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	<title>blogsgesang.de &#187; NVA</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>&#8220;Stell Dir vor es ist Krieg und alle gehen hin&#8230;&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Jan 2012 20:10:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
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		<description><![CDATA[  (rhe) In der Landeshauptstadt Dresden l&#228;dt das neu er&#246;ffnete Milit&#228;rhistorische Museum der Bundeswehr zu einer glanzvollen Begegnung mit 800 Jahren Gewalt und Verderben. Der j&#252;dische Stararchitekt Daniel Libeskind schuf dazu eine umstrittene r&#228;umliche Voraussetzung. Wer  auch Jacques Offenbachs Antikriegssatire „Gro&#223;herzogin von Gerolstein“ in der Dresdner Staatsoperette gesehen hat, denkt &#252;ber Utopien nach, die das 21. Jahrhundert [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="mceTemp"> <strong></strong></div>
<div class="mceTemp"><strong>(rhe) In der Landeshauptstadt Dresden l&#228;dt das neu er&#246;ffnete Milit&#228;rhistorische Museum der Bundeswehr zu einer glanzvollen Begegnung mit 800 Jahren Gewalt und Verderben. Der j&#252;dische Stararchitekt Daniel Libeskind schuf dazu eine umstrittene r&#228;umliche Voraussetzung. Wer  auch Jacques Offenbachs Antikriegssatire „Gro&#223;herzogin von Gerolstein“ in der Dresdner Staatsoperette gesehen hat, denkt &#252;ber Utopien nach, die das 21. Jahrhundert aber nicht  bieten kann.</strong> <span id="more-3654"></span></div>
<p style="text-align: justify;">Nach sieben Jahren Bauzeit wurde im vergangenen Herbst mit einem ministeriellen Festakt das Milit&#228;rhistorische Museum der Bundeswehr er&#246;ffnet. Als die schon im Vorfeld von den Medien reichlich gew&#252;rdigte Schau f&#252;rs Publikum seine Pforten auftat, standen die Besucher Schlange. Die Mehrzahl von ihnen gewiss nicht nur, weil die Besichtigung von 800 Jahren Gewalt und Verderben vorerst nichts kostet.</p>
<p style="text-align: justify;"><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/58eb69bd221647c7956bd597fe964b19" alt="" width="1" height="1" />F&#252;r ein Dutzend Journalisten aus Spanien, Frankreich, Tschechien, Italien und Deutschland boten die in f&#252;nf Etagen auf 19000 Quadratmetern platzierten 10500 Exponate gen&#252;gend Stoff f&#252;r Recherche und Urteil. Auch sie sind in die 210 000 Besucher einzurechnen, die bis zum Jahresende der neuen Dresdner Attraktion ihre Aufwartung machten.</p>
<div class="mceTemp">
<div id="attachment_3671" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-alle-gehen-hin/foto-presseteam-dresden-6/" rel="attachment wp-att-3671"><img class="size-medium wp-image-3671" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/foto-presseteam-dresden5-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Der &quot;Libeskind-Keil&quot; scheidet die Geister, auch die der Journalisten</p></div>
</div>
<p style="text-align: justify;">Man konnte gespannt sein, ob und wenn ja wie die Internetofferten des Veranstalters Bundes-wehr zu einem der gr&#246;&#223;-ten und modernsten mili-t&#228;rhistorischen Museen Europas zu verstehen sind. Zu einem Komplex, dessen Vorl&#228;ufer von 1972 bis zur Wende das Armeemuseum der DDR mit der Geschichte der NVA und dem ihrer B&#252;ndnispartner war.</p>
<p style="text-align: center;" align="center"><strong>Im Mittelpunkt stirbt der Mensch</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Informativ, multiperspektivisch, kritisch modern, forschungsaktuell wolle sich das brandneue  Angebot pr&#228;sentieren, mit dem ohne Pathos eine kritische Auseinandersetzung angestrebt werde. Im Mittelpunkt der Dauerausstellung stehe der Mensch „mit all seinen &#196;ngsten, Hoffnungen, Leidenschaften, Erinnerungen, Trieben, mit Mut, Vernunft und Aggressionsbereitschaft.“ Sie zeige Bausteine der Kulturgeschichte von Gewalt und Verderben, dessen Wesen und Ursache. Milit&#228;r solle nicht nur als Institution, sondern auch als Faktor wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und gesamt&#246;ffentlichen Lebens verstanden werden. Verteidigungsminister Thomas de Maizière: „Die Neukonzeption des neuen Museums bietet ungewohnte Lesarten der Milit&#228;rge-schichte.“ Es provoziere und sei &#8211; im besten Sinne &#8211; anst&#246;&#223;ig.</p>
<p style="text-align: justify;">Im medialen Schatten, der &#252;ber das nach einem Entwurf von Libeskind mit einem Kostenaufwand von 62,5 Millionen Euro um einen Neubau – „den Keil“ &#8211; erweiterte historische Arsenalgeb&#228;ude von 1877 am Olbrichtplatz fiel, finden sich mehr Fragen als Antworten zum Thema Krieg, Gewalt und die Deutschen. Die v&#246;llig neu konzipierte Ausstellung zu 800 Jahren deutscher Milit&#228;rgeschichte erf&#228;hrt oft wohlwollende Zustimmung, einzeln die kritische Analyse, hin und wider auch konstruktive Vorschl&#228;ge. F&#252;r manche Autoren ist die mit dem Angebot verbundene Zumutung unerkl&#228;rbar. Nicht wenige Besucher halten im G&#228;stebuch offensichtliche, aber behebbare M&#228;ngel in der Pr&#228;sentation fest. Einzelne lehnen – hoch emotionalisiert &#8211; die Schau demonstrativ als unzumutbar ab: „Schade um das viele Geld!“</p>
<p style="text-align: justify;">Dem „braunen Geist“ widmet sich der Leserbrief in einem hauptst&#228;dtischen Blatt. Man k&#246;nne sich in der neuen Ausstellung an Hakenkreuzen satt sehen. „Selbst die in feudaler Manier geschaffenen &#214;lgem&#228;lde eitler Selbstdarstellung der nazistischen Wehrmachtsgr&#246;&#223;en wurden vom M&#252;llplatz der Geschichte geholt…&#8221; Die Beitr&#228;ge des Literaten Kurt Tucholsky zum deutschen Militarismus habe er dort vergebens gesucht, was bei dem Hauptgeldgeber dieser „Histroy Show“, der Bundeswehr, auch nicht verwundern k&#246;nne. „Wer auf der Suche nach dem braunen Geist in der deutschen Gesellschaft ist, wird hier gewiss f&#252;ndig“.</p>
<p style="text-align: center;" align="center"><strong>Krieg und Gewalt als Touristenmagnet ? </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Keine Frage – der  Reporter hat solche Stimmen ernst zu nehmen. F&#252;r ihn ist  die von sachkundigen „G&#228;stef&#252;hrern“ begleitete informative Visite allerdings auch mit hohem Erkenntnisgewinn verbunden: direkte Konfrontation mit einem schwer erkl&#228;rbaren negativen Ph&#228;nomen der Menschheitsgeschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">Das konzeptionelle Anliegen der  Macher vom milit&#228;rischen Dienst wird durch die von ihnen gew&#228;hlten unterschiedlichen Rezeptionsvarianten &#8211; thematischer Querschnitt, chronologischer Rundgang -  Herausforderung, Zumutung und Provokation zugleich.  Wie Krieg in unterschiedlichen Erscheinungsformen funktionieren kann, zeigen pomp&#246;se Schlachtengem&#228;lde, Bilder von zerst&#246;rten St&#228;dten und Zivilisten,  letzte Briefe  sterbender Soldaten. Memoiren fragw&#252;rdiger Kriegshelden, aufhellende Dokumente zur Produktion von Waffen.  Auch Minipanzer f&#252;r Jugendliche und Kriegsspielzeug f&#252;r Kinder werden vorgef&#252;hrt. Verblassen die Schrecken des realen Krieges nicht hinter einer zu gro&#223;en Zahl gl&#228;nzend aufpolierter Exponate?</p>
<p style="text-align: justify;">Wohin der Krieg die Menschheit f&#252;hrt und wer die Opfer sind, dar&#252;ber wird also in Dresden Mitteilung gemacht. Wer aber sind die wirklichen T&#228;ter? Wer braucht den Krieg? F&#252;r welchen Zweck?  Die Frage aller Fragen: Wer waren &#252;ber acht  Jahrhunderte  die &#8220;Kriegsgewinnler&#8221; und wer sind heute die wirklichen Profiteure? Besteht Aussicht  auf dauerhaften Frieden?</p>
<p style="text-align: justify;">Ob sich die Mehrheit von Besuchern dieser heiligen Hallen des Krieges solche Fragen stellt, bleibt nur zu hoffen. Da die Materie schwierig und die Zusammenh&#228;nge oft kompliziert sind, gibt es, wie Presseoffizier Major Alexander Georgi gegen&#252;ber Blogsgesang erkl&#228;rt, bis dato mehr als 750 G&#228;stef&#252;hrungen &#8211; Schulklassen, Soldaten, Vereine, Brigaden, Familien – „die Dialog f&#246;rdernd Zusammenh&#228;nge und Hintergr&#252;nde sichtbar machen sollen“. Au&#223;erdem w&#228;ren Sonderausstellungen geplant. Beispielsweise im Februar zur Kriegsfotografie von James Nachtway. Der so ber&#252;hmt wie umstrittene hoch dekorierte Amerikaner wurde gerade bei einem Einsatz f&#252;r das US-Magazin „Time“ im Irak schwer verletzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Dezember  soll  der 70. Jahrestag der Stalingrader Schlacht  ins Programm. Um ein Ereignis zu w&#252;rdigen, das dem Verlauf des Zweiten Weltkrieges eine entscheidende Wende gab. Hitler &#8211; dessen Machwerk und &#8220;Vorbote&#8221; des Krieges „Mein Kampf“ in diesen Tagen auszugsweise und kommentiert auf den Markt profitorientierter Eitelkeiten kommt – hatte dazu mit „Barbarossa“ (s)einen Plan geliefert. Eine „Erf&#252;llung“ war von der Geschichte nicht vorgesehen. &#220;ber den Dresdener „Anteil“ an den &#252;ber 50 Millionen Toten gibt die Ausstellung Auskunft.</p>
<p style="text-align: center;" align="center"><strong>Das Gewehr, aus dem kein Schuss f&#228;llt</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Eine Antwort anderer Art auf die existentielle Frage Krieg oder Frieden hat Jacques Offenbach mit seiner „Gro&#223;herzogin von Gerolstein“ gegeben. Der Sensationserfolg der Pariser Weltausstellung von 1867 handelt von einem Krieg, der am Ende gar nicht stattfindet. Im Mittelpunkt steht Grenadier Fritz, der in den drei Opèra-bouffe-Akten von der Gro&#223;herzogin binnen kurzer Zeit vom einfachen Soldaten zum General und, weil er ihren mannstollen Avancen nicht folgen will, wieder zur&#252;ck bef&#246;rdert wird.</p>
<div id="attachment_3656" class="wp-caption alignleft" style="width: 288px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-alle-gehen-hin/foto-grosherzogin-von-gerolstein/" rel="attachment wp-att-3656"><img class="size-medium wp-image-3656" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/foto-gro&#223;herzogin-von-gerolstein-278x300.jpg" alt="" width="278" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Das unsterbliche Duo: Gro&#223;herzogin von Gerolstein und Grenadier Fritz</p></div>
<p style="text-align: justify;">Mit der turbulenten Hand-lung verbunden sind ein B&#252;ndel von Anspielungen. Auf die russische Zarin Katharina II., auch auf die verderbliche Expansions-politik Preu&#223;ens, das seiner Zeit gerade dabei ist, die Verh&#228;ltnisse in Europa per Krieg und Gewalt neu zu ordnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Die paradoxerweise an der Front spielende Dresdner Inszenierung stellt in Rech-nung, dass absehbar der – nun modernisierte &#8211; Krieg auch im 21. Jahrhundert rund um den Erdball als Mittel der Politik zum Zwecke von Machterhalt und Machtgewinn weiterhin seine verdammenswerte unheilvolle Rolle spielt. Insofern wird  dem Besucher hier – Rakete und Flugzeug fehlen nicht! &#8211; konsequent ein Panoptikum aller Kriege der Weltgeschichte, auch der zuk&#252;nftigen, eindrucksvoll in Szene gesetzt. Ungeachtet dessen aber bleibt ein Krieg, der – aus welchen dubiosen Gr&#252;nden auch immer &#8211; nicht stattfindet, weiterhin eine begr&#252;&#223;enswerte Utopie. Die Hoffnung darauf stirbt zuletzt.</p>
<p style="text-align: center;" align="center"><strong>Sch&#246;nste Frau, sch&#246;nster Milchladen</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Hoffnung auf  Frieden kommt auf  bei der Besichtigung von Raffaels Sixtinischer Madonna mit dem Jesuskind im Arm.  Die Galerie Alte Meister folgt dem  Besuch von Milit&#228;rmuseum und Staatsoperette.  Von diesem weltbe-r&#252;hmte Meisterwerk der italienischen Renaissancesollen  sollen Goethe, Ibsen und Hebbel „verz&#252;ckt“, Dostojewski dagegen eher „entt&#228;uscht“ gewesen sei. Der Reporter steht, inmitten von Touristen aus Japan und Russland, in stiller Andacht vor diesem Werk.</p>
<div id="attachment_3664" class="wp-caption alignright" style="width: 230px"><a href="http://www.blogsgesang.de/2012/01/24/stell-dir-vor-es-ist-krieg-und-alle-gehen-hin/blog12-foto-sixtinsiche-madonna-2/" rel="attachment wp-att-3664"><img class="size-medium wp-image-3664" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2012/01/blog12-foto-Sixtinsiche-Madonna1-220x300.jpg" alt="" width="220" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Raffaels Sixtinische Madonna: ein italienisches Meisterwerk seit 250 Jahren zu Gast in Dresden</p></div>
<p style="text-align: justify;">Welchselbiges eine gro&#223;e Sonder-ausstellung mit insgesamt rund 140 Objekten kr&#246;nen soll.  Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden feiern vom 26. Mai bis 26. August Raffaels Kultbild unter dem Titel „Die sch&#246;nste Frau der Welt wird 500“.</p>
<h3 style="text-align: center;">***</h3>
<div class="mceTemp" style="text-align: justify;">Nicht ganz so spektakul&#228;r, daf&#252;r aber im Guinness-Buch der Rekorde ge-f&#252;hrt, ist der „sch&#246;nste Milchladen der Welt“. Im Molkereiladen der Gebr&#252;der Pfund gibt eine Urkunde Auskunft &#252;ber  den „Rekord sch&#246;nster Milch-laden der Welt, ausgestattet mit 247,90 Quadratmetern handbemalter Fliesen“. Davon erfahren  die von Dresden Marketing vorz&#252;glich betreu-ten und gef&#252;hrten Journalisten auf der mit 22 Haltestellen ausgewiesenen Sightseeing Bustour. Vom Wei&#223;en Hirsch herkommend, in dem Uwe Tellkamps bei Suhrkamp erschienene 1000-Seiten-Familiensaga „Der Turm“ ma&#223;geblich spielt. Eine brisante Passage darin ist  in den achtziger Jahren bei der NVA angesiedelt. Die ausgediente  Armee hat jetzt im neuen Milit&#228;rmuseum der Bundeswehr ihren historischen Platz…</div>
