers Angaben zufolge – ebenfalls Unruhe aus. Andererseits wurden die Z&#252;gel straff angezogen. &#220;ber mehrere Zwischenstufen verk&#252;ndete Mielke f&#252;r die 85 000 Angeh&#246;rigen seines Hauses am 8. Oktober »volle Dienstbereitschaft«, was beinahe permanente Anwesenheit auf der Dienststelle hie&#223;. »Keiner wusste, wohin sich die Lage entwickelt«, beschrieb Felber sp&#228;ter die Situation. »Es gab auch bei uns keine Orientierung mehr. Keiner wusste so recht, was richtig ist. Die Mehrzahl der Mitarbeiter wollte kein Blutvergie&#223;en. Sie hatten regelrecht Angst davor, dass Mielke den Schie&#223;befehl erteilt.« Er wusste keine Antwort darauf, was in einem solchen Fall passiert w&#228;re, jedoch durfte man sich zu gro&#223;e Illusionen wohl nicht machen. Die Ereignisse um den 7. und 8. Oktober sollten zeigen, dass die Angeh&#246;rigen des MfS noch jede, Befehl gehorchten. Und auch die hauseigene SED-Kreisleitung hatte ja bis zuletzt die Standhaftigkeit der »Tschekisten« beschworen.</p>
<p>Die Unsicherheit &#252;ber die Reaktionen einer angeschlagenen F&#252;hrung konnte zwar die Bev&#246;lkerung bei ihren Protesten nicht aufhalten, sie erkl&#228;rt aber die fast bis zuletzt gem&#228;&#223;igte Haltung der kirchlichen Offiziellen. Sie stellten die Menschen, die zu F&#252;rbittandachten in die Gottesh&#228;user str&#246;mten, unter ihren Schutz und versuchten ihnen auch zu helfen, als sie nach Verlassen der Kirchen mit den Sicherungskr&#228;ften konfrontiert waren. »Aber wir baten darum, von Demonstrationen abzusehen«, erl&#228;uterte sp&#228;ter Bischof Forck seine damalige Position. »Das h&#228;tte auf Polizei und Staatssicherheit nur provozierend gewirkt. Viele nahmen uns das &#252;bel, und faktisch ist dieser Appell auch kaum beachtet worden. Aber wir konzentrierten uns auf die F&#252;rbitte, die Information, die mit der Information verbundene Verk&#252;ndigung. Unser Beteiligtsein an Demonstrationen bestand in der Aufnahmevon Demonstranten, die in die Kirchen flohen.«</p>
<p>Die Bundessynode Mitte September in Eisenach hatte auch »friedliche Demonstrationen« als eine M&#246;glichkeit des Protestes anerkannt, doch die unw&#228;gbare Lage lie&#223; viele Kirchenf&#252;hrer eine vorsichtige Haltung einnehmen. Konsistorialpr&#228;sident Dr. Stolpe nannte daf&#252;r einen wesentlichen Grund: »F&#252;r das Verhalten der Kirche war eine der Kernfragen: Wie reagieren die Russen, die Sowjets? Ich habe noch bis Anfang Dezember 1989 damit gerechnet, dass im Ernstfall – also wenn es darum geht, das Regime zu erhalten oder fallen zu lassen – die Sowjetunion sich f&#252;r die St&#252;tzung des Regimes entscheiden w&#252;rde. Das ist bei mir und Leuten meiner Generation nat&#252;rlich die biografische Erfahrung des Juni 1953.«</p>
<p>So beschr&#228;nkte sich die evangelische Kirche in vielem auf so etwas wie »Schadensbegrenzung«. Gottfried Forck: »Nat&#252;rlich richteten wir an den Staat Mahnungen und Forderungen, die Leute nicht zu schlagen, nicht zu verletzen. Und wir nahmen auch die Berichte der Betroffenen entgegen, um sie dem Staat vorzuhalten. Uns ging es darum, sch&#252;tzend vor die Leute zu treten, um weiteres Unrecht zu vermeiden.«</p>
<p>Zahlreiche Pastoren in einzelnen Gemeinden gingen jedoch veiter, engagierten sich aktiv, und selbst das Berliner Konsistorium tat insgeheim mehr als damals zugegeben wurde. Nach Darstellung von Dr. Stolpe sah die Kirche die im Sp&#228;tsommer 1989 einsetzende Verselbst&#228;ndigung der Gruppen nicht. ungern und unterst&#252;tze sie aktiv. »Es hat immer Querverbindungen gegeben«, sagte er, »was einschloss, dass wir in diesem Hause viele Dokumente f&#252;r die Gruppen produziert haben. Die Startpapiere f&#252;r die einzelnen Gruppen wurden zumeist hier hergestellt.« Wolfgang Ullmann best&#228;tigte das ausdr&#252;cklich; der Aufruf von Demokratie jetzt sei auf Manfred Stolpes Schreibmaschine getippt worden.</p>
<p>Das Verdienst der evangelischen Kirche an der Entwicklung in der damaligen DDR ist unbestritten; unter ihrem Dach konnte sich der Protest – erst langsam und stockend, dann immer schneller und wirksamer – entwickeln. Aber in der Endphase, im Sommer und Herbst 1989, emanzipierten sich nicht nur die Gruppen von der Kirche, sondern auch die Massen. Das, was in Kirchenh&#228;usern begann, erlangte auf der Stra&#223;e erst jene Dynamik, die das alte Regime hinwegfegte. Das zeigte sich &#252;berall, wo die Demonstrationen in schnellem Tempo zunahmen, das zeigte sich ganz besonders auch in Leipzig, der Stadt, wo die Demonstranten am kompromisslosesten und zugleich am mutigsten ihr Forderungen stellten. Die Massenkundgebungen hier wie an vielen anderen Orten des Landes waren die Kr&#246;nung der jahrelangen Bem&#252;hungen der B&#252;rgerrechtsbewegung.</p>
<p>Die Leipziger Friedensgebete gab es seit Anfang der 80er Jahre. Sie waren damals ein Reflex auf den NATO-Doppelbeschluss, der neue Atomwaffen in den Westen Deutschlands bringen sollte, ebenso wie auf das Vorgehen der DDR-Organe gegen die unabh&#228;ngige Friedensbewegung und ihr Symbol, das Zeichen »Schwerter zur Pflugscharen«. Jeden Montag 17 Uhr trafen sich junge Leute in der Nikolaikirche zur stillen Andacht. Diese Institution hielt sich – mit Schwankungen – &#252;ber die Jahre und bakam neue Schwungkraft im Januar 1988, nach den Vorg&#228;ngen um die Liebknecht/Luxemburg-Demonstration in Berlin. Schon lange zuvor waren die verschiedenen kirchlichen Gruppen in die Gestaltung des Friedensgebets einbezogen worden; nun verst&#228;rkte sich jene latent immer vorhandene inhaltliche Tendenz der Zuwendung zum inneren Frieden. Hinzu kamen mehr und mehr Ausreisewillige, die Rat und Trost in ihrer bedr&#228;ngten Lage suchten. Das Geschehen in der Nikolaikirche politisierte sich – nicht gerade zur Freude der Kirchenleitung und auch des Gemeindekirchenrates. Pfarrer Magirius jedenfalls suchte die Gebete wieder auf eine religi&#246;se Basis zu stellen – zu einem Zeitpunkt, als ihm weder die Gruppen noch viele, die hier die einzige Artikulationsm&#246;glichkeit f&#252;r ihre Probleme sahen, darin folgen mochten.</p>
