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	<title>blogsgesang.de &#187; Gysi</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Merkel managt den Bedeutungsschwund der Politik</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Jul 2010 13:43:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In der Politik ist es wie im wirklichen Leben. Da kann es – im Unternehmen, der Beh&#246;rde, dem wissenschaftlichen Institut – noch so kluge Geister geben, kreative Denker, innovative Macher; das Sagen aber haben am Ende sie alle nicht, sondern nur der, der &#252;ber das n&#246;tige Geld verf&#252;gt. Er – oder sie – bestimmt, was [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der Politik ist es wie im wirklichen Leben. Da kann es – im Unternehmen, der Beh&#246;rde, dem wissenschaftlichen Institut – noch so kluge Geister geben, kreative Denker, innovative Macher; das Sagen aber haben am Ende sie alle nicht, sondern nur der, der &#252;ber das n&#246;tige Geld verf&#252;gt. <span id="more-1810"></span>Er – oder sie – bestimmt, was gemacht wird, und er – oder sie – st&#252;tzt sich dabei auf jene Leute, die diesen Willen am effizientesten umsetzen k&#246;nnen – im Zweifel ohne jede R&#252;cksichtnahme auf Leute, die der Geldgeber in seiner Wirkung f&#252;r marginal und deshalb f&#252;r irrelevant h&#228;lt.</p>
<p>Im Denken des Kapitalisten, wie wir zu Recht den kollektiven Geldgeber unserer Zeit nennen k&#246;nnen, hat Politik stets nur eine dienende Funktion. Sie war vor allem in Zeiten willkommen, als es weltweit eine politische Alternative gab; da hatte sie die Aufgabe, diese Alternative zu b&#228;ndigen und ihre Wirkung auf das kapitalistische Wirtschaften m&#246;glichst klein zu halten. Dieser Auftrag an die Politik ist derzeit weggefallen, und auch ihre innere Funktion, die Bev&#246;lkerung im Sinne kapitalistischen Denkens zu formieren, hat dadurch an Bedeutung verloren.</p>
<p>Inzwischen hat die Wirtschaft mit ihren riesigen und weit verzweigten Lobbyverb&#228;nden sowohl diese propagandistische Ausrichtung als auch – und vor allem – einen Kernbereich der Regierungst&#228;tigkeit, die Gesetzgebung, schon weitgehend &#252;bernommen. Sogar exekutive Aufgaben zieht sie immer weiter auf sich – wenn man an die zahllosen Wach- und Sicherheitsdienste im Innern und Privatarmeen im Ausland denkt. Politik reduziert sich so immer mehr aufs Verwalten, auf b&#252;rokratische Vollzugsvorg&#228;nge dessen, worauf die Politik inhaltlich kaum noch Einfluss hat. Und auch da nur auf eher Nebens&#228;chliches, w&#228;hrend die Wirtschaft die entscheidenden Abl&#228;ufe unter ihrer Kontrolle h&#228;lt.</p>
<p>Vor solchem Hintergrund ist logisch, dass vor allem Politiker, die sich – wie immer man sich zu ihnen inhaltlich stellen mag – <a href="http://www.taz.de/1/debatte/sonntazstreit/artikel/1/zwei-oder-drei-legislaturperioden-reichen/" target="_blank"><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/003402d8c4554ab481a190d3b4888a9f" alt="" width="1" height="1" />nicht auf solches Verwalten reduzieren lassen</a>, sondern tats&#228;chlich noch gestalten wollen, zunehmend desillusioniert sind und sich andere Bet&#228;tigungsfelder suchen. Einige von ihnen mussten zwar erst durch die W&#228;hler unsanft auf ihre Wirkungslosigkeit hingewiesen werden und gingen nur z&#246;gernd. Dazu geh&#246;rten nicht allein die jetzt genannten J&#252;rgen R&#252;ttgers oder Dieter Althaus, sondern zuvor schon ein Gerhard Schr&#246;der, ein Joschka Fischer und ein Franz M&#252;ntefering. Andere, die kl&#252;geren zumeist, zogen selbst die Konsequenz, wie jetzt Roland Koch und Ole von Beust, auf andere Art auch Christian Wulff demonstrierten. Und vor allem Horst K&#246;hler, der auch jene Ebene kennt, wo die wirklichen Entscheidungen fallen – und sich pl&#246;tzlich auf der falschen Seite sah. Sie alle folgten damit &#252;brigens einem Oskar Lafontaine, der bereits vor mehr als zehn Jahren die Au&#223;ensteuerung der Politik erkannte, aber auch einem Gregor Gysi, der es ihm kurzzeitig – frustriert von seinem Senatsamt – gleichtat.</p>
<p>Dass es derzeit eine H&#228;ufung solcher erzwungenen wie freiwilliger R&#252;cktritte gibt, ist teils vielleicht Zufall; noch mehr aber verweist es vor dem Hintergrund der Vorg&#228;nge auf den Finanzm&#228;rkten und ihren n&#246;tigenden Auswirkungen auf die Politik auf deren eklatanten Bedeutungsschwund fast hinunter auf Null. ,</p>
<p>Es macht vielleicht die <a href="http://www.stern.de/politik/deutschland/angela-merkel-im-sommer-2010-mutti-braucht-gar-keinen-urlaub-1585845.html" target="_blank">St&#228;rke von Angela Merkel </a>aus, dass sie – ganz anders beispielsweise als die sich in allerlei Spekulationen ergehenden Medien – diesen Sachverhalt offensichtlich begriffen hat. Sie wei&#223; wohl mit ihrer Pr&#228;gung durch die Naturwissenschaft l&#228;ngst, welches die Triebkr&#228;fte der gegenw&#228;rtigen Gesellschaft sind und wie wenig sie als Politikerin darauf wirklich Einfluss nehmen kann. Ihrem <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/12/19/angela-merkel-die-minimalsekretaerin/" target="_blank">Naturell</a>, das ohnehin langfristigen Konzepten oder gar Visionen wenig abgewinnen kann, kommt das entgegen. Sie sieht ihre Daseinsberechtigung allein darin, den objektiven Bedeutungsschwund der Politik einigerma&#223;en zu managen, den Laden, wie sie gern sagt, zusammen zu halten.</p>
<p>Darin unterscheidet sie sich auch von Guido Westerwelle, der noch glaubt, Politik gestalten zu k&#246;nnen und damit gerade grandios scheitert. In diesem ma&#223;losen Anspruch des FDP-Vorsitzenden zeigt sich auch seine Beschr&#228;nktheit – ist es doch seine Partei, die mit ihrem politischen Credo, den Staat zu entmachten und ihm dazu als erstes die Finanzmittel zu entziehen, besonders intensiv auf den Bedeutungsschwund der Politik hinarbeitet.</p>
<p>Was die Kanzlerin betrifft, kann man ihr unter den obwaltenden Verh&#228;ltnissen durchaus noch eine Zukunft voraussagen. Das Managen politischen Bedeutungsschwundes bedarf keiner weltanschaulich ausgerichteten Parteien mehr – weshalb diese auch in einer tiefen Krise stecken. Es bedarf lediglich eines geschickten Managers – oder einer Managerin, der/die richtigen, weil geistesverwandten Personen um sich sammelt. Deren politische Meinung ist sekund&#228;r, und so sollten sie selbst sie auch behandeln. Angela Merkel hat so mit der SPD vier Jahre regiert. Sie bringt dergestalt gerade FDP und CSU auf Linie und k&#252;mmert sich kaum um die Befindlichkeiten der eigenen Partei. Sie wird vielleicht geeignete Partner bei den Gr&#252;nen oder anderswo finden. F&#252;r das, was Politik derzeit noch bewegen kann, reichen derlei kleine Br&#246;tchen allemal.</p>