<p style="text-align: justify;">
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil IV)</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Aug 2010 20:51:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geschichtsbuch]]></category>
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		<description><![CDATA[Wieder einmal soll der Bundestag daraufhin &#252;berpr&#252;ft werden, inwieweit das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR Einfluss auf die bundesdeutsche Politik genommen hat. Angesichts der geringen Zahl noch nicht bekannter F&#228;lle oder gar einer Fehlmeldung kein Thema, das noch gro&#223;e Aufregung ausl&#246;st. Dabei ist diese Einflussnahme unstrittig, vor allem durch die so genannten aktiven Ma&#223;nahmen der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wieder einmal soll der Bundestag daraufhin &#252;berpr&#252;ft werden, inwieweit das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR Einfluss auf die bundesdeutsche Politik genommen hat. Angesichts der geringen Zahl noch nicht bekannter F&#228;lle oder gar einer Fehlmeldung <span id="more-1840"></span><a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0807/seite1/0103/index.html" target="_blank"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/77db0ea9416846709feb5ee8a4ac2d2e" alt="" width="1" height="1" />kein Thema, das noch gro&#223;e Aufregung ausl&#246;st</a>. Dabei ist diese Einflussnahme unstrittig, vor allem durch die so genannten aktiven Ma&#223;nahmen der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung (HVA) des MfS wurde versucht, politische Entscheidungen in Bonn zu beeinflussen.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/08/West-Spione1-199x300.gif"><img class="alignright size-full wp-image-1842" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/08/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Dabei aber stand der DDR-Geheimdienst nicht allein. Verdeckte Operationen geh&#246;ren seit je zum Arsenal der Spionaget&#228;tigkeit, und es ist ein offenes Geheimnis, dass sich auch die bundesdeutschen Dienste, der Verfassungsschutz wie der BND, dieses Mittels bedienen. Und ebenso gibt es immer wieder Hinweise auf eine nachrichtendienstliche Anbindung des einen oder anderen Bundestagsabgeordneten. Dahinein Licht zu bringen ist nat&#252;rlich nicht vorgesehen, und auch die systemtreuen Medien <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0807/meinung/0135/index.html" target="_blank">artikulieren dieses Problem nur vereinzelt</a>.</p>
<p>Bez&#252;glich der HVA ist schon bald nach der Wende dazu Grunds&#228;tzliches gesagt worden; inzwischen wurde es durch zahlreiche Fakten angereichert. Was dazu in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, berichtet wurde – im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress – ist hier nachzulesen:</p>
<h2>Schweres Blei der »Tschekisten«</h2>
<p>Der ganze Saal erhob sich wie ein Mann. »Die ruhmreichen Tschekisten – sie leben hoch! Hoch! Hoch!« Der Minister hatte das Startsignal zur lautstarken Huldigung gegeben, und keinen gab es, der sich ihr verweigerte. Bereits zuvor war in nahezu inhalts­gleichen Reden der Beitrag der »Gesamtrussischen Au&#223;erordentli­chen Kommission zur Bek&#228;mpfung von Konterrevolution und Sabotage«, der sogenannten Tscheka, zur Oktoberrevolution und zur Abwehr aller seitherigen Angriffe auf die »Macht des Sozialis­mus« gew&#252;rdigt worden. Generaloberst Markus Wolf hatte h&#246;chst­pers&#246;nlich eine rotlederne Kassette &#252;berreicht, in der sich einige wertvolle Aufkl&#228;rungsinformationen befanden – vielleicht der BND-Jahresbericht oder die Ost-West-Studie der NATO. Diese rituelle »Schenkung« geh&#246;rte seit langem zum Szenario deutsch­sowjetischer »Kampf-Meetings« – ungeachtet dessen, dass der KGB die Informationen l&#228;ngst auf unspektakul&#228;rem Wege erhalten hatte.</p>
<p>Auf die Show aber durfte nicht verzichtet werden. Sie bot den sowjetischen Tschekisten und ihren deutschen Genossen Gelegen­heit, neben Gru&#223;adressen auch Orden auszutauschen und eben immer wieder Hochrufe auszubringen: Die Waffenbr&#252;derschaft von KfS – wie der KGB schamhaft eingedeutscht genannt wurde – und MfS sei unverbr&#252;chlich! Tats&#228;chlich bestand das schlimmste Manko des DDR-Nachrichtendienstes darin, dass er – wie fast alle anderen gesellschaftlichen Erscheinungen der DDR – aus einer stalinistisch gepr&#228;gten Tradition hervorging. Lenin hatte im Dezember 1917 mit der »Tscheka« ein Organ geschaffen, das eine Revolution m&#246;glicherweise braucht, um den Sieg der Stra&#223;e vor Gegenangriffen zu sch&#252;tzen, aber er hat nicht verhindern k&#246;nnen, dass sich diese »Tscheka« bald verselbst&#228;ndigte, 1922 den nichtssagenden Namen »Staatliche politische Verwaltung« (GPU) zulegte, um bald danach zum blutigen Terrorinstrument Stalins gegen alle diejenigen zu werden, die er seine Feinde nannte.</p>
<p>Seitdem war das »Feindbild« ein Schl&#252;sselbegriff geheim­dienstlicher Arbeit in einem »sozialistischen« Land – ob er nun nach au&#223;en oder nach innen operierte. Es schloss ein, misstrauisch gegen&#252;ber allem zu sein, was sich au&#223;erhalb der DDR-Grenzen tat oder was gar von au&#223;erhalb in irgendeiner Weise auf die DDR einwirkte. Wie dieses »Feindbild« noch ein Jahr vor der Wende aussah, demonstrierte Erich Mielke in einer Rede am 17. Oktober 1988, als er auf einer Tagung der Aufkl&#228;rungsorgane sozialistischer L&#228;nder den »strategischen Plan des Imperialismus zur Schw&#228;­chung, Destabilisierung und Zersetzung des Sozialismus« entlarvte, der gekennzeichnet sei</p>
<p>»– durch die gezielte Verbindung von Wettr&#252;sten, politischer und &#246;konomischer Druckaus&#252;bung bzw. Erpressung sowie forcier­ter ideologischer Diversion und aller anderen Formen ihrer W&#252;hl- und Zersetzungst&#228;tigkeit,</p>
<p>– durch die verst&#228;rkte Einflussnahme auf die sozialistischen L&#228;nder &#252;ber den Ausbau der Wirtschafts- und der wissenschaftlich­-technischen Beziehungen und die Einbeziehung in internationale, vom Westen beherrschte Organisationen auf diesen Gebieten,</p>
<p>– durch ein differenziertes und der Lage in den einzelnen sozialistischen L&#228;ndern angepasstes Vorgehen,</p>
<p>– durch die Aktivierung innerer Feinde und oppositioneller Kr&#228;fte sowie</p>
<p>– durch die Sch&#252;rung antisozialistischer und nationalistischer Stimmungen.«</p>
<p>Eine solche Weltsicht, die alles &#220;bel nur von au&#223;en kommen sah, w&#228;hrend die eigene Politik offensichtlich ohne Makel war, hatte selbstverst&#228;ndlich Konsequenzen auch f&#252;r die T&#228;tigkeit der HVA, wenn sie hier auch etwas differenzierter formuliert wurde. Doch die unkritische &#220;bernahme fast aller sowjetischen Erfahrun­gen in der Geheimdienstarbeit durch Markus Wolf f&#252;hrte dazu, dass die DDR-Spionage von Anfang an mit dem Blei der Tschekisten belastet war und sich daraus einige ihre Strukturentscheidungen und konkreten Operationen erkl&#228;ren. Dabei darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass die Form der Auseinandersetzung, wie sie auch von den westlichen Geheimdiensten gef&#252;hrt wurde, nicht gerade dazu einlud, die Samthandschuhe &#252;berzustreifen. Ursache und Wirkung stehen hier – auf beiden Seiten – in einem engen Zusammenhang; dennoch wurden seitens der HVA Kampfmittel benutzt, die weder dem humanistischen Anspruch des Sozialismus gerecht wurden noch operativ sinnvoll waren.</p>
<p>F&#252;r die Mitarbeiter der HVA stellten sich derlei Gedanken in der Regel nicht. Die »tschekistische« Tradition war Bestandteil des Dienstes im Mini­sterium f&#252;r Staatssicherheit, ihre Rituale machten sie – wenn auch mitunter innerlich l&#228;chelnd oder auch abgesto&#223;en – mit; ansonsten aber war ein konkret umrissener Auftrag zu erf&#252;llen, dessen Hintergrund sich kaum einer der HVA-Angeh&#246;rigen in vollem Ma&#223;e vergegen­w&#228;rtigte. Dies war bei den meisten weniger Verdr&#228;ngung als einfach der Glaube, als Mitarbeiter einer offiziellen staatlichen Beh&#246;rde, eines Ministeriums, eine legitime Arbeit zu verrichten und mit den dabei verwandten Methoden – im Nachrichtendienst denen der westlichen Gegner nicht un&#228;hnlich – kein Unrecht zu tun. Der Sinn mancher Ma&#223;nahme erschloss sich auch nicht, doch da standen die »Tschekisten« in dieser Gesellschaft nicht allein. Der Begriff der Pflichterf&#252;llung ist keiner aus dem sozialistischen Vokabular – wenn auch einger&#228;umt werden muss, dass das milit&#228;rische Regime im MfS im Verein mit der Parteidisziplin (alle Stasi-Mitarbeiter waren Mitglieder der SED) eine besondere Kritiklosigkeit gegen­&#252;ber Weisungen der Vorgesetzten erzeugte. So wurden auch Unter­nehmungen durchaus mit Engagement geplant und ausgef&#252;hrt, die mit normaler nachrichtendienstlicher Arbeit nichts zu tun haben.</p>
<p>Hierzu geh&#246;rten ohne Zweifel die sogenannten aktiven Ma&#223;nah­men, Operationen der verdeckten politischen Einflussnahme auf Prozesse und Personen des jeweiligen Operationsgebietes mittels gezielter Lancierung von zutreffenden Fakten, aber auch von Desinformationen. Diese Art nachrichtendienstlicher T&#228;tigkeit nahm in der sowjetischen Geheimdienstarbeit seit l&#228;ngerem einen hohen Rang ein. Im Jahre 1959 wurde im KGB eine spezielle Abteilung daf&#252;r geschaffen. Der junge Spionagedienst der DDR kannte solche Methoden zun&#228;chst nicht, aber nach sowjetischem Vorbild begannen in den 60er Jahren auch hier einschl&#228;gige Experimente, ehe 1968 die Abteilung X entstand, die seither fast ausschlie&#223;lich f&#252;r die »aktiven Ma&#223;nahmen« verantwortlich zeichnete. Der Verfassungsschutzbericht 1983 nannte als Ziel »aktiver Ma&#223;nahmen« durchaus zutreffend, »auf die Innen- und Au&#223;enpolitik vornehmlich westlicher Staaten Einfluss zu nehmen, ihre Beziehungen untereinander wie zu den Staaten der dritten Welt zu unterminieren und ihre politischen Repr&#228;sentanten und Institutionen zu diskreditieren, um langfristig die eigenen politischen Absichten zu f&#246;rdern. Sie unterst&#252;tzen auf diese Weise die au&#223;enpolitischen Zielsetzungen der Warschauer-Pakt-Staaten mit nachrichtendienstlichen Mitteln.« Sp&#228;ter wurden solche Aktionen – wohl auch wegen ihrer nicht selten spektakul&#228;ren Begleiterscheinungen – oft &#252;bertrieben darge­stellt. Die zust&#228;ndige Abteilung verf&#252;gte &#252;ber nicht mehr als 80 Mitarbeiter, und insgesamt blieben ihre Ergebnisse begrenzt. Au&#223;erdem waren sie keineswegs eine Erfindung &#246;stlicher Geheim­dienste.</p>
<p>Die Methoden dazu sind – auf beiden Seiten – vielf&#228;ltig, gehen aber fast alle auf ein Grundmuster zur&#252;ck: Ausgehend von tats&#228;ch­lichen Begebenheiten, &#196;u&#223;erungen, Differenzen wird eine gef&#228;rbte Information produziert, die von der Wahrheit nur soviel abweicht, dass sie glaubw&#252;rdig bleibt, aber doch soviel L&#252;ge enth&#228;lt, dass sie das Denken und Handeln des Empf&#228;ngers im gew&#252;nschten Sinne ver&#228;ndert. Als Multiplikator solcher Falsifikate dienen in der Regel die Medien, denen das Material auf verschlungenen Wegen zuge­spielt wird und die es nicht selten gen&#252;sslich verbreiten.</p>
<p>Die Geschichte des Kalten Krieges ist reich an solcherart Operationen. Sie sind der Versuch, Interessen auch dort durchzu­setzen, wo das mit offenem Visier – zumeist wegen der Schw&#228;chen der eigenen politischen Position – nicht m&#246;glich ist. Der Verfas­sungsschutz griff zu diesen Methoden schon zu jenen Zeiten, als f&#252;r ihn die Bek&#228;mpfung jeglicher »kommunistischer Umtriebe« noch absolute Priorit&#228;t hatte. Der sp&#228;tere BfV-Chef Nollau beschrieb in seinen Memoiren, wie auch er Ende der 50er Jahre die Herausgabe einer Publikation mit dem Titel »Der Dritte Weg« initiierte, die den Eindruck erwecken sollte, von »Reformkommunisten« geschrieben zu sein. Nollau hoffte, das »obskure Bl&#228;ttchen«, wie er es selbst nannte, »werde in der illegalen KPD zersetzend wirken und uns die M&#246;glichkeit er&#246;ffnen, unter den Dissidenten, die wir kennenzuler­nen hofften, Informanten zu gewinnen«. Andere Dienste blieben mit ihren »verdeckten Operationen« – erinnert sei hier nur an die Rolle der CIA in der Schweinebucht-Aff&#228;re – nicht bei der politischen Einflussnahme stehen.</p>