<p>Nach den Leipziger Ereignissen vom Januar 1989 kam es erneut zu einem Aufschwung der Friedensgebete, in denen nun die Opposition mehr und mehr eine gestaltende Rolle spielte. Der Staat verlangte daraufhin deren Absetzung, was aber schon nicht mehr m&#246;glich war. Im Gegenteil, die Ereignisse des Jahres 1989 machten diese Protestform immer wichtiger und unverzichtbarer – demgegen&#252;ber stand die zunehmend nerv&#246;se Reaktion von Partei und Staat. Denn nun nahmen an den Montagsgebeten schon so viele teil, dass die Kirche nicht mehr ausreichte, sich Hunderte und schlie&#223;lich Tausende auf dem Vorplatz versammelten. Am 4. September – w&#228;hrend der Leipziger Messe – forderten sie erstmals mit Transparenten und Sprechch&#246;ren Ver&#228;nderungen in der Gesellschaft; die Polizei schritt hier wegen des zahlreichen internationalen Publikums nicht ein. Doch eine Woche sp&#228;ter wurden die aus der Kirche str&#246;menden 1300 Gebetsbesucher von Polizei und Staatssicherheit empfangen. Ein Augenzeuge beschrieb das Folgende in den »Umweltbl&#228;ttern«:</p>
<blockquote><p>»Der nach 10 Minuten erfolgenden polizeilichen Aufforderung, die Versammlung gef&#228;hrde die &#246;ffentliche Ordnung und Sicherheit und sei aufzul&#246;sen, leisteten die Besucher Folge, so dass nach dreimaliger Androhung eines Polizeieinsatzes zur R&#228;umung des Platzes noch etwa 600 Menschen auf dem Kirchhof waren. Daraufhin erfolgte der angedrohte Polizeieinsatz. Mehrere hundert Uniformierte r&#252;ckten in Ketten vor und trieben gewaltsam die Menschenmenge, von der keinerlei Provokation ausgegangen war, Richtung nahe gelegenes Revier. Dabei wurden 104 Personen festgenommen und, teilweise unter Schl&#228;gen, auf LKWs der Bereitschaftspolizei verladen und vorl&#228;ufig festgenommen.«</p></blockquote>
<p> Eine Woche sp&#228;ter wiederholte sich der Vorgang, doch die von Partei und Staat erhoffte Wirkung der Repressalien trat nicht ein. Stattdessen stie&#223;en imrner mehr Unzufriedene zu den Kirchenbesuchern, breitete sich die Protestbewegung wie ein Lauffeuer aus.</p>
<p>Am 25. September waren es nach Z&#228;hlung der Staatssicherheit bereits 2000 Teilnehmer, von denen die H&#228;lfte sich wegen &#220;berf&#252;llung der Kirche auf dem Vorplatz und in den Zugangsstra&#223;en versammelte. Anschlie&#223;end kam es zur ersten Montags-Demonstration in Leipzig, &#252;ber die das MfS so berichtete:</p>
<blockquote><p>»Nach Beendigung der Veranstaltung vereinten sich die Teilnehmer mit den auf dem Vorplatz versammelt gewesenen Personen zu einer auf ca. 3500 Personen angewachsenen Menschenansammlung (hinsichtlich dieser Anzahl ist zu beachten, dass sich zu dieser Zeit in diesem Raum eine starke Personenbewegung vollzieht und sich deshalb unter diesen Personen auch normal dort bewegende bzw. sich aus Neugierde dort aufhaltende Personen befanden), die sich gegen 18.20 Uhr, initiiert durch eine ca. 300k&#246;pfige Personengruppe, durch das Stadtzentrum in Leipzig in Richtung Georgiring bewegte. Diese Gruppe initiierte au&#223;erdem Sprechch&#246;re mit Rufen wie ›Freiheit‹ und den Gesang der Internationale sowie des Liedes ›We shall overcome‹. Gegen 18.50 Uhr begab sich diese Personenansammlung in voller Stra&#223;enbreite zum Vorplatz des Hauptbahnhofes Leipzig, zog weiter zum Friedrich-Engels-Platz und kehrte von da aus zum Hauptbahnhof zur&#252;ck, wo sie sich teilweise aufl&#246;ste. Ca, 800 Personen rotteten sich in der Westhalle des Hauptbahnhofes zusammen, wo sie – wie bereits w&#228;hrend des Marsches – im Sprechchor ›Neues Forum zulassen‹ riefen. Diese Personenkonzentration im Hauptbahnhof wurde durch Einsatzkr&#228;fte der DVP aufgel&#246;st.«</p></blockquote>
<p>Obwohl nach diesem Montag der Staat durch massive Einflussnahme auf die s&#228;chsische Kirchenleitung und die Pfarrer der Nikolaikirche eine Wiederholung zu verhindern suchte, waren es am 2. Oktober etwa 20 000 Menschen, die erneut durch die Leipziger Innenstadt zogen. Auch hier wieder der MfS-Bericht:</p>
<blockquote><p>»Gegen 18.25 Uhr setzte sich die Personenansammlung demonstrativ in Richtung Grimmaische Stra&#223;e, Karl-Marx-Platz in Bewegung und zog dann weiter &#252;ber den Georgiring in Richtung Hauptbahnhof/Tr&#246;ndlinring. Durch konzentrierten Einsatz der Schutz- und Sicherheitsorgane sowie der Kampfgruppen konnte gegen 19.15 Uhr die Personenbewegung auf dem Tr&#246;ndlinring/ Ecke Nordstra&#223;e zun&#228;chst gestoppt werden. Dabei wurden wiederum Parolen gerufen. Insbesondere durch Gruppen Jugendlicher kam es zu t&#228;tlichen Angriffen auf VP-Angeh&#246;rige, verbunden mit verleumderischen Beschimpfungen. Teilweise gelang es diesen Kr&#228;ften, die Sperrketten der Volkspolizei zu durchbrechen. Gegen 20.20 Uhr versuchten sich in H&#246;he Thomaskirchhof erneut ca. 1500 Personen zu formieren und in Richtung Innenstadt/Markt zu marschieren. Zur Verhinderung diese Vorhabens, insbesondere zur Abwehr der von diesen Kr&#228;ften ausgehenden t&#228;tlichen Angriffe und zur Gew&#228;hrleistung der Sicherheit der eingesetzten Kr&#228;fte der Volkspolizei, war der Einsatz des Schlagstockes und von Diensthundef&#252;hrern mit Diensthunden (mit Korb) erforderlich.«</p></blockquote>
<p>Und dann kam jener 9. Oktober, an dem in Leipzig 70 000 auf der Stra&#223;e waren und wo die reale Gefahr einer gewaltsamen Konfrontation zwischen Demonstranten und Staatsmacht bestand. Wie w&#252;rden erstere mit ihrem gewachsenen Selbstvertrauen umgehen? Wie w&#252;rden letztere die Machtfrage »Wer &#8211; Wen?« beantworten? Im Vorfeld der Demonstration wurden drei Aufrufe ver&#246;ffentlicht alle drei mit dem gleichen Tenor: Keine Gewalt!</p>
<p>Das Neue Forum schrieb:</p>
<blockquote><p>»Provoziert nicht, lasst Euch nicht provozieren.</p>
<p>Durchbrecht keine Absperrungen</p>
<p>Keine Konfrontation mit BePo und Kampfgruppen</p>
<p>Dialog</p>
<p>Sch&#252;tzt die Polizisten vor &#220;bergriffen</p>
<p>Stoppt Betrunkene, Provokateure &#8211; Alle Gewaltt&#228;tigen</p>
<p>Geht nach Ende der Demo friedlich nach Hause</p>
<p>Unterlasst Einzelaktionen.«</p></blockquote>
<p>Die kirchlich orientierten Arbeitskreise bzw. Arbeitsgruppen Gerechtigkeit, Menschenrechte und Umweltschutz baten:</p>
<blockquote><p>»Enthaltet Euch jeder Gewalt!</p>
<p>Durchbrecht keine Polizeiketten, haltet Abstand zu Absperrungen!</p>
<p>Greift keine Personen oder Fahrzeuge an!</p>
<p>Entwendet keine Kleidungs- oder Ausr&#252;stungsgegenst&#228;nde der Einsatzkr&#228;fte!</p>
<p>Werft keine Gegenst&#228;nde und enthaltet Euch gewaltt&#228;tiger Parolen!</p>
<p>Seid solidarisch und unterbindet Provokationen!</p>
<p>Greift zu friedlichen und phantasievollen Formen des Protestes!</p>
<p>An die Einsatzkr&#228;fte appellieren wir:</p>
<p>Enthaltet Euch der Gewalt!</p>
<p>Reagiert auf Friedfertigkeit nicht mit Gewalt!</p>
<p>Wir sind ein Volk. Gewalt unter uns hinterl&#228;sst ewig blutende Wunden.«</p></blockquote>