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		<title>Gysi trifft Zeitgenossen</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Apr 2010 15:57:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Seit dem Fr&#252;hjahr 2003 steht im Spielplan des Deutschen Theaters Berlin »Gregor Gysi trifft Zeitgenossen«. An einem angemessenen Ort also befragt der Bundestagsfraktionschef DIE LINKE prominente G&#228;ste nach deren Leben und Sicht auf die Zeitl&#228;ufte mit ihren kulturellen und politischen Lichtpunkten, Verwerfungen und Herausforderungen. Gen&#252;gend Zeit, um Zwischenbilanz &#252;ber ein DT-Unternehmen zu ziehen, das sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center"><strong>Seit dem Fr&#252;hjahr 2003 steht im Spielplan des Deutschen Theaters Berlin </strong><strong>»Gregor Gysi trifft Zeitgenossen«. An einem angemessenen Ort also befragt der Bundestagsfraktionschef DIE LINKE prominente G&#228;ste nach deren Leben und Sicht auf die Zeitl&#228;ufte mit ihren kulturellen und politischen Lichtpunkten, Verwerfungen und Herausforderungen.</strong> <strong>Gen&#252;gend Zeit, um Zwischenbilanz &#252;ber ein DT-Unternehmen zu ziehen, das sich ungebrochener Zuwendung erfreut.<span id="more-1583"></span></strong> </p>
<p style="text-align: center"><strong> </strong> </p>
<h2 style="text-align: center"><span style="text-decoration: underline">»Du kannst nie tiefer fallen</span></h2>
<h2 style="text-align: center"><span style="text-decoration: underline">als in Gottes Hand&#8230;«</span></h2>
<p style="text-align: center">  </p>
<address><strong>Text und Fotos: Rudolf Hempel</strong></address>
<p>Die Schlange vor der Kasse w&#228;re so lang wie vor jeder Premiere, schreibt anerkennend der FREITAG am 14. M&#228;rz 2003 im Beitrag »Gespr&#228;ch vor Goldfischen«. Allerdings sei »das Objekt der Begierde« keine neue Inszenierung, sondern eine neue Gespr&#228;chsrunde, die am Sonntagmorgen im Deutschen Theater Berlin aus der Taufe gehoben werde. Deren Sinn und Zweck zum Matinee-Auftakt mit Peter Zadek von DT-Intendant Bernd Wilms mit »Blick &#252;ber den Tellerrand« und Talenten von Gysi begr&#252;ndet wird, »die uns Theaterleuten nicht unsympathisch sind«, was genau er damit auch gemeint haben mag. </p>
<p>Gysi-Zadek, das also ist der Auftakt. Inzwischen gibt es mehr als 50 dieser Begegnungen der besonderen Art. Auf  jenen Brettern, die seit 1850 quasi system&#252;bergreifend und einander ausschlie&#223;end &#8211; Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, DDR, wiedervereintes Deutschland – weit mehr als nur die (Theater) &#8211; Welt bedeuten. Der Gastgeber erwarb sich in den zur&#252;ckliegenden zwei Jahrzehnten deutschlandweit einen guten Ruf. Man kennt ihn im Osten wie im Westen. In ma&#223;geblichen Partei&#228;mtern stieg er als streitbarer Denker, begnadeter Selbstdarsteller, Buchautor und Hoffnungstr&#228;ger zum Verk&#252;nder linker Glaubenss&#228;tze auf. Zunehmend wird er ob inhaltlicher Kompetenz und volksnaher Originalit&#228;t auch vom politischen Gegner akzeptiert. Nicht nur im Bundestag. </p>
<p>Politische Gegner d&#252;rften unter den Zuh&#246;rern im DT  eher die Ausnahme sein. Hier dominiert offensichtlich ein vornehm gekleidetes Berliner Bildungsb&#252;rgertum. Die Sympathisanten kennen sich. Gestenreich artikulieren Damen und Herren mittleren und h&#246;heren Alters ihre Erwartungen an den zeitgen&#246;ssischen Disput, ehe sie heiter gestimmt Platz nehmen. </p>
<h2>Exorbitante G&#228;steliste</h2>
<p>Nicht ganz so dominierend, originell, anregend und unterhaltsam wie Gysi das politische Spektrum des Landes mit der Farbe Rot versieht, erleben ihn die zur H&#228;lfte seinetwegen, zur anderen H&#228;lfte um der G&#228;ste willen Gekommenen knappe zwei Sonntagsstunden. Auf der von einer eher k&#252;hlen R&#252;ckwand, designlosen Sesseln und einem Goldfische-Aquarium bescheiden dominierten B&#252;hne kann (und will?) sich der Moderator nur eingeschr&#228;nkt entfalten. Strahlkraft und Potential seiner Gespr&#228;chspartner aus Kultur, Politik, Wissenschaft, Sport, Literatur und Journalismus sind geradezu exorbitant. Der G&#228;stelisteabriss spricht B&#228;nde. </p>
<p>Auf Zadek folgen im »Startjahr« Daniel Barenboim, Frank Castorf, G&#252;nter Gaus und die »Intimfeinde« Martin Walser (»Tod eines Kritikers«) und Marcel Reich-Ranicki. Denen schlie&#223;en sich Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, Egon Bahr, Oskar Lafontaine und Gesine Schwan an. Es folgen 2005 Alfred Hrdlicka, Benno Besson, Heiner Gei&#223;ler, Walter Jens und Berlins Regierender Klaus Wowereit. Danach sitzen Armin M&#252;ller-Stahl, Klaus Maria Brandauer, Klaus Staeck und im Jahre 2007 Hermann Kant, Wolfgang Leonhard, Peter Scholl-Latour und Filmregisseur Kurt Maetzig dem Fragensteller mit dem Wikipedia-Zettelkasten gegen&#252;ber. </p>
<div id="attachment_1640" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-k&#228;&#223;mann1.jpg"><img class="size-medium wp-image-1640 " src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-k&#228;&#223;mann1-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/33d46f16bab1497eadd54b6665fa0607" alt="" width="1" height="1" /></a><p class="wp-caption-text">Zwei Sessel, zwei Karaffen, zwei Gl&#228;ser, zwei Goldfische: zwei Personen - Gysi und K&#228;&#223;mann</p></div>
<p>Heinz Florian Oertel und Fu&#223;balltrainer Hans Meyer sowie die &#252;ber l&#228;ngere Zeiten eng mit dem DT liierten Bernd Wilms, Gisela May und Inge Keller folgen. Ehe sich G&#252;nter Wallraff, Norbert Bl&#252;m, Peter Sodann, Hape Kerkeling, der holl&#228;ndische Schriftsteller Cees Nooteboom und »Multiprovokateur« Christoph Schlingensief im Sessel platzieren. Zu Jahresbeginn ist Landesbisch&#246;fin und EKD-Ratsvorsitzende Margot K&#228;&#223;mann zu Gast. Sie sorgt schon vor dem Gespr&#228;ch, noch viel mehr aber danach, f&#252;r Schlagzeilen. </p>
<p>So unvollst&#228;ndig diese Aufreihung auch ist, sie  vermittelt doch wenigstens eine herausfordernde Ahnung &#252;ber die durch Gysi und G&#228;ste provozierten neuen Erkenntnisse und tieferen Einsichten. und den Wert von Unterhaltung, die den Namen auch verdient. Bei allen Unterschieden in  Temperament und Tiefgang, Bildung und Unterhaltung kommen am Sonntag nie zu kurz. Die B&#252;hnenakteure  als personifiziertes Spiegelbild deutscher Politlandschaft: Nur selten ist Revolution angesagt, Reform dominiert. Das Bildungsb&#252;rgertum sieht sich eher best&#228;tig als herausgefordert. Gysi hat f&#252;r beide Varianten Verst&#228;ndnis und auch Vorschl&#228;ge. </p>
<h2>Zustimmung und (fragw&#252;rdige) Kritik</h2>
<p>Keine Frage, dass auch die Medien eine DT-Premiere der besonderen Art mit ihrem Kommentar begleiten. Im <em>Neuen Deutschland</em> komprimiert Hans-Dieter Sch&#252;tt: »Das Gespr&#228;ch erz&#228;hlt ein Leben«. Der Beitrag »Heiter zwischen allen St&#252;hlen« konstatiert »knallvoll bis unters Dach«, analysiert tiefsch&#252;rfend und umfassend das Ph&#228;nomen Zadek. &#220;ber dessen &#196;u&#223;erungen zu Brecht, zum BE und dessen (gescheitertem) deutsch-deutschen Viererdirektorium-Experiment. Integriert an passender Stelle ein zustimmendes Publikum. Erw&#228;hnt am Schluss Gysis Ehrenrettungsversuch in eigener Sache: reiner Pragmatismus ruiniere einen Politiker ebenso wie ein Schwelgen in Visionen, das ohne Bodenhaftung im realen Leben der Gesellschaft bleibe. </p>