<p>Dass die »aktiven Ma&#223;nahmen« seitens der sozialistischen L&#228;nder sp&#228;ter das Niveau einer ausgesprochenen Konjunktur erreichten, verr&#228;t auch etwas dar&#252;ber, wie wenig es ihnen m&#246;glich war, ihre Zielvorstellungen in der unmittelbaren politischen Aus­einandersetzung zu realisieren; sie sahen sich immer wieder veranlasst, zu t&#252;ckischen Methoden zu greifen. In der UdSSR waren die Desinformationen ein inh&#228;rentes Mittel des au&#223;enpolitischen Wirkens der Kommunistischen Partei. Diese glaubte offenbar, dass die Lancierung get&#252;rkter Meldungen in die westliche Presse das kapitalistische System ersch&#252;ttern k&#246;nne und forcierte deshalb derartige Aktivit&#228;ten, wo immer es ihr in den Kram passte. Die zust&#228;ndige KGB-Diensteinheit hatte – wie Ende 1991 in Moskau offiziell mitgeteilt wurde – Amtsr&#228;ume im Geb&#228;ude des Zentralkomitees; hier arbeitete sie der »Internationalen Abteilung« direkt zu. Der zeitweilige UdSSR-Au&#223;enminister Boris Pankin bezifferte die Zahl der KGB-Mitarbeiter im Au&#223;enamt auf etwa 50 Prozent. Sie h&#228;tten s&#228;mtliche Botschaften kontrolliert und die Mehrzahl der Botschafter in der Hand gehabt. Einer dieser Pseudo-­Diplomaten soll nach Darstellung des britischen Autors John Barron erkl&#228;rt haben: »Wir werden die &#246;ffentliche Meinung im Westen mit allen offenen und verdeckten Mitteln nach unserem Belieben manipulieren &#8230; Wir haben die Mittel, um im Westen Dutzende von neuen Organisationen zu gr&#252;nden und bestehende Tarnorganisationen zu st&#228;rken.« So weit ging die Verquickung der Abteilung X der HVA mit dem Parteiapparat der SED nicht, aber dass es Abstimmungen gab, wo ihre »aktiven Ma&#223;nahmen« die Parteipolitik unterst&#252;tzen konnten und wo sie zu unterbleiben hatten, um nicht kontraproduktiv zu wirken, ist sicher.</p>
<p>Wenn die Desinformationst&#228;tigkeit der HVA nie den Stellen­wert erreichte, der ihr im KGB zugewiesen wurde, so hing das vor allem mit der begrenzten Wirkung zusammen, die solche Ma&#223;nah­men in der Bundesrepublik und in Drittl&#228;ndern hatten. In einer pluralistischen Gesellschaft, die den Medien einen betr&#228;chtlichen Spielraum l&#228;sst, wirken Enth&#252;llungen weit weniger als in geschlos­senen Systemen mit ihrem Geheimhaltungstrieb. Daher war die DDR seitens der Westmedien erheblich manipulierbarer als umge­kehrt. F&#252;r das Fernsehen der Bundesrepublik gen&#252;gten beinahe die t&#228;glichen Werbesendungen, um beim DDR-B&#252;rger einen nachhaltigen Eindruck von der &#220;berlegenheit dieses reichen Landes zu hinterlassen. Machte es sich dar&#252;ber hinaus zum Anwalt derjenigen, die in der DDR keine Stimme hatten, der B&#252;rgerrechtler und kritischen Kirchenleute, dann wirkte das schon aufgrund des Fehlens entsprechender Informationen in den DDR-Medien. Der krampfhafte Nachweis politischer Unredlichkeit westlicher Politi­ker in den Desinformationsprodukten der HVA dagegen lief oft ins Leere, da er im Grunde keine Neuigkeit darstellte.</p>
<p>Entsprechend lustlos war die Unterst&#252;tzung »aktiver Ma&#223;nah­men« durch die beschaffenden Diensteinheiten der HVA. Schon die Bereitstellung f&#252;r F&#228;lschungen nutzbarer Informationen, mehr noch der Einsatz geeigneter Quellen stie&#223;en auf gro&#223;e Zur&#252;ckhal­tung – konnte doch beides die BRD-Abwehrorgane auf bestimmte Spuren f&#252;hren und damit die operativen Positionen gef&#228;hrden.</p>
<p>So geh&#246;rte es zu den Aufgaben der Abteilung X, den westeuro­p&#228;ischen Integrationsprozess zu st&#246;ren. Daf&#252;r boten sich zahlreiche Ansatzpunkte – sind doch die Differenzen zwischen den EG-Staaten aus den verschiedensten Gr&#252;nden bis heute nicht gering; man denke nur an die Beargw&#246;hnung der gro&#223;en Mitgliedsstaaten durch die kleinen. Aber wenn auch geeignetes Material vorlag, waren die zust&#228;ndigen Abteilungen nicht bereit, es gewisserma&#223;en f&#252;r eine »Medien-Eintagsfliege« zu verpulvern und Quellen in Gefahr zu bringen. Au&#223;erdem krankten die »aktiven Ma&#223;nahmen« der HVA auch daran, dass sie meist im Nachtrab stattfanden. Wenn etwas geschehen war, wurde reagiert – und ehe das nach Erhalt aller Genehmigungen und bei Ber&#252;cksichtigung aller operativen Prozesse dann tats&#228;chlich sichtbar wurde, war das Thema oft vom Tisch.</p>
<p>Die westlichen Geheimdienste arbeiteten auf diesem Gebiet wesentlich effizienter. Erinnert sei nur an die gro&#223;e Meisterschaft, die vor allem der CIA entwickelte, um immer wieder die milit&#228;ri­sche &#220;berlegenheit der Sowjetunion nachzuweisen. Wer die tat­s&#228;chlichen Zahlen des sowjetischen Milit&#228;rpotentials kannte – und die Geheimdienstler geh&#246;rten dazu –, sah nicht ohne Faszination, wie die Bedrohungsgefahr immer aufs Neue beschworen wurde. Ob Studien des Pentagon, vor allem in der Regierungszeit Reagans, ob die Analysen der NATO oder die einschl&#228;gigen Papiere der Bundesregierung – sie alle gingen davon aus, dass der Warschauer Pakt auf allen Gebieten milit&#228;risch &#252;berlegen sei und dies nur durch eigene R&#252;stung kompensiert werden k&#246;nne. Diese Manipulationen, die westliche Desinformations-Spielart, auf geeignete Weise zu konterkarieren, war auch eine Aufgabe »aktiver Ma&#223;nahmen«. Und nicht wenige renommierte Milit&#228;rexperten nutzten in ihren Interviews und Zeitungsartikeln – bewusst oder unbewusst – Fakten und Argumente, die ihnen von Aufkl&#228;rern sozialistischer L&#228;nder zuge­spielt worden waren. Hier bedurfte es nicht der Verf&#228;lschung des Materials, sondern im Gegenteil seiner wahrheitsgetreuen Darstel­lung – galt es doch, L&#252;gen zu entkr&#228;ften. Auch die HVA arbeitete in dieser Weise und legte Tatsachen offen, die die andere Seite gern verschwiegen h&#228;tte, um die Durchsetzung ihrer politischen Strate­gie nicht zu gef&#228;hrden. Erinnert sei an die Verbreitung belastender Dokumente &#252;ber die Verstrickung f&#252;hrender Pers&#246;nlichkeiten der Bundesrepublik w&#228;hrend der NS-Zeit, so des einstigen Bundespr&#228;­sidenten L&#252;bke oder des baden-w&#252;rttembergischen Ministerpr&#228;si­denten Filbinger. Genannt werden muss auch die Aufhellung manchen Skandals durch die bundesdeutsche Presse, die sich dazu nicht selten einschl&#228;giger Materialien aus Ost-Berlin bedienten, ohne freilich in der Regel deren Herkunft genauer zu kennen.</p>
<p>Vor allem Mitte der 80er Jahre traten »aktive Ma&#223;nahmen« hinzu, die der Unterst&#252;tzung des Entspannungs- und Abr&#252;stungs­prozesses dienen sollten. Sie doublierten sich zwar nicht selten mit offiziellen Publikationen, konnten sie aber aus nachrichtendienstli­chen Quellen mitunter auch erg&#228;nzen. So wurde damals bekannt, dass der ehemalige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Alfred Dregger, starke Vorbehalte gegen die Reihenfolge bei den INF-Verhandlungen hatte, in denen es um die Reduzierung von Atomwaffen in Europa ging. Er forderte, mit den Kurzstreckenwaf­fen auf beiden Seiten zu beginnen, da diese einzig dazu dienen konnten, deutsches Territorium zu bedrohen und gegebenenfalls zu vernichten. Die Publizierung seiner internen – und im Widerspruch zur amerikanischen Politik stehenden – &#220;berlegungen konnte reale Abr&#252;stungsbem&#252;hungen durchaus unterst&#252;tzen. In solchem Vorge­hen – und nur hier – ist ein Sinn »aktiver Ma&#223;nahmen« zu erkennen, aber letztlich braucht man dazu keine Geheimdienste.</p>
<p>Als besonders spektakul&#228;rer Fall »aktiver Arbeit«, die bereits bis zu direkter Einflussnahme ging, wird immer wieder der »Kauf« der Stimme des CDU-Abgeordneten Julius Steiner beim »konstruktiven Misstrauensvotum« gegen Willy Brandt am 27. April 1972 genannt. Diese allerdings von der Abteilung II (Parteienbeob­achtung) der HVA verantwortete Operation zielte darauf, einen Regierungswechsel von Brandt auf Barzel im Zusammenhang mit den Ostvertr&#228;gen zu verhindern, da die sozial-liberale Koalition besser ins Konzept der DDR und wohl auch der Sowjetunion passte. Nachdem einige FDP-Abgeordnete zur Union &#252;bergelaufen waren, schien die ohnehin knappe Mehrheit der Brandt/Scheel-Regierung nicht mehr gesichert, und Barzel ging zum Angriff &#252;ber. Bei der Abstimmung jedoch fehlten ihm zwei Stimmen – jene Steiners, wie dieser sp&#228;ter selbst zugab, ohne freilich auch einzugestehen, dass er daf&#252;r 50.000 D-Mark von der HVA erhalten hatte, und eine weitere, angeblich von Mende, der urspr&#252;nglich zu den abtr&#252;nnigen Frei­demokraten z&#228;hlte, von der HVA-Abteilung X jedoch »umgedreht« worden sein soll. Man kann vielleicht auch dieser Aktion aus heutiger Sicht etwas abgewinnen – verhalf sie doch dazu, eine gerade eingeleitete, auf internationalen Ausgleich bedachte Politik von R&#252;ckschl&#228;gen freizuhalten. Wenn man aber wei&#223;, dass der 1972 gerettete Brandt ein Jahr sp&#228;ter durch diesen »Retter« und seinen Spion Guillaume zur Strecke gebracht wurde, und wenn man vor allem ber&#252;cksichtigt, dass sich in den 70er Jahren die Entspan­nungspolitik ganz objektiv immer st&#228;rker durchsetzte, dann relati­vieren sich solche vermeintlichen Erfolge voluntaristischen Vor­gehens.</p>
<p>Noch deutlicher wird dies bei jenem »Kampf gegen Windm&#252;h­lenfl&#252;gel«, den die HVA letztlich im Auftrag der MfS-Bereiche leistete, die gegen die »innere Opposition« vorzugehen hatten. Solche Organisationen wie die »Internationale Gesellschaft f&#252;r Menschenrechte« (IGfM) in Frankfurt/Main oder die »Hilferufe von dr&#252;ben« oder auch der ZDF-Journalist L&#246;wenthal unterst&#252;tzten nat&#252;rlich durch ihre Arbeit Menschen in der DDR, die sich gegen das Regime wandten oder einfach nur ausreisen wollten. Das machte sie zum verhassten Feind – so sehr, dass Markus Wolf noch 1992 in einem Gespr&#228;ch eingestand, beim Namen L&#246;wenthal nicht ruhig bleiben zu k&#246;nnen. Da die eigentliche Arbeit dieser Gruppen und Personen in der Bundesrepublik mehr Zustimmung denn Kritik fand, wurde gerade sie nicht angegriffen. Statt dessen setzte man Verleumdungen und Diffamierungen ganz anderen Inhalts in die Welt, die teilweise zwar ihre Wirkung taten, letztlich aber am Ausreisedrang von DDR-B&#252;rgern nicht das Geringste &#228;nderten. Der Trugschluss, die inneren Probleme im &#246;stlichen Staat w&#252;rden von au&#223;en verursacht, lenkte den Kr&#228;fteeinsatz in eine v&#246;llig falsche Richtung und lie&#223; »aktive Ma&#223;nahmen« solcher Art v&#246;llig vorpuffen.</p>
<p>Wo Spionage betrieben wird, provoziert das zwangsl&#228;ufig auf der anderen Seite eine Spionageabwehr. Diese geh&#246;rt normalerweise zur »inneren Abwehr«, soll sie doch verhindern, dass Geheiminfor­mationen aus dem eigenen Land abflie&#223;en. Die Nachrichtendienste entwickelten aber dar&#252;ber hinaus Struktureinheiten, mit denen sie verhindern wollen, dass die gegnerische Abwehr allzu erfolgreich in dem Bem&#252;hen ist, die Aktivit&#228;ten des eigenen Dienstes zu unter­binden.</p>
<p>In der Sowjetunion geh&#246;rten solche Bereiche der »&#228;u&#223;eren Abwehr« stets zur Auslandsspionage; ihre Aufgabe bestand darin, in die Aufkl&#228;rung der anderen Seite einzudringen – weniger um zu erfahren, was diese bei uns in Bereichen der Politik oder der Wirtschaft ausspioniert, als zu wissen, inwieweit sie Kenntnis von den eigenen Kundschafteraktivit&#228;ten hat. So einleuchtend ein solches Vorgehen f&#252;r die Betroffenen – nicht zuletzt im Interesse ihrer Sicherheit – erscheinen mag, letztlich verschwimmen hier die Grenzen zwischen dem urspr&#252;nglichen Sinn der Aufkl&#228;rung und dem »Spiel der Geheimdienste«, das dann leicht zum Selbstzweck wird.</p>
<p>In der HVA existierte bis in die 70er Jahre hinein keine spezielle Abteilung, die sich mit solchen »Konter-Aktionen« befasste. Ver­schiedene Diensteinheiten verfolgten – ausgehend von ihrer eigent­lichen Aufgabenstellung – die Abwehrma&#223;nahmen des Gegners auf ihre Operationen. Die wurden nat&#252;rlich perfektioniert in dem Ma&#223;e, wie der Umfang der DDR-Spionage zunahm. 1973 wurde schlie&#223;lich die Abteilung IX der HVA gebildet, die die T&#228;tigkeit der Hauptabteilung II des MfS, die f&#252;r die Spionageabwehr im Innern zust&#228;ndig war, erg&#228;nzen sollte. Drei selbst&#228;ndige Bereiche entstan­den. Im ersten wurden die Geheimdienste der Bundesrepublik und anderer westlicher Staaten bearbeitet. Zum einen hie&#223; es, in deren Auslandsaufkl&#228;rung einzudringen, um Agenturen in der DDR zu enttarnen und ihr Wissen &#252;ber unser Land und seine B&#252;ndnispart­ner zu erkunden. Zum anderen galt es, die Spionageabwehr dieser Dienste aufzukl&#228;ren, was im Interesse der eigenen Sicherheit vor allem die Beschaffung sehr umfassender Kenntnisse – von ihrer Fahndungsarbeit bis zum Doppelagenten – einschloss. In einem zweiten Bereich stand die Aufgabe, Angriffe auf die legalen Geheimdienst-Residenturen in den Botschaften der DDR im Aus­land abzuwehren. Immerhin kam es j&#228;hrlich zu 40 bis 50 Kontaktanbahnungen mit nachrichtendienstlichem Hintergrund; jede dritte bis vierte dieser Ansprachen entwickelte sich bis zu einem Werbe­versuch. Auch die Geb&#228;ude der DDR-Botschaften und -Handels­vertretungen mussten in gewissen Abst&#228;nden von dort inzwischen angebrachten modernen »Wanzen« ges&#228;ubert werden. Der dritte Bereich war schlie&#223;lich f&#252;r die gedeckte Auswertung aller einge­henden Materialien zust&#228;ndig.</p>
<p>Aufgestockt durch Mitarbeiter aus zahlreichen HVA-Abteilungen und unterst&#252;tzt von Personal der Hauptabteilung II entwickelte sich die Abteilung IX schnell zu einer S&#228;ule innerhalb der HVA. Mit 300 Mitarbeitern, unter der direkten Anleitung von Markus Wolf und zuletzt mit dem einzigen General unter den Abteilungs­leitern, spielte sie bald eine beherrschende Rolle. Der Geheim­dienst besch&#228;ftigte sich mit sich selbst.</p>