<p>Und schlie&#223;lich appellierten unmittelbar vor Beginn des Friedensgebets sechs Leipziger Pers&#246;nlichkeiten gemeinsam an die Demonstranten: Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, der Pfarrer Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd Lutz Lange sowie Kurt Meier, Jochen Pommert und Roland W&#246;zel, alle drei Sekret&#228;.re der SED-Bezirksleitung Leipzig. Sie versprachen den Dialog mit der Bev&#246;lkerung und baten »dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog m&#246;glich wird«.</p>
<p>Dieser Appell war gepr&#228;gt von der Besorgnis, es k&#246;nnte sich am Abend des 9. Oktober in Leipzig wiederholen, was an den Tagen zuvor in Berlin geschehen war. Dort hatte sich das Gesicht der Staatsmacht zur brutalen Fratze verzerrt, und es stand zu bef&#252;rchten, dass es in Leipzig noch schlimmer kommen k&#246;nnte. Die Berliner Geschehnisse enth&#252;llten sich zwar f&#252;r die &#214;ffentlichkeit erst viel sp&#228;ter, als n&#228;mlich im Novenber ein Untersuchungausschuss zur Aufkl&#228;rung der Vorg&#228;nge am 7. und 8. Oktober seine Arbeit aufnahm; die Kirche aber war stets mit der staatlichen Gewalt konfrontiert. Suchten doch die Betroffenen bei ihr Zuflucht und berichteten &#252;ber gewaltsame &#220;bergriffe. In einem Ged&#228;chtnisprotokoll des Berliner Stadtjugendpfarramtes hie&#223; es:</p>
<blockquote><p>»Am Sonntag, dem 3. Oktober 1989, um ca. 24 Uhr, wurde ich mit anderen Passanten auf der Sch&#246;nhauser Allee vom Wachregiment Felix D. v&#246;llig &#252;berraschend zugef&#252;hrt. Das Wachregiment kam aus der Willi-Bredel-Stra&#223;e in einer Kettenformation um die Ecke auf die Sch&#246;nhauser Allee gerannt und umstellte uns – Zuschauer der brutalen Polizeieins&#228;tze gegen Demonstranten. Wir, darunter altere Menschen, eine schwangere Frau und Anwohner, wurden auf ›LKWs‹ (2) verladen und nach einer Irrfahrt von einer ›Verwahranstalt‹ Berlins zur anderen in der, VP-Inspektion Marzahn abgeliefert. Frauen und M&#228;nner wurden getrennt. Wir M&#228;nner mussten uns auf dein Hof der Inspektion mit dem Gesicht zur Wand aufstellen und wurden dann nach und nach gewaltsam in eine Garage geschleppt. Einige erhielten Schl&#228;ge mit dem Gummikn&#252;ppel von mehreren Polizisten gleichzeitig, was zum Teil zum regelrechten Spie&#223;rutenlauf wurde. Uns wurden die pers&#246;nlichen Dinge abgenommen, die Schn&#252;rsenkel aus den Schuhen gezogen und die Personalien festgestellt. Wer dabei nicht schnell genug in den Augen der VP-Angeh&#246;rigen war, bezog immer wieder Pr&#252;gel mit dein Gummikn&#252;ppel. Nach dieser Erstaufnahme kamen wir in eine gr&#246;&#223;ere LKW-Garage. Dort wurden wir gezwungen, uns nebeneinander mit dem Gesicht zur Wand aufzustellen: die Beine weit auseinander und die H&#228;nde hinter den Kopf. Nun begannen die sadistischen ›Spiele‹ der Abschnittsbevollm&#228;chtigten: die ganze Nacht &#252;ber mussten wir (ca. 6 Stunden) mal ›Beine auseinander‹, mal im ›Stillgestanden‹ stehen. Wenn einer nicht ›ruhig‹ stand, wurde er getreten und geschlagen. Es durfte nicht gesprochen werden und es war verboten, sich im Raum umzusehen.«</p></blockquote>
<p>Nach hartn&#228;ckigem Leugnen und nur scheibchenweisem Zugeben der Wahrheit musste schlie&#223;lich der Staat sein gewaltsames Vorgehen eingestehen. Am 19. November berichtete der damalige Generalstaatsanwalt Wendland vor der Volkskammer, dass in der gesamten DDR 3456 Personen »zugef&#252;hrt« worden waren, die meisten in Berlin und Dresden. Und weiter:</p>
<blockquote><p>»Im Zusammenhang mit den Zuf&#252;hrungen um den 7. Oktober kam es zu &#220;bergriffen von Angeh&#246;rigen der Schutz- und Sicherheitsorgane, vor allem T&#228;tlichkeiten und die W&#252;rde der zugef&#252;hrten Personen verletzendem Verhalten. Es ist besonders unertr&#228;glich, dass das auch im Gewahrsam geschah. &#220;bergriffe bestanden vor allem im k&#246;rperlichen Zwang gegen&#252;ber Personen, die zugef&#252;hrt waren; im Gewahrsam befindlich, wurden Personen geschlagen, &#252;ber lange Zeit zum Stehen zum Teil in k&#246;rperlich schmerzhaften Stellungen gezwungen, auch beleidigt und auf andere Weise erniedrigend behandelt. Zu den &#220;bergriffen z&#228;hlen wir auch die Tatsache, dass gesetzliche Fristen der Zuf&#252;hrungen vielfach &#252;berschritten wurden. Dazu z&#228;hlt auch die Tatsache, dass in einer Reihe von F&#228;llen erkennungsdienstliche Ma&#223;nahmen gegen&#252;ber in Gewahrsam genommenen Personen durchgef&#252;hrt wurden. Insgesamt wurden 76 Ermittlungeverfahren wegen &#220;bergriffen inzwischen eingeleitet. Dabei haben wir 33 Personen ermittelt, die Angeh&#246;rige der Schutz- und Sicherheitsorgane waren. Es sei festgestellt worden, dass Befugnis&#252;berschreitungen in Anwesenheit von vorgesetzten Offizieren erfolgten. Deren Verantwortlichkeit wird ebenfalls gepr&#252;ft. 43 Ermittlungsverfahren wurden gegen Unbekannt eingeleitet. Die bisher eingeleiteten Ermittlungsverfahren betreffen vors&#228;tzliche K&#246;rperverletzung, &#8211; in einem Fall sogar eine schwere K&#246;rperverletzung -, N&#246;tigung und Beleidigung. In dem Verfahren wegen, schwerer K&#246;rperverletzung wurde Anklage erhoben. Drei v/eitere Anklagen werden vorbereitet.«</p></blockquote>
<p>Sp&#228;ter stellte sich heraus, dass das Ausma&#223; der gewaltsamen Gesetzesbr&#252;che durch »Gesetzesh&#252;ter« viel gr&#246;&#223;er war – und mit diesem heutigen Wissen ist zu ermessen, welch gef&#228;hrliche Situation in jenen Tagen bestand. Die alptraumhafte »chinesische L&#246;sung« lag damals durchaus im Bereich des M&#246;glichen.</p>
<p>Deshalb waren die Initiativen in Leipzig ein echter Durchbruch – weg von der Gewalt, hin zum politischen Dialog. Die bewirkten das »Wunder«, dass der 9. Oktober in der Messestadt insgesamt friedlich verlief. Der MfS-Bericht vermerkt das, l&#228;sst aber zugleich durchblicken, dass Vorkehrungen getroffen waren, die zu einer blutigen Eskalation h&#228;tten f&#252;hren k&#246;nnen: »Am 9. Oktober 1989 kam es im Zeitraum von 18.35 Uhr bis gegen 20.30 Uhr im Stadtzentrum von Leipzig erneut zu einer nichtgenehmigten Demonstration von ca. 70 000 Personen, darunter eine erhebliche Anzahl aus anderen Bezirken. Die Demonstration verlief von der Nikolaikirche (Sammelpunkt) aus &#252;ber die bekannte Strecke bis zum Hauptbahnhof, wo sie sich selbst&#228;ndig aufl&#246;ste. Es kam zu keinen Gewalthandlungen; vorbereitete Ma&#223;nahmen sur Verhinderung/Aufl&#246;sung kamen entsprechend der Lageentwicklung nicht zur Anwendung.