<p>Soweit die sozialistische Tageszeitung. Es gibt aber auch kritische Stimmen. In <em>Theater heute</em> 04/03 ist unter »Meister und Mustersch&#252;ler« zu lesen: »Gysi, der als Politiker meist als pointensicherer Paradiesvogel daherkam, ist als Talkmaster ein Papiertiger&#8230;« Um dann den so k&#252;hnen wie &#8211; auf Gysi bezogen &#8211; fragw&#252;rdigen Schluss zu pr&#228;sentieren: »Politiker sind anscheinend nur eitel, nicht aber neugierig auf andere Menschen«. Der <em>Tagesspiegel</em> attestiert in »Der ewige Provo« dem Moderator immerhin ein Reaktionsverm&#246;gen der besonderen Art. Nachdem Zadek sich eine Stunde lakonisch und witzig &#252;ber seine Lehr- und Meisterjahre ge&#228;u&#223;erte habe, sei er pl&#246;tzlich mit der Bemerkung »Ich muss mal pinkeln« aufgestanden und von der B&#252;hne verschwunden. Gysi aber h&#228;tte das Treffen mit dem – vor&#252;bergehend &#8211; abwesenden Zeitgenossen fortgesetzt, so als w&#228;re der weiterhin anwesend. Und spricht &#252;ber Weltgeschehen, Sicherheitsrat und Politik. </p>
<p>Die <em>Berliner Morgenpost</em>, mit ihrer braunen Vergangenheit bekannterma&#223;en in rechter Richtung meilenweit entfernt von linker Offenbarung Gysischer oder Sch&#252;ttscher Pr&#228;gung, schreibt in »Zettelwirtschaft«: »Er klebte am Zettelkasten, vollgestopft mit allerlei Angelesenem &#252;ber einen der ber&#252;hmtesten Regisseure Europas«. Mit herablassendem Unterton formuliert das Blatt: »Alles ein bisschen wie auf der Volkshochschule, die ihren Theaterkurs kr&#246;nt mit einem Superstar, der in gelassener Weisheit ein wenig im N&#228;hk&#228;stchen kramt«. Konstatiert in gleicher Tonlage, mit Seiten-blick auf den Gast, das Gespr&#228;ch sei »keine verlorene Zeit«. Um schlie&#223;lich die Grundsatzfrage zu stellen: »Aber muss man daf&#252;r extra einen Sonntagvormittag opfern? Oder anders: Muss man daf&#252;r einen Gysi engagieren? Wahrscheinlich kommt der nur als Solist in Hochform.« </p>
<h2>Antwort des Publikums</h2>
<p>Es ist das gute Recht der MoPo solche Fragen so zu stellen. Das Deutsche Theater hat die Antwort darauf, grunds&#228;tzlich und auch bez&#252;glich des »Hochform-Verdikts«, schon vorher gegeben. Birgit Rasch, sie betreut die Gysi-Reihe, &#252;ber das DT-Konzept: »Im Mittelpunkt der Matinee steht der Gast. Es geht um seine Biografie, sein k&#252;nstlerisches und politisches Werk, seine Sicht auf die Welt. Gregor Gysi versteht sich als Gastgeber, stellt Fragen und macht kurze Anmerkungen.« Das Publikum akzeptiert diesen Anspruch grunds&#228;tzlich und honoriert ihn dauerhaft: Bis heute sind die »Treffen der Zeitgenossen« ausverkauft. Stammgast Dr. Siegfried Weidauer: »Unser Freundeskreis kommt schon allein wegen Gysi. Der Mann hat einfach politisches Format. Das ist selten in diesem Land. Er ist immer ziemlich gut vorbereitet, stellt kurze, pr&#228;zise Fragen und verh&#228;lt sich, was ihn selbst angeht, im Gegensatz zu anderen &#246;ffentlichen Auftritten hier eher zur&#252;ckhaltend. Der Matineebesuch ist f&#252;r mich,  meine Frau und die Freunde ein echter Gewinn. Nat&#252;rlich auch wegen solch unterschiedlicher  Prominenz wie Nooteboom,  Kerkeling oder Christoph Schlingensief.« </p>
<p>Der Mediziner im Ruhestand und Fu&#223;ballfan aus Passion ist auch dabei, als der aus Jena stammende Fu&#223;balltrainer Hans Meyer – der Retter von Hertha, M&#246;nchengladbach und N&#252;rnberg – im M&#228;rz 2008 &#220;berlegungen und Spr&#252;che rund ums runde Leder zum Besten gibt. Hier beweist Gysi, dem man alles, aber wohl kaum das Pr&#228;dikat »Fu&#223;ballfachmann« anh&#228;ngen kann, sogar Taktgef&#252;hl in doppelter Hinsicht. Weder stellt er Fragen nach Meyers Ehescheidung im Zuge der Rettungsaktionen, noch ber&#252;hrt er das heikle Thema »Profit der Profis«. </p>
<p>Dagegen hat »Famili&#228;res« bei Castorfs Besuch im Mai 2003 gr&#246;&#223;eren Raum. Nicht zuletzt wegen der Liaison zwischen Gysis Schwester Gabriele und Castorf, als dieser noch als Oberspielleiter in Anklam das Publikum polarisierte. Aber auch wegen Castorfs Eltern &#8211; der Vater war privater Eisenwarenh&#228;ndler in Berlin und, f&#252;r Gysi im Gespr&#228;ch, »irgendwie ein Teil der Opposition« &#8211; um die sich dieser Gysi auf  Anfrage des Sohnes mal ein bisschen k&#252;mmern sollte. Vielleicht weil Castorf Junior annahm, dass dem Eisenwarenh&#228;ndler das volle Verst&#228;ndnis f&#252;r seine provokatorischen Inszenierungen fehlte. </p>
<p>Um provokatorische Inszenierungen geht es auch in der im Oktober 2009 vom Moderator G.G. hinterfragten Vita von Hape Kerkeling. Der als Comedian, Parodist, Kabarettist, Entertainer, Schauspieler, S&#228;nger und Kanzlerkandidat Horst Schl&#228;mmer in einer Person seit &#252;ber 20 Jahren Preise sammelt, nachdem ihm die Oper &#252;ber einen Wellensittich missgl&#252;ckt war. </p>
<div id="attachment_1585" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-kerkeling.jpg"><img class="size-medium wp-image-1585" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-kerkeling-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">»Der Sch&#246;pfer wirft uns in die Luft, um uns am Ende &#252;berraschenderweise wieder aufzufangen. Es ist wie in dem ausgelassenen Spiel, das Eltern mit ihren Kindern spielen. Und die Botschaft lautet: Hab Vertrauen in den, der dich wirft, denn er liebt dich und wird vollkommen unerwartet auch der F&#228;nger sein.« (Zitat Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg...)</p></div>
<p>Vor knapp zehn Jahren nimmt sich der Allrounder eine Auszeit, macht sich als Pilger auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela und landet mit den Tagebuchaufzeichnungen »Ich bin dann mal weg – Meine Reise auf dem Jakobsweg«  (Piper, 2009) einen weiteren Besteller. DT-Besucher k&#246;nnen das Buch f&#252;r 9,90 Euro kaufen, signieren lassen und sich gelegentlich der Signatur mit dem Autoren &#252;ber den tieferen Sinn solcher Spr&#252;che wie »Die Deutschen k&#246;nnen sich nicht ertragen – und strahlen das auch noch aus« oder »Das gr&#246;&#223;te Hindernis im Leben ist man selber« ins Benehmen setzen. </p>
<h2>Gisela May und Inge Keller</h2>
<p>&#220;berhaupt nicht verwunderlich das Signal »Ausverkauft«, wenn es um Gysis Gespr&#228;che mit zwei herausragenden Damen der deutschen Theaterlandschaft geht. Gisela May und Inge Keller geben im Herbst 2008 (als das Haus erneuert wird), erstere im Zelt vor dem DT, die andere in den Kammerspielen nicht nur den Blick frei auf ihre famili&#228;re Herkunft und deren zeitgebundene Verh&#228;ltnisse zur und mit der jeweiligen Macht. Sie offenbaren auch, angemessen, ihre Affinit&#228;t zu M&#228;nnern, geben Erinnerungen preis an Wolfgang Heinz, Bert Brecht, Helene Weigel oder Fred D&#252;ren. Brillieren mit Zitaten. Die bei der Keller im Falle Volker Braun von dem im Publikum befindlichen Autor erg&#228;nzt werden. Und die bei der May zu einem perfekten »Auftritt« f&#252;hren. Bei dem dann Gysi, seiner Jacke entledigt, von der Sessellehne aus Beifall spendet. Theatergeschichte pur. </p>
<div id="attachment_1590" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-Schlingensief.jpg"><img class="size-medium wp-image-1590" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-Schlingensief-300x224.jpg" alt="" width="300" height="224" /></a><p class="wp-caption-text">»Ich schaue aus dem Fenster und staune, als h&#228;tte ich noch nie Sonne und Wolken gesehen.« (Buchzitat Schlingensief)</p></div>