<p>Innerhalb des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit begann alsbald ein z&#228;hes Gerangel um die Kompetenz f&#252;r die Bearbeitung der westlichen Geheimdienste. Die bislang daf&#252;r zust&#228;ndige Haupt­abteilung II reagierte auf jeden Eingriff in ihre Rechte allergisch und wehrte sich gegen die Abgabe von Quellenvorg&#228;ngen und Materialien, lie&#223; sich in die Bearbeitung von Objekten in der Bundesrepublik oder in die Erfassung von Personen nicht hinein­reden. Die HVA hatte jedoch durch ihre Positionen im Operations­gebiet meist die besseren Karten und konnte sich allm&#228;hlich durchsetzen. Diese internen Auseinandersetzungen ergaben sich auch aus dem Streben nach Macht und Ansehen, das mit der Betreuung besonders informationstr&#228;chtiger Quellen verbunden war. Es zeigte aber, dass es hier weniger um eine effektive Arbeit an einem gemeinsamen Ziel ging als vielmehr um Einfluss auf das »Spiel der Geheimdienste«.</p>
<p>Der letzte Leiter der Abteilung IX, Generalmajor Harry Sch&#252;tt, war ein Meister auf diesem Gebiet. Er, der zuvor die f&#252;r Milit&#228;r­spionage zust&#228;ndige Abteilung IV gef&#252;hrt hatte, nahm bei seinem Wechsel die dort betreute Quelle »Peter«, hinter der sich die Br&#252;der Spuhler verbargen, wegen ihres hohen Ranges und der durch sie winkenden Meriten mit in seine neue Abteilung. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ihm dies 1991 die zweifelhafte Ehre bescherte, im ersten »Pilotprozess« gegen bundesdeutsche Spione und ihre F&#252;hrungsoffiziere aus der DDR selbst vor Gericht zu stehen und verurteilt zu werden.</p>
<p>Der hohe Krafteinsatz der Abteilung IX bewirkte un&#252;bersehbare operative Erfolge. Einige Beispiele hochrangiger Quellen in bun­desdeutschen Geheimdiensten wurden schon genannt. Zu ihnen geh&#246;rte auch der Vorgang »Bingen«, mit dessen Hilfe es Anfang der 80er Jahre gelang, das gesamte Referat »Emigration« der Abteilung I des BND aufzukl&#228;ren. Vom Referatsleiter Dr. Keil bis zum letzten Mitarbeiter lagen die Strukturen und zum gro&#223;en Teil auch die Personalunterlagen vor. Die T&#228;tigkeit dieses Referates, das sich damals naturgem&#228;&#223; um die Entwicklung in Polen k&#252;mmer­te, wurde paralysiert. Die Abteilung IX erfuhr auch einiges durch die von einer anderen Diensteinheit geworbene Sekret&#228;rin des au&#223;enpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Werner Marx. Inge Goliath hatte neben politischen Informationen Materialien beschafft, die der HVA zu ihrer eigenen &#220;berraschung tiefen Einblick in Strukturen, Arbeitsweisen, Informationsstand und politische Verbindungen des BND gew&#228;hrten. Mit der Quelle »Ronny« gelang schlie&#223;lich ein tiefer Einbruch in den amerikani­schen Geheimdienst CIA.</p>
<p>Soweit die Arbeit der Spionageabwehr der HVA dazu diente, entsprechenden Aktionen ihrer westlichen »Kollegen« die Spitze zu nehmen, geh&#246;rte sie zum normalen Gesch&#228;ft, wie es jeder Geheimdienst betreibt, und konnte sich im Einzelfall sogar positiv auf internationale Prozesse auswirken. Das Beispiel der Quelle »Bingen« zeigte jedoch zugleich, dass auch in diesem Fall die DDR-Aufkl&#228;rung dem Irrtum aufsa&#223;, die Ver&#228;nderungsprozesse in Polen seien vor allem eine Sache westlicher Geheimdienste und k&#246;nnten durch die Ausschaltung von deren Agenturen aufgehalten werden. Objektive Tendenzen wurden verkannt; mit dem untauglichen Mittel der Bek&#228;mpfung wurde versucht, ihrer Herr zu werden, anstatt die wahren Ursachen zu analysieren und darauf zu dringen, dass die Politik die entsprechenden Schlussfolgerungen zieht.</p>
<p>Im Grundprinzip des Misstrauens, das die Gesellschaften des realen Sozialismus beherrschte, liegt auch die Ursache f&#252;r Zwei­gleisigkeit und Dopplungen in der nachrichtendienstlichen T&#228;tig­keit. Wie schon die Spionageabwehr im MfS auf zwei – dann logischerweise miteinander rivalisierende – Dienstbereiche aufge­teilt war, so gab es auch zwei Stellen, an denen Milit&#228;raufkl&#228;rung betrieben wurde. Neben der Abteilung IV der HVA f&#252;hlte sich daf&#252;r auch die Aufkl&#228;rung der Nationalen Volksarmee (NVA) zust&#228;ndig. Diese Praxis ist ebenfalls sowjetischer &#220;bung entlehnt. Die m&#228;chtige Sowjetarmee musste nat&#252;rlich &#252;ber einen eigenen Aufkl&#228;rungs­dienst – im Kriege sogar mit voller Berechtigung – verf&#252;gen; also wurde er der NVA auch f&#252;r Friedenszeiten verordnet. Die Ziel­objekte waren die n&#228;mlichen wie bei der HVA, und trotz Bem&#252;hens um Abgrenzung beschafften beide Dienste – lange sogar ohne Abstimmung und gegenseitige Unterst&#252;tzung – oft das Gleiche. Das galt f&#252;r die Notstandspl&#228;ne in der Bundesrepublik mit allen Details, das galt f&#252;r Einsch&#228;tzungen des Bereitschaftsstandes der assoziier­ten Streitkr&#228;fte der NATO, das galt f&#252;r die Auflistung von Defiziten in der Ausbildung oder Ausr&#252;stung der Bundeswehr, das galt f&#252;r Man&#246;verplanungen und &#220;bungsberichte. Auch die Metho­den &#228;hnelten sich nat&#252;rlich, und nicht selten arbeiteten die Dienste gegeneinander statt sich zu unterst&#252;tzen.</p>
<p>Die HVA hatte an einer solchen Orientierung auf Doppelarbeit ihren unleugbaren Anteil. Denn nat&#252;rlich wollten Mielke und seine Statthalter in der Aufkl&#228;rung den »Wettlauf« mit der NVA-Spionage gewinnen. Bereits 1968 war der Befehl 40/68 erlassen worden, mit dem es galt, jeglichen milit&#228;rischen &#220;berraschungs­angriff auf die DDR und ihre Verb&#252;ndeten auszuschlie&#223;en. Ende der 80er Jahre wurde dieser Befehl – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der bedrohlichen Erkenntnisse &#252;ber die amerikani­schen Pl&#228;ne eines »Enthauptungsschlages« – aktualisiert, obwohl sich damals schon un&#252;bersehbar Anzeichen der Entspannung zeigten. Ein gigantisches Lagezentrum sollte weltweit alle Hinweise auf m&#246;glicherweise bevorstehende milit&#228;rische Operationen erfas­sen. Unter Einsatz ungeheurer Mittel baute man f&#252;r die MfS-F&#252;hrungsst&#228;be Bunker und veranstaltete immer lebensfremdere »Verlagerungs&#252;bungen«. Im Atomkrieg sollten wenigstens die Milit&#228;rs und die Geheimdienste &#252;berleben.</p>
<p>Der Hintergrund solchen Dualismus war neben den Prinzipien, dass Kontrolle besser als Vertrauen sei und doppeltes N&#228;hen l&#228;ngere Haltbarkeit verspreche, auch hier das Streben der Spitzen von Armee und Geheimdienst nach Macht und Einfluss. Keiner wollte dem anderen nachstehen, wenn es darum ging, mit Aufkl&#228;rungser­gebnissen auf einem Felde zu gl&#228;nzen, das in der Politik h&#246;chste Priorit&#228;t besa&#223;. Erfordernisse der Sparsamkeit und Effizienz hatten dahinter zur&#252;ckzustehen. Markus Wolf hatte zwar schon in den 70er Jahren mitunter dar&#252;ber philosophiert, ob es nicht sinnvoll sei, die Spionage auf einige wenige Spitzenquellen zu reduzieren und von dem Anspruch gewisserma&#223;en fl&#228;chendeckender Aufkl&#228;rung im Ausland wegzukommen. Doch diese Gedanken fanden keinerlei Echo, standen sie doch im Widerspruch zur gesamtgesellschaftlich betriebenen,offensichtlich systemimmanenten Gigantomanie, die schlie&#223;lich von der Sowjetunion gelernt worden war und nicht zuletzt auch von deren KGB-Aufkl&#228;rung betrieben wurde.</p>
<p>Dieses Denken in Machtkategorien und die damit verbundene Gro&#223;mannssucht setzten sich innerhalb des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit – wie beschrieben – fort. Besonders zwischen den Diensteinheiten der Aufkl&#228;rung und der Abwehr bestanden st&#228;ndig latente Spannungen, was nat&#252;rlich nicht daran hinderte, bei Erfor­dernis eng zusammenzuarbeiten und gemeinsam Ergebnisse zu erreichen. Die Abwehr sah – von ihrer origin&#228;ren Aufgabe her und geschult an der stalinistisch gepr&#228;gten Sicherheitsdoktrin – &#252;berall Feinde. Alles, was von der Norm abwich, weckte ihr Mi&#223;trauen und geriet alsbald unter »operative Kontrolle«. Sie folgte auch hierin sowjetischen Vorgaben, denn der KGB hatte sein Feindbild-Denken &#252;ber Jahre hin zementiert und zur obersten Maxime jeder Abwehrarbeit gemacht.</p>
<p>Mit diesem Warnsystem im Hinterkopf beurteilte die Abwehr auch die Arbeitsweise der HVA; sie war ihr schon der Westber&#252;h­rung der Aufkl&#228;rer wegen suspekt, und die nachrichtendienstlichen Mittel erschienen ihr undurchschaubar und daher verd&#228;chtig. Zwar nahm sie Aufkl&#228;rungsergebnisse, die ihr in der Arbeit halfen, gern entgegen, aber deren Zustandekommen wurde immer wieder beargw&#246;hnt. Und sie stellte ihre Forderungen, denen die HVA allzu oft entsprach. Obwohl viele HVA-Mitarbeiter der Meinung waren, dass Fragestellungen der Abwehr nach innen in den Aufgaben f&#252;r Aufkl&#228;rer au&#223;erhalb der Grenzen nichts zu suchen haben, gab es immer wieder faule Kompromisse. Mielke als Mann der Abwehr stand nat&#252;rlich auf deren Seite, was die Situation der Aufkl&#228;rung nicht verbesserte. Und Wolf hatte nicht das R&#252;ckgrat, sich gegen seinen Vorgesetzten durchzusetzen; er konnte nur da und dort vorsichtig bremsen.</p>
<p>Die Abwehr war besonders an Personen interessiert, die zu den sogenannten oppositionellen Kr&#228;ften geh&#246;rten oder zumindest Zugang zu ihnen hatten. Diese versuchte sie anzuwerben, um so Informationen aus diesen Gruppen zu erhalten bzw. sie sogar gezielt zu beeinflussen. Menschen, die die Aufkl&#228;rer interes­sierten, waren von anderem Zuschnitt. Sie suchten zuverl&#228;ssige Staatsb&#252;rger, die in der Bundesrepublik agieren konnten. Dennoch fragte die HVA oft in Abwehr-Diensteinheiten nach geeigneten Werbekandidaten, da dort ein besserer &#220;berblick &#252;ber die Situation in bestimmten Bereichen bestand. Als Gegenleistung mussten die IM der HVA dann Berichte &#252;ber die innere Situation ihres Betriebes, ihrer Verwaltung, ihrer Schule oder aus sonst zug&#228;ngli­chen Bereichen liefern. Waren diese Informationen aussagekr&#228;ftig, konnte der Abwehr-Offizier Geschmack an der Sache finden und seine Forderungen erh&#246;hen, was bei der HVA schon des Zeitauf­wandes wegen wenig Freude ausl&#246;ste. Und dennoch wurde solchen W&#252;nschen stattgegeben, arbeiteten HVA-Aufkl&#228;rer nicht selten auch nach innen.</p>
<p>Dies erfolgte vor allem dann, wenn der inoffizielle HVA-Mitarbeiter aus einem Bereich kam, an dem Abwehr-Diensteinhei­ten ebenfalls gro&#223;es Interesse hatten. Das galt f&#252;r das Bildungs­wesen, vor allem Universit&#228;ten und Hochschulen, und besonders f&#252;r Reisekader jeglicher Couleur. An den Bildungseinrichtungen entbrannte ein regelrechter Kampf um die Kader, und es d&#252;rfte nicht sehr viele Studenten gegeben haben, die von der Staatssicher­heit nicht auf Mitarbeit angesprochen wurden. Was andererseits die Reisekader angeht, so versah die Abwehr sie – &#252;ber ihre offiziellen Kan&#228;le – mit derartigen Richtlinien, die eine Arbeit f&#252;r die Aufkl&#228;rung unm&#246;glich machten. So war es ihnen verboten, au&#223;er den dienstlich zugelassenen irgendwelche anderen Kontakte anzu­kn&#252;pfen. Sie durften private Einladungen weder annehmen noch aussprechen. Reisten sie in Gruppen, so &#252;berwachte einer den anderen. Und die meisten hielten sich auch daran, um sich weitere Reisen nicht zu verscherzen. Die HVA brauchte jedoch Leute, die genau das taten, was ihnen die Abwehr untersagte, um Kontakte ankn&#252;pfen zu k&#246;nnen. Wurde das dann in der Abwehr-Diensteinheit bekannt, half meist nur die totale Bereitschaft zur Kooperation auch mit ihr, wenn eine Weiterarbeit als Aufkl&#228;rer erreicht werden sollte.</p>
<p>Das Mi&#223;trauen seitens der Abwehr wurde erg&#228;nzt durch die Einbindung der Aufkl&#228;rer in die Parteidisziplin. Wie dargestellt, musste jeder MfS-Angeh&#246;rige SED-Mitglied sein. Viele wurden &#252;berhaupt nur geworben, wenn diese Voraussetzung erf&#252;llt war, und von ganz jungen Mitarbeitern, zumeist Sekret&#228;rinnen oder aus technischen Bereichen, wurde verlangt, dass sie unmittelbar nach ihrer Dienstaufnahme auch in die Partei eintraten. Sogar Kund­schafter aus dem konspirativen Netz wurden formal in die Partei aufgenommen, mussten Parteibeitrag leisten und wurden in diesem Zusammenhang in v&#246;llig &#252;berfl&#252;ssiger Weise registriert – ein Versto&#223; gegen die Konspiration, den jedoch aufgrund der angeblichen Unfehlbarkeit von Parteibeschl&#252;ssen niemand in Frage stellte.</p>
<p>Auch die Rolle der Partei war f&#252;r HVA-Angeh&#246;rige eine Selbstverst&#228;ndlich­keit, an der sich niemand Zweifel erlaubte. Und die obligatorische Mitgliedschaft aller in der SED war zugleich Voraussetzung der st&#228;ndigen Einflussnahme der Partei. Jeder Zweifel an ihrer Lehre galt als Sakrileg. Ohne Partei ging nichts, mit der Partei alles.</p>