« Damit war – ob gewollt oder ungewollt – eine Grundsatzentscheidung gefallen, von der es kein Zur&#252;ck mehr gab. Noch dauerte es zwar einige qu&#228;lende Tage, bis das Gespr&#228;ch zwischen den Regierenden und »ihrem« Volk tats&#228;chlich begann. Noch klammerte sich die greise SED-F&#252;hrung an ihre Positionen, aber eine gute Woche sp&#228;ter mu&#223;ten Honecker, Mittag und Herrmann abtreten. Die Proteste der Massen erzielten ihre ersten Resultate, der Umbruch begann. Die Opposition von unten, die jahrelang als »Untergrund« geschm&#228;hte B&#252;rgerbewegung wurde zum Dialogpartner f&#252;r die noch M&#228;chtigen und erwies sich ihnen dabei bald sowohl moralisch denn auch sachlich &#252;berlegen. Ihr jahrelanger Kampf trug endlich Fr&#252;chte – wenn auch nicht lange.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Wahlmanipulation und Ausreisewelle bef&#246;rdern die Erosion eines Staates (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Thu, 07 May 2009 11:39:26 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[F&#252;r viele gilt der 7. Mai als ein Datum, an dem der Beginn der letzten Etappe der »alten« DDR festgemacht werden kann. An diesem Tag fanden Kommunalwahlen, letztmalig nach dem alten Muster des so genannten Zettelfaltens, statt, aber immer weniger DDR-B&#252;rger zeigten sich bereit, das einfach so hinzunehmen. Dennoch verlief die Wahl weitgehend nach den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>F&#252;r viele gilt der 7. Mai als ein Datum, an dem der Beginn der letzten Etappe der »alten« DDR festgemacht werden kann. An diesem Tag fanden Kommunalwahlen, letztmalig nach dem alten Muster des so genannten Zettelfaltens, statt, aber immer weniger DDR-B&#252;rger zeigten sich bereit, das einfach so hinzunehmen. <span id="more-927"></span>Dennoch verlief die Wahl weitgehend nach den Vorgaben aus der Partei- und Staatsf&#252;hrung, doch als diese auch noch die Ergebnisse &#8211; entgegen der Realit&#228;t &#8211; bestimmen wollte, wuchs der Unmut in einem Ma&#223;e, das weder die SED noch ihr Sicherheitsorgan Stasi erwartet hatten. Aus dem Protest gegen die Wahlf&#228;lschung entwickelte sich allm&#228;hlich eine Bewegung f&#252;r mehr wirkliche Demokratie, der sich zunehmend auch Leute anschlossen, die bisher den offenen Konflikt mit der Staatsmacht gemieden hatten.</p>
<p>Parallel dazu gewann eine andere, schon seit l&#228;ngerem st&#228;ndig wachsende Bewegung Schritt f&#252;r Schritt Massenzulauf &#8211; die Ausreisewelle aus der DDR. Ihr schlossen sich all jene an, die die Hoffnung auf Ver&#228;nderungen im Land l&#228;ngst verloren hatten und ihr Heil nur in einem Neuanfang jenseits der Grenzen sahen. Sie stellten mit ihren Aktionen im In- wie Ausland die Staatsorgane vor immer neue Probleme, die diese letztlich nicht mehr beherrschen konnten. Beides gemeinsam f&#252;hrte zur immer schnelleren Erosion des Staates DDR und damit letztlich zu seinem Untergang.</p>
<p>&#220;ber diese Vorg&#228;nge entstand ein gutes Jahr sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<p> </p>
<h3>Wahlmanipulation und Ausreisewelle &#8211; die Erosion eines Staates (Teil 1)</h3>
<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/bb576eea053a4c80973c2a519c10ce58" alt="" width="1" height="1" /><br />
In den vergangenen 20 Jahren wurde oft versucht, den Eindruck zu erwecken, als w&#228;ren die Ereignisse des Jahres 1989 wie ein Blitz aus heiterem Himmel &#252;ber die damalige DDR gekommen.. Besonders Vertreter der ehemaligen Partei- und Staatsf&#252;hrung argumentieren gern, die .Entwicklung w&#228;re nicht vorauszusehen gewesen; f&#252;r sie habe sich die Lage bis fast zuletzt als relativ stabil dargestellt, Die un&#252;bersehbaren Signale einer sich rapide beschleunigenden Erosion nicht wahrzunehmen &#8211; das resultierte aus der Lebensferne der Honecker &amp; Co., die alle Warnungen und Bedenken in den Wind schlugen. Im Gef&#252;hl, letztlich k&#246;nne ihnen nichts passieren, organisierten sie eine Rundum-Verteidigung gegen die zahlreichen Einzelaktionen der B&#252;rgerrechtler, versuchten sie, jede f&#252;r sich zu bek&#228;mpfen, ohne den Zusammenhang &#8211; die allgemeine Unzufriedenheit &#8211; zu erkennen. So konnte zwar mit Hilfe des Repressionsapparates da und dort die Kritik einged&#228;mmt, mundtot gemacht werden; an der versch&#228;rften Gesamtlage &#228;nderte das nichts &#8211; im Gegenteil, sie spitzte sich weiter zu. </p>
<p>Die erste umfassende »Information &#252;ber Aktivit&#228;ten feindlicher Personenkreise im Zusammenhang mit den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989« legte die Bezirksverwaltung Berlin des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit (MfS) bereits am 15.2.1989 vor. »Nach den der Bezirksverwaltung f&#252;r Staatssicherheit Berlin vorliegenden Informationen«, hie&#223; es da, »besch&#228;ftigen sich feindliche Personenkreise aus der Hauptstadt der DDR, Berlin, seit Ende 1988 intensiv mit verschiedenen Problemen, die die Vorbereitung und Durchf&#252;hrung der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 betreffen.« Und dann wurde detailliert &#252;ber diese Aktivit&#228;ten berichtet, zum Beispiel so: !«Insbesondere F&#252;hrungskr&#228;fte des politischen Untergrundes, unter Mitwirkung von Antragstellern auf st&#228;ndige Ausreise, befassen sich verst&#228;rkt mit Fragen der sozialistischen Demokratie, darin eingeschlossen das Wahlgesetz der DDR &#8230; Diese Personenkreise haben die Absicht, unter der Behauptung der Mitwirkung an der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR mit staatlichen Organen und gesellschaftlichen Organisationen einen Dialog zu f&#252;hren und Forderungen feindlicher Kr&#228;fte nach destabilisierenden Ver&#228;nderungen unter Missbrauch demokratischer Wirkungsm&#246;glichkeiten einzubringen. In mehreren internen Treffen berieten diese Personenkreise konkrete Vorgehenweisen unter Missbrauch des Wahlgesetzes der DDR. So wurden mehrere Schriften mit dem Ziel verfasst und verteilt, das Wahlgesetz der DDR in ihrem Sinne zu erl&#228;utern, vor allem, um dessen M&#246;glichkeiten f&#252;r feindliche Zwecke auszusch&#246;pfen &#8230; Weiterhin beabsichtigen diese Personenkreise, ›unabh&#228;ngige Kandidaten‹ f&#252;r die Wahlen vorzuschlagen &#8230; Weitere Vorhaben feindlicher Personenkreise beinhalten die Teilnahme an Wahlversammlungen, wo sie ihre Ziele &#246;ffentlich verbreiten wollen &#8230; Von feindlichen Personen dar&#252;ber hinaus geplante Aktivit&#228;ten umfassen die Durchf&#252;hrung eigener Veranstaltungen mit thematischen Bez&#252;gen zur Wahl sowie die Beteiligung an der Arbeit der Wahlkommissionen und die &#220;berwachung der Stimmenausz&#228;hlung, um ›F&#228;lschungen und Manipulationen‹ des Wahlergebnisses zu verhindern.«</p>
