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	<title>blogsgesang.de &#187; Hartmut Ferworn</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Wahlmanipulation und Ausreisewelle bef&#246;rdern die Erosion eines Staates (Teil 2)</title>
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		<pubDate>Sun, 17 May 2009 17:00:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Mai vor 20 Jahren, als die Ungarn schrittweise die Grenze zu &#214;sterreich &#246;ffneten und damit vor allem DDR-B&#252;rgern eine  unerwartete M&#246;glichkeit zur Flucht in den Westen boten, war die DDR schon nicht mehr in der Lage, dagegen wirksam vorzugehen. So lesen sich die Durchhalteparolen der SED und der Stasi aus heutiger Sicht wie Belege der Hilflosigkeit, gepaart von permanenter Negierung der Realit&#228;t im Lande. Eine eher l&#228;cherliche Rolle spielten dabei Medien der DDR, insbesondere das SED-Zentralorgan &#8220;Neues Deutschland&#8221;. <span id="more-976"></span>Die immer w&#252;tenderen Gegenma&#223;nahmen propapandistischer wie auch repressiver Art verpufften in dem Ma&#223;e, wie nicht nur Oppositionelle, sondern auch immer mehr einfache DDR-B&#252;rger an Selbstbewusstsein gewannen.</p>
<p>&#220;ber diese Vorg&#228;nge entstand ein gutes Jahr sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h3>Wahlmanipulation und Ausreisewelle &#8211; die Erosion eines Staates (Teil 2)</h3>
<p><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/173f51aed75243fc9f51687371409777" alt="" width="1" height="1" /><br />
Im 1. Halbjahr 1989  nahmen die »Antr&#228;ge auf st&#228;ndige Ausreise von B&#252;rgern der DDR«, wie es im Amtsdeutsch hie&#223;, und zugleich das »ungesetzliche Verlassen der DDR« schnell zu. In einer umfassenden Analyse dieser Entwicklung stellte das MfS im Juli 1989 fest: »Die politisch-operative Lage zur Zur&#252;ckdr&#228;ngung von Antragstellern auf st&#228;ndige Ausreise nach der BRD und Westberlin ist vor allem gekennzeichnet durch eine unver&#228;ndert hohe Zahl diesbez&#252;glicher Antr&#228;ge &#8211; obwohl eine erhebliche Anzahl st&#228;ndiger Ausreisen realisiert wurde. Trotz vielf&#228;ltiger Aktivit&#228;ten konnte die angestrebte Wirksamkeit im Zur&#252;ckdr&#228;ngungsproze&#223; nicht erreicht werden. Das zeigt sich u.a. in der sehr geringen Zahl von Abstandnahmen (1,1 % im Verh&#228;ltnis zu den Antragstellungen) &#8230; Seit Inkrafttreten der Reiseverordnung ist eine deutliche Zunahme des aggressiven, fordernden und verleumderischen Verhaltens und Auftretens sowie eine sinkende Hemmschwelle zur Androhung und Durchf&#252;hrung von feindlich-negativen Aktivit&#228;ten festzustellen. Es w&#228;chst die Zahl der Antragsteller, die staatliche Regelungen oder Verfahrensweisen sowie Entscheidungen nicht akzeptieren. Beispielhaft daf&#252;r sind Versuche, mit &#246;ffentlichkeitswirksamen Demonstrativhandlungen Druck auf die staatlichen Organe auszu&#252;ben und sie zu erpressen &#8230; Beim ungesetzlichen Verlassen der DDR ist &#8211; im Verh&#228;ltnis zum 1. Halbjahr 1988 &#8211; eine z. T. erhebliche Zunahme festzustellen. Das resultiert nach wie vor insbesondere aus dem weiteren Anstieg der Nichtr&#252;ckkehr von Privatreisen nach dem nichtsozialistischen Ausland, wobei auch in fast allen anderen Begehungsweisen ebenfalls ein Anstieg festzustellen ist.«</p>