<p>Und dennoch hatte der Parteisekret&#228;r – gleich auf welcher Ebene – kaum Einfluss auf operative Prozesse. Seine Aufgabe war die »ideologische St&#228;hlung der Kader«. Er sollte zwar an allen wesentlichen Beratungen der dienstlichen Leitungen teilnehmen, doch wurden dort dann aus Gr&#252;nden der Konspiration operative Fragen kaum behandelt. Vielmehr war dem Parteisekret&#228;r aufgetra­gen, die allgemeinen Aufgabenstellungen des jeweiligen Bereichs ideologisch zu begr&#252;nden und erzieherisch durchzusetzen. Er musste dar&#252;ber wachen, dass niemand aus der Reihe tanzte – und wenn das doch geschah, entsprechend eingreifen. Gegen&#252;ber dem Leiter &#252;bte er ein gewisses Ma&#223; an Kontrolle aus und entwickelte sich – zumal wenn er gute operative Arbeit leistete – hier und da zu dessen Rivalen. Vielen Parteisekret&#228;ren war das jedoch nicht verg&#246;nnt, da sie sich in ihrer undankbaren Funktion verschlissen. Sie mussten n&#228;mlich die &#252;berraschenden Richtungs&#228;nderungen der SED ebenso begr&#252;nden wie ihre Abstinenz von jeglichem Reform­denken. Auf viele Fragen des t&#228;glichen Lebens wussten sie keine Antwort, st&#228;ndig wurde aber verlangt, diese auch ohne »Hilfe von oben« zu finden. Und wenn sie in ihrer Not dann nach dem gesunden Menschenverstand argumentierten, lagen sie oft »schief« und wurden kritisiert. Denn die SED-Oberen vertraten einen Unfehlbarkeitsanspruch, dem sich jeder zu unterwerfen hatte. Auch die Arbeitsergebnisse der HVA wurden daran gemessen und stie&#223;en nicht selten auf Zur&#252;ckhaltung, wenn sie anderes aussagten, als die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« w&#252;nschte. Honecker betrachtete – wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf – die Aufkl&#228;­rungsresultate als etwas der Westpresse Vergleichbares. Er sagte in einem Interview ein halbes Jahr nach seinem Sturz: »Die Berichte vom MfS, soweit sie nicht unter Geheimhaltung standen und auch nicht nur mir zug&#228;nglich waren, vor allem wenn es die westliche Seite betraf, erschienen mir immer wie eine Zusammenfassung der Ver&#246;ffentlichungen der westlichen Presse &#252;ber die DDR. Das sage ich hier in aller Offenheit. Ich selber habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.« Und auch Honeckers langj&#228;hriger »Kronprinz« und kurzzeitiger Nach­folger Egon Krenz best&#228;tigte als Zeuge in einem Prozess, dass das Politb&#252;ro den Informationen der HVA meist nur wenig Bedeutung beigemessen habe.</p>
<p>Auf dieser Ebene der Parteispitze hat es eine Kontrolle des MfS im eigentlichen Sinne nicht gegeben. Die nahm Erich Mielke in seiner Doppelfunktion als Minister und Politb&#252;romitglied selbst wahr; allenfalls lie&#223; er sich von Honecker etwas sagen. Das Verh&#228;ltnis zu Krenz, der altersm&#228;&#223;ig sein Sohn sein konnte, war k&#252;hl, aber korrekt; immerhin bestand eine gewisse Zeit die M&#246;g­lichkeit, dass der fr&#252;here FDJ-Vorsitzende Honecker abl&#246;sen k&#246;nnte. Ohne jeden Einfluss war die Sicherheitsabteilung des Zentralkomi­tees. Sie schickte zwar zu allen wichtigen Beratungen im MfS einen Vertreter, aber dieser vertrat nie eine eigene Meinung. In der Regel ersch&#246;pfte sich sein Beitrag in einer Lobeshymne auf das MfS und seinen Minister. Als in den 80er Jahren der Krenz-Vertraute Wolfgang Herger Leiter der Sicherheitsabteilung wurde und bei Mielke seinen Antrittsbesuch machte, wies ihn dieser sofort in die Schranken: »Zu mir brauchst du nicht zu kommen. Die operative Arbeit im Ministerium entscheide ich! K&#252;mmere du dich um die Parteiarbeit!« In diesem Sinne war auch der Chef der SED-Parteiorganisation im MfS, Horst Felber, nur ein Erf&#252;llungsgehilfe Mielkescher Politik, ohne eigene Gestaltungskraft. Zwar mit dem Rang eines Generalmajors versehen, oblag ihm die »marxistisch­leninistische Erziehung der Tschekisten«. Er selbst beschreibt das so: »Mielkes Prinzip war, dass im MfS die Parteiorganisation die Mitarbeiter zu erziehen und sich nicht im geringsten um operative Belange zu k&#252;mmern hat.« Allerdings kann Felber nicht verhehlen, dass er diese Aufgabe bis zuletzt diszipliniert erf&#252;llte – so diszipli­niert wie fast alle Parteifunktion&#228;re des Ministeriums und auch der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Denn f&#252;r die meisten von ihnen waren diese Machtspiele an der Spitze des MfS ohne Belang; sie fragten auch zumeist nicht, wie ihre Informationen beurteilt wurden. Sie machten ihre Arbeit, nahmen deren Ideologisierung und die »tschekistischen« Dogmen in Kauf und versuchten dennoch, den erforderlichen Freiraum f&#252;r den Umgang mit den Kundschaftern zu erhalten. Das f&#252;hrte zwangsl&#228;ufig zu einer Bewusstseinsspaltung, die aber als gegeben hingenommen wurde. Wer nicht scheitern wollte, sah weg bei den Dingen, die ihn nach seiner Auffassung nichts angingen, und erf&#252;llte die rituellen Forderungen, die in Parteiversammlungen und anderen politischen Veranstaltungen verlangt wurden. Ansonsten aber gestalteten die meisten ihren Dienst nach den eigenen Vorstellungen, entschieden eigenverantwortlich, was bei der kom­plizierten Aufgabe der Spionage im Bereich des Gegners jeweils erforderlich war. Diesen Dualismus von ideologischen Dogmen einerseits und individuellem Handeln auf der anderen Seite haben fast alle fatalistisch akzeptiert. Dies f&#252;hrte zu Verstrickungen, die damals kaum einer wahrhaben wollte, die sie aber heute als Ausgangspunkt ihres Mitschuldig-Werdens begreifen mussten.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren – Die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage macht Probleme</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 15:21:12 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/164516.eine-vergangenheit-die-nie-vergeht.html" target="_blank">Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag</a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/d7b9621a2af741f8b68bb820e2281a5d" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. <span id="more-1477"></span>Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst zu, die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hatte zwar lange gehofft, in einer reformierten DDR, wie in jedem Staat, ihren Platz zu haben, doch Anfang 1990 zeichnete sich immer st&#228;rker die kommende Vereinigung der beiden deutschen Staaten ab &#8211; und wer Realist war, wusste, dass diese Entwicklung auch die Geschichte der DDR-Aufkl&#228;rung besiegeln w&#252;rde.</p>
<p>Das zu begreifen, war das eine, die DDR-Spionage jedoch m&#246;glichst r&#252;ckstands- und f&#252;r ihrer Tausenden Mitarbeiter inner- und au&#223;erhalb der DDR auch folgenlos aus der Welt zu schaffen, war das andere. Das nat&#252;rlich nicht gelang. Jahrerlang waren politische, juristische uznd andere Gremien besch&#228;ftigt, die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage zu bew&#228;ltigen; dass dabei vielf&#228;ltige ideologische, materielle und auch mentale Aspekte eine Rolle spielten, erleichterte die Angelegenheit nicht.</p>
<p>Einen gewiss begrenzten Einblick in diese Vorg&#228;nge vor 20 Jahren gibt folgender Text, der 1992 in dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde. Zwar ist heute das damalige Geschehen gr&#252;ndlicher erforscht; dennoch kann diese alte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen; aktuelle Entwickjlungen werden einigen F&#228;llen durch entsprechende Links angezeigt.</p>
<h3>Die vertrackte Hinterlassenschaft der DDR-Spionage</h3>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-1481" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/02/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />»Kluge« &#8211; so stellte sich der grobknochige Mann an jenem nasskalten Sp&#228;twintertag am Potsdamer Platz vor, und er kam sogleich zur Sache. Gesch&#228;ftsm&#228;&#223;ig fragte er sein Gegen&#252;ber aus, wollte die Namen von DDR-Spionen in der Bundesrepublik wissen, forschte nach den verbliebenen Strukturen der HVA, nach etwaigen Kontakten zum sowjetischen KGB. Er war ein Abwehrmann des Verfassungsschutzes – beauftragt, einem Offizier der sich in Aufl&#246;sung befindlichen Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des MfS, der dem einstigen Gegner ein vorsichtiges Angebot zu Kooperation gemacht hatte, auf den Zahn zu f&#252;hlen und so viel wie m&#246;glich aus ihm herauszuholen. Das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz – in der jahrzehntelangen Auseinanderesetzung mit der HVA nicht eben erfolgreich – gedachte die nun entstandene desolate Situation des DDR-Spionagedienstes zu nutzen, um einige sp&#228;te Siege zu erringen.</p>
<p>Aber jener »Kluge« hatte mit seinem Gespr&#228;chspartner weitaus mehr gemein, als man angesichts dieser Zielstellung vermuten k&#246;nnte. Er hie&#223; n&#228;mlich mit b&#252;rgerlichem Namen Klaus Kuron un d war &#8230; Mitarbeiter der BfV-Abteilung IV, zust&#228;ndig f&#252;r die F&#252;hrung von Doppelagenten, der bereits seit acht Jahren f&#252;r die HVA spionierte. Seine Stellung im Amt hatte ihm jetzt diese Aufgabe beschert, denn er war nat&#252;rlich pr&#228;destiniert f&#252;r die Betreuung der &#220;berl&#228;ufer aus der HVA. So redete er nicht lange drumherum, bot stattdessen »Kopfgelder« f&#252;r jede wichtige Quelle in f&#252;nfstelligen D-Mark-Betr&#228;gen. Er war eben ein Profi, der seinen Job verstand.</p>
<p>Hernach jedoch landeten seine Berichte nicht nur auf dem Schreibtisch seines Chefs in K&#246;ln, sondern noch bis weit ins Jahr 1990 hinein ebenfalls in Ostberliner Amtsstuben, konkret denen des HVA-Chefaufl&#246;sers Bernd Fischer und seiner Leute.</p>
<p>Seit dem Herbst 1989 war jedoch auch f&#252;r Klaus Kuron eine Wende eingetreten. Pl&#246;tzlich waren – wenn auch ohne eigenes Zutun – seine eigentlichen Dienstherren die Sieger, und sein Nebenjob stellte eine t&#246;dliche Gefahr dar.</p>
<p>Das Beispiel zeigt, wie vielf&#228;ltig und kompliziert die Hinterlassenschaft war, die nach dem Ende der HVA zur&#252;ckblieb. Auf der einen Seite Tausende Mitarbeiter in der Berliner Zentrale und ihren zahlreichen Au&#223;enstellen, in den Bezirksverwaltungen, wo jeweils die Abteilung XV f&#252;r die Spionage zust&#228;ndig war, und auch in den Kreisdienststellen. Andererseits eine bislang unbekannte Zahl von Aufkl&#228;rern und Sp&#228;hern im Operationsgebiet, dessen Schwerpunkt in der Bundesrepublik Deutschland lag, das sich aber allm&#228;hlich auf beinahe die ganze Welt ausgedehnt hatte.. Da es f&#252;r diese Personen keine zentrale Registratur gab, sondern jede Abteilung sie selbst&#228;ndig f&#252;hrte, wird ihre Zahl auch im nachhinein nicht mehr zu ermitteln sein.</p>
<p>Von den hauptamtlichen Mitarbeitern waren bis Mitte Januar erst etwas mehr als 15 Prozent entlassen, zum Teil auf eigenen Wunsch, zum Teil, um den immer dr&#228;ngenderen Forderungen nach Reduzierung des Personalbestandes Rechnung zu tragen. Was aber sollte mit den vielen Tausenden von inoffiziellen Mitarbeitern in der BRD, im Ausland und nicht zuletzt in der DDR geschehen?</p>
<p>Von den toten Gegenst&#228;nden hatte man sich noch relativ leicht trennen k&#246;nnen. Neben dem weitl&#228;ufigen Geb&#228;ude an der Ecke Frankfurter Allee/Ruschestra&#223;e verf&#252;gte die HVA allein in Berlin &#252;ber Hunderte Objekte verschiedenster Art, nicht gerechnet die etwa gleiche Zahl von »konspirativen Wohnungen«, in denen sich die F&#252;hrungsoffiziere mit ihren IM trafen und wo immer wieder die Verwandlung eines unauff&#228;lligen DDR-B&#252;rgers in einen »K&#228;mpfer an der unsichtbaren Front«, also einen Instrukteur, einen Werber, einen Kurier im weitl&#228;ufigen Operationsgebiet stattfand. Neben diesen Wohnungen, &#252;berall im Stadtgebiet verstreut, existierten etliche Villen im Berliner Umland, meist komfortabel ausgebaut, in denen h&#228;ufig Treffen mit den Quellen aus dem Operationsgebiet stattfanden, die nicht selten in Feiern endeten. Solche Objekte konnte man in Karolinenhof und Schildow, in Wandlitz und Zeuthen finden. Schlie&#223;lich hatten sich der Leiter der HVA, seine Stellvertreter und einige besonders ehrgeizige Abteilungsleiter exquisite H&#228;user in attraktiven Gegenden der DDR, zum Beispiel auf dem Wei&#223;en Hirsch in Dresden, in Radebeul, Saalburg und anderswo, ausbauen lassen. Hier empfingen sie Kundschafter oder hielten Beratungen mit ihren Kollegen aus dem Ausland ab.</p>
<p>Zur Ausstattung der HVA geh&#246;rten auch 700 Kraftfahrzeuge, davon 400 bis 500 Pkw, eine im Aufbau befindliche Computeranlage im Stadtbezirk Hohensch&#246;nhausen, ein gro&#223;es Fotolabor, technische Werkst&#228;tten zur Herstellung falscher Papiere, von »Containern« zum Materialtransport und anderer Spionagewerkzeuge. Sie verf&#252;gte &#252;ber Ferieneinrichtungen in und um Berlin sowie in allen Bezirken der DDR, die in der Regel zugleich als Ausweichobjekte f&#252;r den Ernstfall eines Krieges dienen sollten.</p>
<p>Vor allein aber befanden sich in der HVA ungeheuere Aktenbest&#228;nde. Sie setzten sich aus den &#252;ber fast vierzig Jahre beschafften Informationen, den Angaben &#252;ber Personen und Objekte und den zahlreichen Weisungen und administrativen Papieren zusammen, die in solch einem b&#252;rokratischen Apparat anfallen. Die Mehrzahl der Informationen war bereits in den Jahren zuvor auf Mikrofiches verfilmt worden; ihr Volumen hielt sich in Grenzen. In den Panzerschr&#228;nken der von der HVA-Mitarbeitern verlassenen Dienstr&#228;ume befand sich aber soviel Material, dass damit sp&#228;ter etwa 100..LKW beladen, werden konnten.</p>
