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	<title>blogsgesang.de &#187; Markus Wolf</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Weiter auf Sonjas Spuren&#8230;</title>
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		<comments>http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 07:39:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichtsbuch]]></category>
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		<description><![CDATA[(rhe) Vielleicht erinnert sich der geneigte „Blogsgesang“-Leser noch an den im Mai ver&#246;ffentlichten, jetzt im Geschichtsbuch abgelegten Ruth-Werner-Beitrag „Auf Sonjas Spuren“. Das war der Einstieg: „Wir leben in einer Zeit, in der zunehmend in Vergessenheit ger&#228;t, woran sich eine geschichtsbewusste Gesellschaft erinnern sollte. Dazu z&#228;hlen auch Per­so­nen mit umstrittener Lebens-leistung. Eine von ihnen ist Ruth [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3 style="text-align: justify">(rhe) Vielleicht erinnert sich der geneigte „Blogsgesang“-Leser noch an den im Mai ver&#246;ffentlichten, jetzt im Geschichtsbuch abgelegten Ruth-Werner-Beitrag „Auf Sonjas Spuren“.<span id="more-3216"></span> Das war der Einstieg:</h3>
<h3 style="text-align: justify">„Wir leben in einer Zeit, in der zunehmend in Vergessenheit ger&#228;t, woran sich eine geschichtsbewusste Gesellschaft erinnern sollte. Dazu z&#228;hlen auch Per­so­nen mit umstrittener Lebens-leistung. Eine von ihnen ist Ruth Werner. Ihr 104. Geburtstag und der 66. Jahrestag von Befreiung und Sieg sollen Anlass sein, sie zu ehren: Gedenkwanderung in Berlin-Treptow, Ausstellung des Ruth-Werner-Vereins in Carwitz bei Feldberg, Familien-treffen im Ausland&#8221;.</h3>
<p style="text-align: justify">Der Text l&#228;uft auf die vorweg genommene Wanderung am 9. Mai hinaus. An deren Ende der Blogs&#228;nger den &#252;ber 40 Getreuen mitteilt, dass sie sich ab sofort im Internet dar&#252;ber informie­ren k&#246;nnen, was in den zur&#252;ckliegenden Stunden zwischen Pl&#228;nterwald und Spreeufer im Wortsinn „abgelaufen“ sei. Den Hinweis auf diesen, journalistisch gesehen, eher ungew&#246;hnli­chen Vorweg-bericht, quittieren die Empf&#228;nger erstaunt und verst&#228;ndnisvoll zugleich. Erinnerte sich mancher an &#228;hnliche Vorg&#228;nge in l&#228;nger zur&#252;ck liegenden DDR-Zeiten?</p>
<p style="text-align: justify"><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/e399e34c0f4941d1bcc33ca2e1febd52" alt="" width="1" height="1" />Die Wanderung auf Sonjas „Lieblings“-Spuren, &#252;ber die nicht ohne Grund erst jetzt berichtet wird, beginnt also an diesem sonnigen Maimontag auf dem Vorplatz des S-Bahnhofes Pl&#228;n­terwald. Eine Freiluftkneipe erm&#246;glicht letzte (fl&#252;ssige) St&#228;rkung vor einem Rundgang, von dem noch keiner der Teilnehmer wei&#223;, wie er verlaufen und wann genau er zu Ende sein w&#252;rde. Nur das Ziel war bekannt: Rosengarten an der Puschkinallee. Denn dort sollten am Nachmittag die „Siegesfeierlichkeiten“ &#252;ber die B&#252;hne gehen.</p>
<p style="text-align: justify">Die Stimmung ist wie das Wetter. Wenn sich Freunde und Genossen, gute alte Bekannte, Gleichgesinnte im Geiste Ruth Werners treffen, die sich Antifaschismus und Solidarit&#228;t in schwerer Zeit auf ihre Fahne schreiben, geht’s meist heiter zu. Man trifft sich aus gutem Grunde.</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter">
<div id="attachment_3221" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010821-3/" rel="attachment wp-att-3221"><img class="size-medium wp-image-3221" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P10108212-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Das ukrainisch-sowjetische Trio SCHO auf dem Lieblingsweg von Sonja und Len</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">Den musikalischen Auftakt liefert das ukrainisch-sowjetische Trio SCHO, wie sich heraus stellen soll, perfekte Stra&#223;enmusikanten. Mit Geige, Gitarre, Akkordeon und Gesang verlei­hen sie dem politischen Anlass ihre unterhaltsame Note. Hans Erxleben, in diesem Kreise als engagierter, ideenreicher und abgeordneter LINKER der Region bekannt, wird seinem Ruf gerecht. Indem er, spontan (und ohne vorherige R&#252;cksprache mit den Gremien!), einen „Freundeskreis Ruth Werner“ ins Leben ruft.</p>
<address><strong>Ein unerkl&#228;rtes</strong></address>
<address><strong>Ordens-Geheimnis</strong></address>
<p style="text-align: justify">Er verwendet dazu eine farbige Urkunde. Darauf das Abbild des Rotbanner-Ordens mit der Nr. 944. Ihn bekam Ruth Werner als Sonja 1937 in Moskau von Staatsoberhaupt Michail Ka­linin. Ein weiteres Mal wurde ihr der gleiche Orden 25 Jahre sp&#228;ter in Berlin als Ursula Beurton vom sowjetischen Botschafter Pjotr Abrassimow &#252;berreicht. &#220;ber der zweiten Ver­leihung hing am diesem 9. Mai 2011 (immer) noch der Schleier eines unerkl&#228;rten Geheimnis­ses. Das erst ein paar Wochen sp&#228;ter in Carwitz seine endg&#252;ltig Aufkl&#228;rung durch einen ehe­maligen Aufkl&#228;rer erfahren sollte. Durch einen, der es wissen muss. Denn er war dabei, als der Orden an Sonja und weitere Auserw&#228;hlte verliehen wurde. Sein Name ist bekannt. Er wird im Beitrag „Immer noch auf Sonjas Spuren&#8230;“ &#246;ffentlich gemacht, der bis Anfang Oktober bei „Blogsgesang“ erscheinen soll.</p>
<div class="mceTemp">
<div id="attachment_3223" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010813-2/" rel="attachment wp-att-3223"><img class="size-medium wp-image-3223" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P10108131-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Hans Erxleben ruft spontan zur Gr&#252;ndung des &quot;Freundeskreises Ruth Werner&quot;</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">Zur&#252;ck zum Gr&#252;ndungsvorschlag. Ihm wurde – ohne wenn und aber &#8211; zugestimmt. Von de­nen, die aus den umliegenden Berliner Stadtbezirks-Regionen kamen ebenso wie von Sonjas 1942 in England geborenem Sohn Peter Beurton, der aus dem mecklenburgischen Carwitz herbei geeilt war. Auch Klaus Eichner, Spezialist f&#252;r britische und US-Geheimdienste,  Autor, und Heraus-geber mehrerer B&#252;­cher zum Thema, ebenso einer der Autoren von „funkspr&#252;che an sonja“, hob die Hand. Er war mit seiner Frau aus dem brandenburgischen Dorf Lentzke ge-kommen. Mi­chael Hamburger, der 1930 in Shanghai geborene Sohn von Sonja konnte seine Hand nicht heben, er galt wegen einer wichtigen PEN-Veranstaltung im S&#252;den Deutsch-lands ebenso als „entschuldigt“ wie die 1936 in Warschau auf die Welt gekommene Tochter Janina Blankenfeld. Sie fehlte krankheitsbedingt, lie&#223; aber herzlich gr&#252;&#223;en.</p>
<address><strong>Gegen die Arroganz</strong></address>
<address><strong>von  Macht und SED-Spitze</strong></address>
<p style="text-align: justify">Ersten Halt gibt es an der Stele f&#252;r den im Oktober 1944 ermordeten Kommunisten und Wi­derstandsk&#228;mpfer Erich Lodemann.</p>
<p style="text-align: justify"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010820/" rel="attachment wp-att-3231"><img class="alignleft size-medium wp-image-3231" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010820-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a></p>
<p style="text-align: justify">Vor diesem optischen Hintergrund erinnert ein Teilneh­mer an Steffi Spira. Sie lebte zwanzig Jahre in Adlershof. Ihr zu Ehren regten der dortige B&#252;rgerverein und das Festkomitee eine Gedenktafel an. Die Volksschauspielerin hatte am 4. Novem-ber 1989 auf dem Alexander­platz vor 500000 Demonstranten mit erhobener Faust gegen die Arroganz der Macht das Wort ergriffen, f&#252;r die Abl&#246;sung der SED-Spitze pl&#228;diert.  Nachdem die BVV Treptow-K&#246;penick nach einer aufgeregten Debatte eine Gedenktafel f&#252;r die 1995 in Friedrichs­felde beigesetzte Verstorbene ablehnte (Der Tagesspiegel schrieb in einem Nachruf &#8220;Sie lebte einen Kommunismus des Herzens&#8221;), wird, der Monatsszeitschrift der LINKEN &#8220;Bl&#228;ttchen&#8221; nach,  eine Ehrung weiterhin erwogen. Sie k&#246;nnte im Oktober erfolgen.</p>
<div id="attachment_3246" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010819/" rel="attachment wp-att-3246"><img class="size-medium wp-image-3246" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010819-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Innehalten am Denkmal - &#252;ber einen neuen Vorschlag nachdenken</p></div>
<p style="text-align: justify">In diesem Kontext soll hier auch mitgeteilt wer-den, dass f&#252;r die in Wien 1908 geborene, vor den Nazis emigrierte Schau- spielerin (DT, Volks-b&#252;hne, BE), die in Kurt Maetzigs 1954 gedreh-tem Film <em>&#8220;Ernst Th&#228;l-mann &#8211; Sohn seiner Klas- se&#8221; </em>die Clara Zetkin spielte, am Haus Bonner stra&#223;e 9 in Berlin-Wilmersdorf  eine Tafel angebracht wurde. Ihre Kernaussage ist system-&#252;bergreifend: <strong>„So, wie es ist, bleibt es nicht!“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Als der in lockerer Gruppierung wandernde Trupp am Dammweg 73 ankommt &#8211; das Haus schm&#252;ckt ebenfalls eine Gedenktafel &#8211; ist ein weiterer Blick zur&#252;ck wohl angebracht: auf Dora Schaul (1913-1999). Sie k&#228;mpfte w&#228;hrend des Zweiten Weltkrieges in Frankreich unter dem Namen Rènne Fabre in der Rèsistance gegen die Nazi-Akkupation, woran in Brens bei Toulouse seit dem Jahre 2006 mit einem Stra&#223;ennamen erinnert wird.</p>
<div id="attachment_3234" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/nd06-3-strasse-schaul-foto2-strasenschild-fur-dora-schaul-in-brens/" rel="attachment wp-att-3234"><img class="size-thumbnail wp-image-3234" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/ND06-3-strasse-schaul-Foto2-Stra&#223;enschild-f&#252;r-Dora-Schaul-in-Brens-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Stra&#223;ennamen f&#252;r Dora in Frankreich</p></div>
<div id="attachment_3233" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010822-2/" rel="attachment wp-att-3233"><img class="size-thumbnail wp-image-3233" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P10108221-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Blumen f&#252;r Dora in Deutschland</p></div>
<p style="text-align: justify">Vor dem Schaul-Haus erinnert sich Peter Beurton erst einmal an seine mit Doras Sohn Peter in den f&#252;nfziger Jah-ren in Carwitz ver-brachten Ferien. Aber auch an sp&#228;-tere Gespr&#228;che mit dessen Vater Hans Schaul, einst Chef-redakteur der „Einheit“. Bei denen sei es oft „um schwierige Fragen gegangen, die es ja in der DDR auch gab.“ Schaul habe ihm „so und so gesagt, und das war dann gut f&#252;r mich.</p>
<address><strong>Trag&#246;die eines Unschuldigen:</strong></address>
<address><strong>Walter Hollitscher </strong></address>
<p style="text-align: justify">Weniger gut war es – wir sind zur Stra&#223;enreihe, die mit der Nr. 35 endet, gekommen – in den gleichen f&#252;nfziger Jahren einem Mann namens Walter Hollitscher ergangen. Der &#214;sterreicher sei Vormieter von Beurtons gewesen, war zu erfahren. Diese h&#228;tten erst ein paar H&#228;user wei­ter gewohnt. W&#228;ren dann aber wegen der guten Lage, des etwas gr&#246;&#223;eren Gartens und der etwas niedrigeren Miete &#8211; „nicht 93,- Mark, sondern nur 90,- Mark“ &#8211; umgezogen. Gekauft wurde das Haus dann aber nicht, obwohl es Angebote gegeben habe.</p>
<p style="text-align: justify">Was nun den Vormieter angeht: der marxistische und kommunistische Philosoph war 1949 als Gastprofessor nach Berlin gekommen und wurde zwei Jahre sp&#228;ter Direktor des wiederbe­gr&#252;ndeten Philosophie-Instituts an der Humboldt-Universit&#228;t. Er galt wegen seiner wissen­schaftlichen Leistung sowie dem kollegialen Umgang mit Kollegen und Studenten als hoch anerkannt. F&#252;r diese war es dann im Fr&#252;hjahr 1953 merkw&#252;rdig, geradezu unerkl&#228;rlich, wes­halb es pl&#246;tzlich eine angeblich bruderparteiliche verabredete Zur&#252;ckrufung Hollitschers nach Wien gegeben haben soll.</p>
<p style="text-align: justify">Es ist hier nicht der Platz ausf&#252;hrlich zu referieren. Nur soviel sei angemerkt: Im Schicksal des „Vormieter von Dammweg 35“, Walter Hollitscher, spiegelt sich nicht nur schlechthin die Trag&#246;die eines aufrechten, ehrlichen, parteigl&#228;ubigen Mannes j&#252;disch-b&#252;rgerlicher Herkunft. Sondern in gewissem Sinne etwas von der Trag&#246;die einer Partei, der SED, selbst. Und hier auch des in ihrem Auftrag handelnden MfS.</p>
<p style="text-align: justify">Zugegeben: die Zeit war hochbrisant, von Wider­spr&#252;chen gepr&#228;gt, „Gegner“ hatte es wirklich gegeben, „Feinde“ gab es leibhaftig. Sie waren alles andere als Erfindung oder Einbildung in einer Zeit des sich rasant zuspitzenden Kalten Krieges. Zwischen den sich jetzt diametral gegen&#252;ber stehenden Alliierten, noch wenige Jahre zuvor erfolgreich verb&#252;ndet im Kampf gegen den Hitler-faschismus.</p>
<p style="text-align: justify">Diese, historisch gesehen, durchaus belastbaren Faktoren k&#246;nnen aber weder Arroganz, Selbst&#252;berhebung, unbegr&#252;ndetes Misstrauen noch haltlose Vorw&#252;rfen, schon gar nicht die Erniedrigung von Gleichgesinnten wie Hollitscher, rechtfertigen. Die Ironie (oder die Logik?) des Schicksal will es, dass unser Mann aus Wien und dann wieder in Wien ab 1966 „be­suchsweise“ in das Land zur&#252;ck kehren kann, in dem man ihm schweres Unrecht angetan hat. Die Karl-Marx-Universit&#228;t Leipzig verleiht ihm 1971 die Ehrendoktorw&#252;rde, f&#252;nf Jahre dar­auf wird er von der Regierung der DDR sogar mit dem Stern der V&#246;lkerfreundschaft in Gold ausgezeichnet!</p>
<p style="text-align: justify">Wer Weiteres &#252;ber den „Vormieter“ und die ihm unterstellten angeblichen „Vergehen“ er­fahren will, dem sei die Lekt&#252;re des Neuen Deutschland empfohlen. In der Ausgabe vom 14./15. Mai 2011 erschien anl&#228;sslich des 100. Geburtstages Walter Hollitschers der auf neue­ren Aktenfunden basierende aufhellende Beitrag von Hans-Christoph Rau „Verd&#228;chtigt. Ge­dem&#252;tigt. Ausgewiesen&#8221;.</p>
<address><strong>R&#252;ckblick auf  Sonjas</strong></address>
<address><strong>gef&#228;hrlichen Weg</strong></address>
<p style="text-align: justify">Zur&#252;ck zum verdienten Dank der Franzosen f&#252;r die Antifaschistin Dora Schaul. Ein solcher ist der Antifaschistin Ruth Werner nach der Wiedervereinigung von den Deutschen bislang versagt geblieben. Sie war, die Mehrzahl der „Spazierg&#228;nger“ wei&#223; es, im Jahre 1930 mit ihrem Mann, einem Architekten, als Ur­sula Hamburger nach Shanghai gegangen. Um dann, von Richard Sorge als „Sonja“ f&#252;r die sowjetische Milit&#228;raufkl&#228;rung der Roten Armee (GRU) gewonnen, &#252;ber zwei Jahrzehnte in der Mandschurei, Polen, der Schweiz, zuletzt England unter Gefahr f&#252;r Leib und Leben, auch das ihrer Kinder, zu wirken. Sie leistet, nicht nur als Funkerin von „Atomspion“ Fuchs, Frie­densarbeit. Die sie, im R&#252;ckblick, immer wieder als „bescheidenen Beitrag“ bezeichnet. Was auf Gesinnung und Charakter schlie&#223;en l&#228;sst.</p>
<p style="text-align: justify">Vor dem Hintergrund des Prozesses gegen Klaus Fuchs war sie 1950 von London nach Berlin, in die DDR, gekommen. Hat, zusammen mit ihrem Mann Len Beurton als Schriftstellerin Jahrzehnte in Baumschulenweg gewohnt. Mit ihrem 1977 im Verlag Neues Leben erschienenen Bestseller „Sonjas Rapport“ sorgt sie, keine &#220;bertrei­bung, weltweit f&#252;r Aufsehen.</p>
<p style="text-align: justify">Die nun schon Jahre dauernden Bem&#252;hungen linker Kr&#228;fte, in der Treptower Region eine Stra&#223;e oder einen Weg nach ihr zu benennen, sind bis dato gescheitert. Die Gr&#252;nde f&#252;r eine Ablehnung durch die BVV Treptow-K&#246;penick aus &#8211; alles in allem &#8211; ambivalenten Gr&#252;nden &#8211; erinnern Zeitzeugen bei diesem Spaziergang mit (R&#252;ck)-Blick auf deutsche und deutsch-deutsche Geschichte oft auch in Vier-Augen-Ge­spr&#228;chen.</p>
<div id="attachment_3235" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010824/" rel="attachment wp-att-3235"><img class="size-medium wp-image-3235" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010824-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Blumen f&#252;r Hollitscher, Sonja und Len</p></div>
<p style="text-align: justify">Vorarbeit und Entstehen von „Sonjas Rapport“ sind, wie k&#246;nnte es anders sein, eng mit dem Reihenhaus Dammweg 35 verbunden. Wollte man, allein unter diesem Aspekt, die Ge­schichte des Hauses &#8211; Bewohner und Besucher – recherchieren und schreiben, w&#228;re eine Edi­tion vom Umfang her vielleicht der DDR-Rapport-Ausgabe vergleichbar. Eine „Geschichte hinter der Geschichte“. In deren Mittelpunkt steht, was nur die Autorin wusste. Aber – aus Gr&#252;nden ihres Selbstverst&#228;ndnisses von Beruf und Berufung oder angeordnet von &#252;bergeord­neter Berliner oder Moskauer Instanz – dem Leser nicht mitteilt. Auch in der 2006 erschiene­nen „Ersten voll-st&#228;ndigen Ausgabe“ nicht. Die nun das Kapitel &#8211; Markus Wolf war damals daf&#252;r, Honecker dagegen &#8211; &#252;ber den „Atomspion“ Klaus Fuchs enth&#228;lt.</p>
<address><strong>Schweigsam bis &#252;ber</strong></address>
<address><strong>den Tod hinaus </strong></address>
<p style="text-align: justify">Was Sonja nicht will oder darf, teilt sie Niemandem mit. Selbst ihrem Bruder J&#252;rgen Kuc­zynski nicht. Der ihr immerhin in London den Kontakt zu Klaus Fuchs herstellte. Und mit dem sie im Dammweg 35 mehrere Jahre im Monatsrhythmus bei Tee und Geb&#228;ck &#252;ber Gott, Partei, Familie und Welt – meist, aber nicht immer &#8211; einvernehmlich redet. Dessen Rat sie sch&#228;tzt, den sie aber vor Informationen, „die er nicht unbedingt wissen muss“, sch&#252;tzt.</p>
<div id="attachment_3247" class="wp-caption alignright" style="width: 209px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/blog11-foto-ruth-mit-93jahren/" rel="attachment wp-att-3247"><img class="size-medium wp-image-3247" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/blog11-foto-ruth-mit-93jahren-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Das letzte Foto von Ruth Werner alias Sonja entstand am 15. Mai 2000 zu ihrem 93. Geburtstag</p></div>
<p style="text-align: justify">Gleiches trifft &#8211; ausnahmslos &#8211; auf die Kinder zu. Die sich im Gespr&#228;ch „Die Forderung der Zeit verstehen“, Bestandteil der zitieren Nachwende-Ausgabe, ausf&#252;hrlich &#252;ber ihre Mutter &#228;u&#223;ern. Peter Beurton, bezogen auf Sonja als Kundschafterin: „Meine Mutter war ein Mensch, der in allen Dingen, die ihre illegale T&#228;tigkeit betrafen, geradezu von einer Obsession betrof­fen, also absolut verschwiegen war. Uns gegen&#252;ber verlor sie lange Zeit kein einziges Wort, auch nicht indirekt.“</p>
<p style="text-align: justify">Diese hier von Beurton ihm und seinen Geschwistern gegen&#252;ber bezogene Haltung nahm Ruth Werner &#252;brigens auch gegen&#252;ber ihrem fr&#252;heren Auftrageber ein. So seltsam das f&#252;r den ersten Moment auch klingen mag. Andeutungsweise Auskunft dar&#252;ber gibt ein Dokument, auf das der Blogs&#228;nger bei seinem Recherchen zum Buch „funkspr&#252;che an sonja“ in jener Be­h&#246;rde stie&#223;, die nach Gauck und Birthler mit Jahn nun den Namen eines Ex-B&#252;rgerrechtlers tr&#228;gt und in der Karl-Liebknecht-Stra&#223;e in Berlin-Mitte ihren Sitz hat.</p>
<p style="text-align: justify"><em>            „Die Genn. (1) machte bisher nur verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig allgemeine Angaben &#252;ber ihre  fr&#252;here T&#228;tigkeit als Kundschafterin. Sie lie&#223; sich ausdr&#252;cklich versichern, dass ihre   bisherigen Angaben f&#252;r keine Berichte oder &#228;hnliche Unterlagen Verwendung finden. Ausf&#252;hrlichere Angaben m&#246;chte sie ausschlie&#223;lich pers&#246;nlich schriftlich niederlegen.  Aus den angef&#252;hrten Gr&#252;nden k&#246;nnen bisher zu den im folgenden dargelegten Problemen keine weiteren  Details angegeben werden</em>.</p>
<p style="text-align: justify">Der „Bericht &#252;ber die bis Januar 1968 durchgef&#252;hrten Befragung von U.B. (4 Ex.)“ mit der Kennung MfS – HA IX/11, FV 98/66 Bd. – Nr. 15 ist aufschlussreich in mehrfacher Hinsicht.</p>
<address><strong>Das Dokument, seine</strong></address>
<address><strong>drei guten Gr&#252;nde</strong></address>
<p style="text-align: justify"><strong>Erster Grund</strong>: Entgegen diverser Ver&#246;ffentlichungen macht seine Existenz deutlich, dass zwischen den ersten Gespr&#228;chen mit der Kundschafterin, an denen anfangs auch Vertreter der sowjetischen Seite beteiligt waren, und dem Erscheinen von „Sonjas Rapport“ mehr als ein Jahrzehnt liegt. In diese Zeitspanne flie&#223;t eine weitere ein. Die zwischen dem, nach Meinung Ruth Werners, druckreifen Manuskript und dem Termin seiner schlussendlichen Freigabe.</p>
<p style="text-align: justify">Es dauert Jahre (!), kostet die Autorin schlaflose N&#228;chte und graue Haare bis die &#252;bergeord­neten Berliner, vor allem aber Moskauer Instanzen ihr okay geben. Noch unver&#246;ffentlichte Beh&#246;rden-Dokumente geben Auskunft &#252;ber „Vorschl&#228;ge“ hoher sowjetischer GRU-Vertreter, die das Projekt in seiner Endphase fast noch scheitern lie&#223;en. Und Ruth Werner zeitweise an den Rand der Verzweiflung brachten. Weniger &#252;ber sich und ihren Text als &#252;ber die nach ihrer Meinung unrealisierbaren „W&#252;nsche“ der sowjetischen Seite.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Zweiter Grund: D</strong>er Bericht enth&#228;lt einen Schl&#252;ssel von in der Geheimdienst-Szene gut be­kannten Namen, die alle in den von Ruth Werner bei den Befragungen gegebenen Antworten auftauchen. Fast zwei Dutzend Personen. Jede f&#252;r sich bietet oder bot ausreichend Stoff f&#252;r Buch (und Legende!) mitunter schon mehrfach: <strong>Rudolf Hamburger, Agnes Smedley, Dr. Ri­chard Sorge, Prof. Gerhart Eisler, Max Clau&#223;en, Rudolf Herrnstadt, Ilse St&#246;be, Alexander Foote, Rado, Anton Ruh, Erich Henschke, Olga Benario…</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Dritter Grund</strong>: Die hier unvollst&#228;ndig ver&#246;ffentlichte Liste enth&#228;lt unter (8) einen Namen, mit dem vergleichsweise wahrscheinlich nur wenige Leser etwas anfangen k&#246;nnen. Obwohl dieser Mann f&#252;r das „private Leben“ von Kundschafterin Sonja, vor allem w&#228;hrend ihrer Aus­bildung bei Moskau und dem Einsatz in Mukden, wichtig werden sollte. Im „vollst&#228;n­digen“ Rapport kann man &#252;ber das komplizierte, spannungsgeladene Verh&#228;ltnis der beiden ab Seite 131 nachlesen. Erf&#228;hrt, dass sie ein Kind von ihm erwartet. Und- entgegen der guten Ratschl&#228;ge des (zuk&#252;nftigen) Vaters und ihres (noch) Mannes &#8211; darauf besteht, das Kind zu bekommen. Schon nachdem Michael in Shanghai zur Welt gekommen war, stand f&#252;r sie - den Familienmenschen kuczykischer Pr&#228;gung &#8211; fest, er sollte nicht ihr Einziger bleiben.</p>
<p style="text-align: justify">Die im Wortsinn merk &#8211; w&#252;rdige Geschichte nahm ihren Lauf. Sonjas Vorgesetzten, Beruf Seemann, Deckname „Ernst“, verschlug es sp&#228;ter nach S&#252;damerika. Mit den Jahren bekam er „Heimweh“ via Deutschland. Wusste aber nicht genau nach welcher der beiden Republiken. Nahm, auch deshalb, &#252;ber Mittelsm&#228;nner Kontakt mit Ruth Werner auf. Und in den siebziger Jahren, an einem sch&#246;nen, kalten Januartag stand Ernst an der T&#252;r von Dammweg 35, klingelte und ward von Sonja will­kommen gehei&#223;en. Tochter Janina war nicht dabei. Sie  erfuhr erst sp&#228;ter vom Treffen und damit erstmals von der Existenz ihres  &#8221;wirklichen&#8221; Vaters. Sie hat es ihrer Mutter aber, so Blogsgesang gegen&#252;ber, „nicht &#252;bel genommen, dass es so war, es war eben so.“</p>
<p style="text-align: justify">Willkommen gehei&#223;en wurden im Dammweg 35 von Sonja beispielsweise auch – nat&#252;rlich – <strong>Markus Wolf. </strong>Der hat das Rapport-Buchprojekt ja angeregt und f&#252;r „funkspr&#252;che“ den Bei­trag „Sonja zum 100.“ verfasst. Hin und wieder kam <strong>Hermann Kant</strong>, ihr Schriftstellerver­bandspr&#228;sident, er schrieb f&#252;r sie „Gestern mit Ruth und Len“. Auch <strong>Eberhard Panitz</strong> war da. Seine „Morgenstunde bei Ruth Werner“ beginnt so:</p>
<p style="text-align: justify"><em>            „Es ist dasselbe Reihenhaus in der N&#228;he des Pl&#228;nterwaldes, der Gartenweg zur T&#252;r, der schmale Flur und das Wohnzimmer mit dem Blick in den Garten, wo ich oft gewesen bin in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. `Viel zu selten l&#228;sst du dich sehen`, sagte mir Ruth Werner zu dieser Morgenstunde l&#228;chelnd in der T&#252;r. Sie sei  jetzt nicht mehr so beweglich und habe zwar die Kinder und Kindeskinder um sich, die  sich lieb um sie k&#252;mmerten, doch sie vermisse die alten Freunde und Genossen sehr, die sie sonst allenthalben bei Versammlungen und anderen Gelegenheiten getroffen habe. So genau wisse sie es ja nicht wie viel Zeit ihr noch bleibe. In ein paar Tagen wird sie 93 Jahre. Und sie habe uns vielleicht noch dies und jenes zu sagen…“</em></p>
<div id="attachment_3238" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010833/" rel="attachment wp-att-3238"><img class="size-medium wp-image-3238" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010833-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Blogs&#228;nger &#252;ber &quot;funkspr&#252;che an sonja&quot; - ohne die Besuche in Baumschulenweg undenkbar</p></div>
<p style="text-align: justify">Oder eben auch nicht, wie wir wissen. Auch dem <strong>Blogs&#228;nger</strong> &#246;ffnete Ruth Werner hin und wieder die T&#252;r. Dass erste Mal im Fr&#252;hjahr 1978. Aber nicht ihretwegen, sondern weil ihr Mann Len Beurton im Milit&#228;rverlag an der Storkower Stra&#223;e &#252;ber seine Zeit im Spanienkrieg berichtet hat und Blogs&#228;nger, damals Kul­turredakteur der Wochenzeitung Volksarmee, dar&#252;ber ein Seite fabrizierte, die er mit Beurton vergleichend abstimmen will: die Daten, die Fakten, die Fotos. Da seine Frau den Tee serviert, au&#223;erdem ihr Rapport bereits &#246;ffentlich ist, ergibt sich zwangsl&#228;ufig ein von gegenseitigem Interesse und Respekt getragenes „Rand­gespr&#228;ch“. Beginn einer vertrauensvollen Beziehung, die lange h&#228;lt, die &#8220;Kinder&#8221; einbezieht,  und auch nach Sonjas Tod nicht endet. Insofern ist die Gedenk­wanderung ein weiterer Mosaikstein im bunten Tableau dauerhafter Freundschaft &#252;ber Leben und Zeitl&#228;ufte hinaus.</p>
<address><strong>Drei gute Namen:</strong></address>
<address><strong>Franke, Grossmann, Holfert</strong></address>
<p style="text-align: justify">Eine, die gern einmal am Haus mit der Nr. 35 geklingelt h&#228;tte, weil sie „die B&#252;cher von Ruth Werner alle immer las“, ist <strong>Ute Franke</strong>. F&#252;r sie begann die Wanderung schon vor dem 9. Mai. Als sie noch einmal in den „Ausk&#252;nften &#252;ber Ruth Werner“ nachschlug, dem Buch, das zum 75. Geburtstag der Autorin 1982 herauskam. Dort fand sie den Brief der Mutter an Tochter Janina. Und las ihn nun den „Sonja-Wanderern“ vor:</p>
<p style="text-align: justify"><em>                                                                                                                9. Mai 1975</em></p>
<p style="text-align: justify"><em> „Liebe Nuschka,                                                                             </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>            gestern zur Kranzniederlegung am Sowjetischen Ehrenmal in Treptow. Wei&#223;t Du noch,  dass das unser erster Spaziergang in der DDR vor f&#252;nfundzwanzig Jahren war? Ich zeigte Euch – Du vierzehn und Peter sieben Jahre alt – das Ehrenmal, wir a&#223;en in einem winzigen Restaurant Nudelsuppe, und in der zerbombten Innenstadt wohnend,   beneidete ich gl&#252;hend die Leute, die in dieser Gegend lebten. Es ist wie ein Wunder, dass es gerade diese Gegend f&#252;r uns wurde und nun schon f&#252;nfundzwanzig Jahre ist.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Gewiss, ein paar Zeilen nur. Aber sie sprechen B&#228;nde. &#220;ber Sonja und ihre Lebensphilosophie. Aber auch &#252;ber die Vorleserin. Die f&#252;r die Volkssolidarit&#228;t Busfahrten organisiert, denn „man sollte, wenn man kann, doch noch was N&#252;tzliches tun.“</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter">
<div id="attachment_3240" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/sonja-treptow-quintett2-plus-31420003-2/" rel="attachment wp-att-3240"><img class="size-medium wp-image-3240" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/Sonja-treptow-quintett2-plus-314200031-300x198.jpg" alt="" width="300" height="198" /></a><p class="wp-caption-text">Bei einer Lesung von &quot;Sonjas Rapport&quot; in einer Treptower Schule wurde von Jutta Matuschek (MdA) das Stra&#223;ennamen-Projekt angeregt. Das Quintett der Kinder und Freunde auch dar&#252;ber in guter Stimmung: Eberhard Panitz, Nina Blankenfeld, Michael Hamburger, Peter Beurton, Markus Wolf (v.l.)</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">W&#228;hrend der nun vergangenen gut zwei Stunden, dominieren vor allem die individuellen Gespr&#228;­che am Rande des Weges. Immer neue Fragen und Antworten, die gro&#223;en und kleinen The­men rund um Sonja. <strong>Gert</strong>, sein Fahrrad schiebend, w&#252;rde gerne mehr &#252;ber die Frau erfahren, als sie noch Ursula Kuczynski hie&#223;. Und ihre Kinderfilmrolle im Streifen „Dreim&#228;derlnhaus“. Dabei kann es sich nicht um den Film von Ernst Marischka mit Karlheinz B&#246;hm, Gustav Knuth und Magda Schneider handeln, der 1958 entstand. Sondern es muss der vierzig Jahre fr&#252;her von Richard Oswald gedrehte sein. Dieser Regisseur, dessen Film „Das Eisernes Kreuz“ 1915 we­gen pazifistischer Tendenzen verboten wurde, erlangte Ber&#252;hmtheit durch Streifen wie „Im Wei&#223;en R&#246;&#223;l“ und „Gr&#228;fin Mariza“. Da er aber auch als Begr&#252;nder des so genannten Sit­ten-und Aufkl&#228;rungsfilms gilt, w&#228;re es in der Tat interessant zu wissen, ob die elfj&#228;hrige Ur­sula in seinem „Dreim&#228;derlnhaus“ wirklich mitwirkte.</p>
<address><strong>Wann werden die Karten</strong></address>
<address><strong>neu gemischt?</strong> </address>
<p style="text-align: justify">Mitgewirkt an der Ehrung hat auch <strong>Victor Grossmann</strong>. Als Stephen Wechsler desertierte der heute 83-J&#228;hrige, als in Bayern stationierter GI der US-Army 1952 &#252;ber Linz, die Donau durchschwimmend, zum sowjetischen Haupt-quartier in Baden bei Wien. Und von dort in die DDR. Wohin er eigentlich gar nicht wollte, denn er hatte „erstmal genug von den Deutschen“ – dann aber bis &#252;ber ihr Ende hinaus blieb. Am 9. Mai 2011 kam er aus Richtung Friedrichshainer Karl-Marx-Allee nach Treptow. Sein abenteuerliches Leben, das Internet gibt dazu mancherlei Auskunft, ist auf andere Weise mit dem von Sonja durchaus vergleichbar. „Vielleicht“, so sagt er, „kann ich &#252;ber diese Wanderung etwas in der linken amerikanischen Presse unterbringen.“</p>
<div id="attachment_3242" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/p1010844/" rel="attachment wp-att-3242"><img class="size-medium wp-image-3242" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/P1010844-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Sch&#246;ne Begegnung nach langer Zeit -zwei alte Freunde erinnern sich: Victor Grossmann (l.), Peter Beurton</p></div>
<p style="text-align: justify">Untergebracht hat mitt-lerweile einer den „Ruth Werner Gedenkspazier-gang“. Man sollte dazu <strong>Helmut Holferts</strong> Web-site „Meine Pr&#228;sentation – ganz privat &amp; enga-giert“ anklicken. Da be-gegnet dem Betrachter ein gro&#223;er Bilderbogen sch&#246;ner Motive, kurz,  pr&#228;gnant und famili&#228;r kommen­tiert. Gar keine Frage: auch Sonja wird sich freuen.</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter" style="text-align: justify"> Die Spree, der „Zenner“ und damit das Ende der Tour, sind erreicht. Noch einmal spielt das Trio auf, noch einmal nimmt Hans Erxleben das Wort: Dank den tapferen Mitl&#228;ufern. Erin­nerung an damals, an die 150 Freunde und Sympathisanten, die sich f&#252;r eine Namensgebung am Ufer der Spree in Bewegung setzten. Wenn auch &#8211; vorerst &#8211; noch ohne durchschlagenden Erfolg. „Aber der Kampf geht weiter. Am 18. September stehen in Berlin die Wahlen ins Haus, auch in der BVV. Noch ist der Ausgang offen. Wir sind gespannt auf das Ergebnis. Vielleicht werden die Karten f&#252;r Ruth und ihren Weg dann neu gemischt.“</div>
<dl>
<dt></dt>
</dl>
<p style="text-align: center"><a href="http://www.blogsgesang.de/2011/09/13/weiter-auf-sonjas-spuren/blog11-foto-sonja-weg1a-nsmail-61-2/" rel="attachment wp-att-3243"><img class="aligncenter size-medium wp-image-3243" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/09/blog11-foto-sonja-weg1a-nsmail-611-300x201.jpg" alt="" width="300" height="201" /></a></p>
<div style="text-align: justify">
<dl>
<dt></dt>
<dd><strong>Rund 150 Sonja-Fans, unter ihnen Jutta Matuschek (Mitte, lesend), am 15. Mai 2007 anl&#228;&#223;lich des 100. Geburtstages von Ruth Werner auf der &#8220;Promenaden-Wanderung&#8221; f&#252;r einen Stra&#223;ennamen am Spree-Ufer </strong></dd>
</dl>
</div>
<p style="text-align: justify">Noch im Juni findet die Ehrung von Treptow ihre Fortsetzung. Mit dem Besuch einer Gruppe des neuen „Freundeskreises“ bei dem vor gut einem Jahr gegr&#252;ndeten Ruth-Werner-Vereins in Carwitz bei Feldberg. Nach investigativen Recherchen, auch unter Anwendung der von Sonja hinterlasssenen geheimdientlicher Erfahrungswerte, scheint gesichert, dasss es sich bei dem Carwitzer Verein um den ersten dieser Art weltweit &#252;berhaupt handelt.  &#220;ber ihn, sein bisheriges Engagement, den Besuch einer von Berlin aus per Busfahrerausbildungs-Bus vorgefahrenen &#8220;Freundeskreis&#8221;-Abordnung, dem eine Visite &#228;hnlich motivierter Freunde  von Sonja aus Dresden voraus-gegangen war, wird  der Blog-Beitrag „Immer noch auf Sonjas Spuren&#8230;“  im Oktober Auskunft geben.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Lustration und Netzwerk</title>
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		<pubDate>Mon, 30 May 2011 22:34:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das MfS und seine Geschichte: Mit der Betrachtung zu neuen und &#228;lteren B&#252;­chern &#252;ber eine um­strittene Beh&#246;rde soll vermittelt wer­den, dass die deutsche Gesellschaft sich zwei Jahrzehnte nach der „Wende“ im­mer noch schwer tut, ihre Vergangenheit ausgleichend und gerecht zu beurteilen. 3.Teil: Zum  Buch von Klaus Eichner „Die Osterweiterung der Birthler-Be­h&#246;rde“, Hinweise auf  weitere Titel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a rel="attachment wp-att-2812" href="http://www.blogsgesang.de/?attachment_id=2812"></a></p>
<p style="text-align: center"><strong>Das MfS und seine Geschichte: Mit der Betrachtung zu neuen und &#228;lteren B&#252;­chern &#252;ber eine um­strittene Beh&#246;rde soll vermittelt wer­den, dass die deutsche Gesellschaft sich zwei Jahrzehnte nach der „Wende“ im­mer noch schwer tut, ihre Vergangenheit ausgleichend und gerecht zu beurteilen.</strong></p>
<p style="text-align: center"><strong>3.Teil: Zum  Buch von Klaus Eichner „Die Osterweiterung der Birthler-Be­h&#246;rde“, </strong><strong>Hinweise auf  weitere Titel </strong><strong>zum Thema.<span id="more-2809"></span></strong></p>
<p style="text-align: center">&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify"><strong>(</strong>rhe). Die mit den Beitr&#228;gen zu Werner Stillers im Ch. Links Verlag erschienenen Buch „Der Agent“ begonnene und dem von Werner Grossmann/Wolfgang Schwanitz im verlag edition ost herausgegebenen Kompendium „Fragen an das MfS“ fortgesetzte Serie zur Literatur &#252;ber Sinn und Zweck der DDR-Staatssicherheit findet mit Klaus Eichners „Osterweiterungs“- &#220;bersicht ihren (vorl&#228;ufigen) Abschluss.</p>
<p style="text-align: justify"><a rel="attachment wp-att-2813" href="http://www.blogsgesang.de/2011/05/31/lustration-und-netzwerk/blog11-foto-bucher3-eichner-osterweiterung-2/"><img class="alignleft size-medium wp-image-2813" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/05/blog11-foto-b&#252;cher3-eichner-osterweiterung1-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" /></a></p>
<p><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/08fbfa9c7c324ee0b5bc7603904848e5" alt="" width="1" height="1" /></p>
<p style="text-align: justify">Der Autor weist im Vorwort darauf  hin, dass „mit den konterrevolution&#228;ren Regime-wechseln in den L&#228;ndern Osteuropas und der fr&#252;heren UdSSR, von Politikern und Medien versch&#228;mt als `Transformation“ in den postkommunistischen Gesellschaften charakterisiert, auf vielen Ebenen auch ein mehr oder minder radikaler Austausch von Eliten verbunden war.“ In diesem Prozess der „Geschichtspolitik von oben“ spielt die zuerst vom Protestanten Gauck, dann von der Katechetin Birthler und seit dem 14. M&#228;rz 2011 vom Jenaer SED-Gegner und B&#252;rgerrechtler Jahn geleitete Beh&#246;rde zunehmend auch die Rolle eines Lustrations-Vermittlers. Der, von der &#214;ffentlichkeit bis dato weitgehend unbemerkt, bei genauem Hinsehen nicht nur in Osteuropa, sondern auch in Spanien, den USA, dem Irak  und &#8211;  brandaktuell – auch in &#196;gypten Kontakte kn&#252;pft.</p>
<p style="text-align: center">*</p>
<p style="text-align: center"><strong>Das in unseren Breiten noch wenig bekannte Wort Lustration l&#228;sst sich aus der r&#246;mi­schen Religion ableiten, die feierliche Reinigungen und S&#252;hnungen als wichtigen Teil des r&#246;mischen Kultus verstand. Nach Wikipedia sind verunreinigende Anl&#228;sse, wie bei­spielsweise die Ber&#252;hrung eines Toten, eingeschlossen. In der Gegenwart wird der Beg­riff sinngem&#228;&#223; auf die Entfernung von politisch belasteten (noch lebenden) Mitarbeitern aus dem &#246;ffentlichen Dienst angewandt.</strong></p>
<p style="text-align: center"><strong>*</strong></p>
<p style="text-align: justify">Jahns Vita l&#228;sst durchaus den Schluss zu, dass von dem nach der „Friedlichen Revolution“ als Kontraste-Redakteur beim Rundfunk Berlin-Brandenburg t&#228;tigen Journalist das „Erbe“ seiner Vorg&#228;nger Gauck und Birthler im Interesse von Zeitgeist und herrschender politischer Klasse, aber gegen die von Weisheit gepr&#228;gte Anerkennung, Vers&#246;hnung und Selbstbestimmung zielstrebig weiter gef&#252;hrt wird. Die Berliner Zeitung vom 30.M&#228;rz liefert mit dem Beitrag „Normannenstra&#223;e in Kairo“ daf&#252;r ein zielorientiertes Indiz.</p>
<p style="text-align: justify">Was tun mit den Geheimdienst-Akten? Welche Tipps kann die deutsche Stasi-Unterlagenbe­h&#246;rde den &#228;gyptischen Aktivisten geben? Das sind die Fragen, auf die Herbert Ziehm, Leiten­der Regierungsdirektor bei der Berliner Stasi-Unterlagenbeh&#246;rde, in der &#228;gyptischen Haupt­stadt den „jungen Revolution&#228;ren“ Antwort geben soll. Ort der Handlung: Vortragsaal der Konrad-Adenauer-Stiftung. Es geht dort beispielsweise um den Bericht eines Offiziers, der das Treffen einer Oppositionsgruppe beschreibt. Was also tun? Ziehm, bem&#252;ht, keine spe­zielle Rezeptur zu offerieren: „Sie m&#252;ssen selbst entscheiden. Jedes Land ist anders, und jede Stasi ist anders. Ich kann ihnen nur sagen, wie wir es gemacht haben…</p>
<h2 style="text-align: center">G8-Event und Demokratie</h2>
<p style="text-align: justify">Genau in diesen Kontext passt die am 27. Mai ausgesandte Botschaft von Deauville, nach der die reichsten Demokratien dieser Erde die Reformen in Tunesien und &#196;gypten mit bis zu 40 Milliarden US-Dollar (etwa 28 Milliarden Euro) unterst&#252;tzen wollen. Die f&#252;hrenden Indust­riestaaten und Russland (G8) verbinden ihre gro&#223;z&#252;gige bis zum Jahr 2013 geplante Hilfszu­sage zugleich mit einem klaren Hinweis, den man aber auch als „Drohung“ interpretieren kann, an die (noch) totalit&#228;ren Regime wie in Syrien und Libyen: auch in diesen L&#228;ndern solle ein Wandel in Richtung Demokratie der Gro&#223;m&#228;chte zugelassen werden.</p>