<p>&#196;hnlich ist es bei Christoph Schlingensief, der im Dezember 2009 im DT zu Gast ist. Dieser mit gegenl&#228;ufigen Superlativen &#252;berh&#228;ufte Theaterregisseur und Filmemacher hat wie kaum ein Zweiter als »Provokateur« in widerspr&#252;chliche und kritikw&#252;rdige Gesellschaftsprozesse eingegriffen. Der Heilsbringer verstummt auch dann nicht, als ihn der Krebs mit seiner Todesbotschaft heimsucht. Ein Messias greift zum Stift. »So sch&#246;n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein« (Kiepenheuer &amp; Witsch, 2009) nennt der Sterbelehrer seine Botschaft an Betroffene und Gef&#228;hrdete. Die er nach dem Treffen, angeliefert ins DT von der Krimibuchhandlung »totsicher« aus Prenzlauer Berg, signiert. Nicht ohne dabei auf die Anteilscheine á 50,-Euro f&#252;r sein Festspielhaus in Afrika zu verweisen. </p>
<p>Gysi wird bei Schlingensief zum Stichwortgeber, das Treffen zu einem Anekdotenfestival. Das  Goethe mit  dem Wohlwollen eines Dichterf&#252;rsten kommentiert h&#228;tte. Denn ihm gelten »eine Sammlung von Anekdoten und Maximen f&#252;r den Weltmann (als) der gr&#246;&#223;te Schatz, wer die ersten an schicklichen Orten ins Gespr&#228;ch einstreuen, der letzten im treffenden Falle sich zu erinnern wei&#223;« </p>
<h2>Was f&#252;r eine Geschichte&#8230;</h2>
<div id="attachment_1592" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-nooteboom.jpg"><img class="size-medium wp-image-1592" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-nooteboom-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Nootebooms Urteil &#252;ber Gysi als Befrager: »Gut«</p></div>
<p>Auch Cees Nooteboom, Ex-Klostersch&#252;ler und Tramper, Reisender von Beruf und Berufung, steckt voller Anekdoten und Maximen. Er z&#228;hlt zu den Autoren, die »im trefffenden Falle sich zu erinnern wissen«. Geschichten &#252;ber Jahrzehnte in aller Welt sammeln, in Buchform bringen und im November 2009 vor vollem Haus im Stile eines Souver&#228;n holl&#228;ndischer Herkunft ausbreiten, das ist Nooteboom, sonnt&#228;glich in Samt und Seide gekleidet.  </p>
<p>Zur Rede kommt, dass er als Reporter 1956 &#252;ber den Ungarn-Aufstand, 1963 &#252;ber den VI. SED-Parteitag, 1968 &#252;ber die Studentenunruhen in Paris und ab November 1989 &#252;ber den Zusammenbruch der DDR berichtete. Ein Weltb&#252;rger, dem auch der Sinn f&#252;r Reiseromantik und Liebessehnsucht nicht fehlt. Das wird in seiner 1991 bei Suhrkamp erschienenen Novelle »Die folgende Geschichte« – mit der er nach einer Lobpreisung  Reich-Ranickis (der im September 2003 bei Gysi war) in Deutschland den kommerziellen Durchbruch erzielte – sinnf&#228;llig. </p>
<blockquote>
<p style="text-align: center"><strong>»<em>Du brauchst mir nicht mehr zu winken, ich komme schon. Keiner der andren wird meine Geschichte h&#246;ren, keiner von ihnen wird sehen, da&#223; die Frau, die da sitzt und auf mich wartet, das Gesicht meiner allerliebsten Kriton hat, das M&#228;dchen, das meine Sch&#252;lerin war, so jung, da&#223; man mit ihr &#252;ber die Unsterblichkeit sprechen konnte. Und dann erz&#228;hlte ich ihr, dann erz&#228;hlte ich ihr </em></strong><strong><em>DIE FOLGENDE GESCHICHTE</em></strong>.« </p>
</blockquote>
<p>Die Novelle &#8211; ein ganz und gar belangvoller, aber nicht weniger mysteri&#246;ser Text. Dessen Ende offen bleibt&#8230; </p>
<p> &#196;hnlich wie die folgende, scheinbar unendliche Geschichte der Margot K&#228;&#223;mann. Die im Januar des Jahres bei Gysi zu Gast war und zu diesem Zeitpunkt als Landesbisch&#246;fin und EKD-Ratsvorsitzende nicht nur in Insiderkreisen durch ihre au&#223;erordentliche, nicht unumstrittene Kirchen-Karriere sowie ihre famili&#228;ren Offenbarungen von sich reden machte. Mit ihrer in der Heiligabendpredigt 2009 in der Marktkirche zu Hannover ge&#228;u&#223;erten Kritik am Bundeswehreinsatz im Afghanistankrieg erntet sie breite Zustimmung beim »Volk« und gro&#223;e Vorbehalte der herrschenden politischen Klasse. </p>
<blockquote>
<p style="text-align: center"><em><strong>»Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange dar&#252;ber hinwegget&#228;uscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten get&#246;tet werden&#8230; Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie f&#252;r den Frieden, f&#252;r ganz andere Formen, Konflikte zu bew&#228;ltigen</strong>.«</em> </p>
</blockquote>
<div id="attachment_1641" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-besucher2.jpg"><img class="size-medium wp-image-1641" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-besucher2-300x224.jpg" alt="" width="300" height="224" /></a><p class="wp-caption-text">Gysi nach der Matinee im Gespr&#228;ch mit Besuchern</p></div>
<p>Mit den &#246;ffentlichen, von manchen Medien als naiv bezeichneten &#220;berlegungen das Gastes im Hinterkopf befragt an diesem Sonntag ein bekennender Atheist eine &#252;berzeugte Christin. Und markiert die »Vorw&#252;rfe gegen eine Frau, die nicht f&#252;r den Krieg ist«, als das, was sie sind, als »einen einzigartigen Skandal«. Margot K&#228;&#223;mann, &#252;ber f&#252;nfzig, geschiedene Mutter von vier erwachsenen Kindern, Buchautorin, wie Schlingensief in Krebs-OP-Nachsorge, heute im schwarzen Hosenanzug, macht Gysi und den Besuchern selbstbewusst, humorvoll und nachdenklich ihre gegenw&#228;rtige Sonderstellung im &#246;ffentlichen Leben deutlich. Sie habe ihre Predigt noch einmal gelesen. Keine Frage, auch heute habe sich ihre Meinung nicht ge&#228;ndert. Und – sie bleibe dabei. Deshalb sei sie, trotz Erw&#228;gung abzusagen, hierher gekommen. Das Publikum dankt h&#246;rbar. </p>
<p>Innerhalb des Dialogs Gysi-K&#228;&#223;mann kommt der Gast auch auf die Wahl zur Bisch&#246;fin der Evangelisch &#8211; Lutherischen Landeskirche von Hannover zu sprechen. Sie habe gedacht, ein solches Amt passe nicht zu ihr. Als sie das &#228;u&#223;erte, wurde sie mit den Worten beruhigt, sie werde ohnehin nicht gew&#228;hlt. Es ginge nur um »eine Frau auf der Liste«. Als sie dann aber doch gew&#228;hlt wurde, dachte sie: </p>
<blockquote>
<p style="text-align: center"><strong>«<em>Lieber Gott, wenn du es jetzt so eingerichtet hast, musst du sehen, wie wir damit klar kommen.«</em></strong> </p>
</blockquote>
<p>Als bekannt darf wohl vorausgesetzt werden, dass der Gysi-Gast ein paar Wochen nach seinem DT-Auftritt – exakt am 20. Februar gegen 23 Uhr &#8211; in Hannovers Innenstadt unter Alkohol mit dem Dienstwagen VW Phaeton eine rote Ampel &#252;berfuhr. Und welche Konsequenzen dieser »so schlimme Fehler« bis dato f&#252;r die h&#246;chste evangelische W&#252;rdentr&#228;gerin hat. Einschl&#228;gigen Medien scheint dieser Tatbestand so etwas wie eine »unhimmlische Botschaft« f&#252;r die streitbare Frau Gottes zu sein. Bestimmte Kreise vermuten gar, dass auch auf solche Weise »unbequeme Personen« aus dem &#246;ffentlichen Verkehr gezogen werden k&#246;nnen. Daran &#228;ndert auch die Flut von inzwischen &#252;ber 2000 Briefen und 12.000 Mails nichts, in der dieser mutigen, aber unvorsichtigen Frau mit Sinn f&#252;r Reiseromantik (?) &#252;berwiegend Anteilnahme, Ermutigung, Respekt und Mitgef&#252;hl zuteil wird. </p>
<p>Unter Bezug auf das offene Ende von Nootebooms »Folgende Geschichte«, auf die von der frisch gew&#228;hlten Landesbisch&#246;fin ge&#228;u&#223;erten Bitte an den lieben Gott und, auch unter Bezug auf die &#220;berschrift zu diesem Report d&#252;rfte es sich im »Falle K&#228;&#223;mann« wohl um eine der seltene Merkw&#252;rdigkeiten im Leben eines Menschen handeln, deren Hintergr&#252;nde f&#252;r immer und ewig im himmlischen Dunkel bleiben. </p>