<p>Ende Januar und den ganzen Februar 1990 &#252;ber sammelten mit Zustimmung des B&#252;rgerkomitees kleine Gruppen von HVA-Mitarbeitern das gesamte Schriftgut und konzentrierten es in wenigen R&#228;umen. Gleichzeitig begann die Vernichtung, wobei davon auszugehen ist, dass zuerst besonders brisante Akten in den Rei&#223;wolf kamen. Dazu geh&#246;rten die Unterlagen &#252;ber Spione im Operationsgebiet, dazu geh&#246;rten Weisungen und Befehle, aus denen auf Schwerpunkt-Standorte geschlossen werden konnte, dazu geh&#246;rten aber auch all jene Papiere, die Aufschluss &#252;ber die Zusammenarbeit von Aufkl&#228;rung und Abwehr gaben. Den ganzen Tag &#252;ber – und auch nachts bei verdunkelten Fenstern – wurde das Papier zerschnipselt, verkollert, in S&#228;cken eingelagert. Der Abtransport war damals noch nicht m&#246;glich, so dass schlie&#223;lich die Papiers&#228;cke bis zur Decke stapelten. Die Mikrofiches wurden verbrannt. Als weitaus schwieriger erwies sich, die personellen Probleme zu l&#246;sen. Ging es doch dabei nicht nur um die Bereinigung konspirativer Vorg&#228;nge in der DDR, sondern vor allem um die ger&#228;uschlose, unauff&#228;llige Aufl&#246;sung der vielf&#228;ltigen Verbindungen ins Operationsgebiet. Als erstes wurden die Karteikarten der HVA aus der zentralen Registratur der Abteilung XII des MfS abgezogen. In dieser Abteilung waren s&#228;mtliche Personen festgehalten, die in irgendeiner Weise mit dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit zu tun hatten – ob als T&#228;ter, wie auch immer, oder als Opfer. Die Abteilung XII gab auf der Basis der bei ihr gespeicherten Grunddaten einen ersten Hinweis, wie eine angefragte Person einzusch&#228;tzen sei &#8211; wie sich oftmals zeigte, zu undifferenziert und holzschnittartig. Heute verf&#252;gt die Gauck-Beh&#246;rde &#252;ber die Karteikarten der Abteilung XII und wertet oftmals auf der Grundlage dieser unzureichenden Daten &#8230;</p>
<p>Die Sicherstellung der Personaldaten war nur der Anfang; vieles andere war zu bedenken – und dieser komplizierte Prozess konnte mit dem schnellen Ablauf der Aufl&#246;sung nicht Schritt halten. Daher vereinbarten die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches und die Reste der HVA die Auslagerung der Materialien der Aufkl&#228;rung an einen anderen Ort. Die Arbeitsgruppe Sicherheit beschloss am 23. Februar 1990, dass die HVA-Unterlagen in der ersten M&#228;rzdekade in das Objekt Roedernstra&#223;e 30, wo sich bislang Werkst&#228;tten befunden hatten, gebracht und dort von etwa 200 Mitarbeitern endg&#252;ltig aufgel&#246;st werden. Bis zum 15. M&#228;rz war die Normannenstra&#223;e zu verlassen, zum gleichen Zeitraum auch die Schule der HVA, erst vor etwa anderthalb Jahren bezogen, zu r&#228;umen. Der Umzug verlief unter der wachsamen Kontrolle der B&#252;rgerbewegung und der Kirche. Jeder Transport wurde von zwei Kirchenvertretern begleitet, die auch Stichproben machten. Von der Roedernstra&#223;e aus wurde dann die totale Vernichtung der HVA-Akten organisiert. Das geschah ebenfalls unter den Augen der B&#252;rgerkomitees und ihrer Aufl&#246;sungsgremien; die dazu ihre volle Zustimmung gaben. Sie lie&#223;en sich davon &#252;berzeugen, dass sowohl das operative Netz in der Bundesrepublik als auch das Hilfs-Netz in der DDR vor unbefugtem Zugriff zu sch&#252;tzen seien. Sicher sind dabei auch Unterlagen vernichtet worden, die f&#252;r eine historisch wahrhaftige Aufarbeitung des Kapitels Staatssicherheit von Wert gewesen w&#228;ren, und mancher hat gewiss Papiere beiseite gebracht, die er ungern in den H&#228;nden der B&#252;rgerrechtler gesehen h&#228;tte, zum Beispiel sie betreffende Dossiers f&#252;r die Abwehr. Wie sich seit Anfang 1992 zeigte, ohne gro&#223;en Nutzen, denn nat&#252;rlich waren die von der HVA zum Beispiel an die Hauptabteilung XX gegangenen Berichte in deren Hinterlassenschaft aufzufinden. Das k&#246;nnte helfen, Umfang wie Sto&#223;richtung dieses Teils der T&#228;tigkeit der HVA weitgehend zu rekonstruieren.</p>
<p>Ungeachtet dessen d&#252;rfte aber die weitere Entwicklung auch gezeigt haben, wie richtig die Entscheidung zur Vernichtung der HVA-Akten im Grundsatz war. Denn es ist ziemlich sicher, dass diese hochbrisanten Papiere s&#228;mtlich – und wahrscheinlich ausschlie&#223;lich – den Geheimdiensten zug&#228;nglich gemacht worden w&#228;ren; das seit 1. Januar 1992 geltende Stasi-Akten-Gesetz bot daf&#252;r gen&#252;gend Handhabe. Jene Materialien jedenfalls, die die HVA-Aufl&#246;ser – dem Beschluss des Runden Tisches folgend – f&#252;r eine zentrale Archivierung zur Verf&#252;gung stellten und die im Juni 1990 von Vertretern des B&#252;rgerkomitees, darunter der damalige Sprecher der Gauck-Beh&#246;rde, David Gill, gesichtet wurden, sind bisher der &#214;ffentlichkeit nicht zug&#228;nglich.</p>
<p>Es handelt sich dabei um ganze Jahrg&#228;nge von Ausgangsinformationen der Auswertungsabteilung der HVA, die sich mit den politischen, milit&#228;rischen und &#246;konomischen Vorg&#228;ngen in der Bundesrepublik und anderen beobachteten L&#228;ndern befassten. Aus den Best&#228;nden der fr&#252;heren Abteilung IX wurden Analysen zur Struktur und Arbeitsweise des Bundesnachrichtendienstes, die komplette Kartei der hauptamtlichen BND-Mitarbeiter sowie Dossiers &#252;ber eine gr&#246;&#223;ere Anzahl von ihnen &#252;bergeben, weiter Materialsammlungen &#252;ber das Bundesamt und die Landes&#228;mter f&#252;r Verfassungsschutz sowie Dossiers &#252;ber deren Mitarbeiter, schlie&#223;lich eine Aufstellung der Bediensteten des Milit&#228;rischen Abschirmdienstes (MAD). Auch Unterlagen &#252;ber den CIA – so die wichtigsten zentralen Richtlinien f&#252;r die Organisierung einer weltweiten Spionage, f&#252;r die elektronische &#220;berwachung, eine Kartei mit Angaben &#252;ber alle Dienststellen des USA-Geheimdienstes in der damaligen Bundesrepublik und West-Berlin, aber auch die komplette Dokumentation des Vorgangs »Ronny« – befanden sich seitdem beim Aufl&#246;sungskomitee und sind jetzt wohl beim »Bundesbeauftragten f&#252;r die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik« archiviert. Gleiches gilt f&#252;r Analysen &#252;ber Struktur und Arbeitsweise der Geheimdienste aller anderen NATO-Staaten sowie weiterer europ&#228;ischer L&#228;nder.</p>
<p>Die genannten Materialien wurden in einer spektakul&#228;ren Aktion -. unter dem Begleitschutz mehrerer Funkstreifenwagen – in den Archivtrakt der Normannenstra&#223;e &#252;berf&#252;hrt. Wo sind sie jetzt?</p>
<p>Die restlose Beseitigung der &#252;brigen Unterlagen erwies sich als ein hartes St&#252;ck Arbeit. Fast unaufh&#246;rlich rollten die Lkw zur Papierm&#252;hle in der Orloppstra&#223;e. Im Westteil Berlins mussten gr&#246;&#223;ere Posten von Papier- und Plastes&#228;cken eingekauft werden; dazu B&#252;ro-Rei&#223;w&#246;lfe zur Zerkleinerung der Akten. Ein letztes Mal bereitete die »Tonnen-Ideologie«, die Manie, &#252;ber jedes Detail ein Papier anzulegen, den Aufkl&#228;rern Verdruss. Schon wenn erste Kontakte mit einem ins Auge gefassten IM sich als vielversprechend erwiesen und ihre Fortsetzung beschlossen wurde, bekam er einen Aktenvorgang, registriert mit einem Decknamen. Der »Kandidat« entwickelte sich mehr oder minder gut – aber auch dann, wenn sich aus ihm nichts machen lie&#223;, wurde der Vorgang archiviert. All diese Unterlagen fanden sich nun in den Stahlschr&#228;nken der Mitarbeiter, zum Teil vergilbte und staubige Schnellhefter mit Namen, deren Tr&#228;ger in der operativen Arbeit der HVA nie eine Rolle gespielt hatten. Dazu kamen massenhaft Weisungen, Ordnungen, Vorschriften, Dienst- und Belehrungsb&#252;cher aus Jahrzehnten, Parteimaterialien und all das Papier, das man sich nicht wegzuwerfen getraute, weil es vielleicht noch einmal zu brauchen war.</p>
<p>Au&#223;erhalb der HVA waren s&#228;mtliche »konspirativen Wohnungen« aufzul&#246;sen, musste ihr Personal entlassen werden. Die materiellen Werte gelangten teilweise zum Verkauf, teilweise wurden sie auch kostenlos weitergegeben, so an die Hohensch&#246;nhausener Pfarrgemeinden, die f&#252;r manches Verwendung fanden.</p>
<p>Von besonderer Brisanz war der Umgang mit den Finanzmitteln. Bereits im November 1989 war die Finanzplanung 1990 vorbereitet worden; dabei sollte das »Anlegen zentraler operative Finanzreserven« gepr&#252;ft werden. Ein Teil dieser Mittel wurde f&#252;r die Abwicklung der im Aufl&#246;sungsprozess unumg&#228;nglichen operativen Ma&#223;nahmen ben&#246;tigt; so gab Klaus Kuron im Prozess gegen ihn an, noch im Fr&#252;hjahr 1990 f&#252;r seine Informationen knapp 60.000 D-Mark erhalten zu haben. &#220;ber den Verbleib der restlichen Gelder ist bisher zuverl&#228;ssig nichts bekannt.</p>
<p>Parallel zur Vernichtung der Akten und der »Abwicklung« der materiellen und finanziellen G&#252;ter begann die Herausl&#246;sung der Menschen aus dem Apparat der HVA. Dabei war die Entlassung der hauptamtlichen Mitarbeiter noch die einfachere Aufgabe – ganz im Unterschied zur Trennung von den Spionen im Operationsgebiet. Diese hatten auf ihr weiteres Schicksal zumeist keinen Einfluss, fragten sich aber gerade deshalb wohl oft bange: »Wer wird wie mit mir verfahren?« Begonnen wurde mit den Meldeakten in der DDR. Die als Methode von der HVA angewandte »&#220;bersiedelung« von Agenten hatte es mit sich gebracht, dass einige fr&#252;here DDR-B&#252;rger &#252;ber eine Zweitidentit&#228;t in der Bundesrepublik verf&#252;gten, die nun ohne Gef&#228;hrdung der Betreffenden nicht mehr aufgegeben werden konnte. Daher war es notwendig, deren Daten aus den DDR-Speichern zu tilgen.</p>
<p>Vereinzelt kamen auch DDR-B&#252;rger zweimal in den Meldekarteien vor. Bei der Bereinigung dieser F&#228;lle zeigte sich das Ministerium des Innern sehr kooperativ – sowohl Minister Peter-Michael Diestel als auch Vertraute der HVA in den Datenspeichern und bei den Meldekarteien.</p>
<p>Bereits Ende 1989 waren alle unwichtigen Treffs abgesagt worden, wurden Quellen des Operationsgebietes, die von minderer Bedeutung waren, »abgeschaltet«. Sie erhielten auf den festgelegten Verbindungswegen, oft &#252;ber Funk, die Mitteilung, dass die Zusammenarbeit beendet wird und alle operativen Materialien r&#252;ckstandslos zu beseitigen sind. Dar&#252;ber bestand im damaligen Amt f&#252;r Nationale Sicherheit wie auch im sp&#228;teren Aufl&#246;sungskomitee Konsens. Unterschiedlich waren die Meinungen jedoch, wenn &#252;ber die Spitzenquellen der HVA nachgedacht wurde. Im Herbst 1989 waren viele Aufkl&#228;rer noch davon &#252;berzeugt, dass es ein »Leben nach dem Tode« geben k&#246;nne. In einem Dokument der HVA vom 22. November hie&#223; es: »Mit dem Ziel der langfristigen Sicherung der wichtigsten Quellen &#8230; sind Vorschl&#228;ge zur Beendigung der Zusammenarbeit, Konservierung, Ver&#228;nderung der operativen Aufgabenstellung sowie zur langfristigen Sicherung der Funktionsf&#228;higkeit zu unterbreiten.« F&#252;r alle IM-Kategorien wurden konkrete Anregungen unterbreitet, bis hin zum schnellen Einstellen auf die ver&#228;nderten Bedingungen: »Neue M&#246;glichkeiten, die sich aus den aktuellen gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen in der DDR ergeben, sind kurzfristig auf ihre Anwendbarkeit und Wirksamkeit zu pr&#252;fen.«</p>
<p>Im Januar und Februar 1990 waren solche Pl&#228;ne schon zur Illusion geworden. Dennoch wurde &#252;ber M&#246;glichkeiten nachgegr&#252;belt, wie das Faustpfand, das die verbliebene HVA-F&#252;hrung mit dem operativen Netz im Westen besa&#223;, genutzt werden k&#246;nne. Daf&#252;r gab es verschiedene Modelle. Solange die DDR bestand und mit ihr die Nationale Volksarmee, die auch unter der Regie von Minister Rainer Eppelmann zun&#228;chst &#252;ber die Fortsetzung der konspirativen Milit&#228;raufkl&#228;rung nachdachte, ehe diese sp&#228;ter ohne viel Aufsehen verschwand, war eine der M&#246;glichkeiten, dass zumindest geeignete Quellen an sie &#252;bergeben wurden. Doch die NVA f&#252;rchtete, dass der schlechte Ruf der HVA als eines Bestandteils der Stasi ihr schaden k&#246;nne; sie winkte beizeiten ab.</p>
<p>Dann war da nat&#252;rlich die naheliegende Variante, das HVA-Netz zur G&#228;nze oder zumindest in gro&#223;en Teilen dem Komitee f&#252;r Staatssicherheit der UdSSR zu &#252;bergeben. Markus Wolf selbst schien &#252;ber diese M&#246;glichkeit, bot sich – geht man von einigen seiner &#196;u&#223;erungen in jener Zeit aus – nachgedacht zu haben, und von seiner Vita her bot er sich als Vermittler geradezu an. Auch bei einzelnen Vertretern der HVA-Aufl&#246;sungsgruppe war eine entsprechende Bereitschaft vorhanden – und das traf sich mit den Absichten der KGB-Residentur in Berlin-Karlshorst. Diese erhoffte sich von der &#220;bernahme ehemaliger HVA-Quellen eine Verbesserung der eigenen M&#246;glichkeiten, hatte sie sich doch schon in der Vergangenheit ab und zu mit den fremden Federn ihrer »tschekistischen Kampfgef&#228;hrten« in der DDR geschm&#252;ckt.</p>