<p style="text-align: justify">Bundeskanzlerin Merkel wertet das G8-Event als Erfolg: „Es geht jetzt vor allem darum, dass das Geld schnell zu den Menschen kommt.“ In einer spezifischen Art von voraus eilen­dem Gehorsam hatte sich Jahns Regierungsdirektor als Apostel der nun von der G8  vereinbarten strategischen Partnerschaft schon vor der Kanzlerin Hinweis auf den Weg nach Kairo gemacht. Da wird sich dann sein Chef  gefreut haben – &#252;ber ihn und Frau Merkel und- nat&#252;rlich auch &#252;ber sich selbst und seinen strategischen Weitblick.</p>
<p style="text-align: justify">Nach gleichem Strickmuster hat die in der Karl-Liebknecht-Stra&#223;e in Berlin-Mitte sitzende  Beh&#246;rde auch in Mittelosteuropa ihre „Beratung“ gestaltet. In diesem Kontext fand beispielsweise vom 16. bis 18. Juni 2005 in Warschau eine internationale Konferenz zum Thema „Die kommunistischen Sicherheitsappa­rate 1944/45 bis 1989“ statt. Zusammen gekommen waren das Institut des Nationalen Geden­kens (IPN) und andere Einrichtungen aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Deutschland, assistiert von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Zentrum f&#252;r Zeithistori­sche Forschung Potsdam, der Bundesbeauftragten f&#252;r die Stasi-Unterlagen.</p>
<p style="text-align: justify">Dieser Erinnerungs-Action vorausgegangen war das im April 1997 beschlossene Polnische Lustrationsgesetz mit seinen 43 Artikeln, deren Anwendung die akribische Offenlegung aller Stasi-Details nach sich zieht &#8211; f&#252;r jede Person in einer &#246;ffentlichen Funktion. Nachfolgend dann im M&#228;rz 2009 die deutsche Erstausgabe eines „Handbuches kommunistischer Geheim­dienste in Osteuropa 1944-1991“ durch die Birthler-Beh&#246;rde. Mit dem Anfang 2005 geschaf­fenen „Europ&#228;ischen Netzwerk Erinnerung und Sozialismus“ wurden zugleich die Grundlagen f&#252;r eine ganz spezielle Art von Politik geschaffen. Mit ihrer Hilfe solle sich, so Kulturstaatssekret&#228;rin Christa Weiss, nicht nur mit Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhun­dert, sondern auch mit „Nationalsozialismus und Kommunismus“ auseinander gesetzt werden. Auf fatale Weise werden hier zwei Gesellschaftsformationen von unterschiedlichem Ideenge­halt und Wirkungsanspruch um den Preis historischer Wahrhaftigkeit gleichgesetzt.</p>
<h2 style="text-align: center">Analyse und Perspektive</h2>
<p style="text-align: justify">Klaus Eichner analysiert die in seiner Grundabsicht immer identischen Vorg&#228;nge in den ein­gangs genannten L&#228;ndern. Sein &#252;bergreifendes Fazit: „Die von den Exponenten der Birthler-Beh&#246;rde in der ganzen Welt propagierten Auffassungen der politisch-extremen Institutionen der Erinnerungsindustrie in Deutschland, ganzer hoch bezahlter Gruppen von F&#228;lschern der Geschichte, vor allem der Nachkriegsgeschichte in Europa, werden zum inhaltlichen Schwer­punkt der Politik der `Aufarbeitung` der Geschichte f&#252;r alle Partner erkl&#228;rt“.</p>
<p style="text-align: justify">Die der Totalita­rismus-Doktrin immanente These von den zwei aufeinander folgenden Diktaturen, so Eichner, bagatellisiere zugleich die beispiellosen Verbrechen des Faschismus. Von exemplarischer Bedeutung sei in diesem Zusammenhang das so genannte „Haus des Terrors“ in Budapest – gedacht zur Darstellung insbesondere des pr&#228;faschistischen Horty-Regimes (1920-1944). Dort nehme den gr&#246;&#223;ten Raum jedoch die Verurteilung vorgeblicher „Verbrechen des Kommunis­mus“ ein.</p>
<p style="text-align: justify">Aufschlussreich in Kapitel V. „Leitbild Birthler“: Informationen dar&#252;ber, welch gro&#223;e Zahl von Forschungsprojekten, Archiven und Bibliotheken, Institutionen der politischen Bildung, Museen und Gedenkst&#228;tten sowie Fachzeitschriften die „Aufarbeitung“ der DDR-Geschichte auf  ihre mehr schwarz als rot und golden gef&#228;rbte Flagge geschrieben haben. Auch unter die­sem Blickwinkel kann die Beh&#246;rde f&#252;r vergleichbare aus anderen L&#228;ndern als Orientie­rungs-Instanz gelten.</p>
<p style="text-align: justify">Ein ebensolcher Anspruch gilt f&#252;r alle „Stasi-Sachge­biete“, die seit nunmehr zwei Jahrzehnten Gegenstand &#246;ffentlicher Auseinandersetzungen sind.</p>
<h2 style="text-align: center">Sachverstand und &#220;berzeugung</h2>
<p style="text-align: justify">Das von Klaus Eichner zusammen mit Gotthold Schramm herausgegebene Anthologie-Kom­pendium „Top-Spione im Westen“ – die Buchpremiere, an der auch der ehemalige  HVA-Chef Werner Gro&#223;mann teilnahm, fand im September 2008 in der Ladengalerie der jungen Welt statt – gilt inzwischen nicht nur in Fachkreise als Sensation: Noch nie haben rund dreis­sig Spitzenquellen eines Nachrichtendienstes &#252;ber Arbeit und Motivation berichtet. Im „Hauptberuf“ Politiker, Journalist, Diplomat, Verfassungssch&#252;tzer (!), Regierungsdirekto­rin, Ingenieur oder Sekret&#228;rin informierten sie als &#252;berzeugte Demokraten die Gegenseite DDR mit dem Ziel, einen – aus ihrer Sicht mitunter nur bescheidenen – im Kontext ihres Auftrages aber durchaus wichtigen Beitrag zur Friedenssicherung zu leisten.</p>
<p style="text-align: justify"><a rel="attachment wp-att-2815" href="http://www.blogsgesang.de/2011/05/31/lustration-und-netzwerk/mfs-cover-top-spione-2/"><img class="alignright size-medium wp-image-2815" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/05/MfS-cover-top-spione1-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" /></a></p>
<p style="text-align: justify">Personen wie Rainer Rupp, Gabriele Gast, G&#252;nter Guillaume, Hans Voelkner und Klaus Ku­ron erhellen, was sich hinter dem schlichten Wort „Erfolg“ an Sachverstand, Risikobereit­schaft, Kaltbl&#252;tigkeit und &#220;berzeugung verbirgt. Wie langfristig ihr Einsatz angelegt sein musste, aber auch welche „Leidensf&#228;higkeit“ von ihnen verlangt war, nachdem mit der Sys­temwende nicht nur ihr Einsatz endete, sondern sie daf&#252;r von den bundesdeutschen Gerichts­instanzen eine oft mehrere Jahre g&#252;ltig Quittung bekamen. Ihre Stories k&#246;nnen als wichtiges Zeitdokument deutscher Geschichte gelten.</p>
<p style="text-align: justify">W&#228;hrend die „Top-Spione“ den Arbeitsort jenseits der Grenze zwischen den zwei sich feindlich gegen&#252;berstehenden Gesellschaftssystemen hatten, mussten andere aus der gleichen „Firma“ auf dem Gebiet der DDR darauf achten, dass vom Westen ausgehende Versuche, den ersten sozialistischen Staat auf deutschen Boden zu destabilisieren, ohne nennenswerten Er­folg blieben.</p>
<h2 style="text-align: center">Angriff und Abwehr</h2>
<p style="text-align: justify">Herausgeber Herbert Kierstein, Untersuchungsf&#252;hrer bei Spionagedelikten ge­gen die DDR (HA IX/I), legt zusammen mit einer Reihe von Autoren bekannte und unbe­kannte F&#228;lle vor, die treffend unter dem Titel „Hei&#223;e Schlacht im Kalten Krieg“ zusammen ge­fasst sind.</p>
<p style="text-align: justify">Erhellt wird Wahrens und Unwahres &#252;ber den „Roten Admiral“, Licht wird in die Bem&#252;hun­gen des BND um die Auslandsvertretungen der DDR gebracht, erinnert wird an die Versuche, in die politischen F&#252;hrungszentren einzudringen, nicht zuletzt waren auch die milit&#228;rischen Objekte und Truppenbewegungen bei &#220;bungen und Man&#246;vern f&#252;r die gegnerische Seite von Interesse. Welche Aufmerksamkeit westliche Geheimdienstzentralen in der Person von Post­boten, Schmugglern und Kurieren dem Mauerbau zukommen lie&#223;en, stellte die Abwehrkr&#228;fte nicht selten vor vollkommen neue Probleme. Eine Herausforderung, auf die sich die Spiona­geabwehr einstellen musste. Einer der Schl&#252;ssels&#228;tze des Buches: Je entspannter die politi­schen Beziehungen (nach dem Mauerbau d. V.) wurden, desto angespannter arbeiteten die Nachrichtendienste.</p>
<h2 style="text-align: center">Sinn und Nutzen</h2>
<p style="text-align: justify">Es gibt ein Netzwerk von Institutionen, Stiftungen, Forschungsverb&#252;nden und Gedenkst&#228;tten, in denen Heerscharen von Historikern, Politikwissenschaftlern, Journalisten und Aktenver­walter arbeiten. Ein kostenaufwendiges Gesch&#228;ft, dessen Ende nicht abzusehen ist. Im Jahre 2009 flossen allein aus dem Bundeshaushalt zur „Pflege des Geschichtsbewusstseins“ 55 Millionen Euro, mehr als 70 Millionen gingen an die Bundesbeh&#246;rde f&#252;r die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU).</p>
<p style="text-align: justify"><a rel="attachment wp-att-2816" href="http://www.blogsgesang.de/2011/05/31/lustration-und-netzwerk/blog11-foto-bucher3-freischutzen/"><img class="alignleft size-medium wp-image-2816" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/05/blog11-foto-b&#252;cher3-freisch&#252;tzen...-181x300.jpg" alt="" width="181" height="300" /></a></p>
<p style="text-align: justify">Herbert Kierstein und Gotthold Schramm befassen sich in „Freisch&#252;tzen des Rechtstaates“ mit der Kardinalfrage „Wem n&#252;tzen Stasiunterlagen und Gedenkst&#228;tten?“ Sie legen aus ihrer Sicht und der von weiteren Zeitzeugen eine Sammlung von Dokumenten, Reports, Untersu­chungsberichten und Analysen vor, deren unsichtbare Linien verborgene Strukturen und da­mit auch politische Absichten offen legen. Die Indoktrination, so ihr Vorwurf im Range eines Generalverdachts, habe Adresse, Namen und Gesichter.</p>
<p style="text-align: justify">Es w&#228;re allerdings vermessen, davon auszugehen, dass eine derart komplizierte und viel­schichtige Materie wie der „Geheimdienst“ in allen seinen Facetten ein einheitliches Wertur­teil der damaligen Macher &#8211; und schon gar nicht der Betroffenen! &#8211; nach sich ziehen k&#246;nnte. Das geben die aufgedeckten Geheimnisse, so notwendig und sinnvoll ihre nachtr&#228;gliche „Enttarnung“ auch sein m&#246;ge, wei&#223; Gott  nicht her.</p>
<p style="text-align: justify">Einen fundierten Kommentar zur Lage der Stasi, der auch in den ehemals „eigenen Reihen“ nicht nur auf Zustimmung st&#246;&#223;t, liefert der 1992 erschienene Insider-Report von Peter Richter und Klaus R&#246;sler „Wolffs Westspione“. Das in Ausz&#252;gen zitierte Nachwort des Verlages, dessen von N&#228;he und Distanz der Autoren gepr&#228;gte Brisanz sich erst auf den zweiten Blick erschlie&#223;t,  legt den Finger auf die Licht- und Schattenseiten einer Einrichtung, von der offen bleibt, ob sie als einst hochgelobtes „Schild und Schwert der Partei“ vor der Geschichte Bestand haben kann:</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Die Autoren geben Auskunft &#252;ber ihre Jahre im Auslandsspionagedienst der DDR. &#220;ber dessen Anf&#228;nge, Entwicklung und Ende, &#252;ber Ergebnisse und Niederlagen, &#252;ber Ver­antwortlichkeiten und Schuld. Peter Richter und Klaus R&#246;sler geht es vor allem um Aufkl&#228;­rung &#252;ber das System der Spionage und damit auch um ihre pers&#246;nliche Verstrickung…</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Sie wollen nicht verschweigen, wie sie heute urteilen, was ihnen fr&#252;her eines Urteils nicht wert war oder wor&#252;ber sie damals den Mut zum eigenen Urteil nicht fanden. Sie machen kein Hehl daraus, dass auch sie zu feige waren, sich gegen die „Diktatur des Proletariats“ in der DDR aufzulehnen. Trotz des Erkennens vieler Missst&#228;nde und Fehler, nicht zuletzt auf Grund der ihnen bekannten und von ihnen beschafften Informationen, fanden sie nie den Mut, den Dienst zu quittieren oder gar Leiden und Verfolgungen auf sich zu nehmen, wie es manche getan haben…</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Heute scheint die Betrachtung damaliger Umst&#228;nde und jener, die sie installierten, leicht. Deshalb machen sich die Autoren mit ihrem Buch immer wieder auch ihr eigenes Ver­sagen bewusst. Der unvor-eingenommene Leser sp&#252;rt, dass sie mit dem Nachdenken &#252;ber ihre Vergangenheit noch nicht fertig sind…</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Richters und R&#246;slers Erfahrungen be­dingen jedoch nicht nur, dass sie pers&#246;nliche Lehren ziehen, sondern provozieren f&#252;r alle denkenden Menschen weiterreichende Fragen, besonders zur k&#252;nftigen Daseinsberechtigungen von Geheimdienst-T&#228;tigkeiten &#252;berhaupt…&#8221;</em></p>
<p style="text-align: center">*</p>
<p style="text-align: justify">So schlie&#223;t sich ein Kreis hier vorgestellter oder (nur) angef&#252;hrter Publikationen, die sich auf die eine oder andere Weise dem gleichen Anspruch verpflichtet f&#252;hlen: Im Nachhinein aufzudecken, was wirklich Sache war an der geheimen Front des „Kalten Krieges“. Der, so  &#252;bergreifendes Selbstverst&#228;ndnis von Autoren und Herausgebern, unter neuer Flagge alte Vor­urteile bedient. Der Leser ist herausgefordert. Stoff zum Nachdenken liegt ausreichend vor.</p>
<p style="text-align: center">***</p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Klaus Eichner: Die Osterweiterung der Birthler-Beh&#246;rde; spotless Nr. 227, 97 Seiten, 5.95 Euro.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Klaus Eichner/ Gotthold Schramm: Top-Spione im Westen- Spitzenquellen der DDR-Aufkl&#228;rung; 320 Seiten, brosch., 14.90 Euro </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Herbert Kierstein/Gotthold Schramm: Freisch&#252;tzen des Rechtsstaats –Wem n&#252;tzen Stasiunterlagen und Gedenkst&#228;tten? ; 288 Seiten, brosch., 14.90 Euro </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Herbert Kierstein: Hei&#223;e Schlachten im kalten Krieg – Unbekannte F&#228;lle und Fakten; 256 Seiten, brosch., 14.90 Euro.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Bernd Fischer: Als Diplomat mit zwei Berufen &#8211; Die DDR-Aufkl&#228;rung in der Dritten Welt; 224 Seiten, brosch., 14.90 Euro.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Peter Pf&#252;tze: Besuchszeit &#8211; Westdiplomaten in besonderer Mission; 224 Seiten, brosch., 3.95 Euro.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Klaus Eichner/Gotthold Schramm: Konterspionage – die DDR-Aufkl&#228;rung in den Geheimdiensten; 288 Seiten, brosch., 14.95 Euro.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Horst M&#252;ller/Manfred S&#252;&#223;/Horst Vogel: Die Industriespionage der DDR – Die Wis­senschaftlich-Technische Aufkl&#228;rung der HVA, 220 Seiten, brosch., 14.90 Euro </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Helmut Wagner: Sch&#246;ne Gr&#252;&#223;e aus Pullach – Operationen des BND gegen die DDR; 237 Seiten, brosch., 12.90 Euro </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Klaus Behling: Der Nachrichtendienst der NVA – Geschichten, Aktionen und Perso­nen, 272 Seiten, brosch., 12.90 Euro. </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong><a rel="attachment wp-att-2820" href="http://www.blogsgesang.de/?attachment_id=2820"><img class="alignright size-medium wp-image-2820" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/05/blog11-cover-wolf-letzte-gespr&#228;che3-186x300.jpg" alt="" width="186" height="300" /></a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>(Alle Titel im Verlag edition ost der Eulenspiegel Verlagsgruppe Berlin).</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Hans-Dieter Sch&#252;tt: Markus Wolf – Letzte Gespr&#228;che; Neues Deutschland/Das Neue Berlin, 256 Seiten, geb., 14.90 Euro. </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Hans Voelkner: Salto mortale &#8211; Vom Rampenlicht zur unsichtbaren Front;  Milit&#228;rverlag der DDR , 284 Seiten, vergriffen.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>+ Peter Richter/Klaus R&#246;sler: Wolfs Westspione; Ein Insider-Report, 191 Seiten, Elefan­ten-Press, nicht mehr lieferbar.</strong></p>
<p style="text-align: justify">&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong><br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
]]></content:encoded>
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		<title>Nur Frontwechsel oder auch Grenz&#252;berschreitung?</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Mar 2011 13:55:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kulturbuch]]></category>
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		<description><![CDATA[Das MfS und seine Geschichte: Mit der Betrachtung zu neuen und &#228;ltere B&#252;chern &#252;ber eine um­strittene Einrichtung soll vermittelt wer­den, dass Deutschland  sich zwei Jahrzehnte nach dem Anschluss der DDR im­mer noch schwer tut, seine Vergangenheit ausgleichend und gerecht zu beurteilen. 1. Teil: Zum Buch von Werner Stiller „Der Agent“ (rhe) Wie das Leben manchmal so spielt: es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center"><strong>Das MfS und seine Geschichte: Mit der Betrachtung zu neuen und &#228;ltere B&#252;chern &#252;ber eine um­strittene Einrichtung soll vermittelt wer­den, dass Deutschland  sich zwei Jahrzehnte nach dem Anschluss der DDR im­mer noch schwer tut, seine Vergangenheit ausgleichend </strong><strong>und gerecht zu beurteilen. </strong></p>
<h3>1. Teil: Zum Buch von Werner Stiller „Der Agent“</h3>
<p><span id="more-2562"></span></p>
<p style="text-align: justify">(rhe) Wie das Leben manchmal so spielt: es war der 22. M&#228;rz. Traditionell nahm der Autor des Beitrages morgens das Fr&#252;hlingsanfang-Vortags-Blatt vom Abrei&#223;-Kalen­der. Um es – nach schnellem Blick auf den „Spruch des Tages“ &#8211; im blauen Plastesack zu platzieren. In dem landet, was des Aufhebens als  unw&#252;rdig erscheint.</p>
<p style="text-align: justify">Der Text des A6-gro&#223;en Blattes war schon im Blauen versenkt, als dem Abreisser, quasi im Nachhinein,  aufging, was da, signiert mit „Anonym“, zu lesen war:</p>
<p style="text-align: justify"><strong><em>„Wer glaubt, dass man seine Vergangenheit nicht &#228;ndern kann, </em></strong><strong><em>hat noch keine Memoiren geschrieben“.</em></strong><strong><em> </em></strong></p>
<p style="text-align: justify">Leser mit gutem Ged&#228;chtnis werden sich daran erinnern, dass es unmittelbar nach der Wende begann: den &#246;ffentlichen Markt dominierte zunehmend eine Flut von Artikeln, Essays, TV-Dokumentationen, Spielfilmen und B&#252;chern, auch Memoiren, in denen mit dem „Schild und Schwert der Partei“, Kurzform „Stasi“, aus dem Blickwinkel eines selbsternannten Siegers der Geschichte abgerechnet wurde. Autoren forschten nach und deckten auf, was lange im Ver­borgenen gewesen zu sein schien oder auch tats&#228;chlich war, Regisseure drehten entspre­chende Filme, Schauspieler unterschiedlicher G&#252;te verliehen den mitunter sogar mehrteiligen Werken mit ihrem  Antlitz fragw&#252;rdige optische Pr&#228;senz.</p>
<p style="text-align: justify"><a rel="attachment wp-att-2608" href="http://www.blogsgesang.de/?attachment_id=2608"><img class="alignright size-medium wp-image-2608" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/03/blog11-foto-b&#252;cher3-stiller-klein-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" /></a>Auf dem im Ch. Links Verlag im Herbst vergangenen Jahres erschienenen Buch „Der Agent- Mein Leben in drei Geheimdiensten“  sehen wir das Antlitz eines Mannes, der schon so aus­sieht, wie es der Buchtitel suggeriert &#8211; von fragw&#252;rdig optischer Pr&#228;senz. Er ist inzwischen in die Geschichte des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit eingegangen. Und zwar von dem Mo­ment an, in dem er, noch ohne Sonnenbrille, Schnauzbart und T-Shyrt, in einer „Blitzaktion“ im Januar 1979, als unifor-mierter Agentenf&#252;hrer der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, HV A, ausgestattet mit selbst geschriebenen Reisedokumenten und einem prall gef&#252;llten Koffer mit brisanten Unter-lagen, &#252;ber den Bahnhof Friedrichstra&#223;e in Richtung West-Berlin die Seiten wechselte. Das Entsetzen &#252;ber Oberleutnant Werner Stiller war auf der einen Seite so gro&#223; wie auf der anderen anf&#228;ngliche &#220;berraschung und nachfolgende W&#252;rdigung. Der Verlag pr&#228;sentiert in diesem Kontext auf der 1.Innenseite des Buchumschlages f&#252;nf Zi­tate. Ihre Autoren &#8211; alles Personen von Rang, deren Name in der deutschen Geheimdienstbran­che Ost wie West einen guten oder weniger guten Klang hat. Die Zitate lassen – unabh&#228;ngig von der Perspektive des Verfassers – an Deutlichkeit nichts zu w&#252;nschen &#252;brig:</p>
<p style="text-align: justify"><em>+ „Det Jeschwafel von wejen nich hinrichten und nich Todesurteil… alles K&#228;se, Jenossen. Wenn heute een Verr&#228;ter unter uns iss, der iss morjen schon tot.“ </em><strong>Erich Mielke, Minister f&#252;r Staatssicherheit, 1981</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>+ „Der weitaus gr&#246;&#223;ere Schaden im Falle Stiller bestand nicht im tats&#228;chlichen Wissen des Defektors, sondern in den Vorsichtsma&#223;nahmen, die wir nach seiner Flucht wohl oder &#252;bel ergreifen mussten, in den unz&#228;hligen R&#252;ckrufen und R&#252;ckz&#252;gen, die uns in unserer Arbeit schmerzlich zur&#252;ckwarfen.“ </em><strong> </strong><strong>Markus Wolf: Spionagechef in geheimen Krieg. </strong><strong>M&#252;nchen 1997, S. 302</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>+ „Stillers Verrat war f&#252;r die HV A ein schwerer Schlag (…) Ein einziger &#220;berl&#228;ufer verun­sichert immer den ganzen Dienst. (…) Missrauen und Argwohn nehmen automatisch zu, die Verunsicherung w&#228;chst.“ </em><strong>Werner Grossmann: Bonn im Blick. Die DDR-Aufkl&#228;rung aus der Sicht ihres letzten Chefs. Berlin 2007,</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>+ „Stiller war wirklich t&#252;chtig. Von seinen F&#228;higkeiten her war er absolut in der Lage, so eine doppelte Rolle zu spielen &#8211; auf der eine Seite der t&#252;chtige MfS-Offizier, der auch noch IMs wirbt, auf der anderen Seite der Mann, der dann sein ganzes Wissen dem BND preis­gibt.“ </em><strong>Volker Foertsch, 1979 Abteilungsleiter im BDN, Interview 2004</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>+ „Die Operation Stiller war die letzte Gro&#223;aktion des Kalten Krieges auf deutschem Bo­den“. </em><strong>Heribert Hellenbroich, 1979 Chef der Spionageabwehr beim Bundesamt f&#252;r Verfas­sungsschutz, 1992</strong></p>
<p style="text-align: center">*</p>
<p style="text-align: justify">Wer also ist dieser Werner Stiller? Der, wie der Untertitel suggeriert in drei Geheimdiensten – dem MfS, dem BDN und dem CIA &#8211; gelebt haben soll. Der Leser erf&#228;hrt im Buch die Version des Autors. Der 1947 im Kreis Merseburg geboren wurde, in Leipzig Physik studiert, ab 1972 bei der Auslandsspionage des MfS anheuert und sieben Jahre sp&#228;ter erst die Seiten, dann auch den Namen (aus Werner Stiller wird Peter Fischer) wechselt, bereitwillig dem einstigen Klassenfeind mit­teilt, was diesem n&#252;tzt und seinem vormaligen Auftraggeber schadet.</p>
<p style="text-align: justify">Soviel scheint festzustehen: In Stillers Lebensentwurf spielen zwar die Fronten, die er mit den kontr&#228;ren Gesellschaftssystemen wechselt, eine entscheidende Rolle. In seinem Selbstver­st&#228;ndnis aber sieht er sich wohl eher &#252;ber ihnen stehen. Insofern kollidieren bei ihm Aben­teuer- und Spiellust, Realit&#228;tssinn und Risikobereitschaft, unb&#228;ndiger Drang nach Selbstver­wirklichung auf allen Ebenen und um buchst&#228;blich jeden Preis mit einer Moral, die, bei Ein­schluss von Verrat, weder Grenzen noch Skrupel kennt. Gegen&#252;ber Markus Wolf, den er sch&#228;tzte, &#228;u&#223;erte sich der einstmalige SED-Parteigruppensekret&#228;r Stiller so: „Ich habe die DDR und den Sozialismus nicht verraten, sondern diejenigen, die die DDR in den Abgrund gef&#252;hrt ha­ben, diejenigen, denen das Dogma der Parteidiktatur &#252;ber allem stand, die keinerlei Kritik geduldet haben und das Volk entm&#252;ndigt hatten.“ (Neues Deutschland vom 15. 09. 2010, Seite 3)</p>
<div class="mceTemp" style="text-align: justify">
<div id="attachment_2640" class="wp-caption alignleft" style="width: 240px"><a rel="attachment wp-att-2640" href="http://www.blogsgesang.de/?attachment_id=2640"><img class="size-medium wp-image-2640" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/03/blog11-cover-spiegel-wolf1-230x300.jpg" alt="" width="230" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Auch an der &quot;Enttarnung&quot; von Markus Wolf im Spiegel (5.M&#228;rz 1979) will der &#220;berl&#228;ufer mitgewirkt haben. Fotos: Der Spiegel; Ch. Links-Verlag</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify">Diese Rechtfertigungslogik, so realit&#228;tsbezogen sie auf den ersten Blick auch zu seien scheint, passt durchaus in die Philosophie eines Mannes mit einer derart komplizierten, letzt­endlich domi-nant Ich-bezogenen Struk-tur. In der Tat wird dem Leser mit dieser Selbstdar­stellung ein erstaunli-ches, aber auch erschre­ckendes Psychogramm eines Mannes von au&#223;er­gew&#246;hnlichem Format offe-riert. F&#252;r ihn scheinen die Ge-heimdiensten, so abh&#228;ngig er sich von ihnen zeitweilig auch machen musste, um zu leben und zu &#252;berleben, bei allen Unter-schieden im professionellen Detail, nur eine spezielle Art von Spielmaterial zur vergleichenden Betrachtung &#252;ber das divergier-ende Niveau der Dienste und Arbeitgeber MfS, BND und CIA gewesen zu sein.</p>
<p style="text-align: justify">Gewinn oder Verlust – wir nehmen, wie es kommt. Diese hinter-fragw&#252;rdige Lebenshaltung spielt auch in einem Sektor, zum dem er als Investmentbanker nach seinem Top-Secret-In­termezzo wechselt, eine dominierende Rolle: USA, England, wiedervereinigtes Deutschland Ungarn – Stationen einer Abenteurerlaufbahn als Gesch&#228;ftsmann und Privatinvestor. Er gewinnt Millionen und verliert sie wieder. Was z&#228;hlt ist der Kick. Diese Haltung rechtfertigt auch den Verdacht, dass selbst die Familie, seine Kinder und die wechselnde Frauen nur zeitweilig leuchtende Mosaiksteine im seinem Lebenspuzzle sind: geheimnisvoll, besonders, anders als alle Anderen.</p>
<p style="text-align: justify">Im &#220;brigen: Vielleicht kennt der eine oder andere Leser Stillers 1986 erschienene Buch „Im Zentrum der Spionage“. Es kann heute als eine Art „Agent“-Vorl&#228;ufer betrachtet werden, damals dazu ein BND-Propaganda-Ballon: Neben tats&#228;chlichen Vorg&#228;ngen, mit denen der &#220;berl&#228;ufer konfrontiert war, fanden auch Desinformationen Eingang in den Text. Zum Bei­spiel &#252;ber die Dauer seiner Arbeit als Doppelagent unmittelbar vor seiner Flucht Richtung Westen. Nun soll uns, laut Verlag, die „wahre Geschichte“ in 28 Kapiteln, nebst Anhang, Literaturverzeichnis und Personenregister anvertraut werden. Diese Aussage ist mit Vorsicht zu genie&#223;en. Wie immer, wenn es beim Geheimdienst um die Wahrheit gehen soll.</p>
<p style="text-align: justify">„Ob es stimmt“, ist bei Welt online kurz vor Erscheinen des „Agent“ unter „Gr&#246;&#223;ter BDN-Erfolg, schwerste Stasi-Niederlage“ nachzulesen, „ist allerdings kaum zu &#252;berpr&#252;fen. Denn die Akten der beteiligten westlichen Dienste, neben dem BND vor allem dem Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz und die CIA sind bisher unzug&#228;nglich. Wobei ohnehin fraglich ist, ob De­tails einer solch komplexen Operation &#252;berhaupt schriftlich festgehalten wurden. Wohin das f&#252;hren konnte, hatte ja gerade Stiller gezeigt, als er mit seinem Aktenkoffer voller Geheimdo­kumente &#252;bergelaufen war.“</p>
<p style="text-align: justify">*</p>
<p style="text-align: justify">Fakt ist allerdings, Stiller hat im “Agent“ Ausz&#252;ge von Originalakten zu seiner Story ver&#246;f­fentlicht. Er fand sie bei einer Beh&#246;rde, die zur Recherchezeit noch mit dem Namen Gauck/Birthler verbunden war, die nun mit dem des Ex-B&#252;rgerrechtlers Jahn verkup­pelt ist. Das w&#228;re vor 25 Jahren schlichtweg unm&#246;glich gewesen. Die Zust&#228;nde, die waren damals (noch) nicht so. Als sie dann aber so zu werden begannen, wie sie nach wechselndem Wandel von Ann&#228;herung und Abwendung jetzt sind, war im Berliner Verlag ElefantenPress der (jetzt im Handel nicht mehr verf&#252;gbare) Insider-Report „Wolfs Westspione“ herausgekommen.</p>
<div class="mceTemp mceIEcenter" style="text-align: justify">
<div class="mceTemp">
<dl>
<dt><a rel="attachment wp-att-2642" href="http://www.blogsgesang.de/?attachment_id=2642"></a></dt>
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<div id="attachment_2645" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><a rel="attachment wp-att-2645" href="http://www.blogsgesang.de/?attachment_id=2645"><img class="size-thumbnail wp-image-2645" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2011/03/blog11-portr&#228;t-stiller2-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a><p class="wp-caption-text">Hat ein &#220;berl&#228;ufer an Gesicht gewonnen oder verloren? </p></div>
</dd>
</dl>
<p style="text-align: left">Darin r&#228;umen zwei Mitarbeiter aus Markus Wolf Eli­tetruppe, M&#228;nner also, die es wissen m&#252;ssen, mit diversen Mythen und Legenden auf. Sie l&#252;ften manchen Schleier, der bis dato &#252;ber der von Geheimnissen umwobenen Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des MfS lag. Im Kapitel mit der am&#252;santen &#220;berschrift  <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/11/05/hauptverwaltung-aufklaerung-der-ddr-kurze-geschichte-eines-spionagedienstes-teil-viii/" target="_blank">„Als ein Stiller zu sprechen begann“</a> ist minuti&#246;s aufgezeichnet, was ab der dritten Januarwoche 1979 mit Blick auf einen Mann, den es im Mielke-Ministerium auf einmal nicht mehr gab, passierte &#8211; vielleicht eine Ein­stimmung auf die „Agent“-Lekt&#252;re.</p>
</div>
<p style="text-align: left">*</p>
<p>Nachsatz: Das neue Universallexikon/Bertelsmann charakterisiert Memoiren als Lebenserin­nerungen. „Sie sind eine Darstellung der eigenen Erlebnisse, bei der im Gegensatz zur Auto­biografie das Gewicht auf die &#228;u&#223;eren Geschehnisse gelegt wird. Memoiren sind zwangl&#228;ufig subjektiv, geben sie doch sowohl die ganz pers&#246;nlichen als auch die zeithistorisch miterlebten Ereignisse aus dem ureigenen Blickwinkel wider – eine gleicherma&#223;en intime wie einge­schr&#228;nkte Perspektive. Die Memoirenschreibung bl&#252;hte vom 16. bis 18. Jahrhundert in Frank­reich und verbreitete sich dann auch in Deutschland. Ber&#252;hmte Memoirenschreiber waren u. a. Casanova, Otto von Bismarck, Leni Riefenstahl und Simone de Beauvoir.“</p>
<p style="text-align: justify">Damit befindet sich Werner Stiller, der im Quellenhinweis betont, bei dem vorliegenden Buch handle es „sich um private Erinnerungen und keine wissenschaftliche Darstellung“, in guter Gesellschaft &#8211; was die   hier genannten Personen wie auch den oben zitierten Anonym be­trifft…</p>
<p style="text-align: center">+++</p>
<p><strong>Werner Stiller: Der Agent, Mein Leben in drei Geheimdiensten; Ch. Links Verlag, 256 Seiten, geb., 23 Abb., 19.90 €.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
</div>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil X und Schluss)</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Dec 2010 15:36:36 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p> Bei der aktuellen Debatte &#252;ber die Wikileaks-Dossiers ist ein Aspekt bisher geflissentlich weitgehend &#252;bersehen worden – die Blamage, die Julian Assange mit seiner kleinen, schlecht ausger&#252;steten Truppe den zahlreichen hoch ger&#252;steten Geheimdiensten dieser Welt zugef&#252;gt hat. Sie alle versuchen, mit riesigem Aufwand an Personen und Geldmitteln, diversen Regierungen einige ihrer zahlreichen, sorgsam verborgenen Geheimnisse zu entrei&#223;en <span id="more-2175"></span>und haben damit oft nur d&#252;rftigen Erfolg. Doch <a href="http://wikileaks.ch/" target="_blank"><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/9e3ec3dcc457462d9dafdcb661695c52" alt="" width="1" height="1" />Wikileaks</a> schaffte es, mit einem Schlag erst 77000 Dokumente zum Afghanistankrieg, dann fast 4000000 Papiere zum Irakkrieg und jetzt noch einmal 250000 geheime Botschaftsberichte aus aller Welt nicht nur auf den eigenen Tisch zu bekommen, sondern auch noch weltweit zu ver&#246;ffentlichen. Und all diese Dossiers stammen nicht aus irgendeiner Bananenrepublik, sondern aus den USA, die in den vergangenen Jahren nicht nur eines der effektivsten Sicherheitssysteme der Welt aufgebaut haben, sondern auch technisch ohne Zweifel zu totaler Geheimhaltung in der Lage w&#228;ren.</p>
<p> Es zeigt sich jedoch an den Wikileaks-Enth&#252;llungen einmal mehr, dass Geheimdienste nicht mehr in diese Zeit passen. Sie sind nicht nur moralisch obsolet; die heutige Zeit mit ihrem bislang ungeahnten Bedeutungszuwachs von Informationen f&#252;r die Bew&#228;ltigung der schnell ablaufenden Prozesse in nahezu allen Lebensbereichen legt die Ineffizienz &#252;bertriebener Geheimhaltung oder gar einer Abschottung der Informationsfl&#252;sse offen. Dass der Kreis jener, die in den USA Zugriff auf die diplomatischen Depeschen hatten, so gro&#223; war, ergab sich schlie&#223;lich nicht aus leichtsinniger Vertrauensseligkeit der Beh&#246;rden, sondern war Resultat der Erkenntnis, dass nur gut informierte Mitarbeiter auf allen Gebieten wirklich effektiv arbeiten.</p>
<p> Auf der anderen Seite jedoch f&#252;hrte US-amerikanische Sicherheitshysterie dazu, dass gegen&#252;ber der allgemeinen &#214;ffentlichkeit immer weniger bekannt gemacht wurde und in den Dossiers des Au&#223;enministeriums auch viel mit Geheimhaltungsstempeln versehen wurde, das nur banale Mitteilungen enth&#228;lt. Diese Tendenz r&#252;gte – nach hilflos-w&#252;tender Kritik an Assange – auch die <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1221/meinung/0044/index.html" target="_blank">»Washington Post«</a>, weil solche Geheimhaltung den Verdacht nahelege, die US-Regierung nehme es nicht so genau mit den Rechten der B&#252;rger. »Die beste Art, mit Assange umzugehen, ist ihn &#252;berfl&#252;ssig zu machen«, schlussfolgert das Blatt.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione1-199x300.gif"><img class="alignright size-full wp-image-2187" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Solche Erkenntnisse sind so neu nicht. Bereits das Ende der DDR warf schon vor 20 Jahren ein Schlaglicht auch auf die Ineffizienz von Geheimdiensten. Denn weder hatten die westlichen Agenturen dieses Ereignis einschlie&#223;lich des folgenden Untergangs des gesamten sozialistischen Systems vorausgesehen, noch konnten die &#246;stlichen Dienste diese Entwicklung verhindern – auch nicht die hochdotierte Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des DDR-Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit. Ihre Geschichte und Arbeitsweise wurde hier bereits auf der Grundlage einer Ver&#246;ffentlichung &#252;ber die HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, in neun Folgen dargestellt. Auch die Kapitel &#252;ber ihren langj&#228;hrigen Chef <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf</a>, den schlie&#223;lichen <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/11/13/vor-20-jahren-der-zusammenbruch-des-ddr-spionageapparates/" target="_blank">Zusammenbruch der HVA</a> und ihre bis in die Gegenwart wirkende <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/02/08/vor-20-jahren-die-hinterlassenschaft-der-ddr-spionage-macht-probleme/" target="_blank">Hinterlassenschaft</a> sind an dieser Stelle bereits ver&#246;ffentlicht worden. Im Schlusskapitel res&#252;mierten die Autoren aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen schon damals, dass – – Geheimdienste &#252;berholt , passé seien. Es wird hier zuzm Abschluss der Serie noch einmal wiedergegeben.</p>
<h3><span style="color: #000000;"><span style="font-family: Arial;"><span style="font-size: x-large;">Geheimdienste passé?</span></span></span></h3>
<p>Spionage wird gern als das zweit&#228;lteste Gewerbe der Welt bezeich­net, wird doch bereits in der Bibel davon gesprochen. Heute jedoch bangt die Zunft der Spione um ihre Zukunft. Denn der Untergang der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung erweist sich vielleicht nicht nur als Spezifikum der deutschen Genesis, erkl&#228;rbar aus dem Ver­schwinden eines ganzen Staates und damit auch seiner staatlichen Organe. Auch andere Geheimdienste m&#252;ssen sich zunehmend Fragen nach ihrer Daseinsberechtigung stellen &#8211; im Osten wie im Westen. Dabei mag man die faktische Aufl&#246;sung des sowjetischen KGB wie die armseligen Mutationsversuche der Dienste anderer osteurop&#228;ischer Staaten noch dem Umbruch im Osten, dem Ein­sturz des sozialistischen Systems zuschreiben; f&#252;r die neu aufge­flammte Diskussion um die gro&#223;en westlichen Geheimdienste gen&#252;gt das zur Erkl&#228;rung nicht. Zwar ist es richtig, dass ihnen im Gefolge all dieser Entwicklungen der »Feind abhanden« gekommen ist, wie es oft griffig hei&#223;t, aber die wahren Ursachen f&#252;r die verbreitete Geheimdienst-M&#252;digkeit d&#252;rften tiefer liegen.</p>
<p>In diesem Jahrhundert war die Weltpolitik im wesentlichen durch den Gegensatz der beiden Systeme Kapitalismus und Sozia­lismus gepr&#228;gt. Dieser Widerspruch entwickelte sich in aller Sch&#228;rfe bis hin zur apokalyptischen Gefahr eines thermo-nuklearen Krieges. Damit einher ging eine gewaltige Propagandaschlacht, die sich aller erdenklichen Mittel bediente und mit dem Begriff des Kalten Krieges besser beschrieben war als mit dem sp&#228;teren, gef&#228;lligeren der »ideologischen Auseinandersetzung«. Die beiden Weltsysteme, jeweils angef&#252;hrt von ihren Superm&#228;chten USA und Sowjetunion, waren nur noch auf sich bezogen, betrachteten ihren Konflikt als »Knackpunkt« der Menschheitsgeschichte &#8211; und das war er lange Zeit wohl auch. Geheimdienste hatten in diesem Diadochenkampf ihre selbstverst&#228;ndliche Funktion.</p>
<p>Dabei &#252;bersahen beide Seiten, dass sich im Schatten der System­auseinandersetzung v&#246;llig neue und viel bedeutsamere Widerspr&#252;­che herausbildeten: der sogenannte Nord-S&#252;d-Konflikt als K&#252;rzel f&#252;r die Verelendung der Dritten Welt, hervorgerufen von deren Ausbeutung durch die beiden anderen Welten; die &#246;kologische Herausforderung mit im Grunde den gleichen Ursachen; das Erfordernis, die rasante wissenschaftlich-technische Entwicklung so zu gestalten, dass sie dem Menschen zum Nutzen ger&#228;t und nicht seinen Untergang programmiert. All dies ist nicht im scharfen Gegensatz unterschiedlicher ideologischer Konzepte zu bew&#228;lti­gen, sondern nur in enger Zusammenarbeit. Damit steht die Kooperation auf der Tagesordnung &#8211; und diese kann nur in einer Atmosph&#228;re des Vertrauens gedeihen.</p>
<p>Da objektiv bedingt, haben sich Elemente einer solchen »Politik des neuen Denkens« in den vergangenen Jahren bereits durchsetzen k&#246;nnen. Der KSZE-Proze&#223; machte den Anfang, indem er neben materielle Bereiche eines Interessenausgleichs (Sicherheit und &#214;konomie) erstmals gleichgewichtig die ethisch-moralische Pro­blematik der Menschenrechte stellte. Die deutsche Vereinigung war ein beredtes Beispiel f&#252;r die partielle &#220;berwindung von Blockdenken. Und auf dem besonders sensiblen Sicherheitsbereich wurden »vertrauensbildende Ma&#223;nahmen« vereinbart &#8211; erste Schritte zu mehr Transparenz und Ehrlichkeit. Ihre Realisierung wiederum erhielt Impulse aus den sprunghaft zunehmenden weltweiten Kommunikationsm&#246;glichkeiten &#8211; sowohl durch Mediennutzung als auch im privaten Bereich.</p>
<p>Wer Spionage von innen her kennt, wei&#223;, dass sie diesen Tendenzen im Wege steht. In einem Feld gegenseitig vorteilhafter Zusammenarbeit muss sie kontraproduktiv wirken. Ihre Absichten und Methoden verdienen tiefstes Misstrauen &#8211; wie alles, was jemand hinter seinem R&#252;cken heimlich vorbereitet, w&#228;hrend er mir vorn l&#228;chelnd die Hand entgegenstreckt. Spionage als Kind alten Denkens in den Kategorien der Bl&#246;cke, der antago­nistischen Ideologien, kann globale Kooperation nicht bef&#246;rdern, sondern sie nur st&#246;ren. Diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch &#8211; und sie ist der wahre Hintergrund f&#252;r die sich verst&#228;rkenden Forderungen nach restloser Beseitigung dieser Relikte einer &#252;ber­holten Zeit. Die neue Weltordnung, die heute auf der Tagesordnung steht, bedarf konspirativer Ma&#223;nahmen nicht; im Gegenteil – sie kann nur gelingen, wenn T&#228;uschung, Verschleierung, &#220;bervortei­lung auf dem Felde der Politik restlos ausgemerzt werden.</p>