<p>Dass diese Information zur Kenntnis genommen und durchaus im Sinne des Absenders bewertet wurde, zeigte eine bereits am 6. M&#228;rz 1 989 erarbeitete »Konzeption zur Gew&#228;hrleistung von Ordnung und Sicherheit im Zeitraum der Vorbereitung und Durchf&#252;hrung der Kommunalwahlen im Mai 1989«. Sie belegt schon im ersten Abschnitt die ganze Absurdit&#228;t des Vorgehens der damaligen DDR- F&#252;hrung: »Die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 verk&#246;rpern im vierzigsten Gr&#252;ndungsjahr der DDR das wichtigste gesellschaftspolitische Ereignis. Diese Wertung ist Anlass, im Wohnbezirk ein Kontrollsystem durch gesellschaftliche Kr&#228;fte zu organisieren, welches St&#246;rungen der &#246;ffentlichen Ordnung und Sicherheit vorbeugen und subversive und kriminelle Handlungen gegen einen ordnungsgem&#228;&#223;en Wahlablauf verhindern soll.« Sodann folgen detaillierte Festlegungen an die Hausgemeinschaftsleitungen (HGL) zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit im Wohngebiet, u. a. zum »rechtzeitigen Erkennen von Schmierereien mit staatsfeindlichem, antisozialistischem und def&#228;tistischem Inhalt« und zur Organisierung einer entsprechenden Streifent&#228;tigkeit. Dazu hei&#223;t es w&#246;rtlich: »Im Zeitraum vom 5. Mai 1989, 19 Uhr, bis 7. Mai 1989, 19 Uhr, wird der Wohnbezirk durchg&#228;ngig mit jeweils zwei Mitgliedern der Kommission gesichert. Der Einsatz erfolgt im 6-Stunden-Rhythmus. Die Sicherung erfolgt durch Streifen- und Beobachtungst&#228;tigkeit.«</p>
<p>Auf berechtigte Anliegen, der B&#252;rger und alternativen Bewegungen reagierte der Staat also einmal mehr mit einem Festerzurren der Sicherheitsz&#252;gel. Dabei hatten sich die B&#252;rgerrechtler zun&#228;chst um eine konstruktive Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen bei der Wahlvorbereitung bem&#252;ht. So wandte sich eine Initiativgruppe der Berliner Bartholom&#228;usgemeinde bereits zu Pfingsten 1988 mit einem »Brief an Christen in der DDR und ihre Gemeindevertretungen« und benannte Wahlsystem und Wahlverfahren ausdr&#252;cklich als wichtige Bestandteile einer Demokratiserung der Gesellschaft. Die Autoren &#8211; unter ihnen Ibrahim B&#246;hme, Wolfgang Ullmann, Hans-J&#252;rgen Fischbeck und Almuth Berger &#8211; formulierten die Erw&#228;gung, ob nicht auch kirchliche Gruppen das Recht zur Kandidatennominierung einfordern sollten. Dies bekr&#228;ftigte der Initiativkreis im Januar 1989 mit der konkreten Anfrage: »Sollte nicht, was f&#252;r Kleing&#228;rtner, Sportler oder Feuerwehrleute gilt, auch f&#252;r Friedens- und Umweltgruppen gelten?«</p>
<p>In einem Aufruf des Friedenskreises der Berliner Erl&#246;sergemeinde vom Januar 1989 hie&#223; es, man sehe sich »in einer Meinung mit dem ZK der SED, auf dessen 7. Tagung Erich Honecker mitteilte: ›Wir reden nicht nur von Demokratie, wir entfalten sie auf sozialistischer Grundlage.‹ Zeichen der Zeit in unserem Land mahnen uns, Erich Honecker beim Wort zu nehmen und ihn tatkr&#228;ftig zu unterst&#252;tzen.« Bei aller hintersinnigen Ironie dieses Begehrens enthielten die folgenden praktischen Vorschl&#228;ge doch diskutierbare Anregungen auch f&#252;r Leute mit einem DDR-sozialistischen Demokratieverst&#228;ndnis.</p>
<p>Sie stie&#223;en aber auf strikte Ablehnung und die B&#252;rgerrechtler auf eine massive Behinderung ihrer Aktivit&#228;ten. Das zeigte sich besonders bei den Bem&#252;hungen, an &#246;ffentlichen Wahlversammlungen teilzunehmen und dort mit eigenen &#8211; inhaltlichen wie personellen &#8211; Vorschl&#228;gen aufzutreten. Wie sich so etwas im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg abspielte, schilderte ein Augenzeuge in den Umweltbl&#228;ttern: »Nur mit M&#252;he (. . . ) waren Termin und Ort der Veranstaltung f&#252;r den Stadtbezirk Prenzlauer Berg zu erfahren. Trotzdem waren am 29.3.89 zeitig (ungef&#228;hr 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn) ca. 150 B&#252;rger vor dem Geb&#228;ude des Rates des Stadtbezirks in der Fr&#246;belstr. versammelt. In dieser Zeit kamen nur noch einige B&#252;rger in das Geb&#228;ude hinein, die &#252;ber gedruckte Einladungen verf&#252;gten. Die T&#252;r des Geb&#228;udes wurde von drei Herren abgesperrt, denen eine zun&#228;chst erstaunte, dann aber zunehmend ver&#228;rgerte Menge gegen&#252;berstand. Die stoische Antwort auf das Einlassbegehren von B&#252;rgern (unter denen sich auch Abgeordnete und Besitzer von Einlasskarten befanden) war &#8211; der Saal w&#228;re voll, im Nebengeb&#228;ude w&#252;rde die Veranstaltung &#252;ber Lautsprecher &#252;bertragen.«</p>
<p>Im Saal selbst setzte sich dann die Manipulation fort: »Im Verlauf der Versammlung kam zur Diskussion, dass in drei F&#228;llen Ver&#228;nderungen an den Kandidatenlisten beschlossen worden waren, in den Listen f&#252;r den Stadtbezirk jedoch die urspr&#252;ngliche Form unver&#228;ndert vorliegt. Erst auf die Frage, weshalb die Beschl&#252;sse auf der Wahlkreisebene ignoriert worden w&#228;ren, kam eine Erkl&#228;rung: In zwei F&#228;llen h&#228;tten sich durch die Ver&#228;nderung der Listen auch Ver&#228;nderungen in der Anzahl der Mandatstr&#228;ger ergeben, was nat&#252;rlich nicht ginge.. Im dritten Fall handele es sich um Dr. Adler von der Akademie der Wissenschaften, mit dem der Redner am gleichen Tag telefoniert h&#228;tte. Dr. Adler w&#228;re ganz zufrieden damit, wieder auf die Reservepl&#228;tze zur&#252;ckzurutschen, weil er in der Gewerkschaft so engagiert w&#228;re, dass er eigentlich keine Zeit habe. Dr. Adler war es auch nicht gelungen, in den Hauptversammlungsraum zu gelangen; es war deutlich, dass es ein Telefongespr&#228;ch dieses Inhalts nicht gegeben hat. Es ist Dr. Adler nicht gelungen, pers&#246;nlich oder &#252;ber den &#8216;Telefonapparat im Lautsprechersaal eine Richtigstellung vorzutragen.«</p>
<p>Bei einigen kirchlichen und B&#252;rgerrechtsgruppen f&#252;hrte dieses Verhalten staatlicher Stellen zur Schlussfolgerung, dass man nur durch einen Boykott der Wahlen sein Gesicht wahren k&#246;nne. Solche Erw&#228;gungen stellte zum Beispiel die s&#228;chsische Synode im April 1989 an, und sie finden sich auch in einer Erkl&#228;rung von vier Dutzend B&#252;rgerrechtlern aus dem gleichen Monat. Sie kritisieren darin Wahlsystem und Wahlverfahren und res&#252;mieren: »Die Ergebnisse der Wahlen in der DDR dienen dazu, die tats&#228;chlichen Verh&#228;ltnisse zu verschleiern und ein Einverst&#228;ndnis innerhalb der Bev&#246;lkerung mit der Politik der DDR-Regierung vorzut&#228;uschen, das immer weniger gegeben ist. Die Offenlegung tats&#228;chlich vorhandener Meinungs- und Mehrheitsverh&#228;ltnisse bedeutet eine notwendige Voraussetzung f&#252;r den breiten innergesellschaftlichen Dialog, den wir anstreben. Aus diesen Gr&#252;nden erkl&#228;ren wir, dass wir an den Kommunalwahlen am 7. 5. 89 nicht teilnehmen werden.«</p>
