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	<title>blogsgesang.de &#187; Mielke</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil X und Schluss)</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Dec 2010 15:36:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p> Bei der aktuellen Debatte &#252;ber die Wikileaks-Dossiers ist ein Aspekt bisher geflissentlich weitgehend &#252;bersehen worden – die Blamage, die Julian Assange mit seiner kleinen, schlecht ausger&#252;steten Truppe den zahlreichen hoch ger&#252;steten Geheimdiensten dieser Welt zugef&#252;gt hat. Sie alle versuchen, mit riesigem Aufwand an Personen und Geldmitteln, diversen Regierungen einige ihrer zahlreichen, sorgsam verborgenen Geheimnisse zu entrei&#223;en <span id="more-2175"></span>und haben damit oft nur d&#252;rftigen Erfolg. Doch <a href="http://wikileaks.ch/" target="_blank"><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/9e3ec3dcc457462d9dafdcb661695c52" alt="" width="1" height="1" />Wikileaks</a> schaffte es, mit einem Schlag erst 77000 Dokumente zum Afghanistankrieg, dann fast 4000000 Papiere zum Irakkrieg und jetzt noch einmal 250000 geheime Botschaftsberichte aus aller Welt nicht nur auf den eigenen Tisch zu bekommen, sondern auch noch weltweit zu ver&#246;ffentlichen. Und all diese Dossiers stammen nicht aus irgendeiner Bananenrepublik, sondern aus den USA, die in den vergangenen Jahren nicht nur eines der effektivsten Sicherheitssysteme der Welt aufgebaut haben, sondern auch technisch ohne Zweifel zu totaler Geheimhaltung in der Lage w&#228;ren.</p>
<p> Es zeigt sich jedoch an den Wikileaks-Enth&#252;llungen einmal mehr, dass Geheimdienste nicht mehr in diese Zeit passen. Sie sind nicht nur moralisch obsolet; die heutige Zeit mit ihrem bislang ungeahnten Bedeutungszuwachs von Informationen f&#252;r die Bew&#228;ltigung der schnell ablaufenden Prozesse in nahezu allen Lebensbereichen legt die Ineffizienz &#252;bertriebener Geheimhaltung oder gar einer Abschottung der Informationsfl&#252;sse offen. Dass der Kreis jener, die in den USA Zugriff auf die diplomatischen Depeschen hatten, so gro&#223; war, ergab sich schlie&#223;lich nicht aus leichtsinniger Vertrauensseligkeit der Beh&#246;rden, sondern war Resultat der Erkenntnis, dass nur gut informierte Mitarbeiter auf allen Gebieten wirklich effektiv arbeiten.</p>
<p> Auf der anderen Seite jedoch f&#252;hrte US-amerikanische Sicherheitshysterie dazu, dass gegen&#252;ber der allgemeinen &#214;ffentlichkeit immer weniger bekannt gemacht wurde und in den Dossiers des Au&#223;enministeriums auch viel mit Geheimhaltungsstempeln versehen wurde, das nur banale Mitteilungen enth&#228;lt. Diese Tendenz r&#252;gte – nach hilflos-w&#252;tender Kritik an Assange – auch die <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1221/meinung/0044/index.html" target="_blank">»Washington Post«</a>, weil solche Geheimhaltung den Verdacht nahelege, die US-Regierung nehme es nicht so genau mit den Rechten der B&#252;rger. »Die beste Art, mit Assange umzugehen, ist ihn &#252;berfl&#252;ssig zu machen«, schlussfolgert das Blatt.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione1-199x300.gif"><img class="alignright size-full wp-image-2187" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Solche Erkenntnisse sind so neu nicht. Bereits das Ende der DDR warf schon vor 20 Jahren ein Schlaglicht auch auf die Ineffizienz von Geheimdiensten. Denn weder hatten die westlichen Agenturen dieses Ereignis einschlie&#223;lich des folgenden Untergangs des gesamten sozialistischen Systems vorausgesehen, noch konnten die &#246;stlichen Dienste diese Entwicklung verhindern – auch nicht die hochdotierte Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des DDR-Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit. Ihre Geschichte und Arbeitsweise wurde hier bereits auf der Grundlage einer Ver&#246;ffentlichung &#252;ber die HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, in neun Folgen dargestellt. Auch die Kapitel &#252;ber ihren langj&#228;hrigen Chef <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf</a>, den schlie&#223;lichen <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/11/13/vor-20-jahren-der-zusammenbruch-des-ddr-spionageapparates/" target="_blank">Zusammenbruch der HVA</a> und ihre bis in die Gegenwart wirkende <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/02/08/vor-20-jahren-die-hinterlassenschaft-der-ddr-spionage-macht-probleme/" target="_blank">Hinterlassenschaft</a> sind an dieser Stelle bereits ver&#246;ffentlicht worden. Im Schlusskapitel res&#252;mierten die Autoren aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen schon damals, dass – – Geheimdienste &#252;berholt , passé seien. Es wird hier zuzm Abschluss der Serie noch einmal wiedergegeben.</p>
<h3><span style="color: #000000;"><span style="font-family: Arial;"><span style="font-size: x-large;">Geheimdienste passé?</span></span></span></h3>
<p>Spionage wird gern als das zweit&#228;lteste Gewerbe der Welt bezeich­net, wird doch bereits in der Bibel davon gesprochen. Heute jedoch bangt die Zunft der Spione um ihre Zukunft. Denn der Untergang der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung erweist sich vielleicht nicht nur als Spezifikum der deutschen Genesis, erkl&#228;rbar aus dem Ver­schwinden eines ganzen Staates und damit auch seiner staatlichen Organe. Auch andere Geheimdienste m&#252;ssen sich zunehmend Fragen nach ihrer Daseinsberechtigung stellen &#8211; im Osten wie im Westen. Dabei mag man die faktische Aufl&#246;sung des sowjetischen KGB wie die armseligen Mutationsversuche der Dienste anderer osteurop&#228;ischer Staaten noch dem Umbruch im Osten, dem Ein­sturz des sozialistischen Systems zuschreiben; f&#252;r die neu aufge­flammte Diskussion um die gro&#223;en westlichen Geheimdienste gen&#252;gt das zur Erkl&#228;rung nicht. Zwar ist es richtig, dass ihnen im Gefolge all dieser Entwicklungen der »Feind abhanden« gekommen ist, wie es oft griffig hei&#223;t, aber die wahren Ursachen f&#252;r die verbreitete Geheimdienst-M&#252;digkeit d&#252;rften tiefer liegen.</p>
<p>In diesem Jahrhundert war die Weltpolitik im wesentlichen durch den Gegensatz der beiden Systeme Kapitalismus und Sozia­lismus gepr&#228;gt. Dieser Widerspruch entwickelte sich in aller Sch&#228;rfe bis hin zur apokalyptischen Gefahr eines thermo-nuklearen Krieges. Damit einher ging eine gewaltige Propagandaschlacht, die sich aller erdenklichen Mittel bediente und mit dem Begriff des Kalten Krieges besser beschrieben war als mit dem sp&#228;teren, gef&#228;lligeren der »ideologischen Auseinandersetzung«. Die beiden Weltsysteme, jeweils angef&#252;hrt von ihren Superm&#228;chten USA und Sowjetunion, waren nur noch auf sich bezogen, betrachteten ihren Konflikt als »Knackpunkt« der Menschheitsgeschichte &#8211; und das war er lange Zeit wohl auch. Geheimdienste hatten in diesem Diadochenkampf ihre selbstverst&#228;ndliche Funktion.</p>
<p>Dabei &#252;bersahen beide Seiten, dass sich im Schatten der System­auseinandersetzung v&#246;llig neue und viel bedeutsamere Widerspr&#252;­che herausbildeten: der sogenannte Nord-S&#252;d-Konflikt als K&#252;rzel f&#252;r die Verelendung der Dritten Welt, hervorgerufen von deren Ausbeutung durch die beiden anderen Welten; die &#246;kologische Herausforderung mit im Grunde den gleichen Ursachen; das Erfordernis, die rasante wissenschaftlich-technische Entwicklung so zu gestalten, dass sie dem Menschen zum Nutzen ger&#228;t und nicht seinen Untergang programmiert. All dies ist nicht im scharfen Gegensatz unterschiedlicher ideologischer Konzepte zu bew&#228;lti­gen, sondern nur in enger Zusammenarbeit. Damit steht die Kooperation auf der Tagesordnung &#8211; und diese kann nur in einer Atmosph&#228;re des Vertrauens gedeihen.</p>
<p>Da objektiv bedingt, haben sich Elemente einer solchen »Politik des neuen Denkens« in den vergangenen Jahren bereits durchsetzen k&#246;nnen. Der KSZE-Proze&#223; machte den Anfang, indem er neben materielle Bereiche eines Interessenausgleichs (Sicherheit und &#214;konomie) erstmals gleichgewichtig die ethisch-moralische Pro­blematik der Menschenrechte stellte. Die deutsche Vereinigung war ein beredtes Beispiel f&#252;r die partielle &#220;berwindung von Blockdenken. Und auf dem besonders sensiblen Sicherheitsbereich wurden »vertrauensbildende Ma&#223;nahmen« vereinbart &#8211; erste Schritte zu mehr Transparenz und Ehrlichkeit. Ihre Realisierung wiederum erhielt Impulse aus den sprunghaft zunehmenden weltweiten Kommunikationsm&#246;glichkeiten &#8211; sowohl durch Mediennutzung als auch im privaten Bereich.</p>
<p>Wer Spionage von innen her kennt, wei&#223;, dass sie diesen Tendenzen im Wege steht. In einem Feld gegenseitig vorteilhafter Zusammenarbeit muss sie kontraproduktiv wirken. Ihre Absichten und Methoden verdienen tiefstes Misstrauen &#8211; wie alles, was jemand hinter seinem R&#252;cken heimlich vorbereitet, w&#228;hrend er mir vorn l&#228;chelnd die Hand entgegenstreckt. Spionage als Kind alten Denkens in den Kategorien der Bl&#246;cke, der antago­nistischen Ideologien, kann globale Kooperation nicht bef&#246;rdern, sondern sie nur st&#246;ren. Diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch &#8211; und sie ist der wahre Hintergrund f&#252;r die sich verst&#228;rkenden Forderungen nach restloser Beseitigung dieser Relikte einer &#252;ber­holten Zeit. Die neue Weltordnung, die heute auf der Tagesordnung steht, bedarf konspirativer Ma&#223;nahmen nicht; im Gegenteil – sie kann nur gelingen, wenn T&#228;uschung, Verschleierung, &#220;bervortei­lung auf dem Felde der Politik restlos ausgemerzt werden.</p>
<p>Wie schwer es aber ist, sich aus den Fesseln einer obsoleten Weltsicht zu l&#246;sen, zeigten gerade die von den diversen KSZE-Folgetreffen vereinbarten vertrauensbildenden Ma&#223;nahmen. Dazu geh&#246;rte die Beobachtung milit&#228;rischer Man&#246;ver, die alle beteilig­ten Staaten sofort dazu veranlasste, die jeweiligen Geheimdienste mit der Ausgestaltung dieser Vereinbarung zu betrauen.</p>
<p>So kam es dann, dass sich die Agenten der beiden Seiten auf dem Man&#246;verfeld gegen&#252;berstanden &#8211; die einen als Gastgeber mit dem Ziel, das wirklich Interessante vor den Augen des »Gegners« zu verbergen, die G&#228;ste hingegen mit der Absicht, die g&#252;nstige Gelegenheit zur Aufkl&#228;rung optimal zu nutzen. W&#228;hrend erstere zum Zwecke der Camouflage lange Erkl&#228;rungen abgaben und ausgedehnte Bankette in den Stabszelten am Rande der Man&#246;ver­zonen organisierten, um die Beobachter besoffen zu reden und zu machen, hatten diese den Auftrag, mehr zu sehen und zu h&#246;ren als erw&#252;nscht, und sich dazu statt mit Sektkelchen mit ausgefeilter Peil- und Lauschtechnik auszustatten. Fast noch absurder mutet die geheimdienstliche Begleitung des deutschen Vereinigungsprozes­ses an. W&#228;hrend das MfS seine Beobachtung der Bundesrepublik nach dem Januar 1990 notgedrungen fast v&#246;llig einstellte und damit auch die elektronische Telefon&#252;berwachung ihr Ende fand, setzte der BND die diesbez&#252;glichen Aktivit&#228;ten ungehemmt fort. Er machte dabei auch nicht vor der Bespitzelung des CDU-Vorsitzen­den und sp&#228;teren Ministerpr&#228;sidenten Lothar de Maizière halt &#8211; lange bevor er in Stasi-Verdacht geriet. Tr&#246;stlich zu h&#246;ren, dass nach der Wahl vom 18. M&#228;rz das Anzapfen von DDR-Telefonen »sukzessive heruntergefahren« und mit der Wahl der neuen Regie­rung am 12. April »endg&#252;ltig eingestellt« wurde. Die formelle Weisung zur Beendigung aller Abh&#246;raktionen &#252;ber Richtfunk erging jedoch erst am 4. Mai. Auch danach hat aber der BND seine Quellen im Osten Deutschlands weiter berichten und sich durch seinen Spitzen-Informanten Schalck-Golodkowski sogar Tipps f&#252;r erfolgversprechende Anwerbungen geben lassen. Gro&#223;z&#252;gig stellte er seine Top-Quelle auch f&#252;r die dilettan­tische Befragung durch einen M&#246;chtegern-Kundschafter der neuen Regierung zur Verf&#252;gung, der auf diese Weise &#8211; in wessen Auftrag? &#8211; Material gegen seinen eigenen Regierungschef sammelte.</p>
<p>Die grotesken Folgen dieser Art von Geheimdienst-Spielen k&#246;nnten zum Lachen verleiten, wenn der Hintergrund nicht so ernst w&#228;re. Er verr&#228;t n&#228;mlich, dass die Konsequenzen des oft beredeten »neuen Denkens« von vielen noch gar nicht begriffen oder aber &#252;berhaupt nicht erw&#252;nscht sind. Jetzt, da es an eigene liebgewordene Machtinstrumente geht, erweisen sich viele fr&#252;here Erkl&#228;rungen als platonisch. So kann man gegenw&#228;rtig landauf, landab &#8211; von Moskau bis Langley, von Paris bis Br&#252;ssel, von K&#246;ln bis Pullach &#8211; immer wieder h&#246;ren, wie unverzichtbar gerade heute Geheim­dienste seien. In den Entwicklungen in Osteuropa sieht BND-Chef Konrad Porzner offensichtlich vor allem Gefahren: »Aber beden­ken Sie auch, dass durch die Aufl&#246;sung des sowjetischen Zentral­staats unsere Arbeit schwieriger geworden ist. Jetzt gen&#252;gt es nicht mehr zu wissen, was in Moskau geschieht. Nun m&#252;ssen wir auch wissen, was in Kiew, Alma-Ata und St. Petersburg passiert.« Ver­fassungsschutz-Vizepr&#228;sident Peter Frisch wird noch deutlicher: »Unser neuer Hauptgegner sind die Staaten der Sowjetunion.« Und dar&#252;ber hinaus: Rum&#228;nien, Bulgarien, Polen, China, der Nahe Osten. Gefahr drohe Deutschland auch von »kubanischen, nord­koreanischen und anderen Diensten«. Ein weites Bet&#228;tigungsfeld &#8211; doch nicht nur die deutschen Geheimdienste malen neue Bedrohun­gen an die Wand.</p>
<p>Mitten in die Aufl&#246;sung des KGB hinein sagte dessen damaliger Chef Wadim Bakatin, es brauchten »auch demokratische Staaten Geheimdienste. Deshalb hei&#223;t unsere Aufgabe nicht Aufl&#246;sung, sondern Reform und Dezentralisierung«. Und der amerikanische CIA r&#228;umt zwar ein, dass das R&#252;stungspotential der UdSSR k&#252;nftig weniger bedrohlich sei; daf&#252;r stelle aber die wirtschaftliche Kon­kurrenz Japans und Europas eine Gefahr dar. Der ehemalige CIA-Chef Stansfield Turner gab die Linie vor: »Wirtschaftliche St&#228;rke muss mehr in den Vordergrund ger&#252;ckt werden, und das bedeutet, dass wir bessere &#246;konomische Aufkl&#228;rung brauchen.« Und er verschweigt auch die Zielrichtung dieser Wirtschaftsspionage nicht: »Nachdem wir mittlerweile mehr Nachdruck auf die Sicherung des wirtschaftlichen Knowhow legen, m&#252;ssen wir auch die weiterent­wickelten L&#228;nder ausspionieren &#8211; unsere Verb&#252;ndeten und Freunde, mit denen wir wirtschaftlich konkurrieren.«</p>
<p>Nach solcher Argumentation best&#228;tigt jedes weltpolitische Ereignis die Notwendigkeit von Geheimdiensten. Die Aufl&#246;sung der UdSSR macht sie ebenso erforderlich wie die »neuen Krisen­herde« sie verlangen. Sie m&#252;ssen das jeweilige Land vor den »neuen Gro&#223;m&#228;chten« (f&#252;r die USA Japan und Europa) sch&#252;tzen, aber auch vor Terrorismus, Rechtsextremismus, Waffenhandel, Umweltkriminalit&#228;t und Drogenverbrechen. Ungeniert greifen die Nachrichtendienste in polizeiliche Kompetenzen ein &#8211; nur um ihre Unersetzlichkeit nachzuweisen. Ehemalige Spionage-Praktiker begr&#252;nden die Unverzichtbarkeit von konspirativer Aufkl&#228;rung gleich f&#252;r alle Ewigkeit und sind in ihren Gedankeng&#228;ngen nahezu identisch. So sei zwar die Satellitenerkundung auch nicht schlecht, aber &#8211; so der ehemalige CIA-Mitarbeiter George Carver: »Die Stimmung im Basar kann ein Satellit aus 160 Kilometern Entfer­nung im Weltall nicht ausmachen.« Und Markus Wolf teilt diese Skepsis gegen&#252;ber der Elektronik: »Aber damit l&#228;sst sich nur feststellen, was geschehen ist oder was passieren k&#246;nnte &#8211; nicht aber, was in den St&#228;ben und Regierungen geplant wird, welche Entwicklungen in den Forschungslabors laufen oder ob ein Staatsstreich bevorsteht, der die ganze Situation ver&#228;ndern kann.«</p>
<p>Hier offenbart sich ein tiefes und offenbar unausrottbares Misstrauen, das zwar durch die bisherige Weltgeschichte best&#228;tigt zu werden scheint, dennoch aber nicht in eine Zeit passt, in der man eine v&#246;llig neue Weltordnung bauen will. Wer so denkt, taugt nicht zum »Erneuerer«, ist kein »Hoffnungstr&#228;ger«, sondern verharrt in einem Denken, das seine Gef&#228;hrlichkeit in unserem Jahrhundert immer wieder nachgewiesen hat und nun endg&#252;ltig &#252;ber Bord geworfen werden muss.</p>
<p>Hinzu kommt, dass der hohe Anspruch der Spionage, durch das Ermitteln der »ganzen Wahrheit« segensreich zu wirken, bisher kaum je eingel&#246;st werden konnte. Hingegen sind die Fehleinsch&#228;tzungen der Auslandsnachrichtendienste Legion und damit &#8211; oft berechtigt, mitunter zwar auch unberechtigt, aber es &#228;ndert nichts am Ergebnis &#8211; die Missachtung ihrer Prognosen. Fast alle Politiker lesen zwar gern die Dossiers ihrer Geheimdienste, aber kaum einer hat dar&#252;ber ein positives Wort verloren. Und tats&#228;chlich gehen Analysen und Einsch&#228;tzungen der geheimen Nachrichtendienste in aller Regel nicht &#252;ber das hinaus, was kluge Zeitgeschichtler, Politologen und Journalisten mit ihren Mitteln zusammentragen und formulieren. Brisante Einzelinformationen jedoch finden oft nicht die erforderliche Beachtung, vor allem dann nicht, wenn sie nicht ins eigene Kalk&#252;l passen und vielleicht dazu zwingen k&#246;nnten, die gerade betriebene Politik zu &#252;berpr&#252;fen.</p>
<p>Selbst Wolf, der 40 Jahre lang die deutsch-deutsche Entwick­lung in all ihren Ver&#228;stelungen verfolgen konnte, sah im Herbst 1989 nicht das baldige Ende der DDR voraus. Auch er unterlag letztlich der Scheuklappensicht, die den Aufkl&#228;rern in diesen Jahren anerzogen worden war und aus der sie trotz optimaler Informiertheit nicht ausbrechen konnten oder wollten. Noch im Sommer 1991 setzte Wolf auf seine alten Vertrauten in der KPdSU-F&#252;hrung &#8211; unf&#228;hig zu der Einsicht, dass es auch mit dieser und der von ihr geschaffenen Sowjetunion zu Ende ging. Er wie die gesamte Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung sind auch daran gescheitert, dass sie das objektive Wissen, das sich in ihrem Speicher ansammelte, nicht vorurteils­frei zu interpretieren vermochten.</p>
<p>Diesen Mangel hatte jedoch die DDR-Spionage mit allen anderen einschl&#228;gigen Diensten gemein. Der CIA lief den Entwick­lungen in Osteuropa st&#228;ndig hinterher, da das Ende des Kommunis­mus in seinem stabilen Feindbild nicht vorgesehen war. &#196;hnlich hat der BND nicht ein einziges Mal in seinen Papieren der letzten beiden Jahrzehnte die Vereinigung Deutschlands vorausgesagt oder auch nur eine solche M&#246;glichkeit noch im letzten Jahrhundert angedeutet. Entsprechend unvorbereitet war die Bundesregierung, als der unwahrscheinliche Fall eintrat. Der Verfassungsschutz bezog noch 1989 ein gro&#223;z&#252;giges neues Geb&#228;ude in K&#246;ln-Chor­weiler, weil auch er das Ende der weltweiten Konfrontationspolitik nicht denken konnte. Die KGB-Reste, die sich den ex­sowjetischen Republiken andienten, sind in ihrer Mehrzahl noch immer der Meinung, der Wandel der letzten drei Jahre sei das Resultat ausl&#228;ndischer Dienste und ihrer Agenten und Saboteure. Weil die Geheimdienste &#252;berall nur Anh&#228;ngsel der Politik waren und sind, diese in ihren Auffassungen bedienen, statt unabh&#228;ngig ihre Schlussfolgerungen aus den internen Materialien zu ziehen, bleiben sie weitgehend wirkungslos &#8211; ein weiteres Argument f&#252;r ihre &#220;berlebtheit.</p>
<p>Und ein drittes, wohl noch bedeutsameres, kommt hinzu. Die Geheimdienste haben mit einem demokratischen Staatswesen nichts zu tun. Die Entwicklung der Auslands-Spionageapparate demon­striert im Gegenteil, dass sie der Versuchung, ihre konspirativen Mittel und Methoden auch bei Operationen im Inland anzuwenden, nie widerstehen konnten und k&#246;nnen. War auch die Kooperation zwischen Spionage und Bereichen der inneren Abwehr bei der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung besonders eng, so ist zugleich nicht zu bestreiten, dass auch die altbundesdeutschen Dienste in dieser Hinsicht eine lange schmutzige Tradition haben, die erst vor einiger Zeit mit der sogenannten Panzeraff&#228;re &#8211; dem heimlichen Verschieben von Kriegsger&#228;t der Bundeswehr, das urspr&#252;nglich aus NVA-Best&#228;nden stammte, nach Israel &#8211; einen neuen H&#246;hepunkt erreichte.</p>
<p>Begonnen hatte das innenpolitische Spiel des Auslandsdienstes aber bereits mit Reinhard Gehlen, der es f&#252;r geradezu unerl&#228;sslich fand, durch den BND auch die »inneren Feinde« der Republik zu bearbeiten. Als der ehemalige Nazigeneral 1968 ausschied, fand sein Nachfolger Gerhard Wessel »sechs, sieben Leitz-Ordner, &#252;ber den Daumen gesch&#228;tzt«, mit Dossiers &#252;ber 54 Politiker vor &#8211; von Heinemann bis Barzel, von Wehner bis Strau&#223; (!). Weniger Aufhebens machte der langj&#228;hrige Gehlen-Stellvertreter von den Akten &#252;ber Kommunisten, Linke, Pazifisten, Sowjetunion-Freunde und andere unzuverl&#228;ssige Kantonisten in den Augen seines Ex­-Chefs. Das ganze Ausma&#223; der Spitzelt&#228;tigkeit im Innern wie auch des ungesetzlichen Vorgehens des BND war mit der »Spiegel«-Aff&#228;re offenkundig geworden. Danach versuchte man, den Nach­richtendienst st&#228;rker unter Kontrolle zu halten, doch mit m&#228;&#223;igem Erfolg, wie die immer neuen Skandale zeigten. Der gescheiterte Kanzleramtsminister Stavenhagen brachte es 1991 auf den Punkt: »Die Frage, wie man Nachrichtendienste, die ja etwas andere Beh&#246;rden sind, richtig kontrolliert, ist eine Frage, die mich schon lange bewegt.«</p>
<p>Bei aller Unterschiedlichkeit in Ausma&#223; und Perfektionierung sind es &#8211; wie in der DDR &#8211; auch in der Bundesrepublik stets Machtinteressen gewesen, die den Einsatz des Geheimdienstes zur Bek&#228;mpfung innenpolitischer Gegner veranlassten; nicht selten wurden sogar parteipolitische Fehden mit seiner Hilfe ausgetragen. Da ist es kein Wunder, wenn alle Versuche, das Treiben der Dienste demokratischen Regeln zu unterwerfen, scheitern mussten. Und es sieht so aus, dass das k&#252;nftig noch weniger m&#246;glich sein wird. Die Tendenz der Geheimdienste, sich neue Felder zu erschlie&#223;en, bringt zwangsl&#228;ufig mit sich, dass konspirative Methoden nicht etwa eingeschr&#228;nkt, sondern im Gegenteil noch ausgeweitet werden. »Das Gebot der Trennung von Polizei und Nachrichtendienst wird nicht mehr sauber eingehalten«, gesteht BfV-Pr&#228;sident Werthebach ein. Und BND-Chef Porzner stellt sogar Forderungen nach Aus­h&#246;hlung gegenw&#228;rtiger Rechtsgrundlagen: »Nach Artikel 10 des Grundgesetzes darf das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis nur mit Zustimmung eines Parlamentsgremiums durchbrochen werden. Dieses Gesetz muss allerdings &#252;berdacht werden.« Die nach der Panzeraff&#228;re erneut in Gang gekommene Diskussion &#252;ber erweiterte parlamentarische Kontrollmechanismen gegen&#252;ber den Geheim­diensten wird so schon im Ansatz unterlaufen. Es ist sicher, dass auch sie ausgehen wird, wie alle vorherigen &#8211; ohne greifbares Ergebnis.</p>
<p>Geheimdiensten ist ein undemokratisches Element inh&#228;rent. Es ergibt sich aus dem Grundessential ihrer Arbeit &#8211; n&#228;mlich das Auge der &#214;ffentlichkeit zu scheuen und demokratische Mitsprache &#252;ber ihre Aktivit&#228;ten nicht zuzulassen. W&#252;rden hingegen Offen­heit und wirkliche Transparenz auch im Wirken der Geheimdien­ste durchgesetzt, w&#228;re ihnen ihr Wesen genommen; sie w&#252;rden automatisch aufh&#246;ren zu existieren. Wer jedoch Spionage und all die anderen klandestinen Verrichtungen verteidigen und verewigen will, plant nichts Gutes. Nach au&#223;en setzt er weiter auf die &#252;berholte Machtpolitik weniger Gro&#223;er und Starker gegen&#252;ber Kleineren und Schw&#228;cheren, nicht jedoch auf das kooperative Zusammenwirken gleichberechtigter V&#246;lker. Im Inneren will er ganz &#228;hnlich vorgehen &#8211; Kabinettspolitik betreiben statt die opti­male Mitwirkung der B&#252;rger an den Staatsgesch&#228;ften zu erm&#246;gli­chen, die Demokratie in ihrer formalisierten Form zementieren statt neue Wege zu mehr Mitsprache und Mitentscheidung vieler zu beschreiten.</p>
<p>Aus all dem ergibt sich der Schluss, dass die T&#228;tigkeit derartiger »Organe« keine Daseinsberechtigung mehr hat. Der Widerspruch ihrer Praktiken zu den heute erforderlichen Formen kooperativer, vertrauensvoller Arbeit ist so gro&#223;, dass sie sich endg&#252;ltig &#252;berlebt haben. Wie die Saurier der Urzeit erweisen sich die Geheimdienste als nicht mehr lebensf&#228;hig, weil ihre einstige Funktion in die heutige Zeit nicht passt. Sie k&#246;nnen nur noch Schaden anrichten, indem sie notwendige Entwicklungen der Weltgesellschaft verz&#246;gern. Und sie kosten viel Geld, das wahrlich nutzbringender angelegt werden k&#246;nnte.</p>
<p>Die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, einst ger&#252;hmt wegen ihrer Effizienz und Professionalit&#228;t, hat schon den Preis ihres Zusammenbruchs entrichten m&#252;ssen; andere Dienste werden auf diesem Weg gewiss folgen &#8211; auch wenn es noch etwas dauert.</p>
<p>Und eines Tages wird die Zeit kommen, da Spionage nur noch das Thema spannender B&#252;cher und Filme ist.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil IX)</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Dec 2010 18:18:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer in diesen Tagen aufmerksam die Vorg&#228;nge um Wikileaks verfolgt und dabei registriert, wie hilflos und unprofessionell die US-Regierung samt ihrer Geheimdienste auf Ver&#246;ffentlichung von ihnen aus gutem Grund geheim gehaltener Informationen reagieren, f&#252;hlt sich nicht selten an die Endzeit der DDR und vor allem ihres Geheimdienstes Ministerium f&#252;r Staatssicherheit erinnert. Nat&#252;rlich gibt es kaum direkte Analogien<span id="more-2096"></span>, sind doch die Vorg&#228;nge gr&#252;ndlich anders, aber die Atmosph&#228;re, die Stimmung, die sich um dieses Ereignis ausbreitet, &#228;hnelt schon jener des Jahres 1989 in der DDR, als ein gef&#252;rchtetes Repressivorgan in atemberaubender Geschwindigkeit seine Macht verlor und darauf nicht angemessen zu reagieren wusste.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-2099" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, der Auslandsgeheimdienst, wurde in diesen Strudel gezogen – und hat es weitgehend geschehen lassen, auch weil sowohl seine F&#252;hrung als auch die Mitarbeiter weder willens noch in der Lage waren, sich gegen die lange einge&#252;bte ideologische Indoktrination und Unterordnung unter h&#246;heren Befehl zu wehren. Dies alles ist in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, ausf&#252;hrlich beschrieben. Im folgenden der neunte Teil.</p>
<h2>Der Weg in die Agonie</h2>
<p>»Er beherrscht sein Handwerk in der t&#228;glichen Arbeit, hat sich aber in das System integriert.« Mit solch d&#252;rren Worten beschreibt <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf </a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/f89cb05aa95d49688cd31e70672f05b2" alt="" width="1" height="1" />seinen Nachfolger Werner Gro&#223;mann. Er vergisst hinzuzuf&#252;gen, dass gerade er es war, der seinen langj&#228;hrigen Stellvertreter und »Kronprinzen« ganz wesentlich zu diesem Oppor­tunismus erzog.</p>
<p>Gro&#223;mann, Jahrgang 1929, geh&#246;rte zu jenen Leuten, die 1952 im »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« anfingen und so die Auslandsspionage der DDR von Anfang an mit aufbauten. Er war zuvor hauptamtlich in der FDJ t&#228;tig gewesen und diente sich unter Wolf allm&#228;hlich hoch. Nie zeichnete er sich durch besondere Kreativit&#228;t aus; seine St&#228;rken waren die F&#228;higkeit zu flei&#223;iger, penibler Arbeit, und der reiche Erfahrungsschatz, den er sich in fast vierzigj&#228;hriger Arbeit als Aufkl&#228;rer erworben hatte, waren solche Eigenschaften wie Zuverl&#228;ssigkeit, Ruhe und Besonnenheit. Er leitete lange Jahre die f&#252;r Milit&#228;rspionage zust&#228;ndige Abteilung IV, sp&#228;ter die Abteilung I, deren »Jagdgebiet« die Regierungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik waren. Als Wolfs Stellvertreter war er dann f&#252;r die Anleitung jener Bereiche zust&#228;ndig, die ihre Operationen auf den westlichen deutschen Staat konzentrierten. Dazu geh&#246;rte auch die besondere Beobachtung der von dort ausgehenden »politisch­ideologischen Diversion«.</p>
<p>Gro&#223;manns Werdegang pr&#228;destinierte ihn anscheinend f&#252;r die Nachfolge Wolfs. Er kannte den Spionageapparat fast wie dieser und garantierte so die Kontinuit&#228;t der Arbeit. Kaum jemand schien sich Gedanken dar&#252;ber zu machen, dass inhaltliche wie methodische Impulse von ihm nicht zu erwarten waren. Der &#220;bergang vollzog sich reibungslos; die Arbeit lief weiter, als sei Wolf gerade einmal in Urlaub oder zur Kur. Die DDR-Aufkl&#228;rung war so in ihrem Fahr­wasser festgelegt, dass Ver&#228;nderungen niemandem erforderlich schienen. Sie hatte ihren Platz in der B&#252;rokratie des Landes gefun­den und sollte dort verbleiben, ohne viel aufzufallen oder gar Turbu­lenzen auszul&#246;sen. Insofern war ein Mann, der sich &#8211; Originalton Wolf &#8211; »in das System integriert« hatte, gerade recht.</p>
<p>Und Gro&#223;mann war der typische Juniorpartner. Weniger flexibel als sein Vorg&#228;nger, weniger kompetent, wenn es um vorausgreifen­des Denken ging, seinem Chef h&#246;rig, solange dieser die Befehls­gewalt hatte, dann schnell auf den neuen Herrn Mielke fixiert und diesem so zu Willen wie vordem Wolf. Das musste nicht nur sein Vorg&#228;nger erfahren, von dem er sich schnell distanzierte, als Kritik an ihm laut wurde. Das zeigte sich auch in den Orientierungen und Festlegungen, die Gro&#223;mann traf und mit denen er der Forderung Mielkes nach immer st&#228;rkerer Einbindung der HVA in die »Haupt­aufgabe« des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit, die Bek&#228;mpfung von Subversion, Diversion und »politischem Untergrund« Rech­nung trug. Der Sekret&#228;r der SED-Kreisleitung des MfS, Horst Felber, bezeichnete das so: »Unter dem neuen Leiter hat Mielke ein bisschen mehr direkte Befehlsgewalt &#252;ber die HVA gehabt als unter Wolf. Aber das war auch ein Prinzip seiner Kaderpolitik, da&#223; er sich immer die Gef&#252;gigeren aussuchte.« Dabei waren es Wolf und sein langj&#228;hriger Stellvertreter Hans Fruck selbst gewesen, die Gro&#223;­mann als Nachfolger vorbereitet hatten. Mielke erkannte jedoch schnell, dass er mit diesem Mann besser klarkommen w&#252;rde als mit dessen Vorg&#228;nger.</p>
<p>In den Jahren des Gro&#223;mannschen Regiments seit Ende 1986 nahmen die Dienstleistungen der HVA f&#252;r die Abwehrbereiche des MfS zu. Profane Verrichtungen der Abwehr wie Eins&#228;tze zum »Per­sonenschutz« h&#228;uften sich. Noch mehr als schon zuvor standen Aufkl&#228;rer auf den Stra&#223;en, sa&#223;en in den Stadien, um Politiker und auch die Dynamo-Fu&#223;ballspieler vor Anschl&#228;gen des »Klassenfein­des« zu sch&#252;tzen. Auf Vorhaltungen seiner Abteilungsleiter, die nicht nur auf die umfangreiche zeitliche Belastung, sondern vor allem auf die Risiken f&#252;r die Konspiration ihrer Mitarbeiter ver­wiesen, reagierte Gro&#223;mann unwirsch: »Keine Diskussion! Wir haben uns den Erfordernissen der Hauptabteilung PS unterzuordnen.«</p>
<p>Die Kooperation mit bestimmten Diensteinheiten der Abwehr verst&#228;rkte sich. Das betraf vor allem die Hauptabteilung XX, deren W&#252;nsche nach Unterst&#252;tzung der Bek&#228;mpfung von Andersdenken­den Gro&#223;mann veranlassten, geeignete Abteilungen wie die IX (Spionageabwehr), II (BRD-Parteien und -Organisationen) und VII (Auswertung) zu engerer Zusammenarbeit zu verpflichten. Die<a href="http://www.blogsgesang.de/2010/09/08/hauptverwaltung-aufklaerung-der-ddr-kurze-geschichte-eines-spionagedienstes-teil-v/" target="_blank"> schon dargestellten Ma&#223;nahmen zum Vorgehen gegen »politische Unter­grundt&#228;tigkeit«</a> wurden von ihm befohlen. Er ordnete auch die intensivere Nutzung der Telefonaufkl&#228;rung der Hauptabteilung III &#252;ber Vorg&#228;nge in der BRD an. W&#228;hrend Wolf, der in klassischer Manier mehr auf die direkte menschliche Quelle setzte, der elektronischen Beschaffung deswegen, aber auch aus Konkurrenzgr&#252;nden ziemlich skeptisch gegen&#252;berstand, sah Gro&#223;mann weniger Anlass, diese effektive technische M&#246;glichkeit nicht maximal zu nutzen.</p>
<p>Schlie&#223;lich aktivierte sich auch die Kooperation mit der Haupt­abteilung VI, die unter anderem f&#252;r den »Polittourismus« zust&#228;ndig war. Darunter verstand das MfS Reisen westlicher Politiker in die DDR, die sich dabei zunehmend nicht auf offizielle Treffen mit hochrangigen Partnern beschr&#228;nkten, sondern Kontakt auch zu ein­fachen Leuten, vor allem aber zu Vertretern der Kirchen und vereinzelt auch oppositioneller Gruppen suchten. Dies unter Kontrolle zu halten, war ein vorrangiges Anliegen Mielkes, dem Gro&#223;mann mit der Zuarbeit von Erkenntnissen &#252;ber Reiserouten, geplante Kontaktauf­nahmen und sp&#228;ter Berichte &#252;ber solche Gespr&#228;che und ihre Bewer­tung durch den bundesrepublikanischen Politiker noch gr&#246;&#223;ere Unterst&#252;tzung gab, als dies schon Wolf getan hatte.</p>
<p>Bundeskanzler Kohl zum Beispiel reiste zu einer Zeit, als er noch Oppositionsf&#252;hrer war, einige Male ohne offizielle Ank&#252;ndigung nach Leipzig. Das lie&#223; er selbstverst&#228;ndlich unter der Hand signa­lisieren, und dann erfreute er sich &#8211; gewiss nicht ohne Einverst&#228;ndnis &#8211; der l&#252;ckenlosen Kontrolle durch das MfS. Die dar&#252;ber angefertig­ten Berichte enthielten bis zum Gang auf die Toilette (mit genauer Zeitangabe) tats&#228;chlich jeden seiner Schritte, und da der Bezirkschef des MfS sogar den Ehrgeiz hatte, auch seine Tischunterhaltungen in einem Restaurant mitzubekommen, platzierte er seine Mitarbeiter an den Nebentischen. Sie hatten nichts anderes zu tun, als die Ohren aufzusperren. Die HVA beteiligte sich an solchen Spielchen nicht, denn die Berichte waren f&#252;r ihre Arbeit kaum von Belang.</p>