<h2>N&#228;chster Zeitgenosse: Thomas Langhoff</h2>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-Cover-langhoff.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-1596" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-Cover-langhoff-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" /></a>Den n&#228;chsten ZEITGENOSSEN trifft Gysi am 24. April. Es ist der k&#252;rzlich mit dem Berliner Kunstpreis ausgezeichnete Thomas Langhoff. Dieser stand von 1991 bis 2001 dem Theater an der Reinhardtstra&#223;e vor. In einer Prominenten-Reihe, zu der neben Max Reinhardt, Heinz Hilpert, Wolfgang Heinz, Hanns Anselm Perten, Gerhard Wolfram, Rolf R&#246;mer, Dieter Mann auch sein Vater Wolfgang Langhoff (Intendant von 1946-1963) zu z&#228;hlen ist. </p>
<p>Wer sich &#252;ber den Gast im Vorfeld kundig machen will, dem sei das Buch von Hans-Dieter Sch&#252;tt »Spielzeit/Lebenszeit &#8211; Thomas Langhoff«, Verlag Das Neue Berlin empfohlen. </p>
<p>Schon heute steht fest, das DT verf&#252;gt auch f&#252;r Gysi-Langhoff nur noch &#252;ber Restkarten an der Kasse. &#8220;Ausverkauft&#8221; ist erneut programmiert. Ein weiteres Beispiel f&#252;r die Resonanz dieser Veranstaltung. F&#252;r die, wen sollte es wundern, es  auch Interessenten aus dem TV-Bereich gibt. Dazu Helena Huguet, DT-Kommunikation: </p>
<blockquote><p><strong><em>»Anfragen von Fernsehsendern, die Gespr&#228;che zu &#252;bertragen, gibt es immer wieder. Wir haben uns aber bewusst dagegen entschieden, um die Einmaligkeit und den intimen Charakter zu bewahren.«</em></strong> </p></blockquote>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-cover.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1597" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/04/gysi-cover-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" /></a>&#220;berlegenswert scheint dem Autor allerdings eine Nachbereitung von »Gysi trifft Zeitgenossen« in Buchform zu sein. Zur Erinnerung: Der Linke mit Fortune veranstaltete Ende der 90ziger Jahre in seinem Berliner Wahlkreis Hellersdorf/Marzahn die Gespr&#228;chsreihe »&#220;ber Gott und die Welt«. Seine ersten G&#228;ste waren Daniela Dahn, Lothar de Maiziere, Hans-Otto Br&#228;utigam und Lothar Bisky. Das dann von Dietmar Keller und J&#252;rgen Reents herausgegebene gleichnamige Buch erschien 1999 bei Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf. Es ist und bleibt ein unterhaltsames Dokument von hohem Zeitwert. Ein Pr&#228;dikat, dass dieser DT-Matinee allemal ausgestellt werden darf. An Interessenten d&#252;rfte es in einem Kulturkreis, der weit &#252;ber das sonnt&#228;gliche Bildungsb&#252;rgertum hinausgeht, nicht mangeln.</p>
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		<title>Lafontaines Botschaft: Nur St&#228;rke erlaubt Mitgestaltung</title>
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		<pubDate>Sat, 23 Jan 2010 19:57:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nat&#252;rlich ist es nicht die feine englische Art, in der Oskar Lafontaine und sein westgepr&#228;gtes Umfeld die innerparteiliche Auseinandersetzung in der Linken f&#252;hrten und f&#252;hren. Da gibt es &#220;bertreibungen, vielleicht auch L&#252;gen, Intrigen und m&#246;glicherweise auch ein St&#252;ck Erpressung. Mit »politischer Kultur« ist das wahrlich kaum zu beschreiben, doch sei die Frage erlaubt, inwieweit solch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nat&#252;rlich ist es nicht die feine englische Art, in der Oskar Lafontaine und sein westgepr&#228;gtes Umfeld die innerparteiliche Auseinandersetzung in der Linken f&#252;hrten und f&#252;hren. Da gibt es &#220;bertreibungen, vielleicht auch L&#252;gen, Intrigen und <span id="more-1461"></span>m&#246;glicherweise auch ein St&#252;ck Erpressung. Mit »<a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/163552.liebe-deine-feinde-hasse-deine-freunde.html" target="_blank">politischer Kultur</a>« ist das wahrlich kaum zu beschreiben, doch sei die Frage erlaubt, inwieweit solch erstrebenswerter kulturvoller Umgang in einer mit Recht als Raubtier-Kapitalismus beschriebenen Gesellschaft &#252;berhaupt realistisch ist. Kann sich die Linke, wenn sie in Machtk&#228;mpfen mitmischen will, eine Gangart leisten, die es jedem Recht machen will und vor allem darauf achtet, keinen zu verletzen? Der politische Gegner jedenfalls wird solche »Hochherzigkeit« immer brutalstm&#246;glich ausnutzen und darauf aufbauend den Spaltungsvirus in die Partei tragen. Eine monolithische Partei will die Linke erkl&#228;rterma&#223;en nie wieder sein, doch der gern beschworene Pluralismus bedeutet eben unterschiedliche Positionen, die sich irgendwie dann doch immer gegeneinander in Stellung bringen lassen.</p>
<p>Wie das abl&#228;uft, hat Lafontaine in seiner <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/163378.wir-leisten-uns-ueberfluessige-personalquerelen.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/1966c72987c14aaeb982b001f8d774a9" alt="" width="1" height="1" />Rede auf dem Neujahrsempfang der saarl&#228;ndischen Landtagsfraktion</a> am Beispiel von SPD und Gr&#252;nen sehr anschaulich gemacht. Gegen solche Taktiken und jene, die – aus den unterschiedlichsten Gr&#252;nden, darunter auch respektablen – darauf hereinfalle, ist der Ex-SPD-Chef, selbst gebranntes Kind in dieser Sache, kompromisslos vorgegangen. Der Scherbenhaufen, den es dabei zur&#252;cklie&#223;, mag manchem nicht gefallen, aber vielleicht ist er besser als unversehrtes Porzellan, das als Ladenh&#252;ter im Regal steht. Oder das gar solche versteckten Risse aufweist, dass es beim ersten robusten Einsatz auseinander f&#228;llt. Vielleicht h&#228;tte man zum Beispiel in Brandenburgs linker Landtagsfraktion weniger kulturvolles Schulterklopfen gegen&#252;ber dem Nebenmann praktizieren sollen, sondern ihn hartn&#228;ckiger, schonungsloser danach fragen, ob es in seiner Biografie nicht vielleicht Bl&#246;&#223;en gibt, auf die der Gegner bei Bedarf seine Gesch&#252;tze richten k&#246;nnte.</p>
<p>Wer sich in der Beurteilung des Lafontaine-Bartsch-Konfliktes dennoch nicht den Regeln der in der b&#252;rgerlichen Gesellschaft dominierenden Kampfformen unterwerfen will, wird ungeachtet dessen z&#228;hneknirschend Lafontaine Recht geben m&#252;ssen, wenn er die Sache von der inhaltlichen Seite her betrachtet. Denn in der Sache hat der Saarl&#228;nder die <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0116/meinung/0040/index.html" target="_blank">Argumente auf seiner Seite</a>; selbst seine erbittertsten Gegner d&#252;rften das kaum leugnen. Und nicht zuletzt deshalb ist ihm auch Gregor Gysi, jeden Radikalismus unverd&#228;chtig, am Ende beigesprungen, wenn eben vielleicht auch z&#228;hneknirschend.</p>