<p>Wie schwer es aber ist, sich aus den Fesseln einer obsoleten Weltsicht zu l&#246;sen, zeigten gerade die von den diversen KSZE-Folgetreffen vereinbarten vertrauensbildenden Ma&#223;nahmen. Dazu geh&#246;rte die Beobachtung milit&#228;rischer Man&#246;ver, die alle beteilig­ten Staaten sofort dazu veranlasste, die jeweiligen Geheimdienste mit der Ausgestaltung dieser Vereinbarung zu betrauen.</p>
<p>So kam es dann, dass sich die Agenten der beiden Seiten auf dem Man&#246;verfeld gegen&#252;berstanden &#8211; die einen als Gastgeber mit dem Ziel, das wirklich Interessante vor den Augen des »Gegners« zu verbergen, die G&#228;ste hingegen mit der Absicht, die g&#252;nstige Gelegenheit zur Aufkl&#228;rung optimal zu nutzen. W&#228;hrend erstere zum Zwecke der Camouflage lange Erkl&#228;rungen abgaben und ausgedehnte Bankette in den Stabszelten am Rande der Man&#246;ver­zonen organisierten, um die Beobachter besoffen zu reden und zu machen, hatten diese den Auftrag, mehr zu sehen und zu h&#246;ren als erw&#252;nscht, und sich dazu statt mit Sektkelchen mit ausgefeilter Peil- und Lauschtechnik auszustatten. Fast noch absurder mutet die geheimdienstliche Begleitung des deutschen Vereinigungsprozes­ses an. W&#228;hrend das MfS seine Beobachtung der Bundesrepublik nach dem Januar 1990 notgedrungen fast v&#246;llig einstellte und damit auch die elektronische Telefon&#252;berwachung ihr Ende fand, setzte der BND die diesbez&#252;glichen Aktivit&#228;ten ungehemmt fort. Er machte dabei auch nicht vor der Bespitzelung des CDU-Vorsitzen­den und sp&#228;teren Ministerpr&#228;sidenten Lothar de Maizière halt &#8211; lange bevor er in Stasi-Verdacht geriet. Tr&#246;stlich zu h&#246;ren, dass nach der Wahl vom 18. M&#228;rz das Anzapfen von DDR-Telefonen »sukzessive heruntergefahren« und mit der Wahl der neuen Regie­rung am 12. April »endg&#252;ltig eingestellt« wurde. Die formelle Weisung zur Beendigung aller Abh&#246;raktionen &#252;ber Richtfunk erging jedoch erst am 4. Mai. Auch danach hat aber der BND seine Quellen im Osten Deutschlands weiter berichten und sich durch seinen Spitzen-Informanten Schalck-Golodkowski sogar Tipps f&#252;r erfolgversprechende Anwerbungen geben lassen. Gro&#223;z&#252;gig stellte er seine Top-Quelle auch f&#252;r die dilettan­tische Befragung durch einen M&#246;chtegern-Kundschafter der neuen Regierung zur Verf&#252;gung, der auf diese Weise &#8211; in wessen Auftrag? &#8211; Material gegen seinen eigenen Regierungschef sammelte.</p>
<p>Die grotesken Folgen dieser Art von Geheimdienst-Spielen k&#246;nnten zum Lachen verleiten, wenn der Hintergrund nicht so ernst w&#228;re. Er verr&#228;t n&#228;mlich, dass die Konsequenzen des oft beredeten »neuen Denkens« von vielen noch gar nicht begriffen oder aber &#252;berhaupt nicht erw&#252;nscht sind. Jetzt, da es an eigene liebgewordene Machtinstrumente geht, erweisen sich viele fr&#252;here Erkl&#228;rungen als platonisch. So kann man gegenw&#228;rtig landauf, landab &#8211; von Moskau bis Langley, von Paris bis Br&#252;ssel, von K&#246;ln bis Pullach &#8211; immer wieder h&#246;ren, wie unverzichtbar gerade heute Geheim­dienste seien. In den Entwicklungen in Osteuropa sieht BND-Chef Konrad Porzner offensichtlich vor allem Gefahren: »Aber beden­ken Sie auch, dass durch die Aufl&#246;sung des sowjetischen Zentral­staats unsere Arbeit schwieriger geworden ist. Jetzt gen&#252;gt es nicht mehr zu wissen, was in Moskau geschieht. Nun m&#252;ssen wir auch wissen, was in Kiew, Alma-Ata und St. Petersburg passiert.« Ver­fassungsschutz-Vizepr&#228;sident Peter Frisch wird noch deutlicher: »Unser neuer Hauptgegner sind die Staaten der Sowjetunion.« Und dar&#252;ber hinaus: Rum&#228;nien, Bulgarien, Polen, China, der Nahe Osten. Gefahr drohe Deutschland auch von »kubanischen, nord­koreanischen und anderen Diensten«. Ein weites Bet&#228;tigungsfeld &#8211; doch nicht nur die deutschen Geheimdienste malen neue Bedrohun­gen an die Wand.</p>
<p>Mitten in die Aufl&#246;sung des KGB hinein sagte dessen damaliger Chef Wadim Bakatin, es brauchten »auch demokratische Staaten Geheimdienste. Deshalb hei&#223;t unsere Aufgabe nicht Aufl&#246;sung, sondern Reform und Dezentralisierung«. Und der amerikanische CIA r&#228;umt zwar ein, dass das R&#252;stungspotential der UdSSR k&#252;nftig weniger bedrohlich sei; daf&#252;r stelle aber die wirtschaftliche Kon­kurrenz Japans und Europas eine Gefahr dar. Der ehemalige CIA-Chef Stansfield Turner gab die Linie vor: »Wirtschaftliche St&#228;rke muss mehr in den Vordergrund ger&#252;ckt werden, und das bedeutet, dass wir bessere &#246;konomische Aufkl&#228;rung brauchen.« Und er verschweigt auch die Zielrichtung dieser Wirtschaftsspionage nicht: »Nachdem wir mittlerweile mehr Nachdruck auf die Sicherung des wirtschaftlichen Knowhow legen, m&#252;ssen wir auch die weiterent­wickelten L&#228;nder ausspionieren &#8211; unsere Verb&#252;ndeten und Freunde, mit denen wir wirtschaftlich konkurrieren.«</p>
<p>Nach solcher Argumentation best&#228;tigt jedes weltpolitische Ereignis die Notwendigkeit von Geheimdiensten. Die Aufl&#246;sung der UdSSR macht sie ebenso erforderlich wie die »neuen Krisen­herde« sie verlangen. Sie m&#252;ssen das jeweilige Land vor den »neuen Gro&#223;m&#228;chten« (f&#252;r die USA Japan und Europa) sch&#252;tzen, aber auch vor Terrorismus, Rechtsextremismus, Waffenhandel, Umweltkriminalit&#228;t und Drogenverbrechen. Ungeniert greifen die Nachrichtendienste in polizeiliche Kompetenzen ein &#8211; nur um ihre Unersetzlichkeit nachzuweisen. Ehemalige Spionage-Praktiker begr&#252;nden die Unverzichtbarkeit von konspirativer Aufkl&#228;rung gleich f&#252;r alle Ewigkeit und sind in ihren Gedankeng&#228;ngen nahezu identisch. So sei zwar die Satellitenerkundung auch nicht schlecht, aber &#8211; so der ehemalige CIA-Mitarbeiter George Carver: »Die Stimmung im Basar kann ein Satellit aus 160 Kilometern Entfer­nung im Weltall nicht ausmachen.« Und Markus Wolf teilt diese Skepsis gegen&#252;ber der Elektronik: »Aber damit l&#228;sst sich nur feststellen, was geschehen ist oder was passieren k&#246;nnte &#8211; nicht aber, was in den St&#228;ben und Regierungen geplant wird, welche Entwicklungen in den Forschungslabors laufen oder ob ein Staatsstreich bevorsteht, der die ganze Situation ver&#228;ndern kann.«</p>
<p>Hier offenbart sich ein tiefes und offenbar unausrottbares Misstrauen, das zwar durch die bisherige Weltgeschichte best&#228;tigt zu werden scheint, dennoch aber nicht in eine Zeit passt, in der man eine v&#246;llig neue Weltordnung bauen will. Wer so denkt, taugt nicht zum »Erneuerer«, ist kein »Hoffnungstr&#228;ger«, sondern verharrt in einem Denken, das seine Gef&#228;hrlichkeit in unserem Jahrhundert immer wieder nachgewiesen hat und nun endg&#252;ltig &#252;ber Bord geworfen werden muss.</p>
<p>Hinzu kommt, dass der hohe Anspruch der Spionage, durch das Ermitteln der »ganzen Wahrheit« segensreich zu wirken, bisher kaum je eingel&#246;st werden konnte. Hingegen sind die Fehleinsch&#228;tzungen der Auslandsnachrichtendienste Legion und damit &#8211; oft berechtigt, mitunter zwar auch unberechtigt, aber es &#228;ndert nichts am Ergebnis &#8211; die Missachtung ihrer Prognosen. Fast alle Politiker lesen zwar gern die Dossiers ihrer Geheimdienste, aber kaum einer hat dar&#252;ber ein positives Wort verloren. Und tats&#228;chlich gehen Analysen und Einsch&#228;tzungen der geheimen Nachrichtendienste in aller Regel nicht &#252;ber das hinaus, was kluge Zeitgeschichtler, Politologen und Journalisten mit ihren Mitteln zusammentragen und formulieren. Brisante Einzelinformationen jedoch finden oft nicht die erforderliche Beachtung, vor allem dann nicht, wenn sie nicht ins eigene Kalk&#252;l passen und vielleicht dazu zwingen k&#246;nnten, die gerade betriebene Politik zu &#252;berpr&#252;fen.</p>
<p>Selbst Wolf, der 40 Jahre lang die deutsch-deutsche Entwick­lung in all ihren Ver&#228;stelungen verfolgen konnte, sah im Herbst 1989 nicht das baldige Ende der DDR voraus. Auch er unterlag letztlich der Scheuklappensicht, die den Aufkl&#228;rern in diesen Jahren anerzogen worden war und aus der sie trotz optimaler Informiertheit nicht ausbrechen konnten oder wollten. Noch im Sommer 1991 setzte Wolf auf seine alten Vertrauten in der KPdSU-F&#252;hrung &#8211; unf&#228;hig zu der Einsicht, dass es auch mit dieser und der von ihr geschaffenen Sowjetunion zu Ende ging. Er wie die gesamte Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung sind auch daran gescheitert, dass sie das objektive Wissen, das sich in ihrem Speicher ansammelte, nicht vorurteils­frei zu interpretieren vermochten.</p>
<p>Diesen Mangel hatte jedoch die DDR-Spionage mit allen anderen einschl&#228;gigen Diensten gemein. Der CIA lief den Entwick­lungen in Osteuropa st&#228;ndig hinterher, da das Ende des Kommunis­mus in seinem stabilen Feindbild nicht vorgesehen war. &#196;hnlich hat der BND nicht ein einziges Mal in seinen Papieren der letzten beiden Jahrzehnte die Vereinigung Deutschlands vorausgesagt oder auch nur eine solche M&#246;glichkeit noch im letzten Jahrhundert angedeutet. Entsprechend unvorbereitet war die Bundesregierung, als der unwahrscheinliche Fall eintrat. Der Verfassungsschutz bezog noch 1989 ein gro&#223;z&#252;giges neues Geb&#228;ude in K&#246;ln-Chor­weiler, weil auch er das Ende der weltweiten Konfrontationspolitik nicht denken konnte. Die KGB-Reste, die sich den ex­sowjetischen Republiken andienten, sind in ihrer Mehrzahl noch immer der Meinung, der Wandel der letzten drei Jahre sei das Resultat ausl&#228;ndischer Dienste und ihrer Agenten und Saboteure. Weil die Geheimdienste &#252;berall nur Anh&#228;ngsel der Politik waren und sind, diese in ihren Auffassungen bedienen, statt unabh&#228;ngig ihre Schlussfolgerungen aus den internen Materialien zu ziehen, bleiben sie weitgehend wirkungslos &#8211; ein weiteres Argument f&#252;r ihre &#220;berlebtheit.</p>
<p>Und ein drittes, wohl noch bedeutsameres, kommt hinzu. Die Geheimdienste haben mit einem demokratischen Staatswesen nichts zu tun. Die Entwicklung der Auslands-Spionageapparate demon­striert im Gegenteil, dass sie der Versuchung, ihre konspirativen Mittel und Methoden auch bei Operationen im Inland anzuwenden, nie widerstehen konnten und k&#246;nnen. War auch die Kooperation zwischen Spionage und Bereichen der inneren Abwehr bei der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung besonders eng, so ist zugleich nicht zu bestreiten, dass auch die altbundesdeutschen Dienste in dieser Hinsicht eine lange schmutzige Tradition haben, die erst vor einiger Zeit mit der sogenannten Panzeraff&#228;re &#8211; dem heimlichen Verschieben von Kriegsger&#228;t der Bundeswehr, das urspr&#252;nglich aus NVA-Best&#228;nden stammte, nach Israel &#8211; einen neuen H&#246;hepunkt erreichte.</p>
<p>Begonnen hatte das innenpolitische Spiel des Auslandsdienstes aber bereits mit Reinhard Gehlen, der es f&#252;r geradezu unerl&#228;sslich fand, durch den BND auch die »inneren Feinde« der Republik zu bearbeiten. Als der ehemalige Nazigeneral 1968 ausschied, fand sein Nachfolger Gerhard Wessel »sechs, sieben Leitz-Ordner, &#252;ber den Daumen gesch&#228;tzt«, mit Dossiers &#252;ber 54 Politiker vor &#8211; von Heinemann bis Barzel, von Wehner bis Strau&#223; (!). Weniger Aufhebens machte der langj&#228;hrige Gehlen-Stellvertreter von den Akten &#252;ber Kommunisten, Linke, Pazifisten, Sowjetunion-Freunde und andere unzuverl&#228;ssige Kantonisten in den Augen seines Ex­-Chefs. Das ganze Ausma&#223; der Spitzelt&#228;tigkeit im Innern wie auch des ungesetzlichen Vorgehens des BND war mit der »Spiegel«-Aff&#228;re offenkundig geworden. Danach versuchte man, den Nach­richtendienst st&#228;rker unter Kontrolle zu halten, doch mit m&#228;&#223;igem Erfolg, wie die immer neuen Skandale zeigten. Der gescheiterte Kanzleramtsminister Stavenhagen brachte es 1991 auf den Punkt: »Die Frage, wie man Nachrichtendienste, die ja etwas andere Beh&#246;rden sind, richtig kontrolliert, ist eine Frage, die mich schon lange bewegt.«</p>
<p>Bei aller Unterschiedlichkeit in Ausma&#223; und Perfektionierung sind es &#8211; wie in der DDR &#8211; auch in der Bundesrepublik stets Machtinteressen gewesen, die den Einsatz des Geheimdienstes zur Bek&#228;mpfung innenpolitischer Gegner veranlassten; nicht selten wurden sogar parteipolitische Fehden mit seiner Hilfe ausgetragen. Da ist es kein Wunder, wenn alle Versuche, das Treiben der Dienste demokratischen Regeln zu unterwerfen, scheitern mussten. Und es sieht so aus, dass das k&#252;nftig noch weniger m&#246;glich sein wird. Die Tendenz der Geheimdienste, sich neue Felder zu erschlie&#223;en, bringt zwangsl&#228;ufig mit sich, dass konspirative Methoden nicht etwa eingeschr&#228;nkt, sondern im Gegenteil noch ausgeweitet werden. »Das Gebot der Trennung von Polizei und Nachrichtendienst wird nicht mehr sauber eingehalten«, gesteht BfV-Pr&#228;sident Werthebach ein. Und BND-Chef Porzner stellt sogar Forderungen nach Aus­h&#246;hlung gegenw&#228;rtiger Rechtsgrundlagen: »Nach Artikel 10 des Grundgesetzes darf das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis nur mit Zustimmung eines Parlamentsgremiums durchbrochen werden. Dieses Gesetz muss allerdings &#252;berdacht werden.« Die nach der Panzeraff&#228;re erneut in Gang gekommene Diskussion &#252;ber erweiterte parlamentarische Kontrollmechanismen gegen&#252;ber den Geheim­diensten wird so schon im Ansatz unterlaufen. Es ist sicher, dass auch sie ausgehen wird, wie alle vorherigen &#8211; ohne greifbares Ergebnis.</p>
<p>Geheimdiensten ist ein undemokratisches Element inh&#228;rent. Es ergibt sich aus dem Grundessential ihrer Arbeit &#8211; n&#228;mlich das Auge der &#214;ffentlichkeit zu scheuen und demokratische Mitsprache &#252;ber ihre Aktivit&#228;ten nicht zuzulassen. W&#252;rden hingegen Offen­heit und wirkliche Transparenz auch im Wirken der Geheimdien­ste durchgesetzt, w&#228;re ihnen ihr Wesen genommen; sie w&#252;rden automatisch aufh&#246;ren zu existieren. Wer jedoch Spionage und all die anderen klandestinen Verrichtungen verteidigen und verewigen will, plant nichts Gutes. Nach au&#223;en setzt er weiter auf die &#252;berholte Machtpolitik weniger Gro&#223;er und Starker gegen&#252;ber Kleineren und Schw&#228;cheren, nicht jedoch auf das kooperative Zusammenwirken gleichberechtigter V&#246;lker. Im Inneren will er ganz &#228;hnlich vorgehen &#8211; Kabinettspolitik betreiben statt die opti­male Mitwirkung der B&#252;rger an den Staatsgesch&#228;ften zu erm&#246;gli­chen, die Demokratie in ihrer formalisierten Form zementieren statt neue Wege zu mehr Mitsprache und Mitentscheidung vieler zu beschreiten.</p>
<p>Aus all dem ergibt sich der Schluss, dass die T&#228;tigkeit derartiger »Organe« keine Daseinsberechtigung mehr hat. Der Widerspruch ihrer Praktiken zu den heute erforderlichen Formen kooperativer, vertrauensvoller Arbeit ist so gro&#223;, dass sie sich endg&#252;ltig &#252;berlebt haben. Wie die Saurier der Urzeit erweisen sich die Geheimdienste als nicht mehr lebensf&#228;hig, weil ihre einstige Funktion in die heutige Zeit nicht passt. Sie k&#246;nnen nur noch Schaden anrichten, indem sie notwendige Entwicklungen der Weltgesellschaft verz&#246;gern. Und sie kosten viel Geld, das wahrlich nutzbringender angelegt werden k&#246;nnte.</p>
<p>Die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, einst ger&#252;hmt wegen ihrer Effizienz und Professionalit&#228;t, hat schon den Preis ihres Zusammenbruchs entrichten m&#252;ssen; andere Dienste werden auf diesem Weg gewiss folgen &#8211; auch wenn es noch etwas dauert.</p>
<p>Und eines Tages wird die Zeit kommen, da Spionage nur noch das Thema spannender B&#252;cher und Filme ist.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil IX)</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Dec 2010 18:18:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer in diesen Tagen aufmerksam die Vorg&#228;nge um Wikileaks verfolgt und dabei registriert, wie hilflos und unprofessionell die US-Regierung samt ihrer Geheimdienste auf Ver&#246;ffentlichung von ihnen aus gutem Grund geheim gehaltener Informationen reagieren, f&#252;hlt sich nicht selten an die Endzeit der DDR und vor allem ihres Geheimdienstes Ministerium f&#252;r Staatssicherheit erinnert. Nat&#252;rlich gibt es kaum direkte Analogien<span id="more-2096"></span>, sind doch die Vorg&#228;nge gr&#252;ndlich anders, aber die Atmosph&#228;re, die Stimmung, die sich um dieses Ereignis ausbreitet, &#228;hnelt schon jener des Jahres 1989 in der DDR, als ein gef&#252;rchtetes Repressivorgan in atemberaubender Geschwindigkeit seine Macht verlor und darauf nicht angemessen zu reagieren wusste.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-2099" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, der Auslandsgeheimdienst, wurde in diesen Strudel gezogen – und hat es weitgehend geschehen lassen, auch weil sowohl seine F&#252;hrung als auch die Mitarbeiter weder willens noch in der Lage waren, sich gegen die lange einge&#252;bte ideologische Indoktrination und Unterordnung unter h&#246;heren Befehl zu wehren. Dies alles ist in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, ausf&#252;hrlich beschrieben. Im folgenden der neunte Teil.</p>
<h2>Der Weg in die Agonie</h2>
<p>»Er beherrscht sein Handwerk in der t&#228;glichen Arbeit, hat sich aber in das System integriert.« Mit solch d&#252;rren Worten beschreibt <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf </a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/f89cb05aa95d49688cd31e70672f05b2" alt="" width="1" height="1" />seinen Nachfolger Werner Gro&#223;mann. Er vergisst hinzuzuf&#252;gen, dass gerade er es war, der seinen langj&#228;hrigen Stellvertreter und »Kronprinzen« ganz wesentlich zu diesem Oppor­tunismus erzog.</p>
<p>Gro&#223;mann, Jahrgang 1929, geh&#246;rte zu jenen Leuten, die 1952 im »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« anfingen und so die Auslandsspionage der DDR von Anfang an mit aufbauten. Er war zuvor hauptamtlich in der FDJ t&#228;tig gewesen und diente sich unter Wolf allm&#228;hlich hoch. Nie zeichnete er sich durch besondere Kreativit&#228;t aus; seine St&#228;rken waren die F&#228;higkeit zu flei&#223;iger, penibler Arbeit, und der reiche Erfahrungsschatz, den er sich in fast vierzigj&#228;hriger Arbeit als Aufkl&#228;rer erworben hatte, waren solche Eigenschaften wie Zuverl&#228;ssigkeit, Ruhe und Besonnenheit. Er leitete lange Jahre die f&#252;r Milit&#228;rspionage zust&#228;ndige Abteilung IV, sp&#228;ter die Abteilung I, deren »Jagdgebiet« die Regierungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik waren. Als Wolfs Stellvertreter war er dann f&#252;r die Anleitung jener Bereiche zust&#228;ndig, die ihre Operationen auf den westlichen deutschen Staat konzentrierten. Dazu geh&#246;rte auch die besondere Beobachtung der von dort ausgehenden »politisch­ideologischen Diversion«.</p>
<p>Gro&#223;manns Werdegang pr&#228;destinierte ihn anscheinend f&#252;r die Nachfolge Wolfs. Er kannte den Spionageapparat fast wie dieser und garantierte so die Kontinuit&#228;t der Arbeit. Kaum jemand schien sich Gedanken dar&#252;ber zu machen, dass inhaltliche wie methodische Impulse von ihm nicht zu erwarten waren. Der &#220;bergang vollzog sich reibungslos; die Arbeit lief weiter, als sei Wolf gerade einmal in Urlaub oder zur Kur. Die DDR-Aufkl&#228;rung war so in ihrem Fahr­wasser festgelegt, dass Ver&#228;nderungen niemandem erforderlich schienen. Sie hatte ihren Platz in der B&#252;rokratie des Landes gefun­den und sollte dort verbleiben, ohne viel aufzufallen oder gar Turbu­lenzen auszul&#246;sen. Insofern war ein Mann, der sich &#8211; Originalton Wolf &#8211; »in das System integriert« hatte, gerade recht.</p>
<p>Und Gro&#223;mann war der typische Juniorpartner. Weniger flexibel als sein Vorg&#228;nger, weniger kompetent, wenn es um vorausgreifen­des Denken ging, seinem Chef h&#246;rig, solange dieser die Befehls­gewalt hatte, dann schnell auf den neuen Herrn Mielke fixiert und diesem so zu Willen wie vordem Wolf. Das musste nicht nur sein Vorg&#228;nger erfahren, von dem er sich schnell distanzierte, als Kritik an ihm laut wurde. Das zeigte sich auch in den Orientierungen und Festlegungen, die Gro&#223;mann traf und mit denen er der Forderung Mielkes nach immer st&#228;rkerer Einbindung der HVA in die »Haupt­aufgabe« des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit, die Bek&#228;mpfung von Subversion, Diversion und »politischem Untergrund« Rech­nung trug. Der Sekret&#228;r der SED-Kreisleitung des MfS, Horst Felber, bezeichnete das so: »Unter dem neuen Leiter hat Mielke ein bisschen mehr direkte Befehlsgewalt &#252;ber die HVA gehabt als unter Wolf. Aber das war auch ein Prinzip seiner Kaderpolitik, da&#223; er sich immer die Gef&#252;gigeren aussuchte.« Dabei waren es Wolf und sein langj&#228;hriger Stellvertreter Hans Fruck selbst gewesen, die Gro&#223;­mann als Nachfolger vorbereitet hatten. Mielke erkannte jedoch schnell, dass er mit diesem Mann besser klarkommen w&#252;rde als mit dessen Vorg&#228;nger.</p>
<p>In den Jahren des Gro&#223;mannschen Regiments seit Ende 1986 nahmen die Dienstleistungen der HVA f&#252;r die Abwehrbereiche des MfS zu. Profane Verrichtungen der Abwehr wie Eins&#228;tze zum »Per­sonenschutz« h&#228;uften sich. Noch mehr als schon zuvor standen Aufkl&#228;rer auf den Stra&#223;en, sa&#223;en in den Stadien, um Politiker und auch die Dynamo-Fu&#223;ballspieler vor Anschl&#228;gen des »Klassenfein­des« zu sch&#252;tzen. Auf Vorhaltungen seiner Abteilungsleiter, die nicht nur auf die umfangreiche zeitliche Belastung, sondern vor allem auf die Risiken f&#252;r die Konspiration ihrer Mitarbeiter ver­wiesen, reagierte Gro&#223;mann unwirsch: »Keine Diskussion! Wir haben uns den Erfordernissen der Hauptabteilung PS unterzuordnen.«</p>
<p>Die Kooperation mit bestimmten Diensteinheiten der Abwehr verst&#228;rkte sich. Das betraf vor allem die Hauptabteilung XX, deren W&#252;nsche nach Unterst&#252;tzung der Bek&#228;mpfung von Andersdenken­den Gro&#223;mann veranlassten, geeignete Abteilungen wie die IX (Spionageabwehr), II (BRD-Parteien und -Organisationen) und VII (Auswertung) zu engerer Zusammenarbeit zu verpflichten. Die<a href="http://www.blogsgesang.de/2010/09/08/hauptverwaltung-aufklaerung-der-ddr-kurze-geschichte-eines-spionagedienstes-teil-v/" target="_blank"> schon dargestellten Ma&#223;nahmen zum Vorgehen gegen »politische Unter­grundt&#228;tigkeit«</a> wurden von ihm befohlen. Er ordnete auch die intensivere Nutzung der Telefonaufkl&#228;rung der Hauptabteilung III &#252;ber Vorg&#228;nge in der BRD an. W&#228;hrend Wolf, der in klassischer Manier mehr auf die direkte menschliche Quelle setzte, der elektronischen Beschaffung deswegen, aber auch aus Konkurrenzgr&#252;nden ziemlich skeptisch gegen&#252;berstand, sah Gro&#223;mann weniger Anlass, diese effektive technische M&#246;glichkeit nicht maximal zu nutzen.</p>
<p>Schlie&#223;lich aktivierte sich auch die Kooperation mit der Haupt­abteilung VI, die unter anderem f&#252;r den »Polittourismus« zust&#228;ndig war. Darunter verstand das MfS Reisen westlicher Politiker in die DDR, die sich dabei zunehmend nicht auf offizielle Treffen mit hochrangigen Partnern beschr&#228;nkten, sondern Kontakt auch zu ein­fachen Leuten, vor allem aber zu Vertretern der Kirchen und vereinzelt auch oppositioneller Gruppen suchten. Dies unter Kontrolle zu halten, war ein vorrangiges Anliegen Mielkes, dem Gro&#223;mann mit der Zuarbeit von Erkenntnissen &#252;ber Reiserouten, geplante Kontaktauf­nahmen und sp&#228;ter Berichte &#252;ber solche Gespr&#228;che und ihre Bewer­tung durch den bundesrepublikanischen Politiker noch gr&#246;&#223;ere Unterst&#252;tzung gab, als dies schon Wolf getan hatte.</p>
<p>Bundeskanzler Kohl zum Beispiel reiste zu einer Zeit, als er noch Oppositionsf&#252;hrer war, einige Male ohne offizielle Ank&#252;ndigung nach Leipzig. Das lie&#223; er selbstverst&#228;ndlich unter der Hand signa­lisieren, und dann erfreute er sich &#8211; gewiss nicht ohne Einverst&#228;ndnis &#8211; der l&#252;ckenlosen Kontrolle durch das MfS. Die dar&#252;ber angefertig­ten Berichte enthielten bis zum Gang auf die Toilette (mit genauer Zeitangabe) tats&#228;chlich jeden seiner Schritte, und da der Bezirkschef des MfS sogar den Ehrgeiz hatte, auch seine Tischunterhaltungen in einem Restaurant mitzubekommen, platzierte er seine Mitarbeiter an den Nebentischen. Sie hatten nichts anderes zu tun, als die Ohren aufzusperren. Die HVA beteiligte sich an solchen Spielchen nicht, denn die Berichte waren f&#252;r ihre Arbeit kaum von Belang.</p>
<p>Mitunter &#252;bernahm die HVA aber sogar bestimmte Aufgaben des Abwehrbereichs zur G&#228;nze. Das betraf zum Beispiel die fr&#252;here Abteilung III, die im MfS f&#252;r die Planung und Vorbereitung von Sabotageakten im Falle einer milit&#228;rischen Auseinandersetzung mit der BRD geschaffen worden war. Ihre Ineffektivit&#228;t erwies sich schon bald; anstatt aber dieses Relikt des kalten Krieges zu liquidie­ren, wurde seine Aufgabenstellung der HVA &#252;bertragen, die daf&#252;r die Abteilung XVIII aufbaute.</p>
<p>Der Minister f&#252;r Staatssicherheit beschr&#228;nkte sich nicht darauf, seine Arbeitsschwerpunkte bei der HVA besser zur Geltung zu brin­gen. Er war zugleich bem&#252;ht, den Einfluss auf die stets beargw&#246;hnte Aufkl&#228;rung generell zu verst&#228;rken. Als bestes Mittel dazu erschien ihm die Kontrolle &#252;ber deren Personal. Er hatte schon zu Zeiten Wolfs mehrfach versucht, die Leitung der f&#252;r die HVA zust&#228;ndigen Kaderabteilung mit einem seiner Gew&#228;hrsm&#228;nner zu besetzen, doch war ihm das damals nicht gelungen. Wolf hatte immer wieder seine eigenen Personalvorstellungen durchgesetzt, aber nach Gro&#223;manns Amtsantritt veranlasste die von Mielke an der kurzen Leine gehaltene Hauptabteilung Kader und Schulung bald einen Wechsel an der Spitze des HVA-Kaderbereichs. Ins Amt kam Wolfgang Kisch, urspr&#252;nglich zwar auch ein Mann der Aufkl&#228;rung, nach einem Aus­landseinsatz jedoch zum Referenten des Kader-Hauptabteilungslei­ters, Generalleutnant M&#246;ller, berufen. Dieser aber hatte zuvor die Spionageabwehr geleitet und war ein enger Vertrauter seines Ministers. Kisch wurde &#252;brigens bis Anfang 1992 vom Bundes­minister des Innern besoldet, als Mitarbeiter des Bundesverwaltungsamtes.</p>
<p>Eine besondere Bedeutung hatte in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre die Parteiorganisation der HVA. Sie musste mit dem Wider­spruch fertig werden, dass sich in der KPdSU durch Gorbatschows Politik der Perestroika langsame Ver&#228;nderungen vollzogen, w&#228;h­rend die SED stur an ihrer schon gescheiterten Linie festhielt. Nicht wenige HVA-Mitarbeiter dr&#228;ngten &#8211; nicht zuletzt aus ihrer genauen Kenntnis der Lage heraus &#8211; auf Unterst&#252;tzung des sowjetischen Kurses und brachten das auch in den obligatorischen Parteiberichten zum Ausdruck, wenn auch mehr zwischen den Zeilen als im Klartext. Diese Berichte wurden jedoch auf dem Weg bis zur Spitze immer weiter relativiert, abgeschw&#228;cht, so dass am Ende in der Regel die gew&#252;nschten Zustimmungsschreiben standen. Die Leitung der Parteiorganisation, in ihren wichtigsten Funktionen seit Jahrzehnten im Amt, war weder bereit noch in der Lage, diese Signale aufzuneh­men, geschweige denn weiterzugeben. Schon Markus Wolf hatte sie vorrangig als Erf&#252;llungsgehilfen betrachtet; sie sollte seine Politik unterst&#252;tzend begleiten. Dabei blieb es auch unter seinem Nachfolger. Und die Parteimitglieder fanden fast nie die Kraft, sich gegen den apologetischen Kurs ihrer Leitung zu stellen. Die von oben kom­menden Weisungen wurden strikt erf&#252;llt und damit auch all jene gema&#223;regelt, die doch einmal ein offenes Wort gewagt hatten. Indem sie in aller Regel ihre Zunge im Zaum hielten, erleichterten sie der Parteileitung ihre gewiss undankbare, aber doch nie in Frage gestellte Aufgabe.</p>
<p>So war es zwangsl&#228;ufig, dass der Realit&#228;tsverlust auch in der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung &#8211; obwohl gerade sie f&#252;r wahrheits­getreue Berichte zust&#228;ndig war &#8211; um sich griff. Die Informationen aus dem Operationsgebiet lie&#223;en deutlich erkennen, dass auf nahezu allen Gebieten eine R&#252;ckw&#228;rtsentwicklung eingesetzt hatte und es nur noch eine Frage der Zeit war, wann die DDR in existentielle Schwierigkeiten kommen w&#252;rde. In einer Analyse vom Sommer 1989 hie&#223; es zutreffend, dass nach &#252;bereinstimmender Meinung zahlreicher westlicher Beobachter in der DDR »zahlreiche Probleme heranreiften bzw. sich schrittweise herausbildeten, die in absehbarer Zeit neue L&#246;sungen erforderten, ohne dass seitens Partei und Regierung auf diese Herausforderungen in gen&#252;gendem Ma&#223;e reagiert werde. Aus diesem Widerspruch zwischen Notwendigkeiten und tats&#228;chlichen Ver&#228;nderungen erwachse ein Vertrauens­schwund der DDR-B&#252;rger in die Politik der Partei- und Staatsf&#252;h­rung, der mit zunehmender Passivit&#228;t bzw. Resignation breiter Bev&#246;lkerungskreise, ausgedr&#252;ckt insbesondere in einem Anstieg der Antr&#228;ge auf st&#228;ndige Ausreise aus der DDR, verbunden sei. Diese Tendenz w&#252;rde durch &#228;u&#223;ere Einfl&#252;sse, vor allem die Umge­staltung in der UdSSR, Teilreformen in anderen sozialistischen L&#228;ndern, den KSZE-Proze&#223; und die durch Besuchsreisen wesent­lich erweiterten M&#246;glichkeiten f&#252;r DDR-B&#252;rger, die Entwicklung ihres Staates mit der der BRD zu vergleichen, st&#228;ndig verst&#228;rkt. Abgeleitete Ursachen f&#252;r die von ihnen diagnostizierte innere Stagnation der DDR sehen westliche Analytiker im gegenw&#228;rtigen Funktionieren des rechtlichen Systems und den Formen der Machtaus&#252;bung, im Stillstand bzw. einem teilweisen R&#252;ckgang des Lebensniveaus der Bev&#246;lkerung als Resultat r&#252;ckl&#228;ufiger Wachs­tumsraten in der Wirtschaft und einem sich daraus ergebenden Gef&#252;hl der Perspektivlosigkeit bei vielen DDR-B&#252;rgern.«</p>
<p>Obwohl der Bericht mit konjunktivischer Vorsicht abgefasst war, fand er aufgrund seiner vom Selbstbild der SED-F&#252;hrung diametral abweichenden Aussagen nicht die Zustimmung Mielkes. Vor der Weitergabe musste in beinahe jeden Satz eingef&#252;gt werden, dass diese Wertungen von feindlichen Kr&#228;ften der Bundesrepublik stammten, dass Diversionseinrichtungen mit solchen Argumenten die DDR verleumdeten und dass es sich dabei um Behauptungen reaktion&#228;rer, antisozialistischer Kreise handelte. Indem die Aufkl&#228;rer diese verlangten &#196;nderungen vornahmen, wurde das Feindbild der F&#252;hrung bedient; f&#252;r sie war selbstverst&#228;ndlich, dass der »Feind« so urteilte, weil er der »erfolgreichen« DDR am Zeuge flicken oder vielleicht gar von den eigenen »Gebrechen« ablenken wollte. Gro&#223;mann, der jede dieser Informationen unterschreiben musste, aber auch seine Auswerter, die letztlich den Forderungen von oben nachkamen, f&#252;gten sich den &#196;nderungsw&#252;nschen des Ministers.</p>
<p>Die so gereinigten Endprodukte wurden denn auch nicht ernst genommen und, da sie noch ein wenig Kritik enthielten, in eine Reihe mit den Berichten der bundesdeutschen Medien gestellt. Erich Honecker selbst hat dar&#252;ber berichtet: »Die Berichte vom MfS &#8230; erschienen mir immer wie eine Zusammenfassung der Ver&#246;ffentli­chungen der westlichen Presse &#252;ber die DDR &#8230; Ich selbst habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.«</p>
<p>Im Oktober 1989 dann, als die Wahrheit absolut nicht mehr sch&#246;nzureden war, wurden derartige Informationen nicht mehr weitergegeben. Der riesige Beschaffungsapparat der HVA f&#252;hlte sich gel&#228;hmt, da kein Interesse mehr an seinen Erkenntnissen bestand. Vorher jedoch war nach immer neuen Informationen gerufen wor­den, mussten alle Quellen pausenlos berichten, vor allem auch &#252;ber abwehrrelevante Vorg&#228;nge. Die Diensteinheiten der Abwehr erstickten fast in Informationen, ihre Auswertung jedoch erfolgte dort ganz besonders mit den von der SED verordneten Scheuklappen. Und wenn sie selbst einmal Missst&#228;nde registrierten, blieben sie dabei stehen, konnten sie keinen Beitrag zu den notwendigen Ver&#228;n­derungen leisten. Immer &#246;fter fragten Kundschafter aus der Bundesrepublik, was denn mit ihren Informationen werde, ob man sie nicht ernst nehme, warum die DDR-F&#252;hrung &#8211; obwohl vom Geheimdienst ins Bild gesetzt &#8211; nicht reagiere. Die erste Selektion der unangeneh­men Wahrheiten erfolgte &#8211; wie gesagt &#8211; schon im Hause der HVA; dies setzte sich fort bei der gegen jede »Diversion« (auch die der DDR-F&#252;hrung!) vorgehende Zentrale Auswertungs- und Informa­tionsgruppe, die jedes weitergegebene Material in Mielkes Auftrag zensierte. Der Minister selbst legte mitunter auch noch Hand an, und selbst dieses gesch&#246;nte Resultat wurde schlie&#223;lich als unglaubw&#252;r­dig ad acta gelegt. Die Ignoranz ging so weit, dass einfach nicht geglaubt wurde, was nicht ins eigene Bild passte &#8211; nach dem Motto: Die Landschaft ist falsch, aber die Karte stimmt!</p>
<p>&#196;hnliche Erfahrungen hatte schon der f&#252;r die Sowjetunion spio­nierende Deutsche Richard Sorge mit Stalin gemacht, der den Ter­min des faschistischen &#220;berfalls auf die UdSSR als Unsinn abtat. Wer von der eigenen Unfehlbarkeit derart &#252;berzeugt ist, braucht auch den Nachrichtendienst nur noch zur Best&#228;tigung der eigenen Meinung. Die Politik hatte sich mit ihren Einsch&#228;tzungen bereits derart von der Wirklichkeit abgehoben, dass sie weder f&#252;r Argumente und selbst nicht mehr f&#252;r Tatsachen zug&#228;nglich war. Es h&#228;ufte sich nutzloses Wissen an, zu dessen Beschaffung und Verwaltung jedoch ein immer gr&#246;&#223;erer Aufwand betrieben wurde.</p>
<p>Im kleinen Kreis hatten die Leiter der Hauptverwaltung Aufkl&#228;­rung, Markus Wolf eingeschlossen, gelegentlich durchaus dar&#252;ber sinniert, ob nicht weniger mehr sei. Wenn der gro&#223;e quantitative Aufwand auf wenige lohnenswerte Vorg&#228;nge konzentriert w&#252;rde, so die Lesart, k&#246;nnte das die Qualit&#228;t erh&#246;hen. Viele sahen, in welchem Ma&#223;e Kapazit&#228;ten durch die sogenannte Tonnenideologie gebunden wurden, nach der die Ergebnisse der Arbeit von Zahlen abgelesen wurden, ohne gen&#252;gend die dahinterstehenden Leistungen zu beachten. Dennoch konnte sich niemand zu Ver&#228;nderungen durch­ringen. &#220;berall in der Gesellschaft wurden »Erfolge« statistisch errechnet und ausgedr&#252;ckt; wollte jemand anders vorgehen, so schien sein Scheitern vorprogrammiert. Auch in dieser Hinsicht passte sich also die HVA den Gegebenheiten an &#8211; und mit dem Amtsantritt Gro&#223;manns mehr noch als zuvor.</p>
<p>Zum Beispiel mussten immer mehr und neue Werberkandidaten gewonnen werden, obwohl viele von ihnen zwar Arbeit, Zeit und Geld kosteten, jedoch wenig einbrachten. Manche stellten sich sogar auf diese Fehlorientierung der Zentrale geschickt ein und profitierten jahrelang davon. Die gleiche Zahlenspielerei wurde bei den be­schafften Informationen betrieben. In den j&#228;hrlichen Jahresauswer­tungen ging es zuerst um die absoluten Zahlen beschaffter Materia­lien, und kein Abteilungsleiter konnte es sich wagen, unter denen des Vorjahres zu bleiben. Erst in zweiter Linie interessierte die Qualit&#228;t, und Vorhaltungen der Auswerter, im Interesse des nachrichten­dienstlichen Gehalts von Informationen auf diese Seite der Arbeit gr&#246;&#223;eren Wert zu legen, waren zumeist in den Wind gesprochen.</p>
<p>Groteske Formen nahm dieses Haschen nach vordergr&#252;ndigem Erfolg besonders dann an, wenn in der Presse durchgesickert war, dass zum Beispiel die NATO ein neues milit&#228;rstrategisches Papier erarbeite. Man konnte sicher sein, dass dann Mielke sofort beim Leiter der Aufkl&#228;rung anrief und die unverz&#252;gliche Beschaffung dieses Dokuments befahl &#8211; so als k&#246;nne man es an jedem Bahn­hofskiosk kaufen. Ein Wettlauf zwischen den in Frage kommenden Abteilungen begann &#8211; mit allen Gef&#228;hrdungen, die solcher Voluntarismus f&#252;r konspirative Arbeit mit sich bringt. Schlie&#223;lich lag das Material in mehrfacher Ausfertigung auf dem Tisch oder aber &#8211; und das war h&#228;ufiger der Fall &#8211; es konnte nur bruchst&#252;ckhaft, oft allein durch Absch&#246;pfung, beschafft werden, und die Auswertungsabtei­lung hatte die Aufgabe, daraus etwas mit Hand und Fu&#223; zu machen. Ehe dies gelang, stand es vielleicht schon in der Zeitung; oder aber es zeigte sich, dass der NATO-Berg nur mit einem M&#228;uslein schwanger gegangen war. Der gesamte Aufwand hatte sich als &#252;berfl&#252;ssig erwiesen.</p>
<p>Dieses Vorgehen f&#252;hrte zugleich zu einer Fehlbewertung der legalen Residenturen. Sie waren es, die relativ schnell &#8211; durch Gespr&#228;che &#8211; etwas in Erfahrung bringen konnten, w&#228;hrend die illegale Linie zur Beschaffung des entsprechenden Dokuments in der Regel l&#228;nger brauchte, schon aus Gr&#252;nden der Sicherheit ihrer Quellen. Andererseits waren die Absch&#246;pfberichte nat&#252;rlich weitaus weniger aussagekr&#228;ftig, oft sogar verzerrt und irref&#252;hrend. Die in den Aus­landsvertretungen der DDR arbeitenden HVA-Mitarbeiter, zumeist »Offiziere im besonderen Einsatz« (OibE), wussten nat&#252;rlich, was die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« h&#246;ren wollte. Sie passten ihre Berichte oftmals diesen W&#252;nschen an. Au&#223;erdem hatten sie meist Gespr&#228;ch­spartner, die zumindest ahnten, welchen Weg ihre Aussagen nahmen, und entsprechend vorsichtig formulierten. Kaum ein OibE war bereit, in seiner »Nebent&#228;tigkeit« f&#252;r das MfS ein Risiko einzugehen &#8211; konnte das doch sofortigen R&#252;ckzug und das Ende einer vielleicht aussichtsreichen Karriere bedeuten.</p>
<p>All dies wirkte sich negativ auf Zuverl&#228;ssigkeit und nachrichten­dienstlichen Wert der Absch&#246;pfinformationen aus. Da es jedoch vor allem auf Schnelligkeit ankam, &#252;bersah man das gro&#223;z&#252;gig und gab sich mit solch minderer Qualit&#228;t zufrieden. Das dann sp&#228;ter einge­hende Dokument fand kaum noch die geb&#252;hrende Beachtung; mit­unter wurde es sogar unterschlagen, weil auf seiner Basis fr&#252;here Aussagen h&#228;tten korrigiert werden m&#252;ssen. Dennoch blieb in der HVA insgesamt die illegale Beschaffung von Dokumenten das Ent­scheidende, aber Qualit&#228;tseinbu&#223;en aufgrund des genannten Vor­gehens waren nicht zu &#252;bersehen. Auf diese Weise wuchs auch die F&#252;lle oftmals toten Papiers, das nach seiner Bewertung als Mittel­ma&#223; im Archivkeller landete, ohne jemals wieder angesehen zu werden, unaufh&#246;rlich. Die Schlussfolgerung lief jedoch nicht auf eine Reduzierung solch &#252;berfl&#252;ssiger Makulatur hinaus, sondern es wurde dar&#252;ber nachgedacht, wie sie mit Hilfe der modernen Technik besser verwaltet werden k&#246;nne. Dazu schuf sich die HVA eine elek­tronische Datenbank, in die s&#228;mtliche beschafften Informationen einzuspeichern waren. Mit Hilfe eines Thesaurus und der in ihm aufgef&#252;hrten Schlagw&#246;rter sollte der Zugriff zum gesamten Material sichergestellt werden. Diese durchaus sinnvolle Einrichtung war jedoch durch den Umfang des Gespeicherten lediglich begrenzt nutzbar. Die Erfassung der Stichw&#246;rter konnte nur relativ oberfl&#228;ch­lich gehandhabt werden, die Differenzierung zwischen den Informa­tionen erwies sich als zu grob. Besonders absurd war die Vorstellung, durch den Speicher Werbevorg&#228;nge besser prognostizieren zu k&#246;nnen. Man hatte begonnen, einige verf&#252;gbare Angaben &#252;ber Personen im Operationsgebiet im Computer zu speichern. Sie wurden mitunter abgerufen und aus der Zusammenschau der Daten abgeleitet, ob, wie und in welchem Zeitraum eine Werbung m&#246;glich sein m&#252;sste. Dies erinnerte ein wenig an den Krieg der Sterne; einige HVA-Verant­wortliche wollten offensichtlich den Kampf mit ihren Kontrahenten vom Computer aus f&#252;hren.</p>