<p>Mitunter &#252;bernahm die HVA aber sogar bestimmte Aufgaben des Abwehrbereichs zur G&#228;nze. Das betraf zum Beispiel die fr&#252;here Abteilung III, die im MfS f&#252;r die Planung und Vorbereitung von Sabotageakten im Falle einer milit&#228;rischen Auseinandersetzung mit der BRD geschaffen worden war. Ihre Ineffektivit&#228;t erwies sich schon bald; anstatt aber dieses Relikt des kalten Krieges zu liquidie­ren, wurde seine Aufgabenstellung der HVA &#252;bertragen, die daf&#252;r die Abteilung XVIII aufbaute.</p>
<p>Der Minister f&#252;r Staatssicherheit beschr&#228;nkte sich nicht darauf, seine Arbeitsschwerpunkte bei der HVA besser zur Geltung zu brin­gen. Er war zugleich bem&#252;ht, den Einfluss auf die stets beargw&#246;hnte Aufkl&#228;rung generell zu verst&#228;rken. Als bestes Mittel dazu erschien ihm die Kontrolle &#252;ber deren Personal. Er hatte schon zu Zeiten Wolfs mehrfach versucht, die Leitung der f&#252;r die HVA zust&#228;ndigen Kaderabteilung mit einem seiner Gew&#228;hrsm&#228;nner zu besetzen, doch war ihm das damals nicht gelungen. Wolf hatte immer wieder seine eigenen Personalvorstellungen durchgesetzt, aber nach Gro&#223;manns Amtsantritt veranlasste die von Mielke an der kurzen Leine gehaltene Hauptabteilung Kader und Schulung bald einen Wechsel an der Spitze des HVA-Kaderbereichs. Ins Amt kam Wolfgang Kisch, urspr&#252;nglich zwar auch ein Mann der Aufkl&#228;rung, nach einem Aus­landseinsatz jedoch zum Referenten des Kader-Hauptabteilungslei­ters, Generalleutnant M&#246;ller, berufen. Dieser aber hatte zuvor die Spionageabwehr geleitet und war ein enger Vertrauter seines Ministers. Kisch wurde &#252;brigens bis Anfang 1992 vom Bundes­minister des Innern besoldet, als Mitarbeiter des Bundesverwaltungsamtes.</p>
<p>Eine besondere Bedeutung hatte in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre die Parteiorganisation der HVA. Sie musste mit dem Wider­spruch fertig werden, dass sich in der KPdSU durch Gorbatschows Politik der Perestroika langsame Ver&#228;nderungen vollzogen, w&#228;h­rend die SED stur an ihrer schon gescheiterten Linie festhielt. Nicht wenige HVA-Mitarbeiter dr&#228;ngten &#8211; nicht zuletzt aus ihrer genauen Kenntnis der Lage heraus &#8211; auf Unterst&#252;tzung des sowjetischen Kurses und brachten das auch in den obligatorischen Parteiberichten zum Ausdruck, wenn auch mehr zwischen den Zeilen als im Klartext. Diese Berichte wurden jedoch auf dem Weg bis zur Spitze immer weiter relativiert, abgeschw&#228;cht, so dass am Ende in der Regel die gew&#252;nschten Zustimmungsschreiben standen. Die Leitung der Parteiorganisation, in ihren wichtigsten Funktionen seit Jahrzehnten im Amt, war weder bereit noch in der Lage, diese Signale aufzuneh­men, geschweige denn weiterzugeben. Schon Markus Wolf hatte sie vorrangig als Erf&#252;llungsgehilfen betrachtet; sie sollte seine Politik unterst&#252;tzend begleiten. Dabei blieb es auch unter seinem Nachfolger. Und die Parteimitglieder fanden fast nie die Kraft, sich gegen den apologetischen Kurs ihrer Leitung zu stellen. Die von oben kom­menden Weisungen wurden strikt erf&#252;llt und damit auch all jene gema&#223;regelt, die doch einmal ein offenes Wort gewagt hatten. Indem sie in aller Regel ihre Zunge im Zaum hielten, erleichterten sie der Parteileitung ihre gewiss undankbare, aber doch nie in Frage gestellte Aufgabe.</p>
<p>So war es zwangsl&#228;ufig, dass der Realit&#228;tsverlust auch in der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung &#8211; obwohl gerade sie f&#252;r wahrheits­getreue Berichte zust&#228;ndig war &#8211; um sich griff. Die Informationen aus dem Operationsgebiet lie&#223;en deutlich erkennen, dass auf nahezu allen Gebieten eine R&#252;ckw&#228;rtsentwicklung eingesetzt hatte und es nur noch eine Frage der Zeit war, wann die DDR in existentielle Schwierigkeiten kommen w&#252;rde. In einer Analyse vom Sommer 1989 hie&#223; es zutreffend, dass nach &#252;bereinstimmender Meinung zahlreicher westlicher Beobachter in der DDR »zahlreiche Probleme heranreiften bzw. sich schrittweise herausbildeten, die in absehbarer Zeit neue L&#246;sungen erforderten, ohne dass seitens Partei und Regierung auf diese Herausforderungen in gen&#252;gendem Ma&#223;e reagiert werde. Aus diesem Widerspruch zwischen Notwendigkeiten und tats&#228;chlichen Ver&#228;nderungen erwachse ein Vertrauens­schwund der DDR-B&#252;rger in die Politik der Partei- und Staatsf&#252;h­rung, der mit zunehmender Passivit&#228;t bzw. Resignation breiter Bev&#246;lkerungskreise, ausgedr&#252;ckt insbesondere in einem Anstieg der Antr&#228;ge auf st&#228;ndige Ausreise aus der DDR, verbunden sei. Diese Tendenz w&#252;rde durch &#228;u&#223;ere Einfl&#252;sse, vor allem die Umge­staltung in der UdSSR, Teilreformen in anderen sozialistischen L&#228;ndern, den KSZE-Proze&#223; und die durch Besuchsreisen wesent­lich erweiterten M&#246;glichkeiten f&#252;r DDR-B&#252;rger, die Entwicklung ihres Staates mit der der BRD zu vergleichen, st&#228;ndig verst&#228;rkt. Abgeleitete Ursachen f&#252;r die von ihnen diagnostizierte innere Stagnation der DDR sehen westliche Analytiker im gegenw&#228;rtigen Funktionieren des rechtlichen Systems und den Formen der Machtaus&#252;bung, im Stillstand bzw. einem teilweisen R&#252;ckgang des Lebensniveaus der Bev&#246;lkerung als Resultat r&#252;ckl&#228;ufiger Wachs­tumsraten in der Wirtschaft und einem sich daraus ergebenden Gef&#252;hl der Perspektivlosigkeit bei vielen DDR-B&#252;rgern.«</p>
<p>Obwohl der Bericht mit konjunktivischer Vorsicht abgefasst war, fand er aufgrund seiner vom Selbstbild der SED-F&#252;hrung diametral abweichenden Aussagen nicht die Zustimmung Mielkes. Vor der Weitergabe musste in beinahe jeden Satz eingef&#252;gt werden, dass diese Wertungen von feindlichen Kr&#228;ften der Bundesrepublik stammten, dass Diversionseinrichtungen mit solchen Argumenten die DDR verleumdeten und dass es sich dabei um Behauptungen reaktion&#228;rer, antisozialistischer Kreise handelte. Indem die Aufkl&#228;rer diese verlangten &#196;nderungen vornahmen, wurde das Feindbild der F&#252;hrung bedient; f&#252;r sie war selbstverst&#228;ndlich, dass der »Feind« so urteilte, weil er der »erfolgreichen« DDR am Zeuge flicken oder vielleicht gar von den eigenen »Gebrechen« ablenken wollte. Gro&#223;mann, der jede dieser Informationen unterschreiben musste, aber auch seine Auswerter, die letztlich den Forderungen von oben nachkamen, f&#252;gten sich den &#196;nderungsw&#252;nschen des Ministers.</p>
<p>Die so gereinigten Endprodukte wurden denn auch nicht ernst genommen und, da sie noch ein wenig Kritik enthielten, in eine Reihe mit den Berichten der bundesdeutschen Medien gestellt. Erich Honecker selbst hat dar&#252;ber berichtet: »Die Berichte vom MfS &#8230; erschienen mir immer wie eine Zusammenfassung der Ver&#246;ffentli­chungen der westlichen Presse &#252;ber die DDR &#8230; Ich selbst habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.«</p>
<p>Im Oktober 1989 dann, als die Wahrheit absolut nicht mehr sch&#246;nzureden war, wurden derartige Informationen nicht mehr weitergegeben. Der riesige Beschaffungsapparat der HVA f&#252;hlte sich gel&#228;hmt, da kein Interesse mehr an seinen Erkenntnissen bestand. Vorher jedoch war nach immer neuen Informationen gerufen wor­den, mussten alle Quellen pausenlos berichten, vor allem auch &#252;ber abwehrrelevante Vorg&#228;nge. Die Diensteinheiten der Abwehr erstickten fast in Informationen, ihre Auswertung jedoch erfolgte dort ganz besonders mit den von der SED verordneten Scheuklappen. Und wenn sie selbst einmal Missst&#228;nde registrierten, blieben sie dabei stehen, konnten sie keinen Beitrag zu den notwendigen Ver&#228;n­derungen leisten. Immer &#246;fter fragten Kundschafter aus der Bundesrepublik, was denn mit ihren Informationen werde, ob man sie nicht ernst nehme, warum die DDR-F&#252;hrung &#8211; obwohl vom Geheimdienst ins Bild gesetzt &#8211; nicht reagiere. Die erste Selektion der unangeneh­men Wahrheiten erfolgte &#8211; wie gesagt &#8211; schon im Hause der HVA; dies setzte sich fort bei der gegen jede »Diversion« (auch die der DDR-F&#252;hrung!) vorgehende Zentrale Auswertungs- und Informa­tionsgruppe, die jedes weitergegebene Material in Mielkes Auftrag zensierte. Der Minister selbst legte mitunter auch noch Hand an, und selbst dieses gesch&#246;nte Resultat wurde schlie&#223;lich als unglaubw&#252;r­dig ad acta gelegt. Die Ignoranz ging so weit, dass einfach nicht geglaubt wurde, was nicht ins eigene Bild passte &#8211; nach dem Motto: Die Landschaft ist falsch, aber die Karte stimmt!</p>
<p>&#196;hnliche Erfahrungen hatte schon der f&#252;r die Sowjetunion spio­nierende Deutsche Richard Sorge mit Stalin gemacht, der den Ter­min des faschistischen &#220;berfalls auf die UdSSR als Unsinn abtat. Wer von der eigenen Unfehlbarkeit derart &#252;berzeugt ist, braucht auch den Nachrichtendienst nur noch zur Best&#228;tigung der eigenen Meinung. Die Politik hatte sich mit ihren Einsch&#228;tzungen bereits derart von der Wirklichkeit abgehoben, dass sie weder f&#252;r Argumente und selbst nicht mehr f&#252;r Tatsachen zug&#228;nglich war. Es h&#228;ufte sich nutzloses Wissen an, zu dessen Beschaffung und Verwaltung jedoch ein immer gr&#246;&#223;erer Aufwand betrieben wurde.</p>
<p>Im kleinen Kreis hatten die Leiter der Hauptverwaltung Aufkl&#228;­rung, Markus Wolf eingeschlossen, gelegentlich durchaus dar&#252;ber sinniert, ob nicht weniger mehr sei. Wenn der gro&#223;e quantitative Aufwand auf wenige lohnenswerte Vorg&#228;nge konzentriert w&#252;rde, so die Lesart, k&#246;nnte das die Qualit&#228;t erh&#246;hen. Viele sahen, in welchem Ma&#223;e Kapazit&#228;ten durch die sogenannte Tonnenideologie gebunden wurden, nach der die Ergebnisse der Arbeit von Zahlen abgelesen wurden, ohne gen&#252;gend die dahinterstehenden Leistungen zu beachten. Dennoch konnte sich niemand zu Ver&#228;nderungen durch­ringen. &#220;berall in der Gesellschaft wurden »Erfolge« statistisch errechnet und ausgedr&#252;ckt; wollte jemand anders vorgehen, so schien sein Scheitern vorprogrammiert. Auch in dieser Hinsicht passte sich also die HVA den Gegebenheiten an &#8211; und mit dem Amtsantritt Gro&#223;manns mehr noch als zuvor.</p>
<p>Zum Beispiel mussten immer mehr und neue Werberkandidaten gewonnen werden, obwohl viele von ihnen zwar Arbeit, Zeit und Geld kosteten, jedoch wenig einbrachten. Manche stellten sich sogar auf diese Fehlorientierung der Zentrale geschickt ein und profitierten jahrelang davon. Die gleiche Zahlenspielerei wurde bei den be­schafften Informationen betrieben. In den j&#228;hrlichen Jahresauswer­tungen ging es zuerst um die absoluten Zahlen beschaffter Materia­lien, und kein Abteilungsleiter konnte es sich wagen, unter denen des Vorjahres zu bleiben. Erst in zweiter Linie interessierte die Qualit&#228;t, und Vorhaltungen der Auswerter, im Interesse des nachrichten­dienstlichen Gehalts von Informationen auf diese Seite der Arbeit gr&#246;&#223;eren Wert zu legen, waren zumeist in den Wind gesprochen.</p>
<p>Groteske Formen nahm dieses Haschen nach vordergr&#252;ndigem Erfolg besonders dann an, wenn in der Presse durchgesickert war, dass zum Beispiel die NATO ein neues milit&#228;rstrategisches Papier erarbeite. Man konnte sicher sein, dass dann Mielke sofort beim Leiter der Aufkl&#228;rung anrief und die unverz&#252;gliche Beschaffung dieses Dokuments befahl &#8211; so als k&#246;nne man es an jedem Bahn­hofskiosk kaufen. Ein Wettlauf zwischen den in Frage kommenden Abteilungen begann &#8211; mit allen Gef&#228;hrdungen, die solcher Voluntarismus f&#252;r konspirative Arbeit mit sich bringt. Schlie&#223;lich lag das Material in mehrfacher Ausfertigung auf dem Tisch oder aber &#8211; und das war h&#228;ufiger der Fall &#8211; es konnte nur bruchst&#252;ckhaft, oft allein durch Absch&#246;pfung, beschafft werden, und die Auswertungsabtei­lung hatte die Aufgabe, daraus etwas mit Hand und Fu&#223; zu machen. Ehe dies gelang, stand es vielleicht schon in der Zeitung; oder aber es zeigte sich, dass der NATO-Berg nur mit einem M&#228;uslein schwanger gegangen war. Der gesamte Aufwand hatte sich als &#252;berfl&#252;ssig erwiesen.</p>
<p>Dieses Vorgehen f&#252;hrte zugleich zu einer Fehlbewertung der legalen Residenturen. Sie waren es, die relativ schnell &#8211; durch Gespr&#228;che &#8211; etwas in Erfahrung bringen konnten, w&#228;hrend die illegale Linie zur Beschaffung des entsprechenden Dokuments in der Regel l&#228;nger brauchte, schon aus Gr&#252;nden der Sicherheit ihrer Quellen. Andererseits waren die Absch&#246;pfberichte nat&#252;rlich weitaus weniger aussagekr&#228;ftig, oft sogar verzerrt und irref&#252;hrend. Die in den Aus­landsvertretungen der DDR arbeitenden HVA-Mitarbeiter, zumeist »Offiziere im besonderen Einsatz« (OibE), wussten nat&#252;rlich, was die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« h&#246;ren wollte. Sie passten ihre Berichte oftmals diesen W&#252;nschen an. Au&#223;erdem hatten sie meist Gespr&#228;ch­spartner, die zumindest ahnten, welchen Weg ihre Aussagen nahmen, und entsprechend vorsichtig formulierten. Kaum ein OibE war bereit, in seiner »Nebent&#228;tigkeit« f&#252;r das MfS ein Risiko einzugehen &#8211; konnte das doch sofortigen R&#252;ckzug und das Ende einer vielleicht aussichtsreichen Karriere bedeuten.</p>
<p>All dies wirkte sich negativ auf Zuverl&#228;ssigkeit und nachrichten­dienstlichen Wert der Absch&#246;pfinformationen aus. Da es jedoch vor allem auf Schnelligkeit ankam, &#252;bersah man das gro&#223;z&#252;gig und gab sich mit solch minderer Qualit&#228;t zufrieden. Das dann sp&#228;ter einge­hende Dokument fand kaum noch die geb&#252;hrende Beachtung; mit­unter wurde es sogar unterschlagen, weil auf seiner Basis fr&#252;here Aussagen h&#228;tten korrigiert werden m&#252;ssen. Dennoch blieb in der HVA insgesamt die illegale Beschaffung von Dokumenten das Ent­scheidende, aber Qualit&#228;tseinbu&#223;en aufgrund des genannten Vor­gehens waren nicht zu &#252;bersehen. Auf diese Weise wuchs auch die F&#252;lle oftmals toten Papiers, das nach seiner Bewertung als Mittel­ma&#223; im Archivkeller landete, ohne jemals wieder angesehen zu werden, unaufh&#246;rlich. Die Schlussfolgerung lief jedoch nicht auf eine Reduzierung solch &#252;berfl&#252;ssiger Makulatur hinaus, sondern es wurde dar&#252;ber nachgedacht, wie sie mit Hilfe der modernen Technik besser verwaltet werden k&#246;nne. Dazu schuf sich die HVA eine elek­tronische Datenbank, in die s&#228;mtliche beschafften Informationen einzuspeichern waren. Mit Hilfe eines Thesaurus und der in ihm aufgef&#252;hrten Schlagw&#246;rter sollte der Zugriff zum gesamten Material sichergestellt werden. Diese durchaus sinnvolle Einrichtung war jedoch durch den Umfang des Gespeicherten lediglich begrenzt nutzbar. Die Erfassung der Stichw&#246;rter konnte nur relativ oberfl&#228;ch­lich gehandhabt werden, die Differenzierung zwischen den Informa­tionen erwies sich als zu grob. Besonders absurd war die Vorstellung, durch den Speicher Werbevorg&#228;nge besser prognostizieren zu k&#246;nnen. Man hatte begonnen, einige verf&#252;gbare Angaben &#252;ber Personen im Operationsgebiet im Computer zu speichern. Sie wurden mitunter abgerufen und aus der Zusammenschau der Daten abgeleitet, ob, wie und in welchem Zeitraum eine Werbung m&#246;glich sein m&#252;sste. Dies erinnerte ein wenig an den Krieg der Sterne; einige HVA-Verant­wortliche wollten offensichtlich den Kampf mit ihren Kontrahenten vom Computer aus f&#252;hren.</p>
<p>Bei all dem soll nicht &#252;bersehen werden, dass nat&#252;rlich auch in jenen Jahren das Bem&#252;hen vorhanden war, die geheimdienstliche Arbeit mit allen Mitteln zu qualifizieren, und dabei Ergebnisse erreicht wurden. So eignete sich selbstverst&#228;ndlich der Computer durchaus f&#252;r eine Rationalisierung von Informationsprozessen. In den 80er Jahren bauten die Nachrichtendienste der damaligen sozialistischen L&#228;nder mit dem SUD-System ein Verbundnetz auf, in das vor allem geheimdienstlich interessante Personen, aber auch vermutliche Terroristen und internationale Waffen- und Rauschgifth&#228;ndler eingespeichert wurden. So meldete sich eines Tages in Warnem&#252;nde ein Holl&#228;nder, der mit der F&#228;hre aus D&#228;nemark gekommen war und angab, geheimes NATO-Material zu besitzen, da er bei den Allied Forces of central Europe (AFCENT) in Brunssum bei Maastricht gearbeitet habe. Zwei Spezialisten der HVA f&#252;hlten ihm auf den Zahn und stellten schnell fest, dass er die Geb&#228;ude des AFCENT in Brunssum noch nie von innen gesehen hatte, nicht einmal die Anzahl der Stockwerke wusste und seine eigene Zimmernummer dort &#252;ber­haupt nicht vorkam. Er hatte sich schnell als Scharlatan entlarvt und wurde abgeschoben. Seine Personaldaten aber landeten im SUD-Computer. Nur zwei Wochen sp&#228;ter erschien der gleiche Mann mit einem &#228;hnlichen Angebot bei der polnischen Spionage in Gdansk; dank des Verbundnetzes war man dort &#252;ber ihn sofort im Bilde.</p>
<p>Eine gewisse Entwicklung erfuhr in den 80er Jahren auch die Anwendung der Psychologie in der Spionaget&#228;tigkeit. Jahrelang war sie als Wissenschaft von der HVA untersch&#228;tzt worden, hatte man ihre Erkenntnisse lediglich intuitiv, empirisch genutzt. Nun aber, da die Anbahnung von Kontakten immer schwieriger wurde und die Informationsarbeit &#8211; zum Beispiel durch die Zunahme der legalen Beschaffung &#8211; auch teilweise anderen Gesetzen folgte, spielte sie eine immer gr&#246;&#223;ere Rolle. F&#252;r einige Aufkl&#228;rer bot sie dar&#252;ber hinaus die M&#246;glichkeit, den ideologischen Vorgaben auszuweichen und das Professionelle in der Arbeit st&#228;rker zu betonen.</p>
<p>Insgesamt l&#228;sst sich der &#220;bergang der Leitung der Hauptverwal­tung Aufkl&#228;rung von Wolf auf Gro&#223;mann als kontinuierliche Fort­setzung des fr&#252;heren Kurses, einschlie&#223;lich seiner schon sichtbar werdenden Schw&#228;chen, charakterisieren. Viele Fehlentwicklungen waren lange vorprogrammiert; dass sie jetzt besonders sichtbar wurden, lag nur zum Teil an Werner Gro&#223;mann, der durch seine Ergebenheit und Durchschnittlichkeit sowie die enge Verhaftung mit der jahrelang »bew&#228;hrten« Linie weder in der Lage noch willens war, neue Akzente zu setzen. Die Stagnation der HVA war vor allem bedingt durch die Gesamtsituation der DDR in ihrer zunehmenden Agonie. Die DDR-Spionage als Teil des gesellschaftlichen Systems unterlag dessen allgemeinen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten. Sie war im Prinzip den gleichen Weg gegangen wie der gesamte Machtapparat. Als der Herbst 1989 nahte, fand sie sich daher in der gleichen Verst&#228;ndnis-und Hilflosigkeit wie er.</p>
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		<title>Das Volk von Stuttgart</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Oct 2010 20:22:37 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist vielleicht mehr als die Ironie der Geschichte, dass punktgenau zum 20. Jubil&#228;um der deutschen Einheit und der damit verbundenen Erinnerung an eine friedliche Revolution unter dem Motto »Keine Gewalt!« in eben diesem Deutschland, in Stuttgart, das genaue Gegenteil zu beobachten ist <span id="more-1966"></span>– und das auch noch als Ausdruck, sogar als Grundlage von Demokratie verteidigt wird. Schon skandieren die Demonstranten in Stuttgart »Wir sind das Volk!« und »Keine Gewalt!« und der gewaltige Aufmarsch vom vergangenen Freitag erinnerte auch optisch stark den Demonstrationszug in Leipzig am 9.Oktober 1989. Es war &#252;brigens jene Demonstration, bei der die DDR-F&#252;hrung, die zwei Tage zuvor in Berlin die Demonstranten noch hatte zusammenkn&#252;ppeln lassen, widerstrebend auf Gewalt verzichtete – und damit ganz wesentlich den Weg daf&#252;r frei machte, dass sich der Wille des Volkes am Ende durchsetzen konnte. Denn <a href="http://www.tagesspiegel.de/meinung/arroganz-der-macht/1947958.html" target="_blank"><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/6e0d15fc53444e8e9d66f3185bb927ba" alt="" width="1" height="1" />zur friedlichen L&#246;sung von Konflikten geh&#246;ren immer zwei</a>, die auf Gewalt verzichten. Stuttgart, genauer die baden-w&#252;rttembergische Landesregierung und die Deutsche Bahn sind noch weit davon entfernt, ihren Beitrag dazu zu leisten.</p>
<p>Ein Zufall ist das nicht, sondern die logische Konsequenz einer politischen Entwicklung, die mit den hehren und gerade jetzt so wortreich beschworenen Prinzipien der Demokratie nichts zu tun hat. Gerade heute hat der Bahnchef R&#252;diger Grube den Demonstranten jedes <a href="http://www.bild.de/BILD/politik/2010/10/03/stuttgart-21/hg/gegenueberstellung.html" target="_blank">Widerstandsrecht gegen ein Wirtschaftsprojekt, hier den Bahnhofsbau, abgesprochen </a>und angek&#252;ndigt, es ungebremst durchzusetzen. Er beruft sich dabei auf den Parlamentsbeschl&#252;sse, blendet aber nat&#252;rlich aus, wie solche Beschl&#252;sse schon seit vielen Jahren zustande kommen. N&#228;mlich ohne Beteiligung der B&#252;rger, ohne Mitsprache des Volkes, in Hinterzimmern und Kungelrunden. Lobbyisten, nicht das Volk gehen bei den Abgeordneten ein und aus und diktieren ihre W&#252;nsche in die Gesetze, formulieren sie inzwischen sogar selbst, wie bereits mehrfach bewiesen und auch zugegeben wurde. Und die Politik l&#228;sst das geschehen, stellt sich auf die Seite der Wirtschaft und nicht auf die des Volkes, das sie zu vertreten vorgibt. Sogar die <a href="http://www.rp-online.de/public/kompakt/panorama/913859/Mafia-offenbar-auf-dem-Vormarsch.html" target="_blank">Kumpanei mit der Mafia </a>scheut sie nicht, wie die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« aufdeckte – und auf die engen Kontakte des fr&#252;heren baden-w&#252;rttembergischen Ministerpr&#228;sidenten Oettinger in diese Kreise hinwies. Nicht die Politik bestimmt inzwischen, was im Land geschieht, sondern die Wirtschaft; der <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1001/meinung/0032/index.html" target="_blank">Umgang mit der Finanzkrise</a>, die mehrere Staaten Europas an den Rand ihres finanziellen Zusammenbruchs brachte, beweist das eindeutig. Und auch Grube hat heute klar gemacht, worum es hierzulande einzig geht, um die Projekte der Wirtschaft, gegen die er den Einspruch des Volkes nicht gelten l&#228;sst: »Sonst wird bei uns keine Br&#252;cke, keine Autobahn und kein Windkraftpark mehr gebaut.«</p>
<p>Die B&#252;rger haben diese Entwicklung l&#228;ngst erkannt und reagieren darauf seit Jahren mit Wahlabstinenz. Sie wissen, dass sich durch Wahlen nichts wirklich &#228;ndert, dass nur Personen ausgetauscht werden, die die Weisungen der Wirtschaft nun ihrerseits umsetzen. Wahlversprechen werden schon kurz nach den Wahltag gebrochen – und Politiker, wie Franz M&#252;ntefering, verteidigen das auch noch vehement. Andere nehmen den Mund nicht so voll, tun aber das Gleiche. Und manche, denen das dann doch irgendwie zu erniedrigend ist, <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/07/25/merkel-managt-den-bedeutungsschwund-der-politik/" target="_blank">verlassen die Politik </a>und heuern ganz bei der Wirtschaft an, um nicht zu den Kellnern, sondern zu den K&#246;chen zu geh&#246;ren.</p>
<p>Es ist ermutigend, dass die Menschen in Stuttgart sich diesen Mechanismen nicht mehr unterwerfen wollen und dagegen aufbegehren. Hier trifft sich ihre Motivation mit jener der Demonstranten in der DDR vor mehr als 20 Jahren – wenn auch unter ganz anderen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen. Schon damals erkannten weitsichtige B&#252;rgerrechtler wie die k&#252;rzlich verstorbene B&#228;rbel Bohley, man habe um Gerechtigkeit gek&#228;mpft, aber den Rechtsstaat erhalten. Beides ist eben nicht das Gleiche, wie jetzt an den Stuttgarter Vorg&#228;ngen zu studieren ist. Sie zeigen zugleich, wie weit bundesrepublikanische Politik heute von ihren Verfassungsprinzipien entfernt ist, dass sie auf B&#252;rgerprotest nur jene Antwort hat, die auch die Herrschenden in der DDR zun&#228;chst zu geben beabsichtigten – die die Gewalt. Mielke h&#228;tte 1989 gewiss gern geschossen, und wenn man das Handeln wie die Rechtfertigungen von Baden-W&#252;rttembergs Ministerpr&#228;sidenten Mappus h&#246;rt, erkennt man in ihm den Mielke-Typ. Man will – mit aller Gewalt – durchsetzen, was der Wirtschaft n&#252;tzt, ungeachtet das Schadens, den das f&#252;r Umwelt, Lebensqualit&#228;t, Daseinsf&#252;rsorge hat. Kosten spielen keine Rolle, denn das Geld, das in die Taschen der Unternehmen flie&#223;t, kann man sich beim B&#252;rger mit dem verlogenen Argument notwendigen Sparens wiederholen.</p>
<p>Es ist ungewiss, wie der Konflikt in Stuttgart ausgeht. Unterliegt in ihm das Volk, ist dies auch ein weiterer Verlust an Demokratie, denn dann wird das «Durchregieren« mit immer neuen Ma&#223;nahmen fortgesetzt, versch&#228;rft – und zugleich der Widerstand dagegen mit allen Mitteln gebrochen. Die Wasserwerfer, Gummikn&#252;ppel und Pfeffersprays von Stuttgart waren dann erst der Anfang.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil VI)</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Sep 2010 16:27:55 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Gegenw&#228;rtig hat die »Aufarbeitung« der DDR wieder einmal Hochkonjunktur, und wie stets steht dabei die D&#228;monisierung der Stasi im Vordergrund – ungeachtet der seit 20 Jahren zu h&#246;renden Forderung ernsthafter Beobachter, die realen Machtverh&#228;ltnisse in der DDR in den Blick zu nehmen<span id="more-1946"></span> – was einschlie&#223;t, das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit als den verl&#228;ngerten Arm der SED zu betrachten. Das freilich ist vielen Politikern und Ideologen der heutigen Bundesrepublik zu riskant, unterhielt doch deren offizielle F&#252;hrung bis zuletzt beste Beziehungen zur DDR-Staatspartei; anderen ist es einfach zu m&#252;hsam, sich wirklich seri&#246;s mit dem DDR-System zu besch&#228;ftigen, sie sind auf <a href="http://www.tagesspiegel.de/medien/gesteuerte-wut/1946204.html" target="_blank"><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/bf0ecd7fc1d645f7885ceedd5960606b" alt="" width="1" height="1" />spektakul&#228;re Darstellungen </a>aus, die sich f&#252;r die Propaganda eignen. Propaganda ist es denn auch, was – &#228;hnlich wie bei vergleichbaren Jubil&#228;en in der DDR – die &#246;ffentliche Meinungsbildung pr&#228;gt.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/West-Spione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1949" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/West-Spione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Um wie vieles komplizierter die inneren Verh&#228;ltnisse der DDR, einschlie&#223;lich der Rolle eines solchen Bestandteils der Staatssicherheit wie der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, im Beziehungsgeflecht von Staat und Partei tats&#228;chlich waren, ist bereits in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, nachzulesen. Die Online-Ver&#246;ffentlichung des im Handel nicht mehr erh&#228;ltlichen Buches »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« wird hier mit dem sechsten Teil fortgesetzt.</p>
<h2>Die verbogene Realit&#228;t</h2>
<p>Eines Tages im Fr&#252;hsommer 1989 griff Generaloberst Gro&#223;mann zum Telefon, um dem Leiter seiner Auswertungsabteilung die Leviten zu lesen. Vor ihm lag ein Vermerk des damaligen Sekret&#228;rs f&#252;r Au&#223;enpolitik im SED-Zentralkomitee, Hermann Axen, in dem dieser in unfreundlichen Worten eine der letzten Geheiminformationen der HVA r&#252;gte. Sie hat sich mit den von Axen und dem SPD-Politiker Egon Bahr gef&#252;hrten Gespr&#228;chen &#252;ber einen atomwaffenfreien Korridor in Europa besch&#228;ftigt und interne Wertungen aus der SPD dazu wiedergegeben. Diese unterschieden sich nicht unwesentlich vom offiziellen Bericht, den Axen dem Politb&#252;ro vorgelegt hatte und der die Diskussionsrunde als gro&#223;en Erfolg der DDR-Au&#223;enpolitik und vor allem als Einlenken der Sozialdemokraten auf SED-Positionen feierte. Axen brachte in seiner Replik zum Ausdruck, dass er die geheimen Gedanken seiner Bonner Gespr&#228;chspartner weitaus besser kenne als irgendein »Kundschafter« und der abweichende Bericht der Spionageabteilung mithin falsch sei – oder vielleicht sogar eine Intrige gegen ihn und seine erfolgreiche Politik.</p>
<p>Gro&#223;mann wies seinen Abteilungsleiter an, k&#252;nftig ein besseres Gesp&#252;r f&#252;r die Sichtweise der Empf&#228;nger von HVA-Informationen zu entwickeln, und der gab die Anordnung an seine Auswerter weiter.</p>
<p>Unabh&#228;ngig davon, wer mit seiner Einsch&#228;tzung im konkreten Fall richtig lag, zeigt das Beispiel, wie die Informationen der HVA Ende der 80er Jahre immer mehr der Gedankenwelt der SED-Spitze widersprachen und diese damit veranlassten, ihre eigenen subjektiven Urteile auch hier zum Ma&#223; aller Dinge zu machen. Begonnen hatten die Bem&#252;hungen, aus den bis dahin noch ungeschminkten Geheimdienstberichten das Unerw&#252;nschte zu eliminieren, aber bereits viel fr&#252;her – etwa zu Beginn der 70er Jahre. Bis dahin hatte die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung etwas Exklusives gehabt. Sie war nahezu das einzige, auf jeden Fall aber das bedeutendste Organ, das etwas &#252;ber die Welt au&#223;erhalb der DDR vermittelte. Nur in den sozialistischen L&#228;ndern sowie einigen wenigen Hauptst&#228;dten der dritten Welt verf&#252;gt der &#246;stliche deutsche Staat &#252;ber Botschaften; ansonsten war ihm der Zugang zur internationalen B&#252;hne versperrt. In dieser Situation besa&#223; die HVA das Monopol auf Informationen aus dem Ausland, und die F&#252;hrung der DDR war auf den Wahrheitsgehalt, die Exaktheit ihrer Berichte angewiesen. Das wirkte sich positiv auf Qualit&#228;t und Seriosit&#228;t aus, zumal – wie schon dargestellt – das weitgehende Fehlen »legaler Residenturen« eine Konzentration auf die illegale Beschaffung erzwang.</p>
<p>Als sich in den 70er Jahren die Entspannungstendenzen international immer st&#228;rker durchsetzten, profitierte davon auch die DDR. Ihre weltweite Anerkennung fiel dem gerade an die Macht gekommenen Erich Honecker wie eine reife Frucht in den Scho&#223;. Die Bundesrepublik hatte in grundlegenden Vertr&#228;gen mit der UdSSR und Polen ihre Bereitschaft signalisiert, wesentliche Ergebnisse des zweiten Weltkrieges anzuerkennen. Selbst die komplizierte Westberlin-Frage wurde durch das Vierm&#228;chteabkommen vom 3. September 1971 entsch&#228;rft, und am 21. Dezember 1972 unterzeichneten die Regierungen der Bundesrepublik und der DDR den Grundlagenvertrag. Damit war f&#252;r den zweiten deutschen Staat der Weg in die internationale Arena frei. 1973 nahm die UNO-Vollversammlung die DDR als Mitglied auf, und am Ende jenen Jahres hatten 100 Staaten zu ihr diplomatische Beziehungen hergestellt.</p>
<p>Nun konnte die DDR &#252;berall in der Welt Botschaften einrichten – und mit ihnen – wie das fast alle Staaten tun – legale Residenturen des Geheimdienstes. Dabei handelt es sich um nachrichtendienstliche St&#252;tzpunkte in einer offiziellen Mission des Landes im Ausland. Besonders geeignet f&#252;r eine solche Abdeckung sind Botschaften, da deren Mitarbeiter diplomatischer Immunit&#228;t genie&#223;en und daher bei Enttarnung im Prinzip nicht belangt werden k&#246;nnen. Au&#223;erdem verf&#252;gen Botschaften &#252;ber weitgehende Arbeitsm&#246;glichkeiten im Gastland sowie ein eigenes Verbindungssystem in die Heimat, worauf sich die Residenten st&#252;tzen k&#246;nnen. Offiziell, das hei&#223;t gegen&#252;ber sowohl den anderen Botschaftsangeh&#246;rigen als auch den Partnern im Gastland, sind die Mitarbeiter einer Residentur Diplomaten und haben als solche ihre festgelegten Aufgaben, zum Beispiel als Sekret&#228;r der Botschaft, Presse- oder Kulturattaché, zu erf&#252;llen. Die T&#228;tigkeit f&#252;r die Residentur kommt in der Regel noch hinzu.</p>
<p>Die HVA konnte nun zwar auf diese neuen operativen M&#246;g­lichkeiten zur&#252;ckgreifen; zugleich verlor sie aber ihren Allein­vertretungsanspruch f&#252;r die Informationsbeschaffung. Mit den Diplomaten, die offiziell aus dem Gastland berichteten, erhielt sie Konkurrenten, die diese Chance entschlossen wahrnahmen und die durch langj&#228;hrige Erziehung im heimischen Apparat sehr genau wussten, worauf es ankam.</p>
<p>Nachdem der lange angestrebte diplomatische Durchbruch geschafft war, wollten SED und DDR-Regierung nun auch nachweisen, welch konstruktive und bedeutsame Rolle sie in den Weltangelegenheiten spielten. Dies aber kollidierte vom ersten Tage an nicht nur mit der tats&#228;chlich begrenzten Rolle des 17-Millionen-Staates, sondern auch mit der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit seiner Politik. Denn die DDR hatte zwar aus den objektiv wirkenden Entspannungstendenzen Gewinn gezogen, sie jedoch schon damals nicht wirklich begriffen. W&#228;hrend sie einer­seits mit unangemessenem Selbstlob die eigene Politik und allen­falls noch die der Sowjetunion pries und die Entwicklung einzig darauf zur&#252;ckf&#252;hren wollte, konnte sie andererseits nicht genug vor »mangelnder Wachsamkeit« und dem »unver&#228;ndert aggressi­ven Wesen des Imperialismus« warnen. Stets betonte sie Lenins These, dass die Politik der friedlichen Koexistenz Klassenkampf sei und sich mit dem Entspannungsprozess die »ideologische Auseinandersetzung versch&#228;rfe«. Vielf&#228;ltige Signale der Dialog­bereitschaft wurden schon damals ungen&#252;gend wahrgenommen und so realistische M&#246;glichkeiten verschenkt.</p>