<p>Wenn es schlie&#223;lich doch nicht zu einer solchen &#220;bergabe kam, dann zum einen wegen der z&#246;gernden Haltung der KGB-Zentrale in Moskau und zum anderen, weil die Ex-Chefs der HVA eine gewisse Eigenst&#228;ndigkeit wahren wollten. Moskau war zur&#252;ckhaltend, weil es davon ausgehen musste, dass jede der &#252;bergebenen Quellen wenigstens einem halben Dutzend ehemaliger DDR-Aufkl&#228;rer bekannt war und damit als unzureichend konspiriert ein st&#228;ndiges Risiko darstellte. Au&#223;erdem d&#252;rfte die j&#228;he Wendung, die ihr Leben – und das gilt f&#252;r Spione wie f&#252;r ihre F&#252;hrungsoffiziere gleicherma&#223;en – durch den Zusammenbruch der DDR und des Sozialismus erfahren hatte, kaum ein Anreiz gewesen sein, auf diesem gef&#228;hrlichen Grund weiter zu agieren. Wolf hat insofern recht, wenn er das HVA-Netz »einen demotivierten, deprimierten Haufen« nennt, den ein weitsichtiger Geheimdienstchef kaum &#252;bernehmen w&#252;rde.</p>
<p>Und dennoch hat es solche Bem&#252;hungen gegeben, die allerdings zus&#228;tzlich dadurch erschwert wurden, dass die HVA-F&#252;hrung sie unter Kontrolle halten wollte.Diese f&#252;hrte zwar mit ihren Spitzen-Aufkl&#228;rern im ersten Halbjahr 1990 letztmalige Treffs durch, bei denen Einzelheiten f&#252;r ihr »Untertauchen« er&#246;rtert wurden – einschlie&#223;lich der M&#246;glichkeit einer Reaktivierung zu gegebener Zeit. Die dabei getroffenen Festlegungen enthielten auch die in der Geheimdienstarbeit &#252;bliche Verhaltensma&#223;regel, auf Kontaktversuche anderer als der vereinbarten Personen nicht einzugehen. So war ein Verbindungsaufnahme seitens des KGB nur &#252;ber die Vertrauenspersonen der Quellen m&#246;glich – ein angesichts der Dekonspirierung aller HVA-Mitarbeiter &#228;u&#223;erst riskantes Unterfangen. Im Prozess gegen den Ingenieur Anton Steppan – eine Quelle, die auf dem R&#252;stungssektor der Bundesrepublik arbeitete – wurde mitgeteilt, dass Anfang Januar ein KGB-General versucht haben soll, Steppans F&#252;hrungsoffizier auf eine &#220;bergabe des Spions anzusprechen. Der HVA-Mitarbeiter informierte jedoch den Verfassungsschutz.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen ist eine erfolgversprechende Geheimdienstarbeit kaum zu leisten; die gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Warnungen vor einer &#220;bernahme von HVA-Kundschaftern durch den KGB in Gr&#246;&#223;enordnungen entlarven sich so als eine aktive Ma&#223;nahme zur Verunsicherung der eigenen Bev&#246;lkerung, als Versuch, auf diese Weise die Daseinsberechtigung bundesdeutscher Geheimdienste weit in die Zukunft hinein zu belegen. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, der selbst durch seine &#196;u&#223;erungen dabei mitwirkt, kann zwar kaum Beweise nennen, daf&#252;r aber umso mehr Vermutungen: »Das liegt doch sehr nahe, weil KGB und MfS sehr eng zusammengearbeitet haben, das MfS ein Kind des KGB ist und die internationale Solidarit&#228;t auch zur engeren Zusammenarbeit verpflichtet. Die Gefahr ist sehr deutlich.« Mehr hat er bis heute nicht ans Licht gebracht, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass es gewiss Einzelf&#228;lle gibt, wo der eine oder andere Kundschafter tats&#228;chlich einen neuen Herrn gesucht und gefunden hat . Doch nicht einmal diese werden genannt, vielleicht deshalb, weil sie – wie noch darzustellen sein wird – teilweise vom Verfassungsschutz provoziert wurden.</p>
<p>Eine dritte Variante des Umgangs mit dem brachliegenden Spionagenetz war der fr&#252;hzeitige &#220;bergang auf die andere Seite, die Kooperation mit dem bisherigen Gegner. Einige entschieden das f&#252;r sich pers&#246;nlich, andere wollten auf diese Weise die HVA als Ganzes &#252;bergeben &#8211; nicht zur Fortsetzung geheimdienstlicher Arbeit, sondern zu ihrer geregelten Beendigung. Die Vorstellung war, einerseits alle bisherigen HVA-Angeh&#246;rigen von ihrer gegen&#252;ber der DDR geleisteten Verpflichtung zu entbinden und gleichzeitig zu verpflichten, keinerlei riachrichtendienstliche Handlungen mehr zu unternehmen – ganz gleich f&#252;r wen. Die gleiche Verpflichtung sollten alle Quellen im Operationsgebiet gegen&#252;ber dem Aufl&#246;sungskomitee abgeben. Als Gegenleistung h&#228;tte die Bundesregierung einen Verzicht auf Strafverfolgung unter der Voraussetzung aussprechen sollen, dass sich die Aufkl&#228;rer in Ost wie West daran halten. Derart abgesichert, h&#228;tten den bundesdeutschen Organen die Namen der Ex-Spione offenbart werden k&#246;nnen, um ihr die Kontrolle der Vereinbarung zu erm&#246;glichen.</p>
<p>Diese &#220;berlegungen fanden auf beiden Seiten wenig Gegenliebe. Bei der Rest-Truppe der HVA spukte noch immer die Hoffnung auf Fortsetzung der Arbeit herum; nicht zuletzt deshalb wurde verf&#252;gt, dass ins Aufl&#246;sungskomitee niemand eingestellt werden d&#252;rfe, der f&#252;r diesen in der Zukunft liegenden Fall als F&#252;hrungsoffizier ins Operationsgebiet in Frage kam. Dies dr&#228;ngte hochkar&#228;tige Aufkl&#228;rer der HVA befristet in eine neue Konspiration, anstatt ihnen die M&#246;glichkeit zu geben, sich sofort von ihrem gescheiterten Spionage-Job zu trennen.</p>
<p>Aber auch auf der anderen Seite konnte man sich von den alten Feindbildern nicht l&#246;sen. Zwar bef&#252;rworteten weitsichtige Politiker wie der damalige Innenminister Sch&#228;uble, sein Kollege im Justizressort, Kinkel, damals aber auch noch Generalbundesanwalt von Stahl und der jetzige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Werthebach, seinerzeit Berater f&#252;r Geheimdienstfragen bei DDR-Innenminister Diestel, eine Amnestie f&#252;r die HVA-Mitarbeiter und eventuell auch f&#252;r ihre westlichen Quellen, wenn dadurch die innere Sicherheit der Bundesrepublik gef&#246;rdert werden k&#246;nne. In einem Gesetzentwurf der Bundesregierung vom Sommer 1990 hie&#223; es: »Mit dem Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten hat die gegenseitige nachrichtendienstliche Aufkl&#228;rung aufgeh&#246;rt. Sie war stark gepr&#228;gt von der Teilung Deutschlands und der Frontstellung der beiden deutschen Staaten. F&#252;r den Rechtsfrieden und damit f&#252;r die Zukunft des geteilten Deutschlands erscheint es sinnvoll, unter die damit verbundenen Straftaten einen befriedenden Schlussstrich zu ziehen und mit Wirksamwerden des Beitritts in begrenzter Weise Straffreiheit zu gew&#228;hren.«</p>
<p>Die Autoren dieses Entwurfs ber&#252;cksichtigten dabei, dass nat&#252;rlich auch seitens der Bundesrepublik Spionage gegen die DDR stattgefunden hatte. So f&#252;hrte der BND nach Presseberichten 500 Agenten im Osten Deutschlands, darunter hohe Offiziere der Staatssicherheit ebenso wie einen stellvertretenden Minister und andere f&#252;hrende Vertreter des Staatsapparates. Sie bleiben straflos, und Juristen – wie der Rechtanwalt Gunter Widmaier aus M&#252;nchen – monieren, »dass die selbstverst&#228;ndliche und rechtm&#228;&#223;ige Befreiung der Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes von jeder strafrechtlichen Behandlung wegen ihrer fr&#252;heren Spionaget&#228;tigkeit gegen die DDR nicht in derselben Weise auch auf die Mitarbeiter der HVA des MfS wegen deren fr&#252;herer Spionage gegen die Bundesrepublik ausgedehnt worden ist.«</p>
<p>Dies gelang damals, als daf&#252;r noch Zeit war, nicht weil sowohl die CSU als Koalitionspartner als auch die SPD-Opposition lehnten aus ideologischen Erw&#228;gungen eine solche faktische Amnestie ablehnten. Sie provozierten damit die betr&#228;chtlichen juristischen Probleme, die heute jedes der angestrengten Strafverfahren begleiten und auf die noch einzugehen sein wird. Seinerzeit f&#252;hrte das Verhalten der BRD-Beh&#246;rden zu einer Verunsicherung der kooperationswilligen Mitarbeiter der DDR-Aufkl&#228;rung. Sie wurden hingehalten und immer wieder aufgefordert, ihr Wissen ohne eine f&#246;rmliche Vereinbarung zu offenbaren. Lediglich sie selbst sollten nat&#252;rlich davon profitieren – sei es durch die Zusage von Straffreiheit, sei es durch betr&#228;chtliche Geldzuwendungen, Ein stellvertretender Abteilungsleiter der Milit&#228;raufkl&#228;rung bekam f&#252;r jede enttarnte Quelle 25.000 Mark geboten; dem Leiter der die USA bearbeitenden Abteilung wurden nach eigenen Angaben sogar eine Million Dollar in Aussicht gestellt, wenn er sein gesamtes Netz komplett &#252;berg&#228;be. Solche Angebote erfolgten nat&#252;rlich ohne Zeugen; dass es sie gab, beweisen jedoch die inzwischen namhaft gemachten &#220;berl&#228;ufer der HVA.</p>
<p>Bei ihrem Vorgehen zogen die westlichen Abwehrorgane die unterschiedlichen Positionen unter den ehemaligen HVA-Mitarbeitern ins Kalk&#252;l und versuchten, daraus maximalen Gewinn zu ziehen. Sie konfrontierten die Aussagen einzelner F&#252;hrungsoffiziere miteinander, pokerten mitunter auch mit Behauptungen, die Verunsicherung und Misstrauen schaffen sollten. Fakten und Erfindungen wurden gemischt, insbesondere Vorgesetzte immer wieder als angebliche Informanten genannt. Nat&#252;rlich hielten die Ermittler die Namen der &#220;berl&#228;ufer so lange wie m&#246;glich geheim. Das erm&#246;glichte ihnen, Enttarnungen nach Bedarf anderen HVA-Vertretern anzulasten. Erst allm&#228;hlich sickerte durch, wer jeweils dahinter steckte; dazu trug Kuron mit seinen Informationen bei. Dennoch setzten die Ermittlungsbeh&#246;rden diese Methode weiter ein und verd&#228;chtigten zum Beispiel noch nach dem Spuhler-Prozess den Gegenspionage-Chef Harry Sch&#252;tt der Kollaboration. So begr&#252;ndete Generalbundesanwalt von Stahl das relativ milde Bew&#228;hrungsurteil von zwei Jahren gegen Sch&#252;tt damit, dass er sich sehr kooperativ gezeigt und »in sehr gro&#223;em Umfang an der Schadensbegrenzung mitgewirkt h&#228;tte«.</p>
<p>Trotz aller Bem&#252;hungen blieb jedoch die Ausbeute solcher Operationen begrenzt. Gemessen an der gro&#223;en Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter der HVA ist die der Abtr&#252;nnigen gering, was nicht hei&#223;t, dass diese mit ihrem Wissen nicht wichtige Quellen enttarnen konnten.</p>
<p>Bisher betraf das vor allem Spione der Abteilung IX, an denen die bundesdeutschen Geheimdienste naturgem&#228;&#223; auch das gr&#246;&#223;te Interesse haben. Bereits 1989 lief ein Mitarbeiter der Fotostelle der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung zum BND &#252;ber. Er war wegen Sicherheitsbedenken, die in seiner Person lagen, aus dem MfS entlassen worden und hatte damals Kopien von den Original-Mikrofilmen aus dem BND und dem BfV mitgenommen. Sie enthielten weitaus mehr Hinweise auf die Quelle als die sp&#228;ter der Auswertung &#252;bergebenen, teilretuschierten Kopien. Die Sache wurde zwar bekannt, und der Mann wurde festgenommen, kam jedoch bei einer der ersten Amnestien nach der Wende wieder frei und offenbarte sich nun den Diensten der Bundesrepublik. So erhielt der Verfassungsschutz zum Beispiel erste Hinweise auf die Gebr&#252;der Spuhler. Durch weitere &#220;berl&#228;ufer konnten sie sp&#228;ter verifiziert werden. Zu ihnen geh&#246;rte der schon genannte Oberst Busch, aber auch Oberst Werner Roitsch, stellvertretender Leiter der f&#252;r die Beobachtung des Sicherheitsregimes im Operationsgebiet zust&#228;ndigen Abteilung VI, vor allem jedoch Oberst Karl Gro&#223;mann, stellvertretender Abteilungsleiter in der Spionageabwehr der HVA.</p>
<p>Roitsch hatte seinen Coup mit gr&#246;&#223;ter Vorsicht und streng konspirativ vorbereitet und mag sich gewundert haben, dass er schon nach kurzer Zeit von seinen Kollegen in der Aufl&#246;sungsgruppe enttarnt wurde. Verantwortlich daf&#252;r war auch hier niemand anderer als Kuron. Bei ihm war der Vorgang Roitsch gelandet, und er hatte sofort die Roedernstra&#223;e informiert. Diese entlie&#223; den Oberst »wegen Verrats« am 15. April 1990 fristlos. Da er vor seiner T&#228;tigkeit in der Abteilung VI Referatsleiter in der den Bonner Regierungsapparat bearbeitenden Abteilung I gewesen war, kannte er einige der von dort aus gef&#252;hrten Spione und trug zu deren Enttarnung bei.</p>
<p>Noch gravierender war der &#220;bertritt Gro&#223;manns. Im Jahre 1977 kam der Namensvetter des sp&#228;teren HVA-Chefs mit seinem G&#246;nner Harry Sch&#252;tt, als dieser zum Leiter der Spionageabwehr der HVA berufen worden war, in die Abteilung IX und stieg dort zum stellvertretenden Abteilungsleiter mit Zust&#228;ndigkeit f&#252;r die illegale Linie A (im Unterschied zu der die HVA-Leute in den DDR-Botschaften betreuenden Linie B) auf. Er hatte seine F&#228;higkeiten als &#228;u&#223;erst phantasievoll und mit hohem Risiko arbeitender Geheimdienstmann bewiesen, diese Eigenschaften jedoch nicht selten auch f&#252;r die Befriedigung pers&#246;nlicher Bed&#252;rfnisse eingesetzt. Das schuf ihm immer wieder Probleme, aber seine Erfolge als Agentenf&#252;hrer veranlassten seine Chefs stets zu Nachsicht. Erst als er mit dem Sohn von Alexander Schalck-Golodkowski zusammen einige anr&#252;chige Gesch&#228;fte gemacht hatte, verlor er seinen Leitungsposten, wurde jedoch zum »Sonderoffizier« ernannt und konnte im Prinzip ungest&#246;rt weiterarbeiten. Der BND, der ihn schon lange im Visier und bereits vor Jahren einen Konteragenten auf seine Frau angesetzt hatte, wusste durch eigene Recherchen, aber wohl auch durch Schalck um diese Schw&#228;chen und z&#246;gerte nicht, Gro&#223;mann »umzudrehen«. Dieser lieferte dann nicht nur die letzten Beweise f&#252;r die Enttarnung der Gebr&#252;der Spuhler, sondern er gab auch die entscheidenden Hinweise auf die Ende 1991 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilte Gabriele Gast, die aus dem Bundesnachrichtendienst wichtige Analysen sowie die regelm&#228;&#223;igen Lageeinsch&#228;tzungen f&#252;r den Bundeskanzler verraten hatte. Andere ehemalige DDR-Spione in den bundesdeutschen Abwehrbeh&#246;rden haben ihm ebenfalls ihre Festnahme zu verdanken.</p>