<p>Empfehlungen, wie dem Herr zu werden sei, konnte das MfS zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr geben, und ebenso ratlos war die Partei- und Staatsf&#252;hrung. Sie sah allerdings &#8211; suggeriert auch durch die Stasi-Berichte &#8211; die Ursache f&#252;r all die genannten Abwicklungen in den »subversiven Angriffen des Imperialismus«. Und darauf konnte es entsprechend den schon dargestellten Weisungen Mielkes nur eine Antwort geben: unnachgiebige H&#228;rte, den Einsatz des gesamten Machtapparates. Die internationale Einbindung der DDR lie&#223; zwar ein Vorgehen, das au&#223;enpolitische Proteste und Verwicklungen h&#228;tte ausl&#246;sen k&#246;nnen, als wenig geraten erscheinen &#8211; eine Gratwanderung, die lange versucht wurde, letztlich aber auch nicht mehr durchzuhalten war. Deshalb kam es im Fr&#252;hjahr und Sommer des Jahres 1989 immer &#246;fter zu Ma&#223;nahmen, deren restriktiver Charakter f&#252;r jedermann offensichtlich war und die der DDR auch international gro&#223;en Schaden zuf&#252;gten. Aber das nahm man in Kauf, denn die eigene Philosophie stellte die Machtfrage h&#246;her als alles andere; sie war f&#252;r die stalinistische F&#252;hrung ein Wert an sich.</p>
<p>Eine besonders unr&#252;hmliche Rolle spielte dabei der Medienapparat der fr&#252;heren DDR. Bereitwillig stellte er sich f&#252;r Kampagnen gegen Oppositionelle zur Verf&#252;gung und unterst&#252;tzte aktiv die Repressivma&#223;nahmen der Staatssicherheit. Diese gab daf&#252;r auch die Linie vor, die &#252;ber das SED-Zentralkomitee an die Medien &#252;bermittelt wurde: »Es wird als zweckm&#228;&#223;ig angesehen, im Rahmen der Medien- und sonstigen &#214;ffentlichkeitsarbeit den Nachweis zu f&#252;hren, dass die von personellen Zusammenschl&#252;ssen in Konzeptionen, ›Offenen Briefen‹, Eingaben, Forderungskatalogen u. dgl. propagierten feindlichen und oppositionellen Auffassungen in &#220;bereinstimmung stehen mit entsprechenden ideologischen Angriffen des Gegners, und auf dieser Grundlage die offensive politisch-ideologische Auseinandersetzung zu f&#252;hren.« Und so wurde gehandelt &#8211; ob bei der Diffamierung der B&#252;rgerrechtler nach der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">Liebknecht/Luxemburg-Demonstration</a>, ob bei der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/03/06/vor-zwanzig-jahren-pastoren-am-pranger/" target="_blank">Verunglimpfung f&#252;hrender Kirchenleute</a> oder sp&#228;ter bei der Ver&#228;chtlichmachung Ausreisewilliger.</p>
<p> <br />
Der seinerzeitige Chefredakteur des damaligen SED-Zentralorgans »Neues Deutschland« (ND), Herbert Naumann, schilderte in der Wendezeit, wie die Berichterstattung &#252;ber die Liebknecht/Luxemburg-Demonstration zentral gesteuert wurde: »Von uns hatte die Aktivit&#228;ten der Gruppen an diesem Tag keiner beobachtet. Wir h&#246;rten von ihnen nur &#252;ber westliche Medien. Jeder Versuch der Redaktion, unsere Leser auch nur ann&#228;hernd dar&#252;ber zu informieren, scheiterte. Auf regelrechten Befehl unseres Herausgebers mussten wir erst einmal acht Tage &#252;ber die Sache schweigen. Was wir dann &#252;ber Hergang, Verhaftungen und Verurteilungen bringen durften, kam von ADN, und dieser Agentur ist der fertige Text daf&#252;r von der Abteilung Agitation des ZK &#252;bergeben worden. Etwas anderes als das zu ver&#246;ffentlichen w&#228;re das Ende der journalistischen T&#228;tigkeit des Betreffenden gewesen. Sp&#228;ter erhielten wir dann so genannte Meinungs&#228;u&#223;erungen, die wir abdrucken mussten.«</p>
<p>Die erste solche Meinungs&#228;u&#223;erung stammte aus der DKP-Zeitung »Unsere Zeit« und besch&#228;ftigte sich mit dem vor Jahren gewaltsam aus der DDR abgeschobenen B&#252;rgerrechtler Roland Jahn. Dieser am 23. Januar 1988 erschienene Artikel wurde am 26.1.1988 im »Neuen Deutschland« nachgedruckt., und es folgten schnell aufeinander weitere &#228;hnliche Beitr&#228;ge, Korrespondenzen und »emp&#246;rte Stimmen aus der Bev&#246;lkerung«, mit denen eine westliche Einmischung und Steuerung der Opposition in der DDR suggeriert werden sollte. Gleichzeitig ver&#246;ffentlichte das ND den vom