<p>Die HVA berichtete &#252;ber diese Tendenzen und stellte die neuen Gegebenheiten deutlich heraus. Sie nutzte die Friedenssehnsucht vieler Menschen, bis hinein in politische Kreise, nat&#252;rlich auch f&#252;r ihre Werbet&#228;tigkeit und war dabei durchaus erfolgreich. Dennoch wurde immer mehr sp&#252;rbar, dass ihre Informationen nicht zu den m&#246;glichen Schlussfolgerungen f&#252;hrten, dass die politische F&#252;hrung in den alten Dogmen verharrte und ihnen defensiven Kurs fort­setzte.</p>
<p>Besonders deutlich zeigte sich dies im KSZE-Proze&#223;, der im Sommer 1975 mit der Schlussakte von Helsinki seinen H&#246;hepunkt erreichte. W&#228;hrend der sogenannte Korb I, der in zehn Punkten die Grundprinzipien der Staatenbeziehungen in Europa formulierte, und auch der zweite Komplex mit seinen Festlegungen zur wirt­schaftlichen Kooperation die weitgehende Zustimmung auch der sozialistischen Staaten fand, stie&#223; der Korb III &#252;ber die »Zusam­menarbeit in humanit&#228;ren und anderen Bereichen« auf unverhoh­lenes Misstrauen. Hier waren Erfordernisse der menschlichen Kontakte, der Information und des kulturellen Austauschs aufge­listet, die zwar wegen des Konsensprinzips nur das Minimum des Erreichbaren darstellten, dennoch aber die geschlossenen soziali­stischen Gesellschaften mit beinahe unl&#246;sbaren Probleme kon­frontierten. So nahm es nicht Wunder, dass gerade diese Bestim­mungen die Partei- und Staatsf&#252;hrung der DDR zu immer neuen Winkelz&#252;gen veranlasste, um sie unterlaufen zu k&#246;nnen. Gleiches galt f&#252;r die KSZE-Folgekonferenzen in Belgrad, Madrid und Wien, wo die DDR immer offensichtlicher zu den Bremsern geh&#246;rte – zuletzt, als sich die Perestroika in der UdSSR durchzu­setzen begann, nur noch mit Rum&#228;nien als Verb&#252;ndetem.</p>
<p>Da die DDR-F&#252;hrung nicht bereit war, etwas an den inneren Verh&#228;ltnissen zu &#228;ndern, geriet sie zwangsl&#228;ufig in Konflikt zu den internationalen Trends. Ihre Abgrenzungspolitik ab Mitte der 70er Jahre, verbunden mit Repressionsma&#223;nahmen gegen Anders­denkende, wie sie zum Beispiel in der Ausb&#252;rgerung Wolf Bier­manns und anderer K&#252;nstler zum Ausdruck kamen, passte einfach nicht mehr in die sich ver&#228;ndernde Landschaft. Die Berichte der HVA brachten das schon damals zum Ausdruck, wenn auch nicht mit der gebotenen Deutlichkeit. Dennoch fand sich die SED-F&#252;hrung darin nicht best&#228;tigt, und sie bezog zu ihnen eine zuneh­mend kritische Position. Sie glaubte sich damit um so mehr im Recht, als auf der anderen Seite die Diplomaten fast nur Gutes &#252;ber das Ansehen der DDR in aller Welt berichteten. In den meisten Analysen der Botschaften wurde nachgewiesen, wie erfolgreich die DDR-Politik sei und wie sehr sie das Denken und Handeln der politischen Kreise im Gastland beeinflusse. Die n&#252;chterneren und oft entgegengesetzten Informationen der Auf­kl&#228;rung hingegen st&#246;rten das gesch&#246;nte Bild; das Ansehen der Auslandsspionage der DDR sank.</p>
<p>Ihre Antwort war typisch opportunistisch; auch sie bem&#252;hte sich nun zunehmend, den Erwartungen des Politb&#252;ros und der DDR-Regierung gerecht zu werden. Man muss gerechterweise einschr&#228;nken, dass Markus Wolf als damaliger Leiter der HVA versuchte, dieser Entwicklung entgegenzusteuern, nach wie vor auf hohe Qualit&#228;t und realistische Einsch&#228;tzungen Wert legte. Doch er konnte sich schon immer weniger durchsetzen, machte auch selbst Kompromisse und resignierte schlie&#223;lich so, dass er sich zur Aufgabe seines Amtes entschloss. Sein Nachfolger Werner Gro&#223;mann war nicht so eigenst&#228;ndig und vollzog schnell den &#220;bergang auf die gew&#252;nschte Linie.</p>
<p>Deutlicher Ausdruck dieser Anpassung waren die schon genannten j&#228;hrlichen Planorientierungen, deren einzige Funktion darin bestand, das gesamte ideologische Arsenal der SED auf die Aufkl&#228;rung zu &#252;bertragen. Unter dem Einfluss der starren Sicherheitsdoktrin und eines k&#252;nstlichen Feindbildes gingen jegliche Differenzierungen verloren, wurden mit immer den gleichen abgenutzten Worten l&#228;ngst &#252;berholte Thesen verk&#252;ndet. Stets war der USA-Imperialismus der Hauptfeind, dann folgte sogleich sein Juniorpartner BRD – weitgehend unabh&#228;ngig davon, welcher Pr&#228;sident, Kanzler oder welche Partei gerade die Regierungsgewalt aus&#252;bte. Alle Vorg&#228;nge und &#196;u&#223;erungen, die in dieses &#228;rmliche, eindimensionale Weltbild passten, wurden als Beleg herangezogen, w&#228;hrend neue Tendenzen und Nuancie­rungen kaum Erw&#228;gung fanden. Wenn auch in der konkreten operativen Arbeit – im Interesse des Erfolgs – oft nach anderen Pr&#228;missen vorgegangen wurde, so waren diese Planorientierungen f&#252;r viele doch mehr als nur ein Alibi. Mit immer neuen Verrenkun­gen und dem dazu erforderlichen Kraftaufwand wurde versucht, sowohl ihnen als auch den realen Erfordernissen Rechnung zu tragen.</p>
<p>Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass die westlichen Staaten nat&#252;rlich auch immer wieder Anlass zu Misstrauen boten und den W&#228;chtern der »ideologischen Reinheit« in den sozialisti­schen L&#228;ndern die Munition f&#252;r ihre Attacken auf alle Weiter­denkenden lieferten. Das politische Denken Ronald Reagans vor allem in seiner ersten Amtszeit, die damit verbundene Aufr&#252;­stungspolitik unter dem Vorwand der schon genannten Bedro­hungslegende und das Beharrungsverm&#246;gen auch der politischen Kreise des Westens auf alten Positionen, das sich besonders in der Hilflosigkeit gegen&#252;ber dem neuen Denken Gorbatschows offen­barte, charakterisierten die Widerspr&#252;chlichkeit einer Entwick­lung, die von den f&#252;hrenden Politikern der DDR stets r&#252;ckw&#228;rts­blickend beurteilt wurde. Sie sahen die Welt so, als habe sie sich seit 1918, 1933 oder 1948 nicht ver&#228;ndert. Sie hingen kritiklos und v&#246;llig undialektisch leninschen Lehren an, die unter ganz anderen Bedingungen und schon damals nicht als allgemeing&#252;lti­ge Wahrheiten formuliert worden waren. Die Linie der Sowjet­union, die ihre Kritik am Stalinismus schnell relativierte und jahrzehntelang in innen- wie weltpolitischer Stagnation verharrte, galt als Glaubensbekenntnis.</p>
<p>Kennzeichnend f&#252;r jene Jahre war das Ringen zwischen – zumeist in gr&#246;&#223;eren Zusammenh&#228;ngen denkenden – Politikern und den Milit&#228;rs mit ihrem oft engen Horizont. Der Kalte Krieg hatte letzteren ein ausgezeichnetes Wachstums-Biotop geboten; nun war die Welt voll von Panzern, Flugzeugen und Raketen mit der entsprechenden Munition, darunter immer verheerendere atomare Massenvernichtungswaffen. Dieses materielle Potential gebar zwangsl&#228;ufig die entsprechenden Kriegsplanungen mit ihren n&#252;chternen Gewinn-Verlust-Rechnungen, die &#252;berall – ob im Pentagon oder im Kreml, auf der Hardth&#246;he oder in Strausberg – durchgespielt wurden. In einem Konflikt, da waren sich alle Marsch&#228;lle und Gener&#228;le einig, hatte die Politik ins zweite Glied zu treten. Sie waren es auch, die angesichts der zunehmenden Entspannungstendenzen das Wort von den jederzeit m&#246;glichen »j&#228;hen Wendungen« in der Weltpolitik pr&#228;gten. Es diente dazu, das Misstrauen wachzuhalten und vor allem den Milit&#228;rs auch weiterhin das von ihnen Gew&#252;nschte an politischem Einfluss und materiellen Mitteln zu geben. K&#252;hnes Vorausschauen und Sensibi­lit&#228;t f&#252;r Perspektiven waren da nicht gefragt, und wo die HVA doch vorsichtige Ans&#228;tze in diese Richtung erkennen lie&#223;, wurde sie zur&#252;ckgepfiffen. Sie musste im Gegenteil ihren Beitrag auch zur Absicherung der &#252;berdimensionierten milit&#228;rischen St&#228;rke des Warschauer Paktes leisten. Diese Forderung stand stets an der Spitze aller Planorientierungen – noch vor dem Kampf gegen die »ideologische Diversion«. Vor allem dem SWT-Bereich war auf­getragen, stets Muster neuester Milit&#228;rtechnik zu beschaffen. Da geisterten sogar solch abenteuerliche Vorstellungen in den K&#246;pfen herum, dass ein Leopard-Panzer mit vollst&#228;ndiger Ausr&#252;stung &#252;ber die Grenze gefahren werden k&#246;nne oder eine »Phantom« auf einem DDR-Flugplatz landet. Der riesige Kraftaufwand bei der Beschaffung solcher Muster oder zumindest ihrer Bauunter­lagen erwies sich dann oft als vertan, weil die Erwartungen gr&#246;&#223;er gewesen waren als das Ergebnis; er f&#246;rderte nur den R&#252;stungs­wettlauf mit all seinen Gefahren. Die Informationen der HVA &#252;ber das milit&#228;rische Potential des Westens, das wahrlich gewaltig war und st&#228;ndig ausgebaut wurde, bewirkte immer neue Forderungen der St&#228;be in den Staaten des Warschauer Paktes, wobei diese zum einen die oft h&#246;here Qualit&#228;t der westlichen Waffen durch Quantit&#228;t wett­machen wollten und zum anderen generell von dem Prinzip ausgingen, dass Sicherheit eine Frage mehrfacher &#220;berlegenheit sei.</p>
<p>Als Konsequenz einer solchen Politik wurden die tats&#228;chlichen Bed&#252;rfnisse der Menschen str&#228;flich unterbewertet. Der Sektor Wissenschaft und Technik wusste zwar ganz genau, was an technischen Neuerungen, zum Beispiel im Konsumg&#252;terbereich, auf den Markt kam, und die Aufkl&#228;rer sahen zugleich, dass in der Bev&#246;lke­rung daf&#252;r Bedarf bestand (den sie &#252;brigens mit ihren M&#246;glichkei­ten f&#252;r sich selbst gern befriedigten!), aber sie hatten sich so in die offizielle Wirtschaftspolitik einbinden lassen, dass Beschaffungs­auftr&#228;ge in diese Richtung gar nicht erst ins Kalk&#252;l gezogen wurden.</p>
<p>F&#252;r den Staatssicherheitsminister und auch die F&#252;hrung der HVA hatten solche Aufgabenstellungen h&#246;chste Priorit&#228;t, die ihnen von oben vorgegeben wurden und denen sie keinerlei eigene &#220;berlegungen entgegensetzten. F&#252;r Mielke waren erst das Wort Ulbrichts, dann Honeckers sowie der sowjetischen F&#252;hrer von Stalin bis Tschernenko Gesetz. Nie wich er in der Grundeinsch&#228;t­zung davon ab, und das erwartete er auch von seinen Untergebe­nen, den ihm intellektuell weit &#252;berlegenen Markus Wolf einge­schlossen. Mielke hatte in seinen stundenlangen Reden auch stets konkrete Beispiele aus internen Informationen parat, mit denen er seine dogmatischen Urteile glaubte belegen zu k&#246;nnen. Dies waren dann die Weisheiten, die bei den zahllosen Auswertungen bis zum Erbrechen wiederholt wurden. Wie sehr sie von der Realit&#228;t abwichen, zeigte sich besonders bei der Behandlung solcher »Gro&#223;ereignisse« in der DDR wie von Parteitagen der SED. Zu ihrer Vorbereitung wurden Monate zuvor detaillierte Ma&#223;nahmepl&#228;ne erarbeitet, die f&#252;r die Aufkl&#228;rung oft den Auftrag erhielten, sowohl das internationale Echo akribisch festzuhalten als auch m&#246;gliche St&#246;rungen gegen das »heilige Konzil« – und das waren schon kritische Zeitungsartikel im Westen – nicht nur zu vermelden, sondern nach M&#246;glichkeit zu verhindern. Konnte die HVA damit nicht dienen, einfach deswegen, weil das ver­meintliche Gro&#223;ereignis im Gang der Weltgeschichte nur eine Fu&#223;note war, dann fand das wenig Glauben und machte die Aufkl&#228;rung verd&#228;chtig. Mielke scheute sich auch nicht, angebliche »ideologische Diversanten« in den eigenen Reihen &#246;ffentlich anzuklagen, sie vor einem vielhundertk&#246;pfigen Auditorium strammstehen zu lassen und zu »revolution&#228;rer Wachsamkeit« zu ermahnen. Dieses Regime aus Gehirnw&#228;sche und Einsch&#252;chterung trug nicht unwesentlich zur Unterwerfung der HVA unter die Schmalspurpolitik und die Sicherheitsdoktrin der SED bei.</p>
<p>Die weitgehende Wirkungslosigkeit der HVA, die jedoch auch anderen Geheimdiensten nicht fremd ist, wurde durch das immer widerstandslosere Anpassungsverhalten der 80er Jahre noch ver­st&#228;rkt. Es hatte zugleich deutliche Auswirkungen auf die methodi­sche Stringenz der nachrichtendienstlichen Arbeit. Stand bis dahin die illegale Informationsbeschaffung eindeutig im Vordergrund, so kam nun die legale Arbeit hinzu, die sich vor allem der Absch&#246;p­fung bediente. Darunter ist zu verstehen, dass in Gespr&#228;chen mit Politikern, Milit&#228;rs, Wirtschaftsleuten des Gastlandes Meinungen und Auffassungen erkundet und diese dann entweder unmittelbar oder zu Analysen verarbeitet der Zentrale &#252;bermittelt werden. Der Gespr&#228;chspartner wei&#223; in der Regel, dass er den offiziellen Vertre­ter eines anderen Landes vor sich hat und aufpassen muss, was er sagt, um nicht schutzw&#252;rdige Informationen abflie&#223;en zu lassen. Insofern unterscheidet sich diese Form der Informationsbeschaf­fung kaum von der eines tats&#228;chlichen Diplomaten oder auch eines Journalisten; die T&#228;uschung des Partners h&#228;lt sich in Grenzen, ebenso aber auch die Substanz der von ihm zu erlangenden Neuigkeiten. Oft sind sich die Angesprochenen &#252;ber den nachrichtendienstlichen Hintergrund des Gespr&#228;chs im klaren und daher doppelt wachsam; mitunter aber nutzten sie gerade ihn, um auf diese unkonventionelle Weise Botschaften loszuwerden, die sie ganz offiziell noch nicht formulieren wollen. Bei der DDR wie wohl auch den anderen sozialistischen L&#228;ndern kam noch hinzu, dass die Vertreter des Gastlandes glaubten, auf dem Weg &#252;ber den Nachrichtendienst bei den politischen F&#252;hrungen eher Geh&#246;r zu finden, als wenn sie sich der schwerf&#228;lligen diplomatischen Bahnen bedienten &#8211; was allerdings meist ein Trugschluss war.</p>
<p>Die HVA nutzte bald diese neue M&#246;glichkeit mit aller Extensi­t&#228;t &#8211; ungeachtet dessen, dass so beschaffte Informationen in der Regel nur &#252;ber einen begrenzten Neuigkeitswert verf&#252;gten. Sie baute die Abteilung III, die f&#252;r die Arbeit der legalen Residenturen zust&#228;ndig war, erheblich aus und strebte ein im Grunde weltweites Engagement an, das sich nicht an den wirtschaftlichen M&#246;glich­keiten und dem tats&#228;chlichen politischen Rang der DDR ma&#223;, sondern an subjektivistischen Vorstellungen &#252;ber den eigenen Einfluss auf die Weltpolitik. Zwar gab es in einigen L&#228;ndern durchaus potente Quellen, die aufschlussreiche Informationen lie­ferten, aber die &#220;berzahl des auf diesem Wege nicht selten in gro&#223;er Menge eingehenden Materials war von geringem Belang. Die Auswerter hatten oft den Eindruck, dass einige der Sendungen, vor allem aus entfernteren L&#228;ndern Asiens und S&#252;damerikas, nicht mehr enthielten als eine mehr oder weniger geschickte Zusam­menstellung von Pressemeldungen, was von Berlin aus kaum &#252;berpr&#252;fbar war. Entsprechend waren dann auch die Ausgangs­materialien; sie h&#228;tten von einem L&#228;nderexperten mit gutem Hintergrundwissen auch ohne geheimdienstliches Beiwerk erar­beitet werden k&#246;nnen.</p>
<p>Aber auch aus der Bundesrepublik kamen nun immer mehr solcher Informationen. Die Residentur in der Bonner St&#228;ndigen Vertretung der DDR machte die Absch&#246;pfarbeit zu einer ihrer Haupts&#228;ulen; sie wurde unterst&#252;tzt durch die Reisekader des Instituts f&#252;r Politik und Wirtschaft (IPW) in Berlin, das zwar dem ZK der SED und seinem au&#223;enpolitischen Sekret&#228;r Hermann Axen unterstand, zugleich aber eng mit der HVA kooperierte. In letzterer war extra die Abteilung XVI f&#252;r die Betreuung solcher offizi&#246;ser Kontakte von DDR-Institutionen geschaffen worden; das IPW nahm dabei den ersten Rang ein. Die so beschafften Informationen hatten jedoch mit wirklicher Spionage nur wenig zu tun. Sie &#228;hnelten eher den Recherchen eines Politikwissen­schaftlers oder Buchautors und enthielten kaum Geheimnisse — es sei denn solche, die die andere Seite ganz gezielt ohnehin publik machen wollte, ohne gleich eine Pressekonferenz abzuhalten. Die Wissenschaftler des IPW hatten ihre Gespr&#228;chspartner im Bonner Konrad-Adenauer-Haus wie in der »Baracke« der SPD. Sie spra­chen aber auch bei Kollegen jener Institute vor, die in der Bundesrepublik &#228;hnliche Aufgaben wie sie selbst wahrnahmen. Jeder Politologe zum Beispiel des Bundesinstituts f&#252;r internationale und ostwissenschaftliche Studien oder der Stiftung Ebenhausen, zweier f&#252;hrender Forschungseinrichtungen der Bundesrepublik, brachte und bringt von Reisen in L&#228;nder seines Forschungsinter­esses ganz &#228;hnliche Berichte mit und verarbeitet sie dann in seinen Expertisen. Durch die HVA wurden sie aber zu Spionagedossiers gemacht. Darunter litt zwangsl&#228;ufig der nachrichtendienstliche Charakter der HVA-Informationen; ihre Qualit&#228;t &#252;berstieg kaum die der Beitr&#228;ge einer gut redigierten politischen Wochen- und Monatsschrift.</p>
<p>Ganz &#228;hnliches ist f&#252;r die Absch&#246;pfung von Politikern durch Journalisten zu sagen. Der Ende 1991 bekanntgewordene Fall des SPD-Bundestagsabgeordneten Karsten Voigt, dessen Kontakte mit einer DDR-Journalistin unter den Augen der HVA abliefen, zeigte, wie wenig &#252;ber einen solchen Kanal tats&#228;chlich zu erfahren war. Zum einen hatte Voigt als Oppositionspolitiker ohnehin wenig Einblick in die nachrichtendienstlich interessanten Regierungsent­scheidungen. Zum anderen war er sich stets der Risiken einer solchen offenen Verbindung zur DDR bewusst. Er habe in seiner Position immer damit rechnen m&#252;ssen, dass versucht werde, »irgendwelche Informationen abzusch&#246;pfen« und sich daher stets so verhalten, dass »keine Informationen abflie&#223;en konnten«. Selbst &#8216;das Bundeskriminalamt habe ihm in dieser Sache v&#246;llig korrektes Verhalten bescheinigt.</p>
<p>Parallel zur weltweiten und immer mehr auf oberfl&#228;chliche Quantit&#228;t als tiefgehende Qualit&#228;t orientierenden Informations­beschaffung verst&#228;rkte die DDR auch ihre Einflussnahme auf ausgew&#228;hlte Staaten der dritten Welt durch den Aufbau nationaler Geheimdienste. Die HVA leistete dazu einen betr&#228;chtlichen Bei­trag. Bei der Auswahl der in Frage kommenden L&#228;nder setzten sich jedoch stets ideologische Erw&#228;gungen durch, das hei&#223;t, es handelte sich um Staaten mit sogenannter sozialistischer Orientie­rung, denen nun die Erfahrungen der Sowjetunion bzw. der kaum modifizierte Abklatsch der DDR aufgezwungen wurde. Aus heutiger Sicht ist offensichtlich, dass alle diese Bem&#252;hungen scheiterten, nicht zuletzt wegen des subjektivistischen Herangehens. Weder f&#252;r das Vorzugsland der 60er Jahre, &#196;gypten, noch f&#252;r die sp&#228;te­ren Favoriten Tansania mit Sansibar, Ghana, Sudan, S&#252;djemen, Angola und Mosambik taugten die aufgepfropften tschekisti-schen Strukturen, zumal beim konkreten Vorgehen nicht selten der Eindruck entstand, als w&#252;rde die ostafrikanische Metropole Daressalam mit dem s&#252;dth&#252;ringischen Kreisst&#228;dtchen Ilmenau gleich­gesetzt.</p>
<p>Die tats&#228;chlichen Kr&#228;ftekonstellationen in diesen L&#228;ndern wurden allzu oft untersch&#228;tzt, so 1966 in Ghana, als der HVA-Resident J&#252;rgen Rogalla, sp&#228;ter bis 1989 Leiter der Nordamerika bearbeitenden Abteilung XI, den Milit&#228;rputsch gegen Pr&#228;sident Nkrumah nicht voraussah und von den neuen Machthabern verhaftet wurde. Zwei Jahrzehnte sp&#228;ter erlebte die HVA in S&#252;djemen eine &#228;hnliche Schlappe. Dort schlachteten sich zwei rivalisierende F&#252;hrungsgruppen gegenseitig ab; eine von ihnen hatte sogar die &#214;ltanks sprengen lassen, so dass die Innenstadt von Aden dezime­terhoch mit Roh&#246;l &#252;berflutet wurde, in dem die Tausenden Leichen des Massakers lagen. Nichts davon hatte die Residentur der HVA vorausgesagt. Dies wiederholte sich bei den Stammes- und Ban­denk&#228;mpfen in Angola und Mosambik.</p>
<p>Die Aufkl&#228;rung der DDR, die vieles h&#228;tte besser wissen m&#252;ssen, beugte sich auch bei ihren Eins&#228;tzen in der dritten Welt den ideologischen Vorgaben. Sie tat bei Aktivit&#228;ten mit, die sich letztlich nicht nur als sinnlos erwiesen, sondern auch kein Ruh­mesblatt ihrer Geschichte waren. So muss sie sich heute bohrende Fragen nach manchem Engagement gefallen lassen, zum Beispiel hinsichtlich der PLO. Als gewisserma&#223;en staatlich anerkannte Befreiungsbewegung erhielt diese auch seitens des MfS alle Unterst&#252;tzung, einschlie&#223;lich eines milit&#228;rischen Trainings. »Wir haben einiges zu dieser Ausbildung beigesteuert«, best&#228;tigte Wolf, »aber zu keiner Zeit hat unsere Abteilung sich an Terroraktivit&#228;ten beteiligt.«</p>
<p>Die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« der DDR verlangte stets ein Bild der Welt, das ihren Erwartungen entsprach – gleich, ob es sich bei den Entwerfern um Politiker, Journalisten, K&#252;nstler oder Spione handelte. Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung hat sich diesem Wunsch in vielen F&#228;llen unterworfen und mit gro&#223;em Aufwand Informationen produziert, die allzu oft eine verbogene Realit&#228;t darstellten.</p>
<p>Aber die Einbu&#223;en an methodischem Niveau beschr&#228;nkten sich nicht auf diese Seite der Aufkl&#228;rungsarbeit. Ganz generell nahm die Motivation zu immer h&#246;heren Leistungen ab, da viele Aufkl&#228;rer sahen, dass es auch mit weniger Aufwand und sogar Routine geht. Der hohe Rang, der Absch&#246;pfinformationen zugewiesen wurde, vor allem aber die st&#228;ndige Forderung nach quantitativem Zuwachs, ohne auf analogem Qualit&#228;tsgewinn zu bestehen, beg&#252;nstigten Mittelma&#223; und besch&#228;digten auf lange Sicht den einst guten Ruf der HVA.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil V)</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Sep 2010 10:17:21 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Dieser Tage werden Pl&#228;ne von Bundesinnenminister Thomas de Maizière bekannt, die Arbeit der bundesdeutschen Geheimdienste und der Polizei besser zu koordinieren. Beamte beider Institutionen sollen zeitweilig ausgetauscht werden, um &#8211; laut »Spiegel« &#8211; die »fachliche Kompetenz des Personals« zu steigern und das f&#252;r eine »reibungslose Zusammenarbeit notwendige gegenseitige Verst&#228;ndnis« zu f&#246;rdern. Zwar geht er damit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dieser Tage werden Pl&#228;ne von Bundesinnenminister Thomas de Maizière bekannt, die Arbeit der bundesdeutschen Geheimdienste und der Polizei besser zu koordinieren. Beamte beider Institutionen sollen zeitweilig ausgetauscht werden<span id="more-1902"></span>, um &#8211; laut <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,715727,00.html" target="_blank">»Spiegel«</a><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/2d0e22e70e284e5d8c6b064fe09817e8" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; die »fachliche Kompetenz des Personals« zu steigern und das f&#252;r eine »reibungslose Zusammenarbeit notwendige gegenseitige Verst&#228;ndnis« zu f&#246;rdern. Zwar geht er damit noch nicht so weit wie einst die DDR, die ihre Geheimdienste &#8211; f&#252;r In- wie Ausland &#8211; unter einem Dach, dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit, zusammenfasste und die Arbeit der Polizei diesem Organ zumindest teilweise unterordnete, doch die Tendenz zur Zentralisierung ist unverkennbar.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/Westspione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1905" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/Westspione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Die Erfahrungen des MfS mit solcher Zentralisierung waren allerdings ern&#252;chternd; vor allem die Hauptverwaltumng Aufkl&#228;rung, die sich gern als etwas Besseres als die innere Abwehr verstand, sah sich bald in der Lage eines verl&#228;ngerten Arms der Repression nach Innen, ohne sich freilich dagegen ernsthaft zu wehren. Sowohl die Parteir&#228;son als auch die Vorteile, die durchaus auch die HVA aus solch zentralisierter Geheimdienstarbeit ziehen konnte, beg&#252;nstigten ihre Unterordnung unter die paranoide Sicherheitsdoktrin der SED.</p>
<p>Im f&#252;nften Teil einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress wird diese Problematik thematisiert.</p>
<h2>R&#252;ckzug in die Wagenburg</h2>
<p>Als am 17. Januar 1988 Tausende Berliner wie allj&#228;hrlich zu den in der Presse ver&#246;ffentlichten Stellpl&#228;tzen strebten, um nach immer gleichem Ritual an der »Kampfdemonstration zum Jahrestag der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs« teilzunehmen, ahnten die wenigsten, dass damit eine neue Stufe der seit Herbst 1987 versch&#228;rften Auseinandersetzung mit der sogenannten inneren Opposition der DDR begann. An diesem Tag wollten zur Ausreise entschlossene DDR-B&#252;rger mit eigenen Losungen aus den Werken Rosa Luxemburgs f&#252;r ihr Recht auf Freiz&#252;gigkeit demonstrieren. Die B&#252;rgerrechtler selbst waren gespalten hinsichtlich einer Teilnahme an dieser Aktion, wollten sie doch nicht f&#252;r eine Sache stehen, die ihr eigenes Anliegen gar nicht war. Sie hatten stets betont, dass sie in der DDR bleiben w&#252;rden, um von innen heraus f&#252;r eine Ver&#228;nderung der Verh&#228;ltnisse einzutreten. So waren unter den Festgenommenen nach den Protesten der Ausreise­willigen lediglich sechs B&#252;rgerrechtler, unter ihnen als bekannteste der Liedermacher Stephan Krawczyk und Vera Wollenberger.</p>
<p>Ungeachtet dessen begann in der Presse eine scharfe Kampagne gegen alle Oppositionellen, die jedoch von diesen mit einer bis dahin ungekannten Solidarit&#228;tsbewegung in den Kirchen beant­wortet wurde. Im MfS bereitete man sich inzwischen auf eine Art Entscheidungsschlag gegen die unbotm&#228;&#223;igen Staatsb&#252;rger vor. Eine juristische Bewertung der Schuldvorw&#252;rfe gegen Oppositio­nelle, die im Kollegium des MfS vorgetragen wurde, offenbarte zwar die sogar dort als &#228;u&#223;erst schwach eingesch&#228;tzte rechtliche Position der Staatssicherheit; dennoch entschied Mielke &#8211; offen­sichtlich mit Honecker und anderen f&#252;hrenden Politb&#252;ro-Mitglie­dern -, dass weitere Verhaftungen vorzunehmen seien. Am 25. Januar wurden mit Freya Klier, der Lebensgef&#228;hrtin Stephan Krawczyks, B&#228;rbel Bohley, Werner Fischer, Ralf Hirsch sowie Wolfgang und Regina Templin die bekanntesten B&#252;rgerrechtler unter dem »begr&#252;ndeten Verdacht auf landesverr&#228;terische Bezie­hungen« festgenommen. Die Beweise sollten unverz&#252;glich nach­gereicht werden; vor allem war die »geheimdienstliche Steuerung der feindlich-negativen Kr&#228;fte« aktenkundig zu machen. Mielke und sein Stellvertreter Mittig richteten an alle Diensteinheiten des MfS einen entsprechenden dringenden Auftrag. Der Leiter der mit der »Bek&#228;mpfung der Untergrundt&#228;tigkeit« beauftragten Haupt­abteilung XX, Generalmajor Kienberg, verlangte beispielsweise: »Ich brauche den Decknamen und die Vorgangs-Nummer der B&#228;rbel Bohley beim BND!«</p>
<p>Eine solche Forderung richtete sich vor allem auch an die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hielt zwar das konkrete Vor­gehen gegen die kleine Gruppe der B&#252;rgerrechtler f&#252;r ziemlich &#252;bertrieben, hatte aber keinerlei grunds&#228;tzliche Zweifel an der Richtigkeit von Ma&#223;nahmen gegen sie. Vor allem sah die HVA keinen Grund, die Unterst&#252;tzung bei der Aufdeckung ihrer »Hinterm&#228;nner« zu versagen. Schon am 25. Januar, dem Tag der genannten Verhaftungen, &#252;bermittelte die Auswertungsabteilung der HVA allen anderen Diensteinheiten »Informationsschwerpunkte zur politisch-ideolo­gischen Diversion (PID) gegen die DDR und die anderen soziali­stischen Staaten«. In diesem mehrseitigen Papier wurden sowohl politische Aktivit&#228;ten seitens der BRD &#8211; von der Regierung &#252;ber die SPD und die Massenmedien bis hin zu wissenschaftlichen Instituten &#8211; als auch Unzufriedenheit in der DDR selbst dem Wirken »ideologischer Diversanten« zugerechnet. Es war somit ein typisches Dokument des v&#246;llig realit&#228;tsfremden Denkens im MfS, dem sich auch die HVA nicht entzog – hatte doch auch sie sich immer wieder theoretisch mit der Rolle der Ideologie im Klassen­kampf auseinanderzusetzen gehabt.</p>
<p>Die Ideologie spielte bei der Auseinandersetzung des Systems seit je eine hervorragende Rolle. Zum einen hatte bereits Lenin als eins der Postulate seiner Lehre die Unvers&#246;hnlichkeit des ideologi­schen Kampfes proklamiert: »&#8230; b&#252;rgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht&#8230; Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine St&#228;rkung der b&#252;rgerlichen Ideologie.« Und auf der anderen Seite t&#246;nte es in einem Heft der »Europ&#228;ischen Wehrkunde« von 1979: »Da infolge der selbstzerst&#246;rerischen Wirksamkeit jetziger Waffentechnik Macht- und Interessenwider­spr&#252;che speziell zwischen Gro&#223;machtstaaten nur im Extremfall mittels milit&#228;rischer Gewaltanwendung ausgefochten werden k&#246;n­nen, erwies sich die Forcierung propagandistischer Strategien gerade in der Rivalit&#228;t ideologisch gegens&#228;tzlicher Herrschaftsfor­men oder Sozialordnungen als unausweichliche Konsequenz &#8230; Psychologischer Krieg oder Propaganda kommt zu Diplomatie und milit&#228;rischer St&#228;rke als das dritte Instrument zur Durchsetzung au&#223;enpolitischer Ziele.«</p>
<p>Aus diesem objektiven Widerspruch machte der Marxismus-Leninismus ein Dogma, indem er diesen »psychologischen Krieg« als die letztlich entscheidende Ursache f&#252;r alle inneren Probleme des Sozialismus bezeichnete. Dies hatte schon Tradition in der Sowjetunion Lenins und Stalins; es fand seine augenscheinliche Best&#228;tigung im Kalten Krieg. Anfang der 50er Jahre benutzte Mielke erstmals den Begriff der »politisch-ideologischen Diversion« (PID); er wurde seitdem zu einem Schl&#252;sselwort f&#252;r das Selbst­verst&#228;ndnis des MfS. Die Bek&#228;mpfung der PID war von Anfang an eine Hauptaufgabe der Staatssicherheit, und je bedr&#228;ngender die Situation f&#252;r die SED-F&#252;hrung wurde, um so mehr feuerte Mielke seine Mitarbeiter an, den »ideologischen Diversanten« das Hand­werk zu legen.</p>
<p>Im Jahre 1988 erschien an der Juristischen Hochschule Potsdam-Eiche, der zentralen Ausbildungsst&#228;tte des MfS, ein Lehrbuch »Politisch-ideologische Diversion gegen die DDR«. In diesem Buch wurde der PID-Begriff definiert als »das subversive ideolo­gische Einwirken des Imperialismus auf das gesellschaftliche Bewusstsein in sozialistischen Staaten und das individuelle Bewusstsein ihrer B&#252;rger, insbesondere durch das planm&#228;&#223;ige und systematische Verbreiten von Konzeptionen, Anschauungen, Wer­tungen und Grunds&#228;tzen, deren Inhalt sowohl von militant-grob­schl&#228;chtigem als auch flexibel-verschleiertem Antikommunismus gepr&#228;gt ist &#8230; Mit ihr wird das subversive Ziel verfolgt, in den sozialistischen Staaten in einem langfristigen Prozess entscheiden­de ideologische Voraussetzungen f&#252;r konterrevolution&#228;re Ver&#228;nde­rungen zu schaffen. Diese Zielstellung schlie&#223;t ein, die sozialisti­sche Bewusstseinsentwicklung zu verhindern, sozialistisches Bewusstsein zu zersetzen, feindlich-negative Einstellungen zu erzeugen, deren Umschlagen in feindlich-negatives Handeln zu bewirken sowie feindlich-negatives Handeln zu aktivieren.«</p>
<p>Nicht das Sein bestimmte also das Bewusstsein &#8211; wie doch ein materialistisches Grundprinzip lautete -, sondern der Klassenfeind. Also entsprangen alle kritischen Positionen zum »realen Sozialis­mus« nicht M&#228;ngeln und Defiziten dieses Systems, sondern der »ideologischen Diversion«. Wer sie vertrat, besorgte das Gesch&#228;ft des Feindes und musste mithin wie ein solcher behandelt werden. Mit dem PID-Begriff war somit nicht nur eine Art S&#252;ndenbock f&#252;r jederlei abweichende Meinung gefunden, sondern zudem auch die Rechtfertigung f&#252;r drakonisches Vorgehen gegen ihre Tr&#228;ger.</p>
<p>Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung konnte und wollte sich dieser prinzipiellen Vorgabe nicht entziehen. Ihr oblag es &#8211; wie allen anderen Diensteinheiten &#8211; den Kampf gegen die »ideologi­sche Diversion« zu f&#252;hren und dazu alle ihre Mittel und M&#246;glich­keiten einzusetzen. Allj&#228;hrlich war der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) ein Bericht zu &#252;bergeben, in dem sich alle Erkenntnisse der HVA auf dem Gebiet der PID widerzu­spiegeln hatten. Und au&#223;erdem bestand die Aufgabe, &#252;ber wichtige Vorkommnisse »ideologischer Diversion« die zust&#228;ndigen Abtei­lungen der Abwehr unmittelbar zu informieren.</p>
<p>Ab Mitte der 70er Jahre, nach der Konferenz &#252;ber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sowie den Folgekonferenzen der KSZE, verst&#228;rkt dann in den 80er Jahren gewann die gegen ideologische Einwirkung gerichtete Aufgabenstellung des MfS st&#228;ndig an Bedeutung. Die Zugest&#228;ndnisse, die die sozialistischen L&#228;nder im KSZE-Prozess machen mussten, der dadurch erweiterte Spielraum f&#252;r Oppositionelle, der sich verst&#228;rkende Austausch &#252;ber die Grenzen hinweg, die neuen technischen M&#246;glichkeiten bei der Verbreitung der Massenmedien &#8211; all das erh&#246;hte nat&#252;rlich den geistigen Einfluss des Westens und multiplizierte die Unzufrieden­heit, die sich in den osteurop&#228;ischen Staaten aufgrund der dort herrschenden Verh&#228;ltnisse angesammelt hatte. Aus der Sicht des MfS handelte es sich dabei jedoch nur um einen »Missbrauch des Entspannungsprozesses«. In den sogenannten Planorientierungen &#8211; vom Minister f&#252;r Staatssicherheit f&#252;r jeweils f&#252;nf Jahre herausge­geben, dazu j&#228;hrlich pr&#228;zisiert und von seinen Hauptabteilungslei­tern f&#252;r ihren jeweiligen Verantwortungsbereich noch einmal konkretisiert &#8211; stand die »politisch-ideologische Diversion« stets ganz oben an. Das letzte dieser f&#252;r f&#252;nf Jahre g&#252;ltigen »Dokumente« hatte Mielke 1986 als »Geheime Verschlusssache« verbreitet. Unter dem Punkt »1.4. Aufkl&#228;rung und Vereitelung der strategischen Pl&#228;ne des Imperialismus im Kampf gegen den Sozialismus« hie&#223; es da: »Besondere Bedeutung besitzt dabei die gr&#252;ndliche Aufkl&#228;rung und vorbeugende Verhinderung der gesamten subversiven T&#228;tig­keit, der konkreten Absichten und Aktivit&#228;ten f&#252;r das weitere Vorgehen gegen den Sozialismus, der dabei zum Einsatz gelangenden Mittel und Methoden sowie der damit beabsichtigten Wirkungen seitens des Imperialismus, besonders seiner Geheimdienste, der Zentren der politisch-ideologischen Diversion und weiterer feind­licher Stellen und Kr&#228;fte.« &#220;ber die zuletzt genannten Objekte existierte eine lange Liste, in der sich die Bundestagsparteien ebenso wiederfanden wie die Fernsehsender der Bundesrepublik, die von Organisationen der Friedensbewegung bis hin zu Menschenrechtsgruppen reichte. Die HVA wurde angewiesen: »Im Interesse der Erf&#252;llung der Gesamtaufgabenstellung des MfS zur Gew&#228;hrleistung der inneren Sicherheit der DDR und des MfS sind operativ bedeutsame Erkenntnisse der Aufkl&#228;rung zielgerichteter f&#252;r die Abwehrarbeit zu erschlie&#223;en. Noch umfassender haben die Diensteinheiten der Aufkl&#228;rung mit ihren spezifischen Mitteln und M&#246;glichkeiten dazu beizutragen, die von den feindlichen Zentren gegen die DDR gerichteten Pl&#228;ne und Aktivit&#228;ten aufzukl&#228;ren, feindliche Verbindungen und Kontakte in die DDR aufzusp&#252;ren und damit ihren Anteil an der Kl&#228;rung der Frage &gt;Wer ist wer?&lt; zu erh&#246;hen.«</p>