<p>Bei all dem soll nicht &#252;bersehen werden, dass nat&#252;rlich auch in jenen Jahren das Bem&#252;hen vorhanden war, die geheimdienstliche Arbeit mit allen Mitteln zu qualifizieren, und dabei Ergebnisse erreicht wurden. So eignete sich selbstverst&#228;ndlich der Computer durchaus f&#252;r eine Rationalisierung von Informationsprozessen. In den 80er Jahren bauten die Nachrichtendienste der damaligen sozialistischen L&#228;nder mit dem SUD-System ein Verbundnetz auf, in das vor allem geheimdienstlich interessante Personen, aber auch vermutliche Terroristen und internationale Waffen- und Rauschgifth&#228;ndler eingespeichert wurden. So meldete sich eines Tages in Warnem&#252;nde ein Holl&#228;nder, der mit der F&#228;hre aus D&#228;nemark gekommen war und angab, geheimes NATO-Material zu besitzen, da er bei den Allied Forces of central Europe (AFCENT) in Brunssum bei Maastricht gearbeitet habe. Zwei Spezialisten der HVA f&#252;hlten ihm auf den Zahn und stellten schnell fest, dass er die Geb&#228;ude des AFCENT in Brunssum noch nie von innen gesehen hatte, nicht einmal die Anzahl der Stockwerke wusste und seine eigene Zimmernummer dort &#252;ber­haupt nicht vorkam. Er hatte sich schnell als Scharlatan entlarvt und wurde abgeschoben. Seine Personaldaten aber landeten im SUD-Computer. Nur zwei Wochen sp&#228;ter erschien der gleiche Mann mit einem &#228;hnlichen Angebot bei der polnischen Spionage in Gdansk; dank des Verbundnetzes war man dort &#252;ber ihn sofort im Bilde.</p>
<p>Eine gewisse Entwicklung erfuhr in den 80er Jahren auch die Anwendung der Psychologie in der Spionaget&#228;tigkeit. Jahrelang war sie als Wissenschaft von der HVA untersch&#228;tzt worden, hatte man ihre Erkenntnisse lediglich intuitiv, empirisch genutzt. Nun aber, da die Anbahnung von Kontakten immer schwieriger wurde und die Informationsarbeit &#8211; zum Beispiel durch die Zunahme der legalen Beschaffung &#8211; auch teilweise anderen Gesetzen folgte, spielte sie eine immer gr&#246;&#223;ere Rolle. F&#252;r einige Aufkl&#228;rer bot sie dar&#252;ber hinaus die M&#246;glichkeit, den ideologischen Vorgaben auszuweichen und das Professionelle in der Arbeit st&#228;rker zu betonen.</p>
<p>Insgesamt l&#228;sst sich der &#220;bergang der Leitung der Hauptverwal­tung Aufkl&#228;rung von Wolf auf Gro&#223;mann als kontinuierliche Fort­setzung des fr&#252;heren Kurses, einschlie&#223;lich seiner schon sichtbar werdenden Schw&#228;chen, charakterisieren. Viele Fehlentwicklungen waren lange vorprogrammiert; dass sie jetzt besonders sichtbar wurden, lag nur zum Teil an Werner Gro&#223;mann, der durch seine Ergebenheit und Durchschnittlichkeit sowie die enge Verhaftung mit der jahrelang »bew&#228;hrten« Linie weder in der Lage noch willens war, neue Akzente zu setzen. Die Stagnation der HVA war vor allem bedingt durch die Gesamtsituation der DDR in ihrer zunehmenden Agonie. Die DDR-Spionage als Teil des gesellschaftlichen Systems unterlag dessen allgemeinen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten. Sie war im Prinzip den gleichen Weg gegangen wie der gesamte Machtapparat. Als der Herbst 1989 nahte, fand sie sich daher in der gleichen Verst&#228;ndnis-und Hilflosigkeit wie er.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil VI)</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Sep 2010 16:27:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Gegenw&#228;rtig hat die »Aufarbeitung« der DDR wieder einmal Hochkonjunktur, und wie stets steht dabei die D&#228;monisierung der Stasi im Vordergrund – ungeachtet der seit 20 Jahren zu h&#246;renden Forderung ernsthafter Beobachter, die realen Machtverh&#228;ltnisse in der DDR in den Blick zu nehmen<span id="more-1946"></span> – was einschlie&#223;t, das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit als den verl&#228;ngerten Arm der SED zu betrachten. Das freilich ist vielen Politikern und Ideologen der heutigen Bundesrepublik zu riskant, unterhielt doch deren offizielle F&#252;hrung bis zuletzt beste Beziehungen zur DDR-Staatspartei; anderen ist es einfach zu m&#252;hsam, sich wirklich seri&#246;s mit dem DDR-System zu besch&#228;ftigen, sie sind auf <a href="http://www.tagesspiegel.de/medien/gesteuerte-wut/1946204.html" target="_blank"><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/bf0ecd7fc1d645f7885ceedd5960606b" alt="" width="1" height="1" />spektakul&#228;re Darstellungen </a>aus, die sich f&#252;r die Propaganda eignen. Propaganda ist es denn auch, was – &#228;hnlich wie bei vergleichbaren Jubil&#228;en in der DDR – die &#246;ffentliche Meinungsbildung pr&#228;gt.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/West-Spione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1949" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/West-Spione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Um wie vieles komplizierter die inneren Verh&#228;ltnisse der DDR, einschlie&#223;lich der Rolle eines solchen Bestandteils der Staatssicherheit wie der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, im Beziehungsgeflecht von Staat und Partei tats&#228;chlich waren, ist bereits in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, nachzulesen. Die Online-Ver&#246;ffentlichung des im Handel nicht mehr erh&#228;ltlichen Buches »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« wird hier mit dem sechsten Teil fortgesetzt.</p>
<h2>Die verbogene Realit&#228;t</h2>
<p>Eines Tages im Fr&#252;hsommer 1989 griff Generaloberst Gro&#223;mann zum Telefon, um dem Leiter seiner Auswertungsabteilung die Leviten zu lesen. Vor ihm lag ein Vermerk des damaligen Sekret&#228;rs f&#252;r Au&#223;enpolitik im SED-Zentralkomitee, Hermann Axen, in dem dieser in unfreundlichen Worten eine der letzten Geheiminformationen der HVA r&#252;gte. Sie hat sich mit den von Axen und dem SPD-Politiker Egon Bahr gef&#252;hrten Gespr&#228;chen &#252;ber einen atomwaffenfreien Korridor in Europa besch&#228;ftigt und interne Wertungen aus der SPD dazu wiedergegeben. Diese unterschieden sich nicht unwesentlich vom offiziellen Bericht, den Axen dem Politb&#252;ro vorgelegt hatte und der die Diskussionsrunde als gro&#223;en Erfolg der DDR-Au&#223;enpolitik und vor allem als Einlenken der Sozialdemokraten auf SED-Positionen feierte. Axen brachte in seiner Replik zum Ausdruck, dass er die geheimen Gedanken seiner Bonner Gespr&#228;chspartner weitaus besser kenne als irgendein »Kundschafter« und der abweichende Bericht der Spionageabteilung mithin falsch sei – oder vielleicht sogar eine Intrige gegen ihn und seine erfolgreiche Politik.</p>
<p>Gro&#223;mann wies seinen Abteilungsleiter an, k&#252;nftig ein besseres Gesp&#252;r f&#252;r die Sichtweise der Empf&#228;nger von HVA-Informationen zu entwickeln, und der gab die Anordnung an seine Auswerter weiter.</p>
<p>Unabh&#228;ngig davon, wer mit seiner Einsch&#228;tzung im konkreten Fall richtig lag, zeigt das Beispiel, wie die Informationen der HVA Ende der 80er Jahre immer mehr der Gedankenwelt der SED-Spitze widersprachen und diese damit veranlassten, ihre eigenen subjektiven Urteile auch hier zum Ma&#223; aller Dinge zu machen. Begonnen hatten die Bem&#252;hungen, aus den bis dahin noch ungeschminkten Geheimdienstberichten das Unerw&#252;nschte zu eliminieren, aber bereits viel fr&#252;her – etwa zu Beginn der 70er Jahre. Bis dahin hatte die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung etwas Exklusives gehabt. Sie war nahezu das einzige, auf jeden Fall aber das bedeutendste Organ, das etwas &#252;ber die Welt au&#223;erhalb der DDR vermittelte. Nur in den sozialistischen L&#228;ndern sowie einigen wenigen Hauptst&#228;dten der dritten Welt verf&#252;gt der &#246;stliche deutsche Staat &#252;ber Botschaften; ansonsten war ihm der Zugang zur internationalen B&#252;hne versperrt. In dieser Situation besa&#223; die HVA das Monopol auf Informationen aus dem Ausland, und die F&#252;hrung der DDR war auf den Wahrheitsgehalt, die Exaktheit ihrer Berichte angewiesen. Das wirkte sich positiv auf Qualit&#228;t und Seriosit&#228;t aus, zumal – wie schon dargestellt – das weitgehende Fehlen »legaler Residenturen« eine Konzentration auf die illegale Beschaffung erzwang.</p>
<p>Als sich in den 70er Jahren die Entspannungstendenzen international immer st&#228;rker durchsetzten, profitierte davon auch die DDR. Ihre weltweite Anerkennung fiel dem gerade an die Macht gekommenen Erich Honecker wie eine reife Frucht in den Scho&#223;. Die Bundesrepublik hatte in grundlegenden Vertr&#228;gen mit der UdSSR und Polen ihre Bereitschaft signalisiert, wesentliche Ergebnisse des zweiten Weltkrieges anzuerkennen. Selbst die komplizierte Westberlin-Frage wurde durch das Vierm&#228;chteabkommen vom 3. September 1971 entsch&#228;rft, und am 21. Dezember 1972 unterzeichneten die Regierungen der Bundesrepublik und der DDR den Grundlagenvertrag. Damit war f&#252;r den zweiten deutschen Staat der Weg in die internationale Arena frei. 1973 nahm die UNO-Vollversammlung die DDR als Mitglied auf, und am Ende jenen Jahres hatten 100 Staaten zu ihr diplomatische Beziehungen hergestellt.</p>
<p>Nun konnte die DDR &#252;berall in der Welt Botschaften einrichten – und mit ihnen – wie das fast alle Staaten tun – legale Residenturen des Geheimdienstes. Dabei handelt es sich um nachrichtendienstliche St&#252;tzpunkte in einer offiziellen Mission des Landes im Ausland. Besonders geeignet f&#252;r eine solche Abdeckung sind Botschaften, da deren Mitarbeiter diplomatischer Immunit&#228;t genie&#223;en und daher bei Enttarnung im Prinzip nicht belangt werden k&#246;nnen. Au&#223;erdem verf&#252;gen Botschaften &#252;ber weitgehende Arbeitsm&#246;glichkeiten im Gastland sowie ein eigenes Verbindungssystem in die Heimat, worauf sich die Residenten st&#252;tzen k&#246;nnen. Offiziell, das hei&#223;t gegen&#252;ber sowohl den anderen Botschaftsangeh&#246;rigen als auch den Partnern im Gastland, sind die Mitarbeiter einer Residentur Diplomaten und haben als solche ihre festgelegten Aufgaben, zum Beispiel als Sekret&#228;r der Botschaft, Presse- oder Kulturattaché, zu erf&#252;llen. Die T&#228;tigkeit f&#252;r die Residentur kommt in der Regel noch hinzu.</p>
<p>Die HVA konnte nun zwar auf diese neuen operativen M&#246;g­lichkeiten zur&#252;ckgreifen; zugleich verlor sie aber ihren Allein­vertretungsanspruch f&#252;r die Informationsbeschaffung. Mit den Diplomaten, die offiziell aus dem Gastland berichteten, erhielt sie Konkurrenten, die diese Chance entschlossen wahrnahmen und die durch langj&#228;hrige Erziehung im heimischen Apparat sehr genau wussten, worauf es ankam.</p>
<p>Nachdem der lange angestrebte diplomatische Durchbruch geschafft war, wollten SED und DDR-Regierung nun auch nachweisen, welch konstruktive und bedeutsame Rolle sie in den Weltangelegenheiten spielten. Dies aber kollidierte vom ersten Tage an nicht nur mit der tats&#228;chlich begrenzten Rolle des 17-Millionen-Staates, sondern auch mit der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit seiner Politik. Denn die DDR hatte zwar aus den objektiv wirkenden Entspannungstendenzen Gewinn gezogen, sie jedoch schon damals nicht wirklich begriffen. W&#228;hrend sie einer­seits mit unangemessenem Selbstlob die eigene Politik und allen­falls noch die der Sowjetunion pries und die Entwicklung einzig darauf zur&#252;ckf&#252;hren wollte, konnte sie andererseits nicht genug vor »mangelnder Wachsamkeit« und dem »unver&#228;ndert aggressi­ven Wesen des Imperialismus« warnen. Stets betonte sie Lenins These, dass die Politik der friedlichen Koexistenz Klassenkampf sei und sich mit dem Entspannungsprozess die »ideologische Auseinandersetzung versch&#228;rfe«. Vielf&#228;ltige Signale der Dialog­bereitschaft wurden schon damals ungen&#252;gend wahrgenommen und so realistische M&#246;glichkeiten verschenkt.</p>
<p>Die HVA berichtete &#252;ber diese Tendenzen und stellte die neuen Gegebenheiten deutlich heraus. Sie nutzte die Friedenssehnsucht vieler Menschen, bis hinein in politische Kreise, nat&#252;rlich auch f&#252;r ihre Werbet&#228;tigkeit und war dabei durchaus erfolgreich. Dennoch wurde immer mehr sp&#252;rbar, dass ihre Informationen nicht zu den m&#246;glichen Schlussfolgerungen f&#252;hrten, dass die politische F&#252;hrung in den alten Dogmen verharrte und ihnen defensiven Kurs fort­setzte.</p>
<p>Besonders deutlich zeigte sich dies im KSZE-Proze&#223;, der im Sommer 1975 mit der Schlussakte von Helsinki seinen H&#246;hepunkt erreichte. W&#228;hrend der sogenannte Korb I, der in zehn Punkten die Grundprinzipien der Staatenbeziehungen in Europa formulierte, und auch der zweite Komplex mit seinen Festlegungen zur wirt­schaftlichen Kooperation die weitgehende Zustimmung auch der sozialistischen Staaten fand, stie&#223; der Korb III &#252;ber die »Zusam­menarbeit in humanit&#228;ren und anderen Bereichen« auf unverhoh­lenes Misstrauen. Hier waren Erfordernisse der menschlichen Kontakte, der Information und des kulturellen Austauschs aufge­listet, die zwar wegen des Konsensprinzips nur das Minimum des Erreichbaren darstellten, dennoch aber die geschlossenen soziali­stischen Gesellschaften mit beinahe unl&#246;sbaren Probleme kon­frontierten. So nahm es nicht Wunder, dass gerade diese Bestim­mungen die Partei- und Staatsf&#252;hrung der DDR zu immer neuen Winkelz&#252;gen veranlasste, um sie unterlaufen zu k&#246;nnen. Gleiches galt f&#252;r die KSZE-Folgekonferenzen in Belgrad, Madrid und Wien, wo die DDR immer offensichtlicher zu den Bremsern geh&#246;rte – zuletzt, als sich die Perestroika in der UdSSR durchzu­setzen begann, nur noch mit Rum&#228;nien als Verb&#252;ndetem.</p>
<p>Da die DDR-F&#252;hrung nicht bereit war, etwas an den inneren Verh&#228;ltnissen zu &#228;ndern, geriet sie zwangsl&#228;ufig in Konflikt zu den internationalen Trends. Ihre Abgrenzungspolitik ab Mitte der 70er Jahre, verbunden mit Repressionsma&#223;nahmen gegen Anders­denkende, wie sie zum Beispiel in der Ausb&#252;rgerung Wolf Bier­manns und anderer K&#252;nstler zum Ausdruck kamen, passte einfach nicht mehr in die sich ver&#228;ndernde Landschaft. Die Berichte der HVA brachten das schon damals zum Ausdruck, wenn auch nicht mit der gebotenen Deutlichkeit. Dennoch fand sich die SED-F&#252;hrung darin nicht best&#228;tigt, und sie bezog zu ihnen eine zuneh­mend kritische Position. Sie glaubte sich damit um so mehr im Recht, als auf der anderen Seite die Diplomaten fast nur Gutes &#252;ber das Ansehen der DDR in aller Welt berichteten. In den meisten Analysen der Botschaften wurde nachgewiesen, wie erfolgreich die DDR-Politik sei und wie sehr sie das Denken und Handeln der politischen Kreise im Gastland beeinflusse. Die n&#252;chterneren und oft entgegengesetzten Informationen der Auf­kl&#228;rung hingegen st&#246;rten das gesch&#246;nte Bild; das Ansehen der Auslandsspionage der DDR sank.</p>
<p>Ihre Antwort war typisch opportunistisch; auch sie bem&#252;hte sich nun zunehmend, den Erwartungen des Politb&#252;ros und der DDR-Regierung gerecht zu werden. Man muss gerechterweise einschr&#228;nken, dass Markus Wolf als damaliger Leiter der HVA versuchte, dieser Entwicklung entgegenzusteuern, nach wie vor auf hohe Qualit&#228;t und realistische Einsch&#228;tzungen Wert legte. Doch er konnte sich schon immer weniger durchsetzen, machte auch selbst Kompromisse und resignierte schlie&#223;lich so, dass er sich zur Aufgabe seines Amtes entschloss. Sein Nachfolger Werner Gro&#223;mann war nicht so eigenst&#228;ndig und vollzog schnell den &#220;bergang auf die gew&#252;nschte Linie.</p>
<p>Deutlicher Ausdruck dieser Anpassung waren die schon genannten j&#228;hrlichen Planorientierungen, deren einzige Funktion darin bestand, das gesamte ideologische Arsenal der SED auf die Aufkl&#228;rung zu &#252;bertragen. Unter dem Einfluss der starren Sicherheitsdoktrin und eines k&#252;nstlichen Feindbildes gingen jegliche Differenzierungen verloren, wurden mit immer den gleichen abgenutzten Worten l&#228;ngst &#252;berholte Thesen verk&#252;ndet. Stets war der USA-Imperialismus der Hauptfeind, dann folgte sogleich sein Juniorpartner BRD – weitgehend unabh&#228;ngig davon, welcher Pr&#228;sident, Kanzler oder welche Partei gerade die Regierungsgewalt aus&#252;bte. Alle Vorg&#228;nge und &#196;u&#223;erungen, die in dieses &#228;rmliche, eindimensionale Weltbild passten, wurden als Beleg herangezogen, w&#228;hrend neue Tendenzen und Nuancie­rungen kaum Erw&#228;gung fanden. Wenn auch in der konkreten operativen Arbeit – im Interesse des Erfolgs – oft nach anderen Pr&#228;missen vorgegangen wurde, so waren diese Planorientierungen f&#252;r viele doch mehr als nur ein Alibi. Mit immer neuen Verrenkun­gen und dem dazu erforderlichen Kraftaufwand wurde versucht, sowohl ihnen als auch den realen Erfordernissen Rechnung zu tragen.</p>
<p>Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass die westlichen Staaten nat&#252;rlich auch immer wieder Anlass zu Misstrauen boten und den W&#228;chtern der »ideologischen Reinheit« in den sozialisti­schen L&#228;ndern die Munition f&#252;r ihre Attacken auf alle Weiter­denkenden lieferten. Das politische Denken Ronald Reagans vor allem in seiner ersten Amtszeit, die damit verbundene Aufr&#252;­stungspolitik unter dem Vorwand der schon genannten Bedro­hungslegende und das Beharrungsverm&#246;gen auch der politischen Kreise des Westens auf alten Positionen, das sich besonders in der Hilflosigkeit gegen&#252;ber dem neuen Denken Gorbatschows offen­barte, charakterisierten die Widerspr&#252;chlichkeit einer Entwick­lung, die von den f&#252;hrenden Politikern der DDR stets r&#252;ckw&#228;rts­blickend beurteilt wurde. Sie sahen die Welt so, als habe sie sich seit 1918, 1933 oder 1948 nicht ver&#228;ndert. Sie hingen kritiklos und v&#246;llig undialektisch leninschen Lehren an, die unter ganz anderen Bedingungen und schon damals nicht als allgemeing&#252;lti­ge Wahrheiten formuliert worden waren. Die Linie der Sowjet­union, die ihre Kritik am Stalinismus schnell relativierte und jahrzehntelang in innen- wie weltpolitischer Stagnation verharrte, galt als Glaubensbekenntnis.</p>
<p>Kennzeichnend f&#252;r jene Jahre war das Ringen zwischen – zumeist in gr&#246;&#223;eren Zusammenh&#228;ngen denkenden – Politikern und den Milit&#228;rs mit ihrem oft engen Horizont. Der Kalte Krieg hatte letzteren ein ausgezeichnetes Wachstums-Biotop geboten; nun war die Welt voll von Panzern, Flugzeugen und Raketen mit der entsprechenden Munition, darunter immer verheerendere atomare Massenvernichtungswaffen. Dieses materielle Potential gebar zwangsl&#228;ufig die entsprechenden Kriegsplanungen mit ihren n&#252;chternen Gewinn-Verlust-Rechnungen, die &#252;berall – ob im Pentagon oder im Kreml, auf der Hardth&#246;he oder in Strausberg – durchgespielt wurden. In einem Konflikt, da waren sich alle Marsch&#228;lle und Gener&#228;le einig, hatte die Politik ins zweite Glied zu treten. Sie waren es auch, die angesichts der zunehmenden Entspannungstendenzen das Wort von den jederzeit m&#246;glichen »j&#228;hen Wendungen« in der Weltpolitik pr&#228;gten. Es diente dazu, das Misstrauen wachzuhalten und vor allem den Milit&#228;rs auch weiterhin das von ihnen Gew&#252;nschte an politischem Einfluss und materiellen Mitteln zu geben. K&#252;hnes Vorausschauen und Sensibi­lit&#228;t f&#252;r Perspektiven waren da nicht gefragt, und wo die HVA doch vorsichtige Ans&#228;tze in diese Richtung erkennen lie&#223;, wurde sie zur&#252;ckgepfiffen. Sie musste im Gegenteil ihren Beitrag auch zur Absicherung der &#252;berdimensionierten milit&#228;rischen St&#228;rke des Warschauer Paktes leisten. Diese Forderung stand stets an der Spitze aller Planorientierungen – noch vor dem Kampf gegen die »ideologische Diversion«. Vor allem dem SWT-Bereich war auf­getragen, stets Muster neuester Milit&#228;rtechnik zu beschaffen. Da geisterten sogar solch abenteuerliche Vorstellungen in den K&#246;pfen herum, dass ein Leopard-Panzer mit vollst&#228;ndiger Ausr&#252;stung &#252;ber die Grenze gefahren werden k&#246;nne oder eine »Phantom« auf einem DDR-Flugplatz landet. Der riesige Kraftaufwand bei der Beschaffung solcher Muster oder zumindest ihrer Bauunter­lagen erwies sich dann oft als vertan, weil die Erwartungen gr&#246;&#223;er gewesen waren als das Ergebnis; er f&#246;rderte nur den R&#252;stungs­wettlauf mit all seinen Gefahren. Die Informationen der HVA &#252;ber das milit&#228;rische Potential des Westens, das wahrlich gewaltig war und st&#228;ndig ausgebaut wurde, bewirkte immer neue Forderungen der St&#228;be in den Staaten des Warschauer Paktes, wobei diese zum einen die oft h&#246;here Qualit&#228;t der westlichen Waffen durch Quantit&#228;t wett­machen wollten und zum anderen generell von dem Prinzip ausgingen, dass Sicherheit eine Frage mehrfacher &#220;berlegenheit sei.</p>
<p>Als Konsequenz einer solchen Politik wurden die tats&#228;chlichen Bed&#252;rfnisse der Menschen str&#228;flich unterbewertet. Der Sektor Wissenschaft und Technik wusste zwar ganz genau, was an technischen Neuerungen, zum Beispiel im Konsumg&#252;terbereich, auf den Markt kam, und die Aufkl&#228;rer sahen zugleich, dass in der Bev&#246;lke­rung daf&#252;r Bedarf bestand (den sie &#252;brigens mit ihren M&#246;glichkei­ten f&#252;r sich selbst gern befriedigten!), aber sie hatten sich so in die offizielle Wirtschaftspolitik einbinden lassen, dass Beschaffungs­auftr&#228;ge in diese Richtung gar nicht erst ins Kalk&#252;l gezogen wurden.</p>
<p>F&#252;r den Staatssicherheitsminister und auch die F&#252;hrung der HVA hatten solche Aufgabenstellungen h&#246;chste Priorit&#228;t, die ihnen von oben vorgegeben wurden und denen sie keinerlei eigene &#220;berlegungen entgegensetzten. F&#252;r Mielke waren erst das Wort Ulbrichts, dann Honeckers sowie der sowjetischen F&#252;hrer von Stalin bis Tschernenko Gesetz. Nie wich er in der Grundeinsch&#228;t­zung davon ab, und das erwartete er auch von seinen Untergebe­nen, den ihm intellektuell weit &#252;berlegenen Markus Wolf einge­schlossen. Mielke hatte in seinen stundenlangen Reden auch stets konkrete Beispiele aus internen Informationen parat, mit denen er seine dogmatischen Urteile glaubte belegen zu k&#246;nnen. Dies waren dann die Weisheiten, die bei den zahllosen Auswertungen bis zum Erbrechen wiederholt wurden. Wie sehr sie von der Realit&#228;t abwichen, zeigte sich besonders bei der Behandlung solcher »Gro&#223;ereignisse« in der DDR wie von Parteitagen der SED. Zu ihrer Vorbereitung wurden Monate zuvor detaillierte Ma&#223;nahmepl&#228;ne erarbeitet, die f&#252;r die Aufkl&#228;rung oft den Auftrag erhielten, sowohl das internationale Echo akribisch festzuhalten als auch m&#246;gliche St&#246;rungen gegen das »heilige Konzil« – und das waren schon kritische Zeitungsartikel im Westen – nicht nur zu vermelden, sondern nach M&#246;glichkeit zu verhindern. Konnte die HVA damit nicht dienen, einfach deswegen, weil das ver­meintliche Gro&#223;ereignis im Gang der Weltgeschichte nur eine Fu&#223;note war, dann fand das wenig Glauben und machte die Aufkl&#228;rung verd&#228;chtig. Mielke scheute sich auch nicht, angebliche »ideologische Diversanten« in den eigenen Reihen &#246;ffentlich anzuklagen, sie vor einem vielhundertk&#246;pfigen Auditorium strammstehen zu lassen und zu »revolution&#228;rer Wachsamkeit« zu ermahnen. Dieses Regime aus Gehirnw&#228;sche und Einsch&#252;chterung trug nicht unwesentlich zur Unterwerfung der HVA unter die Schmalspurpolitik und die Sicherheitsdoktrin der SED bei.</p>
<p>Die weitgehende Wirkungslosigkeit der HVA, die jedoch auch anderen Geheimdiensten nicht fremd ist, wurde durch das immer widerstandslosere Anpassungsverhalten der 80er Jahre noch ver­st&#228;rkt. Es hatte zugleich deutliche Auswirkungen auf die methodi­sche Stringenz der nachrichtendienstlichen Arbeit. Stand bis dahin die illegale Informationsbeschaffung eindeutig im Vordergrund, so kam nun die legale Arbeit hinzu, die sich vor allem der Absch&#246;p­fung bediente. Darunter ist zu verstehen, dass in Gespr&#228;chen mit Politikern, Milit&#228;rs, Wirtschaftsleuten des Gastlandes Meinungen und Auffassungen erkundet und diese dann entweder unmittelbar oder zu Analysen verarbeitet der Zentrale &#252;bermittelt werden. Der Gespr&#228;chspartner wei&#223; in der Regel, dass er den offiziellen Vertre­ter eines anderen Landes vor sich hat und aufpassen muss, was er sagt, um nicht schutzw&#252;rdige Informationen abflie&#223;en zu lassen. Insofern unterscheidet sich diese Form der Informationsbeschaf­fung kaum von der eines tats&#228;chlichen Diplomaten oder auch eines Journalisten; die T&#228;uschung des Partners h&#228;lt sich in Grenzen, ebenso aber auch die Substanz der von ihm zu erlangenden Neuigkeiten. Oft sind sich die Angesprochenen &#252;ber den nachrichtendienstlichen Hintergrund des Gespr&#228;chs im klaren und daher doppelt wachsam; mitunter aber nutzten sie gerade ihn, um auf diese unkonventionelle Weise Botschaften loszuwerden, die sie ganz offiziell noch nicht formulieren wollen. Bei der DDR wie wohl auch den anderen sozialistischen L&#228;ndern kam noch hinzu, dass die Vertreter des Gastlandes glaubten, auf dem Weg &#252;ber den Nachrichtendienst bei den politischen F&#252;hrungen eher Geh&#246;r zu finden, als wenn sie sich der schwerf&#228;lligen diplomatischen Bahnen bedienten &#8211; was allerdings meist ein Trugschluss war.</p>
<p>Die HVA nutzte bald diese neue M&#246;glichkeit mit aller Extensi­t&#228;t &#8211; ungeachtet dessen, dass so beschaffte Informationen in der Regel nur &#252;ber einen begrenzten Neuigkeitswert verf&#252;gten. Sie baute die Abteilung III, die f&#252;r die Arbeit der legalen Residenturen zust&#228;ndig war, erheblich aus und strebte ein im Grunde weltweites Engagement an, das sich nicht an den wirtschaftlichen M&#246;glich­keiten und dem tats&#228;chlichen politischen Rang der DDR ma&#223;, sondern an subjektivistischen Vorstellungen &#252;ber den eigenen Einfluss auf die Weltpolitik. Zwar gab es in einigen L&#228;ndern durchaus potente Quellen, die aufschlussreiche Informationen lie­ferten, aber die &#220;berzahl des auf diesem Wege nicht selten in gro&#223;er Menge eingehenden Materials war von geringem Belang. Die Auswerter hatten oft den Eindruck, dass einige der Sendungen, vor allem aus entfernteren L&#228;ndern Asiens und S&#252;damerikas, nicht mehr enthielten als eine mehr oder weniger geschickte Zusam­menstellung von Pressemeldungen, was von Berlin aus kaum &#252;berpr&#252;fbar war. Entsprechend waren dann auch die Ausgangs­materialien; sie h&#228;tten von einem L&#228;nderexperten mit gutem Hintergrundwissen auch ohne geheimdienstliches Beiwerk erar­beitet werden k&#246;nnen.</p>
<p>Aber auch aus der Bundesrepublik kamen nun immer mehr solcher Informationen. Die Residentur in der Bonner St&#228;ndigen Vertretung der DDR machte die Absch&#246;pfarbeit zu einer ihrer Haupts&#228;ulen; sie wurde unterst&#252;tzt durch die Reisekader des Instituts f&#252;r Politik und Wirtschaft (IPW) in Berlin, das zwar dem ZK der SED und seinem au&#223;enpolitischen Sekret&#228;r Hermann Axen unterstand, zugleich aber eng mit der HVA kooperierte. In letzterer war extra die Abteilung XVI f&#252;r die Betreuung solcher offizi&#246;ser Kontakte von DDR-Institutionen geschaffen worden; das IPW nahm dabei den ersten Rang ein. Die so beschafften Informationen hatten jedoch mit wirklicher Spionage nur wenig zu tun. Sie &#228;hnelten eher den Recherchen eines Politikwissen­schaftlers oder Buchautors und enthielten kaum Geheimnisse — es sei denn solche, die die andere Seite ganz gezielt ohnehin publik machen wollte, ohne gleich eine Pressekonferenz abzuhalten. Die Wissenschaftler des IPW hatten ihre Gespr&#228;chspartner im Bonner Konrad-Adenauer-Haus wie in der »Baracke« der SPD. Sie spra­chen aber auch bei Kollegen jener Institute vor, die in der Bundesrepublik &#228;hnliche Aufgaben wie sie selbst wahrnahmen. Jeder Politologe zum Beispiel des Bundesinstituts f&#252;r internationale und ostwissenschaftliche Studien oder der Stiftung Ebenhausen, zweier f&#252;hrender Forschungseinrichtungen der Bundesrepublik, brachte und bringt von Reisen in L&#228;nder seines Forschungsinter­esses ganz &#228;hnliche Berichte mit und verarbeitet sie dann in seinen Expertisen. Durch die HVA wurden sie aber zu Spionagedossiers gemacht. Darunter litt zwangsl&#228;ufig der nachrichtendienstliche Charakter der HVA-Informationen; ihre Qualit&#228;t &#252;berstieg kaum die der Beitr&#228;ge einer gut redigierten politischen Wochen- und Monatsschrift.</p>
<p>Ganz &#228;hnliches ist f&#252;r die Absch&#246;pfung von Politikern durch Journalisten zu sagen. Der Ende 1991 bekanntgewordene Fall des SPD-Bundestagsabgeordneten Karsten Voigt, dessen Kontakte mit einer DDR-Journalistin unter den Augen der HVA abliefen, zeigte, wie wenig &#252;ber einen solchen Kanal tats&#228;chlich zu erfahren war. Zum einen hatte Voigt als Oppositionspolitiker ohnehin wenig Einblick in die nachrichtendienstlich interessanten Regierungsent­scheidungen. Zum anderen war er sich stets der Risiken einer solchen offenen Verbindung zur DDR bewusst. Er habe in seiner Position immer damit rechnen m&#252;ssen, dass versucht werde, »irgendwelche Informationen abzusch&#246;pfen« und sich daher stets so verhalten, dass »keine Informationen abflie&#223;en konnten«. Selbst &#8216;das Bundeskriminalamt habe ihm in dieser Sache v&#246;llig korrektes Verhalten bescheinigt.</p>
<p>Parallel zur weltweiten und immer mehr auf oberfl&#228;chliche Quantit&#228;t als tiefgehende Qualit&#228;t orientierenden Informations­beschaffung verst&#228;rkte die DDR auch ihre Einflussnahme auf ausgew&#228;hlte Staaten der dritten Welt durch den Aufbau nationaler Geheimdienste. Die HVA leistete dazu einen betr&#228;chtlichen Bei­trag. Bei der Auswahl der in Frage kommenden L&#228;nder setzten sich jedoch stets ideologische Erw&#228;gungen durch, das hei&#223;t, es handelte sich um Staaten mit sogenannter sozialistischer Orientie­rung, denen nun die Erfahrungen der Sowjetunion bzw. der kaum modifizierte Abklatsch der DDR aufgezwungen wurde. Aus heutiger Sicht ist offensichtlich, dass alle diese Bem&#252;hungen scheiterten, nicht zuletzt wegen des subjektivistischen Herangehens. Weder f&#252;r das Vorzugsland der 60er Jahre, &#196;gypten, noch f&#252;r die sp&#228;te­ren Favoriten Tansania mit Sansibar, Ghana, Sudan, S&#252;djemen, Angola und Mosambik taugten die aufgepfropften tschekisti-schen Strukturen, zumal beim konkreten Vorgehen nicht selten der Eindruck entstand, als w&#252;rde die ostafrikanische Metropole Daressalam mit dem s&#252;dth&#252;ringischen Kreisst&#228;dtchen Ilmenau gleich­gesetzt.</p>
<p>Die tats&#228;chlichen Kr&#228;ftekonstellationen in diesen L&#228;ndern wurden allzu oft untersch&#228;tzt, so 1966 in Ghana, als der HVA-Resident J&#252;rgen Rogalla, sp&#228;ter bis 1989 Leiter der Nordamerika bearbeitenden Abteilung XI, den Milit&#228;rputsch gegen Pr&#228;sident Nkrumah nicht voraussah und von den neuen Machthabern verhaftet wurde. Zwei Jahrzehnte sp&#228;ter erlebte die HVA in S&#252;djemen eine &#228;hnliche Schlappe. Dort schlachteten sich zwei rivalisierende F&#252;hrungsgruppen gegenseitig ab; eine von ihnen hatte sogar die &#214;ltanks sprengen lassen, so dass die Innenstadt von Aden dezime­terhoch mit Roh&#246;l &#252;berflutet wurde, in dem die Tausenden Leichen des Massakers lagen. Nichts davon hatte die Residentur der HVA vorausgesagt. Dies wiederholte sich bei den Stammes- und Ban­denk&#228;mpfen in Angola und Mosambik.</p>
<p>Die Aufkl&#228;rung der DDR, die vieles h&#228;tte besser wissen m&#252;ssen, beugte sich auch bei ihren Eins&#228;tzen in der dritten Welt den ideologischen Vorgaben. Sie tat bei Aktivit&#228;ten mit, die sich letztlich nicht nur als sinnlos erwiesen, sondern auch kein Ruh­mesblatt ihrer Geschichte waren. So muss sie sich heute bohrende Fragen nach manchem Engagement gefallen lassen, zum Beispiel hinsichtlich der PLO. Als gewisserma&#223;en staatlich anerkannte Befreiungsbewegung erhielt diese auch seitens des MfS alle Unterst&#252;tzung, einschlie&#223;lich eines milit&#228;rischen Trainings. »Wir haben einiges zu dieser Ausbildung beigesteuert«, best&#228;tigte Wolf, »aber zu keiner Zeit hat unsere Abteilung sich an Terroraktivit&#228;ten beteiligt.«</p>
<p>Die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« der DDR verlangte stets ein Bild der Welt, das ihren Erwartungen entsprach – gleich, ob es sich bei den Entwerfern um Politiker, Journalisten, K&#252;nstler oder Spione handelte. Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung hat sich diesem Wunsch in vielen F&#228;llen unterworfen und mit gro&#223;em Aufwand Informationen produziert, die allzu oft eine verbogene Realit&#228;t darstellten.</p>
<p>Aber die Einbu&#223;en an methodischem Niveau beschr&#228;nkten sich nicht auf diese Seite der Aufkl&#228;rungsarbeit. Ganz generell nahm die Motivation zu immer h&#246;heren Leistungen ab, da viele Aufkl&#228;rer sahen, dass es auch mit weniger Aufwand und sogar Routine geht. Der hohe Rang, der Absch&#246;pfinformationen zugewiesen wurde, vor allem aber die st&#228;ndige Forderung nach quantitativem Zuwachs, ohne auf analogem Qualit&#228;tsgewinn zu bestehen, beg&#252;nstigten Mittelma&#223; und besch&#228;digten auf lange Sicht den einst guten Ruf der HVA.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil IV)</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Aug 2010 20:51:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wieder einmal soll der Bundestag daraufhin &#252;berpr&#252;ft werden, inwieweit das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR Einfluss auf die bundesdeutsche Politik genommen hat. Angesichts der geringen Zahl noch nicht bekannter F&#228;lle oder gar einer Fehlmeldung <span id="more-1840"></span><a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0807/seite1/0103/index.html" target="_blank"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/77db0ea9416846709feb5ee8a4ac2d2e" alt="" width="1" height="1" />kein Thema, das noch gro&#223;e Aufregung ausl&#246;st</a>. Dabei ist diese Einflussnahme unstrittig, vor allem durch die so genannten aktiven Ma&#223;nahmen der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung (HVA) des MfS wurde versucht, politische Entscheidungen in Bonn zu beeinflussen.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/08/West-Spione1-199x300.gif"><img class="alignright size-full wp-image-1842" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/08/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Dabei aber stand der DDR-Geheimdienst nicht allein. Verdeckte Operationen geh&#246;ren seit je zum Arsenal der Spionaget&#228;tigkeit, und es ist ein offenes Geheimnis, dass sich auch die bundesdeutschen Dienste, der Verfassungsschutz wie der BND, dieses Mittels bedienen. Und ebenso gibt es immer wieder Hinweise auf eine nachrichtendienstliche Anbindung des einen oder anderen Bundestagsabgeordneten. Dahinein Licht zu bringen ist nat&#252;rlich nicht vorgesehen, und auch die systemtreuen Medien <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0807/meinung/0135/index.html" target="_blank">artikulieren dieses Problem nur vereinzelt</a>.</p>
<p>Bez&#252;glich der HVA ist schon bald nach der Wende dazu Grunds&#228;tzliches gesagt worden; inzwischen wurde es durch zahlreiche Fakten angereichert. Was dazu in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, berichtet wurde – im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress – ist hier nachzulesen:</p>
<h2>Schweres Blei der »Tschekisten«</h2>
<p>Der ganze Saal erhob sich wie ein Mann. »Die ruhmreichen Tschekisten – sie leben hoch! Hoch! Hoch!« Der Minister hatte das Startsignal zur lautstarken Huldigung gegeben, und keinen gab es, der sich ihr verweigerte. Bereits zuvor war in nahezu inhalts­gleichen Reden der Beitrag der »Gesamtrussischen Au&#223;erordentli­chen Kommission zur Bek&#228;mpfung von Konterrevolution und Sabotage«, der sogenannten Tscheka, zur Oktoberrevolution und zur Abwehr aller seitherigen Angriffe auf die »Macht des Sozialis­mus« gew&#252;rdigt worden. Generaloberst Markus Wolf hatte h&#246;chst­pers&#246;nlich eine rotlederne Kassette &#252;berreicht, in der sich einige wertvolle Aufkl&#228;rungsinformationen befanden – vielleicht der BND-Jahresbericht oder die Ost-West-Studie der NATO. Diese rituelle »Schenkung« geh&#246;rte seit langem zum Szenario deutsch­sowjetischer »Kampf-Meetings« – ungeachtet dessen, dass der KGB die Informationen l&#228;ngst auf unspektakul&#228;rem Wege erhalten hatte.</p>
<p>Auf die Show aber durfte nicht verzichtet werden. Sie bot den sowjetischen Tschekisten und ihren deutschen Genossen Gelegen­heit, neben Gru&#223;adressen auch Orden auszutauschen und eben immer wieder Hochrufe auszubringen: Die Waffenbr&#252;derschaft von KfS – wie der KGB schamhaft eingedeutscht genannt wurde – und MfS sei unverbr&#252;chlich! Tats&#228;chlich bestand das schlimmste Manko des DDR-Nachrichtendienstes darin, dass er – wie fast alle anderen gesellschaftlichen Erscheinungen der DDR – aus einer stalinistisch gepr&#228;gten Tradition hervorging. Lenin hatte im Dezember 1917 mit der »Tscheka« ein Organ geschaffen, das eine Revolution m&#246;glicherweise braucht, um den Sieg der Stra&#223;e vor Gegenangriffen zu sch&#252;tzen, aber er hat nicht verhindern k&#246;nnen, dass sich diese »Tscheka« bald verselbst&#228;ndigte, 1922 den nichtssagenden Namen »Staatliche politische Verwaltung« (GPU) zulegte, um bald danach zum blutigen Terrorinstrument Stalins gegen alle diejenigen zu werden, die er seine Feinde nannte.</p>
<p>Seitdem war das »Feindbild« ein Schl&#252;sselbegriff geheim­dienstlicher Arbeit in einem »sozialistischen« Land – ob er nun nach au&#223;en oder nach innen operierte. Es schloss ein, misstrauisch gegen&#252;ber allem zu sein, was sich au&#223;erhalb der DDR-Grenzen tat oder was gar von au&#223;erhalb in irgendeiner Weise auf die DDR einwirkte. Wie dieses »Feindbild« noch ein Jahr vor der Wende aussah, demonstrierte Erich Mielke in einer Rede am 17. Oktober 1988, als er auf einer Tagung der Aufkl&#228;rungsorgane sozialistischer L&#228;nder den »strategischen Plan des Imperialismus zur Schw&#228;­chung, Destabilisierung und Zersetzung des Sozialismus« entlarvte, der gekennzeichnet sei</p>
<p>»– durch die gezielte Verbindung von Wettr&#252;sten, politischer und &#246;konomischer Druckaus&#252;bung bzw. Erpressung sowie forcier­ter ideologischer Diversion und aller anderen Formen ihrer W&#252;hl- und Zersetzungst&#228;tigkeit,</p>
<p>– durch die verst&#228;rkte Einflussnahme auf die sozialistischen L&#228;nder &#252;ber den Ausbau der Wirtschafts- und der wissenschaftlich­-technischen Beziehungen und die Einbeziehung in internationale, vom Westen beherrschte Organisationen auf diesen Gebieten,</p>
<p>– durch ein differenziertes und der Lage in den einzelnen sozialistischen L&#228;ndern angepasstes Vorgehen,</p>
<p>– durch die Aktivierung innerer Feinde und oppositioneller Kr&#228;fte sowie</p>
<p>– durch die Sch&#252;rung antisozialistischer und nationalistischer Stimmungen.«</p>
<p>Eine solche Weltsicht, die alles &#220;bel nur von au&#223;en kommen sah, w&#228;hrend die eigene Politik offensichtlich ohne Makel war, hatte selbstverst&#228;ndlich Konsequenzen auch f&#252;r die T&#228;tigkeit der HVA, wenn sie hier auch etwas differenzierter formuliert wurde. Doch die unkritische &#220;bernahme fast aller sowjetischen Erfahrun­gen in der Geheimdienstarbeit durch Markus Wolf f&#252;hrte dazu, dass die DDR-Spionage von Anfang an mit dem Blei der Tschekisten belastet war und sich daraus einige ihre Strukturentscheidungen und konkreten Operationen erkl&#228;ren. Dabei darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass die Form der Auseinandersetzung, wie sie auch von den westlichen Geheimdiensten gef&#252;hrt wurde, nicht gerade dazu einlud, die Samthandschuhe &#252;berzustreifen. Ursache und Wirkung stehen hier – auf beiden Seiten – in einem engen Zusammenhang; dennoch wurden seitens der HVA Kampfmittel benutzt, die weder dem humanistischen Anspruch des Sozialismus gerecht wurden noch operativ sinnvoll waren.</p>