ZK gelieferten Kommentar des damaligen PEN-Pr&#228;sidenten Professor Dr. Heinz Kamnitzer, der die Aktionen der B&#252;rgerrechtler mit einer »Gottesl&#228;sterung« verglich und so gewisserma&#223;en die moralische Rechtfertigung f&#252;r deren Verhaftung und sp&#228;tere Ausweisung liefern sollte. Dies wurde unterst&#252;tzt durch den »Volkszorn«, der sich angebliche in »Gespr&#228;chen und Meinungs&#228;u&#223;erungen« widerspiegelte und deren »Kern« die Verfertiger der Stimmen im ND gleich selbst wie folgt zusammenfa&#223;ten: »Emp&#246;rt und voller<br />
Entschiedenheit verurteilen Werkt&#228;tige aller Klassen und Schichten der Bev&#246;lkerung der DDR den Versuch einer kleinen Gruppe bestellter Provokateure, das revolution&#228;re Verm&#228;chtnis von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu besudeln und es gegen Sozialismus und Frieden zu missbrauchen. Gro&#223;e Entr&#252;stung ruft hervor, dass sich solche Personen von westlichen Geheimdiensten sowie bestimmten politischen Kr&#228;ften in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) aushalten lassen und f&#252;r Zwecke zur Verf&#252;gung stellen, die den Interessen aller B&#252;rger der DDR und auch aller friedliebenden Menschen in der Welt zuwiderlaufen.«</p>
<p>Naumann sagte dazu, dass derartige »Stimmen aus dem Volke« direkt vom ZK an das ND gegeben wurden. Man vertraute offensichtlich nicht einmal mehr den Redakteuren, dass sie Stellungnahmen mit der gew&#252;nschten politischen Aussage bringen w&#252;rden. Dabei glaubte der Ex-Chefredakteur nicht, dass diese »Stimmen« gef&#228;lscht wurden. »Es gab gen&#252;gend Leute, die damals solche &#196;u&#223;erungen machten. Die Adressen waren au&#223;erdem f&#252;r jeden leicht nachpr&#252;fbar, und bei uns hat sich nie einer beschwert, wir h&#228;tten ihn falsch zitiert«, sagte Naumann 1991 und vermutete als Quelle die Berichte, die die Parteiorganisationen regelm&#228;&#223;ig ans ZK schicken mussten.</p>
<p>Wie immer bei solchen Gelegenheiten erfolgte parallel zur Diffamierung der Opposition im eigenen Land der Hinweis auf »massive Menschenrechtsverletzungen« in der Bundesrepublik Deutschland. Berufsverbote, Verfassungsschutzaktivit&#228;ten, Arbeitslosigkeit und andere durchaus vorhandene Missst&#228;nde wurden breit dargestellt, um von der Kritik an den eigenen Repressalien gegen Andersdenkende abzulenken. So hie&#223; es zum Beispiel &#252;ber den Bundesgrenzschutz: »Das machen die an ihren Grenzen: 13 607 Festnahmen, 65 189 Ausreiseverbote, 7047 Abschiebungen, 128 715 Zur&#252;ckweisungen.«</p>
<p>Schlie&#223;lich wurden die westlichen Journalisten, die durch ihre Berichterstattung &#8211; vor allem in Fernsehen und Rundfunk &#8211; die Desinformationskampagnen der SED wirksam durchkreuzten, gezielt mit Geheimdiensten der Bundesrepublik in Verbindung gebracht. Ein im ND am 3.2.1988 erschienener, nur mit N. N. gezeichneter »Dokumentarbericht« stellte fest: »Mit dem Ziel, eine DDR-innere Opposition zu schaffen, sind auch einige von den BRD-Geheimdiensten bestellte und bestallte Journalisten ma&#223;geblich mit daran beteiligt, daf&#252;r geeignete Personen in unserem Lande ausfindig zu machen, sie mit entsprechenden Mitteln zu unterst&#252;tzen und auszur&#252;sten, sie ideologisch auszurichten und &#8211; wie man so sch&#246;n sagt &#8211; ›aufzubauen‹ und zu gegen den sozialistischen Staat gerichteten Handlungen anzustiften.