<p>Damit waren die seit Jahrzehnten bestehenden Forderungen an die HVA noch h&#246;hergeschraubt worden. Mit der Frage »Wer ist wer?« umschrieb Mielke schon seit langem die Aufgabenstellung der fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung. &#220;ber jeden musste volle Klarheit bestehen, keiner sollte f&#252;r das MfS ein unbeschriebenes Blatt sein. Die HVA &#8211; und auch das l&#228;sst sich aus Mielkes Weisung ablesen &#8211; hatte bisher zwar stets das ihre zur »inneren Sicherheit« getan, jedoch ihre ureigene Aufgabe immer vorangestellt. Das hatte zunehmend den Unwillen der Abwehr erregt. Nun wurde verlangt, dieses Verh&#228;ltnis &#8211; wenn schon nicht umzukehren, so doch anzu­n&#228;hern. Der Hinweis auf den Beitrag der HVA zur »Gesamtaufgabenstellung« des MfS hatte zur Folge, dass die Aufkl&#228;rung sich st&#228;rker bem&#252;hte, Quellen in den sogenannten PlD-Zentren anzuwerben und dass sie vor allem alle Informationen, die gewisserma­&#223;en nebenbei zur »ideologischen Diversion« abfielen, unverz&#252;g­lich an die Abwehrabteilungen weitergab. Mitunter wurde dabei im Vertrauen auf Mielkes PID-Phobie auch getrickst. Als zum Beispiel Ende 1987 der erste Entwurf des Haushalts f&#252;r das damalige Ministerium f&#252;r innerdeutsche Beziehungen beschafft werden konnte, gab ihn die HVA mit gro&#223;em Brimborium weiter. Einige Tage sp&#228;ter wurde er jedoch ganz offiziell den Journalisten vorgestellt.</p>
<p>Immer dringender verlangte die Leitung des MfS, dass der »strategische Plan« des Imperialismus, unter dem man sich offen­sichtlich ein fertig ausgearbeitetes Papier vorstellte, beschafft werde und dass es endlich gelinge, jene Agentur, die im Kampf gegen den Sozialismus die F&#228;den zieht, zu finden und zu zersetzen. Ganz konkret stand zum Beispiel jahrelang die Aufgabe, den Geheimdienst der NATO zu enttarnen, bis dann nachgewiesen werden konnte, dass ein solcher strukturm&#228;&#223;ig &#252;berhaupt nicht existiert. Die Drahtzieher f&#252;r das Ansteigen der Ausreiseantr&#228;ge sollten ebenfalls gefunden werden, um ihnen das Handwerk zu legen und damit &#8211; so die tats&#228;chlich vertretene einf&#228;ltige Position &#8211; das Problem aus der Welt zu schaffen. Und nat&#252;rlich waren jene Politiker der Bundesrepublik namhaft zu machen, die zum Beispiel die kritischen Positionen von Kirchenleuten inspirierten, Opposi­tionsgruppen in der DDR aufbauten und aufm&#252;pfigen Schriftstel­lern die Feder f&#252;hrten.</p>
<p>Vielen Aufkl&#228;rern waren solche Aufgabenstellungen l&#228;stig. Sie lenkten von den eigenen Schwerpunkten ab und versprachen zudem &#8211; wegen ihrer Lebensferne &#8211; wenig Erfolg. Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass die HVA das Informationsaufkommen zur PID allm&#228;hlich erh&#246;hte. Sie beschaffte Protokolle von Gespr&#228;chen, die Kirchenf&#252;hrer bei Reisen in die Bundesrepublik mit dortigen Politikern f&#252;hrten, sie legte Arbeits- und Strukturpl&#228;ne einiger der sogenannten PID-Objekte vor, und sie sch&#246;pfte Personen ab, die der PID-Szene zugerechnet wurden; allerdings erfuhr sie dabei nur wenig &#252;ber die angeblich »strategischen Pl&#228;ne« zur Unterminie­rung des Sozialismus von au&#223;en. Meist handelte es sich dabei um singul&#228;re Kontaktf&#228;lle, die jedoch f&#252;r die Abwehr auch von einigem Wert waren. Ganz normale Forschungsarbeit an Univer­sit&#228;ten oder Instituten wurde zu »geheimdienstlichen Aktivit&#228;ten« erkl&#228;rt, wobei nicht &#252;bersehen werden soll, dass nat&#252;rlich die westlichen Dienste an bestimmten Untersuchungen durchaus Interesse bekundeten. Die Reiseberichte des Direktors des Bundes­instituts f&#252;r internationale und ostwissenschaftliche Studien, Hein­rich Vogel, gingen der HVA zum Beispiel auf dem Umweg &#252;ber den Bundesnachrichtendienst zu.</p>
<p>Die Bunkermentalit&#228;t der DDR-F&#252;hrung zeigte sich auch in der gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Aufgabenstellung, »jegliche vom Feind ausgehenden &#220;berraschungen auf allen Gebieten« zu verhin­dern. Diese Orientierung zielte urspr&#252;nglich auf das rechtzeitige Erkennen von Anzeichen f&#252;r einen Atomschlag &#8211; und mag derge­stalt noch Sinn gehabt haben. Sie ging zur&#252;ck auf den schon genannten Befehl 40/68 des Ministers f&#252;r Staatssicherheit und sah vor, Indikatoren zu entwickeln, aus denen der &#220;bergang in ein Kriegsregime fr&#252;hzeitig ablesbar war. Grotesk war jedoch, dass die konkrete Umsetzung dieses Befehls sich in dem Ma&#223;e intensivierte, wie auf internationaler Ebene der Entspannungsprozess vorankam. Parallel zu den Abr&#252;stungsverhandlungen Gorbatschows mit Reagan und sp&#228;ter Bush baute das MfS im Verein mit dem KGB dieses »Fr&#252;hwarnsystem« immer weiter aus. Allein f&#252;r die Feststellung und &#220;bermittlung der angenommenen Atomkriegs-Indikatoren wurde eine eigene Struktur geschaffen; f&#252;r einen denkbaren »Ernstfall« wurden Verbindungspl&#228;ne festgelegt, Notquartiere in der Bundesrepublik eingerichtet und j&#228;hrlich &#220;bungen veranstaltet. Die HVA steuerte ein Lagezentrum bei, das rund um die Uhr besetzt war und alle Kriegsanzeichen penibel zu registrieren hatte.</p>
<p>Der Begriff der »&#220;berraschung« wurde sp&#228;ter &#8211; &#252;ber die milit&#228;rische Ebene hinaus &#8211; auf alle Aktivit&#228;ten des anderen politischen Lagers angewandt. Ob neue wissenschaftliche Erkennt­nisse, ob unkonventionelle politische Angebote, ob aber auch die private Einreise eines SPD-Bundestagsabgeordneten in die DDR oder das Ankn&#252;pfen wei&#223;er B&#228;nder an die Auto-Antenne (ein Protestzeichen ausreisewilliger DDR-B&#252;rger) &#8211; all das firmierte als &#220;berraschung, die das MfS tunlichst rechtzeitig zu erkennen und »prophylaktisch« zu verhindern habe. Die HVA sollte dazu nicht nur ihre Positionen im Operationsgebiet nutzen, sondern &#252;ber ihre inoffiziellen Mitarbeiter auch aus der DDR berichten. Die &#220;ber­mittlung solcher Abwehrberichte wurde zu einer Schwerpunktauf­gabe erkl&#228;rt.</p>
<p>Mittlerweile war der Begriff der »politisch-ideologischen Diversion« durch den der »politischen Untergrundt&#228;tigkeit« (PUT) erg&#228;nzt worden. Darunter verstand Mielke das Umschlagen der PID in Aktivit&#228;ten, in Handlungen, in Aktionen. Faktisch wurden so alle nicht von Partei und Staat ausdr&#252;cklich angeordneten oder zumindest gef&#246;rderten Aktivit&#228;ten, von Veranstaltungen im Rahmen der Kirche &#8211; und seien es Rockkonzerte oder Kabarettauftritte &#8211; &#252;ber das B&#228;umepflanzen von Umweltgruppen bis hin zum Zeigen eigener Losungen bei offiziellen Kundgebun­gen, zu staatsfeindlichen Handlungen erkl&#228;rt. Sie waren in seinen Augen Straftaten, obgleich er feststellen musste, dass selbst das rigide DDR-Strafrecht nicht gen&#252;gend Bestimmungen enthielt, um die »Untergrundt&#228;ter« ins Gef&#228;ngnis zu bringen. Daher erwartete er &#8211; wie im Falle der Liebknecht/Luxemburg-Demonstration &#8211; gerade von der HVA Beweise, dass die innere Opposition der DDR vom Ausland gesteuert werde. In einer Rede vor den Leitern der MfS-Kreisdienststellen am 26. Oktober 1988 sagte er: »Noch wesentlich gr&#246;&#223;erer Anstrengungen bedarf es vor allem, um unanfechtbare, offiziell auswertbare Beweise zu Straftaten und anderen Rechtsver­letzungen dieser Kr&#228;fte und ihrer Hinterm&#228;nner zu erarbeiten. Das gilt in Bezug auf die Steuerung der feindlich-negativen Kr&#228;fte in der DDR durch BRD- oder andere westliche Geheimdienste und deren Agenturen, weitere feindliche Stellen und Kr&#228;fte sowie die Formen ihrer Zusammenarbeit.«</p>
<p>So bem&#252;hte sich auch die HVA verst&#228;rkt, vor allem in Forschungseinrichtungen, die sich mit deutschland- und ostpolitischen Fragen befassten, in sogenannte PID-Organisationen, zumeist Menschenrechtsgruppen, und in die Medien Aufkl&#228;rer einzuschleusen. Selbst der Berliner Privatsender 100,6 kam auf die Liste der Schwerpunktobjekte. Alle Informationen &#8211; selbst die banalsten &#8211; wurden als Abwehrberichte weitergeleitet; es erfolgte eine zahlen­m&#228;&#223;ige Erfassung, nach denen das Engagement der einzelnen HVA-Abteilungen bewertet wurde. Um eine bessere Koordination dieses Informationsflusses zu erreichen, schuf man eine »nicht­strukturelle Arbeitsgruppe«, in der die Abwehr-Diensteinheiten XX (Untergrundt&#228;tigkeit), II (Spionageabwehr) und III (Elektroni­sche Aufkl&#228;rung) zusammenarbeiteten und in die f&#252;r die HVA Vertreter aus dem Auswertungsbereich der Abteilung IX delegiert wurden. Deren Ziel bestand ausdr&#252;cklich darin, die Steuerung oppositioneller T&#228;tigkeit in der DDR von au&#223;en her, vor allem aber durch Geheimdienste, nachzuweisen.</p>
<p>Die Resultate aller dieser Bem&#252;hungen waren naturgem&#228;&#223; d&#252;rftig; dennoch wurden nat&#252;rlich Informationen beschafft, die den B&#252;rgerrechtlern der DDR Schaden zuf&#252;gen sollten. Eine konkrete Folge der als Weisung von General Gro&#223;mann unterzeichneten Informationsschwerpunkte war zum Beispiel, dass die im Januar 1988 festgenommenen B&#252;rgerrechtler nach ihrer Ausweisung aus der DDR Anfang Februar &#8211; die Aktion lief unter der Tarnbezeich­nung »St&#246;renfried/Falle« &#8211; im Ausland stets unter dem wachsamen Auge der DDR-Aufkl&#228;rer blieben. Das Ziel war dabei, in den Augen des MfS kompromittierendes Material zusammenzutragen, das es gerechtfertigt h&#228;tte, den B&#252;rgerrechtlern die Wiedereinreise zu verweigern. Das ist bekanntlich nicht gelungen, zum einen, weil das Verhalten der Betroffenen in der Bundesrepublik und West­europa nichts Strafbares enthielt, zum anderen, weil die Aufkl&#228;rer &#8211; entgegen den Intentionen ihrer Vorgesetzten &#8211; zumeist recht lustlos an diese Aufgabe herangingen. Die jahrelangen Orientierungen auf Schaffung operativer Positionen in einschl&#228;gigen Einrichtungen waren ohne gro&#223;es Echo geblieben; mitunter wurden auch eigene operative Zielstellungen &#8211; zum Beispiel die Suche nach f&#252;r eine Werbung geeigneten Personen &#8211; unter dem Vorwand der PID-Bearbeitung betrieben. Da die Tendenz bestand, ganz normale politische Vorg&#228;nge zu Aktivit&#228;ten der »politisch-ideologischen Diversion« zu erkl&#228;ren, war es mitunter leicht, das »Soll« bei der Aufkl&#228;rung solcher »Machenschaften« zu erf&#252;llen. Einige Aufkl&#228;­rer entwickelten im Laufe der Zeit eine gewisse Meisterschaft darin, unter dem Stichwort »PID« wesentliche Teile ihrer normalen Arbeit abzurechnen.</p>
<p>Grunds&#228;tzlich hielten die Aufkl&#228;rer zwar wenig von den ideo­logischen Verrenkungen der Abwehr, in der Praxis aber bedienten sie sich durchaus gro&#223;z&#252;gig, wenn sie die M&#246;glichkeit dazu hatten. Sie taten dies einmal, weil sie die »Gesamtaufgabenstel­lung« des MfS nat&#252;rlich mittrugen und deshalb nichts dabei fanden, sich an der fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung des Volkes zu beteiligen, solange dadurch die eigenen Kreise nicht gest&#246;rt wurden. Zum anderen hatte mancher schon bald nach der Einglie­derung der HVA ins MfS erkannt, wie gut sich von den Abwehr­ma&#223;nahmen profitieren lie&#223;. Die HVA hatte nicht nur Zugriff zu Speichern der Abwehr; dar&#252;ber hinaus waren die f&#252;r die »innere Sicherheit« zust&#228;ndigen Abteilungen ausdr&#252;cklich verpflichtet, ihr Personendossiers zuzuarbeiten. Die von der Abteilung M in gro&#223;em Umfang betriebene Briefkontrolle erlaubte es, nahezu die gesamte Post in die und aus den sie interessierenden Ballungszen­tren zu kontrollieren. Das betraf insbesondere den Bereich K&#246;ln/ Bonn, bezog aber zum Beispiel auch Bad Neuenahr, Ottobrunn oder Bad Ems ein. Wenn es der HVA erforderlich schien, konnte sie eine Telefon&#252;berwachung durch die daf&#252;r zust&#228;ndige Abteilung 26 beantragen. Alle relevanten Informationen, die durch das funkelektronische Abh&#246;ren der Telefonverbindungen zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet beschafft wurden, landeten auf den Schreibtischen der HVA. Sie standen der Auswertung als Erg&#228;nzung, Pr&#228;zisierung oder auch eigenst&#228;ndige Meldung zur Verf&#252;gung. So war die HVA stets ganz aktuell &#252;ber Interna der Bundespolitik im Bilde, zum Beispiel das gl&#252;cklose Wirken des kurzzeitigen Verteidigungsministers Rupert Scholz, der am Telefon seinen Frust &#252;ber die ihm wenig gewogene Bundeswehr-Generalit&#228;t und den ihn st&#228;ndig ins Abseits stellenden Au&#223;enminister Genscher ablie&#223;. Schlie&#223;lich hatte die HVA auch einen guten Draht zur MfS-Abteilung VI mit ihren Grenz- und Passkontrollstellen; diese waren verpflichtet, Protokolle ihrer Kontrollgespr&#228;che zu &#252;ber­senden.</p>
<p>Als »Gegenleistung« gaben die Aufkl&#228;rer konkretisierende Aufgabenstel­lungen der Abwehr an ihr IM-Netz in der DDR weiter. Sie beruhigten sich dabei mit den durchaus vorliegenden Erkenntnissen &#252;ber die Kontakte westlicher Geheimdienste zu Emigrantenorgani­sationen oder zu solchen Rundfunksendern wie »Radio Free Europe«, auch wenn diese nat&#252;rlich nie die Ursache der um sich greifenden Unzufriedenheit in den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern waren. Sie wussten auch von den Informationsschwerpunkten der CIA oder des BND hinsichtlich der DDR und hatten Beweise f&#252;r ihre Anbahnungsversuche in bestimmten oppositionellen Kreisen. Dies lie&#223; sie manche Aufgabenstellung als sinnvoll erscheinen, zumal Zweifel an Befehlen und Weisungen der Vorgesetzten auch in der HVA nicht &#252;blich waren.</p>
<p>Hinzu kam, dass »Amtshilfe« zwischen Auslandsnachrichten­dienst und innerer Abwehr in ziemlich allen Staaten praktiziert wird. Zwar nicht in jedem Falle mit der im MfS betriebenen Intensit&#228;t, die sich daraus ergab, dass beide geheimdienstliche Bereiche unter einem Dach arbeiteten. In westlichen L&#228;ndern sind die einzelnen Dienste in der Regel selbst&#228;ndig, aber sie finden dennoch Gelegenheit, sich gegenseitig interessierende Informatio­nen zukommen zu lassen und dazu auch &#8211; entsprechende Enth&#252;l­lungen zeigen es immer wieder &#8211; die Gesetze sehr gro&#223;z&#252;gig zu handhaben.</p>
<p>Hinsichtlich des Verfassungsschutzes ist in einem Gesetz gere­gelt, dass »die Gerichte und Beh&#246;rden und das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz gegenseitig Rechts- und Amtshilfe« leisten. F&#252;r den BND wie den MAD gibt es solche Festlegungen nicht, aber es hat sich eine ziemlich effektive Praxis herausgebildet. So ist der Bundesnachrichtendienst &#252;ber sein sogenanntes Grenzmeldenetz stets &#252;ber Vorkommnisse im Grenzgebiet, ein- und ausreisende Personen und die Ergebnisse von Befragungen informiert. Er unterh&#228;lt au&#223;erdem in allen Bundesl&#228;ndern »Hauptstellen f&#252;r spezielle Datenverarbeitung«, die sich der Post- und Fernmelde­kontrolle widmen. Ihre Ergebnisse werden unb&#252;rokratisch auch den anderen Diensten &#252;bergeben. Die &#220;berwachung ausl&#228;ndischer Botschaften erfolgt in enger Kooperation zwischen BND und Verfassungsschutz.</p>
<p>Die Resultate solcher Zusammenarbeit kommen nur selten ans Licht, wirbeln dann aber gew&#246;hnlich viel Staub auf. Zu Zeiten Gehlens war es fast noch normal, dass auch der BND Inlandsspionage betrieb; das ist heute durch Gesetze weitgehend unterbunden. Aber im Zusammenhang mit der Terroristenfahndung oder zum Zwecke der internationalen Unterst&#252;tzung zum Beispiel f&#252;r den israeli­schen Mossad oder den t&#252;rkischen Geheimdienst kommt es immer mal wieder auch zu BND-Operationen im Innern.</p>
<p>Bei all dem ist unbestritten, dass die Verquickung von Aufkl&#228;­rung und Abwehr in der DDR besonders eng war. Aus den gegebenen M&#246;glichkeiten versuchte die HVA das Beste f&#252;r sich zu machen. Das erforderte immer wieder Kompromisse, mitunter auch gegen die eigene Einsicht. Mit Kopfsch&#252;tteln und Achselzucken wurden die st&#228;ndig praktizierten Ungesetzlichkeiten abgetan. Auch die HVA hat sich freiwillig in die ideologische Wagenburg begeben, obwohl gerade sie &#8211; schon aus operativen Gr&#252;nden &#8211; jedes Interesse daran h&#228;tte haben m&#252;ssen, dass der Dialog auf internationaler Ebene wie im Inneren zum bestimmenden Element der Politik wird. Sie hat damit objektiv gegen ihre eigenen Interessen gearbeitet &#8211; von der moralischen Schuld ganz abgesehen. Mit dieser Anpassung verlor sie sukzessive an Ansehen selbst bei ihren inoffiziellen Mitarbei­tern. Und die Partei- und Staatsf&#252;hrung sah die Zeit f&#252;r gekommen, auch die HVA-Berichte zu Erfolgsbekundungen umzufunktionie­ren.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil IV)</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Aug 2010 20:51:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wieder einmal soll der Bundestag daraufhin &#252;berpr&#252;ft werden, inwieweit das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR Einfluss auf die bundesdeutsche Politik genommen hat. Angesichts der geringen Zahl noch nicht bekannter F&#228;lle oder gar einer Fehlmeldung <span id="more-1840"></span><a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0807/seite1/0103/index.html" target="_blank"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/77db0ea9416846709feb5ee8a4ac2d2e" alt="" width="1" height="1" />kein Thema, das noch gro&#223;e Aufregung ausl&#246;st</a>. Dabei ist diese Einflussnahme unstrittig, vor allem durch die so genannten aktiven Ma&#223;nahmen der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung (HVA) des MfS wurde versucht, politische Entscheidungen in Bonn zu beeinflussen.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/08/West-Spione1-199x300.gif"><img class="alignright size-full wp-image-1842" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/08/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Dabei aber stand der DDR-Geheimdienst nicht allein. Verdeckte Operationen geh&#246;ren seit je zum Arsenal der Spionaget&#228;tigkeit, und es ist ein offenes Geheimnis, dass sich auch die bundesdeutschen Dienste, der Verfassungsschutz wie der BND, dieses Mittels bedienen. Und ebenso gibt es immer wieder Hinweise auf eine nachrichtendienstliche Anbindung des einen oder anderen Bundestagsabgeordneten. Dahinein Licht zu bringen ist nat&#252;rlich nicht vorgesehen, und auch die systemtreuen Medien <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0807/meinung/0135/index.html" target="_blank">artikulieren dieses Problem nur vereinzelt</a>.</p>
<p>Bez&#252;glich der HVA ist schon bald nach der Wende dazu Grunds&#228;tzliches gesagt worden; inzwischen wurde es durch zahlreiche Fakten angereichert. Was dazu in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, berichtet wurde – im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress – ist hier nachzulesen:</p>
<h2>Schweres Blei der »Tschekisten«</h2>
<p>Der ganze Saal erhob sich wie ein Mann. »Die ruhmreichen Tschekisten – sie leben hoch! Hoch! Hoch!« Der Minister hatte das Startsignal zur lautstarken Huldigung gegeben, und keinen gab es, der sich ihr verweigerte. Bereits zuvor war in nahezu inhalts­gleichen Reden der Beitrag der »Gesamtrussischen Au&#223;erordentli­chen Kommission zur Bek&#228;mpfung von Konterrevolution und Sabotage«, der sogenannten Tscheka, zur Oktoberrevolution und zur Abwehr aller seitherigen Angriffe auf die »Macht des Sozialis­mus« gew&#252;rdigt worden. Generaloberst Markus Wolf hatte h&#246;chst­pers&#246;nlich eine rotlederne Kassette &#252;berreicht, in der sich einige wertvolle Aufkl&#228;rungsinformationen befanden – vielleicht der BND-Jahresbericht oder die Ost-West-Studie der NATO. Diese rituelle »Schenkung« geh&#246;rte seit langem zum Szenario deutsch­sowjetischer »Kampf-Meetings« – ungeachtet dessen, dass der KGB die Informationen l&#228;ngst auf unspektakul&#228;rem Wege erhalten hatte.</p>
<p>Auf die Show aber durfte nicht verzichtet werden. Sie bot den sowjetischen Tschekisten und ihren deutschen Genossen Gelegen­heit, neben Gru&#223;adressen auch Orden auszutauschen und eben immer wieder Hochrufe auszubringen: Die Waffenbr&#252;derschaft von KfS – wie der KGB schamhaft eingedeutscht genannt wurde – und MfS sei unverbr&#252;chlich! Tats&#228;chlich bestand das schlimmste Manko des DDR-Nachrichtendienstes darin, dass er – wie fast alle anderen gesellschaftlichen Erscheinungen der DDR – aus einer stalinistisch gepr&#228;gten Tradition hervorging. Lenin hatte im Dezember 1917 mit der »Tscheka« ein Organ geschaffen, das eine Revolution m&#246;glicherweise braucht, um den Sieg der Stra&#223;e vor Gegenangriffen zu sch&#252;tzen, aber er hat nicht verhindern k&#246;nnen, dass sich diese »Tscheka« bald verselbst&#228;ndigte, 1922 den nichtssagenden Namen »Staatliche politische Verwaltung« (GPU) zulegte, um bald danach zum blutigen Terrorinstrument Stalins gegen alle diejenigen zu werden, die er seine Feinde nannte.</p>
<p>Seitdem war das »Feindbild« ein Schl&#252;sselbegriff geheim­dienstlicher Arbeit in einem »sozialistischen« Land – ob er nun nach au&#223;en oder nach innen operierte. Es schloss ein, misstrauisch gegen&#252;ber allem zu sein, was sich au&#223;erhalb der DDR-Grenzen tat oder was gar von au&#223;erhalb in irgendeiner Weise auf die DDR einwirkte. Wie dieses »Feindbild« noch ein Jahr vor der Wende aussah, demonstrierte Erich Mielke in einer Rede am 17. Oktober 1988, als er auf einer Tagung der Aufkl&#228;rungsorgane sozialistischer L&#228;nder den »strategischen Plan des Imperialismus zur Schw&#228;­chung, Destabilisierung und Zersetzung des Sozialismus« entlarvte, der gekennzeichnet sei</p>
<p>»– durch die gezielte Verbindung von Wettr&#252;sten, politischer und &#246;konomischer Druckaus&#252;bung bzw. Erpressung sowie forcier­ter ideologischer Diversion und aller anderen Formen ihrer W&#252;hl- und Zersetzungst&#228;tigkeit,</p>
<p>– durch die verst&#228;rkte Einflussnahme auf die sozialistischen L&#228;nder &#252;ber den Ausbau der Wirtschafts- und der wissenschaftlich­-technischen Beziehungen und die Einbeziehung in internationale, vom Westen beherrschte Organisationen auf diesen Gebieten,</p>
<p>– durch ein differenziertes und der Lage in den einzelnen sozialistischen L&#228;ndern angepasstes Vorgehen,</p>
<p>– durch die Aktivierung innerer Feinde und oppositioneller Kr&#228;fte sowie</p>
<p>– durch die Sch&#252;rung antisozialistischer und nationalistischer Stimmungen.«</p>
<p>Eine solche Weltsicht, die alles &#220;bel nur von au&#223;en kommen sah, w&#228;hrend die eigene Politik offensichtlich ohne Makel war, hatte selbstverst&#228;ndlich Konsequenzen auch f&#252;r die T&#228;tigkeit der HVA, wenn sie hier auch etwas differenzierter formuliert wurde. Doch die unkritische &#220;bernahme fast aller sowjetischen Erfahrun­gen in der Geheimdienstarbeit durch Markus Wolf f&#252;hrte dazu, dass die DDR-Spionage von Anfang an mit dem Blei der Tschekisten belastet war und sich daraus einige ihre Strukturentscheidungen und konkreten Operationen erkl&#228;ren. Dabei darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass die Form der Auseinandersetzung, wie sie auch von den westlichen Geheimdiensten gef&#252;hrt wurde, nicht gerade dazu einlud, die Samthandschuhe &#252;berzustreifen. Ursache und Wirkung stehen hier – auf beiden Seiten – in einem engen Zusammenhang; dennoch wurden seitens der HVA Kampfmittel benutzt, die weder dem humanistischen Anspruch des Sozialismus gerecht wurden noch operativ sinnvoll waren.</p>
<p>F&#252;r die Mitarbeiter der HVA stellten sich derlei Gedanken in der Regel nicht. Die »tschekistische« Tradition war Bestandteil des Dienstes im Mini­sterium f&#252;r Staatssicherheit, ihre Rituale machten sie – wenn auch mitunter innerlich l&#228;chelnd oder auch abgesto&#223;en – mit; ansonsten aber war ein konkret umrissener Auftrag zu erf&#252;llen, dessen Hintergrund sich kaum einer der HVA-Angeh&#246;rigen in vollem Ma&#223;e vergegen­w&#228;rtigte. Dies war bei den meisten weniger Verdr&#228;ngung als einfach der Glaube, als Mitarbeiter einer offiziellen staatlichen Beh&#246;rde, eines Ministeriums, eine legitime Arbeit zu verrichten und mit den dabei verwandten Methoden – im Nachrichtendienst denen der westlichen Gegner nicht un&#228;hnlich – kein Unrecht zu tun. Der Sinn mancher Ma&#223;nahme erschloss sich auch nicht, doch da standen die »Tschekisten« in dieser Gesellschaft nicht allein. Der Begriff der Pflichterf&#252;llung ist keiner aus dem sozialistischen Vokabular – wenn auch einger&#228;umt werden muss, dass das milit&#228;rische Regime im MfS im Verein mit der Parteidisziplin (alle Stasi-Mitarbeiter waren Mitglieder der SED) eine besondere Kritiklosigkeit gegen­&#252;ber Weisungen der Vorgesetzten erzeugte. So wurden auch Unter­nehmungen durchaus mit Engagement geplant und ausgef&#252;hrt, die mit normaler nachrichtendienstlicher Arbeit nichts zu tun haben.</p>
<p>Hierzu geh&#246;rten ohne Zweifel die sogenannten aktiven Ma&#223;nah­men, Operationen der verdeckten politischen Einflussnahme auf Prozesse und Personen des jeweiligen Operationsgebietes mittels gezielter Lancierung von zutreffenden Fakten, aber auch von Desinformationen. Diese Art nachrichtendienstlicher T&#228;tigkeit nahm in der sowjetischen Geheimdienstarbeit seit l&#228;ngerem einen hohen Rang ein. Im Jahre 1959 wurde im KGB eine spezielle Abteilung daf&#252;r geschaffen. Der junge Spionagedienst der DDR kannte solche Methoden zun&#228;chst nicht, aber nach sowjetischem Vorbild begannen in den 60er Jahren auch hier einschl&#228;gige Experimente, ehe 1968 die Abteilung X entstand, die seither fast ausschlie&#223;lich f&#252;r die »aktiven Ma&#223;nahmen« verantwortlich zeichnete. Der Verfassungsschutzbericht 1983 nannte als Ziel »aktiver Ma&#223;nahmen« durchaus zutreffend, »auf die Innen- und Au&#223;enpolitik vornehmlich westlicher Staaten Einfluss zu nehmen, ihre Beziehungen untereinander wie zu den Staaten der dritten Welt zu unterminieren und ihre politischen Repr&#228;sentanten und Institutionen zu diskreditieren, um langfristig die eigenen politischen Absichten zu f&#246;rdern. Sie unterst&#252;tzen auf diese Weise die au&#223;enpolitischen Zielsetzungen der Warschauer-Pakt-Staaten mit nachrichtendienstlichen Mitteln.« Sp&#228;ter wurden solche Aktionen – wohl auch wegen ihrer nicht selten spektakul&#228;ren Begleiterscheinungen – oft &#252;bertrieben darge­stellt. Die zust&#228;ndige Abteilung verf&#252;gte &#252;ber nicht mehr als 80 Mitarbeiter, und insgesamt blieben ihre Ergebnisse begrenzt. Au&#223;erdem waren sie keineswegs eine Erfindung &#246;stlicher Geheim­dienste.</p>
<p>Die Methoden dazu sind – auf beiden Seiten – vielf&#228;ltig, gehen aber fast alle auf ein Grundmuster zur&#252;ck: Ausgehend von tats&#228;ch­lichen Begebenheiten, &#196;u&#223;erungen, Differenzen wird eine gef&#228;rbte Information produziert, die von der Wahrheit nur soviel abweicht, dass sie glaubw&#252;rdig bleibt, aber doch soviel L&#252;ge enth&#228;lt, dass sie das Denken und Handeln des Empf&#228;ngers im gew&#252;nschten Sinne ver&#228;ndert. Als Multiplikator solcher Falsifikate dienen in der Regel die Medien, denen das Material auf verschlungenen Wegen zuge­spielt wird und die es nicht selten gen&#252;sslich verbreiten.</p>
<p>Die Geschichte des Kalten Krieges ist reich an solcherart Operationen. Sie sind der Versuch, Interessen auch dort durchzu­setzen, wo das mit offenem Visier – zumeist wegen der Schw&#228;chen der eigenen politischen Position – nicht m&#246;glich ist. Der Verfas­sungsschutz griff zu diesen Methoden schon zu jenen Zeiten, als f&#252;r ihn die Bek&#228;mpfung jeglicher »kommunistischer Umtriebe« noch absolute Priorit&#228;t hatte. Der sp&#228;tere BfV-Chef Nollau beschrieb in seinen Memoiren, wie auch er Ende der 50er Jahre die Herausgabe einer Publikation mit dem Titel »Der Dritte Weg« initiierte, die den Eindruck erwecken sollte, von »Reformkommunisten« geschrieben zu sein. Nollau hoffte, das »obskure Bl&#228;ttchen«, wie er es selbst nannte, »werde in der illegalen KPD zersetzend wirken und uns die M&#246;glichkeit er&#246;ffnen, unter den Dissidenten, die wir kennenzuler­nen hofften, Informanten zu gewinnen«. Andere Dienste blieben mit ihren »verdeckten Operationen« – erinnert sei hier nur an die Rolle der CIA in der Schweinebucht-Aff&#228;re – nicht bei der politischen Einflussnahme stehen.</p>
<p>Dass die »aktiven Ma&#223;nahmen« seitens der sozialistischen L&#228;nder sp&#228;ter das Niveau einer ausgesprochenen Konjunktur erreichten, verr&#228;t auch etwas dar&#252;ber, wie wenig es ihnen m&#246;glich war, ihre Zielvorstellungen in der unmittelbaren politischen Aus­einandersetzung zu realisieren; sie sahen sich immer wieder veranlasst, zu t&#252;ckischen Methoden zu greifen. In der UdSSR waren die Desinformationen ein inh&#228;rentes Mittel des au&#223;enpolitischen Wirkens der Kommunistischen Partei. Diese glaubte offenbar, dass die Lancierung get&#252;rkter Meldungen in die westliche Presse das kapitalistische System ersch&#252;ttern k&#246;nne und forcierte deshalb derartige Aktivit&#228;ten, wo immer es ihr in den Kram passte. Die zust&#228;ndige KGB-Diensteinheit hatte – wie Ende 1991 in Moskau offiziell mitgeteilt wurde – Amtsr&#228;ume im Geb&#228;ude des Zentralkomitees; hier arbeitete sie der »Internationalen Abteilung« direkt zu. Der zeitweilige UdSSR-Au&#223;enminister Boris Pankin bezifferte die Zahl der KGB-Mitarbeiter im Au&#223;enamt auf etwa 50 Prozent. Sie h&#228;tten s&#228;mtliche Botschaften kontrolliert und die Mehrzahl der Botschafter in der Hand gehabt. Einer dieser Pseudo-­Diplomaten soll nach Darstellung des britischen Autors John Barron erkl&#228;rt haben: »Wir werden die &#246;ffentliche Meinung im Westen mit allen offenen und verdeckten Mitteln nach unserem Belieben manipulieren &#8230; Wir haben die Mittel, um im Westen Dutzende von neuen Organisationen zu gr&#252;nden und bestehende Tarnorganisationen zu st&#228;rken.« So weit ging die Verquickung der Abteilung X der HVA mit dem Parteiapparat der SED nicht, aber dass es Abstimmungen gab, wo ihre »aktiven Ma&#223;nahmen« die Parteipolitik unterst&#252;tzen konnten und wo sie zu unterbleiben hatten, um nicht kontraproduktiv zu wirken, ist sicher.</p>
<p>Wenn die Desinformationst&#228;tigkeit der HVA nie den Stellen­wert erreichte, der ihr im KGB zugewiesen wurde, so hing das vor allem mit der begrenzten Wirkung zusammen, die solche Ma&#223;nah­men in der Bundesrepublik und in Drittl&#228;ndern hatten. In einer pluralistischen Gesellschaft, die den Medien einen betr&#228;chtlichen Spielraum l&#228;sst, wirken Enth&#252;llungen weit weniger als in geschlos­senen Systemen mit ihrem Geheimhaltungstrieb. Daher war die DDR seitens der Westmedien erheblich manipulierbarer als umge­kehrt. F&#252;r das Fernsehen der Bundesrepublik gen&#252;gten beinahe die t&#228;glichen Werbesendungen, um beim DDR-B&#252;rger einen nachhaltigen Eindruck von der &#220;berlegenheit dieses reichen Landes zu hinterlassen. Machte es sich dar&#252;ber hinaus zum Anwalt derjenigen, die in der DDR keine Stimme hatten, der B&#252;rgerrechtler und kritischen Kirchenleute, dann wirkte das schon aufgrund des Fehlens entsprechender Informationen in den DDR-Medien. Der krampfhafte Nachweis politischer Unredlichkeit westlicher Politi­ker in den Desinformationsprodukten der HVA dagegen lief oft ins Leere, da er im Grunde keine Neuigkeit darstellte.</p>
<p>Entsprechend lustlos war die Unterst&#252;tzung »aktiver Ma&#223;nah­men« durch die beschaffenden Diensteinheiten der HVA. Schon die Bereitstellung f&#252;r F&#228;lschungen nutzbarer Informationen, mehr noch der Einsatz geeigneter Quellen stie&#223;en auf gro&#223;e Zur&#252;ckhal­tung – konnte doch beides die BRD-Abwehrorgane auf bestimmte Spuren f&#252;hren und damit die operativen Positionen gef&#228;hrden.</p>
<p>So geh&#246;rte es zu den Aufgaben der Abteilung X, den westeuro­p&#228;ischen Integrationsprozess zu st&#246;ren. Daf&#252;r boten sich zahlreiche Ansatzpunkte – sind doch die Differenzen zwischen den EG-Staaten aus den verschiedensten Gr&#252;nden bis heute nicht gering; man denke nur an die Beargw&#246;hnung der gro&#223;en Mitgliedsstaaten durch die kleinen. Aber wenn auch geeignetes Material vorlag, waren die zust&#228;ndigen Abteilungen nicht bereit, es gewisserma&#223;en f&#252;r eine »Medien-Eintagsfliege« zu verpulvern und Quellen in Gefahr zu bringen. Au&#223;erdem krankten die »aktiven Ma&#223;nahmen« der HVA auch daran, dass sie meist im Nachtrab stattfanden. Wenn etwas geschehen war, wurde reagiert – und ehe das nach Erhalt aller Genehmigungen und bei Ber&#252;cksichtigung aller operativen Prozesse dann tats&#228;chlich sichtbar wurde, war das Thema oft vom Tisch.</p>