<p>F&#252;r die Linkspartei ist gegenw&#228;rtig – und wohl noch f&#252;r eine ganze Weile – das Hauptproblem nicht die Regierungsbeteiligung, sondern der Ausbau ihrer St&#228;rke innerhalb der politischen Arena. Mit ihrem gerade einmal zweistelligen Wahlergebnis kann sie wirklichen Einfluss auf Regierungsentscheidungen nicht nehmen; es ist ihr ja nicht einmal mit bis zu doppelten Prozentanteilen in den &#246;stlichen Bundesl&#228;ndern gelungen. Erst weiterer Zuwachs f&#252;r die Linke bei Wahlen versetzt sie in die Lage, gestaltend Politik zu betreiben. Es sei denn, sie findet Partner, die &#228;hnliche Konzepte wie sie vertreten; in Hessen mit Andrea Ypsilanti und im Saarland mit Heiko Maas w&#228;re das vielleicht m&#246;glich gewesen. Und vielleicht finden sich auch anderswo in der SPD Personen, die sich auf deren urspr&#252;ngliche Wurzeln besinnen. Wohin es jedoch f&#252;hrt, zur Unzeit koalition&#228;re Gedankenspiele zu betreiben, hat gerade Dietmar Bartsch schmerzhaft erfahren m&#252;ssen, denn der nicht zuletzt von ihm im Wahlkampf 2002 vertretene SPD-freundliche Kurs f&#252;hrte die PDS damals in eine schwere Niederlage; nur die beiden Direktmandate von Gesine L&#246;tzsch und Petra Pau retteten damals &#252;berhaupt die Pr&#228;senz im Bundestag. Eine Wiederholung solchen Desasters will Lafontaine wohl verhindern; deshalb setzte er vor dem eigenen (teilweisen) Abgang noch einige Frontbegradigungen in der Parteif&#252;hrung durch. An der Linken ist es nun, damit sachbezogen umzugehen.</p>
<p>Die St&#228;rke »b&#252;rgerlicher« Politik ergab sich in der Vergangenheit nicht zuletzt daraus, dass sie jede Tendenz, die den eigenen Machtanspruch schm&#228;lern k&#246;nnte, nicht nur frontal, mit der Peitsche bek&#228;mpfte, sondern auch immer hintenherum, mit Zuckerbrot. Parteien und Personen auf der Linken, die ihrer Dominanz gef&#228;hrlich werden konnten, wurden so allm&#228;hlich an die eigenen Positionen herangezogen. Partiell kam man ihnen dabei auch entgegen, wandelte sich selbst da und dort inhaltlich, achtete aber sorgsam darauf, dass die Macht nicht auf Dauer entglitt. So wurden SPD wie Gr&#252;ne Bestandteile des Establishments – mit dem Ergebnis, dass uns heute eine konservativ-neoliberale Mannschaft regiert, die zum Sturm auf zivilgesellschaftliche und soziale Errungenschaften angetreten ist. Die Hauptgefahr f&#252;r einen solchen Kurs geht derzeit von der Linkspartei aus, weshalb vorrangig sie ins Visier des Herrschaftsapparates gelangt ist. Ob und inwieweit sie dessen Druck widerstehen und sich den gleichzeitigen Verlockungen entziehen kann, wird &#252;ber ihre k&#252;nftige Stellung in der politischen Arena entscheiden.</p>
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		<title>Enthauptetes Land</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Sep 2007 10:52:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[»Weicheier«, »Warmduscher«, »Sitzpinkler« &#8211; das alles sagt Gunnar Hinck zwar nicht, aber vieles klingt, als ob er es so meinte. Der 34-j&#228;hrige Journalist aus dem Westen, den es zu ostdeutschen Zeitungen trieb, um hier Berufserfahrung zu erwerben, besch&#228;ftigt sich auf 214 Seiten mit den »Eliten in Ostdeutschland« im Allgemeinen und »Warum den Managern der Aufbruch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><font face="Arial" size="2">»Weicheier«, »Warmduscher«, »Sitzpinkler« &#8211; das alles sagt Gunnar Hinck zwar nicht, aber vieles klingt, als ob er es so meinte. Der 34-j&#228;hrige Journalist aus dem Westen, den es zu ostdeutschen Zeitungen trieb, um hier Berufserfahrung zu erwerben, besch&#228;ftigt sich auf 214 Seiten mit den »Eliten in Ostdeutschland« im Allgemeinen und »Warum den Managern der Aufbruch nicht gelingt« im Besonderen. <span id="more-246"></span>Er l&#228;sst kaum ein gutes Haar an den ostdeutschen F&#252;hrungskr&#228;ften. »Es ist eine stille, kaum vernehmbare Elite. Sie ist ohne eigene Sprache. Sie marginalisiert sich selbst und damit den Osten insgesamt. Sie kann keine Orientierung geben, weil sie selbst ohne Orientierung ist. Sie beschr&#228;nkt sich darauf, die Gegenwart zu verwalten«, hei&#223;t es schon auf Seite 10, und damit ist der Tenor des Buches vorgegeben. So falsch ist die Diagnose zwar nicht, aber zu den tieferen Ursachen st&#246;&#223;t Hinck nur sehr unzul&#228;nglich vor, obwohl seine 14 Gespr&#228;chspartner aus den f&#252;nf neuen Bundesl&#228;ndern gen&#252;gend Material boten, um den Kern der Fehlentwicklung in der Ex-DDR frei zu legen.</font></p>
<p><font face="Arial" size="2">So zum Beispiel Wolfgang B&#246;hmer, der Ministerpr&#228;sident von Sachsen-Anhalt. Der illusionslose Pragmatismus des unpolitischen DDR-Arztes, der nach 70 Lebensjahren bekennt: »Wir wissen besser, was nicht geht, als das, was geht.« (S. 107), l&#246;st beim Autor kein tieferes Nachdenken aus, sondern nur naseweise Ratschl&#228;ge, was seines Amtes w&#228;re. B&#246;hmer hat als Junge den Zusammenbruch des Nazireiches erlebt und als erfolgreicher Mediziner das Ende der DDR. Er misstraut neuer Macht und neuen M&#228;chtigen – und das vor allem deshalb, weil er schnell sp&#252;rte, wie wenig er in den Zw&#228;ngen des neuen Systems selbst in seiner Position ausrichten kann. Hinck hinterfragt die tiefe Resignation nicht, die aus B&#246;hmers Klage »Manchmal w&#252;rde ich das &#220;berzeugen gern besser k&#246;nnen.« (S. 112) spricht. Nicht weil B&#246;hmer intellektuell dazu nicht in der Lage w&#228;re, kann er nicht &#252;berzeugen, sondern weil er zutiefst an der Sache zweifelt, von der er &#252;berzeugen soll. In seinem Amt kann er das nicht sagen; er vermittelt es durch den R&#252;ckzug auf die kleinen Fortschritte f&#252;r die B&#252;rger: Stra&#223;enlaternen und Fu&#223;wege in den D&#246;rfern, Umgehungsstra&#223;en, Fahrradwege, Elbuferpromenaden &#8230; F&#252;r Hinck rausgeschmissenes Geld.</font><font face="Arial" size="2"> </font></p>
<p><font face="Arial" size="2">&#196;hnlich, nur weniger resigniert, sondern mit seinen 48 Jahren noch auf dem Wege, alle M&#246;glichkeiten f&#252;r sein Land zu denken und vieles umtriebig auf den Weg zu bringen, der Landwirtschaftsminister Mecklenburg-Vorpommerns, Till Backhaus. Auch er wei&#223; besser, was nicht geht als das, was geht, schweigt aber dar&#252;ber und versucht, doch manches »gehend« zu machen. Er hat daf&#252;r viel vom Westen gelernt, von dessen Rastlosigkeit und hohlem Optimismus, wohinter sich oft wenig Substanz verbirgt. Hinck lastet Backhaus die &#220;bernahme solch aufgesetzter Betriebsamkeit an und vergisst dabei, wo sie herkommt.</font><font face="Arial" size="2"> </font><font face="Arial" size="2">Oder der Vorstandsvorsitzende des Gaskonzerns VNG in Leipzig, Klaus-Ewald Holst, der werden will wie ein Westmanager und auf diesem Weg schon ein gutes St&#252;ck zur&#252;ckgelegt hat, ohne wohl – er ist bereits 64 – an sein Ende zu kommen. Nachdem sich der DDR-Bergbauingenieur m&#252;hsam in der Marktwirtschaft behauptete, dr&#228;ngt es ihn, »noch die K&#252;r des Managertums zu erleben jenseits des blo&#223;en K&#228;mpfens f&#252;r das Unternehmen – etwas, das in einem anderen, umfassenderen Sinne mit der Gesellschaft zu tun hat, in der er wirtschaftet« (S. 171). Ein ziemlich armseliges Lebensziel, das aber Hinck nicht in Frage stellt – passt es doch in die Welt, die auch ihn formte.</font><font face="Arial" size="2">Wie auch der R&#252;ckzug des mehrfach desillusionierten DDR-Aufsteigers aus kleinb&#252;rgerlichen Verh&#228;ltnissen in die Pr&#228;gungen der Kindheit und eine weitgehende politische Indifferenz, die der Journalist Hans Eggert vorf&#252;hrt. Er, im Sozialismus vielf&#228;ltig benutzt und fremden Interessen dienend, die er m&#252;hsam zu seinen eigenen zu erkl&#228;ren versuchte, erlebte nach der Wende die Neuauflage solcher Aufgabenzuweisung, durch deren Annahme er zwar der Seinesgleichen drohenden Ausgrenzung entgehen, jedoch auch jetzt nie mehr als das ber&#252;hmte R&#228;dchen im System werden konnte.