« Einige Tage sp&#228;ter wurde noch eins drauf gesetzt und so getan, als ob es klare Beweise f&#252;r geheimdienstliche Aktivit&#228;ten der westlichen Korrespondenten gebe: »Die Aufdeckung und Untersuchung gegen die DDR gerichteter staatsfeindlicher Handlungen best&#228;tigen Erkenntnisse und erbrachten neue &#252;berzeugende Beweise daf&#252;r, dass imperialistische Geheimdienste und andere mit ihnen im Bunde stehende antisozialistische Zentren und Kr&#228;fte in der BRD und in Westberlin intensiv darum bem&#252;ht sind, im Innern der DDR gegen deren gesellschaftliche Ordnung gerichtete Kr&#228;fte zu formieren, eine sogenannte innere Opposition au organisieren,« Derartige »Berichte« wurden direkt im MfS formuliert. Unter Federf&#252;hrung von deren Zentraler Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) arbeiteten die mit »Untergrundt&#228;tigkeit« befasste Hauptabteilung XX, die f&#252;r Desinformation zust&#228;ndige Abteilung X der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung und die jeweiligen Bezirksverwaltungen bei der Fabrikation solcher Elaborate zusammen. &#220;ber die Abteilung Agitation des ZK &#8211; zwischen dessen Propagandasekret&#228;r Joachim Herrmann und der ZAIG existierte ein st&#228;ndiger unmittelbarer Kontakt &#8211; wurden diese dann ADN zugeleitet, und f&#252;r derartige ADN-&#220;bermittlungen bestand bei den DDR-Zeitungen Ver&#246;ffentlichungspflicht. Ex-Chefredakteur Naumann: »Die Abteilung Agitation teilte uns t&#228;glich mit, was ADN sendet und was wir davon wo zu platzieren hatten. &#220;berhaupt musste die Redaktion t&#228;glich eine Skizze der Zeitungsseiten 1 und 2 in der Abteilung Agitation des ZK vorlegen, &#252;ber die dann meist Honecker selbst mit Herrmann entschied, wie sie endg&#252;ltig auszusehen hatte.«</p>
<p>Solcherart Kampagnen wiederholten sich immer dann, wenn die B&#252;rgerrechtler im Lande st&#228;rker in Erscheinung traten und Repressivma&#223;nahmen gegen sie motiviert werden sollten. Nicht selten richteten sie sich auch gegen die Kirche bzw. einzelne von deren Repr&#228;sentanten. Besonders bekannt geworden ist ein ADN-Kommentar vorn 10.1.1989 (»Herr Stolpe und der Idealfall«), den angeblich Honecker selbst diktiert hatte, weil ihm &#196;u&#223;erungen des Konsistorialpr&#228;sidenten zu den Gr&#252;nden f&#252;r die gro&#223;e Zahl von Ausreiseantr&#228;gen missfallen hatten. Dieser Kommentar soll selbst im MfS Stirnrunzeln ausgel&#246;st haben, da er das dort kunstvoll errichtete Differenzierungsgeb&#228;ude gegen&#252;ber der Kirche erheblich ins Wanken brachte. »Die Angriffe gegen Stolpe, der die Dinge eigentlich nicht anheizen wollte, schadeten unserer Arbeit«, sagte Kurt Zeiseweis, stellvertretender Leiter der Berliner MfS-Bezirksverwaltung sp&#228;ter dazu, »Das verstanden wir nicht«.</p>
<p>Aber die damalige DDR-F&#252;hrung lie&#223; sich von ihrem falschen Weg nicht mehr abbringen. Sie ging ihn konsequent zu Ende bis in die L&#228;cherlichkeit. Am 21.9. 1989 erschien auf Seite 1 des ND ein Interview mit dein Mitropa-Koch Hartmut Ferworn, in dem er detailliert berichtete, wie er bei einer Fahrt nach Budapest mittels einer Menthol-Zigarette angeblich bewusstlos gemacht wurde und dann mit einem Bus nach Wien »verschleppt« worden sei. Er sagte unter anderem w&#246;rtlich: »Offensichtlich hat man mir ein Bet&#228;ubungsmittel gegeben, wie ich jetzt erfahren habe, eine beliebte Methode westlicher Geheimdienste und ihrer Handlanger.«</p>
<p>Wo er das »erfahren« hatte, ist heute bekannt: beim MfS. Ex- ND-Chefredakteur Naumann berichtete nach der Wende: »Diese Story und den Interviewpartner n&#246;tigte uns die Abteilung Agitation des ZK auf. Ich habe sie leider zun&#228;chst geglaubt, denn nat&#252;rlich gab es in Ungarn auch Abwerbung, und der Mann versicherte immer wieder auf Tonband, da&#223; die Sache stimmt. ZK-Abteilung und Staatssicherheit b&#252;rgten f&#252;r die Wahrheit. Gegenrecherchiert haben wir deshalb nicht.