<p>Die westlichen Geheimdienste arbeiteten auf diesem Gebiet wesentlich effizienter. Erinnert sei nur an die gro&#223;e Meisterschaft, die vor allem der CIA entwickelte, um immer wieder die milit&#228;ri­sche &#220;berlegenheit der Sowjetunion nachzuweisen. Wer die tat­s&#228;chlichen Zahlen des sowjetischen Milit&#228;rpotentials kannte – und die Geheimdienstler geh&#246;rten dazu –, sah nicht ohne Faszination, wie die Bedrohungsgefahr immer aufs Neue beschworen wurde. Ob Studien des Pentagon, vor allem in der Regierungszeit Reagans, ob die Analysen der NATO oder die einschl&#228;gigen Papiere der Bundesregierung – sie alle gingen davon aus, dass der Warschauer Pakt auf allen Gebieten milit&#228;risch &#252;berlegen sei und dies nur durch eigene R&#252;stung kompensiert werden k&#246;nne. Diese Manipulationen, die westliche Desinformations-Spielart, auf geeignete Weise zu konterkarieren, war auch eine Aufgabe »aktiver Ma&#223;nahmen«. Und nicht wenige renommierte Milit&#228;rexperten nutzten in ihren Interviews und Zeitungsartikeln – bewusst oder unbewusst – Fakten und Argumente, die ihnen von Aufkl&#228;rern sozialistischer L&#228;nder zuge­spielt worden waren. Hier bedurfte es nicht der Verf&#228;lschung des Materials, sondern im Gegenteil seiner wahrheitsgetreuen Darstel­lung – galt es doch, L&#252;gen zu entkr&#228;ften. Auch die HVA arbeitete in dieser Weise und legte Tatsachen offen, die die andere Seite gern verschwiegen h&#228;tte, um die Durchsetzung ihrer politischen Strate­gie nicht zu gef&#228;hrden. Erinnert sei an die Verbreitung belastender Dokumente &#252;ber die Verstrickung f&#252;hrender Pers&#246;nlichkeiten der Bundesrepublik w&#228;hrend der NS-Zeit, so des einstigen Bundespr&#228;­sidenten L&#252;bke oder des baden-w&#252;rttembergischen Ministerpr&#228;si­denten Filbinger. Genannt werden muss auch die Aufhellung manchen Skandals durch die bundesdeutsche Presse, die sich dazu nicht selten einschl&#228;giger Materialien aus Ost-Berlin bedienten, ohne freilich in der Regel deren Herkunft genauer zu kennen.</p>
<p>Vor allem Mitte der 80er Jahre traten »aktive Ma&#223;nahmen« hinzu, die der Unterst&#252;tzung des Entspannungs- und Abr&#252;stungs­prozesses dienen sollten. Sie doublierten sich zwar nicht selten mit offiziellen Publikationen, konnten sie aber aus nachrichtendienstli­chen Quellen mitunter auch erg&#228;nzen. So wurde damals bekannt, dass der ehemalige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Alfred Dregger, starke Vorbehalte gegen die Reihenfolge bei den INF-Verhandlungen hatte, in denen es um die Reduzierung von Atomwaffen in Europa ging. Er forderte, mit den Kurzstreckenwaf­fen auf beiden Seiten zu beginnen, da diese einzig dazu dienen konnten, deutsches Territorium zu bedrohen und gegebenenfalls zu vernichten. Die Publizierung seiner internen – und im Widerspruch zur amerikanischen Politik stehenden – &#220;berlegungen konnte reale Abr&#252;stungsbem&#252;hungen durchaus unterst&#252;tzen. In solchem Vorge­hen – und nur hier – ist ein Sinn »aktiver Ma&#223;nahmen« zu erkennen, aber letztlich braucht man dazu keine Geheimdienste.</p>
<p>Als besonders spektakul&#228;rer Fall »aktiver Arbeit«, die bereits bis zu direkter Einflussnahme ging, wird immer wieder der »Kauf« der Stimme des CDU-Abgeordneten Julius Steiner beim »konstruktiven Misstrauensvotum« gegen Willy Brandt am 27. April 1972 genannt. Diese allerdings von der Abteilung II (Parteienbeob­achtung) der HVA verantwortete Operation zielte darauf, einen Regierungswechsel von Brandt auf Barzel im Zusammenhang mit den Ostvertr&#228;gen zu verhindern, da die sozial-liberale Koalition besser ins Konzept der DDR und wohl auch der Sowjetunion passte. Nachdem einige FDP-Abgeordnete zur Union &#252;bergelaufen waren, schien die ohnehin knappe Mehrheit der Brandt/Scheel-Regierung nicht mehr gesichert, und Barzel ging zum Angriff &#252;ber. Bei der Abstimmung jedoch fehlten ihm zwei Stimmen – jene Steiners, wie dieser sp&#228;ter selbst zugab, ohne freilich auch einzugestehen, dass er daf&#252;r 50.000 D-Mark von der HVA erhalten hatte, und eine weitere, angeblich von Mende, der urspr&#252;nglich zu den abtr&#252;nnigen Frei­demokraten z&#228;hlte, von der HVA-Abteilung X jedoch »umgedreht« worden sein soll. Man kann vielleicht auch dieser Aktion aus heutiger Sicht etwas abgewinnen – verhalf sie doch dazu, eine gerade eingeleitete, auf internationalen Ausgleich bedachte Politik von R&#252;ckschl&#228;gen freizuhalten. Wenn man aber wei&#223;, dass der 1972 gerettete Brandt ein Jahr sp&#228;ter durch diesen »Retter« und seinen Spion Guillaume zur Strecke gebracht wurde, und wenn man vor allem ber&#252;cksichtigt, dass sich in den 70er Jahren die Entspan­nungspolitik ganz objektiv immer st&#228;rker durchsetzte, dann relati­vieren sich solche vermeintlichen Erfolge voluntaristischen Vor­gehens.</p>
<p>Noch deutlicher wird dies bei jenem »Kampf gegen Windm&#252;h­lenfl&#252;gel«, den die HVA letztlich im Auftrag der MfS-Bereiche leistete, die gegen die »innere Opposition« vorzugehen hatten. Solche Organisationen wie die »Internationale Gesellschaft f&#252;r Menschenrechte« (IGfM) in Frankfurt/Main oder die »Hilferufe von dr&#252;ben« oder auch der ZDF-Journalist L&#246;wenthal unterst&#252;tzten nat&#252;rlich durch ihre Arbeit Menschen in der DDR, die sich gegen das Regime wandten oder einfach nur ausreisen wollten. Das machte sie zum verhassten Feind – so sehr, dass Markus Wolf noch 1992 in einem Gespr&#228;ch eingestand, beim Namen L&#246;wenthal nicht ruhig bleiben zu k&#246;nnen. Da die eigentliche Arbeit dieser Gruppen und Personen in der Bundesrepublik mehr Zustimmung denn Kritik fand, wurde gerade sie nicht angegriffen. Statt dessen setzte man Verleumdungen und Diffamierungen ganz anderen Inhalts in die Welt, die teilweise zwar ihre Wirkung taten, letztlich aber am Ausreisedrang von DDR-B&#252;rgern nicht das Geringste &#228;nderten. Der Trugschluss, die inneren Probleme im &#246;stlichen Staat w&#252;rden von au&#223;en verursacht, lenkte den Kr&#228;fteeinsatz in eine v&#246;llig falsche Richtung und lie&#223; »aktive Ma&#223;nahmen« solcher Art v&#246;llig vorpuffen.</p>
<p>Wo Spionage betrieben wird, provoziert das zwangsl&#228;ufig auf der anderen Seite eine Spionageabwehr. Diese geh&#246;rt normalerweise zur »inneren Abwehr«, soll sie doch verhindern, dass Geheiminfor­mationen aus dem eigenen Land abflie&#223;en. Die Nachrichtendienste entwickelten aber dar&#252;ber hinaus Struktureinheiten, mit denen sie verhindern wollen, dass die gegnerische Abwehr allzu erfolgreich in dem Bem&#252;hen ist, die Aktivit&#228;ten des eigenen Dienstes zu unter­binden.</p>
<p>In der Sowjetunion geh&#246;rten solche Bereiche der »&#228;u&#223;eren Abwehr« stets zur Auslandsspionage; ihre Aufgabe bestand darin, in die Aufkl&#228;rung der anderen Seite einzudringen – weniger um zu erfahren, was diese bei uns in Bereichen der Politik oder der Wirtschaft ausspioniert, als zu wissen, inwieweit sie Kenntnis von den eigenen Kundschafteraktivit&#228;ten hat. So einleuchtend ein solches Vorgehen f&#252;r die Betroffenen – nicht zuletzt im Interesse ihrer Sicherheit – erscheinen mag, letztlich verschwimmen hier die Grenzen zwischen dem urspr&#252;nglichen Sinn der Aufkl&#228;rung und dem »Spiel der Geheimdienste«, das dann leicht zum Selbstzweck wird.</p>
<p>In der HVA existierte bis in die 70er Jahre hinein keine spezielle Abteilung, die sich mit solchen »Konter-Aktionen« befasste. Ver­schiedene Diensteinheiten verfolgten – ausgehend von ihrer eigent­lichen Aufgabenstellung – die Abwehrma&#223;nahmen des Gegners auf ihre Operationen. Die wurden nat&#252;rlich perfektioniert in dem Ma&#223;e, wie der Umfang der DDR-Spionage zunahm. 1973 wurde schlie&#223;lich die Abteilung IX der HVA gebildet, die die T&#228;tigkeit der Hauptabteilung II des MfS, die f&#252;r die Spionageabwehr im Innern zust&#228;ndig war, erg&#228;nzen sollte. Drei selbst&#228;ndige Bereiche entstan­den. Im ersten wurden die Geheimdienste der Bundesrepublik und anderer westlicher Staaten bearbeitet. Zum einen hie&#223; es, in deren Auslandsaufkl&#228;rung einzudringen, um Agenturen in der DDR zu enttarnen und ihr Wissen &#252;ber unser Land und seine B&#252;ndnispart­ner zu erkunden. Zum anderen galt es, die Spionageabwehr dieser Dienste aufzukl&#228;ren, was im Interesse der eigenen Sicherheit vor allem die Beschaffung sehr umfassender Kenntnisse – von ihrer Fahndungsarbeit bis zum Doppelagenten – einschloss. In einem zweiten Bereich stand die Aufgabe, Angriffe auf die legalen Geheimdienst-Residenturen in den Botschaften der DDR im Aus­land abzuwehren. Immerhin kam es j&#228;hrlich zu 40 bis 50 Kontaktanbahnungen mit nachrichtendienstlichem Hintergrund; jede dritte bis vierte dieser Ansprachen entwickelte sich bis zu einem Werbe­versuch. Auch die Geb&#228;ude der DDR-Botschaften und -Handels­vertretungen mussten in gewissen Abst&#228;nden von dort inzwischen angebrachten modernen »Wanzen« ges&#228;ubert werden. Der dritte Bereich war schlie&#223;lich f&#252;r die gedeckte Auswertung aller einge­henden Materialien zust&#228;ndig.</p>
<p>Aufgestockt durch Mitarbeiter aus zahlreichen HVA-Abteilungen und unterst&#252;tzt von Personal der Hauptabteilung II entwickelte sich die Abteilung IX schnell zu einer S&#228;ule innerhalb der HVA. Mit 300 Mitarbeitern, unter der direkten Anleitung von Markus Wolf und zuletzt mit dem einzigen General unter den Abteilungs­leitern, spielte sie bald eine beherrschende Rolle. Der Geheim­dienst besch&#228;ftigte sich mit sich selbst.</p>
<p>Innerhalb des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit begann alsbald ein z&#228;hes Gerangel um die Kompetenz f&#252;r die Bearbeitung der westlichen Geheimdienste. Die bislang daf&#252;r zust&#228;ndige Haupt­abteilung II reagierte auf jeden Eingriff in ihre Rechte allergisch und wehrte sich gegen die Abgabe von Quellenvorg&#228;ngen und Materialien, lie&#223; sich in die Bearbeitung von Objekten in der Bundesrepublik oder in die Erfassung von Personen nicht hinein­reden. Die HVA hatte jedoch durch ihre Positionen im Operations­gebiet meist die besseren Karten und konnte sich allm&#228;hlich durchsetzen. Diese internen Auseinandersetzungen ergaben sich auch aus dem Streben nach Macht und Ansehen, das mit der Betreuung besonders informationstr&#228;chtiger Quellen verbunden war. Es zeigte aber, dass es hier weniger um eine effektive Arbeit an einem gemeinsamen Ziel ging als vielmehr um Einfluss auf das »Spiel der Geheimdienste«.</p>
<p>Der letzte Leiter der Abteilung IX, Generalmajor Harry Sch&#252;tt, war ein Meister auf diesem Gebiet. Er, der zuvor die f&#252;r Milit&#228;r­spionage zust&#228;ndige Abteilung IV gef&#252;hrt hatte, nahm bei seinem Wechsel die dort betreute Quelle »Peter«, hinter der sich die Br&#252;der Spuhler verbargen, wegen ihres hohen Ranges und der durch sie winkenden Meriten mit in seine neue Abteilung. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ihm dies 1991 die zweifelhafte Ehre bescherte, im ersten »Pilotprozess« gegen bundesdeutsche Spione und ihre F&#252;hrungsoffiziere aus der DDR selbst vor Gericht zu stehen und verurteilt zu werden.</p>
<p>Der hohe Krafteinsatz der Abteilung IX bewirkte un&#252;bersehbare operative Erfolge. Einige Beispiele hochrangiger Quellen in bun­desdeutschen Geheimdiensten wurden schon genannt. Zu ihnen geh&#246;rte auch der Vorgang »Bingen«, mit dessen Hilfe es Anfang der 80er Jahre gelang, das gesamte Referat »Emigration« der Abteilung I des BND aufzukl&#228;ren. Vom Referatsleiter Dr. Keil bis zum letzten Mitarbeiter lagen die Strukturen und zum gro&#223;en Teil auch die Personalunterlagen vor. Die T&#228;tigkeit dieses Referates, das sich damals naturgem&#228;&#223; um die Entwicklung in Polen k&#252;mmer­te, wurde paralysiert. Die Abteilung IX erfuhr auch einiges durch die von einer anderen Diensteinheit geworbene Sekret&#228;rin des au&#223;enpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Werner Marx. Inge Goliath hatte neben politischen Informationen Materialien beschafft, die der HVA zu ihrer eigenen &#220;berraschung tiefen Einblick in Strukturen, Arbeitsweisen, Informationsstand und politische Verbindungen des BND gew&#228;hrten. Mit der Quelle »Ronny« gelang schlie&#223;lich ein tiefer Einbruch in den amerikani­schen Geheimdienst CIA.</p>
<p>Soweit die Arbeit der Spionageabwehr der HVA dazu diente, entsprechenden Aktionen ihrer westlichen »Kollegen« die Spitze zu nehmen, geh&#246;rte sie zum normalen Gesch&#228;ft, wie es jeder Geheimdienst betreibt, und konnte sich im Einzelfall sogar positiv auf internationale Prozesse auswirken. Das Beispiel der Quelle »Bingen« zeigte jedoch zugleich, dass auch in diesem Fall die DDR-Aufkl&#228;rung dem Irrtum aufsa&#223;, die Ver&#228;nderungsprozesse in Polen seien vor allem eine Sache westlicher Geheimdienste und k&#246;nnten durch die Ausschaltung von deren Agenturen aufgehalten werden. Objektive Tendenzen wurden verkannt; mit dem untauglichen Mittel der Bek&#228;mpfung wurde versucht, ihrer Herr zu werden, anstatt die wahren Ursachen zu analysieren und darauf zu dringen, dass die Politik die entsprechenden Schlussfolgerungen zieht.</p>
<p>Im Grundprinzip des Misstrauens, das die Gesellschaften des realen Sozialismus beherrschte, liegt auch die Ursache f&#252;r Zwei­gleisigkeit und Dopplungen in der nachrichtendienstlichen T&#228;tig­keit. Wie schon die Spionageabwehr im MfS auf zwei – dann logischerweise miteinander rivalisierende – Dienstbereiche aufge­teilt war, so gab es auch zwei Stellen, an denen Milit&#228;raufkl&#228;rung betrieben wurde. Neben der Abteilung IV der HVA f&#252;hlte sich daf&#252;r auch die Aufkl&#228;rung der Nationalen Volksarmee (NVA) zust&#228;ndig. Diese Praxis ist ebenfalls sowjetischer &#220;bung entlehnt. Die m&#228;chtige Sowjetarmee musste nat&#252;rlich &#252;ber einen eigenen Aufkl&#228;rungs­dienst – im Kriege sogar mit voller Berechtigung – verf&#252;gen; also wurde er der NVA auch f&#252;r Friedenszeiten verordnet. Die Ziel­objekte waren die n&#228;mlichen wie bei der HVA, und trotz Bem&#252;hens um Abgrenzung beschafften beide Dienste – lange sogar ohne Abstimmung und gegenseitige Unterst&#252;tzung – oft das Gleiche. Das galt f&#252;r die Notstandspl&#228;ne in der Bundesrepublik mit allen Details, das galt f&#252;r Einsch&#228;tzungen des Bereitschaftsstandes der assoziier­ten Streitkr&#228;fte der NATO, das galt f&#252;r die Auflistung von Defiziten in der Ausbildung oder Ausr&#252;stung der Bundeswehr, das galt f&#252;r Man&#246;verplanungen und &#220;bungsberichte. Auch die Metho­den &#228;hnelten sich nat&#252;rlich, und nicht selten arbeiteten die Dienste gegeneinander statt sich zu unterst&#252;tzen.</p>
<p>Die HVA hatte an einer solchen Orientierung auf Doppelarbeit ihren unleugbaren Anteil. Denn nat&#252;rlich wollten Mielke und seine Statthalter in der Aufkl&#228;rung den »Wettlauf« mit der NVA-Spionage gewinnen. Bereits 1968 war der Befehl 40/68 erlassen worden, mit dem es galt, jeglichen milit&#228;rischen &#220;berraschungs­angriff auf die DDR und ihre Verb&#252;ndeten auszuschlie&#223;en. Ende der 80er Jahre wurde dieser Befehl – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der bedrohlichen Erkenntnisse &#252;ber die amerikani­schen Pl&#228;ne eines »Enthauptungsschlages« – aktualisiert, obwohl sich damals schon un&#252;bersehbar Anzeichen der Entspannung zeigten. Ein gigantisches Lagezentrum sollte weltweit alle Hinweise auf m&#246;glicherweise bevorstehende milit&#228;rische Operationen erfas­sen. Unter Einsatz ungeheurer Mittel baute man f&#252;r die MfS-F&#252;hrungsst&#228;be Bunker und veranstaltete immer lebensfremdere »Verlagerungs&#252;bungen«. Im Atomkrieg sollten wenigstens die Milit&#228;rs und die Geheimdienste &#252;berleben.</p>
<p>Der Hintergrund solchen Dualismus war neben den Prinzipien, dass Kontrolle besser als Vertrauen sei und doppeltes N&#228;hen l&#228;ngere Haltbarkeit verspreche, auch hier das Streben der Spitzen von Armee und Geheimdienst nach Macht und Einfluss. Keiner wollte dem anderen nachstehen, wenn es darum ging, mit Aufkl&#228;rungser­gebnissen auf einem Felde zu gl&#228;nzen, das in der Politik h&#246;chste Priorit&#228;t besa&#223;. Erfordernisse der Sparsamkeit und Effizienz hatten dahinter zur&#252;ckzustehen. Markus Wolf hatte zwar schon in den 70er Jahren mitunter dar&#252;ber philosophiert, ob es nicht sinnvoll sei, die Spionage auf einige wenige Spitzenquellen zu reduzieren und von dem Anspruch gewisserma&#223;en fl&#228;chendeckender Aufkl&#228;rung im Ausland wegzukommen. Doch diese Gedanken fanden keinerlei Echo, standen sie doch im Widerspruch zur gesamtgesellschaftlich betriebenen,offensichtlich systemimmanenten Gigantomanie, die schlie&#223;lich von der Sowjetunion gelernt worden war und nicht zuletzt auch von deren KGB-Aufkl&#228;rung betrieben wurde.</p>
<p>Dieses Denken in Machtkategorien und die damit verbundene Gro&#223;mannssucht setzten sich innerhalb des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit – wie beschrieben – fort. Besonders zwischen den Diensteinheiten der Aufkl&#228;rung und der Abwehr bestanden st&#228;ndig latente Spannungen, was nat&#252;rlich nicht daran hinderte, bei Erfor­dernis eng zusammenzuarbeiten und gemeinsam Ergebnisse zu erreichen. Die Abwehr sah – von ihrer origin&#228;ren Aufgabe her und geschult an der stalinistisch gepr&#228;gten Sicherheitsdoktrin – &#252;berall Feinde. Alles, was von der Norm abwich, weckte ihr Mi&#223;trauen und geriet alsbald unter »operative Kontrolle«. Sie folgte auch hierin sowjetischen Vorgaben, denn der KGB hatte sein Feindbild-Denken &#252;ber Jahre hin zementiert und zur obersten Maxime jeder Abwehrarbeit gemacht.</p>
<p>Mit diesem Warnsystem im Hinterkopf beurteilte die Abwehr auch die Arbeitsweise der HVA; sie war ihr schon der Westber&#252;h­rung der Aufkl&#228;rer wegen suspekt, und die nachrichtendienstlichen Mittel erschienen ihr undurchschaubar und daher verd&#228;chtig. Zwar nahm sie Aufkl&#228;rungsergebnisse, die ihr in der Arbeit halfen, gern entgegen, aber deren Zustandekommen wurde immer wieder beargw&#246;hnt. Und sie stellte ihre Forderungen, denen die HVA allzu oft entsprach. Obwohl viele HVA-Mitarbeiter der Meinung waren, dass Fragestellungen der Abwehr nach innen in den Aufgaben f&#252;r Aufkl&#228;rer au&#223;erhalb der Grenzen nichts zu suchen haben, gab es immer wieder faule Kompromisse. Mielke als Mann der Abwehr stand nat&#252;rlich auf deren Seite, was die Situation der Aufkl&#228;rung nicht verbesserte. Und Wolf hatte nicht das R&#252;ckgrat, sich gegen seinen Vorgesetzten durchzusetzen; er konnte nur da und dort vorsichtig bremsen.</p>
<p>Die Abwehr war besonders an Personen interessiert, die zu den sogenannten oppositionellen Kr&#228;ften geh&#246;rten oder zumindest Zugang zu ihnen hatten. Diese versuchte sie anzuwerben, um so Informationen aus diesen Gruppen zu erhalten bzw. sie sogar gezielt zu beeinflussen. Menschen, die die Aufkl&#228;rer interes­sierten, waren von anderem Zuschnitt. Sie suchten zuverl&#228;ssige Staatsb&#252;rger, die in der Bundesrepublik agieren konnten. Dennoch fragte die HVA oft in Abwehr-Diensteinheiten nach geeigneten Werbekandidaten, da dort ein besserer &#220;berblick &#252;ber die Situation in bestimmten Bereichen bestand. Als Gegenleistung mussten die IM der HVA dann Berichte &#252;ber die innere Situation ihres Betriebes, ihrer Verwaltung, ihrer Schule oder aus sonst zug&#228;ngli­chen Bereichen liefern. Waren diese Informationen aussagekr&#228;ftig, konnte der Abwehr-Offizier Geschmack an der Sache finden und seine Forderungen erh&#246;hen, was bei der HVA schon des Zeitauf­wandes wegen wenig Freude ausl&#246;ste. Und dennoch wurde solchen W&#252;nschen stattgegeben, arbeiteten HVA-Aufkl&#228;rer nicht selten auch nach innen.</p>
<p>Dies erfolgte vor allem dann, wenn der inoffizielle HVA-Mitarbeiter aus einem Bereich kam, an dem Abwehr-Diensteinhei­ten ebenfalls gro&#223;es Interesse hatten. Das galt f&#252;r das Bildungs­wesen, vor allem Universit&#228;ten und Hochschulen, und besonders f&#252;r Reisekader jeglicher Couleur. An den Bildungseinrichtungen entbrannte ein regelrechter Kampf um die Kader, und es d&#252;rfte nicht sehr viele Studenten gegeben haben, die von der Staatssicher­heit nicht auf Mitarbeit angesprochen wurden. Was andererseits die Reisekader angeht, so versah die Abwehr sie – &#252;ber ihre offiziellen Kan&#228;le – mit derartigen Richtlinien, die eine Arbeit f&#252;r die Aufkl&#228;rung unm&#246;glich machten. So war es ihnen verboten, au&#223;er den dienstlich zugelassenen irgendwelche anderen Kontakte anzu­kn&#252;pfen. Sie durften private Einladungen weder annehmen noch aussprechen. Reisten sie in Gruppen, so &#252;berwachte einer den anderen. Und die meisten hielten sich auch daran, um sich weitere Reisen nicht zu verscherzen. Die HVA brauchte jedoch Leute, die genau das taten, was ihnen die Abwehr untersagte, um Kontakte ankn&#252;pfen zu k&#246;nnen. Wurde das dann in der Abwehr-Diensteinheit bekannt, half meist nur die totale Bereitschaft zur Kooperation auch mit ihr, wenn eine Weiterarbeit als Aufkl&#228;rer erreicht werden sollte.</p>
<p>Das Mi&#223;trauen seitens der Abwehr wurde erg&#228;nzt durch die Einbindung der Aufkl&#228;rer in die Parteidisziplin. Wie dargestellt, musste jeder MfS-Angeh&#246;rige SED-Mitglied sein. Viele wurden &#252;berhaupt nur geworben, wenn diese Voraussetzung erf&#252;llt war, und von ganz jungen Mitarbeitern, zumeist Sekret&#228;rinnen oder aus technischen Bereichen, wurde verlangt, dass sie unmittelbar nach ihrer Dienstaufnahme auch in die Partei eintraten. Sogar Kund­schafter aus dem konspirativen Netz wurden formal in die Partei aufgenommen, mussten Parteibeitrag leisten und wurden in diesem Zusammenhang in v&#246;llig &#252;berfl&#252;ssiger Weise registriert – ein Versto&#223; gegen die Konspiration, den jedoch aufgrund der angeblichen Unfehlbarkeit von Parteibeschl&#252;ssen niemand in Frage stellte.</p>
<p>Auch die Rolle der Partei war f&#252;r HVA-Angeh&#246;rige eine Selbstverst&#228;ndlich­keit, an der sich niemand Zweifel erlaubte. Und die obligatorische Mitgliedschaft aller in der SED war zugleich Voraussetzung der st&#228;ndigen Einflussnahme der Partei. Jeder Zweifel an ihrer Lehre galt als Sakrileg. Ohne Partei ging nichts, mit der Partei alles.</p>
<p>Und dennoch hatte der Parteisekret&#228;r – gleich auf welcher Ebene – kaum Einfluss auf operative Prozesse. Seine Aufgabe war die »ideologische St&#228;hlung der Kader«. Er sollte zwar an allen wesentlichen Beratungen der dienstlichen Leitungen teilnehmen, doch wurden dort dann aus Gr&#252;nden der Konspiration operative Fragen kaum behandelt. Vielmehr war dem Parteisekret&#228;r aufgetra­gen, die allgemeinen Aufgabenstellungen des jeweiligen Bereichs ideologisch zu begr&#252;nden und erzieherisch durchzusetzen. Er musste dar&#252;ber wachen, dass niemand aus der Reihe tanzte – und wenn das doch geschah, entsprechend eingreifen. Gegen&#252;ber dem Leiter &#252;bte er ein gewisses Ma&#223; an Kontrolle aus und entwickelte sich – zumal wenn er gute operative Arbeit leistete – hier und da zu dessen Rivalen. Vielen Parteisekret&#228;ren war das jedoch nicht verg&#246;nnt, da sie sich in ihrer undankbaren Funktion verschlissen. Sie mussten n&#228;mlich die &#252;berraschenden Richtungs&#228;nderungen der SED ebenso begr&#252;nden wie ihre Abstinenz von jeglichem Reform­denken. Auf viele Fragen des t&#228;glichen Lebens wussten sie keine Antwort, st&#228;ndig wurde aber verlangt, diese auch ohne »Hilfe von oben« zu finden. Und wenn sie in ihrer Not dann nach dem gesunden Menschenverstand argumentierten, lagen sie oft »schief« und wurden kritisiert. Denn die SED-Oberen vertraten einen Unfehlbarkeitsanspruch, dem sich jeder zu unterwerfen hatte. Auch die Arbeitsergebnisse der HVA wurden daran gemessen und stie&#223;en nicht selten auf Zur&#252;ckhaltung, wenn sie anderes aussagten, als die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« w&#252;nschte. Honecker betrachtete – wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf – die Aufkl&#228;­rungsresultate als etwas der Westpresse Vergleichbares. Er sagte in einem Interview ein halbes Jahr nach seinem Sturz: »Die Berichte vom MfS, soweit sie nicht unter Geheimhaltung standen und auch nicht nur mir zug&#228;nglich waren, vor allem wenn es die westliche Seite betraf, erschienen mir immer wie eine Zusammenfassung der Ver&#246;ffentlichungen der westlichen Presse &#252;ber die DDR. Das sage ich hier in aller Offenheit. Ich selber habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.« Und auch Honeckers langj&#228;hriger »Kronprinz« und kurzzeitiger Nach­folger Egon Krenz best&#228;tigte als Zeuge in einem Prozess, dass das Politb&#252;ro den Informationen der HVA meist nur wenig Bedeutung beigemessen habe.</p>
<p>Auf dieser Ebene der Parteispitze hat es eine Kontrolle des MfS im eigentlichen Sinne nicht gegeben. Die nahm Erich Mielke in seiner Doppelfunktion als Minister und Politb&#252;romitglied selbst wahr; allenfalls lie&#223; er sich von Honecker etwas sagen. Das Verh&#228;ltnis zu Krenz, der altersm&#228;&#223;ig sein Sohn sein konnte, war k&#252;hl, aber korrekt; immerhin bestand eine gewisse Zeit die M&#246;g­lichkeit, dass der fr&#252;here FDJ-Vorsitzende Honecker abl&#246;sen k&#246;nnte. Ohne jeden Einfluss war die Sicherheitsabteilung des Zentralkomi­tees. Sie schickte zwar zu allen wichtigen Beratungen im MfS einen Vertreter, aber dieser vertrat nie eine eigene Meinung. In der Regel ersch&#246;pfte sich sein Beitrag in einer Lobeshymne auf das MfS und seinen Minister. Als in den 80er Jahren der Krenz-Vertraute Wolfgang Herger Leiter der Sicherheitsabteilung wurde und bei Mielke seinen Antrittsbesuch machte, wies ihn dieser sofort in die Schranken: »Zu mir brauchst du nicht zu kommen. Die operative Arbeit im Ministerium entscheide ich! K&#252;mmere du dich um die Parteiarbeit!« In diesem Sinne war auch der Chef der SED-Parteiorganisation im MfS, Horst Felber, nur ein Erf&#252;llungsgehilfe Mielkescher Politik, ohne eigene Gestaltungskraft. Zwar mit dem Rang eines Generalmajors versehen, oblag ihm die »marxistisch­leninistische Erziehung der Tschekisten«. Er selbst beschreibt das so: »Mielkes Prinzip war, dass im MfS die Parteiorganisation die Mitarbeiter zu erziehen und sich nicht im geringsten um operative Belange zu k&#252;mmern hat.« Allerdings kann Felber nicht verhehlen, dass er diese Aufgabe bis zuletzt diszipliniert erf&#252;llte – so diszipli­niert wie fast alle Parteifunktion&#228;re des Ministeriums und auch der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Denn f&#252;r die meisten von ihnen waren diese Machtspiele an der Spitze des MfS ohne Belang; sie fragten auch zumeist nicht, wie ihre Informationen beurteilt wurden. Sie machten ihre Arbeit, nahmen deren Ideologisierung und die »tschekistischen« Dogmen in Kauf und versuchten dennoch, den erforderlichen Freiraum f&#252;r den Umgang mit den Kundschaftern zu erhalten. Das f&#252;hrte zwangsl&#228;ufig zu einer Bewusstseinsspaltung, die aber als gegeben hingenommen wurde. Wer nicht scheitern wollte, sah weg bei den Dingen, die ihn nach seiner Auffassung nichts angingen, und erf&#252;llte die rituellen Forderungen, die in Parteiversammlungen und anderen politischen Veranstaltungen verlangt wurden. Ansonsten aber gestalteten die meisten ihren Dienst nach den eigenen Vorstellungen, entschieden eigenverantwortlich, was bei der kom­plizierten Aufgabe der Spionage im Bereich des Gegners jeweils erforderlich war. Diesen Dualismus von ideologischen Dogmen einerseits und individuellem Handeln auf der anderen Seite haben fast alle fatalistisch akzeptiert. Dies f&#252;hrte zu Verstrickungen, die damals kaum einer wahrhaben wollte, die sie aber heute als Ausgangspunkt ihres Mitschuldig-Werdens begreifen mussten.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil III)</title>
		<link>http://www.blogsgesang.de/2010/07/31/hauptverwaltung-aufklaerung-der-ddr-kurze-geschichte-eines-spionagedienstes-teil-iii/</link>
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		<pubDate>Sat, 31 Jul 2010 11:37:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Die unglaubliche Menge von 77000 geheimen Dokumenten von US-Beh&#246;rden zum Afghanistan-Krieg ist seit einigen Tagen &#8211; ausgel&#246;st durch einen einfachen Mausklick &#8211; im Internet zu lesen. Noch vor einigen Jahren w&#228;re die Beschaffung solch umfangreichen Materials, ohne fr&#252;her oder sp&#228;ter aufzufallen, faktisch unm&#246;glich gewesen. <span id="more-1815"></span>Auch seine &#220;bergabe h&#228;tte einen Spion vor ziemlich unl&#246;sbare Aufgaben gestellt. Und selbst wenn ein solcher Coup gelungen w&#228;re, die allgemeine &#214;ffentlichkeit h&#228;tte davon f&#252;r lange Zeit nichts erfahren.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x3002.gif"><img class="alignright size-full wp-image-1817" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x3002.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Dass all das jetzt anders ist, hat die <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,708199,00.html" target="_blank">rasante technische Entwicklung</a><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/7971700a7199454d9b0077a03c571769" alt="" width="1" height="1" />, vor allem auf dem Informationssektor, bewirkt. Dadurch k&#246;nnen Informationen blitzschnell verwirklicht, auf dem Funkwege rund um den Erdball geschickt und &#8211; via Internet &#8211; f&#252;r jedermann sofort verf&#252;gbar gemacht werden. Und dennoch braucht es irgendwo in diesem Prozess eines <a href="http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/whistleblower-im-visier/" target="_blank">Menschen,</a> der zum einen Zugang zu diesen Informationen hat und &#8211; das vor allem &#8211; zugleich dazu motiviert ist, diese Informationen der Geheimhaltung zu entziehen und in die &#214;ffentlichkeit zu stellen.</p>
<p>Insofern ordnet sich die j&#252;ngste Aktion des Internetportals <a href="http://www.hr-online.de/website/radio/you_fm/index.jsp?key=standard_document_39514095&amp;rubrik=36864&amp;seite=1" target="_blank">»wikileaks«</a> in das »zweit&#228;lteste Gewerbe«, die Spionage ein, auch wenn die Betreiber der Plattform dazu vielleicht gar nichts beigetragen haben. Denn schon immer gab es Geheimnistr&#228;ger, die von sich aus ihr Wissen offenbarten &#8211; aus welchen Gr&#252;nden und wem auch immer. Diese Erfahrung hat auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR gemacht, wie in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, beschrieben ist – im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress. Im folgenden der dritte Teil:</p>
<h2>Guillaume und Genossen</h2>
<p>Als in den fr&#252;hen Morgenstunden des 24. April 1974 vor der Wohnung des Ehepaares Guillaume in Bad Godesberg die Polizei mit einem Haftbefehl des Generalbundesanwalts stand, reagierte G&#252;nter Guillaume erschrocken und &#252;berrumpelt mit jenem Satz, der den Ermittlungsbeh&#246;rden einen Stein vom Herzen fallen lie&#223;: »Ich bin B&#252;rger der DDR und ihr Offizier &#8230;« So t&#246;richt dieses Gest&#228;ndnis unter taktischem Gesichtspunkt war, so sehr verstand es Guillaume als Bekenntnis, mit dem er von vornherein &#252;ber seine Motivation keinen Zweifel aufkommen lassen wollte.</p>
<p>Er reihte sich damit bewusst ein in jenen nicht unbetr&#228;chtlichen Teil von Informanten, die mit der HVA auf einer »gemeinsamen politisch-ideologischen Grundlage«, wie das genannt wurde, zusam­menarbeiteten. Vor allem einige Spitzenquellen, die &#252;ber viele Jahr hinweg den DDR-Nachrichtendienst belieferten, geh&#246;ren in diese Kategorie &#8211; darunter auch solche, die aus eigenem Antrieb, das hei&#223;t ohne jede Werbung, ihr Wissen pr&#228;sentierten. &#220;ber die Motive f&#252;r solches Handeln mag man streiten, aber trotz ihrer M&#228;ngel und immer offenkundigeren Fehlentwicklung war die DDR f&#252;r viele im Westen doch eine Hoffnung, eine Ermutigung, eine Alternative zu dem, was sie im eigenen Land vorfanden und was ihren Idealen nicht entsprach. Vor allem in den 50er Jahren entschieden sich viele Weiterdenkende, die den Kurs Adenauers auf eine separate Entwicklung der Bundesrepublik ablehnten, geradezu im Interesse der deutschen Einheit und nicht selten auch mit der Zielvorstellung einer anderen als der praktizierten restaurativen Entwicklung f&#252;r die heimliche Unterst&#252;tzung der DDR.</p>
<p>Der erste spektakul&#228;re Fall dieser Art war der &#220;bertritt des Pr&#228;sidenten des Verfassungsschutzamtes der Bundesrepublik, Otto John, in die DDR. Er hatte am 20. Juli 1954 im Westteil Berlins an einer Feierstunde f&#252;r die Attent&#228;ter auf Hitler teilgenommen und sich anschlie&#223;end unter bis heute nicht vollst&#228;ndig gekl&#228;rten Umst&#228;nden &#252;ber die Grenze nach Ostberlin abgesetzt. M&#246;glicher­weise war dieses Gedenken f&#252;r den sp&#228;ter als sensibel und sogar weich geschilderten Mann der Ausl&#246;ser, um das vorhandene Unbehagen &#252;ber den Abstand zwischen den Idealen der M&#228;nner des 20. Juli, denen John nahestand, und der Entwicklung in der Bundesrepublik in Handeln umzusetzen. Diese Entt&#228;uschung hat er in der DDR immer wieder ge&#228;u&#223;ert, und auch das Urteil des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe zitiert Johns Begr&#252;ndung f&#252;r seinen Schritt, »die Entwicklung in der Bundesrepublik ziele auf Wiederbelebung des Nationalsozialismus und Militarismus, auf Krieg und milit&#228;rische Aggression nach Ost und West, auf Verewi­gung der deutschen Spaltung, auf Ausschaltung der echten Demo­kraten und Beseitigung der Meinungsfreiheit«.</p>