<p>F&#252;r die Mitarbeiter der HVA stellten sich derlei Gedanken in der Regel nicht. Die »tschekistische« Tradition war Bestandteil des Dienstes im Mini­sterium f&#252;r Staatssicherheit, ihre Rituale machten sie – wenn auch mitunter innerlich l&#228;chelnd oder auch abgesto&#223;en – mit; ansonsten aber war ein konkret umrissener Auftrag zu erf&#252;llen, dessen Hintergrund sich kaum einer der HVA-Angeh&#246;rigen in vollem Ma&#223;e vergegen­w&#228;rtigte. Dies war bei den meisten weniger Verdr&#228;ngung als einfach der Glaube, als Mitarbeiter einer offiziellen staatlichen Beh&#246;rde, eines Ministeriums, eine legitime Arbeit zu verrichten und mit den dabei verwandten Methoden – im Nachrichtendienst denen der westlichen Gegner nicht un&#228;hnlich – kein Unrecht zu tun. Der Sinn mancher Ma&#223;nahme erschloss sich auch nicht, doch da standen die »Tschekisten« in dieser Gesellschaft nicht allein. Der Begriff der Pflichterf&#252;llung ist keiner aus dem sozialistischen Vokabular – wenn auch einger&#228;umt werden muss, dass das milit&#228;rische Regime im MfS im Verein mit der Parteidisziplin (alle Stasi-Mitarbeiter waren Mitglieder der SED) eine besondere Kritiklosigkeit gegen­&#252;ber Weisungen der Vorgesetzten erzeugte. So wurden auch Unter­nehmungen durchaus mit Engagement geplant und ausgef&#252;hrt, die mit normaler nachrichtendienstlicher Arbeit nichts zu tun haben.</p>
<p>Hierzu geh&#246;rten ohne Zweifel die sogenannten aktiven Ma&#223;nah­men, Operationen der verdeckten politischen Einflussnahme auf Prozesse und Personen des jeweiligen Operationsgebietes mittels gezielter Lancierung von zutreffenden Fakten, aber auch von Desinformationen. Diese Art nachrichtendienstlicher T&#228;tigkeit nahm in der sowjetischen Geheimdienstarbeit seit l&#228;ngerem einen hohen Rang ein. Im Jahre 1959 wurde im KGB eine spezielle Abteilung daf&#252;r geschaffen. Der junge Spionagedienst der DDR kannte solche Methoden zun&#228;chst nicht, aber nach sowjetischem Vorbild begannen in den 60er Jahren auch hier einschl&#228;gige Experimente, ehe 1968 die Abteilung X entstand, die seither fast ausschlie&#223;lich f&#252;r die »aktiven Ma&#223;nahmen« verantwortlich zeichnete. Der Verfassungsschutzbericht 1983 nannte als Ziel »aktiver Ma&#223;nahmen« durchaus zutreffend, »auf die Innen- und Au&#223;enpolitik vornehmlich westlicher Staaten Einfluss zu nehmen, ihre Beziehungen untereinander wie zu den Staaten der dritten Welt zu unterminieren und ihre politischen Repr&#228;sentanten und Institutionen zu diskreditieren, um langfristig die eigenen politischen Absichten zu f&#246;rdern. Sie unterst&#252;tzen auf diese Weise die au&#223;enpolitischen Zielsetzungen der Warschauer-Pakt-Staaten mit nachrichtendienstlichen Mitteln.« Sp&#228;ter wurden solche Aktionen – wohl auch wegen ihrer nicht selten spektakul&#228;ren Begleiterscheinungen – oft &#252;bertrieben darge­stellt. Die zust&#228;ndige Abteilung verf&#252;gte &#252;ber nicht mehr als 80 Mitarbeiter, und insgesamt blieben ihre Ergebnisse begrenzt. Au&#223;erdem waren sie keineswegs eine Erfindung &#246;stlicher Geheim­dienste.</p>
<p>Die Methoden dazu sind – auf beiden Seiten – vielf&#228;ltig, gehen aber fast alle auf ein Grundmuster zur&#252;ck: Ausgehend von tats&#228;ch­lichen Begebenheiten, &#196;u&#223;erungen, Differenzen wird eine gef&#228;rbte Information produziert, die von der Wahrheit nur soviel abweicht, dass sie glaubw&#252;rdig bleibt, aber doch soviel L&#252;ge enth&#228;lt, dass sie das Denken und Handeln des Empf&#228;ngers im gew&#252;nschten Sinne ver&#228;ndert. Als Multiplikator solcher Falsifikate dienen in der Regel die Medien, denen das Material auf verschlungenen Wegen zuge­spielt wird und die es nicht selten gen&#252;sslich verbreiten.</p>
<p>Die Geschichte des Kalten Krieges ist reich an solcherart Operationen. Sie sind der Versuch, Interessen auch dort durchzu­setzen, wo das mit offenem Visier – zumeist wegen der Schw&#228;chen der eigenen politischen Position – nicht m&#246;glich ist. Der Verfas­sungsschutz griff zu diesen Methoden schon zu jenen Zeiten, als f&#252;r ihn die Bek&#228;mpfung jeglicher »kommunistischer Umtriebe« noch absolute Priorit&#228;t hatte. Der sp&#228;tere BfV-Chef Nollau beschrieb in seinen Memoiren, wie auch er Ende der 50er Jahre die Herausgabe einer Publikation mit dem Titel »Der Dritte Weg« initiierte, die den Eindruck erwecken sollte, von »Reformkommunisten« geschrieben zu sein. Nollau hoffte, das »obskure Bl&#228;ttchen«, wie er es selbst nannte, »werde in der illegalen KPD zersetzend wirken und uns die M&#246;glichkeit er&#246;ffnen, unter den Dissidenten, die wir kennenzuler­nen hofften, Informanten zu gewinnen«. Andere Dienste blieben mit ihren »verdeckten Operationen« – erinnert sei hier nur an die Rolle der CIA in der Schweinebucht-Aff&#228;re – nicht bei der politischen Einflussnahme stehen.</p>
<p>Dass die »aktiven Ma&#223;nahmen« seitens der sozialistischen L&#228;nder sp&#228;ter das Niveau einer ausgesprochenen Konjunktur erreichten, verr&#228;t auch etwas dar&#252;ber, wie wenig es ihnen m&#246;glich war, ihre Zielvorstellungen in der unmittelbaren politischen Aus­einandersetzung zu realisieren; sie sahen sich immer wieder veranlasst, zu t&#252;ckischen Methoden zu greifen. In der UdSSR waren die Desinformationen ein inh&#228;rentes Mittel des au&#223;enpolitischen Wirkens der Kommunistischen Partei. Diese glaubte offenbar, dass die Lancierung get&#252;rkter Meldungen in die westliche Presse das kapitalistische System ersch&#252;ttern k&#246;nne und forcierte deshalb derartige Aktivit&#228;ten, wo immer es ihr in den Kram passte. Die zust&#228;ndige KGB-Diensteinheit hatte – wie Ende 1991 in Moskau offiziell mitgeteilt wurde – Amtsr&#228;ume im Geb&#228;ude des Zentralkomitees; hier arbeitete sie der »Internationalen Abteilung« direkt zu. Der zeitweilige UdSSR-Au&#223;enminister Boris Pankin bezifferte die Zahl der KGB-Mitarbeiter im Au&#223;enamt auf etwa 50 Prozent. Sie h&#228;tten s&#228;mtliche Botschaften kontrolliert und die Mehrzahl der Botschafter in der Hand gehabt. Einer dieser Pseudo-­Diplomaten soll nach Darstellung des britischen Autors John Barron erkl&#228;rt haben: »Wir werden die &#246;ffentliche Meinung im Westen mit allen offenen und verdeckten Mitteln nach unserem Belieben manipulieren &#8230; Wir haben die Mittel, um im Westen Dutzende von neuen Organisationen zu gr&#252;nden und bestehende Tarnorganisationen zu st&#228;rken.« So weit ging die Verquickung der Abteilung X der HVA mit dem Parteiapparat der SED nicht, aber dass es Abstimmungen gab, wo ihre »aktiven Ma&#223;nahmen« die Parteipolitik unterst&#252;tzen konnten und wo sie zu unterbleiben hatten, um nicht kontraproduktiv zu wirken, ist sicher.</p>
<p>Wenn die Desinformationst&#228;tigkeit der HVA nie den Stellen­wert erreichte, der ihr im KGB zugewiesen wurde, so hing das vor allem mit der begrenzten Wirkung zusammen, die solche Ma&#223;nah­men in der Bundesrepublik und in Drittl&#228;ndern hatten. In einer pluralistischen Gesellschaft, die den Medien einen betr&#228;chtlichen Spielraum l&#228;sst, wirken Enth&#252;llungen weit weniger als in geschlos­senen Systemen mit ihrem Geheimhaltungstrieb. Daher war die DDR seitens der Westmedien erheblich manipulierbarer als umge­kehrt. F&#252;r das Fernsehen der Bundesrepublik gen&#252;gten beinahe die t&#228;glichen Werbesendungen, um beim DDR-B&#252;rger einen nachhaltigen Eindruck von der &#220;berlegenheit dieses reichen Landes zu hinterlassen. Machte es sich dar&#252;ber hinaus zum Anwalt derjenigen, die in der DDR keine Stimme hatten, der B&#252;rgerrechtler und kritischen Kirchenleute, dann wirkte das schon aufgrund des Fehlens entsprechender Informationen in den DDR-Medien. Der krampfhafte Nachweis politischer Unredlichkeit westlicher Politi­ker in den Desinformationsprodukten der HVA dagegen lief oft ins Leere, da er im Grunde keine Neuigkeit darstellte.</p>
<p>Entsprechend lustlos war die Unterst&#252;tzung »aktiver Ma&#223;nah­men« durch die beschaffenden Diensteinheiten der HVA. Schon die Bereitstellung f&#252;r F&#228;lschungen nutzbarer Informationen, mehr noch der Einsatz geeigneter Quellen stie&#223;en auf gro&#223;e Zur&#252;ckhal­tung – konnte doch beides die BRD-Abwehrorgane auf bestimmte Spuren f&#252;hren und damit die operativen Positionen gef&#228;hrden.</p>
<p>So geh&#246;rte es zu den Aufgaben der Abteilung X, den westeuro­p&#228;ischen Integrationsprozess zu st&#246;ren. Daf&#252;r boten sich zahlreiche Ansatzpunkte – sind doch die Differenzen zwischen den EG-Staaten aus den verschiedensten Gr&#252;nden bis heute nicht gering; man denke nur an die Beargw&#246;hnung der gro&#223;en Mitgliedsstaaten durch die kleinen. Aber wenn auch geeignetes Material vorlag, waren die zust&#228;ndigen Abteilungen nicht bereit, es gewisserma&#223;en f&#252;r eine »Medien-Eintagsfliege« zu verpulvern und Quellen in Gefahr zu bringen. Au&#223;erdem krankten die »aktiven Ma&#223;nahmen« der HVA auch daran, dass sie meist im Nachtrab stattfanden. Wenn etwas geschehen war, wurde reagiert – und ehe das nach Erhalt aller Genehmigungen und bei Ber&#252;cksichtigung aller operativen Prozesse dann tats&#228;chlich sichtbar wurde, war das Thema oft vom Tisch.</p>
<p>Die westlichen Geheimdienste arbeiteten auf diesem Gebiet wesentlich effizienter. Erinnert sei nur an die gro&#223;e Meisterschaft, die vor allem der CIA entwickelte, um immer wieder die milit&#228;ri­sche &#220;berlegenheit der Sowjetunion nachzuweisen. Wer die tat­s&#228;chlichen Zahlen des sowjetischen Milit&#228;rpotentials kannte – und die Geheimdienstler geh&#246;rten dazu –, sah nicht ohne Faszination, wie die Bedrohungsgefahr immer aufs Neue beschworen wurde. Ob Studien des Pentagon, vor allem in der Regierungszeit Reagans, ob die Analysen der NATO oder die einschl&#228;gigen Papiere der Bundesregierung – sie alle gingen davon aus, dass der Warschauer Pakt auf allen Gebieten milit&#228;risch &#252;berlegen sei und dies nur durch eigene R&#252;stung kompensiert werden k&#246;nne. Diese Manipulationen, die westliche Desinformations-Spielart, auf geeignete Weise zu konterkarieren, war auch eine Aufgabe »aktiver Ma&#223;nahmen«. Und nicht wenige renommierte Milit&#228;rexperten nutzten in ihren Interviews und Zeitungsartikeln – bewusst oder unbewusst – Fakten und Argumente, die ihnen von Aufkl&#228;rern sozialistischer L&#228;nder zuge­spielt worden waren. Hier bedurfte es nicht der Verf&#228;lschung des Materials, sondern im Gegenteil seiner wahrheitsgetreuen Darstel­lung – galt es doch, L&#252;gen zu entkr&#228;ften. Auch die HVA arbeitete in dieser Weise und legte Tatsachen offen, die die andere Seite gern verschwiegen h&#228;tte, um die Durchsetzung ihrer politischen Strate­gie nicht zu gef&#228;hrden. Erinnert sei an die Verbreitung belastender Dokumente &#252;ber die Verstrickung f&#252;hrender Pers&#246;nlichkeiten der Bundesrepublik w&#228;hrend der NS-Zeit, so des einstigen Bundespr&#228;­sidenten L&#252;bke oder des baden-w&#252;rttembergischen Ministerpr&#228;si­denten Filbinger. Genannt werden muss auch die Aufhellung manchen Skandals durch die bundesdeutsche Presse, die sich dazu nicht selten einschl&#228;giger Materialien aus Ost-Berlin bedienten, ohne freilich in der Regel deren Herkunft genauer zu kennen.</p>
<p>Vor allem Mitte der 80er Jahre traten »aktive Ma&#223;nahmen« hinzu, die der Unterst&#252;tzung des Entspannungs- und Abr&#252;stungs­prozesses dienen sollten. Sie doublierten sich zwar nicht selten mit offiziellen Publikationen, konnten sie aber aus nachrichtendienstli­chen Quellen mitunter auch erg&#228;nzen. So wurde damals bekannt, dass der ehemalige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Alfred Dregger, starke Vorbehalte gegen die Reihenfolge bei den INF-Verhandlungen hatte, in denen es um die Reduzierung von Atomwaffen in Europa ging. Er forderte, mit den Kurzstreckenwaf­fen auf beiden Seiten zu beginnen, da diese einzig dazu dienen konnten, deutsches Territorium zu bedrohen und gegebenenfalls zu vernichten. Die Publizierung seiner internen – und im Widerspruch zur amerikanischen Politik stehenden – &#220;berlegungen konnte reale Abr&#252;stungsbem&#252;hungen durchaus unterst&#252;tzen. In solchem Vorge­hen – und nur hier – ist ein Sinn »aktiver Ma&#223;nahmen« zu erkennen, aber letztlich braucht man dazu keine Geheimdienste.</p>
<p>Als besonders spektakul&#228;rer Fall »aktiver Arbeit«, die bereits bis zu direkter Einflussnahme ging, wird immer wieder der »Kauf« der Stimme des CDU-Abgeordneten Julius Steiner beim »konstruktiven Misstrauensvotum« gegen Willy Brandt am 27. April 1972 genannt. Diese allerdings von der Abteilung II (Parteienbeob­achtung) der HVA verantwortete Operation zielte darauf, einen Regierungswechsel von Brandt auf Barzel im Zusammenhang mit den Ostvertr&#228;gen zu verhindern, da die sozial-liberale Koalition besser ins Konzept der DDR und wohl auch der Sowjetunion passte. Nachdem einige FDP-Abgeordnete zur Union &#252;bergelaufen waren, schien die ohnehin knappe Mehrheit der Brandt/Scheel-Regierung nicht mehr gesichert, und Barzel ging zum Angriff &#252;ber. Bei der Abstimmung jedoch fehlten ihm zwei Stimmen – jene Steiners, wie dieser sp&#228;ter selbst zugab, ohne freilich auch einzugestehen, dass er daf&#252;r 50.000 D-Mark von der HVA erhalten hatte, und eine weitere, angeblich von Mende, der urspr&#252;nglich zu den abtr&#252;nnigen Frei­demokraten z&#228;hlte, von der HVA-Abteilung X jedoch »umgedreht« worden sein soll. Man kann vielleicht auch dieser Aktion aus heutiger Sicht etwas abgewinnen – verhalf sie doch dazu, eine gerade eingeleitete, auf internationalen Ausgleich bedachte Politik von R&#252;ckschl&#228;gen freizuhalten. Wenn man aber wei&#223;, dass der 1972 gerettete Brandt ein Jahr sp&#228;ter durch diesen »Retter« und seinen Spion Guillaume zur Strecke gebracht wurde, und wenn man vor allem ber&#252;cksichtigt, dass sich in den 70er Jahren die Entspan­nungspolitik ganz objektiv immer st&#228;rker durchsetzte, dann relati­vieren sich solche vermeintlichen Erfolge voluntaristischen Vor­gehens.</p>
<p>Noch deutlicher wird dies bei jenem »Kampf gegen Windm&#252;h­lenfl&#252;gel«, den die HVA letztlich im Auftrag der MfS-Bereiche leistete, die gegen die »innere Opposition« vorzugehen hatten. Solche Organisationen wie die »Internationale Gesellschaft f&#252;r Menschenrechte« (IGfM) in Frankfurt/Main oder die »Hilferufe von dr&#252;ben« oder auch der ZDF-Journalist L&#246;wenthal unterst&#252;tzten nat&#252;rlich durch ihre Arbeit Menschen in der DDR, die sich gegen das Regime wandten oder einfach nur ausreisen wollten. Das machte sie zum verhassten Feind – so sehr, dass Markus Wolf noch 1992 in einem Gespr&#228;ch eingestand, beim Namen L&#246;wenthal nicht ruhig bleiben zu k&#246;nnen. Da die eigentliche Arbeit dieser Gruppen und Personen in der Bundesrepublik mehr Zustimmung denn Kritik fand, wurde gerade sie nicht angegriffen. Statt dessen setzte man Verleumdungen und Diffamierungen ganz anderen Inhalts in die Welt, die teilweise zwar ihre Wirkung taten, letztlich aber am Ausreisedrang von DDR-B&#252;rgern nicht das Geringste &#228;nderten. Der Trugschluss, die inneren Probleme im &#246;stlichen Staat w&#252;rden von au&#223;en verursacht, lenkte den Kr&#228;fteeinsatz in eine v&#246;llig falsche Richtung und lie&#223; »aktive Ma&#223;nahmen« solcher Art v&#246;llig vorpuffen.</p>
<p>Wo Spionage betrieben wird, provoziert das zwangsl&#228;ufig auf der anderen Seite eine Spionageabwehr. Diese geh&#246;rt normalerweise zur »inneren Abwehr«, soll sie doch verhindern, dass Geheiminfor­mationen aus dem eigenen Land abflie&#223;en. Die Nachrichtendienste entwickelten aber dar&#252;ber hinaus Struktureinheiten, mit denen sie verhindern wollen, dass die gegnerische Abwehr allzu erfolgreich in dem Bem&#252;hen ist, die Aktivit&#228;ten des eigenen Dienstes zu unter­binden.</p>
<p>In der Sowjetunion geh&#246;rten solche Bereiche der »&#228;u&#223;eren Abwehr« stets zur Auslandsspionage; ihre Aufgabe bestand darin, in die Aufkl&#228;rung der anderen Seite einzudringen – weniger um zu erfahren, was diese bei uns in Bereichen der Politik oder der Wirtschaft ausspioniert, als zu wissen, inwieweit sie Kenntnis von den eigenen Kundschafteraktivit&#228;ten hat. So einleuchtend ein solches Vorgehen f&#252;r die Betroffenen – nicht zuletzt im Interesse ihrer Sicherheit – erscheinen mag, letztlich verschwimmen hier die Grenzen zwischen dem urspr&#252;nglichen Sinn der Aufkl&#228;rung und dem »Spiel der Geheimdienste«, das dann leicht zum Selbstzweck wird.</p>
<p>In der HVA existierte bis in die 70er Jahre hinein keine spezielle Abteilung, die sich mit solchen »Konter-Aktionen« befasste. Ver­schiedene Diensteinheiten verfolgten – ausgehend von ihrer eigent­lichen Aufgabenstellung – die Abwehrma&#223;nahmen des Gegners auf ihre Operationen. Die wurden nat&#252;rlich perfektioniert in dem Ma&#223;e, wie der Umfang der DDR-Spionage zunahm. 1973 wurde schlie&#223;lich die Abteilung IX der HVA gebildet, die die T&#228;tigkeit der Hauptabteilung II des MfS, die f&#252;r die Spionageabwehr im Innern zust&#228;ndig war, erg&#228;nzen sollte. Drei selbst&#228;ndige Bereiche entstan­den. Im ersten wurden die Geheimdienste der Bundesrepublik und anderer westlicher Staaten bearbeitet. Zum einen hie&#223; es, in deren Auslandsaufkl&#228;rung einzudringen, um Agenturen in der DDR zu enttarnen und ihr Wissen &#252;ber unser Land und seine B&#252;ndnispart­ner zu erkunden. Zum anderen galt es, die Spionageabwehr dieser Dienste aufzukl&#228;ren, was im Interesse der eigenen Sicherheit vor allem die Beschaffung sehr umfassender Kenntnisse – von ihrer Fahndungsarbeit bis zum Doppelagenten – einschloss. In einem zweiten Bereich stand die Aufgabe, Angriffe auf die legalen Geheimdienst-Residenturen in den Botschaften der DDR im Aus­land abzuwehren. Immerhin kam es j&#228;hrlich zu 40 bis 50 Kontaktanbahnungen mit nachrichtendienstlichem Hintergrund; jede dritte bis vierte dieser Ansprachen entwickelte sich bis zu einem Werbe­versuch. Auch die Geb&#228;ude der DDR-Botschaften und -Handels­vertretungen mussten in gewissen Abst&#228;nden von dort inzwischen angebrachten modernen »Wanzen« ges&#228;ubert werden. Der dritte Bereich war schlie&#223;lich f&#252;r die gedeckte Auswertung aller einge­henden Materialien zust&#228;ndig.</p>
<p>Aufgestockt durch Mitarbeiter aus zahlreichen HVA-Abteilungen und unterst&#252;tzt von Personal der Hauptabteilung II entwickelte sich die Abteilung IX schnell zu einer S&#228;ule innerhalb der HVA. Mit 300 Mitarbeitern, unter der direkten Anleitung von Markus Wolf und zuletzt mit dem einzigen General unter den Abteilungs­leitern, spielte sie bald eine beherrschende Rolle. Der Geheim­dienst besch&#228;ftigte sich mit sich selbst.</p>
<p>Innerhalb des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit begann alsbald ein z&#228;hes Gerangel um die Kompetenz f&#252;r die Bearbeitung der westlichen Geheimdienste. Die bislang daf&#252;r zust&#228;ndige Haupt­abteilung II reagierte auf jeden Eingriff in ihre Rechte allergisch und wehrte sich gegen die Abgabe von Quellenvorg&#228;ngen und Materialien, lie&#223; sich in die Bearbeitung von Objekten in der Bundesrepublik oder in die Erfassung von Personen nicht hinein­reden. Die HVA hatte jedoch durch ihre Positionen im Operations­gebiet meist die besseren Karten und konnte sich allm&#228;hlich durchsetzen. Diese internen Auseinandersetzungen ergaben sich auch aus dem Streben nach Macht und Ansehen, das mit der Betreuung besonders informationstr&#228;chtiger Quellen verbunden war. Es zeigte aber, dass es hier weniger um eine effektive Arbeit an einem gemeinsamen Ziel ging als vielmehr um Einfluss auf das »Spiel der Geheimdienste«.</p>
<p>Der letzte Leiter der Abteilung IX, Generalmajor Harry Sch&#252;tt, war ein Meister auf diesem Gebiet. Er, der zuvor die f&#252;r Milit&#228;r­spionage zust&#228;ndige Abteilung IV gef&#252;hrt hatte, nahm bei seinem Wechsel die dort betreute Quelle »Peter«, hinter der sich die Br&#252;der Spuhler verbargen, wegen ihres hohen Ranges und der durch sie winkenden Meriten mit in seine neue Abteilung. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ihm dies 1991 die zweifelhafte Ehre bescherte, im ersten »Pilotprozess« gegen bundesdeutsche Spione und ihre F&#252;hrungsoffiziere aus der DDR selbst vor Gericht zu stehen und verurteilt zu werden.</p>
<p>Der hohe Krafteinsatz der Abteilung IX bewirkte un&#252;bersehbare operative Erfolge. Einige Beispiele hochrangiger Quellen in bun­desdeutschen Geheimdiensten wurden schon genannt. Zu ihnen geh&#246;rte auch der Vorgang »Bingen«, mit dessen Hilfe es Anfang der 80er Jahre gelang, das gesamte Referat »Emigration« der Abteilung I des BND aufzukl&#228;ren. Vom Referatsleiter Dr. Keil bis zum letzten Mitarbeiter lagen die Strukturen und zum gro&#223;en Teil auch die Personalunterlagen vor. Die T&#228;tigkeit dieses Referates, das sich damals naturgem&#228;&#223; um die Entwicklung in Polen k&#252;mmer­te, wurde paralysiert. Die Abteilung IX erfuhr auch einiges durch die von einer anderen Diensteinheit geworbene Sekret&#228;rin des au&#223;enpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Werner Marx. Inge Goliath hatte neben politischen Informationen Materialien beschafft, die der HVA zu ihrer eigenen &#220;berraschung tiefen Einblick in Strukturen, Arbeitsweisen, Informationsstand und politische Verbindungen des BND gew&#228;hrten. Mit der Quelle »Ronny« gelang schlie&#223;lich ein tiefer Einbruch in den amerikani­schen Geheimdienst CIA.</p>
<p>Soweit die Arbeit der Spionageabwehr der HVA dazu diente, entsprechenden Aktionen ihrer westlichen »Kollegen« die Spitze zu nehmen, geh&#246;rte sie zum normalen Gesch&#228;ft, wie es jeder Geheimdienst betreibt, und konnte sich im Einzelfall sogar positiv auf internationale Prozesse auswirken. Das Beispiel der Quelle »Bingen« zeigte jedoch zugleich, dass auch in diesem Fall die DDR-Aufkl&#228;rung dem Irrtum aufsa&#223;, die Ver&#228;nderungsprozesse in Polen seien vor allem eine Sache westlicher Geheimdienste und k&#246;nnten durch die Ausschaltung von deren Agenturen aufgehalten werden. Objektive Tendenzen wurden verkannt; mit dem untauglichen Mittel der Bek&#228;mpfung wurde versucht, ihrer Herr zu werden, anstatt die wahren Ursachen zu analysieren und darauf zu dringen, dass die Politik die entsprechenden Schlussfolgerungen zieht.</p>
<p>Im Grundprinzip des Misstrauens, das die Gesellschaften des realen Sozialismus beherrschte, liegt auch die Ursache f&#252;r Zwei­gleisigkeit und Dopplungen in der nachrichtendienstlichen T&#228;tig­keit. Wie schon die Spionageabwehr im MfS auf zwei – dann logischerweise miteinander rivalisierende – Dienstbereiche aufge­teilt war, so gab es auch zwei Stellen, an denen Milit&#228;raufkl&#228;rung betrieben wurde. Neben der Abteilung IV der HVA f&#252;hlte sich daf&#252;r auch die Aufkl&#228;rung der Nationalen Volksarmee (NVA) zust&#228;ndig. Diese Praxis ist ebenfalls sowjetischer &#220;bung entlehnt. Die m&#228;chtige Sowjetarmee musste nat&#252;rlich &#252;ber einen eigenen Aufkl&#228;rungs­dienst – im Kriege sogar mit voller Berechtigung – verf&#252;gen; also wurde er der NVA auch f&#252;r Friedenszeiten verordnet. Die Ziel­objekte waren die n&#228;mlichen wie bei der HVA, und trotz Bem&#252;hens um Abgrenzung beschafften beide Dienste – lange sogar ohne Abstimmung und gegenseitige Unterst&#252;tzung – oft das Gleiche. Das galt f&#252;r die Notstandspl&#228;ne in der Bundesrepublik mit allen Details, das galt f&#252;r Einsch&#228;tzungen des Bereitschaftsstandes der assoziier­ten Streitkr&#228;fte der NATO, das galt f&#252;r die Auflistung von Defiziten in der Ausbildung oder Ausr&#252;stung der Bundeswehr, das galt f&#252;r Man&#246;verplanungen und &#220;bungsberichte. Auch die Metho­den &#228;hnelten sich nat&#252;rlich, und nicht selten arbeiteten die Dienste gegeneinander statt sich zu unterst&#252;tzen.</p>
<p>Die HVA hatte an einer solchen Orientierung auf Doppelarbeit ihren unleugbaren Anteil. Denn nat&#252;rlich wollten Mielke und seine Statthalter in der Aufkl&#228;rung den »Wettlauf« mit der NVA-Spionage gewinnen. Bereits 1968 war der Befehl 40/68 erlassen worden, mit dem es galt, jeglichen milit&#228;rischen &#220;berraschungs­angriff auf die DDR und ihre Verb&#252;ndeten auszuschlie&#223;en. Ende der 80er Jahre wurde dieser Befehl – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der bedrohlichen Erkenntnisse &#252;ber die amerikani­schen Pl&#228;ne eines »Enthauptungsschlages« – aktualisiert, obwohl sich damals schon un&#252;bersehbar Anzeichen der Entspannung zeigten. Ein gigantisches Lagezentrum sollte weltweit alle Hinweise auf m&#246;glicherweise bevorstehende milit&#228;rische Operationen erfas­sen. Unter Einsatz ungeheurer Mittel baute man f&#252;r die MfS-F&#252;hrungsst&#228;be Bunker und veranstaltete immer lebensfremdere »Verlagerungs&#252;bungen«. Im Atomkrieg sollten wenigstens die Milit&#228;rs und die Geheimdienste &#252;berleben.</p>
<p>Der Hintergrund solchen Dualismus war neben den Prinzipien, dass Kontrolle besser als Vertrauen sei und doppeltes N&#228;hen l&#228;ngere Haltbarkeit verspreche, auch hier das Streben der Spitzen von Armee und Geheimdienst nach Macht und Einfluss. Keiner wollte dem anderen nachstehen, wenn es darum ging, mit Aufkl&#228;rungser­gebnissen auf einem Felde zu gl&#228;nzen, das in der Politik h&#246;chste Priorit&#228;t besa&#223;. Erfordernisse der Sparsamkeit und Effizienz hatten dahinter zur&#252;ckzustehen. Markus Wolf hatte zwar schon in den 70er Jahren mitunter dar&#252;ber philosophiert, ob es nicht sinnvoll sei, die Spionage auf einige wenige Spitzenquellen zu reduzieren und von dem Anspruch gewisserma&#223;en fl&#228;chendeckender Aufkl&#228;rung im Ausland wegzukommen. Doch diese Gedanken fanden keinerlei Echo, standen sie doch im Widerspruch zur gesamtgesellschaftlich betriebenen,offensichtlich systemimmanenten Gigantomanie, die schlie&#223;lich von der Sowjetunion gelernt worden war und nicht zuletzt auch von deren KGB-Aufkl&#228;rung betrieben wurde.</p>
<p>Dieses Denken in Machtkategorien und die damit verbundene Gro&#223;mannssucht setzten sich innerhalb des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit – wie beschrieben – fort. Besonders zwischen den Diensteinheiten der Aufkl&#228;rung und der Abwehr bestanden st&#228;ndig latente Spannungen, was nat&#252;rlich nicht daran hinderte, bei Erfor­dernis eng zusammenzuarbeiten und gemeinsam Ergebnisse zu erreichen. Die Abwehr sah – von ihrer origin&#228;ren Aufgabe her und geschult an der stalinistisch gepr&#228;gten Sicherheitsdoktrin – &#252;berall Feinde. Alles, was von der Norm abwich, weckte ihr Mi&#223;trauen und geriet alsbald unter »operative Kontrolle«. Sie folgte auch hierin sowjetischen Vorgaben, denn der KGB hatte sein Feindbild-Denken &#252;ber Jahre hin zementiert und zur obersten Maxime jeder Abwehrarbeit gemacht.</p>
<p>Mit diesem Warnsystem im Hinterkopf beurteilte die Abwehr auch die Arbeitsweise der HVA; sie war ihr schon der Westber&#252;h­rung der Aufkl&#228;rer wegen suspekt, und die nachrichtendienstlichen Mittel erschienen ihr undurchschaubar und daher verd&#228;chtig. Zwar nahm sie Aufkl&#228;rungsergebnisse, die ihr in der Arbeit halfen, gern entgegen, aber deren Zustandekommen wurde immer wieder beargw&#246;hnt. Und sie stellte ihre Forderungen, denen die HVA allzu oft entsprach. Obwohl viele HVA-Mitarbeiter der Meinung waren, dass Fragestellungen der Abwehr nach innen in den Aufgaben f&#252;r Aufkl&#228;rer au&#223;erhalb der Grenzen nichts zu suchen haben, gab es immer wieder faule Kompromisse. Mielke als Mann der Abwehr stand nat&#252;rlich auf deren Seite, was die Situation der Aufkl&#228;rung nicht verbesserte. Und Wolf hatte nicht das R&#252;ckgrat, sich gegen seinen Vorgesetzten durchzusetzen; er konnte nur da und dort vorsichtig bremsen.</p>
<p>Die Abwehr war besonders an Personen interessiert, die zu den sogenannten oppositionellen Kr&#228;ften geh&#246;rten oder zumindest Zugang zu ihnen hatten. Diese versuchte sie anzuwerben, um so Informationen aus diesen Gruppen zu erhalten bzw. sie sogar gezielt zu beeinflussen. Menschen, die die Aufkl&#228;rer interes­sierten, waren von anderem Zuschnitt. Sie suchten zuverl&#228;ssige Staatsb&#252;rger, die in der Bundesrepublik agieren konnten. Dennoch fragte die HVA oft in Abwehr-Diensteinheiten nach geeigneten Werbekandidaten, da dort ein besserer &#220;berblick &#252;ber die Situation in bestimmten Bereichen bestand. Als Gegenleistung mussten die IM der HVA dann Berichte &#252;ber die innere Situation ihres Betriebes, ihrer Verwaltung, ihrer Schule oder aus sonst zug&#228;ngli­chen Bereichen liefern. Waren diese Informationen aussagekr&#228;ftig, konnte der Abwehr-Offizier Geschmack an der Sache finden und seine Forderungen erh&#246;hen, was bei der HVA schon des Zeitauf­wandes wegen wenig Freude ausl&#246;ste. Und dennoch wurde solchen W&#252;nschen stattgegeben, arbeiteten HVA-Aufkl&#228;rer nicht selten auch nach innen.</p>
<p>Dies erfolgte vor allem dann, wenn der inoffizielle HVA-Mitarbeiter aus einem Bereich kam, an dem Abwehr-Diensteinhei­ten ebenfalls gro&#223;es Interesse hatten. Das galt f&#252;r das Bildungs­wesen, vor allem Universit&#228;ten und Hochschulen, und besonders f&#252;r Reisekader jeglicher Couleur. An den Bildungseinrichtungen entbrannte ein regelrechter Kampf um die Kader, und es d&#252;rfte nicht sehr viele Studenten gegeben haben, die von der Staatssicher­heit nicht auf Mitarbeit angesprochen wurden. Was andererseits die Reisekader angeht, so versah die Abwehr sie – &#252;ber ihre offiziellen Kan&#228;le – mit derartigen Richtlinien, die eine Arbeit f&#252;r die Aufkl&#228;rung unm&#246;glich machten. So war es ihnen verboten, au&#223;er den dienstlich zugelassenen irgendwelche anderen Kontakte anzu­kn&#252;pfen. Sie durften private Einladungen weder annehmen noch aussprechen. Reisten sie in Gruppen, so &#252;berwachte einer den anderen. Und die meisten hielten sich auch daran, um sich weitere Reisen nicht zu verscherzen. Die HVA brauchte jedoch Leute, die genau das taten, was ihnen die Abwehr untersagte, um Kontakte ankn&#252;pfen zu k&#246;nnen. Wurde das dann in der Abwehr-Diensteinheit bekannt, half meist nur die totale Bereitschaft zur Kooperation auch mit ihr, wenn eine Weiterarbeit als Aufkl&#228;rer erreicht werden sollte.</p>
<p>Das Mi&#223;trauen seitens der Abwehr wurde erg&#228;nzt durch die Einbindung der Aufkl&#228;rer in die Parteidisziplin. Wie dargestellt, musste jeder MfS-Angeh&#246;rige SED-Mitglied sein. Viele wurden &#252;berhaupt nur geworben, wenn diese Voraussetzung erf&#252;llt war, und von ganz jungen Mitarbeitern, zumeist Sekret&#228;rinnen oder aus technischen Bereichen, wurde verlangt, dass sie unmittelbar nach ihrer Dienstaufnahme auch in die Partei eintraten. Sogar Kund­schafter aus dem konspirativen Netz wurden formal in die Partei aufgenommen, mussten Parteibeitrag leisten und wurden in diesem Zusammenhang in v&#246;llig &#252;berfl&#252;ssiger Weise registriert – ein Versto&#223; gegen die Konspiration, den jedoch aufgrund der angeblichen Unfehlbarkeit von Parteibeschl&#252;ssen niemand in Frage stellte.</p>
<p>Auch die Rolle der Partei war f&#252;r HVA-Angeh&#246;rige eine Selbstverst&#228;ndlich­keit, an der sich niemand Zweifel erlaubte. Und die obligatorische Mitgliedschaft aller in der SED war zugleich Voraussetzung der st&#228;ndigen Einflussnahme der Partei. Jeder Zweifel an ihrer Lehre galt als Sakrileg. Ohne Partei ging nichts, mit der Partei alles.</p>
<p>Und dennoch hatte der Parteisekret&#228;r – gleich auf welcher Ebene – kaum Einfluss auf operative Prozesse. Seine Aufgabe war die »ideologische St&#228;hlung der Kader«. Er sollte zwar an allen wesentlichen Beratungen der dienstlichen Leitungen teilnehmen, doch wurden dort dann aus Gr&#252;nden der Konspiration operative Fragen kaum behandelt. Vielmehr war dem Parteisekret&#228;r aufgetra­gen, die allgemeinen Aufgabenstellungen des jeweiligen Bereichs ideologisch zu begr&#252;nden und erzieherisch durchzusetzen. Er musste dar&#252;ber wachen, dass niemand aus der Reihe tanzte – und wenn das doch geschah, entsprechend eingreifen. Gegen&#252;ber dem Leiter &#252;bte er ein gewisses Ma&#223; an Kontrolle aus und entwickelte sich – zumal wenn er gute operative Arbeit leistete – hier und da zu dessen Rivalen. Vielen Parteisekret&#228;ren war das jedoch nicht verg&#246;nnt, da sie sich in ihrer undankbaren Funktion verschlissen. Sie mussten n&#228;mlich die &#252;berraschenden Richtungs&#228;nderungen der SED ebenso begr&#252;nden wie ihre Abstinenz von jeglichem Reform­denken. Auf viele Fragen des t&#228;glichen Lebens wussten sie keine Antwort, st&#228;ndig wurde aber verlangt, diese auch ohne »Hilfe von oben« zu finden. Und wenn sie in ihrer Not dann nach dem gesunden Menschenverstand argumentierten, lagen sie oft »schief« und wurden kritisiert. Denn die SED-Oberen vertraten einen Unfehlbarkeitsanspruch, dem sich jeder zu unterwerfen hatte. Auch die Arbeitsergebnisse der HVA wurden daran gemessen und stie&#223;en nicht selten auf Zur&#252;ckhaltung, wenn sie anderes aussagten, als die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« w&#252;nschte. Honecker betrachtete – wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf – die Aufkl&#228;­rungsresultate als etwas der Westpresse Vergleichbares. Er sagte in einem Interview ein halbes Jahr nach seinem Sturz: »Die Berichte vom MfS, soweit sie nicht unter Geheimhaltung standen und auch nicht nur mir zug&#228;nglich waren, vor allem wenn es die westliche Seite betraf, erschienen mir immer wie eine Zusammenfassung der Ver&#246;ffentlichungen der westlichen Presse &#252;ber die DDR. Das sage ich hier in aller Offenheit. Ich selber habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.« Und auch Honeckers langj&#228;hriger »Kronprinz« und kurzzeitiger Nach­folger Egon Krenz best&#228;tigte als Zeuge in einem Prozess, dass das Politb&#252;ro den Informationen der HVA meist nur wenig Bedeutung beigemessen habe.</p>
<p>Auf dieser Ebene der Parteispitze hat es eine Kontrolle des MfS im eigentlichen Sinne nicht gegeben. Die nahm Erich Mielke in seiner Doppelfunktion als Minister und Politb&#252;romitglied selbst wahr; allenfalls lie&#223; er sich von Honecker etwas sagen. Das Verh&#228;ltnis zu Krenz, der altersm&#228;&#223;ig sein Sohn sein konnte, war k&#252;hl, aber korrekt; immerhin bestand eine gewisse Zeit die M&#246;g­lichkeit, dass der fr&#252;here FDJ-Vorsitzende Honecker abl&#246;sen k&#246;nnte. Ohne jeden Einfluss war die Sicherheitsabteilung des Zentralkomi­tees. Sie schickte zwar zu allen wichtigen Beratungen im MfS einen Vertreter, aber dieser vertrat nie eine eigene Meinung. In der Regel ersch&#246;pfte sich sein Beitrag in einer Lobeshymne auf das MfS und seinen Minister. Als in den 80er Jahren der Krenz-Vertraute Wolfgang Herger Leiter der Sicherheitsabteilung wurde und bei Mielke seinen Antrittsbesuch machte, wies ihn dieser sofort in die Schranken: »Zu mir brauchst du nicht zu kommen. Die operative Arbeit im Ministerium entscheide ich! K&#252;mmere du dich um die Parteiarbeit!« In diesem Sinne war auch der Chef der SED-Parteiorganisation im MfS, Horst Felber, nur ein Erf&#252;llungsgehilfe Mielkescher Politik, ohne eigene Gestaltungskraft. Zwar mit dem Rang eines Generalmajors versehen, oblag ihm die »marxistisch­leninistische Erziehung der Tschekisten«. Er selbst beschreibt das so: »Mielkes Prinzip war, dass im MfS die Parteiorganisation die Mitarbeiter zu erziehen und sich nicht im geringsten um operative Belange zu k&#252;mmern hat.« Allerdings kann Felber nicht verhehlen, dass er diese Aufgabe bis zuletzt diszipliniert erf&#252;llte – so diszipli­niert wie fast alle Parteifunktion&#228;re des Ministeriums und auch der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Denn f&#252;r die meisten von ihnen waren diese Machtspiele an der Spitze des MfS ohne Belang; sie fragten auch zumeist nicht, wie ihre Informationen beurteilt wurden. Sie machten ihre Arbeit, nahmen deren Ideologisierung und die »tschekistischen« Dogmen in Kauf und versuchten dennoch, den erforderlichen Freiraum f&#252;r den Umgang mit den Kundschaftern zu erhalten. Das f&#252;hrte zwangsl&#228;ufig zu einer Bewusstseinsspaltung, die aber als gegeben hingenommen wurde. Wer nicht scheitern wollte, sah weg bei den Dingen, die ihn nach seiner Auffassung nichts angingen, und erf&#252;llte die rituellen Forderungen, die in Parteiversammlungen und anderen politischen Veranstaltungen verlangt wurden. Ansonsten aber gestalteten die meisten ihren Dienst nach den eigenen Vorstellungen, entschieden eigenverantwortlich, was bei der kom­plizierten Aufgabe der Spionage im Bereich des Gegners jeweils erforderlich war. Diesen Dualismus von ideologischen Dogmen einerseits und individuellem Handeln auf der anderen Seite haben fast alle fatalistisch akzeptiert. Dies f&#252;hrte zu Verstrickungen, die damals kaum einer wahrhaben wollte, die sie aber heute als Ausgangspunkt ihres Mitschuldig-Werdens begreifen mussten.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil III)</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Jul 2010 11:37:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die unglaubliche Menge von 77000 geheimen Dokumenten von US-Beh&#246;rden zum Afghanistan-Krieg ist seit einigen Tagen &#8211; ausgel&#246;st durch einen einfachen Mausklick &#8211; im Internet zu lesen. Noch vor einigen Jahren w&#228;re die Beschaffung solch umfangreichen Materials, ohne fr&#252;her oder sp&#228;ter aufzufallen, faktisch unm&#246;glich gewesen. Auch seine &#220;bergabe h&#228;tte einen Spion vor ziemlich unl&#246;sbare Aufgaben gestellt. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die unglaubliche Menge von 77000 geheimen Dokumenten von US-Beh&#246;rden zum Afghanistan-Krieg ist seit einigen Tagen &#8211; ausgel&#246;st durch einen einfachen Mausklick &#8211; im Internet zu lesen. Noch vor einigen Jahren w&#228;re die Beschaffung solch umfangreichen Materials, ohne fr&#252;her oder sp&#228;ter aufzufallen, faktisch unm&#246;glich gewesen. <span id="more-1815"></span>Auch seine &#220;bergabe h&#228;tte einen Spion vor ziemlich unl&#246;sbare Aufgaben gestellt. Und selbst wenn ein solcher Coup gelungen w&#228;re, die allgemeine &#214;ffentlichkeit h&#228;tte davon f&#252;r lange Zeit nichts erfahren.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x3002.gif"><img class="alignright size-full wp-image-1817" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x3002.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Dass all das jetzt anders ist, hat die <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,708199,00.html" target="_blank">rasante technische Entwicklung</a><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/7971700a7199454d9b0077a03c571769" alt="" width="1" height="1" />, vor allem auf dem Informationssektor, bewirkt. Dadurch k&#246;nnen Informationen blitzschnell verwirklicht, auf dem Funkwege rund um den Erdball geschickt und &#8211; via Internet &#8211; f&#252;r jedermann sofort verf&#252;gbar gemacht werden. Und dennoch braucht es irgendwo in diesem Prozess eines <a href="http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/whistleblower-im-visier/" target="_blank">Menschen,</a> der zum einen Zugang zu diesen Informationen hat und &#8211; das vor allem &#8211; zugleich dazu motiviert ist, diese Informationen der Geheimhaltung zu entziehen und in die &#214;ffentlichkeit zu stellen.</p>