« Schnell erfuhr Naumann aber, dass Ferworn gelogen hatte. Die Eltern des im Interview als »Abwerber« bezeichneten jungen Mannes beschwerten sich beim ND , und besonders im Heimatort dieser Familie erregte der Fall viel Aufsehen. »Da kam pl&#246;tzlich jemand von der MfS-Pressestelle zu uns«, erinnerte sich Naumann, »und verlangte, dass wir der Familie drohen sollten, es gebe noch mehr Beweise, und sie sollten sich ruhig verhalten. Das lehnten wir ab. Wir empfahlen der Familie gerichtliche Schritte, und tats&#228;chlich gestand Ferworn schlie&#223;lich ein, dass ihn das MfS zu der erlogenen Aussage gebracht hatte, wir haben daraufhin eine Richtigstellung gedruckt und uns f&#252;r das Leid, das dieser Familie durch eine solche, von ›Medienzaren‹ verordnete Kampagne erwuchs, entschuldigt.«</p>
<p>Das aber war dann schon mitten in der Wendezeit; zuvor hatte es solche Dementis nie gegeben, und wenn auch der Druck des Parteiapparates auf die Medien unstrittig gewesen ist, so haben nicht wenige Journalisten doch eifrig und mit eigenem Engagement dazu beigetragen, dass die &#214;ffentlichkeit &#252;ber die B&#252;rgerbewegung wie &#252;ber viele andere Vorg&#228;nge desinformiert wurde. Angaben aus dem ZK bzw. dem MfS wurden a priori als wahr angesehen und ungepr&#252;ft ver&#246;ffentlicht. Und das MfS ergriff dar&#252;ber hinaus vielfaltige Ma&#223;nahmen, um auch den akkreditierten ausl&#228;ndischen Journalisten eine wahrheitsgetreue Berichterstattung zu erschweren. Typisch daf&#252;r ist eine Anweisung des MfS aus dem Jahre 1988, in der ausdr&#252;cklich als notwendig bezeichnet wurde:<br />
»1. Die Durchsetzung von Ordnung, Sicherheit und Disziplin hinsichtlich der Einhaltung der Melde- und Genehmigungspflicht von Kontakten zu bevorrechteten Personen und Korrespondenten durch die Leiter und Mitarbeiter der Kombinate, Betriebe, staatlichen Institutionen, Organen und anderen Einrichtungen der Hauptstadt, einschlie&#223;lich der Genehmigungspflicht zur Wahrnehmung von durch Botschaften und Korresponderenb&#252;ros des nichtsozialistischen Auslands erfolgten Einladungen zu Veranstaltungen wie Empf&#228;ngen, Partys u. a. Unsere gemeinsame Aufgabe muss darin bestehen, durch Einschr&#228;nkung des Kontakt-Kreises auf das notwendige Ma&#223;, durch Einbeziehung von B&#252;rgern, die die DDR w&#252;rdig vertreten und durch &#220;berschaubarkeit solcher Kontakte eine weitere Ausbreitung zu durchkreuzen.<br />
2. Um den Bestrebungen bevorrechteter Personen und Journalisten des nichtsozialistischen Auslands zur Absch&#246;pfung vertraulicher bzw. geheimzuhaltender Informationen entgegenzuwirken und negative Einflussm&#246;glichkeiten einzuschr&#228;nken, ist die politisch-ideologische Erziehung von B&#252;rgern, die solche Kontakte dienstlicherseits usw. unterhalten, zu politischer Wachsamkeit und Geheimhaltung st&#228;rker als in der Vergangenheit zu aktivieren.«</p>
<p>Ziel der offiziellen Informationspolitik war also nicht die Wahrheit, sondern das gesch&#246;nte Bild, das die Partei- und Staatsf&#252;hrung von der DDR vermitteln wollte. Am deutlichsten brachte das der langj&#228;hrige Chefredakteur der FDJ-Zeitung »Junge Welt«, Dieter Langguth in einem Vortrag vor Jenenser Jura-Studenten zum Ausdruck, nachdem er zum stellvertretenden Leiter der ZK-Abteilung Agitation aufgestiegen war: »Die DDR-Medien sind Parteimedien und sind Mittel zur Propagierung der Erfolge des Sozialismus. Keine Presse in der Welt druckt alles, und auch wir drucken nur, was uns passt &#8230; Die Medien sind nicht Plattform des Gegners. Jede Form von Pluralismus und Meinungsverschiedenheit schaden dem Sozialismus und bringen die Anarchie &#8230; Der Sozialismus hat drei Gegner: 1. den Imperialismus, 2. Intellektuelle, K&#252;nstler, Journalisten aus dem Osten, die von der Linie abweichen, 3. Gegner von innen &#8230;«</p>