<p>Dabei zeigte sich schnell, dass John keineswegs ein Anh&#228;nger des Sozialismus war. Ihm ging es offensichtlich darum, nach seinen negativen Erfahrungen mit dem westlichen Deutschland im Osten zu &#252;berpr&#252;fen, inwieweit hier seine Sehns&#252;chte verwirklicht w&#252;rden. Die konkrete Anschauung hat ihn schnell ern&#252;chtert. Schon nach knapp anderthalb Jahren kehrte er wieder in die Bundesrepublik zur&#252;ck und nahm dort eine vierj&#228;hrige Haftstrafe in Kauf. Verraten hatte er nichts. Seine Unterlagen waren vor der Fahrt in den Osten im Westberliner Hotel zur&#252;ckgeblieben. Ihn trieb die Suche nach dem wahren neuen Deutschland. Er fand es weder im Westen noch im Osten.</p>
<p>Sein Beispiel belegt aber die Anziehungskraft, die der andere deutsche Weg damals noch besa&#223;, und einige Male wurde das politische Bonn auch in den Jahren hernach durch die Offenbarung oder Enttarnung hochrangiger HVA-Informanten ersch&#252;ttert. Am 21. August 1954 war der damalige Bundestagsabgeordnete Karl­franz Schmidt-Wittmack aus Hamburg in die DDR gekommen. Auch er begr&#252;ndete seinen Schritt damit, »dass das starre au&#223;en­politische Festhalten des Kanzlers an der EVG (der damals geplanten Verteidigungsorganisation Westeuropas unter Einschlu&#223; der Bundesrepublik &#8211; d. Verf.) in keiner Weise den Interessen des Volkes entspricht«. Zu ihm hatten bereits zuvor Kontakte des IWF bzw. der HVA bestanden. Aufsehen erregte auch die Tatsache, dass der Foto-Gro&#223;h&#228;ndler Hanns-Heinz Porst, ein einflu&#223;reiches FDP-Mitglied, seit 1953 f&#252;r den DDR-Nachrichtendienst spioniert hatte. F&#252;r ihn waren ebenfalls politische Gr&#252;nde ma&#223;gebend.</p>
<p>Sp&#228;ter begannen sich die langfristigen, perspektivischen Ma&#223;­nahmen der HVA auszuwirken. Die &#220;bersiedlungen der 50er Jahre trugen erste Fr&#252;chte &#8211; darunter besonders das Vordringen von G&#252;nter Guillaume bis in die Spitze des Bundeskanzleramtes zur Regierungszeit von Willy Brandt. Die Guillaumes waren 1957 in die SPD eingetreten und machten dort bald Karriere &#8211; G&#252;nter Guillaume &#252;ber die »Ochsentour« durch die &#246;rtlichen Parteigremien in Frankfurt/Main, seine Frau Christel als Sekret&#228;rin beim Chef der Hessischen Staatskanzlei. Guillaume schaffte schlie&#223;lich den Sprung auf eine Stelle im Bundeskanzleramt und konnte sich dort allm&#228;h­lich in zwar nach au&#223;en nicht sehr auff&#228;llige, aber doch f&#252;r einen Geheimdienst &#228;u&#223;erst ergiebige Positionen hocharbeiten. Zuletzt begleitete er Brandt auf wichtigen Reisen, durch seine H&#228;nde gingen Top-Materialien, die der Berliner Zentrale Auskunft &#252;ber alle wichtigen Details der Bundespolitik gaben.</p>
<p>Die Guillaumes handelten aus &#220;berzeugung. G&#252;nter Guillaume beschrieb sp&#228;ter, wie er fast zwanzig Jahre konspirativen Lebens und Arbeitens in der Bundesrepublik durchhalten konnte: »Es war der Auftrag, der mich vor der Pers&#246;nlichkeitsspaltung sch&#252;tzte, es war der Auftrag im Interesse der besten Sache der Welt, der alles zusammenhielt. Das Entscheidende ist, dass man selbst im Schlaf nicht vergisst, wer man wirklich ist: ein Kundschafter im Dienste von Frieden und Sozialismus.«</p>
<p>Es ist die Tragik der Guillaumes wie vieler anderer Aufkl&#228;rer der DDR, dass ihr Einsatz zwar in der jeweils konkreten Situation nicht umsonst war, aber aus historischer Sicht ohne Wirkung blieb. Ihre Ideale und Utopien lie&#223;en sich in und mit dem Staat, dem sie dienten, nicht verwirklichen. Das Engagement mit ihrer ganzen Person erwies sich letztlich als sinnlos &#8211; und das nicht nur, weil es dieser Staat DDR &#252;berhaupt nicht verdiente, sondern auch wegen lies Versagens ihrer Zentrale. Damit sind weniger die operativen Fehler gemeint, die &#8211; neben anderem &#8211; zur ihrer Enttarnung beitrugen, als vielmehr die Motive, zum Beispiel f&#252;r das Belassen eines Spions an der Seite von Willy Brandt.</p>
<p>Sehr sp&#228;t hat Markus Wolf Bedauern &#252;ber diese Entscheidung ge&#228;u&#223;ert; nur z&#246;gernd mochte er sie als Fehler einordnen. Dabei isi klar, dass der R&#252;cktritt Brandts aus politischer Sicht erheblich mehr Schaden &#8211; und nicht nur f&#252;r die DDR, sondern weit dar&#252;ber hinaus &#8211; verursachte, als die Aufkl&#228;rungsergebnisse Guillaumes Nutzen brachten. Diesen sch&#228;tzte auch Wolf sp&#228;ter als begrenzt ein: »Vieles, was in der Politik diskutiert wird, kann man meist kurze Zeit sp&#228;ter in anderer Form in der Presse nachlesen. Das war im Fall Guillaume nicht anders.« Um so unverantwortlicher war, jenen, die Brandt damals ohnehin los sein wollten, daf&#252;r auch noch die Munition zu liefern.</p>
<p>Da&#223; Guillaume weiterarbeitete, war zwar zum gewissen Teil auch seine Entscheidung &#8211; Resultat des ihm anerzogenen anti­sozialdemokratischen Feindbildes, der alten sektiererisch-kommu­nistischen Auffassung, da&#223; der »Sozialdemokratismus« eine gr&#246;&#223;ere Gefahr als der Konservatismus darstelle, aber bestimmt auch Ergebnis eigenen Ehrgeizes. Vor allem aber war es Folge einer Fehlentscheidung der HVA-F&#252;hrung, die es sich nicht versagen mochte, das Ohr im »Allerheiligsten« der Bundesregierung zu haben, ungeachtet des geringen operativen Gewinns. Um so mehr konnte man mit einer solchen Position vor der eigenen »Partei- und Staatsf&#252;hrung« gl&#228;nzen, und der schwoll denn auch gleich der Kamm! »Wir haben nicht die Absicht, Berichte unseres Geheim­dienstes &#252;ber die Lage in der Bundesrepublik Deutschland, in der Bonner Regierung, in der F&#252;hrung der CDU/CSU oder des Bonner Verteidigungsministeriums zu ver&#246;ffentlichen«, prahlte Erich Honecker in einer Rede zur Auswertung des IX. Parteitages der SED 1976 vor dessen Zentralkomitee. »Es besteht aber kein Zweifel, da&#223; wir etwas besser informiert sind.« Der Nachrichten­dienst als Selbstbefriedigungsinstrument f&#252;r die Herrschenden?</p>
<p>Die Aufkl&#228;rer im Westen arbeiteten dennoch weiter f&#252;r die DDR, sahen darin eine M&#246;glichkeit, ungeachtet der widerspr&#252;ch­lichen Politik dieses Staates etwas f&#252;r den Frieden zu tun. Denn die Politik ihrer eigenen Regierungen bereitete ihnen noch gr&#246;&#223;ere Sorgen, Die Studentenbewegung 1968 in vielen westeurop&#228;ischen L&#228;ndern und das Ringen in den 70er Jahren um eine europ&#228;ische Nachkriegsordnung waren Ausdruck des Sehnens vieler Menschen nach einem Ende des Kalten Krieges und damit sowohl nach einer demokratischen Entwicklung im Innern als auch nach Beendigung der Konfrontation zwischen den Systemen. Das verbesserte die operativen M&#246;glichkeiten des Auslandsgeheimdienstes der DDR in betr&#228;chtlicher Weise. Die Reiset&#228;tigkeit nahm in jener Zeit sprunghaft zu; viele Jugendliche aus Westeuropa wollten den zweiten deutschen Staat kennenlernen, an dem sie viel auszusetzen hatten, der aber doch noch starke Faszination auf sie aus&#252;bte. Sie kamen als Wohlwollende und waren durchaus aufgeschlossen, wenn ihnen M&#246;glichkeiten einer aktiven T&#228;tigkeit f&#252;r die Friedenssicherung oder gar eine Alternative zu ihrer b&#252;rgerlichen Gesellschaft aufge­zeigt wurden. Sie lehnten oft die restriktive Politik gegen die DDR &#8211; Nichtanerkennung, Isolation, Wirtschaftsboykott, Embargo, ideologische Verketzerung &#8211; ab. Das Argument, als Aufkl&#228;rer viel mehr f&#252;r die eigenen Ziele tun zu k&#246;nnen als durch spektakul&#228;re Aktionen auf der Stra&#223;e, leuchtete nicht wenigen ein. Sofern sie durch ihr Engagement nicht schon ins Blickfeld der heimischen Abwehrorgane geraten waren, eigneten sie sich f&#252;r eine Kundschaftert&#228;tigkeit, zumal dann, wenn die M&#246;glichkeit des Eindringens in wichtige Objekte bestand &#8211; und das war bei jungen Wissen­schaftlern und Studenten m&#246;glicherweise der Fall. Nat&#252;rlich waren die meisten nicht hochkar&#228;tig. Viele besetzten lediglich Positionen in der zweiten oder dritten Reihe, manche beobachteten das Geschehen gar nur vom Rande her. Aber gerade die F&#252;lle der von ihnen &#252;bermittelten Informationen erm&#246;glichte der HVA ein reali­stisches und stets aktuelles Lagebild.</p>
<p>Schon in der Vergangenheit hatte sich erwiesen, da die Vielfalt der Informationsquellen schnellen und sicheren Aufschlu&#223; &#252;ber politische, milit&#228;rische und wirtschaftspolitische Positionen der anderen Seite erm&#246;glichte. Ein Beispiel daf&#252;r war der 13. August 1961, als von den Staaten des Warschauer Vertrages die Entschei­dung zum Bau der Mauer getroffen wurde. Sie war verh&#228;ngnisvoll l&#8217;iir die weitere Entwicklung in Deutschland und Europa, wie wir heute wissen. Die langfristigen Konsequenzen waren damals noch nicht absehbar, aber es standen unmittelbare Folgen zu erwarten. Immerhin war Westberlin auch in der Diktion des Westens zur »Frontstadt« ausgebaut worden, wurde die Teilstadt als »Symbol der Freiheit« angesehen. Ein so schwerwiegender Eingriff in ihre Lebensf&#228;higkeit h&#228;tte durchaus zu einer Kurzschlussreaktion f&#252;hren k&#246;nnen, und tats&#228;chlich standen sich am Checkpoint Charlie schon bald amerikanische und sowjetische Panzer gegen&#252;ber.</p>
<p>In dieser Situation rief Staatssicherheitsminister Mielke bei der HVA an und fragte, ob die USA zum Schie&#223;en bereit seien. Aufgrund sofort nach dem Mauerbau beschaffter Informationen konnte er beruhigt werden: Es gibt keinerlei Entscheidungen der westlichen Regierungen, nur gro&#223;e Ratlosigkeit und zum Teil sogar Erleichterung. Denn immerhin hatte die Fluchtbewegung der Jahre 1960/61 aus der DDR viele Unw&#228;gbarkeiten geschaffen, die nun offensichtlich gemindert waren. Die HVA konnte eine solche Antwort geben, weil alle ihre Westberliner Quellen schon in den ersten Stunden des 13. August berichtet hatten. Sie nutzten unter anderem dazu das sehr effektive Mittel des Infrarotsprechverkehrs, das es erm&#246;glichte, ohne direkten Kontakt &#252;ber die Mauer hinweg akustische Signale auszutauschen, die kaum geortet werden konnten. Nahezu st&#252;ndlich wurde so die HVA von ihren Quellen &#252;ber den neuesten Stand unterrichtet. Sp&#228;ter kamen die Informationen aus den westlichen Hauptst&#228;dten hinzu; sie alle lie&#223;en keinen Zweifel, dass die Ma&#223;nahmen der DDR an ihrer Grenze hingenommen wurden.</p>
<p>Ein anderes Feld der Spionaget&#228;tigkeit, &#252;ber das zwar nicht so h&#228;ufig gesprochen wurde, das aber dennoch existentielle Bedeutung f&#252;r die DDR hatte, war die Wirtschaftsaufkl&#228;rung. Schon bei der Bildung des Instituts f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung wurde der Bereich, dem der neugeborene Nachrichtendienst seinen Namen gab, zu einer der S&#228;ulen. Das war kein Zufall, denn nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Wirtschaft im &#246;stlichen Teil Deutschlands schwer darnieder, zumal dieses Gebiet auch vor dem Kriege nicht zu den f&#252;hrenden Wirtschaftszonen des Reiches geh&#246;rt hatte. Die Verbindungen zu den Industrieschwerpunkten an Rhein, Ruhr und Saar waren abgeschnitten, und zudem begann schon damals die &#246;konomische Diskriminierung der DDR. Aus der einen Abteilung der Anfangsjahre entwickelte sich schnell eine verzweigte Struktur mit vielf&#228;ltigen Aufgabenstellungen. Bereits Mitte der 60er Jahre war die Wirtschaftsaufkl&#228;rung so gro&#223; geworden, da&#223; sie in mehrere Abteilungen aufgeteilt und unter dem Dach des »Sektors Wissenschaft und Technik« (SWT) zusammen­gefa&#223;t werden mu&#223;te. Gleichzeitig baute der SWT-Bereich in einer Reihe von DDR-Fachministerien sogenannte legale Residenturen auf, die f&#252;r einen engen Kontakt zum Auftraggeber sorgten und au&#223;erdem die Arbeitsbeziehungen des jeweiligen Ministeriums ins Ausland nutzten.</p>
<p>Leiter der Wirtschaftsaufkl&#228;rung war Heinrich Weiberg, der sich aus einfachen Verh&#228;ltnissen zum Ingenieur und sp&#228;teren Wirtschaftswissenschaftler hochgearbeitet hatte. Er wusste genau, was die junge DDR an wissenschaftlichen Erkenntnissen brauchte, und beherrschte exzellent das, was heute modisch als »Preis-Leistungs-Verh&#228;ltnis« umschrieben wird. Ihm wird nachgesagt, da&#223; er einmal einem Chemiker, der mit Fach-Chinesisch zu beeindrucken versuchte, kurz ins Wort fiel: »Was haben Sie zu bieten? Wie Seife gemacht wird, wissen wir alleine!«</p>
<p>Weibergs Experten waren auf allen wichtigen Gebieten von Wissenschaft und Technik t&#228;tig &#8211; in der Kernphysik, der Elektronik, der Biotechnologie, der Chemie und Kunststoffproduktion sowie nat&#252;rlich der Milit&#228;rtechnik. Als 1979 der SWT-Offizier Werner Stiller die Fronten wechselte, brachte er allein aus seiner Abteilung XIII Materialbegleitlisten mit, deren Kurztitel auf Informationen verwiesen, die in siebzehn Leitz-Ordner gepasst h&#228;tten. Der Verfas­sungsschutz stellte denn auch n&#252;chtern fest, dass er die Wirtschafts­spionage der DDR gr&#252;ndlich untersch&#228;tzt hatte. Nach Darstellung des Innenministeriums bewies die durch Stiller enth&#252;llte Struktur vom SWT »nicht nur die &#252;berragende Bedeutung der Wirtschafts­spionage f&#252;r die DDR, sondern setzt gleichzeitig voraus, da&#223; entsprechende Aufkl&#228;rungserfolge gegeben sein mussten, die eine solche organisatorische Verst&#228;rkung rechtfertigen«.</p>
<p>Verschwiegen wurde in jenem Bericht, dass die Beschaffung neuester Milit&#228;rtechnik einer der Schwerpunkte der SWT-T&#228;tigkeit war. Bereits Anfang der 60er Jahre hatte die DDR &#252;ber die gesamte Technologie zur Herstellung von Legierungen f&#252;r Raketenm&#228;ntel Kenntnis. Sp&#228;ter beschafften die Sp&#228;her der HVA das sogenannte NATO-Gewehr, eine moderne Handfeuerwaffe, der allerdings die sowjetische Kalaschnikow kaum nachstand.</p>
<p>Eine der vier SWT-Abteilungen, die Abteilung V, war allein f&#252;r die Auswertung des ungebremst flie&#223;enden Materials zust&#228;ndig. Mitunter traf es kofferweise ein; die beschafften Muster f&#252;llten auch schon mal eine Wagenladung. Die Auswerter waren weder nach Zahl noch nach Ausbildung in der Lage, diese F&#252;lle und die damit oft verbundene Spezifik des Inhalts zu bew&#228;ltigen. In abgedeckten Au&#223;enstellen sa&#223;en Spezialisten, die die Aktenordner durchsahen. Viele Materialien wurden auch direkt an besonders verpflichtete Auswerter in Forschung und Industrie gegeben.</p>
<p>Mit seinen Beschaffungsaktionen tat der SWT &#8211; wenn auch mit besonderer Perfektion &#8211; weitgehend etwas, das zwischen gro&#223;en Konzernen und um marktbeherrschende Anteile k&#228;mpfenden Unternehmen schon lange gang und g&#228;be war: der Bereich betrieb Industriespionage. Diese verlangte oftmals nicht soviel Aufwand wie die Auskundschaftung politischer oder milit&#228;rischer Vorg&#228;nge. In vielen F&#228;llen gen&#252;gte eine bestimmte Geldsumme, um in den Besitz eines Bauplans oder auch des Prototyps einer Neuentwick­lung zu gelangen.</p>
<p>In der HVA selbst wurden die SWT-Mitarbeiter mitunter beneidet. Mit relativ geringem operativem Aufwand konnten sie Ergebnisse pr&#228;sentieren, deren Wert sich meist auch noch exakt in Millionen Valuta-Mark ausdr&#252;cken lie&#223;.</p>
<p>Die Arbeitsergebnisse des »Sektors Wissenschaft und Technik« waren f&#252;r die st&#228;ndig mit Schwierigkeiten k&#228;mpfende DDR-Wirtschaft von gro&#223;er Bedeutung, konnten aber nicht einmal ann&#228;hernd genutzt werden. Einerseits haben sie ihr &#252;ber manche Durststrecke hinweggeholfen und einen Beitrag dazu geleistet, da&#223; die DDR nach au&#223;en hin mehr zu leisten schien, als tats&#228;chlich der Fall war. So konnten viele wissenschaftlich-technische Gro&#223;taten nur mit SWT-Hilfe erreicht werden. Herausragendes Beispiel ist die Kreation des l-Megabit-Chips durch das Kombinat »Carl Zei&#223;« Jena. Aber zugleich wurde damit von den Forschungsinstituten und den Wirtschaftsunternehmen der Zwang genommen, sich selbst einen Kopf zu machen. Es war bequemer, schon vorgedachte Forschungsergebnisse aus westlichen Gefilden nur nachzuvollzieivulhen als etwas Eigenes auszudenken oder auf das Beschaffte noch Selbstentwickeltes drauf zu setzen. Insofern wirkten auch die Auf­kl&#228;rungsergebnisse vom SWT ambivalent. Kurzfristig verschafften sie der DDR-Wirtschaft eine Atempause; langfristig aber enthoben sie scheinbar von der Notwendigkeit, eigene Anstrengungen zum Erreichen des immer wieder beschworenen »Weltstands« zu unter­nehmen. Und dort, wo aus den Erkenntnissen der Wirtschafts­aufkl&#228;rung tats&#228;chlich h&#228;tten Entscheidungen abgeleitet werden k&#246;nnen &#8211; &#252;ber strategische Richtungen der Produktion, &#252;ber die Beschr&#228;nkung auf effektive Hochtechnologien auf der Basis tradi­tioneller St&#228;rken der ostdeutschen Wirtschaftsstruktur, &#252;ber Schritte zur Behebung permanenter Defizite, zum Beispiel auf dem Ener­giesektor &#8211; sperrte sich die SED-F&#252;hrung gegen jede Einsicht. Gegen die Dogmen des Politb&#252;ros kamen die stichhaltigsten Argumente nicht an.</p>
<p>Gerade diese Schw&#228;chen der DDR-Wirtschaft haben dar&#252;ber hinaus zum Teil verhindert, dass die durch die HVA beschafften Materialien in einem ad&#228;quaten Umfang genutzt werden konnten. Zudem h&#228;tte die Wirtschaftskraft des 17-Millionen-Landes ohnehin nicht ausgereicht, all das in materielle Gr&#246;&#223;en umzusetzen, was da auf dem Papier bekanntgeworden war. Die Tonnenideologie, die Gigantomanie, die auch hier walteten, schufen mehr Probleme, als sie Antworten auf herangereifte Fragen zu geben vermochten.</p>
<p>Die spektakul&#228;ren &#8211; und von den Medien oft noch &#252;bertriebenen &#8211; Erfolge der HVA st&#228;rkten ihr Image als professionell perfekter und effizienter Geheimdienst. Das wurde zunehmend auch vom KGB anerkannt, und die HVA erhielt die M&#246;glichkeit, auch auf Feldern aktiv zu werden, die bis dato die Dom&#228;ne der sowjetischen Spionage waren. Unter anderem galt dies f&#252;r die CIA. Ende der 70er Jahre war zwar eine Arbeitsteilung zwischen den Geheimdien­sten der UdSSR und der DDR vereinbart worden, nach der die Spionage der einen Supermacht ausschlie&#223;lich im Blickfeld der anderen bleiben sollte, aber schon nach kurzer Zeit wurde diese Entscheidung revidiert. Unter dem rabulistischen Motto »Hauptfeind ist die CIA, unsere Hauptobjekte sind die BRD-Geheimdienste« stieg die HVA wieder voll in die Bearbeitung des amerikanischen Dienstes ein. Sie konzentrierte sich dabei auf dessen Dienststellen und Objekte in der Bundesrepublik und Westberlin, wobei das personelle Interesse insbesondere den Zivilbesch&#228;ftigten unter­schiedlichster Nationalit&#228;t galt.</p>
<p>Zu diesen geh&#246;rte der T&#252;rke Hussein Yildirin. Er arbeitete in einer Autowerkstatt der Westberliner US-Mission. Aus Sympathie gegen&#252;ber der sozialistischen Idee, vermischt mit etwas Abenteu­rertum und dem Drang, sich in einem anderen Metier zu best&#228;tigen, vor allem aber aus finanziellen Gr&#252;nden arbeitete er mit der HVA zusammen und konnte ihr einen Hinweis auf James W. Hall geben, der Mitarbeiter des zentralen Objektes der fernmelde-elektronischen Spionage der USA auf dem Berliner Teufelsberg war. Hall brauchte Geld und war f&#252;r ein lohnenswertes Gesch&#228;ft zu einem hohen Risiko bereit. Er hatte Zugang zu Dokumenten der aller­h&#246;chsten Geheimhaltungsstufe &#8211; nicht nur hinsichtlich der ameri­kanischen Lauschangriffe auf deutschem Territorium, sondern auch zu allen wichtigen amerikanischen Geheimdienstoperationen gegen andere L&#228;nder, einschlie&#223;lich der Verb&#252;ndeten in der NATO. So beschaffte er die »National Sigint Requirements List« (NSRL), den Zielkatalog aller amerikanischen Dienste f&#252;r ihre weltweiten Operationen. Auf 4.000 Blatt waren da deren Informationsinteres­sen, aber auch die des State Department und anderer zentraler Regierungsbeh&#246;rden zusammengefasst &#8211; jeweils mit dem Vermerk, ob und wie durch Abh&#246;ren des Funk- und Fernmeldeverkehrs die gew&#252;nschten Informationen beschafft werden k&#246;nnten. Das Papier geh&#246;rt zu den wenigen HVA-Dokumenten, die nicht vernichtet wurden. Es ist 1990 der Gauck-Beh&#246;rde &#252;bergeben worden.</p>
<p>Ein weiteres sehr wertvolles Papier, das Hall, der unter dem Decknamen »Ronny« agierte, der DDR-Spionage &#252;bergab, war das »Canopy Wing«, die detaillierte Auflistung aller M&#246;glichkeiten der elektronischen Kriegf&#252;hrung zur Neutralisierung der F&#252;hrungszen­tren der Sowjetunion und des Warschauer Paktes. »Canopy Wing« sollte dartun, wie ein »Enthauptungsschlag« gegen den Osten gef&#252;hrt werden k&#246;nne. Es war ein Ma&#223;nahmekatalog daf&#252;r, »dem sowjetischen Oberkommando die F&#228;higkeit zu nehmen, effektiv konventionelle Hochfrequenz-Verbindungen zur F&#252;hrung und Kontrolle der Streitkr&#228;fte einzusetzen«. Dabei wurde nichts ausge­spart. Unter anderem hie&#223; es: »Es gibt ein Potential zur Durchf&#252;h­rung von verdeckten und schwer beweisbaren Sabotageakten, wie zum Beispiel Au&#223;erbetriebsetzung von &#220;bertragungs- und Strom­leitungen oder die Anwendung von Kampfstoffen.«</p>
<p>Die Kenntnis derartig geheimer Dokumente versetzte die Staaten des Warschauer Paktes in die Lage, rechtzeitig Gegenma&#223;nahmen zu treffen; ihre Beschaffung war von unsch&#228;tzbarem Wert. Entspre­chend verfuhren die amerikanischen Beh&#246;rden 1988 nach der Enttarnung des inzwischen nach Hause zur&#252;ckgekehrten James W. Hall. Er wurde zu 40 Jahren Zuchthaus verurteilt. Wie peinlich der Fall f&#252;r die USA war, zeigte, dass sie ihn selbst 1990 noch nicht zugeben wollten. Als die genannten Dokumente in der Presse auftauchten, versuchten sie das mit noch immer t&#228;tigen DDR-Spionen zu erkl&#228;ren. Obwohl Hall l&#228;ngst hinter Gittern sa&#223;, stellte sich der mittlerweile pensionierte Ex-CIA-Chef in der Bundesrepu­blik, Thomas Polgar, dumm: »Eine menschliche Quelle, m&#246;glicher­weise in Stuttgart. Beim Hauptquartier der Amerikaner. Man wird da wohl jetzt eine gr&#252;ndliche Untersuchung einleiten m&#252;ssen.«</p>
<p>Sicher wussten die Amerikaner, weshalb sie diese eklatante Niederlage nicht an die gro&#223;e Glocke h&#228;ngten. Bekannt gewordene Spionagef&#228;lle l&#246;sten in der Regel nicht etwa Panik unter den Agenten im Operationsgebiet aus, sondern spornten eher an, weckten Ehrgeiz, nicht schlechter zu sein als die Enttarnten oder gar die Schlappe auszugleichen. Der &#220;berl&#228;ufer Stiller berichtete, wie sich die Festnahme Guillaumes auf das HVA-Netz im Westen auswirkte: »Mehrere meiner Kollegen hatten festgestellt, da&#223; nach dem Fall Guillaume sonst eher ruhigere Agenten wieder arbeiteten. Kontaktpersonen, deren Anwerbung als zweifelhaft gegolten hatte, lie&#223;en sich nun mit dem MfS ein &#8230;«</p>
<p>Auch wenn die Dienste der Bundesrepublik die Ergebnisse de HVA nicht zuletzt deshalb &#252;bertrieben, weil sie damit die eigene Erfolglosigkeit begr&#252;nden konnten, so spielte das Ansehen de DDR-Spionage &#8211; neben politisch-ideologischen Motiven &#8211; doch bei nicht wenigen Anwerbungen eine wichtige Rolle. Und es war wohl auch ausschlaggebend f&#252;r die hochrangigen &#220;berl&#228;ufer, die die HVA bis in die 80er Jahre hinein registrieren konnte.</p>
<p>Beim M&#252;nchener Proze&#223; 1991 gegen die Gebr&#252;der Alfred und Ludwig Spuhler bekannte sich ersterer, der seit 1968 beim Bundesnachrichtendienst arbeitete, zur bewussten Unterst&#252;tzung des DDR-Dienstes, weil er begriffen hatte, »dass es dem Westen nicht um die Herstellung des milit&#228;rischen Gleichgewichts ging. Vielmein galt der Ausspruch eines amerikanischen Pr&#228;sidenten: &gt;Wir werden sie an die Wand r&#252;sten, bis sie quietschen!&lt;« Alfred Spuhler kannte die Ma&#223;nahmen des Westens zur »elektronischen Kampff&#252;hrung« gegen die &#246;stlichen L&#228;nder und wollte einen Beitrag zur Neutralisierung der sich daraus ergebenden Gefahren leisten. Aus seinen eigenen Arbeitsergebnissen schlussfolgerte er, »dass die von westlicher Seite st&#228;ndig gesch&#252;rte Angst vor der milit&#228;rischen &#220;berlegenheit des Warschauer Pakts eine glatte L&#252;ge war«.</p>
<p>Das best&#228;tigten &#252;brigens immer wieder in aller &#214;ffentliehki auch westliche Politiker, indem sie auf die Methode dei US-Administration verwiesen, vor der Beratung des Verteidigungshaushalts im Kongress die milit&#228;rische &#220;berlegenheit der UdSSR zu beschw&#246;ren. »Es ist immer die gleiche L&#252;ge, die vorgebracht wird, wenn das amerikanische Volk &#252;berredet werden soll, f&#252;r die Beibehaltung einer amerikanischen &#220;berlegenheit zu zahlen«, sagte schon 1982 Daniel Ellsberg, unter der Pr&#228;sidentschaft Kennedys dessen Milit&#228;rberater. Und zwei Jahre sp&#228;ter r&#228;umte die NATO selbst in einer Studie ein, dass sie in den Jahren zuvor die sowjetische R&#252;stung &#252;bersch&#228;tzt habe. Alfred Spuhler, der seine Dienste selbst anbot, lieferte unter anderem an die HVA jene »Lageberichte Ost« des BND, die die westlichen Erkenntnisse &#252;ber die damaligen sozialistischen L&#228;nder auflisteten. Sie enthielten wenig Schmeichelhaftes &#252;ber den »realen Sozialismus«; schon deshalb d&#252;rfte die Aussage vor dem M&#252;nchener Gericht zutreffend sein, da&#223; das SED-Politb&#252;ro diesen Berichten wenig Bedeutung beima&#223;. Sie passten einfach nicht in den Streifen. Spuhler jedoch steht zu seiner Tat. Er sagte vor Gericht, da&#223; er aus seiner &#220;berzeugung heraus nichts zu bereuen brauche.</p>
<p>Letztlich ideologische Wurzeln hatte auch die mehrj&#228;hrige Spionaget&#228;tigkeit von Lothar Lutze im Verteidigungsministerium. Er warb dar&#252;ber hinaus sowohl seine Ehefrau Renate als auch das Ehepaar Wiegel f&#252;r die HVA an. Lutze war zwar bereits als Elfj&#228;hriger mit seinen Eltern aus Th&#252;ringen in die Bundesrepublik gekommen, jedoch wirkten nach eigenen Angaben die Kindheits­erlebnisse als Junger Pionier so stark nach, da&#223; er sich schon in seiner Wehrdienstzeit bereit fand, die DDR-Aufkl&#228;rung &#252;ber Vor­g&#228;nge an seinem Luftwaffen-Standort zu informieren. Zu einem Top-Spion wurde er Anfang der 70er Jahre, als er die Sekret&#228;rin im Verteidigungsministerium, Renate &#220;belacker, heiratete und diese ihn ebenfalls auf der Hardth&#246;he unterbrachte. Als Verschlu&#223;­sachenbeauftragter der R&#252;stungsabteilung konnte er bis zu beider Festnahme 1977 ebenso brisantes Material liefern wie seine Frau als Chefsekret&#228;rin der Sozialabteilung. Beide schwiegen in ihrem Proze&#223; und wurden zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. W&#228;hrend sie bereits 1981 ausgetauscht werden konnte, mu&#223;te Lothar Lutze &#8211; auch auf NATO-Interventionen hin &#8211; seine zw&#246;lfj&#228;hrige Haftstrafe absitzen.</p>
<p>Von anderem Kaliber waren die beiden &#220;berl&#228;ufer des Bundes­amtes f&#252;r Verfassungsschutz, Hansjoachim Tiedge und Klaus Kuron. Tiedge war Referatsgruppenleiter in der Abteilung Spionageabwehr des BfV; seine Aufgabe die Enttarnung von DDR-Spionen. Kuron war einer seiner Mitarbeiter, zust&#228;ndig f&#252;r die F&#252;hrung von Doppelagenten, also solchen Spionen, die mit Wissen des Verfassungsschutzes f&#252;r die DDR arbeiteten. Tiedge kam am 19. August 1985 in die DDR, ohne mit ihr zuvor politisch sympathisiert zu haben. Zu diesem Zeitpunkt verf&#252;gte die HVA aber schon drei Jahre lang &#252;ber Informationen, die ihr Aufschluss &#252;ber alle »Counterman«-Aktionen des BfV sowie &#252;ber zahlreiche andere Ma&#223;nahmen der bundesdeutschen Spionageabwehr gaben &#8211; von Kuron. Unter anderem erfuhr die HVA so die Verfassungs­schutz-Erkenntnisse &#252;ber Reisewege ihrer inoffiziellen Mitarbeiter und hatte es leicht, diese Wege umzulenken, so dass beabsichtigte Fahndungsma&#223;nahmen ins Leere griffen.</p>
<p>Noch r&#228;tselt der Verfassungsschutz dar&#252;ber, ob auch Tiedge schon einige Jahre vor seinem &#220;bertritt f&#252;r die HVA arbeitete oder ob die durch Kuron gewonnenen Erkenntnisse als die seinen dargestellt wurden, um die wertvolle Quelle im BfV zu sch&#252;tzen. Das eigene Wissen jedenfalls schrieb Tiedge in einer 245seitigen Doktorarbeit an der Berliner Humboldt-Universit&#228;t nieder; ihr Titel lautet: »Die Abwehrarbeit der &#196;mter f&#252;r Verfassungsschutz in der Bundesrepublik Deutschland«. <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/02/08/vor-20-jahren-die-hinterlassenschaft-der-ddr-spionage-macht-probleme/" target="_blank">Kuron seinerseits spielte bis zum letzten Tag des Auslandsnachrichtendienstes der DDR eine bedeut­same Rolle</a>.</p>
<p>So unterschiedlich die Motive der M&#228;nner und Frauen des Verfassungsschutzes, des Bundesministeriums f&#252;r Verteidigung und des BND f&#252;r eine Zusammenarbeit mit der HVA gewesen sein m&#246;gen &#8211; Anf&#228;nger oder Tr&#228;umer waren sie gewiss nicht! Sie handelten meist aus &#220;berzeugung, immer aus einem Gef&#252;hl des Vertrauens. Immerhin wussten sie durch ihre Arbeit, wem sie sich in die Hand gaben &#8211; und auch, was oder wen sie an die gegnerische Seite verrieten. Sie kannten die Praktiken beider Geheimdienste, waren Profis durch und durch, konnten auch die Risiken einsch&#228;t­zen &#8211; und entschieden sich f&#252;r die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR. Entsprach aber der HVA-Nimbus, dem sie erlagen, tats&#228;ch­lich der Wirklichkeit? Wie gut war die DDR-Spionage tats&#228;chlich?</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil I)</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Jul 2010 20:20:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>&#220;ber Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft und Hitzewelle ist ein nicht ganz unwichtiges historisches Datum ziemlich in Vergessenheit geraten – die endg&#252;ltige Aufl&#246;sung der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung (HVA) Ende Juni vor 20 Jahren. <span id="more-1746"></span>Vom 25. Juni 1990 datiert ein <a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank"><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/d25625f4d1064cbfa348e4a4af3677dc" alt="" width="1" height="1" />»Abschlussbericht </a><a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank">&#252;b</a><a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank">er</a><a href="http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Abschlussbericht_&#252;ber_die_Aufl&#246;sung_der_ehemaligen_HVA" target="_blank"> die Aufl&#246;sung der ehemaligen HVA«</a>; er beschreibt b&#252;rokratisch-gesch<a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1751" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/07/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>&#228;ftsm&#228;&#223;ig die Abwicklung eines Spionagedienstes, den seine Gegner einst zu einem der erfolgreichsten der Welt erkl&#228;rten und um den sich bis heute ungez&#228;hlte Legenden ranken. Dieser fast vergessene Jahrestag sollte Anlass sein, eine fr&#252;h erschienene Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, erneut verf&#252;gbar zu machen – das Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress. Nach einer Art <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/01/15/vor-20-jahren-sturm-auf-die-stasi-zentrale/" target="_blank">Prolog</a>, der an dieser Stelle bereits publiziert wurde, ging der Blick zur&#252;ck zu den Anf&#228;ngen:</p>
<h2>Geheimes in der Tschaikowskistra&#223;e</h2>
<p>An einem Dezembertag des Jahres 1951 traf sich in Berlin eine kleine Gruppe vom Sekretariat des ZK der SED sorgf&#228;ltig auserw&#228;hlter Kommunisten, von denen die meisten &#252;ber eine oftmals langj&#228;hrige Erfahrung in der geheimen Arbeit f&#252;r die Partei verf&#252;gten. Sie hatten die Aufgabe, einen neuen, streng konspirativ arbeitenden Informationsdienst zu schaffen, der den unverf&#228;ng­lichen Namen »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« (IWF) tragen sollte.</p>
<p>Stellt man diese Entscheidung in den politischen Kontext jener Zeit, so erkennt man unschwer, dass die Bildung dieses geheimen DDR-Nachrichtendienstes, also des Vorl&#228;ufers der Hauptverwal­tung Aufkl&#228;rung, ein typisches Produkt sowjetischer Machtpolitik war und voll in der Logik des immer heftiger werdenden Kalten Krieges lag. Sie stand am Ende einer Phase der deutschen Nach­kriegsgeschichte, in der es durchaus noch einmal eine Chance auf Vereinigung der gerade entstandenen deutschen Staaten gegeben hatte.</p>
<p>Es ist mittlerweile gesicherte Erkenntnis der Historiker, dass die westdeutsche Politik in der zweiten H&#228;lfte der 40er Jahre mitnich­ten die Vereinigung Deutschlands im Auge hatte, sondern zun&#228;chst und vor allem die Integration der linkselbischen Besatzungszonen und der sp&#228;teren Bundesrepublik Deutschland in das westliche System. Verb&#252;rgt ist Adenauers Ausspruch, er wolle lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb &#8211; was soviel hie&#223;, dass er jeglichem Neutralit&#228;tsgedanken abhold war. F&#252;r ihn hatte eine »Politik der St&#228;rke« Priorit&#228;t, die dem von ihm erstrebten (Teil-)Deutschland politische Freiheit und wirtschaft­liche Prosperit&#228;t geben sollte &#8211; und damit zugleich einen Sog schaffen, durch den der &#246;stliche Rest &#252;ber kurz oder lang an Westdeutschland angeschlossen werden k&#246;nne. Freiheit und Wirt­schaftswachstum aber waren nur im engen Verbund mit den westlichen Siegerm&#228;chten zu erreichen; au&#223;erdem boten diese auch die milit&#228;rische Sicherheit vor den stets ins Kalk&#252;l gezogenen Attacken der Stalinschen Sowjetunion.</p>
<p>Anders hingegen die DDR und die hinter ihr stehende Gro&#223;­macht. Beide konnten mit diesem Ergebnis des zweiten Weltkrieges nicht zufrieden sein. Der auf den kleineren Teil des fr&#252;heren Kriegsgegners Deutschland begrenzte Einfluss und die schon nicht mehr nur latente Gefahr der Einbeziehung der drei westlichen Besatzungszonen des besiegten Staates in die neue Ost-West-Frontstellung verschlechterten die strategische Situation der UdSSR und waren somit Ausgangspunkt ihrer Versuche, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln eine solche Entwicklung zu verhindern. Das war nur »auf kaltem Wege« m&#246;glich; Diplomatie und Druck sollten die Instrumente sein.</p>