<p>Insofern ordnet sich die j&#252;ngste Aktion des Internetportals <a href="http://www.hr-online.de/website/radio/you_fm/index.jsp?key=standard_document_39514095&amp;rubrik=36864&amp;seite=1" target="_blank">»wikileaks«</a> in das »zweit&#228;lteste Gewerbe«, die Spionage ein, auch wenn die Betreiber der Plattform dazu vielleicht gar nichts beigetragen haben. Denn schon immer gab es Geheimnistr&#228;ger, die von sich aus ihr Wissen offenbarten &#8211; aus welchen Gr&#252;nden und wem auch immer. Diese Erfahrung hat auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR gemacht, wie in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, beschrieben ist – im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress. Im folgenden der dritte Teil:</p>
<h2>Guillaume und Genossen</h2>
<p>Als in den fr&#252;hen Morgenstunden des 24. April 1974 vor der Wohnung des Ehepaares Guillaume in Bad Godesberg die Polizei mit einem Haftbefehl des Generalbundesanwalts stand, reagierte G&#252;nter Guillaume erschrocken und &#252;berrumpelt mit jenem Satz, der den Ermittlungsbeh&#246;rden einen Stein vom Herzen fallen lie&#223;: »Ich bin B&#252;rger der DDR und ihr Offizier &#8230;« So t&#246;richt dieses Gest&#228;ndnis unter taktischem Gesichtspunkt war, so sehr verstand es Guillaume als Bekenntnis, mit dem er von vornherein &#252;ber seine Motivation keinen Zweifel aufkommen lassen wollte.</p>
<p>Er reihte sich damit bewusst ein in jenen nicht unbetr&#228;chtlichen Teil von Informanten, die mit der HVA auf einer »gemeinsamen politisch-ideologischen Grundlage«, wie das genannt wurde, zusam­menarbeiteten. Vor allem einige Spitzenquellen, die &#252;ber viele Jahr hinweg den DDR-Nachrichtendienst belieferten, geh&#246;ren in diese Kategorie &#8211; darunter auch solche, die aus eigenem Antrieb, das hei&#223;t ohne jede Werbung, ihr Wissen pr&#228;sentierten. &#220;ber die Motive f&#252;r solches Handeln mag man streiten, aber trotz ihrer M&#228;ngel und immer offenkundigeren Fehlentwicklung war die DDR f&#252;r viele im Westen doch eine Hoffnung, eine Ermutigung, eine Alternative zu dem, was sie im eigenen Land vorfanden und was ihren Idealen nicht entsprach. Vor allem in den 50er Jahren entschieden sich viele Weiterdenkende, die den Kurs Adenauers auf eine separate Entwicklung der Bundesrepublik ablehnten, geradezu im Interesse der deutschen Einheit und nicht selten auch mit der Zielvorstellung einer anderen als der praktizierten restaurativen Entwicklung f&#252;r die heimliche Unterst&#252;tzung der DDR.</p>
<p>Der erste spektakul&#228;re Fall dieser Art war der &#220;bertritt des Pr&#228;sidenten des Verfassungsschutzamtes der Bundesrepublik, Otto John, in die DDR. Er hatte am 20. Juli 1954 im Westteil Berlins an einer Feierstunde f&#252;r die Attent&#228;ter auf Hitler teilgenommen und sich anschlie&#223;end unter bis heute nicht vollst&#228;ndig gekl&#228;rten Umst&#228;nden &#252;ber die Grenze nach Ostberlin abgesetzt. M&#246;glicher­weise war dieses Gedenken f&#252;r den sp&#228;ter als sensibel und sogar weich geschilderten Mann der Ausl&#246;ser, um das vorhandene Unbehagen &#252;ber den Abstand zwischen den Idealen der M&#228;nner des 20. Juli, denen John nahestand, und der Entwicklung in der Bundesrepublik in Handeln umzusetzen. Diese Entt&#228;uschung hat er in der DDR immer wieder ge&#228;u&#223;ert, und auch das Urteil des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe zitiert Johns Begr&#252;ndung f&#252;r seinen Schritt, »die Entwicklung in der Bundesrepublik ziele auf Wiederbelebung des Nationalsozialismus und Militarismus, auf Krieg und milit&#228;rische Aggression nach Ost und West, auf Verewi­gung der deutschen Spaltung, auf Ausschaltung der echten Demo­kraten und Beseitigung der Meinungsfreiheit«.</p>
<p>Dabei zeigte sich schnell, dass John keineswegs ein Anh&#228;nger des Sozialismus war. Ihm ging es offensichtlich darum, nach seinen negativen Erfahrungen mit dem westlichen Deutschland im Osten zu &#252;berpr&#252;fen, inwieweit hier seine Sehns&#252;chte verwirklicht w&#252;rden. Die konkrete Anschauung hat ihn schnell ern&#252;chtert. Schon nach knapp anderthalb Jahren kehrte er wieder in die Bundesrepublik zur&#252;ck und nahm dort eine vierj&#228;hrige Haftstrafe in Kauf. Verraten hatte er nichts. Seine Unterlagen waren vor der Fahrt in den Osten im Westberliner Hotel zur&#252;ckgeblieben. Ihn trieb die Suche nach dem wahren neuen Deutschland. Er fand es weder im Westen noch im Osten.</p>
<p>Sein Beispiel belegt aber die Anziehungskraft, die der andere deutsche Weg damals noch besa&#223;, und einige Male wurde das politische Bonn auch in den Jahren hernach durch die Offenbarung oder Enttarnung hochrangiger HVA-Informanten ersch&#252;ttert. Am 21. August 1954 war der damalige Bundestagsabgeordnete Karl­franz Schmidt-Wittmack aus Hamburg in die DDR gekommen. Auch er begr&#252;ndete seinen Schritt damit, »dass das starre au&#223;en­politische Festhalten des Kanzlers an der EVG (der damals geplanten Verteidigungsorganisation Westeuropas unter Einschlu&#223; der Bundesrepublik &#8211; d. Verf.) in keiner Weise den Interessen des Volkes entspricht«. Zu ihm hatten bereits zuvor Kontakte des IWF bzw. der HVA bestanden. Aufsehen erregte auch die Tatsache, dass der Foto-Gro&#223;h&#228;ndler Hanns-Heinz Porst, ein einflu&#223;reiches FDP-Mitglied, seit 1953 f&#252;r den DDR-Nachrichtendienst spioniert hatte. F&#252;r ihn waren ebenfalls politische Gr&#252;nde ma&#223;gebend.</p>
<p>Sp&#228;ter begannen sich die langfristigen, perspektivischen Ma&#223;­nahmen der HVA auszuwirken. Die &#220;bersiedlungen der 50er Jahre trugen erste Fr&#252;chte &#8211; darunter besonders das Vordringen von G&#252;nter Guillaume bis in die Spitze des Bundeskanzleramtes zur Regierungszeit von Willy Brandt. Die Guillaumes waren 1957 in die SPD eingetreten und machten dort bald Karriere &#8211; G&#252;nter Guillaume &#252;ber die »Ochsentour« durch die &#246;rtlichen Parteigremien in Frankfurt/Main, seine Frau Christel als Sekret&#228;rin beim Chef der Hessischen Staatskanzlei. Guillaume schaffte schlie&#223;lich den Sprung auf eine Stelle im Bundeskanzleramt und konnte sich dort allm&#228;h­lich in zwar nach au&#223;en nicht sehr auff&#228;llige, aber doch f&#252;r einen Geheimdienst &#228;u&#223;erst ergiebige Positionen hocharbeiten. Zuletzt begleitete er Brandt auf wichtigen Reisen, durch seine H&#228;nde gingen Top-Materialien, die der Berliner Zentrale Auskunft &#252;ber alle wichtigen Details der Bundespolitik gaben.</p>
<p>Die Guillaumes handelten aus &#220;berzeugung. G&#252;nter Guillaume beschrieb sp&#228;ter, wie er fast zwanzig Jahre konspirativen Lebens und Arbeitens in der Bundesrepublik durchhalten konnte: »Es war der Auftrag, der mich vor der Pers&#246;nlichkeitsspaltung sch&#252;tzte, es war der Auftrag im Interesse der besten Sache der Welt, der alles zusammenhielt. Das Entscheidende ist, dass man selbst im Schlaf nicht vergisst, wer man wirklich ist: ein Kundschafter im Dienste von Frieden und Sozialismus.«</p>
<p>Es ist die Tragik der Guillaumes wie vieler anderer Aufkl&#228;rer der DDR, dass ihr Einsatz zwar in der jeweils konkreten Situation nicht umsonst war, aber aus historischer Sicht ohne Wirkung blieb. Ihre Ideale und Utopien lie&#223;en sich in und mit dem Staat, dem sie dienten, nicht verwirklichen. Das Engagement mit ihrer ganzen Person erwies sich letztlich als sinnlos &#8211; und das nicht nur, weil es dieser Staat DDR &#252;berhaupt nicht verdiente, sondern auch wegen lies Versagens ihrer Zentrale. Damit sind weniger die operativen Fehler gemeint, die &#8211; neben anderem &#8211; zur ihrer Enttarnung beitrugen, als vielmehr die Motive, zum Beispiel f&#252;r das Belassen eines Spions an der Seite von Willy Brandt.</p>
<p>Sehr sp&#228;t hat Markus Wolf Bedauern &#252;ber diese Entscheidung ge&#228;u&#223;ert; nur z&#246;gernd mochte er sie als Fehler einordnen. Dabei isi klar, dass der R&#252;cktritt Brandts aus politischer Sicht erheblich mehr Schaden &#8211; und nicht nur f&#252;r die DDR, sondern weit dar&#252;ber hinaus &#8211; verursachte, als die Aufkl&#228;rungsergebnisse Guillaumes Nutzen brachten. Diesen sch&#228;tzte auch Wolf sp&#228;ter als begrenzt ein: »Vieles, was in der Politik diskutiert wird, kann man meist kurze Zeit sp&#228;ter in anderer Form in der Presse nachlesen. Das war im Fall Guillaume nicht anders.« Um so unverantwortlicher war, jenen, die Brandt damals ohnehin los sein wollten, daf&#252;r auch noch die Munition zu liefern.</p>
<p>Da&#223; Guillaume weiterarbeitete, war zwar zum gewissen Teil auch seine Entscheidung &#8211; Resultat des ihm anerzogenen anti­sozialdemokratischen Feindbildes, der alten sektiererisch-kommu­nistischen Auffassung, da&#223; der »Sozialdemokratismus« eine gr&#246;&#223;ere Gefahr als der Konservatismus darstelle, aber bestimmt auch Ergebnis eigenen Ehrgeizes. Vor allem aber war es Folge einer Fehlentscheidung der HVA-F&#252;hrung, die es sich nicht versagen mochte, das Ohr im »Allerheiligsten« der Bundesregierung zu haben, ungeachtet des geringen operativen Gewinns. Um so mehr konnte man mit einer solchen Position vor der eigenen »Partei- und Staatsf&#252;hrung« gl&#228;nzen, und der schwoll denn auch gleich der Kamm! »Wir haben nicht die Absicht, Berichte unseres Geheim­dienstes &#252;ber die Lage in der Bundesrepublik Deutschland, in der Bonner Regierung, in der F&#252;hrung der CDU/CSU oder des Bonner Verteidigungsministeriums zu ver&#246;ffentlichen«, prahlte Erich Honecker in einer Rede zur Auswertung des IX. Parteitages der SED 1976 vor dessen Zentralkomitee. »Es besteht aber kein Zweifel, da&#223; wir etwas besser informiert sind.« Der Nachrichten­dienst als Selbstbefriedigungsinstrument f&#252;r die Herrschenden?</p>
<p>Die Aufkl&#228;rer im Westen arbeiteten dennoch weiter f&#252;r die DDR, sahen darin eine M&#246;glichkeit, ungeachtet der widerspr&#252;ch­lichen Politik dieses Staates etwas f&#252;r den Frieden zu tun. Denn die Politik ihrer eigenen Regierungen bereitete ihnen noch gr&#246;&#223;ere Sorgen, Die Studentenbewegung 1968 in vielen westeurop&#228;ischen L&#228;ndern und das Ringen in den 70er Jahren um eine europ&#228;ische Nachkriegsordnung waren Ausdruck des Sehnens vieler Menschen nach einem Ende des Kalten Krieges und damit sowohl nach einer demokratischen Entwicklung im Innern als auch nach Beendigung der Konfrontation zwischen den Systemen. Das verbesserte die operativen M&#246;glichkeiten des Auslandsgeheimdienstes der DDR in betr&#228;chtlicher Weise. Die Reiset&#228;tigkeit nahm in jener Zeit sprunghaft zu; viele Jugendliche aus Westeuropa wollten den zweiten deutschen Staat kennenlernen, an dem sie viel auszusetzen hatten, der aber doch noch starke Faszination auf sie aus&#252;bte. Sie kamen als Wohlwollende und waren durchaus aufgeschlossen, wenn ihnen M&#246;glichkeiten einer aktiven T&#228;tigkeit f&#252;r die Friedenssicherung oder gar eine Alternative zu ihrer b&#252;rgerlichen Gesellschaft aufge­zeigt wurden. Sie lehnten oft die restriktive Politik gegen die DDR &#8211; Nichtanerkennung, Isolation, Wirtschaftsboykott, Embargo, ideologische Verketzerung &#8211; ab. Das Argument, als Aufkl&#228;rer viel mehr f&#252;r die eigenen Ziele tun zu k&#246;nnen als durch spektakul&#228;re Aktionen auf der Stra&#223;e, leuchtete nicht wenigen ein. Sofern sie durch ihr Engagement nicht schon ins Blickfeld der heimischen Abwehrorgane geraten waren, eigneten sie sich f&#252;r eine Kundschaftert&#228;tigkeit, zumal dann, wenn die M&#246;glichkeit des Eindringens in wichtige Objekte bestand &#8211; und das war bei jungen Wissen­schaftlern und Studenten m&#246;glicherweise der Fall. Nat&#252;rlich waren die meisten nicht hochkar&#228;tig. Viele besetzten lediglich Positionen in der zweiten oder dritten Reihe, manche beobachteten das Geschehen gar nur vom Rande her. Aber gerade die F&#252;lle der von ihnen &#252;bermittelten Informationen erm&#246;glichte der HVA ein reali­stisches und stets aktuelles Lagebild.</p>
<p>Schon in der Vergangenheit hatte sich erwiesen, da die Vielfalt der Informationsquellen schnellen und sicheren Aufschlu&#223; &#252;ber politische, milit&#228;rische und wirtschaftspolitische Positionen der anderen Seite erm&#246;glichte. Ein Beispiel daf&#252;r war der 13. August 1961, als von den Staaten des Warschauer Vertrages die Entschei­dung zum Bau der Mauer getroffen wurde. Sie war verh&#228;ngnisvoll l&#8217;iir die weitere Entwicklung in Deutschland und Europa, wie wir heute wissen. Die langfristigen Konsequenzen waren damals noch nicht absehbar, aber es standen unmittelbare Folgen zu erwarten. Immerhin war Westberlin auch in der Diktion des Westens zur »Frontstadt« ausgebaut worden, wurde die Teilstadt als »Symbol der Freiheit« angesehen. Ein so schwerwiegender Eingriff in ihre Lebensf&#228;higkeit h&#228;tte durchaus zu einer Kurzschlussreaktion f&#252;hren k&#246;nnen, und tats&#228;chlich standen sich am Checkpoint Charlie schon bald amerikanische und sowjetische Panzer gegen&#252;ber.</p>
<p>In dieser Situation rief Staatssicherheitsminister Mielke bei der HVA an und fragte, ob die USA zum Schie&#223;en bereit seien. Aufgrund sofort nach dem Mauerbau beschaffter Informationen konnte er beruhigt werden: Es gibt keinerlei Entscheidungen der westlichen Regierungen, nur gro&#223;e Ratlosigkeit und zum Teil sogar Erleichterung. Denn immerhin hatte die Fluchtbewegung der Jahre 1960/61 aus der DDR viele Unw&#228;gbarkeiten geschaffen, die nun offensichtlich gemindert waren. Die HVA konnte eine solche Antwort geben, weil alle ihre Westberliner Quellen schon in den ersten Stunden des 13. August berichtet hatten. Sie nutzten unter anderem dazu das sehr effektive Mittel des Infrarotsprechverkehrs, das es erm&#246;glichte, ohne direkten Kontakt &#252;ber die Mauer hinweg akustische Signale auszutauschen, die kaum geortet werden konnten. Nahezu st&#252;ndlich wurde so die HVA von ihren Quellen &#252;ber den neuesten Stand unterrichtet. Sp&#228;ter kamen die Informationen aus den westlichen Hauptst&#228;dten hinzu; sie alle lie&#223;en keinen Zweifel, dass die Ma&#223;nahmen der DDR an ihrer Grenze hingenommen wurden.</p>
<p>Ein anderes Feld der Spionaget&#228;tigkeit, &#252;ber das zwar nicht so h&#228;ufig gesprochen wurde, das aber dennoch existentielle Bedeutung f&#252;r die DDR hatte, war die Wirtschaftsaufkl&#228;rung. Schon bei der Bildung des Instituts f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung wurde der Bereich, dem der neugeborene Nachrichtendienst seinen Namen gab, zu einer der S&#228;ulen. Das war kein Zufall, denn nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Wirtschaft im &#246;stlichen Teil Deutschlands schwer darnieder, zumal dieses Gebiet auch vor dem Kriege nicht zu den f&#252;hrenden Wirtschaftszonen des Reiches geh&#246;rt hatte. Die Verbindungen zu den Industrieschwerpunkten an Rhein, Ruhr und Saar waren abgeschnitten, und zudem begann schon damals die &#246;konomische Diskriminierung der DDR. Aus der einen Abteilung der Anfangsjahre entwickelte sich schnell eine verzweigte Struktur mit vielf&#228;ltigen Aufgabenstellungen. Bereits Mitte der 60er Jahre war die Wirtschaftsaufkl&#228;rung so gro&#223; geworden, da&#223; sie in mehrere Abteilungen aufgeteilt und unter dem Dach des »Sektors Wissenschaft und Technik« (SWT) zusammen­gefa&#223;t werden mu&#223;te. Gleichzeitig baute der SWT-Bereich in einer Reihe von DDR-Fachministerien sogenannte legale Residenturen auf, die f&#252;r einen engen Kontakt zum Auftraggeber sorgten und au&#223;erdem die Arbeitsbeziehungen des jeweiligen Ministeriums ins Ausland nutzten.</p>
<p>Leiter der Wirtschaftsaufkl&#228;rung war Heinrich Weiberg, der sich aus einfachen Verh&#228;ltnissen zum Ingenieur und sp&#228;teren Wirtschaftswissenschaftler hochgearbeitet hatte. Er wusste genau, was die junge DDR an wissenschaftlichen Erkenntnissen brauchte, und beherrschte exzellent das, was heute modisch als »Preis-Leistungs-Verh&#228;ltnis« umschrieben wird. Ihm wird nachgesagt, da&#223; er einmal einem Chemiker, der mit Fach-Chinesisch zu beeindrucken versuchte, kurz ins Wort fiel: »Was haben Sie zu bieten? Wie Seife gemacht wird, wissen wir alleine!«</p>
<p>Weibergs Experten waren auf allen wichtigen Gebieten von Wissenschaft und Technik t&#228;tig &#8211; in der Kernphysik, der Elektronik, der Biotechnologie, der Chemie und Kunststoffproduktion sowie nat&#252;rlich der Milit&#228;rtechnik. Als 1979 der SWT-Offizier Werner Stiller die Fronten wechselte, brachte er allein aus seiner Abteilung XIII Materialbegleitlisten mit, deren Kurztitel auf Informationen verwiesen, die in siebzehn Leitz-Ordner gepasst h&#228;tten. Der Verfas­sungsschutz stellte denn auch n&#252;chtern fest, dass er die Wirtschafts­spionage der DDR gr&#252;ndlich untersch&#228;tzt hatte. Nach Darstellung des Innenministeriums bewies die durch Stiller enth&#252;llte Struktur vom SWT »nicht nur die &#252;berragende Bedeutung der Wirtschafts­spionage f&#252;r die DDR, sondern setzt gleichzeitig voraus, da&#223; entsprechende Aufkl&#228;rungserfolge gegeben sein mussten, die eine solche organisatorische Verst&#228;rkung rechtfertigen«.</p>
<p>Verschwiegen wurde in jenem Bericht, dass die Beschaffung neuester Milit&#228;rtechnik einer der Schwerpunkte der SWT-T&#228;tigkeit war. Bereits Anfang der 60er Jahre hatte die DDR &#252;ber die gesamte Technologie zur Herstellung von Legierungen f&#252;r Raketenm&#228;ntel Kenntnis. Sp&#228;ter beschafften die Sp&#228;her der HVA das sogenannte NATO-Gewehr, eine moderne Handfeuerwaffe, der allerdings die sowjetische Kalaschnikow kaum nachstand.</p>
<p>Eine der vier SWT-Abteilungen, die Abteilung V, war allein f&#252;r die Auswertung des ungebremst flie&#223;enden Materials zust&#228;ndig. Mitunter traf es kofferweise ein; die beschafften Muster f&#252;llten auch schon mal eine Wagenladung. Die Auswerter waren weder nach Zahl noch nach Ausbildung in der Lage, diese F&#252;lle und die damit oft verbundene Spezifik des Inhalts zu bew&#228;ltigen. In abgedeckten Au&#223;enstellen sa&#223;en Spezialisten, die die Aktenordner durchsahen. Viele Materialien wurden auch direkt an besonders verpflichtete Auswerter in Forschung und Industrie gegeben.</p>
<p>Mit seinen Beschaffungsaktionen tat der SWT &#8211; wenn auch mit besonderer Perfektion &#8211; weitgehend etwas, das zwischen gro&#223;en Konzernen und um marktbeherrschende Anteile k&#228;mpfenden Unternehmen schon lange gang und g&#228;be war: der Bereich betrieb Industriespionage. Diese verlangte oftmals nicht soviel Aufwand wie die Auskundschaftung politischer oder milit&#228;rischer Vorg&#228;nge. In vielen F&#228;llen gen&#252;gte eine bestimmte Geldsumme, um in den Besitz eines Bauplans oder auch des Prototyps einer Neuentwick­lung zu gelangen.</p>
<p>In der HVA selbst wurden die SWT-Mitarbeiter mitunter beneidet. Mit relativ geringem operativem Aufwand konnten sie Ergebnisse pr&#228;sentieren, deren Wert sich meist auch noch exakt in Millionen Valuta-Mark ausdr&#252;cken lie&#223;.</p>
<p>Die Arbeitsergebnisse des »Sektors Wissenschaft und Technik« waren f&#252;r die st&#228;ndig mit Schwierigkeiten k&#228;mpfende DDR-Wirtschaft von gro&#223;er Bedeutung, konnten aber nicht einmal ann&#228;hernd genutzt werden. Einerseits haben sie ihr &#252;ber manche Durststrecke hinweggeholfen und einen Beitrag dazu geleistet, da&#223; die DDR nach au&#223;en hin mehr zu leisten schien, als tats&#228;chlich der Fall war. So konnten viele wissenschaftlich-technische Gro&#223;taten nur mit SWT-Hilfe erreicht werden. Herausragendes Beispiel ist die Kreation des l-Megabit-Chips durch das Kombinat »Carl Zei&#223;« Jena. Aber zugleich wurde damit von den Forschungsinstituten und den Wirtschaftsunternehmen der Zwang genommen, sich selbst einen Kopf zu machen. Es war bequemer, schon vorgedachte Forschungsergebnisse aus westlichen Gefilden nur nachzuvollzieivulhen als etwas Eigenes auszudenken oder auf das Beschaffte noch Selbstentwickeltes drauf zu setzen. Insofern wirkten auch die Auf­kl&#228;rungsergebnisse vom SWT ambivalent. Kurzfristig verschafften sie der DDR-Wirtschaft eine Atempause; langfristig aber enthoben sie scheinbar von der Notwendigkeit, eigene Anstrengungen zum Erreichen des immer wieder beschworenen »Weltstands« zu unter­nehmen. Und dort, wo aus den Erkenntnissen der Wirtschafts­aufkl&#228;rung tats&#228;chlich h&#228;tten Entscheidungen abgeleitet werden k&#246;nnen &#8211; &#252;ber strategische Richtungen der Produktion, &#252;ber die Beschr&#228;nkung auf effektive Hochtechnologien auf der Basis tradi­tioneller St&#228;rken der ostdeutschen Wirtschaftsstruktur, &#252;ber Schritte zur Behebung permanenter Defizite, zum Beispiel auf dem Ener­giesektor &#8211; sperrte sich die SED-F&#252;hrung gegen jede Einsicht. Gegen die Dogmen des Politb&#252;ros kamen die stichhaltigsten Argumente nicht an.</p>
<p>Gerade diese Schw&#228;chen der DDR-Wirtschaft haben dar&#252;ber hinaus zum Teil verhindert, dass die durch die HVA beschafften Materialien in einem ad&#228;quaten Umfang genutzt werden konnten. Zudem h&#228;tte die Wirtschaftskraft des 17-Millionen-Landes ohnehin nicht ausgereicht, all das in materielle Gr&#246;&#223;en umzusetzen, was da auf dem Papier bekanntgeworden war. Die Tonnenideologie, die Gigantomanie, die auch hier walteten, schufen mehr Probleme, als sie Antworten auf herangereifte Fragen zu geben vermochten.</p>
<p>Die spektakul&#228;ren &#8211; und von den Medien oft noch &#252;bertriebenen &#8211; Erfolge der HVA st&#228;rkten ihr Image als professionell perfekter und effizienter Geheimdienst. Das wurde zunehmend auch vom KGB anerkannt, und die HVA erhielt die M&#246;glichkeit, auch auf Feldern aktiv zu werden, die bis dato die Dom&#228;ne der sowjetischen Spionage waren. Unter anderem galt dies f&#252;r die CIA. Ende der 70er Jahre war zwar eine Arbeitsteilung zwischen den Geheimdien­sten der UdSSR und der DDR vereinbart worden, nach der die Spionage der einen Supermacht ausschlie&#223;lich im Blickfeld der anderen bleiben sollte, aber schon nach kurzer Zeit wurde diese Entscheidung revidiert. Unter dem rabulistischen Motto »Hauptfeind ist die CIA, unsere Hauptobjekte sind die BRD-Geheimdienste« stieg die HVA wieder voll in die Bearbeitung des amerikanischen Dienstes ein. Sie konzentrierte sich dabei auf dessen Dienststellen und Objekte in der Bundesrepublik und Westberlin, wobei das personelle Interesse insbesondere den Zivilbesch&#228;ftigten unter­schiedlichster Nationalit&#228;t galt.</p>
<p>Zu diesen geh&#246;rte der T&#252;rke Hussein Yildirin. Er arbeitete in einer Autowerkstatt der Westberliner US-Mission. Aus Sympathie gegen&#252;ber der sozialistischen Idee, vermischt mit etwas Abenteu­rertum und dem Drang, sich in einem anderen Metier zu best&#228;tigen, vor allem aber aus finanziellen Gr&#252;nden arbeitete er mit der HVA zusammen und konnte ihr einen Hinweis auf James W. Hall geben, der Mitarbeiter des zentralen Objektes der fernmelde-elektronischen Spionage der USA auf dem Berliner Teufelsberg war. Hall brauchte Geld und war f&#252;r ein lohnenswertes Gesch&#228;ft zu einem hohen Risiko bereit. Er hatte Zugang zu Dokumenten der aller­h&#246;chsten Geheimhaltungsstufe &#8211; nicht nur hinsichtlich der ameri­kanischen Lauschangriffe auf deutschem Territorium, sondern auch zu allen wichtigen amerikanischen Geheimdienstoperationen gegen andere L&#228;nder, einschlie&#223;lich der Verb&#252;ndeten in der NATO. So beschaffte er die »National Sigint Requirements List« (NSRL), den Zielkatalog aller amerikanischen Dienste f&#252;r ihre weltweiten Operationen. Auf 4.000 Blatt waren da deren Informationsinteres­sen, aber auch die des State Department und anderer zentraler Regierungsbeh&#246;rden zusammengefasst &#8211; jeweils mit dem Vermerk, ob und wie durch Abh&#246;ren des Funk- und Fernmeldeverkehrs die gew&#252;nschten Informationen beschafft werden k&#246;nnten. Das Papier geh&#246;rt zu den wenigen HVA-Dokumenten, die nicht vernichtet wurden. Es ist 1990 der Gauck-Beh&#246;rde &#252;bergeben worden.</p>
<p>Ein weiteres sehr wertvolles Papier, das Hall, der unter dem Decknamen »Ronny« agierte, der DDR-Spionage &#252;bergab, war das »Canopy Wing«, die detaillierte Auflistung aller M&#246;glichkeiten der elektronischen Kriegf&#252;hrung zur Neutralisierung der F&#252;hrungszen­tren der Sowjetunion und des Warschauer Paktes. »Canopy Wing« sollte dartun, wie ein »Enthauptungsschlag« gegen den Osten gef&#252;hrt werden k&#246;nne. Es war ein Ma&#223;nahmekatalog daf&#252;r, »dem sowjetischen Oberkommando die F&#228;higkeit zu nehmen, effektiv konventionelle Hochfrequenz-Verbindungen zur F&#252;hrung und Kontrolle der Streitkr&#228;fte einzusetzen«. Dabei wurde nichts ausge­spart. Unter anderem hie&#223; es: »Es gibt ein Potential zur Durchf&#252;h­rung von verdeckten und schwer beweisbaren Sabotageakten, wie zum Beispiel Au&#223;erbetriebsetzung von &#220;bertragungs- und Strom­leitungen oder die Anwendung von Kampfstoffen.«</p>
<p>Die Kenntnis derartig geheimer Dokumente versetzte die Staaten des Warschauer Paktes in die Lage, rechtzeitig Gegenma&#223;nahmen zu treffen; ihre Beschaffung war von unsch&#228;tzbarem Wert. Entspre­chend verfuhren die amerikanischen Beh&#246;rden 1988 nach der Enttarnung des inzwischen nach Hause zur&#252;ckgekehrten James W. Hall. Er wurde zu 40 Jahren Zuchthaus verurteilt. Wie peinlich der Fall f&#252;r die USA war, zeigte, dass sie ihn selbst 1990 noch nicht zugeben wollten. Als die genannten Dokumente in der Presse auftauchten, versuchten sie das mit noch immer t&#228;tigen DDR-Spionen zu erkl&#228;ren. Obwohl Hall l&#228;ngst hinter Gittern sa&#223;, stellte sich der mittlerweile pensionierte Ex-CIA-Chef in der Bundesrepu­blik, Thomas Polgar, dumm: »Eine menschliche Quelle, m&#246;glicher­weise in Stuttgart. Beim Hauptquartier der Amerikaner. Man wird da wohl jetzt eine gr&#252;ndliche Untersuchung einleiten m&#252;ssen.«</p>
<p>Sicher wussten die Amerikaner, weshalb sie diese eklatante Niederlage nicht an die gro&#223;e Glocke h&#228;ngten. Bekannt gewordene Spionagef&#228;lle l&#246;sten in der Regel nicht etwa Panik unter den Agenten im Operationsgebiet aus, sondern spornten eher an, weckten Ehrgeiz, nicht schlechter zu sein als die Enttarnten oder gar die Schlappe auszugleichen. Der &#220;berl&#228;ufer Stiller berichtete, wie sich die Festnahme Guillaumes auf das HVA-Netz im Westen auswirkte: »Mehrere meiner Kollegen hatten festgestellt, da&#223; nach dem Fall Guillaume sonst eher ruhigere Agenten wieder arbeiteten. Kontaktpersonen, deren Anwerbung als zweifelhaft gegolten hatte, lie&#223;en sich nun mit dem MfS ein &#8230;«</p>
<p>Auch wenn die Dienste der Bundesrepublik die Ergebnisse de HVA nicht zuletzt deshalb &#252;bertrieben, weil sie damit die eigene Erfolglosigkeit begr&#252;nden konnten, so spielte das Ansehen de DDR-Spionage &#8211; neben politisch-ideologischen Motiven &#8211; doch bei nicht wenigen Anwerbungen eine wichtige Rolle. Und es war wohl auch ausschlaggebend f&#252;r die hochrangigen &#220;berl&#228;ufer, die die HVA bis in die 80er Jahre hinein registrieren konnte.</p>
<p>Beim M&#252;nchener Proze&#223; 1991 gegen die Gebr&#252;der Alfred und Ludwig Spuhler bekannte sich ersterer, der seit 1968 beim Bundesnachrichtendienst arbeitete, zur bewussten Unterst&#252;tzung des DDR-Dienstes, weil er begriffen hatte, »dass es dem Westen nicht um die Herstellung des milit&#228;rischen Gleichgewichts ging. Vielmein galt der Ausspruch eines amerikanischen Pr&#228;sidenten: &gt;Wir werden sie an die Wand r&#252;sten, bis sie quietschen!&lt;« Alfred Spuhler kannte die Ma&#223;nahmen des Westens zur »elektronischen Kampff&#252;hrung« gegen die &#246;stlichen L&#228;nder und wollte einen Beitrag zur Neutralisierung der sich daraus ergebenden Gefahren leisten. Aus seinen eigenen Arbeitsergebnissen schlussfolgerte er, »dass die von westlicher Seite st&#228;ndig gesch&#252;rte Angst vor der milit&#228;rischen &#220;berlegenheit des Warschauer Pakts eine glatte L&#252;ge war«.</p>
<p>Das best&#228;tigten &#252;brigens immer wieder in aller &#214;ffentliehki auch westliche Politiker, indem sie auf die Methode dei US-Administration verwiesen, vor der Beratung des Verteidigungshaushalts im Kongress die milit&#228;rische &#220;berlegenheit der UdSSR zu beschw&#246;ren. »Es ist immer die gleiche L&#252;ge, die vorgebracht wird, wenn das amerikanische Volk &#252;berredet werden soll, f&#252;r die Beibehaltung einer amerikanischen &#220;berlegenheit zu zahlen«, sagte schon 1982 Daniel Ellsberg, unter der Pr&#228;sidentschaft Kennedys dessen Milit&#228;rberater. Und zwei Jahre sp&#228;ter r&#228;umte die NATO selbst in einer Studie ein, dass sie in den Jahren zuvor die sowjetische R&#252;stung &#252;bersch&#228;tzt habe. Alfred Spuhler, der seine Dienste selbst anbot, lieferte unter anderem an die HVA jene »Lageberichte Ost« des BND, die die westlichen Erkenntnisse &#252;ber die damaligen sozialistischen L&#228;nder auflisteten. Sie enthielten wenig Schmeichelhaftes &#252;ber den »realen Sozialismus«; schon deshalb d&#252;rfte die Aussage vor dem M&#252;nchener Gericht zutreffend sein, da&#223; das SED-Politb&#252;ro diesen Berichten wenig Bedeutung beima&#223;. Sie passten einfach nicht in den Streifen. Spuhler jedoch steht zu seiner Tat. Er sagte vor Gericht, da&#223; er aus seiner &#220;berzeugung heraus nichts zu bereuen brauche.</p>
<p>Letztlich ideologische Wurzeln hatte auch die mehrj&#228;hrige Spionaget&#228;tigkeit von Lothar Lutze im Verteidigungsministerium. Er warb dar&#252;ber hinaus sowohl seine Ehefrau Renate als auch das Ehepaar Wiegel f&#252;r die HVA an. Lutze war zwar bereits als Elfj&#228;hriger mit seinen Eltern aus Th&#252;ringen in die Bundesrepublik gekommen, jedoch wirkten nach eigenen Angaben die Kindheits­erlebnisse als Junger Pionier so stark nach, da&#223; er sich schon in seiner Wehrdienstzeit bereit fand, die DDR-Aufkl&#228;rung &#252;ber Vor­g&#228;nge an seinem Luftwaffen-Standort zu informieren. Zu einem Top-Spion wurde er Anfang der 70er Jahre, als er die Sekret&#228;rin im Verteidigungsministerium, Renate &#220;belacker, heiratete und diese ihn ebenfalls auf der Hardth&#246;he unterbrachte. Als Verschlu&#223;­sachenbeauftragter der R&#252;stungsabteilung konnte er bis zu beider Festnahme 1977 ebenso brisantes Material liefern wie seine Frau als Chefsekret&#228;rin der Sozialabteilung. Beide schwiegen in ihrem Proze&#223; und wurden zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. W&#228;hrend sie bereits 1981 ausgetauscht werden konnte, mu&#223;te Lothar Lutze &#8211; auch auf NATO-Interventionen hin &#8211; seine zw&#246;lfj&#228;hrige Haftstrafe absitzen.</p>
<p>Von anderem Kaliber waren die beiden &#220;berl&#228;ufer des Bundes­amtes f&#252;r Verfassungsschutz, Hansjoachim Tiedge und Klaus Kuron. Tiedge war Referatsgruppenleiter in der Abteilung Spionageabwehr des BfV; seine Aufgabe die Enttarnung von DDR-Spionen. Kuron war einer seiner Mitarbeiter, zust&#228;ndig f&#252;r die F&#252;hrung von Doppelagenten, also solchen Spionen, die mit Wissen des Verfassungsschutzes f&#252;r die DDR arbeiteten. Tiedge kam am 19. August 1985 in die DDR, ohne mit ihr zuvor politisch sympathisiert zu haben. Zu diesem Zeitpunkt verf&#252;gte die HVA aber schon drei Jahre lang &#252;ber Informationen, die ihr Aufschluss &#252;ber alle »Counterman«-Aktionen des BfV sowie &#252;ber zahlreiche andere Ma&#223;nahmen der bundesdeutschen Spionageabwehr gaben &#8211; von Kuron. Unter anderem erfuhr die HVA so die Verfassungs­schutz-Erkenntnisse &#252;ber Reisewege ihrer inoffiziellen Mitarbeiter und hatte es leicht, diese Wege umzulenken, so dass beabsichtigte Fahndungsma&#223;nahmen ins Leere griffen.</p>
<p>Noch r&#228;tselt der Verfassungsschutz dar&#252;ber, ob auch Tiedge schon einige Jahre vor seinem &#220;bertritt f&#252;r die HVA arbeitete oder ob die durch Kuron gewonnenen Erkenntnisse als die seinen dargestellt wurden, um die wertvolle Quelle im BfV zu sch&#252;tzen. Das eigene Wissen jedenfalls schrieb Tiedge in einer 245seitigen Doktorarbeit an der Berliner Humboldt-Universit&#228;t nieder; ihr Titel lautet: »Die Abwehrarbeit der &#196;mter f&#252;r Verfassungsschutz in der Bundesrepublik Deutschland«. <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/02/08/vor-20-jahren-die-hinterlassenschaft-der-ddr-spionage-macht-probleme/" target="_blank">Kuron seinerseits spielte bis zum letzten Tag des Auslandsnachrichtendienstes der DDR eine bedeut­same Rolle</a>.</p>
<p>So unterschiedlich die Motive der M&#228;nner und Frauen des Verfassungsschutzes, des Bundesministeriums f&#252;r Verteidigung und des BND f&#252;r eine Zusammenarbeit mit der HVA gewesen sein m&#246;gen &#8211; Anf&#228;nger oder Tr&#228;umer waren sie gewiss nicht! Sie handelten meist aus &#220;berzeugung, immer aus einem Gef&#252;hl des Vertrauens. Immerhin wussten sie durch ihre Arbeit, wem sie sich in die Hand gaben &#8211; und auch, was oder wen sie an die gegnerische Seite verrieten. Sie kannten die Praktiken beider Geheimdienste, waren Profis durch und durch, konnten auch die Risiken einsch&#228;t­zen &#8211; und entschieden sich f&#252;r die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR. Entsprach aber der HVA-Nimbus, dem sie erlagen, tats&#228;ch­lich der Wirklichkeit? Wie gut war die DDR-Spionage tats&#228;chlich?</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil II)</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Jul 2010 12:06:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war so recht ein Thema f&#252;r das allj&#228;hrliche Sommerloch, was j&#252;ngst Boulevardmedien, aber auch seri&#246;se Bl&#228;tter und Sender auf dem stets fruchtbaren Feld der Geheimdienstlegenden abzugrasen versuchten. Ein russischer Spionagering habe sich in den USA etabliert,<span id="more-1794"></span> hie&#223; es. Allerlei <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,703484,00.html" target="_blank">milieugerechte Spekulationen</a><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/e409999c782846f5928939a141673cf9" alt="" width="1" height="1" /> wurden dazu – zumeist ohne jeden belastbaren Beweis – verbreitet, und vor allem konnte niemand schl&#252;ssig erkl&#228;ren, wozu der ganze Aufwand dienen sollte. Die Regierungen in Moskau und Washington, die sich gerade um eine Verbesserung ihres Verh&#228;ltnisses bem&#252;hten, machten dem Spuk – ganz anders als in fr&#252;heren Zeiten des »Kalten Krieges« – <a href="http://www.stern.de/panorama/usa-und-russland-tauschen-agenten-aus-fliegender-wechsel-in-wien-1581473.html" target="_blank">schnell ein Ende</a>, und heute ist der vermeintliche »Skandal« fast schon vergessen.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x3001.gif"><img class="alignright size-full wp-image-1801" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x3001.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Dennoch; in der Regel sollte man bei Geschichten, die sich um Geheimdienste drehen, nicht allzu schnell zur Tagesordnung &#252;bergeben, denn bei ihnen ist in der Regel au&#223;erordentlich unklar, was Sein und was Schein bedeuten. Schlie&#223;lich geh&#246;rt es zum Gesch&#228;ft der Spionage, sich zu verstellen, zu t&#228;uschen, anderen ein X f&#252;r ein U zu machen – und was heute unlogisch, gar sinnlos erscheint, kann morgen in ganz anderem Licht stehen, pl&#246;tzlich als genialer Schachzug aufgefasst werden.</p>
<p>Gerade die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR hat – auch geschuldet durch die konkrete historische Situation, in der sie agierte – diesbez&#252;glich zahlreiche Beispiele »kreativer« Geheimdienstarbeit geliefert; sie sind zum Teil in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, beschrieben – im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress. Im folgenden der zweite Teil:</p>
<h2>Der doppelte Mann</h2>
<p>Ernst Lemmer lie&#223; sich nicht lange bitten. Der CDU-Politiker, der in der Sowjetischen Besatzungszone seine Karriere begon­nen hatte und nun im Vorstand der Westberliner Union sa&#223;, liebte den Plausch mit interessierten Zuh&#246;rern. Im Ratskeller des Sch&#246;ne­berger Rathauses plauderte er &#252;ber die Lage in seiner Partei. Differenzen zwischen ihren Fl&#252;geln, politische Pl&#228;ne und Perspek­tiven, aber auch &#252;ber Gedankeng&#228;nge der westlichen alliierten Kommandanten. Mit am Lemmer-Stammtisch sa&#223;en ein Arzt aus dem Ostberliner Bezirk Wei&#223;ensee und ein Kleinunternehmer aus Wedding. Beide w&#252;rden noch am Abend Bericht erstatten -getrennt und ohne voneinander zu wissen. Empf&#228;nger ihres Reports: das Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung.</p>
<p>So unspektakul&#228;r waren die Anf&#228;nge der Arbeit des DDR-Spionagedienstes. Man ging dorthin, wo die Informationen noch ziemlich spontan fl&#246;ssen und versuchte so viel wie m&#246;glich mitzubekommen. Westberlin war daf&#252;r ein ergiebiges Pflaster, aber auch nach Bonn fuhren Sp&#228;her, um sich im Umfeld der Regierungs­geb&#228;ude, Botschaften und alliierten Einrichtungen Informanten zu suchen. Und die Vertreter der f&#252;hrenden BRD-Parteien fanden damals auch wenig dabei, mit Abgesandten aus dem Osten wenig­stens inoffiziell zu verkehren; f&#252;r etliche geh&#246;rte es geradezu zum guten Ton, &#252;ber einen entsprechenden Draht in den Osten zu verf&#252;gen. Ehemalige Offiziere der Hitler-Wehrmacht, die in sowje­tische Kriegsgefangenschaft geraten waren und dann aktiv im »Nationalkomitee Freies Deutschland« mitgearbeitet hatten, such­ten alte Gef&#228;hrten in der Bundesrepublik auf und erfuhren, wie man im Westen &#252;ber die Wiederbewaffnung dachte. Degussa-Ingenieure oder Chemiker der ostdeutschen Betriebe schauten bei Bekannten im Ruhrgebiet vorbei, um zu h&#246;ren, auf welche Weise und mit welchem Programm das »Wirtschaftswunder« anlief. Auf den ersten internationalen Messen in Wien, Leipzig oder Brno wurden Kontakte zu Messeorganisatoren und Ausstellern hergestellt, die in den Jahren darauf viel Interessantes &#252;ber politische und &#246;konomi­sche Entwicklungen in ihren L&#228;ndern zu berichten wussten. In jenen Jahren konnte mancher Aufkl&#228;rer ein fast pers&#246;nliches Verh&#228;ltnis zu seinem unwissentlichen &#8211; mitunter aber sogar wissentlichen &#8211; Informanten herstellen.</p>
<p>Und das galt nicht nur f&#252;r Gespr&#228;che, die in aller &#214;ffentlichkeit verliefen, sondern auch f&#252;r interne Kontakte, bei denen einiges &#252;ber den Tisch ging, das auch nach damaligen Ma&#223;st&#228;ben eigentlich unter Verschluss bleiben sollte. Die schon skizzierte politische Entwicklung in Deutschland mit ihren Widerspr&#252;chen und besorg­niserregenden Aspekten auch auf westlicher Seite machte es manchem leicht, sich &#252;ber seine Verunsicherung auszusprechen. Wer nach einer politischen Alternative zu den Restaurations­erscheinungen in der Bundesrepublik suchte oder wer einfach nur dem anderen deutschen Staat eine faire Chance geben wollte, war zur Lieferung von Informationen ohne jeden Druck, auf absolut freiwilliger Basis bereit. Am Rande von Verwandtenbesuchen und auch offiziellen politischen Gespr&#228;chen vollzog sich ein informeller Nachrichtenfluss, und dieser wurde oft noch dadurch beg&#252;nstigt, dass die Abgrenzung zwischen den beiden Staaten noch nicht so krasse Formen wie sp&#228;ter angenommen hatte, dass ja schlie&#223;lich »Deutsche mit Deutschen« sprachen.</p>
<p>Journalisten, die auf Profilierung bedacht waren, streckten ihre F&#252;hler aus und lieferten manche Information, f&#252;r die sie auf entsprechende Gegenleistung hoffen konnten. All das trugen die Aufkl&#228;rer zusammen und filterten ein zutreffendes Bild &#252;ber die politische Situation in Deutschland heraus.</p>
<p>Die sowjetischen KGB-Leute beneideten ihre deutschen Kolle­gen nicht selten ob dieser guten Bedingungen, die infolge der offenen Grenze auch f&#252;r das Verbindungswesen galten. Gleichzei­tig aber erh&#246;hten sie ihre Forderungen nach zuverl&#228;ssigen Informa­tionen und konnten damit schon von den Anfangserfolgen von IWF und H VA geh&#246;rig profitieren.</p>
<p>Doch Markus Wolf und seine Mitarbeiter dachten nicht nur an den gegenw&#228;rtigen Tag. Sie entwickelten bald eine langfristige Strategie f&#252;r die Zukunft, die bis in die j&#252;ngste Zeit hinein wirkte. Dabei erfanden sie durchaus nichts Neues, sondern besannen sich auf den Kern jeder Spionaget&#228;tigkeit, der sich mit den drei Begriffen Herauswerben, Einschleusen und Absch&#246;pfen umschrei­ben l&#228;&#223;t. Diese drei Grundmethoden wurden durch die H VA lediglich generalstabsm&#228;&#223;ig eingesetzt und dabei immer weiter perfektioniert.</p>