<p>Andere wiederum wollten nicht auf diese Weise resignieren und planten, die Wahl bis zu ihrem Abschluss kritisch zu begleiten. Ihnen ging es vor allem darum, die Exaktheit der Ausz&#228;hlung zu kontrollieren, weil nach den Erfahrungen der Vorwahlzeit zu bef&#252;rchten stand, dass auch hier zu Manipulationen gegriffen w&#252;rde. Jochen Wiegend, Ex-Oberst im MfS, berichtete sp&#228;ter, dass dar&#252;ber exakte Kenntnisse vorlagen. Pfarrer Eppelmann zum Beispiel hatte an Gemeindemitglieder, die sich an der Kontrolle der Ausz&#228;hlung beteiligen wollten, Zettel ausgegeben, in die Ergebnisse der einzelnen Wahllokale eingetragen v/erden sollten. Sie liefen dann noch am Abend des 7. Mai bei ihm zusammen, wurden, in den Computer gegeben, und so hatte die Kirche schnell einen &#220;berblick &#252;ber das Ausma&#223; der Manipulation. Das damalige Politb&#252;ro-Mitglied Werner Jarowinsky, das &#252;ber die Vorhaben der Kirche fr&#252;hzeitig informiert war, ignorierte die Warnungen. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte!</p>
<p>Die Pr&#252;fungsaktion beschr&#228;nkte sich aber nicht auf B&#252;rgerrechtler und Kirchenleute, sondern gingen weit dar&#252;ber hinaus; auch viele SED-Mitglieder waren beteiligt. Sie, die beipielsweise zum Teil deswegen zur Ausz&#228;hlung der Stimmen gingen, um die Richtigkeit des Wahlergebnisses gegen die ihnen als St&#246;renfriede suggerierten B&#252;rgerrechtler zu bezeugen, stellten mit Entsetzen fest, dass tats&#228;chlich get&#228;uscht und verf&#228;lscht wurde. Sie machten Eingaben an ihre Parteisekret&#228;re, ihre Leitungen, sogar ans Zentralkomitee, erhielten aber keine oder nur ausweichende Antworten. Einige wurden beschworen, angesichts der komplizierten Lage stillzuhalten, andere erlebten, dass sich die Staatssicherheit intensiv f&#252;r sie zu interessieren begann. F&#252;r viele der bisher gegen&#252;ber der Partei Gl&#228;ubigen war dies eine Initialz&#252;ndung, die sie zu grunds&#228;tzlichem Zweifel veranlasste und .auch die B&#252;rgerbewegung in einem anderen Licht sehen lie&#223;.</p>
<p>F&#252;r die Staatssicherheit waren nat&#252;rlich all diese demokratischen Bekundungen nichts anderes als »provokatorisch-demonstrative Aktivit&#228;ten«, und die im Wahlgesetz ausdr&#252;cklich festgelegte &#246;ffentliche Ausz&#228;hlung der W&#228;hlerstimmen wurde von ihr faktisch kriminalisiert. In ihrem Bericht an die Partei- und Staatsf&#252;hrung hie&#223; es: »Internen Hinweisen aus allen Bezirken der DDR zufolge wurden insbesondere Mitglieder sogenannter kirchlicher Basisgruppen und Antragsteller auf st&#228;ndige Ausreise erkannt, die sich zur ›Kontrolle‹ bzw. ›&#220;berwachung‹ der Wahlhandlung und Stimmenausz&#228;hlung in Wahllokalen befanden.«</p>
<p>Diese Gruppen stellten Wahlmanipulationen in betr&#228;chtlichem Ausma&#223;e fest. In Berlin dokumentierten sie diese f&#252;r die Stadtbezirke Wei&#223;ensee, Friedrichshain und Prenzlauer Berg und formulierten eine Eingabe gegen die G&#252;ltigkeit der Kommunalwahlen. Obwohl sie die in Sonderwahllokalen bereits vor dem Wahltag abgegebenen Stimmen nicht erfassen konnten (sie machten allein in Wei&#223;ensee etwa ein Drittel aus) und au&#223;erdem auch nicht in allen Wahllokalen pr&#228;sent waren, ermittelten sie durchweg eine h&#246;here Gesamtzahl von Nein-Stimmen bei ihren Beobachtungen als bei der offiziellen Verk&#252;ndigung des Wahlergebnisses f&#252;r den gesamten Stadtbezirk genannt wurden So z&#228;hlten sie in Wei&#223;ensee (ohne Sonderwahllokale) 2224 Gegenstimmen, w&#228;hrend nur 1011 ver&#246;ffentlicht wurden. In Friedrichshain betrug die Differenz gar 4919 zu 1611, und selbst in Prenzlauer Berg, wo nur in einem Drittel der Wahllokale kontrolliert worden war, ermittelten die B&#252;rgerrechtler 2659 Gegenstimmen, w&#228;hrend es im gesamten Stadtbezirk &#8211; nach offizieller Darstellung &#8211; nur 1998 gewesen sein sollen.</p>
<p>&#196;hnliche Diskrepanzen gab es im ganzen Land; sie wurden nicht mehr hingenommen. Insgesamt 800 Eingaben und Einspr&#252;che wurden an die Verantwortlichen f&#252;r die Wahl gesandt, nat&#252;rlich ohne jeden Erfolg. Denn schon unmittelbar nach der Wahl hatte Mielke angewiesen, wie zu reagieren sei. »Die Partei verlangt von uns«, so erinnerte sich Wiegand an seine Worte, »gegen diese feindlichen Aktivit&#228;ten entschlossen vorzugehen«. Und der Befehl wurde &#8211; wie stets &#8211; widerspruchslos erf&#252;llt. Am 19. Mai gab das MfS detaillierte Hinweise heraus, wie gegen die Eingaben, aus seiner Sicht »provokative rechtswidrige Handlungen«, vorzugehen sei: »1. Wird festgestellt, dass Personen die Ergebnisse der Kommunalwahlen in der &#214;ffentlichkeit herabw&#252;rdigen, sind entsprechende Pr&#252;fungshandlungen einzuleiten &#8230; 2. Sachlich gehaltene Eingaben, andere Schreiben oder Erkl&#228;rungen zum Wahlergebnis an staatliche Organe sind den &#246;rtlichen Wahlkommissionen zu &#252;bergeben. Die Sekret&#228;re der Wahlkommissionen werden wie folgt antworten: ›Die Wahlkommission hat anhand der von den Wahlvorst&#228;nden entsprechend § 39 Absatz 1 des Wahlgesetzes exakt gefertigten Niederschriften die ordnungsgem&#228;&#223;e Durchf&#252;hrung der Wahlen gepr&#252;ft, das Wahlergebnis festgestellt und ver&#246;ffentlicht. Dem ist nichts hinzuzuf&#252;gen.‹ Auf jeden Fall ist zu vermeiden, dass zur Sache selbst oder zu den angeblichen Fakten argumentiert wird. Schreiben, die vorher den westlichen Medien &#252;bermittelt worden sind, werden nicht bearbeitet &#8230; Anzeigen, die nach § 211 Strafgesetzbuch erstattet werden, sind ohne Kommentar entgegenzunehmen. Nach Ablauf der vorgesehenen Fristen f&#252;r die Anzeigenbearbeitung ist von dem jeweils zust&#228;ndigen Organ zu antworten, dass keine Anhaltspunkte f&#252;r den Verdacht einer Straftat vorliegen. Au&#223;erdem ist auf die offizielle Verlautbarung &#252;ber die ordnungsgem&#228;&#223;e Durchf&#252;hrung der Wahlen zu verweisen. Beschwerden gegen die getroffenen Entscheidungen sind gem&#228;&#223; § 91 StPO zu bearbeiten und abschl&#228;gig zu entscheiden.« Und dazu kamen die speziellen »Ma&#223;nahmen« der Sicherheitsorgane selbst: »Die Leiter der operativen Diensteinheiten haben zu sichern, dass die gr&#252;ndliche operative Durchdringung feindlicher, oppositioneller und anderer negativer Personenkreise vor allem mit dem Ziel erfolgt, weitere beabsichtigte Aktivit&#228;ten zur Diskreditierung der Ergebnisse der Kommunalwahlen t rechtzeitig zu erkennen und vorbeugend zu verhindern. Bei Vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen sind operative Personenkontrollen durchzuf&#252;hren bzw. diese Personen in operativen Vorg&#228;ngen zu bearbeiten.«</p>