<p>Die DDR startete in diesem Sinne 1950 eine ganze Reihe von Initiativen, die von vielen ihrer einzelnen Tr&#228;ger subjektiv durch­aus ehrlich gemeint gewesen sein m&#246;gen, objektiv aber Bestandteil der auf die allm&#228;hliche Einbeziehung ganz Deutschlands in ihren Machtbereich abzielenden sowjetischen Politik waren. Erinnert sei an Wilhelm Piecks Erkl&#228;rung vom 3. Januar 1950, einen Kongress der Nationalen Front in Westdeutschland einzuberufen, erinnert sei an das Deutschlandtreffen der Jugend zu Pfingsten in Berlin, erinnert sei auch an den Deutschen Nationalkongress, der im August des gleichen Jahres stattfand. In ihrer Agitation erhob die SED die Herstellung der Einheit Deutschlands zu einem »Beschluss«; all ihre Aktivit&#228;ten sollten Schritte zu dessen Umsetzung sein.</p>
<p>Die Bundesrepublik konnte derartigen Aktivit&#228;ten &#8211; aufgrund ihrer oben beschriebenen Grundhaltung &#8211; zun&#228;chst nur wenig entgegensetzen. Sie zog sich auf die vom amerikanischen Hohen Kommissar McCloy im Februar 1950 entwickelte Idee freier gesamtdeutscher Wahlen zur&#252;ck und stellte sie den &#246;stlichen Vorschl&#228;gen immer wieder entgegen &#8211; wohl wissend, hiermit eine Achillesferse des stalinistischen Systems zu treffen. Lange igno­rierte die DDR im Verein mit der Sowjetunion diese Forderung; erst im November des gleichen Jahres formulierte Ministerpr&#228;sident Otto Grotewohl im Zusammenhang mit dem Vorschlag zur Bildung eines Gesamtdeutschen Konsultativen Rates vorsichtig auch »die Vorbereitung der Bedingungen zur Durchf&#252;hrung einer gesamt­deutschen Wahl f&#252;r eine Nationalversammlung« als dessen Aufgabe.</p>
<p>Dass sich die DDR &#252;berhaupt so sehr auf die westdeutschen Vorstellungen einlie&#223;, ist wohl nur mit sowjetischem Druck zu erkl&#228;ren. Es gibt Spekulationen, dass Moskau m&#246;glicherweise schon damals und nicht erst mehr als ein Jahr sp&#228;ter mit der ber&#252;hmten Stalin-Note dem Gedanken etwas abgewinnen konnte, seine eigenen Machtpositionen in Ostdeutschland zugunsten eines Verzichts der Bundesrepublik auf absolute Westbindung zu beschr&#228;nken. Den Kommunisten in der DDR konnte das kaum recht sein, und so d&#252;rften sie &#252;ber die Ablehnung ihrer Vorschl&#228;ge durch die Bundesrepublik im Januar 1951 nicht allzu viel Verbitte­rung empfunden haben. Sie beeilten sich denn auch, auf dem 6. Plenum des ZK der SED im Juni 1951 den wiedererstandenen deutschen Imperialismus zur »Hauptgefahr f&#252;r den Frieden« zu erkl&#228;ren. Die DDR m&#252;sse allseitig gefestigt werden; der Kampf gegen den Imperialismus sei entschieden zu verst&#228;rken. Das verlange erh&#246;hte Anstrengungen von allen Parteimitgliedern, um die Arbeiterklasse und alle Werkt&#228;tigen zur Wachsamkeit zu erziehen, vor allem aber um alle Illusionen &#252;ber die Entwicklung der BRD auszur&#228;umen.</p>
<p>Auf politischer Ebene liefen dennoch die Bem&#252;hungen, die Bundesrepublik so weit wie m&#246;glich von der entstehenden westli­chen Allianz fernzuhalten, unvermindert weiter. Belege daf&#252;r waren offizielle Schreiben an den Deutschen Bundestag und den Bundespr&#228;sidenten mit entsprechenden Vorschl&#228;gen. Ungeachtet dessen wurden aber im Hintergrund die Sturmriemen f&#252;r eine neue Runde im Kalten Krieg bereits festgezurrt. Die Zusammenkunft der eingangs genannten konspirativen Runde im Dezember 1951 bewies an einem relativ untergeordneten Beispiel, dass der DDR-F&#252;hrung bei aller verbalen Unterst&#252;tzung sowjetischer Wiedervereinigungsideen der Sinn eher nach Abgrenzung und damit dem eigenen Machterhalt stand.</p>
<p>Die Entwicklung der zwei Jahre nach Gr&#252;ndung des in der Sowjetischen Besatzungszone entstandenen deutschen Staates hatte ihrer F&#252;hrung verdeutlicht, dass das Land st&#228;ndig sehr unterschied­lichen politischen Einfl&#252;ssen ausgesetzt war. Einerseits die Domi­nanz der Sowjetunion, der sie ihre Politik in allen Belangen</p>
<p>unterordnen musste. Andererseits aber der andere deutsche Staat, mit dem es nicht nur offene Grenzen, sondern auch auf vielen Ebenen &#8211; politischen wie privaten &#8211; noch intensive Kontakte gab. Der Informationsfluss allein durch die Kan&#228;le der Partei war l&#252;ckenhaft und unzuverl&#228;ssig. Nicht selten erhielt die F&#252;hrung falsche oder unzureichende Informationen; die Besatzungsm&#228;chte, aber auch die junge BRD nutzten diese Schw&#228;chen aus, um Meldungen zu lancieren, die politische Entscheidungen in gew&#252;nschte Richtungen pr&#228;judizieren konnten. Ganz besonders die Diskussionen um die Wiedervereinigung und sp&#228;ter &#252;ber den Generalvertrag der Bundesrepublik mit den Westm&#228;chten f&#252;hrten nicht selten zu Verunsicherung in der SED-F&#252;hrungsriege, die vor allem auf mangelnde Information zur&#252;ckzuf&#252;hren war.</p>
<p>Nicht zuletzt deshalb entstand hier die Idee zur Schaffung eines neuen Apparates, der dieses Informationsdefizit beseitigen konnte. In der zweiten Jahresh&#228;lfte 1951 begann insgeheim die Rekrutie­rung geeigneter Mitarbeiter. Neben erfahrenen SED-Kadern, die sp&#228;ter die Leitungsfunktionen &#252;bernehmen sollten, suchte man besonders junge Parteimitglieder, die bereits durch Engagement f&#252;r die SED aufgefallen waren. Gleichzeitig wurden auch konzeptio­nelle Arbeiten geleistet, und Ende 1951 konnte auf der genannten Zusammenkunft eine erste Bilanz gezogen werden.</p>
<p>Dort sa&#223;en dann schon jene M&#228;nner beisammen, die jahrzehnte­lang die Geheimdienstarbeit der DDR im Ausland und insbesondere im »Hauptoperationsgebiet BRD« bestimmen sollten: Markus Wolf, Robert Korb, Gerhard Heidenreich, Richard Stahlmann, Willy Wohl, Herbert Hentschke, Peter Scheib. Leiter war Anton Ackermann, damals Staatssekret&#228;r im Ministerium f&#252;r Ausw&#228;rtige Angelegenheiten. Diese Zuordnung verwies darauf, dass der neue Nachrichtendienst zun&#228;chst als verborgenes Organ der Au&#223;enpoli­tik gedacht war und nach strengen Regeln der Konspiration aufgebaut werden sollte.</p>
<p>Die meisten der f&#252;hrenden K&#246;pfe der gerade geborenen DDR-Aufkl&#228;rung hatten ihre Erfahrungen entweder in der illegalen Arbeit der KPD oder im Exil in der Sowjetunion gesammelt; einige waren auch in die Umsetzung der Stalinschen Politik aktiv einbe­zogen gewesen. So arbeitete Korb einige Zeit als Sekret&#228;r der Komintern/Kominform in Moskau; er besa&#223; exzellentes Fakten­wissen &#252;ber die kommunistische Bewegung und au&#223;enpolitische Vorg&#228;nge der 20er und 30er Jahre. Stahlmann hatte in zahlreichen l .&#228;ndern illegal gearbeitet, unter anderem in China und in Nord­europa. Hentschke war w&#228;hrend des zweiten Weltkrieges sowjeti­scher Partisan im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht. Scheib hatte im Th&#228;lmannschen Zentralkomitee als Parteiorganisator gewirkt. Zu diesen Kadern geh&#246;rte auch Heidenreich, einer der Mitbegr&#252;nder der FDJ, der &#252;ber ausgezeichnete Beziehungen zu Honecker und &#252;ber diesen zu Ulbricht verf&#252;gte. Er war zusammen mit Wohl f&#252;r die Rekrutierung der k&#252;nftigen Geheimdienstler zust&#228;ndig. Zu den j&#252;ngeren geh&#246;rten auch Werner Gro&#223;mann, der es 1987 zum Nachfolger von Markus Wolf bringen sollte, und einige der sp&#228;teren langj&#228;hrigen Leiter wichtiger Bereiche der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Eine der ersten Ma&#223;nahmen, die diese Gruppe einleitete, war die Organisierung eines Lehrganges. In der Tschaikowskistra&#223;e im Berliner Bezirk Pankow versammelten sich im April 1952 etwa 30 auserw&#228;hlte Parteimitglieder, um nach politischer Unterweisung das Einmaleins der Geheimdienstarbeit zu pauken. Dass es sich um eine solche handelte, war ihnen zwar definitiv nie gesagt worden; sie merkten es aber bald an den Umst&#228;nden ihrer Schulung. Denn alle Eleven erhielten Decknamen. Sie blieben bis zum Ende des Lehrgangs im Dunkeln &#252;ber die sp&#228;tere Aufgabe. In Ans&#228;tzen fanden Sprachkurse statt, wurde etwas &#252;ber politische und &#246;kono­mische Geografie vermittelt, auch das Allgemeinwissen erweitert. Zum Ausbildungsprogramm geh&#246;rten sogar gutes Benehmen, Tischsitten und Umgangsformen, wie sie in der »b&#252;rgerlichen Gesellschaft« gepflegt wurden.</p>
<p>Die Hauptsache der Ausbildung betraf aber den Marxismus-Leninismus. Innerhalb eines halben Jahres wurden Philosophie, Geschichte der Arbeiterbewegung, kapitalistische und sozialisti­sche &#214;konomie und die Lehre vom Aufbau des Sozialismus/ Kommunismus geb&#252;ffelt. Namhafte Lehrer kamen unter anderem aus der Parteispitze &#8211; wie Hermann Matern und der sp&#228;ter in Ungnade gefallene Fred Oel&#223;ner. Auch die enge Nachbarschaft zum Amtssitz von Staatspr&#228;sident Wilhelm Pieck &#8211; er grenzte unmittel­bar an die beiden Villen, in denen sich Schulgeb&#228;ude und Internat der Geheimdienstschule befanden &#8211; mochte den Lehrgangsteilnehmern etwas von der Bedeutsamkeit ihrer sp&#228;teren Aufgabe signalisiert haben. Sie waren voller Stolz, einen solchen elit&#228;ren Schulbetrieb zu erleben und f&#252;hlten sich durchdrungen von der Vorahnung, einmal an bedeutender Stelle im Kampf f&#252;r den Sozialismus und gegen den Imperialismus eingesetzt zu werden. Wir Teilnehmer sogen alles begierig auf, was uns geboten wurde und hatten keinerlei Zweifel an der Richtigkeit unserer Sache. Hinzu kam die Erwartung, dass die uns zugedachte Aufgabe weitaus interessanter und lebendiger zu werden versprach als die bisher von den meisten verfolgten Funktion&#228;rskarrieren.</p>
<p>Als sich dann im Fr&#252;hherbst 1952 der Kurs seinem Ende zuneigte, waren auch auf politischer Ebene die Entscheidungen gefallen, die der SED-F&#252;hrung gr&#252;nes Licht f&#252;r den Beginn der konspirativen Arbeit nach au&#223;en erm&#246;glichten. Am 10. M&#228;rz belebte die Stalin-Note noch einmal die Wiedervereinigungsdis­kussion. Denn der KPdSU-Generalsekret&#228;r hatte &#252;berraschend vorgeschlagen, Deutschland als einheitlichen Staat wiederherzu­stellen. Dazu sollten alle Besatzungsm&#228;chte innerhalb eines Jahres das Land verlassen, demokratische Rechte und Freiheiten gew&#228;hr­leistet werden und politische Parteien und Organisationen die M&#246;glichkeit freier Bet&#228;tigung erhalten. Die Sowjetunion gestand sogar eine deutsche Verteidigungsstreitmacht und eine R&#252;stungs­produktion zu, allerdings mit dem Vorbehalt: »Deutschland ver­pflichtet sich, keinerlei Koalitionen oder Milit&#228;rb&#252;ndnisse einzu­gehen, die sich gegen irgendeinen Staat richten, der mit seinen Streitkr&#228;ften am Krieg gegen Deutschland teilgenommen hat.«</p>
<p>Zahlreiche Historiker sind sich einig, dass damals diese Chance zur deutschen Einheit h&#228;tte ausgelotet werden m&#252;ssen. Doch im Westen waren die Weichen bereits in eine andere Richtung gestellt. Die vertragliche Einbindung der Bundesrepublik in das entstehende westliche System wurde vorbereitet. Ganz folgerichtig hat daher Adenauer die von der Sowjetunion verlangte Neutralisierung Deutschlands strikt abgelehnt. »In der Ablehnung einer deutschen Neutralisierung ist der Bundestag fest. Sie w&#252;rde Deutschland nicht nur unfrei, sondern auch hilflos machen«, dozierte er damals. Bereits vorher hatten die drei Westm&#228;chte die sowjetischen Vor­schl&#228;ge abgeschmettert, vor allem ihren Kernpunkt, den Verzicht Deutschlands auf eine Beteiligung an B&#252;ndnissen, die sich auch gegen die Sowjetunion richten k&#246;nnten. Am 26. Mai 1952 wurde der »Vertrag &#252;ber die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Drei M&#228;chten«, der sogenannte Deutschland-Vertrag unterzeichnet. Damit war der Grundstein gelegt f&#252;r den sp&#228;teren NATO-Beitritt Deutschlands und seine Integration in die Europ&#228;ische Gemeinschaft.</p>
<p>Nat&#252;rlich hatte es Stalin den westlichen Alliierten und Adenauer leicht gemacht, sich mit dieser Position durchzusetzen. Sie, die in der Kernfrage einer Wiedervereinigung bei gleichzeitiger Neutrali­sierung Deutschlands wenig &#252;berzeugend argumentieren konnten, zogen sich daher schnell auf die Problematik freier Wahlen zur&#252;ck, die zur Schaffung eines solchen Einheitsstaates notwendig gewe­sen w&#228;ren. Dazu stellten sie entsprechende Vorbedingungen, die weder die Sowjetunion noch die SED zu erf&#252;llen bereit waren. Dennoch hatte die UdSSR in einer zweiten Note im April Kompromissbereitschaft signalisiert. Aber die Westm&#228;chte legten daraufhin nur die Latte h&#246;her. »In den letzten Jahren hat sich der Ostteil Deutschlands in eine Richtung entwickelt, die immer mehr von dem Hauptweg des Fortschritts abweicht. Dies ist ein Hauptgrund daf&#252;r, warum eine unparteiische Untersuchung erforderlich ist, bevor Wahlen stattfinden k&#246;nnen«, verlangten sie in ihrer Antwort.</p>
<p>Die DDR-F&#252;hrung hatte zwar keine Alternative, als sich der sowjetischen Initiative anzuschlie&#223;en, doch ihre propagandistische Begleitmusik &#8211; so in einer Erkl&#228;rung des damaligen DDR-Mini­sterpr&#228;sidenten bereits am 24. M&#228;rz 1952 &#8211; bewies, dass sie eindeutig auf Konfrontation setzte: »Die verfassungsfeindlichen Handlungen des Bonner Kanzlers Adenauer, der hinter dem R&#252;cken des deutschen Volkes mit den Oberkommissaren Verhandlungen &#252;ber den Abschluss eines versklavenden und kriegerischen General­vertrages f&#252;hrt, die Verfolgung der Anh&#228;nger des Friedens und der Demokratie in Westdeutschland zeugen von der Entwicklung zu einer offenen Milit&#228;rdiktatur.«</p>
<p>Mit der 2. Parteikonferenz vom 9. bis 12. Juli 1952 stellte die SED dann endg&#252;ltig die Weichen f&#252;r den Aufbau des Sozialismus. Darin eingebettet war die Schaffung eines Auslandsnachrichten­dienstes, die sich bereits in der ersten Jahresh&#228;lfte 1952 schrittweise vollzogen hatte und nun in die entscheidende Phase trat.</p>
<p>Das »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« (IWF) nahm jetzt in Berlin seine regelm&#228;&#223;ige Arbeit auf. Es hatte seinen Sitz in einem Geb&#228;ude am Rolandufer der Spree, in der N&#228;he des Neuen Rathauses. Die Mitarbeiter dieser Tarninstitution waren Absolventen des genannten Pankower Lehrganges &#8211; junge Leute von Mitte 20 bis 30 Jahren mit ersten Meriten als Funktion&#228;re der SED und der FDJ. Sie waren von den Erfahrungen des Weltkrieges gepr&#228;gt und hatten zumeist in ihren Elternh&#228;usern eine Erziehung genossen, die sie f&#252;r die Propaganda der sowjetischen Besatzungs­macht und der SED aufgeschlossen hatte. Auf Zentralschulen f&#252;r sowjetische Kriegsgefangene oder Kreis- und Landesparteischulen der SED war ihnen die neue, »einzige wissenschaftliche« Welt­anschauung vermittelt worden. Oft aus objektiven Gr&#252;nden von geringer Allgemeinbildung, fanden sie im theoretischen Angebot des Marxismus-Leninismus einen geistigen Halt, an dem sich ihr festgef&#252;gtes, aber oft simplifizierendes Weltbild orientierte. Zwei­fel waren nicht erlaubt und kamen vor diesem Hintergrund auch kaum auf. Zudem best&#228;tigte die Entwicklung im Westen Deutsch­lands viele der propagandistischen Aussagen &#8211; und was nicht ins gelernte Bild passte, wurde schon damals verdr&#228;ngt. M&#228;nner solchen Geistes pr&#228;gten im wesentlichen fast 40 Jahre lang die DDR-Spionage. Bis zuletzt fiel es vielen von ihnen schwer, neue Signale, die gerade sie intensiv erhielten, aufzunehmen und zu verarbeiten.</p>
<p>Zu diesen jungen Kadern stie&#223;en die bew&#228;hrten antifaschisti­schen K&#228;mpfer. Sie bildeten die Leitung des Instituts und profitier­ten dabei von ihren praktischen Erfahrungen im illegalen Kampf, mit denen sie zum einen Eindruck machten, andererseits aber auch eine oft praktizistische Enge erkennen lie&#223;en. So war der welt­erfahrene, intellektuell aber eher schlichte Richard Stahlmann daf&#252;r bekannt, dass er seine Z&#246;glinge mit der Erkenntnis verbl&#252;ffte: »Wei&#223;t du, wer unser gr&#246;&#223;ter Feind ist? &#8211; Das Telefon! Sage niemals am Telefon etwas Konkretes, weder Zeit noch Ort, noch Namen!« Sie vermittelten ohne Zweifel viele Erfahrungen, pr&#228;gten aber den Aufkl&#228;rungsapparat von Anfang an durch ihre »revolutio­n&#228;re Wachsamkeit«, d. h. ihr Misstrauen und ihre Scheu vor einem unkonventionellen, pragmatischen, von ideologischen Scheuklap­pen weitgehend freien Vorgehen. Was damals keine Folgen hatte, da die Spionage ganz unbefangen betrieben wurde und es den Widerspruch zur ideologischen Aufgabenstellung noch nicht gab, sollte sich sp&#228;ter als schwere Hypothek f&#252;r die Entwicklung des DDR-Auslandsnachrichtendienstes erweisen.</p>
<p>Die wichtigsten Arbeitsbereiche des IWF waren: Die politische Aufkl&#228;rung in Bonn und West-Berlin; hierf&#252;r war mit Alfred Sch&#246;nherr zum Beispiel ein Kommunist zust&#228;ndig, der w&#228;hrend der Nazizeit zw&#246;lf Jahre im Zuchthaus gesessen hatte. Die Wirt­schaftsaufkl&#228;rung, geleitet von Gustav Szinda, der sich als Partisan der Roten Armee ausgezeichnet hatte. Die Spionageabwehr, die bereits Markus Wolf &#252;bernahm. Die Milit&#228;rspionage und die Bearbeitung ausl&#228;ndischer Missionen, f&#252;r die im wesentlichen Horst J&#228;nicke, bis 1987 Stellvertreter Wolfs, verantwortlich zeich­nete. Sie alle leisteten mit ihrem Mitarbeiterstab, der bald auf 200 Personen anwuchs, die Anf&#228;nge der Nachrichtenbeschaffung. Diese begann &#8211; ganz unspektakul&#228;r &#8211; mit b&#252;rokratischer Kleinarbeit, wobei man sich auf die Erkenntnisse der zuvor schon ziemlich aktiven Parteiaufkl&#228;rung st&#252;tzen konnte. Zun&#228;chst wurden alle Bonner und Westberliner Politiker einschlie&#223;lich ihrer Mitarbeiter und Assistenten sowie alles &#252;ber sie erreichbare Wissen von Belang auf Karteikarten erfasst; ebenso die Beziehungen, die zwischen ihnen bestanden, die Informanten, die Kontakt zu ihnen hatten, und anderes mehr. Die R&#228;umlichkeiten der Beh&#246;rden in Bonn und West-Berlin, aber auch der westalliierten Besatzungsorgane wurden ausgekundschaftet. Und all das verband sich schon mit der Beschaffung erster Informationen, oft noch improvisiert und unprofessionell &#8211; aber der Weg zu einem effizienten Auslandsnach­richtendienst war damit beschriften.</p>
<p>So erwuchs den bereits seit l&#228;ngerem arbeitenden Geheimdien­sten der gerade entstandenen Bundesrepublik ein ernst zu nehmen­der Gegner, von dem diese aber zun&#228;chst &#252;berhaupt nichts merkten. Fast ein Jahr arbeitete das IWF, ehe der Bonner Verfassungsschutz Kenntnis von der &#246;stlichen Spionagebeh&#246;rde erhielt. Und auch dazu bedurfte es noch eines &#220;berl&#228;ufers. Im April 1953 trat Johann Krau&#223;, der im IWF in der Wirtschaftsaufkl&#228;rung gearbeitet hatte, zu einem alliierten Dienst &#252;ber und wurde dann auch dem Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz zur Verf&#252;gung gestellt. Er berichtete seinen Vernehmern vom neugeborenen DDR-Geheimdienst und l&#246;ste sogleich Hektik und nerv&#246;se Betriebsamkeit aus. Er hatte au&#223;er­dem 38 Karteikarten von Personen in der Bundesrepublik mitge­nommen; und sie alle wurden prompt verhaftet. Damit handelte der Verfassungsschutz au&#223;erordentlich unprofessionell. In Unkenntnis der Arbeitsweise des IWF beschuldigte er auf diese Weise auch solche, die zwar in der Kartei auftauchten, jedoch noch gar nicht wegen einer konspirativen Mitarbeit angesprochen worden waren.</p>
<p>G&#252;nther Nollau, sp&#228;terer Chef des Bundesamtes f&#252;r Verfassungs­schutz, der den Fall intensiv untersucht hatte, stellte ern&#252;chtert fest: »Die blo&#223;e Aufnahme des Namens einer Person in diese Kartei war jedenfalls kein Beweis f&#252;r eine Agentent&#228;tigkeit.« Eine Erkenntnis &#252;brigens, die heute, bei der Bewertung der Mf S-Datentr&#228;ger, schon wieder auf taube Ohren st&#246;&#223;t.</p>
<p>Nollau musste eingestehen, dass das Vorgehen seines Dienstes in der »Vulkan-Aff&#228;re«, wie sie im Verfassungsschutz genannt wurde, kein Ruhmesblatt war: »Was ein sch&#246;ner &gt;Erfolg&lt; h&#228;tte sein k&#246;nnen, die Kompromittierung eines &#246;stlichen Dienstes durch einen &#220;berl&#228;ufer, wurde nun durch die Fehler bei der Vernehmung des &#220;berl&#228;ufers und durch die vorschnelle Verwertung seiner subjektiv wahrheitsgem&#228;&#223;en Aussagen zu einer Blamage.«</p>
<p>Und die n&#228;chste folgte auf dem Fu&#223;e! Denn nach der Dekonspirierung ihres Dienstes leitete die DDR in einer blitzartigen Nacht­aktion die Dezentralisierung des IWF ein. Lastwagen fuhren am Rolandufer vor, alle Materialien wurden verladen, die Mitarbeiter mussten aufsitzen, und eine stundenlange Fahrt durch das n&#228;chtliche Berlin begann. Immer wieder schlugen die Fahrzeuge Haken, um m&#246;gliche Verfolger abzusch&#252;tteln. Schlie&#223;lich fanden alle Abteilun­gen neue Unterk&#252;nfte, doch nicht mehr in einem Haus, sondern weit verbreitet im gesamten &#246;stlichen Stadtgebiet. Ein Teil der politischen Spionage kam zum Beispiel nur wenige hundert Meter vom alten Domizil unter &#8211; in der Klosterstra&#223;e. Die Milit&#228;r- und Botschafts­aufkl&#228;rung bezog in Schm&#246;ckwitz Quartier, Teile der Wirtschafts­aufkl&#228;rung in Johannisthal usw. Diese Tatsache war dem Verfas­sungsschutz erneut entgangen. Er nahm lange an, mit dem &#220;bertritt von Krau&#223; sei die DDR-Spionage zerschlagen. Erst 1959 schreckte ihn wieder ein &#220;berl&#228;ufer auf. Hauptmann Max Heim berichtete, dass mittlerweile die »Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung« entstanden sei, mit einem schlagkr&#228;ftigen Apparat und einem Informantennetz von &#8211; wie er sagte &#8211; 2.000 bis 3.000 Personen in der Bundesrepublik.</p>
<p>Auch wenn diese Zahl &#8211; offensichtlich aus den Registratur-Nummern abgeleitet &#8211; stark &#252;berh&#246;ht war, so ging doch die Dezentralisierung des jungen Geheimdienst-Apparates zugleich mit einer erheblichen Aufstockung einher. Er wurde zahlenm&#228;&#223;ig vergr&#246;&#223;ert, seine Aufgabenstellungen erweitert.</p>
<p>Wesentlicher aber war, dass die bislang relativ selbst&#228;ndig arbeitende Beh&#246;rde nun unter die Kontrolle verschiedener Seiten geriet. Zun&#228;chst nahm sich ihr der sowjetische Geheimdienst intensiv an. Die &#246;stliche Besatzungsmacht hatte auf ihrem Territo­rium von Anfang an starke konspirativ arbeitende Kr&#228;fte statio­niert. Zun&#228;chst vor allem mit Aufgaben der Entnazifizierung betraut, erhielten sie sp&#228;ter mehr und mehr Funktionen zur &#220;ber­wachung der Entwicklungen sowohl in der sowjetischen Besat-/.ungszone als auch im Westen Deutschlands.</p>
<p>Mit dem Entstehen eigener Geheimdienste der DDR trat dann deren Ausbildung und Unterst&#252;tzung hinzu &#8211; eine durchaus eigen­n&#252;tzige Besch&#228;ftigung, konnte doch der KGB schon bald auch von den Ergebnissen der ostdeutschen Spionaget&#228;tigkeit profitieren. Die sowjetischen Verbindungsleute aus Karlshorst sa&#223;en von nun an dabei, wenn politische Orientierungen und konkrete Aufgaben­stellungen beraten und festgelegt wurden. Sie gewannen schnell eine dominierende Stellung &#8211; sowohl durch ihre langj&#228;hrige geheimdienstliche Erfahrung als auch durch das nicht selten offen zur Schau getragene und in der Zusammenarbeit betonte Selbstbewusstsein, das sich aus dem gewonnenen Krieg herleitete. Wie stets im Leben gab es dabei diese und jene, das hei&#223;t, mit nicht wenigen konnte konstruktiv zusammengewirkt werden, mit anderen aber war kein Miteinander m&#246;glich, sondern nur die strenge Unterordnung unter ihre Weisungen. Alle aber hatten die Erziehung in Stalinschem Geist genossen und glaubten an die Prinzipien der »tschekistischen Arbeit«, die in ihren Grundz&#252;gen zwar vom Begr&#252;nder des Sowjet-Geheimdienstes, der »Tscheka« (Abk&#252;rzung f&#252;r »Au&#223;erordentliche Kommission zur Bek&#228;mpfung von Konter­revolution und Sabotage«), Feliks Edmundowitsch Dzierzynski, stammten, sp&#228;ter aber durch Stalin und seine Adepten versch&#228;rft und ihrem Machtanspruch entsprechend ma&#223;geschneidert wurden. Das nun &#252;bertrugen sie auf das neue Bet&#228;tigungsfeld im Osten Deutschlands, und so erhielt die Geheimdienstarbeit fast von Anfang an eine Ausrichtung, die ma&#223;geblich zu den sp&#228;teren Irrwegen beitrug. Jede einzelne Abteilung des »Instituts f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« bekam einen sowjetischen Verbindungsmann, der &#252;berwiegend mit dem jeweiligen Abtei­lungsleiter verkehrte. Dieser &#252;bergab dem KGB-Vertreter auch die Durchschriften aller vermeintlich wichtigen Informationen. Dabei interessierte weniger ihre Quelle als der Inhalt, und es war konspiratives Prinzip, auch bei dieser Zusammenarbeit die Kenntnis &#252;ber die Herkunft des Materials eng begrenzt zu halten. Inwieweit dies eingehalten wurde, hing nat&#252;rlich auch vom konkre­ten Umgang der »Genossen« von KGB und IWF ab. In der Regel wurden aber Klarnamen der Quellen und andere Hinweise, die auf ihre Spur f&#252;hren k&#246;nnten, dem KGB nicht schriftlich &#252;bergeben. Seine Offiziere erhielten auch nicht die operativen Vorlagen, die nun prinzipiell von allen Aktionen angefertigt und zur Best&#228;tigung eingereicht werden mussten.</p>
<p>Neben dem sowjetischen Geheimdienst verst&#228;rkten in dieser Zeit auch die f&#252;r die innere Abwehr geschaffenen Dienste in der DDR ihre Kontrolle &#252;ber den Aufkl&#228;rungsapparat. Bereits am 8. Februar 1950, vier Monate nach DDR-Gr&#252;ndung, hatte die Volkskammer den Beschluss gefasst, die bis dahin bestehende Hauptverwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft aus dem Innen­ministerium auszugliedern und zu einem selbst&#228;ndigen Ministeri­um f&#252;r Staatssicherheit zu machen. Das IWF war ihm ausdr&#252;cklich nicht zugeordnet worden, sondern unterstand &#8211; wie dargestellt &#8211; dem Au&#223;enministerium. Die ersten Erfolge der neuen Beh&#246;rde weckten jedoch schon bald Begehrlichkeiten im MfS. Immerhin konnten schon damals aussagekr&#228;ftige Informationen &#252;ber Denk-und Verhaltensweisen westdeutscher Politiker und von Spitzenver­tretern der Besatzungsm&#228;chte, Originale von Vorstandsbeschl&#252;ssen der Parteien der Bundesrepublik, Muster technischer Neuentwick­lungen und vieles andere mehr beschafft werden. Das Wissen &#252;ber derartige Interna versprach Macht und Einfluss. Die Bem&#252;hungen um gr&#246;&#223;eren Einfluss auf den Aufkl&#228;rungsapparat nahmen zu, und der Fall des &#220;berl&#228;ufers Krau&#223; war ein willkommener Anlass, diese weiter zu forcieren.</p>
<p>Mehr oder weniger versteckt wiesen sowohl der erste Staats­sicherheitsminister Zaisser als auch sp&#228;ter sein§ Nachfolger Woll­weber und Mielke darauf hin, da&#223; der Aufkl&#228;rung Abwehrerfahrun­gen fehlten, da&#223; ihre Mitarbeiter nicht wachsam genug seien, da&#223; sie sich zu leicht vom Westen »aufweichen« lie&#223;en und man ihnen den Ernst des Klassenkampfes erst noch begreiflich machen m&#252;sse. So war es Aufkl&#228;rern in vielen F&#228;llen verboten, in Betriebe zu gehen, weil die Abwehr darin eine St&#246;rung ihrer Arbeit sah. Mancher Ingenieur oder Technologe war n&#228;mlich bereit, f&#252;r die HVA in Westdeutschland oder dem Ausland zu arbeiten, nicht jedoch als Spitzel gegen seine eigenen Kollegen t&#228;tig zu werden. Die Differenzen zwischen Aufkl&#228;rung und Abwehr gingen mitunter sogar so weit, dass Aufkl&#228;rer festgesetzt wurden, wenn sie nach Meinung der Abwehr ihre Kompetenzen &#252;berschritten. So war es kein Einzelbeispiel, dass einmal ein hauptamtlicher Mitarbeiter der HVA bei Nachfragen in einem Neubrandenburger Betrieb zun&#228;chst eingesperrt wurde und dann &#8211; aber erst nach scharfem Protest &#8211; unverrichteter Dinge wieder in seine Dienststelle zur&#252;ckkehren musste.</p>
<p>Die Spezifik ihrer Arbeit verschaffte den Aufkl&#228;rern tats&#228;chlich ein weiter gef&#228;chertes Weltbild, als es die Abwehrexperten besa&#223;en. Die HVA-Mitarbeiter diskutierten auch schon mal au&#223;erhalb der ideologischen Grenzen, die ansonsten immer wieder gezogen wurden, glaubten nicht jede Schwarzwei&#223;malerei &#252;ber »Nissenh&#252;tten im Ruhrgebiet« und die »gewaltigen Streikbewegungen«, die zwar in der Sache stattfanden, aber st&#228;ndig &#252;berbewertet wurden. Sie wollten sich im Gegenteil von den ideologischen Schranken befreien, sich selbst ein Bild von jenem »Operationsgebiet« machen, das Gegenstand ihrer t&#228;glichen Arbeit war. Ihr Wunsch jedoch, einmal selbst in den Westen zu reisen, sogenannte Regimestudien an Ort und Stelle zu betreiben, stie&#223; auf wenig Gegenliebe und verst&#228;rkte nur das Misstrauen gegen die Aufkl&#228;rer.</p>
<p>Der permanente Druck und der Verweis auf die sowjetische Praxis, wo die Aufkl&#228;rung ebenfalls Bestandteil des KGB war, f&#252;hrten schlie&#223;lich zum Erfolg. Ende 1955 wurde das Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung dem MfS einverleibt. Markus Wolf, bereits 1953 zum Nachfolger Ackermanns als Leiter der Spionagebeh&#246;rde avanciert, erhielt die Funktion eines stellver­tretenden Ministers f&#252;r Staatssicherheit, was wie Machtzuwachs aussah, tats&#228;chlich aber seine Selbst&#228;ndigkeit beschr&#228;nkte. Er selbst mag das damals, jung und unerfahren wie er war, so nicht empfunden haben.</p>
<p>Die Konzeption, die das MfS hinsichtlich der Aufkl&#228;rung verfolgte, lief nunmehr zu einem betr&#228;chtlichen Teil auf Unterst&#252;t­zung der Parteipropaganda hinaus. Der Nachrichtendienst sollte vor allem Beweise daf&#252;r liefern, wie schlecht es den Menschen in der »bourgeoisen BRD« und den kapitalistischen Staaten Westeuropas gehe, wie sehr sie unterdr&#252;ckt und ausgebeutet w&#252;rden, wie ihre herrschenden Klassen zum Kriege r&#252;steten. Besonders der ZK-Sekret&#228;r der SED, Albert Norden, nutzte bei seinen Auftritten</p>
<p>Aufkl&#228;rungsmaterial, mit dessen Hilfe er zwar tats&#228;chlich manches ans Licht brachte, was im Westen gern verschwiegen worden w&#228;re, das aber immer wieder dadurch entwertet wurde, dass es platten propagandistischen Zwecken diente. Es ist sicher dem Instinkt von Markus Wolf zu verdanken, dass er dieser Linie weitgehend widerstand und bem&#252;ht war, die eigentlichen Aufgaben eines Auslandsnachrichtendienstes vor die Sch&#252;tzenhilfe f&#252;r die »Abtei­lung Gefechtsl&#228;rm«, Ulbrichts Propagandaapparat, zu stellen.</p>
<p>Das wurde ihm nicht leicht gemacht, denn mit der Einordnung der Aufkl&#228;rung in das MfS waren der damalige Minister Wollweber wie auch sein Stellvertreter Mielke, der das Amt 1957 ganz &#252;bernahm, sogleich bem&#252;ht, den Einfluss der Abwehr auf den Spionageapparat auszubauen. F&#252;hrende Abwehrspezialisten r&#252;ckten in Leitungsfunktionen der Aufkl&#228;rung: Hans Fruck, bis dahin Leiter der Bezirksverwaltung Gro&#223;-Berlin des MfS, wurde Stell­vertreter Wolfs und blieb es bis zu seinem Ausscheiden aus Altersgr&#252;nden. Alfred Scholz, Heinz Hoske und Otto Knye &#8211; allesamt bew&#228;hrte Abwehrleute &#8211; erhielten wichtige Funktionen. Aus dem Parteiapparat des ZK der SED kam der Parteisekret&#228;r der nunmehrigen Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie alle sorgten f&#252;r die straffe Eingliederung der Spionage in das Sicherheitssystem der jungen DDR. Von nun an war die Aufkl&#228;rung Bestandteil des Sicherheitsapparates, der seine Hauptaufgabe in der Schaffung von Ruhe und Ordnung vornehmlich nach innen sah.</p>
<p>Zwar gelang es Wolf und seinen Aufkl&#228;rern, die meisten der zugeteilten Abwehrleute von den andersartigen Erfordernissen der nach au&#223;en gerichteten Arbeit zu &#252;berzeugen und ihnen klarzuma­chen, dass f&#252;r eine solche T&#228;tigkeit enge Blickwinkel und einf&#228;ltige Vorstellungen nicht ausreichten, doch die Diskrepanz zwischen den von Wollweber und sp&#228;ter Mielke in den Vordergrund gestellten Doktrinen der inneren Sicherheit und den Notwendigkeiten nach au&#223;en gerichteter Aufkl&#228;rung blieb. Dies f&#252;hrte nicht selten zu Entscheidungen und Kompromissen, die nicht zu rechtfertigen waren und sind. Damals jedoch war uns das nicht bewusst.</p>
<p>Die Entstehungsgeschichte der DDR-Spionage einschlie&#223;lich ihrer Unterordnung unter die Sicherheitsbed&#252;rfnisse der SED nach innen ist kaum verst&#228;ndlich ohne einen Blick auf die parallele Entwicklung zun&#228;chst in den westlichen Besatzungszonen und sp&#228;ter der Bundesrepublik Deutschland. Hier hatte der Aufbau von Sicherheitsapparaten nach au&#223;en wie nach innen ebenfalls fr&#252;hzeitig begonnen. General Reinhard Gehlen, Chef der Abteilung Fremde Heere Ost des Nazi-Generalstabs, bot sich, einen gro&#223;en Teil seiner Mitarbeiter und sichergestellte Unterlagen der fr&#252;heren Spionaget&#228;tigkeit gegen die Sowjetunion den Amerikanern an, die ihn nach einer kurzen Schamfrist, in der er sogar mit einem Gef&#228;ngnis Bekanntschaft machte, auch akzeptierten. Sie vereinbarten mit dem Ex-Nazi-General ein &#8211; wie er es nannte &#8211; »Gentlemen&#8217;s Agree­ment«, das im Grundsatz besagte: »Es wird eine deutsche nachrich­tendienstliche Organisation unter Benutzung des vorhandenen Potentials geschaffen, die nach Osten aufkl&#228;rt bzw. die alte Arbeit im gleichen Sinne fortsetzt. Die Grundlage ist das gemeinsame Interesse an der Verteidigung gegen den Kommunismus.« Im Juli 1946 nahm die »Organisation Gehlen« ihre T&#228;tigkeit auf; ihr Credo verk&#252;ndete der Chef sp&#228;ter selbst: »Ich beabsichtigte daher von Beginn meiner T&#228;tigkeit an, in den Jahren, die vergehen mussten, bis eine neue deutsche Regierung wieder existieren w&#252;rde, die Voraussetzungen f&#252;r einen Gesamtdienst zu schaffen, der auf allen Gebieten das Potential des Gegners aufzukl&#228;ren hatte.« Gehlen nahm schon ein Jahr sp&#228;ter in Pullach Quartier, der fr&#252;heren »Rudolf-He&#223;-Siedlung«, wo zeitweilig der F&#252;hrer-Stellvertreter und sp&#228;ter auch NS-Reichsleiter Martin Bormann residiert hatten, ehe 1945 die US-Army dort ihre Postzensurstelle einrichtete. Dieses Domizil hat der Bundesnachrichtendienst bis heute nicht verlassen. Schon ein Jahr sp&#228;ter hatte der »Org« (K&#252;rzel f&#252;r »Organisation Gehlen«) 200 Bedienstete; Gehlen veranlasste, dass sie sich samt ihren Familien im »Camp Nikolaus« (nach dem Bezugsdatum am 6. Dezember 1947) niederlie&#223;en. Eigene Kinder­g&#228;rten und Schulen, ein Krankenhaus, ein Kasino geh&#246;rten zum Komplex &#8211; Mielke ahmte das sp&#228;ter f&#252;r sein MfS bewusst oder unbewusst weitgehend nach.</p>