<p>Dies begann damit, dass vielleicht nicht bewusst, aber ansonsten g&#228;nzlich unger&#252;hrt die ersten negativen Resultate der Politik der SED in der DDR ausgenutzt wurden. Denn schon in den 50er Jahren, vor allem nach dem 17. Juni 1953, setzte ein &#220;bersiedlerstrom aus der DDR nach Westberlin und ins Bundesgebiet ein. Schnell erkannte die HVA die damit verbundenen operativen M&#246;glichkeiten. Nicht wenige dieser Umsiedler konnten sich n&#228;m­lich sehr effektvoll als politische Fl&#252;chtlinge darstellen; andere zogen bald Profit aus der Wirtschaftswunderzeit. Solche M&#246;glich­keilen der beruflichen und sozialen Eingliederung wurden bewusst genutzt, indem einige der f&#228;higsten inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der HVA den Auftrag erhielten, mit geeigneter Legende in den Westen zu gehen und sich dort &#8211; mit Hilfe von Verwandten und soweit m&#246;glich auch der Zentrale &#8211; eine Existenz aufzubauen, die sp&#228;ter f&#252;r Spionaget&#228;tigkeit auswertbar war. So gelang es, einige der Spitzenquellen sp&#228;terer Jahre schon damals auf den Weg zu schicken. Die bekanntesten wurden wohl Christel und G&#252;nter Guillaume, die 1956 in die Bundesrepublik &#252;bersiedelten, sich dort in der SPD bis in Positionen hochdienten, die operativ ihresglei­chen suchten, und erst 1974 enttarnt wurden. Aber es gab zahlrei­che weitere Spione, die als &#220;bersiedler ihre Karriere begannen. Manche von ihnen haben bis in die 80er Jahre hinein gearbeitet, und einige werden ihr Geheimnis mit ins Grab nehmen.</p>
<p>Nat&#252;rlich dauerte es nicht lange, bis die gegnerische Abwehr hinter diese Methode kam und sich dagegen zu sch&#252;tzen begann. Verwiesen sei nur auf die Notaufnahmelager, in denen durch die Geheimdienste der westlichen Alliierten, aber auch den Verfas­sungsschutz und den Bundesnachrichtendienst peinliche Befragun­gen angestellt wurden, um den &#220;bersiedlern auf den Zahn zu f&#252;hlen.</p>
<p>Und auch den westlichen Abwehrleuten half die gro&#223;e Zahl der &#220;bersiedler &#8211; gab es doch dadurch kaum eine Stra&#223;e oder einen Betrieb im Osten, aus denen nicht Informanten ausfindig gemacht werden konnten, die &#252;ber andere Auskunft zu geben vermochten.</p>
<p>Die Guillaumes hatten diese Klippe umschifft, indem sie ohne Lageraufenthalt sofort bei Christel Guillaumes Mutter Erna Boom in Frankfurt/Main Quartier nahmen. Manch anderer mit Spionage­auftrag ausgestatteter »Republikfl&#252;chtige« aber konnte von den Organen der Bundesrepublik aufgekl&#228;rt werden, und das erwies sich als wirksames Hemmnis auf dem Weg in operativ interessante Positionen.</p>
<p>Dennoch hielt die HVA an der vom KGB vertretenen These fest, dass nur die eigenen B&#252;rger gute Kundschafter seien, man sich letztlich nur auf sie zuverl&#228;ssig st&#252;tzen k&#246;nne. Daher wurden Methoden ausgekl&#252;gelt, wie sich DDR-B&#252;rger sicherer im Opera­tionsgebiet bewegen k&#246;nnten. Die L&#246;sung schien: Sie m&#252;ssen &#252;ber Personaldokumente verf&#252;gen, die jeder Kontrolle standhalten. Das aber war nur zu erreichen, wenn bei der &#220;berpr&#252;fung eines solchen Papiers dahinter ein v&#246;llig harmloser Bundesb&#252;rger sichtbar wurde. Und so ging man dazu &#252;ber, die im Geheimdienstgesch&#228;ft schon lange praktizierte Doppelg&#228;nger-Variante nach allen Regeln der Kunst zu perfektionieren.</p>
<p>Immer wieder kommt es vor, dass Personalpapiere verlorengehen &#8211; durch Verunreinigung, Diebstahl, Nachl&#228;ssigkeit usw. Spricht also ein B&#252;rger bei seiner Meldestelle nach einem solchen Malheur vor, dann bekommt er zumeist ohne gro&#223;e Formalit&#228;ten einen neuen Ausweis ausgestellt. Voraussetzung ist allerdings, da&#223; er &#252;ber alle Daten verf&#252;gt, die zu einer solchen Antragstellung ben&#246;tigt werden &#8211; f&#252;r das Original kein Problem, f&#252;r den Doppelg&#228;nger schon eher. Denn er muss nicht nur die Biographie der betreffenden Person genau kennen, sondern auch ihr verwandtschaftliches Umfeld, ihre fr&#252;heren Wohnsitze, Arbeitsstellen und vieles mehr. Mitunter dauerte es Jahre, ehe ein &#220;bersiedlungskandidat sein Pendant so genau kannte, dass er in dessen Haut schl&#252;pfen konnte. Und er hatte ihn zuvor mitunter um den halben Erdball verfolgt, ja oft zu ihm selbst Kontakt aufgenommen. Solcher Aufwand lohnte nat&#252;rlich nur, wenn man w&#252;sste, dass die zu kopierende Person die Absicht hatte, die Bundesrepublik f&#252;r immer zu verlassen. Wollte sie in die DDR &#252;bersiedeln &#8211; was selten genug vorkam, dann musste sicher­gestellt werden, dass sie einen Umzug innerhalb der Bundesrepublik vort&#228;uschte, ehe sie die Grenze nach Osten &#252;berschritt. Am Umzugsort tauchte dann der Doppelg&#228;nger auf und &#252;bernahm die Rolle der ausgereisten Person. Bei Abmeldungen ins Ausland erwies sich der Doppelg&#228;nger als baldiger R&#252;ckkehrer, der aber &#8211; aus verst&#228;ndlichen Gr&#252;nden &#8211; an einem anderen Ort als zuvor seinen Wohnsitz nahm. Waren derartige Absichten bekannt, dann konnte ein geeigneter Aufkl&#228;rer ganz gezielt auf eine solche Doppelg&#228;ngerrolle hin ausgebildet werden, was des ungeheuren Aufwands wegen jedoch nur selten praktiziert wurde.</p>
<p>In der Regel wurde weitaus unkomplizierter vorgegangen. F&#252;r illegale Reisen von IM aus der DDR ins Bundesgebiet gen&#252;gte einfach das Duplikat des Passes eines realen bundesdeutschen B&#252;rgers, das beim heutigen Stand der Technik relativ leicht hergestellt werden konnte. Das gilt &#252;brigens auch f&#252;r die sogenannten f&#228;lschungssicheren Ausweise, die den Technikern der HVA nur solange ein Geheimnis waren, solange sie die Technologie ihrer Herstellung nicht kannten. Nat&#252;rlich durfte bei einer Reise mit solch einem Doppelg&#228;nger-Pass nichts Unvorhergesehenes passieren. Das ARD-Fernsehen schilderte einmal in einem »Tatort«-Krimi &#252;ber die DDR-Spionage einen Verkehrsunfall, bei dem die Familie des Opfers &#252;ber das traurige Ereignis informiert werden sollte &#8211; und da stand pl&#246;tzlich der vermeintlich Verungl&#252;ckte quickleben­dig vor den Polizisten.</p>
<p>So bestechend die Doppelg&#228;nger-Variante aussieht und so gut sie sich vielleicht in einem Spionageroman macht, so problema­tisch ist sie jedoch f&#252;r die tats&#228;chliche operative Arbeit. Denn sie funktioniert nur, wenn die eigentliche Originalperson nicht pl&#246;tz­lich ins Blickfeld wie auch immer gearteter Interessenten ger&#228;t. Selbst wenn jemand nach Argentinien, Brasilien oder Uruguay ausgewandert ist, kann man nicht sicher sein, ob ein entfernter Verwandter nicht pl&#246;tzlich auf die Idee kommt, Ahnenforschung zu betreiben und auch nach jenem Verwandten zu fahnden, von dem er dann &#252;berrascht erf&#228;hrt, dass er gar nicht auf dem amerikanischen Subkontinent lebt, sondern nur einige Kilometer entfernt in einer deutschen Stadt. Vielleicht kommt der Betreffende auch einmal auf Besuch in seine alte Heimat und st&#246;&#223;t auf Spuren seiner selbst aus j&#252;ngster Zeit, was ihn gewiss stutzig machen wird. Vielleicht ben&#246;tigt er auch wegen Scheidung, Heirat oder aus anderen Gr&#252;nden Personalpapiere, die er zu Hause anfordert, was die Meldebeamten ins Gr&#252;beln bringen d&#252;rfte.</p>
<p>Jede Datenerfassung &#8211; und diese haben heutzutage Konjunktur &#8211; birgt die Gefahr der Enttarnung, und es ist unm&#246;glich, alle diese Eventualit&#228;ten unter Kontrolle zu halten. Bei wochen-, monate-, gar jahrelangen Aufenthalten in der Fremde ist es unvermeidlich, dass die so genannten kleinen Personalien ab und zu erfasst werden, und niemand wei&#223;, was mit ihnen weiter geschieht. Zwar beschaffte die HVA regelm&#228;&#223;ig die aktuellen Fahndungsb&#252;cher und konnte so &#252;berpr&#252;fen, ob Doppelg&#228;nger darin auftauchten. Anhand der Schl&#252;sselnummern war sogar feststellbar, warum m&#246;glicherweise gefahndet wurde. Aber all das forderte viel Kraft, und es war immer wieder abzuw&#228;gen, ob der Aufwand f&#252;r die Abdeckung nicht gr&#246;&#223;er wurde als der Nutzen aus der darauf basierenden eigentlichen operativen Arbeit.</p>
<p>Daher wurde die Doppelg&#228;nger-Variante auch nie zur Haupt­methode der Tarnung eines IM im Operationsgebiet. Im Gegenteil, viele HVA-Mitarbeiter nutzten f&#252;r ihre »Inoffiziellen« lieber fiktive Papiere. Sie waren in der Qualit&#228;t der F&#228;lschung so perfekt, dass lediglich gr&#252;ndliche Tiefenuntersuchungen zur Enttarnung ihres Benutzers f&#252;hren konnten. Au&#223;erdem war m&#246;glich, viertel- oder halbfiktive Dokumente herzustellen, bei denen ein Teil der Anga­ben richtig war und nur ein anderer Teil falsch. Sie verschafften in der Regel gr&#246;&#223;ere Sicherheit.</p>
<p>Die Spionage der HVA stand in einem besonderen Zwang, immer neue Finten der Camouflage auszudenken, weil ihr andere M&#246;glichkeiten der Beschaffung nachrichtendienstlicher Informa­tionen lange Zeit verwehrt schienen. Alle bedeutenden Geheim­dienste der Welt arbeiten mit sogenannten legalen Residenturen, d. h. speziellen Mitarbeitern, die an Botschaften, Gesandtschaften, Handelsvertretungen oder Firmenfilialen angeschlossen sind. Dadurch oft diplomatische Immunit&#228;t genie&#223;end, bearbeiten diese Spione im Frack die politischen, milit&#228;rischen und wirtschaftlichen Kreise des jeweiligen Gastlandes. Ein gro&#223;es Risiko gehen viele dieser Aufkl&#228;rungsbeamten nicht ein; sie beschr&#228;nken sich oft darauf, Gespr&#228;chspartner »abzusch&#246;pfen« und aus diesem Wissen &#8211; kombiniert mit offiziellen Erkenntnissen &#8211; dann mehr oder weniger kluge Analysen zu erarbeiten.</p>
<p>Aufgrund der Hallstein-Doktrin waren der DDR solche M&#246;g­lichkeiten lange Jahre versagt, und sie musste sich voll und ganz auf die illegale Linie konzentrieren. Das war eine st&#228;ndig neue Heraus­forderung vor allem an die Konspiration der Arbeit, was sich ohne Zweifel g&#252;nstig auf die Professionalit&#228;t und Perfektion der HVA-Operationen auswirkte. So war schon in den 50er Jahren das weltweit bekannte nicht entzifferbare Chiffriersystem auch der DDR verf&#252;gbar, in das die Abwehrorgane der Bundesrepublik letztlich nur durch &#220;berl&#228;ufer eindringen konnten und dann auch nur auf deren Wissen begrenzt blieben. Das Verbindungssystem &#252;ber Funk wurde ausgebaut, und noch heute d&#252;rften &#8211; nun vielleicht schon unbrauchbar &#8211; Funkger&#228;te in diversen Verstecken zwischen Fehmarn und Bodensee lagern.</p>
<p>Unersch&#246;pflich waren die Ideen zur Schaffung unentdeckbarer Transportcontainer (TBK) zur Material&#252;bermittlung. Die klassi­sche Form der Tasche oder des Koffers mit versteckten Seiten­f&#228;chern oder doppeltem Boden verlor zwar nie ihre Bedeutung, doch wurden hochbrisante Materialien nicht selten auch an verbor­genen, intimen Stellen des K&#246;rpers versteckt. Mit der Mikro­filmtechnik wurden die Container immer kleiner. Manschetten­kn&#246;pfe oder Feuerzeuge, Puderd&#246;schen oder Zahnpastatuben waren bald beliebte Varianten, aber auch den gegnerischen Abwehrleuten entgingen solche M&#246;glichkeiten nicht. Zeitweilig setzte man auf Vernichtungscontainer, die belastende Beweise beseitigen sollten, indem bei unsachgem&#228;&#223;er &#214;ffnung eine Brand- oder S&#228;urekapsel zersprang und das Material zerst&#246;rte. Profis unter den Aufkl&#228;rern trugen jedoch ihr Material am liebsten ganz normal bei sich, mitunter sogar offen unter dem Arm, weil man gerade das am wenigsten erwartete. Ein h&#228;ufig genutztes Verfahren der Nachrich­ten&#252;bermittlung waren »Tote Briefk&#228;sten« in Z&#252;gen, sogenannte Zug-TBK. Hierzu wurde der zwischen beiden deutschen Staaten recht rege Reiseverkehr ausgenutzt, indem man in Waggons der Deutschen Reichsbahn an festgelegten, unauff&#228;lligen Stellen Ma­terial deponierte, das nach der Grenzpassage entnommen werden konnte.</p>
<p>Eine gro&#223;e Rolle spielte im nachrichtendienstlichen Gesch&#228;ft der HVA auch die langfristige Planung von Operationen. Sie hatte da ihren Sinn, wo sie nicht zum Dogma wurde und die unbedingt erforderliche Improvisation einschr&#228;nkte. Unter den spezifischen Bedingungen der DDR stand immer dringlicher die Aufgabe, Kundschafter im Lager des Gegners selbst zu entwickeln. Einmal durch langfristige Arbeit, durch die IM in interessante Objekte der Politik (Regierung, Parteien, Gro&#223;organisationen usw.), der Wirt­schaft (Verb&#228;nde, Konzerne, Forschungszentren, R&#252;stungsbetriebe u. &#228;.), des Milit&#228;rs (St&#228;be, Kommandostellen, Kasernen) und nat&#252;r­lich der gegnerischen Geheimdienste eingeschleust wurden, zum anderen durch die »Herauswerbung« solcher Personen aus diesen Objekten. F&#252;r die Einschleusung wurden sogenannte Per-spektiv-IM entwickelt. Dies waren junge Leute in der Ausbildung, die bereits fest angeworben wurden und ihren weiteren beruflichen Weg immer in Abstimmung mit der Zentrale verfolgten. So wurde aus dem Physikstudenten vielleicht eines Tages der Etagenchef eines R&#252;stungskonzerns, aus dem Sprachsch&#252;ler ein Dolmetscher auf internationalen Tagungen. Solche Perspektiv-Agenten gingen durchaus oft ihren eigenen Weg; die Kunst ihrer F&#252;hrung bestand darin, die pers&#246;nlichen Vorstellungen mit den Interessen der HVA in &#220;bereinstimmung zu halten. Die Zentrale unterst&#252;tzte nat&#252;rlich ihren Nachwuchsmann auf seinem Weg nach oben und lenkte ihn dabei behutsam entsprechend ihren W&#252;nschen. Das war nicht immer einfach, denn besonders private Anliegen lie&#223;en sich mit dem nachrichtendienstlichen Erfordernis oft schwer in &#220;berein­stimmung bringen. Der Spion in spe wollte heiraten, doch die Auserw&#228;hlte hatte wenig Verst&#228;ndnis f&#252;r sein konspiratives Tun. Die Agentin w&#252;nschte sich ein Kind, schied dadurch aber f&#252;r lange, wenn nicht f&#252;r immer aus der operativ ergiebigen Position aus. Nicht wenige Verbindungen sind so wieder zerrissen. Gelang es aber, solche Probleme im Einvernehmen zu bew&#228;ltigen, dann st&#228;rkte das wiederum die gegenseitige Beziehung, die sich m&#246;g­licherweise &#252;ber Jahrzehnte hin als haltbar erwies.</p>
<p>Ebenso erfolgversprechend, aber &#228;hnlich langwierig war die Methode des »Herauswerbens«. Damit konnten bei Spitzenobjekten in der Regel keine ehemaligen DDR-B&#252;rger beauftragt werden, sondern f&#252;r solche Karrieren waren Leute zu finden, die eine lupenreine Vergangenheit in der Bundesrepublik hatten. Auf der Suche nach ihnen nutzte die HVA zun&#228;chst den Besucherverkehr, der sich vor allem nach dem Mauerbau am 13. August 1961 in streng kontrollierten Bahnen vollzog. Und die DDR-Aufkl&#228;rung hatte vollen Zugriff auf diese Daten. In der Hauptabteilung VI des MfS wurden alle grenz&#252;berschreitenden Bewegungen registriert und im Computer gespeichert; auf Antrag konnten dort interessie­rende Informationen, wie Reiseziele, Reisetermine, mitreisende Personen, Kfz-Kennzeichen und &#228;hnliches, &#252;ber einen l&#228;ngeren Zeitraum hin abgerufen, aber auch Auftr&#228;ge erteilt werden, auf welche Personen beim Grenz&#252;bertritt besonderes Augenmerk zu richten sei. So kam es, dass schon lange vor Einreise eines West-Besuchers in den B&#252;ros der HVA nachgedacht wurde, ob sich bei ihm eine Ansprache lohne und wie man gegebenenfalls vorgehen k&#246;nne. Nicht wenige Bundesb&#252;rger haben dann ja auch die Erfah­rung gemacht, dass fremde, aber oft recht freundliche Herren w&#228;hrend ihres DDR-Aufenthaltes das Gespr&#228;ch mit ihnen suchten, Fast regelm&#228;&#223;ig d&#252;rfte es sich dabei um Aufkl&#228;rer der HVA &#8211; oder der Armeeaufkl&#228;rung im Ministerium f&#252;r Nationale Verteidigung, einer Art Konkurrenzunternehmen der Aufkl&#228;rung, oder eines anderen auf dem Territorium der DDR operierenden Geheimdien­stes &#8211; gehandelt haben.</p>
<p>Diese Methode war zwar einfach und risikolos, jedoch auch nicht sehr effektiv. Die meisten der Angesprochenen rochen den Braten und lehnten freundlich dankend ab, zumal dann, wenn der Werber allzu plump auftrat. Einige gingen &#8211; in Sorge um ihre R&#252;ckkehr in den Westen &#8211; zum Schein auf die Avancen ein, um sich dann aber sofort ihrem Arbeitgeber oder gleich dem Verfassungs­schutz zu offenbaren. Und wer dennoch mitmachte &#8211; einige aus Abenteuerlust, andere vielleicht sogar aus &#220;berzeugung, viele nur wegen des zugesagten Nebenverdienstes -, konnte zumeist nicht in die wirklich sensiblen Bereiche gelangen, die f&#252;r die HVA interessant waren. Denn allein durch ihren DDR-Kontakt waren ihnen oft bestimmte Aufstiegsm&#246;glichkeiten verbaut. Wer enge Verwandte im Osten hatte oder allzu h&#228;ufig in die DDR reiste, wurde leicht als Sicherheitsrisiko eingestuft.</p>
<p>Gerade in den 70er und 80er Jahren haben alle westlichen Staaten ihre Sicherheitsbestimmungen auf dem Personalsektor ausgebaut. Personalfrageb&#246;gen enthielten obligatorisch Fragen nach Verwandten im Osten und Reisen hinter dem »eisernen Vorhang«. Die Angaben dazu wurden peinlich genau &#252;berpr&#252;ft, was die Einstellungsfristen f&#252;r Bewerber erheblich verl&#228;ngerte. Und an besonders schutzw&#252;rdigen Stellen wurden Sicherheits­stufen eingef&#252;hrt, bei deren Erreichen wieder neue Ermittlungen begannen. Lagen die Ergebnisse vor, zu deren &#220;berpr&#252;fung auch B&#252;rgen befragt wurden, fand ein Gespr&#228;ch statt, in dem man versuchte, vermeintliche oder tats&#228;chliche Widerspr&#252;che aufzukl&#228;­ren. Solche Gespr&#228;che wurden von erfahrenen Personalarbeitern gef&#252;hrt und waren mit zahlreichen Fangfragen gespickt. G&#252;nter Guillaume wurde vor seiner Einstellung im Kanzleramt sogar von dessen damaligem Chef Horst Ehmke in die Mangel genommen. Diese zwei Stunden nannte Guillaume sp&#228;ter die schwierigsten seiner Laufbahn, denn er wurde einer »Schockbefragung« (Illu­strierte »Stern«) unterzogen. Der als Zeuge anwesende Geheimschutzbeauftragte des Kanzleramtes sagte sp&#228;ter aus: »Der Herr Minister hat Herrn Guillaume mit Fragen regelrecht berannt, ohne Schonung!«</p>
<p>Dennoch ist es immer wieder gelungen, auch solche H&#252;rden zu &#252;berspringen. Einmal dadurch, da&#223; sich der Kundschafter durch entsprechendes Training auf diese Situation gr&#252;ndlich vorbereitet hatte und sie so &#252;berstehen konnte. Seine Selbstsicherheit, seine Anpassungsf&#228;higkeit an die Erwartungen des Personalchefs bis hinein in &#196;u&#223;erlichkeiten konnten dazu beitragen. Mehr noch aber eine entsprechende Vorarbeit in der betreffenden Institution, durch die die Bewerbung auf schon vorhandenes Wohlwollen stie&#223;. Dabei handelte es sich zumeist um die Empfehlung eines bereits dort T&#228;tigen, m&#246;glichst mit solidem Ansehen. Diese so genannte Blickfeldarbeit war daher ein wesentlicher Bestandteil des operativen Vorgehens der HVA.</p>
<p>Es wurde also immer notwendiger, Werbungen k&#252;nftiger Spione an Ort und Stelle, im sogenannten Operationsgebiet &#8211; f&#252;r die HVA war das in erster Linie die Bundesrepublik &#8211; vorzunehmen. Dazu brauchte man qualifizierte Werber, die zun&#228;chst ausschlie&#223;lich aus der DDR selbst kamen. Hier wurden sie gr&#252;ndlich ausgebildet, auch mit psychologischen Kenntnissen versehen, und dann oft relativ langfristig eingesetzt. Sie mussten zun&#228;chst das Zielobjekt aufkl&#228;ren, von der territorialen Lage bis zum Personalbestand, und dazu rekrutierten sie Kr&#228;fte aus dessen unmittelbarer Umgebung. Diese gingen noch kein sehr gro&#223;es Risiko ein, sollten sie doch nicht selbst ins Objekt eindringen, sondern lediglich &#252;ber den Besucher- und Postverkehr, vielleicht auch &#252;ber das Dienstreise­regime und interessante personelle Fakten berichten.</p>
<p>Die eigentliche Arbeit begann, wenn der Werber, mit all dem angesammelten Wissen versehen, auf den Plan trat. Er nahm eine oder mehrere geeignete Personen ins Visier und begann nun seinerseits mit deren intensivem Studium. Je mehr er &#252;ber seine Zielpersonen wusste, um so sicherer konnte er den Erfolg einer Werbung prognostizieren. In vielen F&#228;llen wurde auf eine Weiterarbeit verzichtet, weil die Erfolgschancen gering waren. Dort aber, wo gute Aussichten bestanden, musste der Werber daf&#252;r sorgen, dass die Anbahnung eines Kontaktes total unverf&#228;nglich war, nicht den leisesten Verdacht erregte. Das erforderte viel Kleinarbeit, vor allem die exakte Kenntnis des Regimes im und um das Objekt, vor allem hinsichtlich der Personalfluktuation. Woher kamen neue Mitarbeiter? Wohin gingen Ausgeschiedene? Was konnten K&#252;ndi­gungsgr&#252;nde sein? Aber auch: Wo wohnten die Angestellten? Auf welchem Wege kamen sie an ihren Arbeitsplatz, wie wieder nach Hause? Wo verbrachten sie ihre Freizeit? Gab es untereinander auch nach dem Dienst Kontakt? Wo und wie fand er statt? Zur Beantwortung solcher Fragen wurde geradezu akribisch vorgegan­gen. Mit Hilfe der von HVA-Aufkl&#228;rern beschafften Telefon- und Adressb&#252;cher der NATO und einem Stadtplan von Br&#252;ssel konnte beispielsweise genau festgestellt werden, wo die Bediensteten des Nordatlantikpaktes konzentriert waren; ihre Wohnungen wurden auf diese Weise sogar auf der Karte markiert. Und da hinein, wo die Markierungen am dichtesten waren, pflanzte der zust&#228;ndige Leiter seinen Bleistift und sagte: »Hierhin zieht unser Werber!« Damit war sichergestellt, da&#223; er auf ganz normale Weise &#8211; in Restaurants, beim Einkauf, in Beh&#246;rden &#8211; Kontakte ankn&#252;pfen konnte, die f&#252;r die Sicherheitskontrolleure nichts Ungew&#246;hnliches hatten. Das alles war nat&#252;rlich sehr aufwendig, und da der Werber aus der DDR kam, letztlich doch mit dem Risiko behaftet, dass Verbindungen der Zielperson zum Osten nachgewiesen werden konnten. Relativ zeitig wurde deshalb die Methode »Werber wirbt Werber« entwickelt. Ihr Grundgedanke bestand darin, dass der Werber aus der DDR nicht unmittelbar auf ein interessierendes Objekt angesetzt wurde, sondern sich seinerseits geeignete Personen aus dessen Umfeld suchte, die dann als die eigentlichen Werber agieren konnten. Auch das setzte nat&#252;rlich einen langen Aufenthalt des DDR-Werbers in der Bundesrepublik oder im Ausland voraus, wobei die Legende aber so unverf&#228;nglich war, dass er durch sie kaum in den Gesichts­kreis der Abwehrorgane geriet.</p>
<p>Beispielsweise gelang es einem solchen Werber, vielleicht einem Lehrer aus der DDR, sich als Experte f&#252;r p&#228;dagogisch wertvolles Kinderspielzeug auszugeben, der die Absicht verfolgte, mit seinen Ideen und Vorstellungen auf den europ&#228;ischen Markt vorzudringen. Das erm&#246;glichte ihm, sich am Einsatzort ein Untermieterzimmer zu nehmen und sich l&#228;ngere Zeit unauff&#228;llig im Operationsgebiet aufzuhalten. Nun suchte er zun&#228;chst sprachge­wandte Mitarbeiter, die ihm helfen sollten, entsprechende Werbe­schriften zu &#252;bersetzen. Das gelang relativ leicht, denn an Universit&#228;ten und Hochschulen gibt es viele Interessenten f&#252;r Neben­besch&#228;ftigungen &#8211; zumal dann, wenn sie gut bezahlt werden. Nat&#252;rlich kam er mit solchen Bewerbern ins Gespr&#228;ch, erkundete ihre Pers&#246;nlichkeit, ihre politischen Einstellungen. Davon ausgehend vertiefte er bei dem einen oder anderen den Kontakt allm&#228;hlich &#8211; durch die Einladung zu gemeinsamen Reisen in die damaligen sozialistischen L&#228;nder, dortige »zuf&#228;llige« Begegnungen mit inter­essanten Personen usw. Es entstand ein Vertrauensverh&#228;ltnis, das an einem bestimmten Punkt mit der Offenbarung des Werbers konfrontiert werden konnte. Das war dann erfolgreich, wenn es sich um eine im grunds&#228;tzlichen politisch gleichgesinnte Person handelte, deren Hauptmotiv f&#252;r die Unterst&#252;tzung der HVA ideolo­gische N&#228;he zum Osten war. Die Sympathien bei vielen links­gerichteten Bundesb&#252;rgern f&#252;r die politischen und sozialen Ziele der DDR waren &#252;ber lange Zeit nicht unerheblich, und auf dieser Basis gelang es immer wieder, geeignete Personen zu gewinnen. Dass materielle »Argumentationshilfen« hinzutraten, ist selbstver­st&#228;ndlich, reichte aber f&#252;r die Motivierung eines solchen Werbers im Operationsgebiet in der Regel nicht aus, denn f&#252;r dessen Aufgabe wurde eine bestimmte innere Anteilnahme, eigenst&#228;ndiges kreatives Vorgehen ben&#246;tigt.</p>
<p>Hatte sich der Werbekandidat aus der BRD schlie&#223;lich bereit erkl&#228;rt, dann konnte er &#8211; von Herkunft und Entwicklung her v&#246;llig unverd&#228;chtig &#8211; damit beginnen, seiner­seits gezielte Kontakte zu den Mitarbeitern des ins Auge gefassten Ministeriums, der interessierenden Bundeswehreinheit, einer Bot­schaft usw. herzustellen. Der Werber aus der DDR stand ihm dabei weiter beratend zur Seite, und wenn dieser seine Aufenthaltslegende in der Bundesrepublik gut abgesichert hatte, dann bedeutete das auch keine Gefahr. Zu einer solchen Absicherung gen&#252;gten schon Empfehlungsschreiben von Firmen, die mit seiner vorgeblichen T&#228;tigkeit etwas zu tun hatten. Diese wurden zumeist von ganz anderen Personen beschafft, wobei der DDR ihre Behinderung in internationalen Handelsgesch&#228;ften paradoxerweise insofern zugute kam, als mancher Unternehmer einfach aus einem Gef&#252;hl der Fairness heraus solche Erkl&#228;rungen ohne weitere Pr&#252;fung zur Verf&#252;gung stellte. Der Spielzeugexperte zum Beispiel konnte auf eine rege Korrespondenz mit Partnern in Norditalien verweisen, die als Empfehlung schon ausreichte und von niemandem genauer hinterfragt wurde.</p>
<p>Die operativen Erfolge der DDR-Aufkl&#228;rung basierten also zu einem wesentlichen Teil auf der geschickten Nutzung der politi­schen Situation und einer intensiven und geduldigen Kleinarbeit, die oftmals Jahre in Anspruch nahm. Allein die Etablierung eines Werbers aus der DDR konnte ein bis zwei Jahre dauern; hinzu kam die Werbung des BRD-Werbers und dessen Bem&#252;hen um die eigentliche Quelle im Objekt. Nicht selten vergingen f&#252;nf Jahre, ehe die Gesamtoperation von Erfolg gekr&#246;nt war &#8211; ein aufwendiger und daher auch nicht allzu h&#228;ufig beschrittener Weg.</p>
<p>Die Werbung eines Aufkl&#228;rers auf der Basis politisch-ideologi­scher Gemeinsamkeiten war gewisserma&#223;en der K&#246;nigsweg der DDR-Spionage. Er funktionierte auch so lange, wie der ostdeut­sche Staat ein gewisses Ansehen genoss und er international &#252;ber seine inneren Verh&#228;ltnisse hinwegt&#228;uschen konnte. Jedoch schon in den 60er Jahren wurde das immer schwieriger, und vor allem das Eindringen in wichtige Objekte der Bundesregierung, der staats­tragenden Parteien, aber auch der NATO und &#228;hnlicher Gremien verlangte immer h&#228;ufiger das Vorgehen »unter fremder Flagge«. Dies bedeutete, dass der Aufkl&#228;rer seinem Gegen&#252;ber einen anderen als den tats&#228;chlichen Auftraggeber vorspiegelte. Denn mancher Beamte, mancher Angestellte einer sensiblen Beh&#246;rde war zwar aus Ver&#228;rgerung &#252;ber bestimmte politische Entscheidungen oder gar die Grundtendenz der Politik bereit, dagegen etwas auch mit konspirativen Mitteln zu tun, nicht aber f&#252;r einen &#246;stlichen Geheimdienst. Voraussetzung auch einer solchen Werbung war Kenntnis &#252;ber die latente Bereitschaft einer interessanten Person, vielleicht des Attachés einer Botschaft, Interna aus dem eigenen Arbeitsbereich zu verraten &#8211; entweder aus den genannten politischen Gr&#252;nden oder um sich ein kleines Zubrot zu verdienen. Politische Gr&#252;nde ergaben sich meist aus Differenzen zwischen einzelnen Staaten. So bot sich Ende der 60er Jahre, als Frankreich aus der milit&#228;rischen Integration der NATO austrat, dieses Thema f&#252;r Werbungen »unter fremder Flagge« an. Es war einsichtig, dass sowohl die Franzosen die Auffassung ihrer B&#252;ndnispartner &#252;ber diesen Schritt kennenlernen wollten als auch die Amerikaner, aber auch die Deutschen, die Engl&#228;nder und andere brennendes Interes­se an den Motiven und m&#246;glichen weiteren Aktionen de Gaulles hatten. Die Vorspiegelung, ein Geheimdienst aus einem dieser L&#228;nder sei um politische, milit&#228;rstrategische oder auch wissen­schaftlich-technische Informationen (zum Beispiel zur von Frank­reich entwickelten Force de frappe) bem&#252;ht, erstaunte niemanden und bot eine g&#252;nstige Voraussetzung f&#252;r die Werbung. Nat&#252;rlich stellt ein solches Vorgehen hohe Anforderungen, einmal hinsicht­lich einer telefonischen oder direkten pers&#246;nlichen Verbindung, die keinerlei Hinweis auf die DDR zulassen durfte, vor allem aber in bezug auf eine glaubw&#252;rdige Aufgabenstellung. Sie m&#252;sste sich notgedrungen auf solche Fragen beschr&#228;nken, die zum Beispiel f&#252;r die Bundesrepublik interessant waren, w&#228;hrend das spezifische Informationsinteresse der DDR nur mittelbar, &#252;ber diesen Umweg befriedigt werden konnte. Das verlangte sehr intime Kenntnis der franz&#246;sischen wie der bundesdeutschen Politik und der Besonder­heiten der deutsch-franz&#246;sischen Beziehungen. Und dennoch war nicht auszuschlie&#223;en, dass der Partner misstrauisch wurde und eigene Ermittlungen &#252;ber die Person des Werbers anstellte &#8211; mit allen sich daraus ergebenden Gefahren.</p>
<p>Andererseits gab es in der Arbeit mit »fremden Flaggen« aber auch erleichternde Elemente. Da als Hintergrund fast immer ein Geheimdienst angegeben wurde, war f&#252;r den Partner Konspiration selbstverst&#228;ndlich. Er fand nichts dabei, dass mit Decknamen, Deckadressen und Decktelefonen gearbeitet wurde, Treffs in Gast­st&#228;tten stattfanden und Gelder bar &#252;bergeben wurden &#8211; alles Dinge, die f&#252;r offizielle Kontakte nicht in Frage kamen oder zumindest ungew&#246;hnlich waren. &#220;berpr&#252;fungsma&#223;nahmen waren dadurch erschwert; der Angeworbene fast ausschlie&#223;lich gezwungen, seinem Partner zu glauben. Die HVA war in ihrer Arbeit mit »fremden Flaggen« immer bem&#252;ht, einen m&#246;glichst progressiven Hintergrund zu w&#228;hlen, auch wenn konservativere Kreise f&#252;r die Aufkl&#228;rung durch einen westlichen Geheimdienst eine oft glaubw&#252;rdigere Abdeckung boten. Doch die fortschrittlichere Variante lie&#223; dem HVA-Werber mehr eigenen Spielraum, war ihm nat&#252;rlich vertrau­ter als konservatives Denken &#8211; und au&#223;erdem war es leichter, von dieser Basis zu einer sp&#228;teren Offenbarung des wahren Bezugs­partners zu kommen. Dies war zwar immer das Ziel; es konnte jedoch meist nicht verwirklicht werden. Da, wo es dennoch gelang, entstand in der Regel eine sehr stabile, langdauernde Beziehung. Andererseits war die Methode der »fremden Flagge« aber mit einer besonderen Gefahr verbunden. Wenn der Partner zur Unzeit herausbekam, mit wem er es tats&#228;chlich zu tun hatte, konnte es passieren, dass er sich dem Abwehrdienst seines Landes offenbarte und fortan als Doppelagent f&#252;r beide Seiten arbeitete.</p>
<p>So bestechend also auch diese Methode zun&#228;chst aussieht, ist ihre Handhabung doch au&#223;erordentlich schwierig und verlangt vom Aufkl&#228;rer nicht nur ein hohes Ma&#223; an Einf&#252;hlungsverm&#246;gen in die Denkweise seines westlichen »Kollegen«, sondern auch viel Phantasie und Flexibilit&#228;t. Nicht oft ist es gelungen, diese Eigen­schaften in der erforderlichen Weise zu mobilisieren, obwohl gerade in den 70er und 80er Jahren gro&#223;e Anstrengungen unter­nommen wurden, &#252;ber »fremde Flaggen« an Informationen heran­zukommen. Denn bereits damals war die Neigung im Schwinden, f&#252;r den Nachrichtendienst eines Landes zu arbeiten, das in seiner Politik international anerkannte Grundprinzipien allzu leicht mi&#223;­achtete.</p>
<p>Dennoch: Die professionellen F&#228;higkeiten der DDR-Spione f&#252;hrten zu einer Reihe von spektakul&#228;ren, aber auch weniger bekannt gewordenen Erfolgen. Sie machten &#252;ber lange Jahre den Nimbus der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung aus und verdeckten damit die system-immanenten Schw&#228;chen und M&#228;ngel, die letztlich dazu beitrugen, dass auch dieser Dienst im Umbruch der Jahre 1989/90 zugrunde ging.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil I)</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Jul 2010 20:20:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#220;ber Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft und Hitzewelle ist ein nicht ganz unwichtiges historisches Datum ziemlich in Vergessenheit geraten – die endg&#252;ltige Aufl&#246;sung der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung (HVA) Ende Juni vor 20 Jahren. Vom 25. Juni 1990 datiert ein »Abschlussbericht &#252;ber die Aufl&#246;sung der ehemaligen HVA«; er beschreibt b&#252;rokratisch-gesch&#228;ftsm&#228;&#223;ig die Abwicklung eines Spionagedienstes, den seine Gegner einst zu einem der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#220;ber Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft und Hitzewelle ist ein nicht ganz unwichtiges historisches Datum ziemlich in Vergessenheit geraten – die endg&#252;ltige Aufl&#246;sung der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung (HVA) Ende Juni vor 20 Jahren. <span id="more-1746"></span>Vom 25. Juni 1990 datiert ein <a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank"><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/d25625f4d1064cbfa348e4a4af3677dc" alt="" width="1" height="1" />»Abschlussbericht </a><a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank">&#252;b</a><a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank">er</a><a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank"> die Aufl&#246;sung der ehemaligen HVA«</a>; er beschreibt b&#252;rokratisch-gesch<a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1751" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>&#228;ftsm&#228;&#223;ig die Abwicklung eines Spionagedienstes, den seine Gegner einst zu einem der erfolgreichsten der Welt erkl&#228;rten und um den sich bis heute ungez&#228;hlte Legenden ranken. Dieser fast vergessene Jahrestag sollte Anlass sein, eine fr&#252;h erschienene Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, erneut verf&#252;gbar zu machen – das Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress. Nach einer Art <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/01/15/vor-20-jahren-sturm-auf-die-stasi-zentrale/" target="_blank">Prolog</a>, der an dieser Stelle bereits publiziert wurde, ging der Blick zur&#252;ck zu den Anf&#228;ngen:</p>
<h2>Geheimes in der Tschaikowskistra&#223;e</h2>
<p>An einem Dezembertag des Jahres 1951 traf sich in Berlin eine kleine Gruppe vom Sekretariat des ZK der SED sorgf&#228;ltig auserw&#228;hlter Kommunisten, von denen die meisten &#252;ber eine oftmals langj&#228;hrige Erfahrung in der geheimen Arbeit f&#252;r die Partei verf&#252;gten. Sie hatten die Aufgabe, einen neuen, streng konspirativ arbeitenden Informationsdienst zu schaffen, der den unverf&#228;ng­lichen Namen »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« (IWF) tragen sollte.</p>
<p>Stellt man diese Entscheidung in den politischen Kontext jener Zeit, so erkennt man unschwer, dass die Bildung dieses geheimen DDR-Nachrichtendienstes, also des Vorl&#228;ufers der Hauptverwal­tung Aufkl&#228;rung, ein typisches Produkt sowjetischer Machtpolitik war und voll in der Logik des immer heftiger werdenden Kalten Krieges lag. Sie stand am Ende einer Phase der deutschen Nach­kriegsgeschichte, in der es durchaus noch einmal eine Chance auf Vereinigung der gerade entstandenen deutschen Staaten gegeben hatte.</p>
<p>Es ist mittlerweile gesicherte Erkenntnis der Historiker, dass die westdeutsche Politik in der zweiten H&#228;lfte der 40er Jahre mitnich­ten die Vereinigung Deutschlands im Auge hatte, sondern zun&#228;chst und vor allem die Integration der linkselbischen Besatzungszonen und der sp&#228;teren Bundesrepublik Deutschland in das westliche System. Verb&#252;rgt ist Adenauers Ausspruch, er wolle lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb &#8211; was soviel hie&#223;, dass er jeglichem Neutralit&#228;tsgedanken abhold war. F&#252;r ihn hatte eine »Politik der St&#228;rke« Priorit&#228;t, die dem von ihm erstrebten (Teil-)Deutschland politische Freiheit und wirtschaft­liche Prosperit&#228;t geben sollte &#8211; und damit zugleich einen Sog schaffen, durch den der &#246;stliche Rest &#252;ber kurz oder lang an Westdeutschland angeschlossen werden k&#246;nne. Freiheit und Wirt­schaftswachstum aber waren nur im engen Verbund mit den westlichen Siegerm&#228;chten zu erreichen; au&#223;erdem boten diese auch die milit&#228;rische Sicherheit vor den stets ins Kalk&#252;l gezogenen Attacken der Stalinschen Sowjetunion.</p>
<p>Anders hingegen die DDR und die hinter ihr stehende Gro&#223;­macht. Beide konnten mit diesem Ergebnis des zweiten Weltkrieges nicht zufrieden sein. Der auf den kleineren Teil des fr&#252;heren Kriegsgegners Deutschland begrenzte Einfluss und die schon nicht mehr nur latente Gefahr der Einbeziehung der drei westlichen Besatzungszonen des besiegten Staates in die neue Ost-West-Frontstellung verschlechterten die strategische Situation der UdSSR und waren somit Ausgangspunkt ihrer Versuche, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln eine solche Entwicklung zu verhindern. Das war nur »auf kaltem Wege« m&#246;glich; Diplomatie und Druck sollten die Instrumente sein.</p>
<p>Die DDR startete in diesem Sinne 1950 eine ganze Reihe von Initiativen, die von vielen ihrer einzelnen Tr&#228;ger subjektiv durch­aus ehrlich gemeint gewesen sein m&#246;gen, objektiv aber Bestandteil der auf die allm&#228;hliche Einbeziehung ganz Deutschlands in ihren Machtbereich abzielenden sowjetischen Politik waren. Erinnert sei an Wilhelm Piecks Erkl&#228;rung vom 3. Januar 1950, einen Kongress der Nationalen Front in Westdeutschland einzuberufen, erinnert sei an das Deutschlandtreffen der Jugend zu Pfingsten in Berlin, erinnert sei auch an den Deutschen Nationalkongress, der im August des gleichen Jahres stattfand. In ihrer Agitation erhob die SED die Herstellung der Einheit Deutschlands zu einem »Beschluss«; all ihre Aktivit&#228;ten sollten Schritte zu dessen Umsetzung sein.</p>
<p>Die Bundesrepublik konnte derartigen Aktivit&#228;ten &#8211; aufgrund ihrer oben beschriebenen Grundhaltung &#8211; zun&#228;chst nur wenig entgegensetzen. Sie zog sich auf die vom amerikanischen Hohen Kommissar McCloy im Februar 1950 entwickelte Idee freier gesamtdeutscher Wahlen zur&#252;ck und stellte sie den &#246;stlichen Vorschl&#228;gen immer wieder entgegen &#8211; wohl wissend, hiermit eine Achillesferse des stalinistischen Systems zu treffen. Lange igno­rierte die DDR im Verein mit der Sowjetunion diese Forderung; erst im November des gleichen Jahres formulierte Ministerpr&#228;sident Otto Grotewohl im Zusammenhang mit dem Vorschlag zur Bildung eines Gesamtdeutschen Konsultativen Rates vorsichtig auch »die Vorbereitung der Bedingungen zur Durchf&#252;hrung einer gesamt­deutschen Wahl f&#252;r eine Nationalversammlung« als dessen Aufgabe.</p>
<p>Dass sich die DDR &#252;berhaupt so sehr auf die westdeutschen Vorstellungen einlie&#223;, ist wohl nur mit sowjetischem Druck zu erkl&#228;ren. Es gibt Spekulationen, dass Moskau m&#246;glicherweise schon damals und nicht erst mehr als ein Jahr sp&#228;ter mit der ber&#252;hmten Stalin-Note dem Gedanken etwas abgewinnen konnte, seine eigenen Machtpositionen in Ostdeutschland zugunsten eines Verzichts der Bundesrepublik auf absolute Westbindung zu beschr&#228;nken. Den Kommunisten in der DDR konnte das kaum recht sein, und so d&#252;rften sie &#252;ber die Ablehnung ihrer Vorschl&#228;ge durch die Bundesrepublik im Januar 1951 nicht allzu viel Verbitte­rung empfunden haben. Sie beeilten sich denn auch, auf dem 6. Plenum des ZK der SED im Juni 1951 den wiedererstandenen deutschen Imperialismus zur »Hauptgefahr f&#252;r den Frieden« zu erkl&#228;ren. Die DDR m&#252;sse allseitig gefestigt werden; der Kampf gegen den Imperialismus sei entschieden zu verst&#228;rken. Das verlange erh&#246;hte Anstrengungen von allen Parteimitgliedern, um die Arbeiterklasse und alle Werkt&#228;tigen zur Wachsamkeit zu erziehen, vor allem aber um alle Illusionen &#252;ber die Entwicklung der BRD auszur&#228;umen.</p>