</font><font face="Arial" size="2">W&#228;hrend es Eggert vermeidet, sich dieser Rolle bewusst zu werden, reflektieren andere ostdeutsche F&#252;hrungsfiguren dies durchaus – so die einstige 2. SED-Kreissekret&#228;rin und heutige Parlamentarische Gesch&#228;ftsf&#252;hrerin einer PDS-Landtagsfraktion, Gabriele Mestan. Sie hat ihre Prinzipien, ihre Weltanschauung in der zweiten Parteikarriere behalten, auch wenn sie heute manches differenzierter sieht als zu DDR-Zeiten. Sie wei&#223;, dass sie auf dieser Basis ganz &#228;hnlich funktioniert wie fr&#252;her; sie tut ihre Pflicht und schluckt dabei manch eklige Kr&#246;te. Noch deutlicher wird das beim fr&#252;heren FDGB-Sekretariatsmitglied, der heutigen Linkspartei-Bezirksb&#252;rgermeisterin von Lichtenberg, Christina Emmrich, die ihre tiefe Distanz zu dieser Bundesrepublik, die sie gern wie zu DDR-Zeiten BRD nennen w&#252;rde und deren Fahne sie am Nationalfeiertag nur mit Unbehagen am Rathaus aufziehen l&#228;sst , nicht &#252;berwinden kann und will, aber mit dem, was sie in der DDR gelernt hat, doch versucht, wenigstens etwas f&#252;r die vielen entwurzelten und verunsicherten Betroffenen des Systemwechsels zu tun. »Man hatte eine ordentliche Ausbildung, man hatte ordentlich gearbeitet, und man macht es jetzt halt auch, sicher unter anderen Vorzeichen.« (S. 142)</font></p>
<p align="left"><font face="Arial" size="2">Die Skepsis, die Distanz origin&#228;r ostdeutscher F&#252;hrungskr&#228;fte, ganz gleich, aus welchem politischen Lager, resultiert wohl aus ihrer Kenntnis eines anderen als des bundesrepublikanischen Systems und der Erfahrung, dass es in der DDR durchaus Bereiche gab, die sich besser entwickelten als gleiche oder &#228;hnliche im Westen, von denen man also ohne Zweifel lernen konnte. Aber nicht lernen sollte, nicht lernen durfte, denn da waren die &#252;berkommenen westlichen Strukturen und ideologische Scheuklappen vor. Gunnar Hinck pr&#228;sentiert auch f&#252;nf Elit&#228;re, die aus dem Westen kamen und im Osten Karriere machten, zum Teil allein deswegen, weil ihnen eine solche Karriere im Westen versagt geblieben war. Es sind Leute, die sich nicht &#228;ndern wollten und tats&#228;chlich auch kaum ge&#228;ndert haben. Ihre angelernten Gewissheiten &#252;bertrugen sie 1 zu 1 auf den Osten, auch dort, wo das schief ging, bis zum letzten Buchstaben. Denn sie hatten daf&#252;r zwar nicht die besseren Argumente, aber den erforderlichen materiellen und institutionellen Unterbau.</font></p>
<p align="left"><font face="Arial" size="2">So krempelt der reinem Profitdenken verhaftete Manager Alexander von Witzleben, der eine altehrw&#252;rdige Optikfirma ebenso wie eine schnell aus dem Boden gestampfte Schuhfabrik auf Gewinnkurs zu bringen versteht, Carl Zeiss Jena gegenw&#228;rtig zu einem Unternehmen um, das bar aller Traditionen nur noch einem verpflichtet ist: »Meine Aufgabe ist es , Geld zu verdienen. Punkt, Ganz einfach.« (S. 74) Noch dar&#252;ber hinaus geht in seiner Abgehobenheit als global player der Chef der in Dresden produzierenden Tochter des kalifornischen Chipherstellers AMD, Hans Deppe. Hinck findet f&#252;r dieses Unternehmen das stimmige Bild eines autonom agierenden Raumschiffs, das sich um seine Umgebung nicht k&#252;mmert. Und ebenso interessiert sich Deppe, obgleich von st&#228;dtischen Honoratioren vielf&#228;ltig umworben, nicht im geringsten f&#252;r das konkrete Umfeld seiner amerikanisch gepr&#228;gten Firma. »F&#252;r Deppe«, schreibt Hinck, »ist das Verh&#228;ltnis zu Dresden und Sachsen &#8230; rein funktional: Die Arbeitsbedingungen seines Unternehmens in Sachsen sind optimal. Allein das ist entscheidend.« (S. 131)</font></p>
<p align="left"><font face="Arial" size="2">Der ehemalige »Bild«-Zeitungsjournalist Wolfgang Kenntemich betrachtet das Sendegebiet des MDR-Fernsehens, f&#252;r das er als Chefredakteur jetzt die Welt erkl&#228;rt, durch die Brille seiner weitgehend ungebrochenen stockkonservativen Vorurteile &#252;ber die DDR, ihre Staatlichkeit, ihre Akteure. Er r&#228;umt ein, dass er in mancher Hinsicht umdenken musste, seit er im Osten arbeitet, doch presst er die neuen Erfahrungen sofort in sein altes Weltbild, deutet die DDR-Geschichte so um, dass sie mit seinen lieb gewordenen Anschauungen nicht kollidiert. &#196;hnlich abgehoben von der Bev&#246;lkerung ihrer neuen »Wahlheimat« ist Iris Goerke-Berzau, Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht Naumburg. Sie kam aus dem tief konservativen Oldenburg und lebt hierzulande in einer Art Parallelgesellschaft. Beruflich vermittelt sie das bundesdeutsche Rechtssystem an ihre Neub&#252;rger und versucht dabei durchaus um Verst&#228;ndnis f&#252;r dessen Regeln zu werben, ohne sie freilich dort, wo sie sich mit der Realit&#228;t reiben, zu hinterfragen. Privat aber zieht sie sich in eine eigene Welt zur&#252;ck, h&#228;lt ihre Kinder weitgehend von der ihr noch immer unheimlichen ostdeutschen Wirklichkeit fern – sie wurden von Tagesm&#252;ttern betreut, besuchten einen evangelischen Kindergarten und wechselten nach der Grundschule auf eine christliche Privatschule, um das Abitur zu machen. »Ich habe meine Kinder &#8230; immer nach westlichen Ma&#223;st&#228;ben erzogen« (S. 188), sagt sie; der Osten, mit dem sie vereinigt wurde, macht ihr offenbar Angst.</font></p>
<p align="left"><font face="Arial" size="2">Besonders entlarvend ist der kurze Beitrag &#252;ber den th&#252;ringischen Innenminister Karl-Heinz Gasser, der seinen Lebensmittelpunkt in Hessen behalten hat und im &#246;stlichen Nachbarbezirk nur eine Art von abstraktem Beamtenjob erledigt, ohne sich f&#252;r das Land, seine Geschichte, seine Traditionen und aktuellen Probleme tats&#228;chlich zu interessieren. Umstandslos &#252;bertr&#228;gt er eine antikommunistische Pr&#228;gung, die ihn in den 70er Jahren als Jurist gegen linke Studenten und die oppositionellen Gr&#252;nen vorgehen lie&#223;, nun auf die gr&#246;&#223;te Th&#252;ringer Oppositionspartei PDS, w&#228;hrend ihn der sich auch in Th&#252;ringen schnell ausbreitende Rechtsextremismus, der ihn offenbar schon in der alten Bundesrepublik nicht st&#246;rte, kaum aufregt.</font></p>
<p align="left"><font face="Arial" size="2">Hinck kritisiert durchaus diese drittrangige westdeutsche »Elite«, die den Osten vorwiegend als unverhofftes Karrieresprungbrett betrachtete und mehr schlecht als recht ihre Arbeit tat und oft noch tut. Trotzdem ist un&#252;bersehbar, dass er die Erfahrungen des Westens als Modell auch f&#252;r Ostdeutschland betrachtet. Er macht oft den ver&#228;chtlich, der damit seine Schwierigkeiten hat. Und er blendet fast v&#246;llig aus, dass jene, die mit eigenem Kopf etwas zu erreichen versuchten und nicht auf den von jenseits von Elbe und Weser importierten Kurs einschwenkten, sofort und gnadenlos ausgegrenzt wurden. Das musste ein Lothar de Maizière ebenso erleben wie ein Manfred Stolpe, von einem Gregor Gysi und seinen Mitk&#228;mpfern ganz zu schweigen. Noch heute muss sich ein PDS-Landtagsabgeordneter wie der Chemnitzer Klaus Bartl, der den Untersuchungsausschuss zu Korruption und Amtsmissbrauch in Sachsen leiten soll, vom CDU-Fraktionsvorsitzenden vorhalten lassen. »Ich halte es f&#252;r einen Treppenwitz der Geschichte, dass sich ehemalige SED-Kader und Stasileute 17 Jahre nach der friedlichen Revolution aufschwingen, eine demokratisch gew&#228;hlte Regierung mit den &#252;belsten Verd&#228;chtigungen zu &#252;berziehen.«</font></p>