<p>Das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz kam etwas sp&#228;ter zur Welt. Bei den Vorbereitungen zur Bildung der Bundesrepublik im Jahre 1949 wurde auch vereinbart, »eine Stelle zur Sammlung und Verbreitung von Ausk&#252;nften &#252;ber umst&#252;rzlerische, gegen die Bundesrepublik gerichtete T&#228;tigkeiten einzurichten.« Im November 1950 verf&#252;gte die Bundesregierung die Errichtung des Bundes­amtes f&#252;r Verfassungsschutz in K&#246;ln, nachdem zuvor schon ent­sprechende Beh&#246;rden in den L&#228;ndern geschaffen worden waren. Ihr erster Pr&#228;sident wurde Otto John, ein Gew&#228;hrsmann der Engl&#228;nder, auf den noch zur&#252;ckzukommen sein wird. Schon sein Stellvertreter hatte aber einst unter Canaris gedient.</p>
<p>Mit der Bildung des »Amtes Blank«, den Anf&#228;ngen der Bundes­wehr, kam schlie&#223;lich noch ein milit&#228;rischer Geheimdienst hinzu. Seine Initiatoren, die mit dem Widerstand des 20. Juli in Verbindung gestanden hatten, waren Gehlen ein Dorn im Auge. Er sorgte daf&#252;r, dass Personen aus seiner Umgebung auch hier bald das Sagen hatten. Als 1956 der Milit&#228;rische Abschirmdienst (MAD) einge­richtet wurde, hie&#223; dessen erster Chef Gerhard Wessel, Stellvertreter Gehlens unter Hitler wie den Amerikanern.</p>
<p>Es ist heute sicher m&#252;&#223;ig dar&#252;ber zu philosophieren, wer im einstigen Nachkriegsdeutschland seine Dienste als erster etablierte und wer nachzog. Es lag offensichtlich in der Logik jener Zeit des Kalten Krieges, dass keiner glaubte, auf die Camouflage verzichten zu k&#246;nnen und daher all seine Anstrengungen nur darauf richtete, den anderen beim Auskundschaften von Geheimnissen zu &#252;bertref­fen. Das Misstrauen war gro&#223; und in mancher Hinsicht wohl durchaus berechtigt. Die Westm&#228;chte mussten nach allem, was sie &#252;ber Stalin wussten, durchaus vor ihm auf der Hut sein. Und im Osten sah man mit betr&#228;chtlicher Sorge, wie sich im Westen nazistische Strukturen wieder restaurierten, indem ihre Repr&#228;sen­tanten schon bald alte Positionen zur&#252;ckgewannen. Gerade die Verwendung der »alten Experten« in den Geheimdiensten der Bundesrepublik &#8211; Gehlen war der Prototyp &#8211; f&#252;hrte manchen zu der Auffassung, es sei erforderlich, dagegen in gleicher Weise anzu­k&#228;mpfen, Organe zu schaffen, die konspirativ in diese eindringen und sie weitgehend neutralisieren.</p>
<p>Der Krieg und seine f&#252;r die Menschen schrecklichen Folgen hatten die Sehnsucht nach echten Alternativen zum Vergangenen hervorgebracht. Zwei Gesellschaftsmodelle waren in den Wettstreit getreten &#8211; einerseits ein b&#252;rgerliches System, das sich auf seine besten Traditionen der Demokratie und der Sozialstaats, angerei­chert durch urchristliches Gedankengut, zu besinnen versuchte, und andererseits der Marxismus-Leninismus, schon damals jedoch vom Virus des Stalinismus infiziert. Der Krieg mit seiner Verrohung aller Sitten und die danach nicht selten ge&#252;bte Sieger- und Rachejustiz f&#252;hrten aber dazu, dass die Anf&#228;nge des Neuaufbaus mit zahlreichen schwerwiegenden Hypotheken belastet wurden. Die Grenzziehungen und in ihrer Folge Umsiedlungen und Vertreibungen von Millionen Menschen, die im Ansatz steckengebliebene Ahndung der Kriegsverbrechen, das Gro&#223;machtgebaren der Sieger bargen den Keim f&#252;r immer neue Auseinandersetzungen. Hinzu kam im Osten die Deformierung der sozialistischen Idee durch den Stalinismus. So ging der Wettbewerb der Systeme, der nach den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit nur noch friedlich ausgetragen werden durfte, bald in einen harten Schlagabtausch &#252;ber. Wegen seiner Unerbittlichkeit erinnerte er bald an einen Krieg, wenn auch nicht in Formen der »hei&#223;en« Auseinandersetzung. Der Kalte Krieg bestimmte die 50er Jahre; die Schaffung zweier deutscher Staaten war ebenso sein Resultat wie &#228;hnliche Spaltun­gen in Korea, Pal&#228;stina, sp&#228;ter Vietnam. Die Menschen mussten sich f&#252;r die eine oder andere Seite entscheiden &#8211; oft ohne es in ihrem Innersten zu wollen &#8211; und danach handeln. Dass die junge DDR damals durchaus als eine echte Alternative angesehen wurde, war also auch das Ergebnis von Fehlentscheidungen auf westlicher Seite. Die schnelle Rehabilitierung ehemaliger Nazis und die Restauration alter Machtverh&#228;ltnisse geh&#246;rten dazu. Diese Ent­wicklungen best&#228;tigten die ideologischen Klischees, die in der Parteischulung der SED vermittelt wurden, und lie&#223;en ihre Empf&#228;nger aufgeschlossen werden auch f&#252;r viele andere simplifi­zierende Thesen wie denen von der Diktatur des Proletariats, der st&#228;ndigen Versch&#228;rfung des Klassenkampfes oder vom gesetzm&#228;&#223;i­gen Niedergang des Imperialismus.</p>
<p>In diesem Kontext wurden auch Ereignisse wie der 17. Juni 1953 von vielen der so Indoktrinierten nicht anders gesehen als es die Parteif&#252;hrung vorgab. Die durchaus vorhandenen Hinweise einer westlichen Einflussnahme wurden so zur alleinigen Ursache des Arbeiterprotestes erkl&#228;rt; es war mithin der vom Westen gesteuerte »konterrevolution&#228;re Putschversuch«, dessen Nieder­schlagung mit Hilfe der sowjetischen Armee wir f&#252;r richtig hielten. Die eigene Anschauung, die wir Aufkl&#228;rer vom Rolandufer bei unseren Besuchen im Stadtzentrum zu verarbeiten hatten, die Meinungen und Auffassungen, die wir h&#246;rten, best&#228;rkten uns darin, die Deutung der Partei sei richtig.</p>
<p>Hinzu kam, dass in jenen Jahren der Kampf der DDR um diplomatische Anerkennung begann. Zahlreiche deutschlandpoliti­sche Ereignisse, darunter die Au&#223;enministerkonferenzen der vier M&#228;chte, wurden genutzt, um dieses Anliegen, das auf Durchset­zung der deutschen Zweistaatlichkeit zielte, zu verfolgen. Anf&#228;nglich waren Chancen auf Verwirklichung dieser Absicht durchaus vor­handen; nicht wenige Politiker in Bonn wie West-Berlin, aber auch im Ausland, lie&#223;en sich zu inoffiziellen und dennoch konstruktiven Gespr&#228;chen herbei. Sie respektierten die milit&#228;rische St&#228;rke der UdSSR und sahen auf lange Sicht keine M&#246;glichkeit, die DDR aus dem sowjetisch dominierten Ostblock herauszubrechen. Adenauers Hoffnung, der westliche Sog werde bereits jetzt den Anschluss der DDR bewirken, trog. Er musste im Gegenteil bef&#252;rchten, dass &#8211; vor allem nach der Etablierung einer bundesdeutschen Botschaft neben der schon bestehenden Vertretung der DDR in Moskau &#8211; &#252;ber kurz oder lang der zweite deutsche Staat diplomatisch anerkannt werden w&#252;rde, und dem wollte er einen Riegel vorschieben. Das Instrument war die im Dezember 1955 erstmals in ihren Grundz&#252;gen formu­lierte Hallstein-Doktrin, die den Abbruch der bundesdeutschen Beziehungen zu allen Staaten vorsah, die die DDR anerkannten. Danach wurde in den Folgejahren gehandelt, und es dauerte bis in die 70er Jahre, ehe die DDR diese diplomatische Blockade durch­brach. F&#252;r die Mitarbeiter der DDR-Aufkl&#228;rung galt es aber stets als vornehmste Pflicht, mit ihrer Arbeit die Hallstein-Doktrin zu durchl&#246;chern.</p>
<p>So verstand sich der st&#228;ndige wachsende Spionageapparat der DDR als das Auge und Ohr des jungen Staates zur Welt. Diploma­tische Berichte aus westlichen Hauptst&#228;dten gab es nicht. Von Konferenzen und Tagungen waren offiziell lediglich durch die sowjetische Brille gesehene Informationen zu erhalten. Und aus der Bundesrepublik sickerten allenfalls die, ideologisch befrachteten Wertungen aus dem zun&#228;chst noch legalen, dann nur noch illegal arbeitenden KPD-Apparat ein. So war es aus der Sicht der DDR-Regierung eine zwingende Notwendigkeit, sich auf andere Weise zu informieren &#8211; und die immer effizienter arbeitende Hauptver­waltung Aufkl&#228;rung des MfS erf&#252;llte diese Aufgabe. Sie nutzte die spezifischen M&#246;glichkeiten im geteilten Deutschland und entwickelte Methoden, mit denen sie viele Jahre erfolgreich war.</p>
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		<title>Wie Patricia Riekel zur Erbin Erich Mielkes wurde</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Mar 2010 17:29:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es waren nicht irgendwelche unverbesserlich-ostalgischen Verharmloser des DDR-Regimes, die dieser Tage Patricia Riekel, die Chefredakteurin der Illustrierten »Bunte« in eine Reihe mit Ex-Stasi-Chef Erich Mielke stellten, sondern eine gro&#223;e Berliner Tageszeitung. Anspielend auf Riekels patzige Antwort auf ein Schreiben der Gr&#252;nen-Fraktionschefin Renate K&#252;nast an den Chef des Burda-Verlages, in dem sie die r&#252;den »Recherche«-Methoden der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es waren nicht irgendwelche unverbesserlich-ostalgischen Verharmloser des DDR-Regimes, die dieser Tage Patricia Riekel, die Chefredakteurin der Illustrierten »Bunte« in eine Reihe mit Ex-Stasi-Chef Erich Mielke stellten, sondern <span id="more-1529"></span>eine <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0306/meinung/0025/index.html" target="_blank"><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/d2d6a74c7e204a5fbccdb47d7646ad9a" alt="" width="1" height="1" />gro&#223;e Berliner Tageszeitung</a>. Anspielend auf Riekels patzige Antwort auf ein <a href="http://kress.de/alle/detail/beitrag/102814-kuenast-brief-zur-bunte-affaire-riekel-kontert-kuenast-forsch.html" target="_blank">Schreiben der Gr&#252;nen-Fraktionschefin Renate K&#252;nast an den Chef des Burda-Verlages</a>, in dem sie die r&#252;den »Recherche«-Methoden der »Bunten« gegen&#252;ber dem Privatleben von Politikern kritisierte, formulierte der Kommentator eine zeitgem&#228;&#223;e Definition dessen, was in der Stasi-Sprache unter »fl&#228;chendeckender Aufkl&#228;rung« einzelner Personen verstanden wurde: »Erst wenn alle Schlafzimmer aller Politiker beschn&#252;ffelt, erst wenn alle ihre Rendezvous fotografiert, erst wenn alle getuschelten Worte mitgeschnitten, erst wenn alle privaten Hauseing&#228;nge besetzt sind und alles Private ausgesp&#228;ht ist, erst dann l&#228;sst sich die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ermitteln, und erst dann hat die Presse ihren vom Grundgesetz verlangten Beitrag zur &#246;ffentlichen Meinungsbildung geliefert.« Und er schlie&#223;t daraus: »H&#228;tten die Mitarbeiter der Stasi einen Presseausweis getragen, dann h&#228;tten sie 40 Jahre lang den Auftrag des Grundgesetzes erf&#252;llt.«</p>
<p>Hintergrund solch harscher Polemik ist der ausgerechnet <a href="http://kress.de/uploads/media/Riekels_Antwort_auf_den_Kuenast-Brief.pdf" target="_blank">von der Boulevardpresse kommende Anspruch</a>, Politiker gewisserma&#223;en einem Reinlichkeitstest zu unterziehen. Als »Leitfiguren und Vorbilder unserer Gesellschaft« unterl&#228;gen sie dem Auftrag der Presse, »zu &#252;berpr&#252;fen und auch zu recherchieren, ob sie das Vertrauen verdienen, um das sie uns alle bitten«. Und dies ausdr&#252;cklich nicht in ihrer politischen Praxis (die sich auf den Seiten der »Bunten« so gut wie nicht widerspiegelt), sondern in ihrem Privatleben, was die Chefredakteurin sogleich mit einschl&#228;gigen Beispielen untermauert: »Wenn Spitzenpolitiker sich von ihrer 4. Frau scheiden lassen, wenn Spitzenpolitiker eine 40 Jahre j&#252;ngere Frau heiraten, wenn Spitzenpolitiker Freundinnen in h&#246;here &#196;mter bef&#246;rdern – auf Steuerkosten – wenn Spitzenpolitiker ein Alkoholproblem haben, wenn Spitzenpolitiker im Wahlkampf ihre angeblich intakte Familie vorweisen, w&#228;hrend sie gleichzeitig in einer langj&#228;hrigen Nebenbeziehung leben, dann liefern sie durch ihren Lebensstil gesellschaftlichen Diskussionsstoff. Es ist korrekter Journalismus, solchem und &#228;hnlichem Verhalten von Politikern nachzugehen.« Und zu solchen »Recherchen« sind offenbar alle Mittel Recht, immer &#246;fter auch Mittel, die gerade noch am Beispiel von DDR und Stasi mit dem Ausdruck tiefsten Ekels und gr&#246;&#223;ter Abscheu verteufelt  wurden.</p>
<p>Diese in Riekels Replik auf K&#252;nast zum Ausdruck kommende Selbstanma&#223;ung , die schl&#252;pfrige Berichterstattung der Boulevardmedien in den Rang der Demokratieverteidigung zu erheben und sich dabei keinerlei Grenzen aufzuerlegen, ist das eine, und man k&#246;nnte vielleicht &#252;ber solches Sendungsbewusstsein milde l&#228;cheln, wenn es nicht mit ganz &#228;hnlichen – und in der Regel weniger am&#252;santen – Vorg&#228;ngen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft einher ginge. Immer wieder wird die Republik durch Berichte dar&#252;ber ersch&#252;ttert, <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/12/01/spitzel-immerzu-und-ueberall/" target="_blank">wie gro&#223;e Wirtschaftsunternehmen mit ganz &#228;hnlichen Methoden ihre Mitarbeiter ausforschen</a>, »fl&#228;chendeckend aufkl&#228;ren«. Die Beispiele der Telekom, der Deutschen Bahn, von Lidl oder der Drogeriekette M&#252;ller, von Edeka , Airbus und gewiss weiterer Firmen sind noch in Erinnerung. Auch sie f&#252;hrten daf&#252;r hehre Begr&#252;ndungen ins Feld – das Wohl des Unternehmens, seine Konkurrenzf&#228;higkeit, die Abwehr von Korruption und feindlichen Angriffen; diese &#228;hnelten frappierend den Sprachregelungen, mit denen im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der Kampf gegen die »Feinde der DDR« organisiert wurde.</p>
<p>&#220;bertroffen aber wurden sie alle noch von staatlicher Bespitzelungspraxis. Wie gerade jetzt aus Anlass des Urteils des Bundesverfassungsgerichts noch einmal klargemacht wurde, war es durch Gesetze der j&#252;ngeren Zeit dem Staat m&#246;glich geworden, theoretisch faktisch jeden Schritt jedes seiner B&#252;rger detailliert nachzuvollziehen und oft auch noch tief in sein allt&#228;gliches Denken und Handeln einzudringen, also im wahrsten Sinne des Wortes eine »fl&#228;chendeckende Aufkl&#228;rung« zu betreiben, von der die Staatssicherheit der DDR schon wegen der damals noch technischen Begrenzungen nur tr&#228;umen konnte. Die Ausforschung ging so weit, dass die Verfassungsrichter gro&#223;e Teile dieser Gesetzgebung f&#252;r grundgesetzwidrig erkl&#228;rten und – wie jetzt im Falle der Vorratsdatenspeicherung – sogar anordneten, alle derart gespeicherten Daten unverz&#252;glich zu l&#246;schen. <a href="http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5iPHFSkwOCNZlYN9HULvnBMND62YQ" target="_blank">Bundesinnenminister de Maizière</a> jedoch, der sich eigentlich auch als Verfassungsminister verstehen sollte, erkl&#228;rte unverhohlen seine Unzufriedenheit &#252;ber das Karlsruher Urteil und will durch die Hintert&#252;r gro&#223;er Teile der Bespitzelungspraxis retten. Ausdr&#252;cklich und im Gegensatz nicht nur zur Verfassung, sondern auch zu der oft ins Feld gef&#252;hrten einschl&#228;gigen <a href="http://www.zeit.de/newsticker/2010/3/7/iptc-bdt-20100307-257-24135796xml" target="_blank">EU-Richtlinie </a>verlangt er eine Fortf&#228;hrung der Vorratsdatenspeicherung auch f&#252;r leichtere Straftaten.</p>
<p>Dass ein Bundesverfassungsgericht solch rechtswidriges Tun stoppen kann, ist der unverkennbare Unterschied zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Aber dass Regierungsmitglieder gleichzeitig sofort dar&#252;ber nachdenken, wie das Grundgesetz nun in anderer Weise doch noch ausgehebelt werden kann, dass Wirtschaftsunternehmen in ihren Hoheitszonen wie selbstverst&#228;ndlich auf Methoden totalit&#228;rer &#220;berwachung zur&#252;ckgreifen und dass Medien sich als Demokratiew&#228;chter aufspielen k&#246;nnen, denen alles erlaubt sein m&#252;sse, zeigt zugleich, dass auch in einer Ordnung, die sich Rechtsstaat nennt, der Schoss, aus dem das Unrecht kriecht, noch fruchtbar ist.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Sturm auf die Stasi-Zentrale</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jan 2010 15:56:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eins der wenigen gewaltt&#228;tigen Ereignisse der Wendezeit 1989/90 fand heute vor 20 Jahren in der Berliner Normannenstra&#223;e statt. Hier residierte die geheimnisumwitterte Zentrale der DDR-Staatssicherheit, in der die Arbeit anscheinend unbeeindruckt vom Geschehen des letzten Vierteljahres auf den Stra&#223;en weiterzugehen schien. In den Bezirken der DDR waren die MfS-Verwaltungen bereits B&#252;rgerkomitees &#252;bergeben worden; nur in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eins der wenigen gewaltt&#228;tigen Ereignisse der Wendezeit 1989/90 fand heute vor 20 Jahren in der Berliner Normannenstra&#223;e statt. Hier residierte die geheimnisumwitterte Zentrale der DDR-Staatssicherheit, in der die Arbeit anscheinend unbeeindruckt vom Geschehen des letzten Vierteljahres auf den Stra&#223;en weiterzugehen schien. <span id="more-1444"></span>In den Bezirken der DDR waren die MfS-Verwaltungen bereits B&#252;rgerkomitees &#252;bergeben worden; nur in der Hauptstadt schien sich diesbez&#252;glich nichts zu tun. Das weckte zunehmendes Unverst&#228;ndnis, gepaart mit Ungeduld. F&#252;r den 15. Januar 1990 war zu einer Demonstration vor dem Hauptangang der MfS-Zentrale aufgerufen worden. Ausdr&#252;cklich sollten dazu auch Steine mitgebracht werden; man wollte die Tore des Stasi-Ministeriums symbolisch zumauern, um seine weitere Arbeit zu unterbinden. Bald zeigte sich jedoch, dass Steine auch anderweitig verwendbar waren. Die Masse vor dem Tor nahm eine immer bedrohlichere Haltung ein. Irgendwann beschlossen die verbliebenen Verantwortlichen der Staatssicherheit gemeinsam mit B&#252;rgerrechtlern, die sich l&#228;ngst im Inneren des Komplexes befanden, die &#214;ffnung der Tore.</p>
<p>Was dann geschah, ist dieser Tage immer wieder <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0113/berlin/0012/index.html" target="_blank">ausf&#252;hrlich beschrieben </a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/efa3aa9b3aaa41d79fa60eef50776f50" alt="" width="1" height="1" />worden. Nur wenig beachtet wurde dabei jedoch, dass eine gro&#223;e Diensteinheit des MfS, die sich »Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung« nennende Spionageabteilung, vom Sturm auf die Zentrale fast v&#246;llig verschont blieb. Folgender Text, der in den Jahren 1991/92 entstand und – hier geringf&#252;gig ver&#228;ndert – in dem Buch »Wolfs Westspione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde, wandte sich gerade diesem Ph&#228;nomen zu, beschrieb es, suchte also eine Antwort auf die Frage:</p>
<h3>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung &#8211; eine Insel im Sturm?</h3>
<p>Der 15. Januar 1990 ist ein k&#252;hler und regenfeuchter Tag. Noch vor 16 Uhr bricht die D&#228;mmerung herein, und eine Stunde sp&#228;ter ist es stockdunkel. Vor dem riesigen Geb&#228;udekomplex zwischen Frankfurter Allee und Normannenstra&#223;e im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg stehen jedoch tausende Demonstranten im glei&#223;enden Licht der Scheinwerfer und Lampen, die stets unbehinderte Sicht auf die Au&#223;enmauern des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit gew&#228;hrleisten sollten. Noch vor einigen Wochen h&#228;tten sich die Menschen nicht gewagt, hier l&#228;nger als irgend n&#246;tig zu verweilen – und wenn, sie w&#228;ren schnell durch die aufmerksamen Wachtruppen zum Weitergehen aufgefordert worden.</p>
<p>Heute ist es anders. Der Umbruch des Herbstes 1989 hatte dazu gef&#252;hrt, dass bereits im Dezember die &#246;rtlichen Verwaltungen des MfS in allen Bezirksst&#228;dten der DDR besetzt und anschlie&#223;end von Polizeikr&#228;ften gesichert wurden, um den Spielraum der Staatssicherheit einzuschr&#228;nken. Da war es nach Auffassung aller Beobachter nur eine Frage der Zeit, wann die Berliner Zentrale dieses Schicksal teilen w&#252;rde. F&#252;r diesen 15. Januar hatte das Neue Forum hatte zu einer Demonstration aufgerufen, zu der Steine mitgebracht werden sollten, um damit symbolisch die Zug&#228;nge zum Ministerium zuzumauern und so seine Weiterarbeit zu unterbinden.</p>
<p>Das Geschehen entwickelte sich jedoch in ganz anderer Weise, denn wie in den Bezirksst&#228;dten verlangten die Demonstranten Zugang zu den Dienstr&#228;umen, wollten sie die verhasste Unterdr&#252;ckungszentrale endlich von innen sehen, vielleicht ihre Akte suchen und die MfS-Mitarbeiter zur Rede stellen. Das Wachpersonal, bestehend aus Volkspolizisten, gibt diesem Druck bald nach. Auch die im Innern befindlichen Vertreter der B&#252;rgerrechtsgruppen – sie hatten seit Wochen Zugang zu allen Diensteinheiten des Ministeriums – sehen keinen Grund, den Demonstranten den Zutritt zu verweigern, und das umso mehr, als vor dem Tor allm&#228;hlich eine bedrohliche Situation entsteht.</p>
<p>Die Angeh&#246;rigen des fr&#252;heren MfS bzw. des Am<img class="alignright size-medium wp-image-1447" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/01/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />tes f&#252;r Nationale Sicherheit, wie es seit Amtsantritt der Modrow-Regierung hei&#223;t, befinden sich nur noch in geringer Zahl in den Arbeitsr&#228;umen. Sind sind seit langem entwaffnet und seit dem Wochenende zuvor bis auf einen kleinen Rest beurlaubt. Am Freitag und Sonnabend hatten sie ihren meist langj&#228;hrigen Arbeitsplatz f&#252;r immer verlassen, die letzten pers&#246;nlichen Gegenst&#228;nde – B&#252;cher, Bilder, Blumen usw. &#8211; mitgenommen. Nun war ein Kapitel ihrer Biografie abgeschlossen. Die meisten verfolgten das Geschehen des Montags am Fernsehapparat – und wer es bis dahin nicht wahrhaben wollte, wusste nun, dass es kein Zur&#252;ck mehr gab.</p>
<p>Die Besetzung der MfS-Zentrale Normannenstra&#223;e war zu erwarten gewesen; daher tut niemand etwas, um sie zu verhindern. Das Wachregiment war schon vor einiger Zeit abgezogen worden; die wenigen in den Dienstobjekten verbliebenen Mitarbeiter schreiten nicht ein. Die Demonstranten wenden sich dem protzigsten Bau auf dem Gel&#228;nde zu, ( / dem erst vor einigen Jahren fertiggestellten Versorgungstrakt. Einige jedoch erweisen sich als erstaunlich ortskundig und marschieren zielstrebig zum Geb&#228;ude der inneren Spionageabwehr. Deren bisher streng gesicherte Arbeitsr&#228;ume sind pl&#246;tzlich auf den TV-Schirmen zu sehen, wie sie ganz offensichtlich gezielt durchst&#246;bert werden. Der stellvertretende Leiter dieser Hauptabteilung II, Oberst Wiegand, hatte sich bereits im Dezember 1989 in Obhut des Bundesnachrichtendienstes begeben. Ausgestattet vielleicht mit seinen Lageskizzen d&#252;rften die BND-Agenten mehr gefunden haben als Parteitagsbrosch&#252;ren, Konservenb&#252;chsen und leere Dienstformulare.</p>
<p>All das verl&#228;uft ohne nennenswerte Gewalt, ohne Blutvergie&#223;en, beinahe friedlich. Ein Geheimdienst, der fast vierzig Jahre lang Angst und Schrecken verbreitet hatte, f&#228;llt zusammen wie ein Kartenhaus. Es zeigte sich, dass er bereits seit langem ein Koloss auf t&#246;nernen F&#252;&#223;en war, der weder eine Basis in der Bev&#246;lkerung noch den erwarteten R&#252;ckhalt in den eigenen Reihen besa&#223;. Wer Augen hatte zu sehen und Ohren, um zu h&#246;ren, der begriff, dass es dieses System nicht mehr wert war, verteidigt zu werden – zu zerr&#252;ttet war die Wirtschaft, zu unzufrieden war das Volk, zu starr und unbelehrbar die F&#252;hrung von SED und Staat. Radikale &#196;nderungen waren dringend vonn&#246;ten, und das Volk war in seltener Einm&#252;tigkeit entschlossen, diese herbeizuf&#252;hren.</p>
<p>Dem konnten viele Mitarbeiter der Staatssicherheit durchaus zustimmen. Bis auf fanatische Hardliner, die entweder das Gespenst der Konterrevolution an die Wand malten oder die Ereignisse engstirnig nur als tempor&#228;re Erscheinungen verstanden, sahen sie in der gro&#223;en Mehrheit keinen Anlass mehr, die dringend n&#246;tige Katharsis zu verhindern. Sie hatten zwar durch ihre Arbeit dem Regime zu seinem langen zerst&#246;rerischen Leben verholfen, doch jetzt war ihre Bereitschaft, es weiter gewaltsam zu sch&#252;tzen, verloren gegangen. Daraus erkl&#228;rt sich nicht zum geringsten der friedliche Verlauf der kommenden Ereignisse. Selbst jenes Organ, das von SED-und DDR-Staat zur eigenen Machtsicherung herangez&#252;chtet worden und zu einem gigantischen Apparat gewuchert war, versagte faktisch seinen Befehlsgebern die Gefolgschaft. Zwar konnte es sich nicht zu eigenem aktiven Handeln entschlie&#223;en, aber es griff dem Rad der Geschichte auch nicht in die Speichen.</p>
<p>Und mehr noch: Mit einer Reihe von Personen, mit denen das Ministerium seit langem – wenn auch auf sehr ungleicher Basis – zusammengearbeitet hatte, wurden stillschweigende &#220;bereink&#252;nfte gefunden, die die Gewaltlosigkeit von beiden Seiten sicherstellten. Nat&#252;rlich spielte dabei lange auch die Hoffnung eine Rolle, das Ministerium – in welcher Form auch immer – zu erhalten, denn so weit ging die Selbstverleugnung seiner Mitarbeiter nicht, dass sie ohne weiteres bereit waren, die eigene Dienst- und Arbeitsstelle zu opfern. Nun aber spielte selbst das keine Rolle mehr; dazu war die Entwicklung zu weit fortgeschritten. W&#228;hrend auf der einen Seite ein bewusstes Sch&#252;ren des »Volkszorns« vermieden wurde, sorgte das AfNS daf&#252;r, dass Hunderttausende offizielle und inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums ihre T&#228;tigkeit ohne nennenswerten Widerstand f&#252;r immer beendeten. Dieses Handeln, das sich in beiden Lagern heute mit dem Vorwurf des Verrats auseinander zu setzen hat, war wesentlich f&#252;r den friedlichen Verlauf des Wendeprozesses.</p>
<p>Ein Beispiel f&#252;r dieses insgeheime und zum Teil sicher auch unbewusste Einverst&#228;ndnis war der Umgang zwischen B&#252;rgerbewegung und Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung an diesem 15. Januar 1990. Zwar verirren sich auch einige Gr&#252;ppchen der Demonstranten in den 16-st&#246;ckigen Eckbau an Frankfurter Allee und Ruschestra&#223;e; sie ziehen sich jedoch zur&#252;ck, als sie erfahren, dass es sich hier um den Spionagedienst der DDR handelt. Die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung bleibt eine Insel im Sturm auf die Stasi-Zentrale an der Normannenstra&#223;e.</p>
<p>Warum diese Vorzugsbehandlung? Und war eine solche R&#252;cksichtnahme berechtigt?</p>
<p>Das Verhalten der B&#252;rgerrechtler entsprach den Vereinbarungen zwischen ihnen und der Leitung der HVA, das auch von der Anfang Januar 1990 gebildeten Arbeitsgruppe Sicherheit des Zentralen Runden Tisches getragen wurde. Die B&#252;rgerrechtler hatten bereits im Dezember Gespr&#228;che mit Vertretern der Aufkl&#228;rung aufgenommen. Sie trafen dabei auf einen Mann, der vom ersten Moment an einen gewinnenden Eindruck machte, beredsam war und offensichtlich ohne Einschr&#228;nkung Auskunft geben wollte. Es war der stellvertretende Leiter der Auswertungsabteilung der HVA, Oberst Dr. Heinz Busch. Aufgrund genannter Eigenschaften hatte ihn die Generalit&#228;t, die – in der Hoffnung auf eine nahtlose Weiterarbeit im angestrebten und von der Modrow-Regierung auf Empfehlung ihres Beraters Markus Wolf, des fr&#252;heren Chefs der DDR-Spionage, zugesagten »neuen« Auslandsnachrichtendienst – im Hintergrund bleiben wollte, f&#252;r diese heikle Aufgabe ausgew&#228;hlt. Busch entledigte sich ihrer mit Bravour. Er trat den B&#252;rgerrechtlern offensichtlich unbefangen entgegen, mit ausgesuchtem Zuvorkommen und ohne jene Feindseligkeit, die andere MfS-Offiziere im Umgang mit ihren einstigen »operativen Vorg&#228;ngen« nur schwer verbergen konnten. Er erl&#228;uterte, dass die HVA keinerlei Anteil an den Verbrechen des MfS habe, dass ihre Arbeit immer auf die Erhaltung des Friedens gerichtet gewesen sei und dass es nun gelte, die derart verdienstvollen Quellen vor dem Zugriff der anderen Seite zu sch&#252;tzen. Das verstanden die B&#252;rgerrechtler. Ihre humanistische Grundhaltung und wohl auch der Respekt vor den Kunbdschaftern in den westlichen L&#228;ndern veranlassten sie, die HVA weitgehende Handlungsfreiheit zu lassen. Sie glaubten auch, dass die Aufkl&#228;rung in das Unterdr&#252;ckungssystem nicht integriert gewesen sei.</p>
<p>Busch beeindruckte seine Gespr&#228;chspartner – wohl auch deshalb, weil er vieles von dem, was er sagte, ehrlich meinte. Er hoffte zwar auf eine Fortsetzung der nachrichtendienstlichen Arbeit, wollte sie aber auf eine andere Grundlage gestellt sehen. Eine Sicht, die seine Chefs nicht teilten. F&#252;r vorgeschoben, geeignet f&#252;r den Zweck des Zeitgewinns und wohl auch der T&#228;uschung. Busch erkannte das zu sp&#228;t, begriff aber im Januar, dass der Glaube an die Schaffung eines »neuen« Auslandsnachrichtendienstes Illusion war.</p>
<p>Er zog <em>seine</em> Konsequenz. Als er am 15. Januar vor dem Runden Tisch erneut die Interessen der HVA vertreten und sich auf diese Weise nun vor der gesamten Republik dekonspirieren sollte, wechselte er die Seite. Jetzt ist er ein Betreuungsfall des Bundesnachrichtendienstes. Seinen Part vor dem Runden Tisch &#252;bernahm daraufhin Oberst Ralf Devaux, ein Stellvertreter des Wolf-Nachfolgers Werner Gro&#223;mann. Er war f&#252;r die Dienste der Bundesrepublik ebenfalls kein Unbekannter, hatte er doch jahrelang die »legale Residentur« der HVA bei der St&#228;ndigen Vertretung der DDR in Bonn gef&#252;hrt. Devaux kam nicht mehr zu Wort vor dem Runden Tisch. Die Ereignisse an der Normannenstra&#223;e eskalierten und f&#252;hrten zur Unterbrechung der Beratungen. Und danach war das Schicksal des MfS besiegelt – und damit auch seines Spionagedienstes, der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Aus heutiger Sicht waren alle &#220;berlegungen des Herbstes 1989, noch etwas von der DDR-Aufkl&#228;rung zu retten, lediglich Wunschtr&#228;ume. Zu sehr war die HVA in den zur&#252;ckliegenden Jahren in den Verband der MfS-Diensteinheiten mit ihrer auf die Bespitzelung des »inneren Feindes« gerichteten Hauptaufgabe integriert worden, als dass sie sich guten Gewissens ganz und gar vom Gesamtministerium distanzieren konnte. Seit sie Mitte der 50er Jahre zur Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung <em>im</em> Ministerium f&#252;r Staatssicherheit wurde, war sie mit dessen Schicksal auf Gedeih und Verderb verbunden.</p>
<p>Die HVA profitierte von dem, was die Bereiche der Abwehr taten. Sie hatte Zugang zu den Erkenntnissen der Abwehr-Dienteinheiten und nutzte nat&#252;rlich diese M&#246;glichkeit f&#252;r ihre operative Arbeit. Un d sie revanchierte sich daf&#252;r, indem sie geeignete Informationen der Abwehr &#252;bergab. In der HVA war die von Mielke und der Abwehr praktizierte »fl&#228;chendeckende &#220;berwachung« nahezu des gesamten Volkes gewiss nicht sonderlich gesch&#228;tzt und wurde von ihr schon gar nicht forciert. Denn nicht selten behinderte sie dieses Misstrauen gegen jeden und alles in ihrer eigenen Arbeit, die sich ganz anderer Methoden bedienen musste, wollte sie erfolgreich sein. Aber die HVA hatte sich der falschen Sicherheitsdoktrin auch nie entgegengestellt, sondern von ihren Resultaten genommen, was ihr n&#252;tzte. In dem Bestreben, die eigene – f&#252;r notwendig und n&#252;tzlich erachtete – Arbeit m&#246;glichst effektiv tun zu k&#246;nnen, hat sie Kompromisse geschlossen und Zugest&#228;ndnisse gemacht, die im Endeffekt dazu f&#252;hrten, dass sie sp&#228;ter neben andere Diensteinheiten des MfS auf die Anklagebank gesetzt wurde.</p>
<p>Und doch ist Differenzierung vonn&#246;ten! Denn die Grundaufgaben der HVA waren nat&#252;rlich andere als die der Abwehrbereiche. Es ging tats&#228;chlich um eine T&#228;tigkeit, die in nahezu allen Staaten dieser Erde nichts Besonderes darstellt, obwohl sie stets und in jedem Falle gegen die Interessen eines anderes Landes verst&#246;&#223;t, mit dem man in der Regel normalen, wenn nicht gar freundschaftlichen Kontakt pflegt. Dass sich die Staaten in dieser Weise ausforschen, wird von allen augenzwinkernd akzeptiert; ungem&#252;tlich verspricht es nur f&#252;r die daran beteiligten Staatsb&#252;rger des jeweils eigenen Landes zu werden, sobald man ihrer habhaft wird. Diese geheimdienstliche T&#228;tigkeit richtet sich nach au&#223;en und hat – sofern der Dienst konsequent ist (was man in den meisten F&#228;llen aber nicht voraussetzen kann) – nichts mit der Spitzelt&#228;tigkeit nach innen zu tun. Die HVA konnte sich vom unmittelbaren Mittun tats&#228;chlich weitgehend fernhalten, gab es doch im MfS Bereiche, die sich dieser spezifischen Aufgabe eigenverantwortlich – und auch eifers&#252;chtig gegen&#252;ber jeder Kompetenzeinschr&#228;nkung – widmeten. Dazu jedoch hatte die HVA Amtshilfe geleistet, ohne Scheu kooperiert und vieles stillschweigend akzeptiert – weil sich so die Arbeit bequemer machen lie&#223;.</p>
<p>Die HVA war keine Insel im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit; dazu gab es zu viele Br&#252;cken und &#220;berg&#228;nge zwischen ihr und den Abwehrbereichen. Insofern fragten sp&#228;ter viele, ob sie es »verdient« hatte, dass die Sturmwellen des Protestes sie damals verschonten. Und sie gaben auch die Antwort, indem sie den Spionageapparat letztlich auch &#228;chteten – als einen voll mithaftenden Bestandteil der Stasi.</p>
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