<p>In den letzten Monaten vor dem Herbst 1989 wurde dieser Kurs drakonisch durchgepeitscht. Es gab aber zugleich verzweifelte Versuche, wenigstens an einer der selbstgeschaffenen Fronten Befriedung zu erreichen: gegen&#252;ber der Kirche. Deutlichstes Beispiel daf&#252;r war die Wiedereinweihung des Greifswalder Domes am 11. Juni 1989, zu der auch hochstehende staatliche Vertreter eingeladen wurden. Bereits im April lie&#223; Honecker mitteilen, dass er pers&#246;nlich kommen wolle. Das schien zwar durch die Vorg&#228;nge um die Kommunalwahlen und das starke Engagement der evangelischen Kirche in dieser und anderen Auseinandersetzungen immer wieder in Frage gestellt, aber Honecker kam trotzdem. Er h&#228;tte &#8211; auch nach der Stimmung in der Greifswalder Kirchenleitung &#8211; durchaus noch einmal die Chance zu einem Schritt der Vers&#246;hnung gehabt, entschied sich jedoch f&#252;r den Versuch der Differenzierung, der angesichts des durch die Ausreisewelle und die zunehmende Unzufriedenheit allerorts angeschlagenen Staates<br />
nicht erfolgreich sein konnte.</p>
<p>Honecker verlangte, dass an einem Empfang im Greifswalder Rathaus nach dem Gottesdienst der Bischof der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg nicht teilnehmen solle. Dieses Ansinnen hatte eine den Absichten von Partei und Staat diametral entgegenstehende Wirkung. »Es war urspr&#252;nglich der Versuch, eine bestimmte Landeskirche f&#252;r die Zusammenarbeit mit dem Staat zu gewinnen«, bewertete sp&#228;ter der Berliner Probst Dr. Furian das damalige Geschehen, »Dass man daf&#252;r ausgerechnet auf Greifswald verfiel, zeigt die Fehleinsch&#228;tzung Honeckers sowohl &#252;ber die Rolle der Greifswalder Kirche in unserem Bund, als auch &#252;ber den Einfluss, den er selbst auf den Greifswalder Bischof Gienke zu haben glaubte. Vielleicht hat die Taktik des Staates einige zun&#228;chst verunsichert, aber mit der Ausladung von Bischof Forck gab der Staat selbst das Gegensignal, stellte er die Dinge selbst wieder richtig.« Und Stolpe mutma&#223;te, dass dieser so gar nicht in die Zeit passende Schritt auch in der DDR-F&#252;hrung umstritten gewesen sein d&#252;rfte. »Es war wohl ein Alleingang Honeckers, der aber keinen 3rfolg haben konnte, da er in keiner Welse der Realit&#228;t im Lande entsprach.«</p>
<p>Tats&#228;chlich war auch das Vorgehen gegen die Kirche in diesen Wochen von H&#228;rte und Unnachgiebigkeit gekennzeichnet; die Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht und Opposition nahmen immer offenere Formen an und erhielten seitens des Staates immer brutalere Z&#252;ge. Und auch innerhalb der Partei sah sich die F&#252;hrung gen&#246;tigt, zunehmend h&#228;ufiger gegen Kritik vorzugehen, &#246;fter und &#246;fter mit Ma&#223;nahmen der Disziplinierung zu reagieren. Was f&#252;r alle offensichtlich war, wollte die F&#252;hrung nicht sehen. »Wir haben die Lage weitgehend gekannt, haben &#252;ber die Stimmung im Lande berichtet, haben vor allem die Probleme in der Wirtschaftspolitik benannt«, klagte MfS-General Felber, der an der Spitze der Stasi-Parteiorganisation stand, sp&#228;ter. »Ich hoffte, dass sich im Zentralkomitee, wo ich selbst Mitglied war, das widerspiegelt. Aber nichts geschah. Nicht eine von diesen Analysen wurde dort behandelt.« Allerdings hatte wohl auch Felber darauf nicht gedrungen.</p>