<p align="left"><font face="Arial" size="2">Niemand im Westen erwartete von den Ostdeutschen Visionen, sondern allein Anpassung. Kaum einer aus dem Westen brachte Visionen mit, sondern nur jene neue Art von geschmeidiger Einf&#252;gung in das System und seine versteckten, aber unmissverst&#228;ndlichen Erwartungen, die gern als Sachzw&#228;nge bezeichnet werden. Exemplarisch f&#252;r jemanden, der diesen Weg klaglos geht, ist Christine Lieberknecht, eine einst unbedeutende Pastorin einer kleinen th&#252;ringischen Gemeinde, die – wie viele evangelische Pfarrer in der Nachwendezeit – schnell aufstieg, jedoch im Unterschied zu den meisten von ihnen, die die Politik bald wieder desillusioniert verlie&#223;en oder an ihren Anforderungen scheiterten, oben blieb – vielleicht gerade deshalb, weil sie das eigentlich gar nicht wollte. Sie besetzte mehrere Ministerressots in Th&#252;ringen, wurde Landtagspr&#228;sidentin und f&#252;hrt jetzt die regierende CDU-Landtagsfraktion. Sie dient dem jeweiligen Landesherrn, wie sie es einst bez&#252;glich eines noch h&#246;heren Herrn lernte, ohne pers&#246;nlichen Ehrgeiz, ohne Aufstiegspl&#228;ne. Stattdessen f&#252;hlt sie sich als konzeptionelle Instanz f&#252;r das aus ihrer Sicht erforderliche Umdenken der ehemaligen DDR-B&#252;rger, als – wie Hinck schreibt &#8211; »die Politikerin f&#252;r den geistig-ideologischen &#220;berbau von Landesregierung, Fraktion und Partei« (S. 175). In dieser Funktion singt sie den Wert der Freiheit gegen&#252;ber Gleichheit und Gerechtigkeit, eine Haltung, »die man bundesweit von Wirtschaftsliberalen wie Reinhard Miegel, Guido Westerwelle oder Hans-Olaf Henkel kennt und von der fr&#252;heren Angela Merkel einmal kannte.« (ebenda). Eigentlich eine Position, die dem Autor zusagen m&#252;sste, aber selbst er findet, dass f&#252;r den einfachen Th&#252;ringer mit seinen existentiellen Problemen ihre »Forderungen nach M&#252;ndigkeit und Eigenverantwortung wohlmeinend, aber abstrakt« (S. 179) klingen. Zudem habe Christine Lieberknecht nie die Umsetzung ihrer Ideen interessiert; ihr gen&#252;ge es, dar&#252;ber zu reden.</font></p>
<p><font face="Arial" size="2">Vielleicht nicht darin, aber in vielem anderen &#228;hnelt der Th&#252;ringer Ex-Pastorin der Brandenburger Ex-&#214;kologe Matthias Platzeck. Auch er ein einstiger B&#252;rgerrechtler, der sich in kleinen Schritten auf das herrschende System zubewegt hat, bis es ihn g&#228;nzlich schluckte. Dabei &#252;berwand er die offensichtliche Diskrepanz zwischen den eigenen illusorischen Idealen und der Wirklichkeit mittels einer eifrigen Suche nach »Verbesserungen«, »Optimierungen«, der Entwicklung eines »menschlichen Antlitzes« dieser Gesellschaft, ohne sie je in Frage zu stellen. Platzeck &#228;hnelt mit dieser Strategie den vielen SED-Mitgliedern, die auch stets darauf hofften, die Schattenseiten des Sozialismus &#252;berwinden, ihm ein anziehendes Gesicht verleihen zu k&#246;nnen. Gleichwohl empfindet Hinck f&#252;r Platzeck die gr&#246;&#223;ten Sympathien und sieht ihm nach, was er anderen vorwirft. W&#228;hrend er Pragmatismus im allgemeinen mit Skepsis begegnet, lie&#223;en sich doch damit »auch schlechte, gar f&#252;rchterliche Dinge anrichten« (S. 39), lobt er ihn beim brandenburgischen Ministerpr&#228;sidenten ausdr&#252;cklich. »Das Beste aus dem Vorhandenen machen, Realit&#228;ten anerkennen, <font face="Times New Roman" size="2">›</font><font face="Arial" size="2">nicht nach den Sternen greifen</font><font face="Times New Roman" size="2">‹<font face="Arial">«</font></font><font size="2"> &#8211; das sei Platzecks politische Richtschnur, womit Hinck ein Loblied auf die Anpassung singt, die er ansonsten schonungslos gei&#223;elt. </font></font></p>
<p><font face="Arial" size="2">Bei Platzeck hat er damit zweifellos Recht, ist er doch geradezu der Prototyp jenes Politikers, die zum Beispiel nach der Wende dem Gigantismus westlicher Ratgeber erlagen und &#252;berdimensionierte Kl&#228;ranlagen in die Landschaft bauen lie&#223;en, an deren finanziellen Folgen die einst ganz undemokratisch Begl&#252;ckten oft bis heute zu tragen haben. W&#228;re ihm das noch nachzusehen, so schon weniger, wenn er jetzt – zwar versch&#228;mt, aber doch deutlich, wie erst unl&#228;ngst bei der Vorstellung eines Buches, in dem er gemeinsam mit den designierten SPD-Vizes Steinmeier und Steinbr&#252;ck zur Verteidigung der Schr&#246;derschen »Agenda 2010« aufrief – die Melodie des Neoliberalismus pfeift und dem B&#252;rger statt materiellen Wohlstandes »Lebensreichtum« durch gemeinsames Tun in Vereinen« schmackhaft machen will (S. 67). Vielleicht ungewollt, aber denn doch sehr aufschlussreich belegt Hinck mit einem treffenden Beispiel, wie Platzeck statt eines ertr&#228;glichen Seins den so sch&#246;nen wie inhaltlosen Schein propagiert: »Am Anfang seiner Amtszeit, 2002 und 2003, ging er rhetorisch forsch voran und zeichnete die Vision des </font><font face="Times New Roman" size="2">›</font><font face="Arial" size="2">modernen Brandenburgs</font><font face="Times New Roman" size="2">‹</font><font face="Arial" size="2"> und pries mehr Eigenverantwortung und Eigeninitiative. Man sei damals &#252;ber das Ziel hinausgeschossen, weil die Begriffe &#196;ngste ausgel&#246;st h&#228;tten. </font><font face="Times New Roman" size="2">›</font><font face="Arial" size="2">Deswegen haben wir den Begriff modern zur&#252;ckgefahren</font><font face="Times New Roman" size="2">‹</font><font face="Arial" size="2">, sagt er. Als Reaktion haben er und sein Stab die Formel </font><font face="Times New Roman" size="2">›</font><font face="Arial" size="2">Erneuerung aus eigener Kraft</font><font face="Times New Roman" size="2">‹</font><font face="Arial" size="2"> eingef&#252;hrt und auch Begriffe wie Heimat und Herkunft.« (S. 71) Das alles klingt ein wenig nach Frankreichs K&#246;nigin Marie-Antoinette, die dem Volke auch empfahl, doch Kuchen zu essen, wenn es kein Brot habe.</font><font face="Arial" size="2"> </font></p>
<p align="left"><font face="Arial" size="2">Gunnar Hinck hat in einem quasi enthaupteten Land nach guten K&#246;pfen gesucht. Er konnte sie nicht finden, und eigentlich wei&#223; er auch warum. Er hat es auf Seite 205 geschrieben. »Es mag eine banale Erkenntnis sein, aber Eliten sind immer auch der Spiegel der Gesellschaft und ihres Zustandes.« Diese allgemeine Erkenntnis an seinen 14 Beispielen konkret und schonungslos durchzubuchstabieren, war ihm aber wohl doch zu riskant.</font></p>
<p align="left"><font face="Arial" size="2">(Wer solch Text lieber auf gutem altem Papier lesen mag, findet ihn &#8211; auszugsweise &#8211; auch im <a href="http://www.dasblaettchen.de/GANZE.htm">Bl&#228;ttchen</a>, Heft 20 vom 01.10.2007.)</font></p>
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