<p>Dabei wusste das MfS ganz genau, dass die Wahlresultate gesch&#246;nt waren, denn seiner l&#252;ckenlosen Beobachtung war die Zunahme der Gegenstimmen nicht entgangen. In einem Bericht beschrieb es das so: »Feindliche, oppositionelle Kr&#228;fte, die im Verh&#228;ltnis zu vorangegangenen analogen Anl&#228;ssen in gr&#246;&#223;erer Zahl an den Wahlen teilnahmen, und ein erheblicher Anteil von Antragstellern auf st&#228;ndige Ausreise, die im Zusammenhang mit der Wahlhandlung als solche erkannt wurden, suchten die Wahlkabinen auf und nahmen Streichungen einzelner bzw. aller Kandidaten vor.« Und auch Egon Krenz best&#228;tigte in einem Gespr&#228;ch nach der Wende faktisch, dass es am 7. Mai 1989 zu Wahlf&#228;lschungen kam. Zwar blieb er bei seiner Behauptung, er habe niemals Anweisung dazu gegeben, das Wahlergebnis zu manipulieren und das der zentralen Wahlkommission &#252;bermittelte Resultat exakt feststellen lassen, aber auf dem Weg dahin h&#228;lt er manches f&#252;r m&#246;glich: »Seit 1950 hatten sich Mechanismen herausgebildet, da&#223; das Wahlergebnis jeweils mindestens so gut wie vorher sein sollte. Dazu brauchte man keine zentralen Beschl&#252;sse; das war Bestandteil der Zahlenhascherei, die es ja auf vielen Gebieten gab.« Er r&#228;umte jedoch ein, dass &#8211; auch durch ihn &#8211; die Hartn&#228;ckigkeit der oppositionellen Gruppen bei der &#220;berpr&#252;fung der Wahlergebnisse untersch&#228;tzt worden sei und man deshalb falsch reagiert habe.</p>
<p>Die B&#252;rgerrechtler jedenfalls lie&#223;en sich durch die Zur&#252;ckweisung ihrer Kritik nicht beirren. Sie sp&#252;rten die Zunahme des Unmuts auch in der Bev&#246;lkerung, der schon am Wahltag deutlich zum Ausdruck gekommen war. So stellte die Staatssicherheit in ihrem Rapport &#252;ber den Wahlablauf fest<br />
» &#8211; verst&#228;rkte Nutzung der Sonderwahllokale f&#252;r die Durchf&#252;hrung der Wahlhandlung,<br />
- eine Zunahme der Zahl von Personen, die zur Durchf&#252;hrung der Wahlhandlung die Wahlkabinen aufsuchten, darunter ein erheblicher Anteil von Personen bis 25 Jahre sowie religios gebundene Kr&#228;fte,<br />
- eine Zunahme der Zahl von Personen, die ung&#252;ltige Stimmzettel abgaben bzw. gegen die Kandidaten der Nationalen Front stimmten und mehrfach Wahlscheine mit zus&#228;tzlichen Texten versahen.«</p>
<p>Angesichts der wachsenden Unzufriedenheit beschlossen die Oppositionellen, durch weitere Aktionen wieder und wieder den Wahlbetrug anzuprangern, auch wenn das noch immer gef&#228;hrlich war. Besonders j&#252;ngere, neu zur Opposition gesto&#223;ene Unzufriedene wollten sich auf keine Kompromisse mehr einlassen. »Von diesen neuen Leuten, die sich hier engagierten, hatte ich hohen Respekt«, sagte Manfred Stolpe, damals Konsistorialpr&#228;sident der evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg, sp&#228;ter dazu, »Das waren. auch aus dem kirchlichen Bereich solche, die &#252;ber die Vorstellungen der etablierten Gruppen hinausgingen. Diese waren zum Teil schon oder noch zu vorsichtig und wurden daf&#252;r kritisiert.«</p>
<p>Im ganzen Land kam es zu Protesten. In Leipzig artikulierten sie sich schon bei einem Gottesdienst in der Nikolaikirche am 8. Mai. Auch in anderen St&#228;dten wurden offene Aufragen an den Staat gerichtet. Am 7. Juni, genau einen Monat nach der Wahl, trafen sich Berliner Oppositionelle vor dem Konsistorium der Evangelischen Kirche in der Neuen Gr&#252;nstra&#223;e. Sie planten einen Schweigemarsch zum Staatsratsgeb&#228;ude, wo sie eine Eingabe gegen die Wahlmanipulation abgeben wollten. Doch die Staatssicherheit war rechtzeitig zur Stelle. Sie hatte schon am Tage zuvor sogenannte Vorbeugungsgespr&#228;che mit 18 Organisatoren des Marsches gef&#252;hrt, »in denen ihnen die Auflage erteilt wurde, sich an dem geplanten Vorhaben nicht zu beteiligen«. Am 7. Juni kontrollierte das MfS permanent die Umgebung des Konsistoriums und hatte ein besonderes Auge auf ca. 160 B&#252;rgerrechtler, die bereits auf der schwarzen Liste des Ministeriums standen. 48 von ihnen wurden festgenommen, weil sie »zum f&#252;r die Provokation vorgesehen Zeitpunkt versuchten, in die Neue Gr&#252;nstra&#223;e zu gelangen und die entsprechende Weisung der Einsatzkr&#228;fte zur Umkehr negierten«.</p>
<p>Als die Organistoren merkten, dass der Protestmarsch nicht stattfinden konnte, setzten sie f&#252;r den Abend eine Informationsveranstaltung in der Sophienkirche an. Dort berichteten zwei Pastoren &#252;ber das Geschehen am Konsistorium und stie&#223;en dabei auf zunehmende Ungeduld der Versammelten. Sie wollten nicht l&#228;nger &#8211; abgeschlossen in kirchlichen R&#228;umen &#8211; ihre Wunden lecken, sondern ihrer Stimme &#246;ffentlich Geh&#246;r verschaffen. Trotz Warnungen der Kirchenleute setzte sich bald die erste Gruppe der 150 bis 200 Anwesenden zu einem Demonstrationszug in Bewegung, der nat&#252;rlich sofort auf massiven Polizei-Widerstand traf. Wurde erst noch versucht zu verhandeln und die Genehmigung eines friedlichen Aufmarsches zu erreichen, so zeigte der Staat bald seine geballte Faust. Die Umweltbl&#228;tter schilderten die Vorg&#228;nge: »W&#228;hrenddessen waren auf der linken Seite 5 LOs und ein Toniwagen der Polizei vorgefahren, und auf der den Demonstranten gegen&#252;berliegenden Stra&#223;enseite ballten sich 150 &#8211; 200 Stasi-Leute. Von der Polizei war das Kommando ›Absitzen! Gummikn&#252;ppel! Einsatz!‹ zu h&#246;ren. Nach der offiziellen Aufforderung, den Platz zu verlassen, dr&#228;ngen sofort 10 bis 20 Polizisten auf der linken Seite der sitzenden Menschentraube ein, w&#228;hrend die gesamte Masse der Stasi-Leute, ebenfalls mit Gummikn&#252;ppeln ausger&#252;stet, in der Mitte einen tiefen, dicht gestaffelten Keil bildeten. Unter ihnen waren viele, die die Gummikn&#252;ppel benutzten, und an den Haaren wurden die Sitzenden hochgezerrt und in drei rechts stehende Stasi-Busse geschleppt. Auch die Polizei war von unerh&#246;rter Brutalit&#228;t. Die gr&#246;&#223;te Masse der Demonstranten blieb sitzen und wehrte sich nicht. Nur wenige lie&#223;en sich von den brutalen Exzessen der Sicherheitskr&#228;fte provozieren. Ihr Einsatz war eindeutig MfS-geleitet und wurde von dessen Offensive gekennzeichnet. Der Stasi-Keil wurde bis zum Tor des Sophiengel&#228;ndes vorgetrieben. Alle, die sich bis dahin nicht auf das Gel&#228;nde zur&#252;ckgezogen hatten, etwa 75 bis 80 Leute, wurden abtransportiert. Beobachtet wurde die Abfahrt von zwei gef&#252;llten Stasi-Bussen, so dass man mit der Festnahme von etwa 150 Leuten rechnen muss. Nach diesen Festnahmen zogen sich die Stasi-Leute wieder auf die gegen&#252;berliegende Stra&#223;enseite zur&#252;ck. Verhandlungen der Pfarrer &#252;ber die Freilassung der Festgenommenen erwiesen sich als fruchtlos. Es kam zu gegenseitigen Beschimpfungen. Ein Stasi-Mann in gelbem Blouson: ›Ihr paar Leute. Wir holen noch eine Hundertschaft ran, und dann hauen wir euch richtig!‹«</p>