<p>Den Grund daf&#252;r nannte Honecker in einem langen Interview zu Anfang des Jahres 1990 selbst: »Ich selbst habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.« Und was in westlichen Medien stand, so fuhr er fort, war unter dem Aspekt des Klassenkampfes zu betrachten. Faktisch gestand er damit ein, dass er den Berichten seines eigenen Geheimdienstes misstraute, weil sie mit seinem Wunschbild so wenig &#252;bereinstimmten. Dieses Wunschbild hatte Joachim Herrmann noch auf der 8. Tagung des ZK der SED am 22. Juni 1989 farbenfroh ausgemalt: »Die gro&#223;e Demonstration der Werkt&#228;tigen am 1. Mai, das Votum f&#252;r unsere Politik bei den Kommunalwahlen, das Bekenntnis der jungen Generation zum Sozialismus in der DDR w&#228;hrend des Pfingsttreffens der FDJ, die in die Zukunft weisenden Beratungen auf dem IX. P&#228;dagogischen Kongress &#8211; all diese Ereignisse in der Berichtsperiode bringen zum Ausdruck, wie fest die Werte des Sozialismus im Volk verankert sind. Die Einheit von Wirtschafts~ und Sozialpolitik wurde konsequent verwirklicht, was neue Initiativen der Werkt&#228;tigen ausl&#246;ste.«</p>
<p>Dieses Kopf-in-den-Sand-stecken wurde immer weniger begriffen, l&#246;ste Unruhe auch in der Partei aus. Das MfS notierte am 11.9.1989: »Vorliegenden Informationen zufolge sind zahlreiche, vor allem langj&#228;hrige Parteimitglieder, von tiefer Sorge erf&#252;llt &#252;ber die gegenw&#228;rtige allgemeine Stimmungslage unter gro&#223;en Teilen der Werkt&#228;tigen, besonders in den Betrieben, teilweise verbunden mit ernsten Bef&#252;rchtungen hinsichtlich der weiteren Erhaltung der politischen Stabilit&#228;t der DDR. Sie begr&#252;nden diese Haltung insbesondere mit solchen pers&#246;nlich getroffenen Feststellungen im Arbeits-, Wohn-und Freizeitbereich wie<br />
- der erheblichen Zunahme von durch Unwillen und Unzufriedenheit gekennzeichneten, in immer aggressiverem Ton gef&#252;hrten Diskussionen im Zusammenhang mit der Versorgungslage und der Lage im Dienstleistungsbereich, der Lohn-Preis-Politik, der materiell-technischen Sicherstellung der Produktion,<br />
- zunehmenden Erscheinungen von Passivit&#228;t und Gleichg&#252;ltigkeit unter Werkt&#228;tigen gegen&#252;ber dem politischen und gesellschaftlichen Leben in der DDR insgesamt und im Territorium,<br />
- dem weiteren R&#252;ckgang von Arbeitsdisziplin und Leistungsbereitschaft,<br />
der erheblichen Zunahme von Erscheinungen des Spekulantentums und der Korruption.<br />
Die Praxis zeige, dass auch zahlreiche Parteimitglieder mit derartigen Auffassungen und Verhaltensweisen in Erscheinung treten und sich damit kaum noch von Parteilosen unterscheiden.«</p>
<p>So st&#252;tzte sich die F&#252;hrung letztlich fast nur noch auf die Staatssicherheit, die bald permanent im Einsatz war. Alle MfS-Diensteinheiten mussten »neue Anstrengungen« unternehmen, um »die Lage zu beherrschen«. In einem Grundsatzpapier der Bezirksverwaltung Berlin des MfS &#252;ber »zu beachtende Aspekte des aktuellen Wirksamwerdens innerer feindlicher, oppositioneller und anderer negativer Kr&#228;fte in personellen Zusammenschl&#252;ssen« wurde gefordert, dass »durch ein noch einheitlicheres und konzeptionell gesichertes politisch-ideologisches und operatives Zusammenwirken und Vorgehen aller zust&#228;ndigen staatlichen Organe und einzubeziehenden gesellschaftlichen Organisationen und Kr&#228;fte der weiteren Profilierung bestehender und der Bildung neuer derartiger personeller Zusammenschl&#252;sse konsequent entgegengewirkt und Ma&#223;nahmen der Sicherheitsorgane zur Zersetzung und Aufl&#246;sung derselben und zur Paralysierung von diesen ausgehender antisozialistischer Aktivit&#228;ten differenziert wirkungsvoll unterst&#252;tzt werden«. Der Begriff solcher »antisozialistischer Aktivit&#228;ten« wurde sehr weit gefasst. Kurt Zeiseweis von der BV Berlin merkte zwar an, dass eigentlich das Strafgesetzbuch als Kriterium f&#252;r die Strafrechtswidrigkeit zu Rate gesogen werden sollte, dieses in praxi aber sehr weit ausgelegt wurde: »Im Grunde ist von uns jede oppositionelle Handlung zumindest am Rande der politischen Untergrundt&#228;tigkeit eingeordnet worden.