<p>Auf politischer Ebene liefen dennoch die Bem&#252;hungen, die Bundesrepublik so weit wie m&#246;glich von der entstehenden westli­chen Allianz fernzuhalten, unvermindert weiter. Belege daf&#252;r waren offizielle Schreiben an den Deutschen Bundestag und den Bundespr&#228;sidenten mit entsprechenden Vorschl&#228;gen. Ungeachtet dessen wurden aber im Hintergrund die Sturmriemen f&#252;r eine neue Runde im Kalten Krieg bereits festgezurrt. Die Zusammenkunft der eingangs genannten konspirativen Runde im Dezember 1951 bewies an einem relativ untergeordneten Beispiel, dass der DDR-F&#252;hrung bei aller verbalen Unterst&#252;tzung sowjetischer Wiedervereinigungsideen der Sinn eher nach Abgrenzung und damit dem eigenen Machterhalt stand.</p>
<p>Die Entwicklung der zwei Jahre nach Gr&#252;ndung des in der Sowjetischen Besatzungszone entstandenen deutschen Staates hatte ihrer F&#252;hrung verdeutlicht, dass das Land st&#228;ndig sehr unterschied­lichen politischen Einfl&#252;ssen ausgesetzt war. Einerseits die Domi­nanz der Sowjetunion, der sie ihre Politik in allen Belangen</p>
<p>unterordnen musste. Andererseits aber der andere deutsche Staat, mit dem es nicht nur offene Grenzen, sondern auch auf vielen Ebenen &#8211; politischen wie privaten &#8211; noch intensive Kontakte gab. Der Informationsfluss allein durch die Kan&#228;le der Partei war l&#252;ckenhaft und unzuverl&#228;ssig. Nicht selten erhielt die F&#252;hrung falsche oder unzureichende Informationen; die Besatzungsm&#228;chte, aber auch die junge BRD nutzten diese Schw&#228;chen aus, um Meldungen zu lancieren, die politische Entscheidungen in gew&#252;nschte Richtungen pr&#228;judizieren konnten. Ganz besonders die Diskussionen um die Wiedervereinigung und sp&#228;ter &#252;ber den Generalvertrag der Bundesrepublik mit den Westm&#228;chten f&#252;hrten nicht selten zu Verunsicherung in der SED-F&#252;hrungsriege, die vor allem auf mangelnde Information zur&#252;ckzuf&#252;hren war.</p>
<p>Nicht zuletzt deshalb entstand hier die Idee zur Schaffung eines neuen Apparates, der dieses Informationsdefizit beseitigen konnte. In der zweiten Jahresh&#228;lfte 1951 begann insgeheim die Rekrutie­rung geeigneter Mitarbeiter. Neben erfahrenen SED-Kadern, die sp&#228;ter die Leitungsfunktionen &#252;bernehmen sollten, suchte man besonders junge Parteimitglieder, die bereits durch Engagement f&#252;r die SED aufgefallen waren. Gleichzeitig wurden auch konzeptio­nelle Arbeiten geleistet, und Ende 1951 konnte auf der genannten Zusammenkunft eine erste Bilanz gezogen werden.</p>
<p>Dort sa&#223;en dann schon jene M&#228;nner beisammen, die jahrzehnte­lang die Geheimdienstarbeit der DDR im Ausland und insbesondere im »Hauptoperationsgebiet BRD« bestimmen sollten: Markus Wolf, Robert Korb, Gerhard Heidenreich, Richard Stahlmann, Willy Wohl, Herbert Hentschke, Peter Scheib. Leiter war Anton Ackermann, damals Staatssekret&#228;r im Ministerium f&#252;r Ausw&#228;rtige Angelegenheiten. Diese Zuordnung verwies darauf, dass der neue Nachrichtendienst zun&#228;chst als verborgenes Organ der Au&#223;enpoli­tik gedacht war und nach strengen Regeln der Konspiration aufgebaut werden sollte.</p>
<p>Die meisten der f&#252;hrenden K&#246;pfe der gerade geborenen DDR-Aufkl&#228;rung hatten ihre Erfahrungen entweder in der illegalen Arbeit der KPD oder im Exil in der Sowjetunion gesammelt; einige waren auch in die Umsetzung der Stalinschen Politik aktiv einbe­zogen gewesen. So arbeitete Korb einige Zeit als Sekret&#228;r der Komintern/Kominform in Moskau; er besa&#223; exzellentes Fakten­wissen &#252;ber die kommunistische Bewegung und au&#223;enpolitische Vorg&#228;nge der 20er und 30er Jahre. Stahlmann hatte in zahlreichen l .&#228;ndern illegal gearbeitet, unter anderem in China und in Nord­europa. Hentschke war w&#228;hrend des zweiten Weltkrieges sowjeti­scher Partisan im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht. Scheib hatte im Th&#228;lmannschen Zentralkomitee als Parteiorganisator gewirkt. Zu diesen Kadern geh&#246;rte auch Heidenreich, einer der Mitbegr&#252;nder der FDJ, der &#252;ber ausgezeichnete Beziehungen zu Honecker und &#252;ber diesen zu Ulbricht verf&#252;gte. Er war zusammen mit Wohl f&#252;r die Rekrutierung der k&#252;nftigen Geheimdienstler zust&#228;ndig. Zu den j&#252;ngeren geh&#246;rten auch Werner Gro&#223;mann, der es 1987 zum Nachfolger von Markus Wolf bringen sollte, und einige der sp&#228;teren langj&#228;hrigen Leiter wichtiger Bereiche der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Eine der ersten Ma&#223;nahmen, die diese Gruppe einleitete, war die Organisierung eines Lehrganges. In der Tschaikowskistra&#223;e im Berliner Bezirk Pankow versammelten sich im April 1952 etwa 30 auserw&#228;hlte Parteimitglieder, um nach politischer Unterweisung das Einmaleins der Geheimdienstarbeit zu pauken. Dass es sich um eine solche handelte, war ihnen zwar definitiv nie gesagt worden; sie merkten es aber bald an den Umst&#228;nden ihrer Schulung. Denn alle Eleven erhielten Decknamen. Sie blieben bis zum Ende des Lehrgangs im Dunkeln &#252;ber die sp&#228;tere Aufgabe. In Ans&#228;tzen fanden Sprachkurse statt, wurde etwas &#252;ber politische und &#246;kono­mische Geografie vermittelt, auch das Allgemeinwissen erweitert. Zum Ausbildungsprogramm geh&#246;rten sogar gutes Benehmen, Tischsitten und Umgangsformen, wie sie in der »b&#252;rgerlichen Gesellschaft« gepflegt wurden.</p>
<p>Die Hauptsache der Ausbildung betraf aber den Marxismus-Leninismus. Innerhalb eines halben Jahres wurden Philosophie, Geschichte der Arbeiterbewegung, kapitalistische und sozialisti­sche &#214;konomie und die Lehre vom Aufbau des Sozialismus/ Kommunismus geb&#252;ffelt. Namhafte Lehrer kamen unter anderem aus der Parteispitze &#8211; wie Hermann Matern und der sp&#228;ter in Ungnade gefallene Fred Oel&#223;ner. Auch die enge Nachbarschaft zum Amtssitz von Staatspr&#228;sident Wilhelm Pieck &#8211; er grenzte unmittel­bar an die beiden Villen, in denen sich Schulgeb&#228;ude und Internat der Geheimdienstschule befanden &#8211; mochte den Lehrgangsteilnehmern etwas von der Bedeutsamkeit ihrer sp&#228;teren Aufgabe signalisiert haben. Sie waren voller Stolz, einen solchen elit&#228;ren Schulbetrieb zu erleben und f&#252;hlten sich durchdrungen von der Vorahnung, einmal an bedeutender Stelle im Kampf f&#252;r den Sozialismus und gegen den Imperialismus eingesetzt zu werden. Wir Teilnehmer sogen alles begierig auf, was uns geboten wurde und hatten keinerlei Zweifel an der Richtigkeit unserer Sache. Hinzu kam die Erwartung, dass die uns zugedachte Aufgabe weitaus interessanter und lebendiger zu werden versprach als die bisher von den meisten verfolgten Funktion&#228;rskarrieren.</p>
<p>Als sich dann im Fr&#252;hherbst 1952 der Kurs seinem Ende zuneigte, waren auch auf politischer Ebene die Entscheidungen gefallen, die der SED-F&#252;hrung gr&#252;nes Licht f&#252;r den Beginn der konspirativen Arbeit nach au&#223;en erm&#246;glichten. Am 10. M&#228;rz belebte die Stalin-Note noch einmal die Wiedervereinigungsdis­kussion. Denn der KPdSU-Generalsekret&#228;r hatte &#252;berraschend vorgeschlagen, Deutschland als einheitlichen Staat wiederherzu­stellen. Dazu sollten alle Besatzungsm&#228;chte innerhalb eines Jahres das Land verlassen, demokratische Rechte und Freiheiten gew&#228;hr­leistet werden und politische Parteien und Organisationen die M&#246;glichkeit freier Bet&#228;tigung erhalten. Die Sowjetunion gestand sogar eine deutsche Verteidigungsstreitmacht und eine R&#252;stungs­produktion zu, allerdings mit dem Vorbehalt: »Deutschland ver­pflichtet sich, keinerlei Koalitionen oder Milit&#228;rb&#252;ndnisse einzu­gehen, die sich gegen irgendeinen Staat richten, der mit seinen Streitkr&#228;ften am Krieg gegen Deutschland teilgenommen hat.«</p>
<p>Zahlreiche Historiker sind sich einig, dass damals diese Chance zur deutschen Einheit h&#228;tte ausgelotet werden m&#252;ssen. Doch im Westen waren die Weichen bereits in eine andere Richtung gestellt. Die vertragliche Einbindung der Bundesrepublik in das entstehende westliche System wurde vorbereitet. Ganz folgerichtig hat daher Adenauer die von der Sowjetunion verlangte Neutralisierung Deutschlands strikt abgelehnt. »In der Ablehnung einer deutschen Neutralisierung ist der Bundestag fest. Sie w&#252;rde Deutschland nicht nur unfrei, sondern auch hilflos machen«, dozierte er damals. Bereits vorher hatten die drei Westm&#228;chte die sowjetischen Vor­schl&#228;ge abgeschmettert, vor allem ihren Kernpunkt, den Verzicht Deutschlands auf eine Beteiligung an B&#252;ndnissen, die sich auch gegen die Sowjetunion richten k&#246;nnten. Am 26. Mai 1952 wurde der »Vertrag &#252;ber die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Drei M&#228;chten«, der sogenannte Deutschland-Vertrag unterzeichnet. Damit war der Grundstein gelegt f&#252;r den sp&#228;teren NATO-Beitritt Deutschlands und seine Integration in die Europ&#228;ische Gemeinschaft.</p>
<p>Nat&#252;rlich hatte es Stalin den westlichen Alliierten und Adenauer leicht gemacht, sich mit dieser Position durchzusetzen. Sie, die in der Kernfrage einer Wiedervereinigung bei gleichzeitiger Neutrali­sierung Deutschlands wenig &#252;berzeugend argumentieren konnten, zogen sich daher schnell auf die Problematik freier Wahlen zur&#252;ck, die zur Schaffung eines solchen Einheitsstaates notwendig gewe­sen w&#228;ren. Dazu stellten sie entsprechende Vorbedingungen, die weder die Sowjetunion noch die SED zu erf&#252;llen bereit waren. Dennoch hatte die UdSSR in einer zweiten Note im April Kompromissbereitschaft signalisiert. Aber die Westm&#228;chte legten daraufhin nur die Latte h&#246;her. »In den letzten Jahren hat sich der Ostteil Deutschlands in eine Richtung entwickelt, die immer mehr von dem Hauptweg des Fortschritts abweicht. Dies ist ein Hauptgrund daf&#252;r, warum eine unparteiische Untersuchung erforderlich ist, bevor Wahlen stattfinden k&#246;nnen«, verlangten sie in ihrer Antwort.</p>
<p>Die DDR-F&#252;hrung hatte zwar keine Alternative, als sich der sowjetischen Initiative anzuschlie&#223;en, doch ihre propagandistische Begleitmusik &#8211; so in einer Erkl&#228;rung des damaligen DDR-Mini­sterpr&#228;sidenten bereits am 24. M&#228;rz 1952 &#8211; bewies, dass sie eindeutig auf Konfrontation setzte: »Die verfassungsfeindlichen Handlungen des Bonner Kanzlers Adenauer, der hinter dem R&#252;cken des deutschen Volkes mit den Oberkommissaren Verhandlungen &#252;ber den Abschluss eines versklavenden und kriegerischen General­vertrages f&#252;hrt, die Verfolgung der Anh&#228;nger des Friedens und der Demokratie in Westdeutschland zeugen von der Entwicklung zu einer offenen Milit&#228;rdiktatur.«</p>
<p>Mit der 2. Parteikonferenz vom 9. bis 12. Juli 1952 stellte die SED dann endg&#252;ltig die Weichen f&#252;r den Aufbau des Sozialismus. Darin eingebettet war die Schaffung eines Auslandsnachrichten­dienstes, die sich bereits in der ersten Jahresh&#228;lfte 1952 schrittweise vollzogen hatte und nun in die entscheidende Phase trat.</p>
<p>Das »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« (IWF) nahm jetzt in Berlin seine regelm&#228;&#223;ige Arbeit auf. Es hatte seinen Sitz in einem Geb&#228;ude am Rolandufer der Spree, in der N&#228;he des Neuen Rathauses. Die Mitarbeiter dieser Tarninstitution waren Absolventen des genannten Pankower Lehrganges &#8211; junge Leute von Mitte 20 bis 30 Jahren mit ersten Meriten als Funktion&#228;re der SED und der FDJ. Sie waren von den Erfahrungen des Weltkrieges gepr&#228;gt und hatten zumeist in ihren Elternh&#228;usern eine Erziehung genossen, die sie f&#252;r die Propaganda der sowjetischen Besatzungs­macht und der SED aufgeschlossen hatte. Auf Zentralschulen f&#252;r sowjetische Kriegsgefangene oder Kreis- und Landesparteischulen der SED war ihnen die neue, »einzige wissenschaftliche« Welt­anschauung vermittelt worden. Oft aus objektiven Gr&#252;nden von geringer Allgemeinbildung, fanden sie im theoretischen Angebot des Marxismus-Leninismus einen geistigen Halt, an dem sich ihr festgef&#252;gtes, aber oft simplifizierendes Weltbild orientierte. Zwei­fel waren nicht erlaubt und kamen vor diesem Hintergrund auch kaum auf. Zudem best&#228;tigte die Entwicklung im Westen Deutsch­lands viele der propagandistischen Aussagen &#8211; und was nicht ins gelernte Bild passte, wurde schon damals verdr&#228;ngt. M&#228;nner solchen Geistes pr&#228;gten im wesentlichen fast 40 Jahre lang die DDR-Spionage. Bis zuletzt fiel es vielen von ihnen schwer, neue Signale, die gerade sie intensiv erhielten, aufzunehmen und zu verarbeiten.</p>
<p>Zu diesen jungen Kadern stie&#223;en die bew&#228;hrten antifaschisti­schen K&#228;mpfer. Sie bildeten die Leitung des Instituts und profitier­ten dabei von ihren praktischen Erfahrungen im illegalen Kampf, mit denen sie zum einen Eindruck machten, andererseits aber auch eine oft praktizistische Enge erkennen lie&#223;en. So war der welt­erfahrene, intellektuell aber eher schlichte Richard Stahlmann daf&#252;r bekannt, dass er seine Z&#246;glinge mit der Erkenntnis verbl&#252;ffte: »Wei&#223;t du, wer unser gr&#246;&#223;ter Feind ist? &#8211; Das Telefon! Sage niemals am Telefon etwas Konkretes, weder Zeit noch Ort, noch Namen!« Sie vermittelten ohne Zweifel viele Erfahrungen, pr&#228;gten aber den Aufkl&#228;rungsapparat von Anfang an durch ihre »revolutio­n&#228;re Wachsamkeit«, d. h. ihr Misstrauen und ihre Scheu vor einem unkonventionellen, pragmatischen, von ideologischen Scheuklap­pen weitgehend freien Vorgehen. Was damals keine Folgen hatte, da die Spionage ganz unbefangen betrieben wurde und es den Widerspruch zur ideologischen Aufgabenstellung noch nicht gab, sollte sich sp&#228;ter als schwere Hypothek f&#252;r die Entwicklung des DDR-Auslandsnachrichtendienstes erweisen.</p>
<p>Die wichtigsten Arbeitsbereiche des IWF waren: Die politische Aufkl&#228;rung in Bonn und West-Berlin; hierf&#252;r war mit Alfred Sch&#246;nherr zum Beispiel ein Kommunist zust&#228;ndig, der w&#228;hrend der Nazizeit zw&#246;lf Jahre im Zuchthaus gesessen hatte. Die Wirt­schaftsaufkl&#228;rung, geleitet von Gustav Szinda, der sich als Partisan der Roten Armee ausgezeichnet hatte. Die Spionageabwehr, die bereits Markus Wolf &#252;bernahm. Die Milit&#228;rspionage und die Bearbeitung ausl&#228;ndischer Missionen, f&#252;r die im wesentlichen Horst J&#228;nicke, bis 1987 Stellvertreter Wolfs, verantwortlich zeich­nete. Sie alle leisteten mit ihrem Mitarbeiterstab, der bald auf 200 Personen anwuchs, die Anf&#228;nge der Nachrichtenbeschaffung. Diese begann &#8211; ganz unspektakul&#228;r &#8211; mit b&#252;rokratischer Kleinarbeit, wobei man sich auf die Erkenntnisse der zuvor schon ziemlich aktiven Parteiaufkl&#228;rung st&#252;tzen konnte. Zun&#228;chst wurden alle Bonner und Westberliner Politiker einschlie&#223;lich ihrer Mitarbeiter und Assistenten sowie alles &#252;ber sie erreichbare Wissen von Belang auf Karteikarten erfasst; ebenso die Beziehungen, die zwischen ihnen bestanden, die Informanten, die Kontakt zu ihnen hatten, und anderes mehr. Die R&#228;umlichkeiten der Beh&#246;rden in Bonn und West-Berlin, aber auch der westalliierten Besatzungsorgane wurden ausgekundschaftet. Und all das verband sich schon mit der Beschaffung erster Informationen, oft noch improvisiert und unprofessionell &#8211; aber der Weg zu einem effizienten Auslandsnach­richtendienst war damit beschriften.</p>
<p>So erwuchs den bereits seit l&#228;ngerem arbeitenden Geheimdien­sten der gerade entstandenen Bundesrepublik ein ernst zu nehmen­der Gegner, von dem diese aber zun&#228;chst &#252;berhaupt nichts merkten. Fast ein Jahr arbeitete das IWF, ehe der Bonner Verfassungsschutz Kenntnis von der &#246;stlichen Spionagebeh&#246;rde erhielt. Und auch dazu bedurfte es noch eines &#220;berl&#228;ufers. Im April 1953 trat Johann Krau&#223;, der im IWF in der Wirtschaftsaufkl&#228;rung gearbeitet hatte, zu einem alliierten Dienst &#252;ber und wurde dann auch dem Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz zur Verf&#252;gung gestellt. Er berichtete seinen Vernehmern vom neugeborenen DDR-Geheimdienst und l&#246;ste sogleich Hektik und nerv&#246;se Betriebsamkeit aus. Er hatte au&#223;er­dem 38 Karteikarten von Personen in der Bundesrepublik mitge­nommen; und sie alle wurden prompt verhaftet. Damit handelte der Verfassungsschutz au&#223;erordentlich unprofessionell. In Unkenntnis der Arbeitsweise des IWF beschuldigte er auf diese Weise auch solche, die zwar in der Kartei auftauchten, jedoch noch gar nicht wegen einer konspirativen Mitarbeit angesprochen worden waren.</p>
<p>G&#252;nther Nollau, sp&#228;terer Chef des Bundesamtes f&#252;r Verfassungs­schutz, der den Fall intensiv untersucht hatte, stellte ern&#252;chtert fest: »Die blo&#223;e Aufnahme des Namens einer Person in diese Kartei war jedenfalls kein Beweis f&#252;r eine Agentent&#228;tigkeit.« Eine Erkenntnis &#252;brigens, die heute, bei der Bewertung der Mf S-Datentr&#228;ger, schon wieder auf taube Ohren st&#246;&#223;t.</p>
<p>Nollau musste eingestehen, dass das Vorgehen seines Dienstes in der »Vulkan-Aff&#228;re«, wie sie im Verfassungsschutz genannt wurde, kein Ruhmesblatt war: »Was ein sch&#246;ner &gt;Erfolg&lt; h&#228;tte sein k&#246;nnen, die Kompromittierung eines &#246;stlichen Dienstes durch einen &#220;berl&#228;ufer, wurde nun durch die Fehler bei der Vernehmung des &#220;berl&#228;ufers und durch die vorschnelle Verwertung seiner subjektiv wahrheitsgem&#228;&#223;en Aussagen zu einer Blamage.«</p>
<p>Und die n&#228;chste folgte auf dem Fu&#223;e! Denn nach der Dekonspirierung ihres Dienstes leitete die DDR in einer blitzartigen Nacht­aktion die Dezentralisierung des IWF ein. Lastwagen fuhren am Rolandufer vor, alle Materialien wurden verladen, die Mitarbeiter mussten aufsitzen, und eine stundenlange Fahrt durch das n&#228;chtliche Berlin begann. Immer wieder schlugen die Fahrzeuge Haken, um m&#246;gliche Verfolger abzusch&#252;tteln. Schlie&#223;lich fanden alle Abteilun­gen neue Unterk&#252;nfte, doch nicht mehr in einem Haus, sondern weit verbreitet im gesamten &#246;stlichen Stadtgebiet. Ein Teil der politischen Spionage kam zum Beispiel nur wenige hundert Meter vom alten Domizil unter &#8211; in der Klosterstra&#223;e. Die Milit&#228;r- und Botschafts­aufkl&#228;rung bezog in Schm&#246;ckwitz Quartier, Teile der Wirtschafts­aufkl&#228;rung in Johannisthal usw. Diese Tatsache war dem Verfas­sungsschutz erneut entgangen. Er nahm lange an, mit dem &#220;bertritt von Krau&#223; sei die DDR-Spionage zerschlagen. Erst 1959 schreckte ihn wieder ein &#220;berl&#228;ufer auf. Hauptmann Max Heim berichtete, dass mittlerweile die »Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung« entstanden sei, mit einem schlagkr&#228;ftigen Apparat und einem Informantennetz von &#8211; wie er sagte &#8211; 2.000 bis 3.000 Personen in der Bundesrepublik.</p>
<p>Auch wenn diese Zahl &#8211; offensichtlich aus den Registratur-Nummern abgeleitet &#8211; stark &#252;berh&#246;ht war, so ging doch die Dezentralisierung des jungen Geheimdienst-Apparates zugleich mit einer erheblichen Aufstockung einher. Er wurde zahlenm&#228;&#223;ig vergr&#246;&#223;ert, seine Aufgabenstellungen erweitert.</p>
<p>Wesentlicher aber war, dass die bislang relativ selbst&#228;ndig arbeitende Beh&#246;rde nun unter die Kontrolle verschiedener Seiten geriet. Zun&#228;chst nahm sich ihr der sowjetische Geheimdienst intensiv an. Die &#246;stliche Besatzungsmacht hatte auf ihrem Territo­rium von Anfang an starke konspirativ arbeitende Kr&#228;fte statio­niert. Zun&#228;chst vor allem mit Aufgaben der Entnazifizierung betraut, erhielten sie sp&#228;ter mehr und mehr Funktionen zur &#220;ber­wachung der Entwicklungen sowohl in der sowjetischen Besat-/.ungszone als auch im Westen Deutschlands.</p>
<p>Mit dem Entstehen eigener Geheimdienste der DDR trat dann deren Ausbildung und Unterst&#252;tzung hinzu &#8211; eine durchaus eigen­n&#252;tzige Besch&#228;ftigung, konnte doch der KGB schon bald auch von den Ergebnissen der ostdeutschen Spionaget&#228;tigkeit profitieren. Die sowjetischen Verbindungsleute aus Karlshorst sa&#223;en von nun an dabei, wenn politische Orientierungen und konkrete Aufgaben­stellungen beraten und festgelegt wurden. Sie gewannen schnell eine dominierende Stellung &#8211; sowohl durch ihre langj&#228;hrige geheimdienstliche Erfahrung als auch durch das nicht selten offen zur Schau getragene und in der Zusammenarbeit betonte Selbstbewusstsein, das sich aus dem gewonnenen Krieg herleitete. Wie stets im Leben gab es dabei diese und jene, das hei&#223;t, mit nicht wenigen konnte konstruktiv zusammengewirkt werden, mit anderen aber war kein Miteinander m&#246;glich, sondern nur die strenge Unterordnung unter ihre Weisungen. Alle aber hatten die Erziehung in Stalinschem Geist genossen und glaubten an die Prinzipien der »tschekistischen Arbeit«, die in ihren Grundz&#252;gen zwar vom Begr&#252;nder des Sowjet-Geheimdienstes, der »Tscheka« (Abk&#252;rzung f&#252;r »Au&#223;erordentliche Kommission zur Bek&#228;mpfung von Konter­revolution und Sabotage«), Feliks Edmundowitsch Dzierzynski, stammten, sp&#228;ter aber durch Stalin und seine Adepten versch&#228;rft und ihrem Machtanspruch entsprechend ma&#223;geschneidert wurden. Das nun &#252;bertrugen sie auf das neue Bet&#228;tigungsfeld im Osten Deutschlands, und so erhielt die Geheimdienstarbeit fast von Anfang an eine Ausrichtung, die ma&#223;geblich zu den sp&#228;teren Irrwegen beitrug. Jede einzelne Abteilung des »Instituts f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« bekam einen sowjetischen Verbindungsmann, der &#252;berwiegend mit dem jeweiligen Abtei­lungsleiter verkehrte. Dieser &#252;bergab dem KGB-Vertreter auch die Durchschriften aller vermeintlich wichtigen Informationen. Dabei interessierte weniger ihre Quelle als der Inhalt, und es war konspiratives Prinzip, auch bei dieser Zusammenarbeit die Kenntnis &#252;ber die Herkunft des Materials eng begrenzt zu halten. Inwieweit dies eingehalten wurde, hing nat&#252;rlich auch vom konkre­ten Umgang der »Genossen« von KGB und IWF ab. In der Regel wurden aber Klarnamen der Quellen und andere Hinweise, die auf ihre Spur f&#252;hren k&#246;nnten, dem KGB nicht schriftlich &#252;bergeben. Seine Offiziere erhielten auch nicht die operativen Vorlagen, die nun prinzipiell von allen Aktionen angefertigt und zur Best&#228;tigung eingereicht werden mussten.</p>
<p>Neben dem sowjetischen Geheimdienst verst&#228;rkten in dieser Zeit auch die f&#252;r die innere Abwehr geschaffenen Dienste in der DDR ihre Kontrolle &#252;ber den Aufkl&#228;rungsapparat. Bereits am 8. Februar 1950, vier Monate nach DDR-Gr&#252;ndung, hatte die Volkskammer den Beschluss gefasst, die bis dahin bestehende Hauptverwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft aus dem Innen­ministerium auszugliedern und zu einem selbst&#228;ndigen Ministeri­um f&#252;r Staatssicherheit zu machen. Das IWF war ihm ausdr&#252;cklich nicht zugeordnet worden, sondern unterstand &#8211; wie dargestellt &#8211; dem Au&#223;enministerium. Die ersten Erfolge der neuen Beh&#246;rde weckten jedoch schon bald Begehrlichkeiten im MfS. Immerhin konnten schon damals aussagekr&#228;ftige Informationen &#252;ber Denk-und Verhaltensweisen westdeutscher Politiker und von Spitzenver­tretern der Besatzungsm&#228;chte, Originale von Vorstandsbeschl&#252;ssen der Parteien der Bundesrepublik, Muster technischer Neuentwick­lungen und vieles andere mehr beschafft werden. Das Wissen &#252;ber derartige Interna versprach Macht und Einfluss. Die Bem&#252;hungen um gr&#246;&#223;eren Einfluss auf den Aufkl&#228;rungsapparat nahmen zu, und der Fall des &#220;berl&#228;ufers Krau&#223; war ein willkommener Anlass, diese weiter zu forcieren.</p>
<p>Mehr oder weniger versteckt wiesen sowohl der erste Staats­sicherheitsminister Zaisser als auch sp&#228;ter sein§ Nachfolger Woll­weber und Mielke darauf hin, da&#223; der Aufkl&#228;rung Abwehrerfahrun­gen fehlten, da&#223; ihre Mitarbeiter nicht wachsam genug seien, da&#223; sie sich zu leicht vom Westen »aufweichen« lie&#223;en und man ihnen den Ernst des Klassenkampfes erst noch begreiflich machen m&#252;sse. So war es Aufkl&#228;rern in vielen F&#228;llen verboten, in Betriebe zu gehen, weil die Abwehr darin eine St&#246;rung ihrer Arbeit sah. Mancher Ingenieur oder Technologe war n&#228;mlich bereit, f&#252;r die HVA in Westdeutschland oder dem Ausland zu arbeiten, nicht jedoch als Spitzel gegen seine eigenen Kollegen t&#228;tig zu werden. Die Differenzen zwischen Aufkl&#228;rung und Abwehr gingen mitunter sogar so weit, dass Aufkl&#228;rer festgesetzt wurden, wenn sie nach Meinung der Abwehr ihre Kompetenzen &#252;berschritten. So war es kein Einzelbeispiel, dass einmal ein hauptamtlicher Mitarbeiter der HVA bei Nachfragen in einem Neubrandenburger Betrieb zun&#228;chst eingesperrt wurde und dann &#8211; aber erst nach scharfem Protest &#8211; unverrichteter Dinge wieder in seine Dienststelle zur&#252;ckkehren musste.</p>
<p>Die Spezifik ihrer Arbeit verschaffte den Aufkl&#228;rern tats&#228;chlich ein weiter gef&#228;chertes Weltbild, als es die Abwehrexperten besa&#223;en. Die HVA-Mitarbeiter diskutierten auch schon mal au&#223;erhalb der ideologischen Grenzen, die ansonsten immer wieder gezogen wurden, glaubten nicht jede Schwarzwei&#223;malerei &#252;ber »Nissenh&#252;tten im Ruhrgebiet« und die »gewaltigen Streikbewegungen«, die zwar in der Sache stattfanden, aber st&#228;ndig &#252;berbewertet wurden. Sie wollten sich im Gegenteil von den ideologischen Schranken befreien, sich selbst ein Bild von jenem »Operationsgebiet« machen, das Gegenstand ihrer t&#228;glichen Arbeit war. Ihr Wunsch jedoch, einmal selbst in den Westen zu reisen, sogenannte Regimestudien an Ort und Stelle zu betreiben, stie&#223; auf wenig Gegenliebe und verst&#228;rkte nur das Misstrauen gegen die Aufkl&#228;rer.</p>
<p>Der permanente Druck und der Verweis auf die sowjetische Praxis, wo die Aufkl&#228;rung ebenfalls Bestandteil des KGB war, f&#252;hrten schlie&#223;lich zum Erfolg. Ende 1955 wurde das Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung dem MfS einverleibt. Markus Wolf, bereits 1953 zum Nachfolger Ackermanns als Leiter der Spionagebeh&#246;rde avanciert, erhielt die Funktion eines stellver­tretenden Ministers f&#252;r Staatssicherheit, was wie Machtzuwachs aussah, tats&#228;chlich aber seine Selbst&#228;ndigkeit beschr&#228;nkte. Er selbst mag das damals, jung und unerfahren wie er war, so nicht empfunden haben.</p>
<p>Die Konzeption, die das MfS hinsichtlich der Aufkl&#228;rung verfolgte, lief nunmehr zu einem betr&#228;chtlichen Teil auf Unterst&#252;t­zung der Parteipropaganda hinaus. Der Nachrichtendienst sollte vor allem Beweise daf&#252;r liefern, wie schlecht es den Menschen in der »bourgeoisen BRD« und den kapitalistischen Staaten Westeuropas gehe, wie sehr sie unterdr&#252;ckt und ausgebeutet w&#252;rden, wie ihre herrschenden Klassen zum Kriege r&#252;steten. Besonders der ZK-Sekret&#228;r der SED, Albert Norden, nutzte bei seinen Auftritten</p>
<p>Aufkl&#228;rungsmaterial, mit dessen Hilfe er zwar tats&#228;chlich manches ans Licht brachte, was im Westen gern verschwiegen worden w&#228;re, das aber immer wieder dadurch entwertet wurde, dass es platten propagandistischen Zwecken diente. Es ist sicher dem Instinkt von Markus Wolf zu verdanken, dass er dieser Linie weitgehend widerstand und bem&#252;ht war, die eigentlichen Aufgaben eines Auslandsnachrichtendienstes vor die Sch&#252;tzenhilfe f&#252;r die »Abtei­lung Gefechtsl&#228;rm«, Ulbrichts Propagandaapparat, zu stellen.</p>
<p>Das wurde ihm nicht leicht gemacht, denn mit der Einordnung der Aufkl&#228;rung in das MfS waren der damalige Minister Wollweber wie auch sein Stellvertreter Mielke, der das Amt 1957 ganz &#252;bernahm, sogleich bem&#252;ht, den Einfluss der Abwehr auf den Spionageapparat auszubauen. F&#252;hrende Abwehrspezialisten r&#252;ckten in Leitungsfunktionen der Aufkl&#228;rung: Hans Fruck, bis dahin Leiter der Bezirksverwaltung Gro&#223;-Berlin des MfS, wurde Stell­vertreter Wolfs und blieb es bis zu seinem Ausscheiden aus Altersgr&#252;nden. Alfred Scholz, Heinz Hoske und Otto Knye &#8211; allesamt bew&#228;hrte Abwehrleute &#8211; erhielten wichtige Funktionen. Aus dem Parteiapparat des ZK der SED kam der Parteisekret&#228;r der nunmehrigen Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie alle sorgten f&#252;r die straffe Eingliederung der Spionage in das Sicherheitssystem der jungen DDR. Von nun an war die Aufkl&#228;rung Bestandteil des Sicherheitsapparates, der seine Hauptaufgabe in der Schaffung von Ruhe und Ordnung vornehmlich nach innen sah.</p>
<p>Zwar gelang es Wolf und seinen Aufkl&#228;rern, die meisten der zugeteilten Abwehrleute von den andersartigen Erfordernissen der nach au&#223;en gerichteten Arbeit zu &#252;berzeugen und ihnen klarzuma­chen, dass f&#252;r eine solche T&#228;tigkeit enge Blickwinkel und einf&#228;ltige Vorstellungen nicht ausreichten, doch die Diskrepanz zwischen den von Wollweber und sp&#228;ter Mielke in den Vordergrund gestellten Doktrinen der inneren Sicherheit und den Notwendigkeiten nach au&#223;en gerichteter Aufkl&#228;rung blieb. Dies f&#252;hrte nicht selten zu Entscheidungen und Kompromissen, die nicht zu rechtfertigen waren und sind. Damals jedoch war uns das nicht bewusst.</p>
<p>Die Entstehungsgeschichte der DDR-Spionage einschlie&#223;lich ihrer Unterordnung unter die Sicherheitsbed&#252;rfnisse der SED nach innen ist kaum verst&#228;ndlich ohne einen Blick auf die parallele Entwicklung zun&#228;chst in den westlichen Besatzungszonen und sp&#228;ter der Bundesrepublik Deutschland. Hier hatte der Aufbau von Sicherheitsapparaten nach au&#223;en wie nach innen ebenfalls fr&#252;hzeitig begonnen. General Reinhard Gehlen, Chef der Abteilung Fremde Heere Ost des Nazi-Generalstabs, bot sich, einen gro&#223;en Teil seiner Mitarbeiter und sichergestellte Unterlagen der fr&#252;heren Spionaget&#228;tigkeit gegen die Sowjetunion den Amerikanern an, die ihn nach einer kurzen Schamfrist, in der er sogar mit einem Gef&#228;ngnis Bekanntschaft machte, auch akzeptierten. Sie vereinbarten mit dem Ex-Nazi-General ein &#8211; wie er es nannte &#8211; »Gentlemen&#8217;s Agree­ment«, das im Grundsatz besagte: »Es wird eine deutsche nachrich­tendienstliche Organisation unter Benutzung des vorhandenen Potentials geschaffen, die nach Osten aufkl&#228;rt bzw. die alte Arbeit im gleichen Sinne fortsetzt. Die Grundlage ist das gemeinsame Interesse an der Verteidigung gegen den Kommunismus.« Im Juli 1946 nahm die »Organisation Gehlen« ihre T&#228;tigkeit auf; ihr Credo verk&#252;ndete der Chef sp&#228;ter selbst: »Ich beabsichtigte daher von Beginn meiner T&#228;tigkeit an, in den Jahren, die vergehen mussten, bis eine neue deutsche Regierung wieder existieren w&#252;rde, die Voraussetzungen f&#252;r einen Gesamtdienst zu schaffen, der auf allen Gebieten das Potential des Gegners aufzukl&#228;ren hatte.« Gehlen nahm schon ein Jahr sp&#228;ter in Pullach Quartier, der fr&#252;heren »Rudolf-He&#223;-Siedlung«, wo zeitweilig der F&#252;hrer-Stellvertreter und sp&#228;ter auch NS-Reichsleiter Martin Bormann residiert hatten, ehe 1945 die US-Army dort ihre Postzensurstelle einrichtete. Dieses Domizil hat der Bundesnachrichtendienst bis heute nicht verlassen. Schon ein Jahr sp&#228;ter hatte der »Org« (K&#252;rzel f&#252;r »Organisation Gehlen«) 200 Bedienstete; Gehlen veranlasste, dass sie sich samt ihren Familien im »Camp Nikolaus« (nach dem Bezugsdatum am 6. Dezember 1947) niederlie&#223;en. Eigene Kinder­g&#228;rten und Schulen, ein Krankenhaus, ein Kasino geh&#246;rten zum Komplex &#8211; Mielke ahmte das sp&#228;ter f&#252;r sein MfS bewusst oder unbewusst weitgehend nach.</p>
<p>Das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz kam etwas sp&#228;ter zur Welt. Bei den Vorbereitungen zur Bildung der Bundesrepublik im Jahre 1949 wurde auch vereinbart, »eine Stelle zur Sammlung und Verbreitung von Ausk&#252;nften &#252;ber umst&#252;rzlerische, gegen die Bundesrepublik gerichtete T&#228;tigkeiten einzurichten.« Im November 1950 verf&#252;gte die Bundesregierung die Errichtung des Bundes­amtes f&#252;r Verfassungsschutz in K&#246;ln, nachdem zuvor schon ent­sprechende Beh&#246;rden in den L&#228;ndern geschaffen worden waren. Ihr erster Pr&#228;sident wurde Otto John, ein Gew&#228;hrsmann der Engl&#228;nder, auf den noch zur&#252;ckzukommen sein wird. Schon sein Stellvertreter hatte aber einst unter Canaris gedient.</p>
<p>Mit der Bildung des »Amtes Blank«, den Anf&#228;ngen der Bundes­wehr, kam schlie&#223;lich noch ein milit&#228;rischer Geheimdienst hinzu. Seine Initiatoren, die mit dem Widerstand des 20. Juli in Verbindung gestanden hatten, waren Gehlen ein Dorn im Auge. Er sorgte daf&#252;r, dass Personen aus seiner Umgebung auch hier bald das Sagen hatten. Als 1956 der Milit&#228;rische Abschirmdienst (MAD) einge­richtet wurde, hie&#223; dessen erster Chef Gerhard Wessel, Stellvertreter Gehlens unter Hitler wie den Amerikanern.</p>
<p>Es ist heute sicher m&#252;&#223;ig dar&#252;ber zu philosophieren, wer im einstigen Nachkriegsdeutschland seine Dienste als erster etablierte und wer nachzog. Es lag offensichtlich in der Logik jener Zeit des Kalten Krieges, dass keiner glaubte, auf die Camouflage verzichten zu k&#246;nnen und daher all seine Anstrengungen nur darauf richtete, den anderen beim Auskundschaften von Geheimnissen zu &#252;bertref­fen. Das Misstrauen war gro&#223; und in mancher Hinsicht wohl durchaus berechtigt. Die Westm&#228;chte mussten nach allem, was sie &#252;ber Stalin wussten, durchaus vor ihm auf der Hut sein. Und im Osten sah man mit betr&#228;chtlicher Sorge, wie sich im Westen nazistische Strukturen wieder restaurierten, indem ihre Repr&#228;sen­tanten schon bald alte Positionen zur&#252;ckgewannen. Gerade die Verwendung der »alten Experten« in den Geheimdiensten der Bundesrepublik &#8211; Gehlen war der Prototyp &#8211; f&#252;hrte manchen zu der Auffassung, es sei erforderlich, dagegen in gleicher Weise anzu­k&#228;mpfen, Organe zu schaffen, die konspirativ in diese eindringen und sie weitgehend neutralisieren.</p>
<p>Der Krieg und seine f&#252;r die Menschen schrecklichen Folgen hatten die Sehnsucht nach echten Alternativen zum Vergangenen hervorgebracht. Zwei Gesellschaftsmodelle waren in den Wettstreit getreten &#8211; einerseits ein b&#252;rgerliches System, das sich auf seine besten Traditionen der Demokratie und der Sozialstaats, angerei­chert durch urchristliches Gedankengut, zu besinnen versuchte, und andererseits der Marxismus-Leninismus, schon damals jedoch vom Virus des Stalinismus infiziert. Der Krieg mit seiner Verrohung aller Sitten und die danach nicht selten ge&#252;bte Sieger- und Rachejustiz f&#252;hrten aber dazu, dass die Anf&#228;nge des Neuaufbaus mit zahlreichen schwerwiegenden Hypotheken belastet wurden. Die Grenzziehungen und in ihrer Folge Umsiedlungen und Vertreibungen von Millionen Menschen, die im Ansatz steckengebliebene Ahndung der Kriegsverbrechen, das Gro&#223;machtgebaren der Sieger bargen den Keim f&#252;r immer neue Auseinandersetzungen. Hinzu kam im Osten die Deformierung der sozialistischen Idee durch den Stalinismus. So ging der Wettbewerb der Systeme, der nach den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit nur noch friedlich ausgetragen werden durfte, bald in einen harten Schlagabtausch &#252;ber. Wegen seiner Unerbittlichkeit erinnerte er bald an einen Krieg, wenn auch nicht in Formen der »hei&#223;en« Auseinandersetzung. Der Kalte Krieg bestimmte die 50er Jahre; die Schaffung zweier deutscher Staaten war ebenso sein Resultat wie &#228;hnliche Spaltun­gen in Korea, Pal&#228;stina, sp&#228;ter Vietnam. Die Menschen mussten sich f&#252;r die eine oder andere Seite entscheiden &#8211; oft ohne es in ihrem Innersten zu wollen &#8211; und danach handeln. Dass die junge DDR damals durchaus als eine echte Alternative angesehen wurde, war also auch das Ergebnis von Fehlentscheidungen auf westlicher Seite. Die schnelle Rehabilitierung ehemaliger Nazis und die Restauration alter Machtverh&#228;ltnisse geh&#246;rten dazu. Diese Ent­wicklungen best&#228;tigten die ideologischen Klischees, die in der Parteischulung der SED vermittelt wurden, und lie&#223;en ihre Empf&#228;nger aufgeschlossen werden auch f&#252;r viele andere simplifi­zierende Thesen wie denen von der Diktatur des Proletariats, der st&#228;ndigen Versch&#228;rfung des Klassenkampfes oder vom gesetzm&#228;&#223;i­gen Niedergang des Imperialismus.</p>
<p>In diesem Kontext wurden auch Ereignisse wie der 17. Juni 1953 von vielen der so Indoktrinierten nicht anders gesehen als es die Parteif&#252;hrung vorgab. Die durchaus vorhandenen Hinweise einer westlichen Einflussnahme wurden so zur alleinigen Ursache des Arbeiterprotestes erkl&#228;rt; es war mithin der vom Westen gesteuerte »konterrevolution&#228;re Putschversuch«, dessen Nieder­schlagung mit Hilfe der sowjetischen Armee wir f&#252;r richtig hielten. Die eigene Anschauung, die wir Aufkl&#228;rer vom Rolandufer bei unseren Besuchen im Stadtzentrum zu verarbeiten hatten, die Meinungen und Auffassungen, die wir h&#246;rten, best&#228;rkten uns darin, die Deutung der Partei sei richtig.</p>
<p>Hinzu kam, dass in jenen Jahren der Kampf der DDR um diplomatische Anerkennung begann. Zahlreiche deutschlandpoliti­sche Ereignisse, darunter die Au&#223;enministerkonferenzen der vier M&#228;chte, wurden genutzt, um dieses Anliegen, das auf Durchset­zung der deutschen Zweistaatlichkeit zielte, zu verfolgen. Anf&#228;nglich waren Chancen auf Verwirklichung dieser Absicht durchaus vor­handen; nicht wenige Politiker in Bonn wie West-Berlin, aber auch im Ausland, lie&#223;en sich zu inoffiziellen und dennoch konstruktiven Gespr&#228;chen herbei. Sie respektierten die milit&#228;rische St&#228;rke der UdSSR und sahen auf lange Sicht keine M&#246;glichkeit, die DDR aus dem sowjetisch dominierten Ostblock herauszubrechen. Adenauers Hoffnung, der westliche Sog werde bereits jetzt den Anschluss der DDR bewirken, trog. Er musste im Gegenteil bef&#252;rchten, dass &#8211; vor allem nach der Etablierung einer bundesdeutschen Botschaft neben der schon bestehenden Vertretung der DDR in Moskau &#8211; &#252;ber kurz oder lang der zweite deutsche Staat diplomatisch anerkannt werden w&#252;rde, und dem wollte er einen Riegel vorschieben. Das Instrument war die im Dezember 1955 erstmals in ihren Grundz&#252;gen formu­lierte Hallstein-Doktrin, die den Abbruch der bundesdeutschen Beziehungen zu allen Staaten vorsah, die die DDR anerkannten. Danach wurde in den Folgejahren gehandelt, und es dauerte bis in die 70er Jahre, ehe die DDR diese diplomatische Blockade durch­brach. F&#252;r die Mitarbeiter der DDR-Aufkl&#228;rung galt es aber stets als vornehmste Pflicht, mit ihrer Arbeit die Hallstein-Doktrin zu durchl&#246;chern.</p>
<p>So verstand sich der st&#228;ndige wachsende Spionageapparat der DDR als das Auge und Ohr des jungen Staates zur Welt. Diploma­tische Berichte aus westlichen Hauptst&#228;dten gab es nicht. Von Konferenzen und Tagungen waren offiziell lediglich durch die sowjetische Brille gesehene Informationen zu erhalten. Und aus der Bundesrepublik sickerten allenfalls die, ideologisch befrachteten Wertungen aus dem zun&#228;chst noch legalen, dann nur noch illegal arbeitenden KPD-Apparat ein. So war es aus der Sicht der DDR-Regierung eine zwingende Notwendigkeit, sich auf andere Weise zu informieren &#8211; und die immer effizienter arbeitende Hauptver­waltung Aufkl&#228;rung des MfS erf&#252;llte diese Aufgabe. Sie nutzte die spezifischen M&#246;glichkeiten im geteilten Deutschland und entwickelte Methoden, mit denen sie viele Jahre erfolgreich war.</p>
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