<p>Dennoch kam es einen Monat sp&#228;ter, am 7. Juli, erneut zu Aktionen, und diese wiederholten sich an jedem folgenden 7. des Monats &#8211; bis in den Herbst hinein, wo sie in die gro&#223;en Massendemonstrationen m&#252;ndeten, die die V/ende herbeif&#252;hrten. Aber auch zwischendurch war die Kritik am Wahlbetrug nie verstummt; er erwies sich als jener ber&#252;hmte Tropfen, der das Fass zum &#220;berlaufen brachte und vielen im Lande endg&#252;ltig die Augen &#246;ffnete, mit welcherart F&#252;hrung sie .es zu tun hatten. Auch der damalige Berliner evangelische Bischof Dr. Forck sah in den Auseinandersetzungen um die Kommunalwahlen den Beginn einer neuen Qualit&#228;t des Protestes gegen die offizielle Politik: »H&#228;tte der Staat eine vern&#252;nftige Wahl zugelassen und echte Ergebnisse mitgeteilt, w&#228;ren vielleicht nur eine achtzigprozentige Teilnahme und etwa zehn Prozent Gegenstimmen herausgekommen. Indem er aber in alter Weise verfuhr und alle Einspr&#252;che abwehrte, jede Unregelm&#228;&#223;igkeit abstritt und die Kritiker verleumdete, indem er sich so stur verhielt, l&#246;ste er neue Proteste, neue Aktionen aus.«</p>
<p>Forck stellt diese Ereignisse in eine Reihe mit den Protesten gegen die offizielle DDR-Haltung zur Niederschlagung von Studentendemonstrationen in China Anfang Juni des gleichen Jahres. »Auch hier«, so sagte er, »h&#228;tte der Staat eine ma&#223;volle Stellungnahme abgeben k&#246;nnen, mit dem Ausdruck des Bedauerns, aber die eindeutige Erkl&#228;rung f&#252;r die chinesische F&#252;hrung und die Darstellung der Ereignisse in Form einer Gr&#228;uelpropaganda l&#246;sten bei vielen Menschen die Frage aus: Wo leben wir eigentlich?«</p>
<p>Doch der Staat war zu gem&#228;&#223;igter Reaktion schon lange nicht mehr in der Lage. Jede &#196;u&#223;erung von Unmut und Protest wurde mit drakonischen Ma&#223;nahmen beantwortet. Das mussten auch die jungen Leute erfahren, die auf das Massaker in China mit einem sogenannten Trommelfasten und Klagegottesdiensten als Zeichen ihrer Trauer reagierten. Der Staat intervenierte massiv bei<br />
der Kirche, diese Aktionen sofort zu unterbinden und drohte unverh&#252;llt Zwangsma&#223;nahmen an. Er erreichte jedoch nur, dass die Au&#223;enwirkung dieser Demonstrationen begrenzt blieb; sie selbst konnte er nicht unterbinden. Wie die Staatssicherheit in ihren Berichten feststellte, »&#8230; waren beide Veranstaltungen geeignet und darauf ausgerichtet, die Politik der DDR, insbesondere die Informationspolitik, zu verunglimpfen, feindliche, oppositionelle Kr&#228;fte und deren Sympathisanten/Mitl&#228;ufer politisch negativ zu beeinflussen sowie den in j&#252;ngster Zeit feststellbaren zunehmenden Aktionismus derartiger Kr&#228;fte weiter zu f&#246;rdern«.</p>
<p>Tats&#228;chlich gingen die Trommelaktionen mit Kundgebungen vor allem vor der chinesischen Botschaft in Pankow einher, gegen die die Staatssicherheit in der schon gewohnten Weise einschritt. Auch hier wieder ein Bericht der Umweltbl&#228;tter : »Im Zusammenhang mit dem Terror gegen Studenten und Bev&#246;lkerung in China kam es in Berlin zu zahlreichen Demonstrationen mit dem Ziel der chinesischen Botschaft. Ziel war jeweils die &#220;berreichung von Protesterkl&#228;rungen gegen den Terror der Sicherheitsorgane &#8230; Gemeinsam ist, dass jeweils bis zu 50 Passanten an unterschiedlichen Punkten der Strecke zur Botschaft festgenommen wurden. Besonders brutal war das Vorgehen der Sicherheitsorgane am Donnerstag, den 22. Juni, als etwa ein weiterer Zug von der Pankower Kirche in Richtung chinesische Botschaft aufbrach. W&#228;hrend fr&#252;her Pfarrer und kirchliche Angestellte v&#246;llig unbehelligt blieben, wollten die Sicherheitsorgane diesmal offenbar ein Exempel statuieren. Zwei engagierte Diakone wurden verletzt, der eine, w&#228;hrend er festgenommen wurde und bewusst mit dem Kopf auf den Boden geschlagen wurde. Die Kopfwunden und eine Gehirnersch&#252;tterung ›infolge polizeilicher Einwirkung‹ wurden von einem Arzt best&#228;tigt. Der andere wurde w&#228;hrend der Vernehmung nackt ausgezogen und zusammengeschlagen, und zwar in der bewussten ›geschickten‹ Art, die h&#246;chstens als blaue Flecken resp.. sp&#228;terer Leberschaden sichtbar ist.«</p>
<p>Aus diesen versch&#228;rften Repressionsma&#223;nahmen wird die wachsender Nervosit&#228;t der Partei- und Staatsorgane sowie ihrer Sicherheitskr&#228;fte erkennbar. Denn nicht nur gegen die« offenen Proteste gegen die Politik der F&#252;hrung war diese zunehmend machtlos, sondern mehr noch gegen eine andere Form der Verweigerung &#8211; die sprunghaft steigenden Ausreiseantr&#228;ge. Schon im Oktober 1988 hatte Manfred Stolpe auf die Zuspitzung dieses Problems aufmerksam gemacht: »Man hat in der Gesellschaft verkannt, dass die &#228;u&#223;ere Anpassung an die Verh&#228;ltnisse dennoch innere Abwendung erm&#246;glicht. Das ist offenbar in nicht wenigen F&#228;llen geschehen, dass Menschen sich &#228;u&#223;erlich total angepasst haben bis hin zum Kirchenaustritt. Und aus diesem Kreis kommt die Masse der Antragsteller. Diese Menschen haben sich innerlich abgewendet und ihr Herz bereits &#252;ber die Mauer geworfen. Das ist meines Erachtens eine ganz zentrale Frage an die Gesellschaft: Was wurde falsch gemacht, dass Menschen zu solchen Haltungen kommen, dass sie zu solcher Anpassung erzogen und verbogen wurden? Jetzt r&#228;cht sich das.«</p>
<p>(Zur Ausreisewelle aus der DDR und zur Widerspiegelung der sich beschleunigenden Erosionsprozesse in ihren Medien folgt demn&#228;chst ein zweiter Teil.)</p>
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