« Und daraus wurden die entsprechenden Konsequenzen gezogen. Noch einmal aus dem eben zitierten Grundsatzdokument, das aus dem Juni 1989 stammt: »In Wahrung und Durchsetzung der sozialistischen Gesetzlichkeit sollten gegen&#252;ber Personen, die durch fortgesetzte und &#246;ffentlichkeitswirksame, sicherheitspolitisch besonders bedeutsame Handlungen gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung in Erscheinung treten und damit in erheblichem Ma&#223;e Strafrechts- und ordnungsrechtliche Normen verletzen, differenziert konsequent geeignete Sanktionen Anwendung finden. Um die damit beabsichtigte disziplinierende Wirkung zu erh&#246;hen und m&#246;gliche Reaktionen anderer feindlicher und oppositioneller Kr&#228;fte darauf vorbeugend einzuschr&#228;nken, w&#228;re es zweckm&#228;&#223;ig, dieses Vorgehen durch entsprechende offensive politische und ideologische Ma&#223;nahmen zu erg&#228;nzen.«</p>
<p>Und dies erfolgte ohne Verzug. Bekannt geworden ist die Bildung einer »Soforteinsatzgruppe operative Beobachtung« der MfS-Fahndungsabteilung VIII, der Stasi-Minister Mielke die Aufgabe stellte, »angesichts der aktuellen Entwicklung der politisch-operativen Lage und der besonderen sowie sicherheitspolitischen Bedeutung von feindlich-negativen, besonders &#246;ffentlichkeitswirksamen Handlungen in der Hauptstadt der DDR, Berlin, durch die qualifizierte Nutzung der weitreichenden M&#246;glichkeiten der operativen Beobachtungen einen noch gr&#246;&#223;eren Beitrag zur Beherrschung der Lage unter allen Bedingungen zu leisten.« Hier entstanden jene Video-Aufnahmen, die sp&#228;ter um die Welt gingen und veranschaulichten, was die »fl&#228;chendeckende« &#220;berwachung eines ganzen Volkes bedeutete. Damit aber waren die Aufgaben dieser »Sofortbeobachtungskr&#228;fte« nicht ersch&#246;pft, sondern: &#8220;Wenn es w&#228;hrend des Einsatzes unumg&#228;nglich ist, werden die eingesetzten Kr&#228;fte bei Sicherung der Konspiration bem&#252;ht sein, &#246;ffentlichkeitswirksamen Provokationen offensiv zu begegnen und im Ausnahmefall auch Zuf&#252;hrungen bzw. Festnahmen durchzuf&#252;hren.«</p>
<p>Diese st&#228;ndige Ausweitung der Aufgaben war auch im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit nicht unumstritten, zumal die politische Motivierung f&#252;r solche Eins&#228;tze mehr und mehr verloren ging. »Viele sp&#252;rten, dass sie Auswirkungen der Perestroika bei uns bek&#228;mpfen sollten«, sagt Ex-Generalmajor Felber. »Aber sie waren oft selbst Perestroika-Anh&#228;nger, wenn sie das meist auch nur im kleinen Kreis zugaben. Wer es &#246;ffentlich sagte, wurde wieder auf Linie gebracht. Mielke war gegen die Perestroika; er verunglimpfte sie sogar.« Felber verga&#223; dabei, dass die Aufgabe, aufm&#252;pfige Tschekisten wieder auf Vordermann zu bringen, ihm und seiner Parteiorganisation oblag und er das bis zur letzten Minute der Honecker-Herrschaft und noch ein paar Tage dar&#252;ber hinaus auch praktizierte. Parteiverfahren gegen einzelne Angeh&#246;rige des MfS fanden noch im Oktober und November 1989 statt, und. bis in den Dezember hinein verteidigte das von Felber gef&#252;hrte Sekretariat der SED-Kreisleitung im Ministerium hartn&#228;ckig die alte Linie. Es musste schlie&#223;lich von j&#252;ngeren Funktion&#228;ren und einfachen Parteimitgliedern im MfS f&#246;rmlich davongejagt werden; erst nach dem Sturz von Egon Krenz l&#246;ste es sich endg&#252;ltig auf. Diese Entwicklung best&#228;tigt allerdings des Ex-Generals sp&#228;te Aussage, dass die allgemeine Unzufriedenheit partiell auch auf das MfS &#252;bergriff &#8211; eine wichtige Gr&#246;&#223;e bei den weiteren Ereignissen und ihrem nahezu unblutigen Verlauf.</p>
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