<p>Karl Gro&#223;manns Aussagebereitschaft besiegelte schlie&#223;lich auch das Schicksal des wohl kaltbl&#252;tigsten HVA-Maulwurfs <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Kuron" target="_blank">Klaus Kuron</a>. Als das Ende der HVA offenkundig geworden war, beschoss er, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen zu bleiben, sondern weiter mitzumischen. Das Verh&#228;ngnis, so es denn kam, sollte ihn nicht unvorbereitet treffen. Und zun&#228;chst ging tats&#228;chlich alles gut. Er empfing die HVA-&#220;berl&#228;ufer, forschte sie aus und pr&#252;fte vor allem die Gefahr f&#252;r sich selbst. Seine Chefs erfuhren nur, was ihm nicht schaden konnte. Zugleich meldete er die Abtr&#252;nnigen ihrem ehemaligen Arbeitgeber, damit dieser ihn vor deren Mitteilsamkeit sch&#252;tzte. So erfuhren die HVA-Aufl&#246;ser aus erster Hand, was das BfV gegen die HVA plante, welche Offiziere &#252;bergelaufen waren, was sie ausgesagt hatten und welche sonstigen Angebote an den Verfassungsschutz gemacht worden waren. Kurons fortgesetzte Spionaget&#228;tigkeit f&#252;r die HVA half dieser betr&#228;chtlich dabei, Quellen im »Operationsgebiet BRD« systematisch abzuschalten und viele von ihnen aus der Gefahrenzone zu bringen. Der Verfassungssch&#252;tzer best&#228;rkte aber auf diese Weise auch die alte HVA-F&#252;hrung, gegen&#252;ber den Beh&#246;rden der Bundesrepublik sehr reserviert aufzutreten und M&#246;glichkeiten einer fr&#252;hzeitigen Bereinigung des deutsch-deutschen Spionagekapitels ungenutzt zu lassen. Seine Informationen erm&#246;glichten &#252;ber lange Zeit die Verunsicherung und damit die Disziplinierung solcher HVA-Mitarbeiter, die einen endg&#252;ltigen, aber zugleich verantwortbaren Schlussstrich unter ihre Vergangenheit ziehen wollten.</p>
<p>Wenige Tage nach dem Vollzug der deutschen Einheit aber bekommt Kuron Wind von jenem hochrangigen DDR-&#220;berl&#228;ufer, der jedoch – im Unterschied zu allen vorherigen – ihn und seine langj&#228;hrige Doppelkonspiration kennt – Karl Gro&#223;mann. Und er kann sich ausrechnen, wann er nun selbst an der Reihe ist. Jetzt tut er das, was er schon lange ins Kalk&#252;l gezogen hat – er tritt die Flucht nach vorn an. Nachdem die HVA verschwunden ist, so glaubt er, bleibt ihm nur noch der KGB. Schon zuvor hatte er einige Male versucht, diese Karte ins Spiel zu bringen. Aktenkundig ist dies im Fall des schon genannten Ingenieurs Steppan. Dessen F&#252;hrungsoffizier wurde von Kuron aufgefordert, auf das sowjetische Angebot einzugehen und den Mitarbeiter der Friedrichshafener Firma Motoren- und Turbinen-Union (MTU) f&#252;r den KGB arbeiten zu lassen – nat&#252;rlich unter seinen Augen. Jetzt stellte Kuron &#252;ber seinen fr&#252;heren F&#252;hrungsoffizier Stefan Engelmann einen Kontakt zur Karlshorster Dependance des sowjetischen Geheimdienstes her und versuchte zugleich, den Ex-Aufkl&#228;rer der DDR mit auf die Reise zu nehmen. Engelmann lehnte ab, und auch die KGB-Leute blieben reserviert. Sie boten Kuron zwar dir Ausschleusung aus Deutschland an und ein Refugium im weiten Sowjetland; mehr aber versprachen sie nicht. Das war dein Geheimdienstler aus Passion zu wenig. Er pokerte zum letzten Mal, machte sich auf den Weg zur&#252;ck und rief von unterwegs, aus einer Telefonzelle in K&#246;nigslutter, den Verfassungsschutz an. Er bot seiner Dienststelle die Aussicht auf eine Doppelagenten-Operation gegen den KGB und verlangte im Gegenzug Nachsicht gegen&#252;ber dem eigenen Doppelspiel. K&#246;ln lehnte ab; soviel Chuzpe war nie Sache des Amtes.</p>
<p>Unmittelbar nach dem 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Einheit, gingen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden und Geheimdienste in breiter Front gegen die ehemaligen Widersacher aus der HVA vor. Dabei interessierten weder Strukturen noch Arbeitsweisen; an eine inhaltliche Aufarbeitung der HVA-T&#228;tigkeit war nicht gedacht – h&#228;tte sie doch die ganz &#228;hnlichen Praktiken der westlichen Dienste all zu sehr ins Blickfeld ger&#252;ckt. Allein Namen waren gefragt – Namen der Top-Spione der DDR-Aufkl&#228;rung vor allem, aber auch die Personalien der sogenannten kleinen Fische. Nach lange vorbereiteten Listen begannen die Befragungen der F&#252;hrungsoffiziere, jedoch auch des sonstigen Personals der HVA, vom Auswerter &#252;ber den Verwalter einer »konspirativen Wohnung«, die Sekret&#228;rin, den Kraftfahrer, bis hin zum Fotolaboranten, der &#252;bermittelte Mikrofilme im Original gesehen hatte. Jedes St&#252;ck Papier, jede noch greifbare Karteikarte wurden ausgewertet. Aus vielen kleinen Bausteinchen sollten die Mosaiks zusammengesetzt werden, die schlie&#223;lich zum unsichtbaren Kundschafter f&#252;hren w&#252;rden.</p>
<p>Mit begrenztem Erfolg, denn die meisten Mitarbeiter der HVA erwiesen sich denn doch nicht als so skrupellos, dass sie – um den eigenen Kopf zu retten – ihre Quellen unverz&#252;glich preisgaben. Die ersten, au&#223;erordentlich harten Urteile gegen Aufkl&#228;rer aus dem Operationsgebiet taten ein &#252;briges. Wenn auch oft unterstellt, ist es f&#252;r viele F&#252;hrungsoffiziere nicht einerlei, dass Leute, die ihnen &#252;ber eine lange Zeit hinweg vertraut hatten, nun vielleicht mit ihrer Hilfe f&#252;r zehn Jahre hinter Gitter wandern. Hinzu kommt, dass die Offenbarung einer Quelle in aller Regel auch unvorhersehbare Konsequenzen f&#252;r deren pers&#246;nliches Umfeld, f&#252;r Verwandte, Bekannte und Arbeitskollegen haben kann. »Ich halte die Preisgabe von Personen, die sich mir anvertraut haben, von uns angehalten wurden, nachrichtendienstlich t&#228;tig zu werden, f&#252;r absolut verwerflich«, hatte Markus Wolf immer wieder &#246;ffentlich betont, und er sprach damit f&#252;r die &#252;bergro&#223;e Mehrzahl seiner fr&#252;heren Mitarbeiter. Wolf selbst war mit solchen Angeboten ebenfalls konfrontiert worden: »Im Beisein meiner Frau malten freundliche Herren von der anderen Seite angesichts des mir drohenden Haftbefehls unsere Zukunft in den d&#252;stersten Farben. Voller Respekt und Verst&#228;ndnis zeigten sie danach einen passablen Ausweg mit gesichertem Schutz und Wohlstand, nat&#252;rlich bei entsprechender Gegenleistung.« Auf diese Weise hatten die Bundesbeh&#246;rden die Chance verpasst, durch einen seri&#246;sen und emotionslosen Umgang mit diesem das ganze Deutschland betreffenden Erbe eine sachdienliche L&#246;sung zu finden. Nun, da mehr als tausend Ermittlungsverfahren laufen und die ersten Urteile gesprochen sind, ist eine restlose Aufkl&#228;rung in weite Ferne ger&#252;ckt.</p>
<p>Zu dieser Entwicklung trugen aber auch die fr&#252;heren Chefs der HVA und ihre Vertreter im Aufl&#246;sungsstab durch den illusion&#228;ren Glauben an eine wie auch immer geartete Weiterarbeit bei. Nachdem sie – wie dargestellt – im ersten Halbjahr 1990 alle diesbez&#252;glichen Bem&#252;hungen blockiert hatten, begriffen sie nach der deutschen Vereinigung endlich, dass ihre Hoffnungen auf Sand gebaut waren. Am 17. Januar 1991 wandten sich f&#252;nf Stasi-Generale, darunter der letzte HVA-Chef Werner Gro&#223;mann, an Innenminister Sch&#228;uble, um ihm nun selbst das Angebot zu machen, das sie im Jahr zuvor noch torpediert hatten. Nun erkl&#228;rten sie pl&#246;tzlich ihre »Bereitschaft zum Offenlegen von noch nicht enttarnten Quellen des MfS im Gebiet der ehemaligen BRD sowie im NATO-Bereich; zur Offenlegung der tats&#228;chlichen Zusammenh&#228;nge zu dem Komplex ›&#220;bergabe von Quellen an das KGB der UdSSR im Zusammenhang mit der Aufl&#246;sung des MfS‹; mitzuwirken an der realen Bewertung des Handelns von IM in der ehemaligen DDR; Zusammenh&#228;nge von operativen Vorg&#228;ngen und Aktionen des MfS aufzudecken, sofern daf&#252;r insbesondere im Zusammenhang mit Ma&#223;nahmen der Strafverfolgungsbeh&#246;rden sowie zur Rehabilitierung Betroffener Handlungsbedarf besteht; auf F&#252;hrungsoffiziere und andere Angeh&#246;rige Einfluss zu nehmen, sich in diesen Prozess einzubringen; Einfluss geltend zu machen, dass von den ehemaligen Angeh&#246;rigen des MfS keine rechtswidrigen Handlungen gegen den Bestand der Bundesrepublik Deutschland begangen werden«. Als Gegenleistung sollte die Bundesregierung »auf der Grundlage entsprechender Rechtsvorschriften den Weg f&#252;r eine Selbststellung unter Zusicherung der Straffreiheit« ebnen. Die F&#252;hrungsoffiziere, die ein Jahr zuvor auf Weisung ihrer ehemaligen Leiter mit den Quellen noch Kontaktwege f&#252;r eine sp&#228;tere Reaktivierung vereinbaren mussten, sollten diese nun nutzen, um die Spione zur Selbststellung zu bewegen.</p>
<p>Am 15. Februar 1991 fand dazu in Berlin ein geheimes Treffen statt, an dem der damalige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Boeden und sein designierter Nachfolger Werthebach teilnahmen. Im M&#228;rz, wurde der Vorgang &#246;ffentlich bekannt und sogleich als »Kuhhandel« abqualifiziert. W&#228;hrend sich das Innenministerium vorerst ausschwieg, dementierte HVA-Generaloberst Gro&#223;mann das Ganze, doch vier Wochen sp&#228;ter gab die Regierung die Begegnung zu. Die f&#252;nf Generale h&#228;tten ihre Vorstellungen und W&#252;nsche vorgetragen, die Verfassungssch&#252;tzer ihrerseits erneut auf bedingungslose Offenlegung der Quellen gedrungen. »Der Erwartungshaltung der ehemaligen Mitarbeiter des MfS konnte dabei nicht entsprochen werden«, hie&#223; es lakonisch aus dem Innenministerium. Dieser letzte und zu sp&#228;te Versuch, eine einvernehmliche L&#246;sung des Problems zu erreichen, war von vornherein zum Scheitern verurteiIt, denn die MfS-Generale hatten in v&#246;lliger Verkennung der Situation l&#228;ngst ihre Tr&#252;mpfe verspielt. Nun setzte die Bundesregierung auf die Ermittlungen des Staatsschutzes und auf die Gerichte; die ersten »Pilotverfahren« waren schon eingeleitet. Eine Koalition der Unvernunft – bestehend aus unbelehrbaren Stasi-F&#252;hrern auf der einen Seite und rachedurstigen Parteipolitikern andererseits – hatte Deutschland ein Problem beschert, das &#214;ffentlichkeit und Justiz noch einen langen Zeitraum besch&#228;ftigen wird, ohne je zu einem guten Ende zu kommen.</p>
<p>Zu den ersten, die das zu sp&#252;ren bekamen, geh&#246;rten diejenigen Spione, die in den vergangenen Jahren aus eigenem Antrieb oder auf Anraten der Zentrale aus dem Operationsgebiet in die DDR zur&#252;ckgekehrt waren, um sich dort der Strafverfolgung zu entziehen. In der DDR hatten sie vielf&#228;ltige Ehrungen erfahren und sich leidlich eingerichtet, wenn auch die wenigstens von ihnen gl&#252;cklich waren. Wer seine Strafe in der Bundesrepublik abgesessen hatte, wie die Guillaumes oder Lothar Lutze und Renate Wiegel, ging lediglich einiger Privilegien verlustig; wer jedoch f&#252;r die Strafverfolgsbeh&#246;rden ein noch ungekl&#228;rter Fall war, musste mit seiner Verhaftung rechnen. Das betraf von den bekannteren Kundschaftern <a href="http://www.spiegel.de/wikipedia/Hansjoachim_Tiedge.html" target="_blank">Hansjoachim Tiedge</a>, <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488895.html" target="_blank">Ursel Lorenzen </a>oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sonja_L%C3%BCneburg" target="_blank">Sonja L&#252;neburg</a>.</p>
<p>Tiedge setzte sich schon im Sommer 1990 in die Sowjetunion ab, muss aber f&#252;rchten, dass diese ihn irgendwann ausliefert. Ursel Lorenzen ist nach ihrer Verheiratung unter dem Namen ihres Mannes ebenfalls und wiederum auf der Flucht. Sie, die im NATO-Hauptquartier in Br&#252;ssel gearbeitet hatte, war 1979 in die DDR geflohen, da sie sich gef&#228;hrdet f&#252;hlte. Am 17. Januar 1980 pr&#228;sentierte sie auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin Dokumente, die die Bereitschaft der NATO zum Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg in Europa belegten. Die meisten der vorgelegten Geheimpapiere hatte sie gar nicht beschafft, sondern stammten aus anderen Quellen sowohl der HVA als auch des milit&#228;rischen Nachrichtendienstes der Nationalen Volksarmee, die bei der NATO t&#228;tig gewesen waren. Sie wurden vom damaligen Leiter des Instituts f&#252;r milit&#228;rpolitische Forschung bei der NVA, Oberst Charisius, pr&#228;sentiert, der sie zuvor mit dem f&#252;r die Auswertung der milit&#228;rpolitischen Informationen der HVA zust&#228;ndigen Oberst Busch ausgew&#228;hlt hatte. Nun aber wird Ursel Lorenzen durch ihr damaliges Auftreten schwer belastet; auf dieser Grundlage will ihr die Bundesanwaltschaft den Prozess machen. Sie irrt mit ihrem Mann durch diejenigen L&#228;nder Europas, die kein Auslieferungsabkommen mit der Bundesrepublik haben.</p>
<p>Noch schlimmer ist es Sonja L&#252;neburg ergangen. Die ehemalige Sekret&#228;rin des FDP-Bundestagsabgeordneten William Borm, die nach dessen Tod zum damaligen Generalsekret&#228;r der Liberalen, Martin Bangemann, &#252;berwechselte und diesem dann auch ins Wirtschaftsministerium folgte, hatte sich im August 1985 zu einer Wochenendreise abgemeldet und war nicht wieder aufgetaucht. Ermittlungen ergaben, dass sie unter einer Doppelg&#228;nger-Legende f&#252;r die HVA gearbeitet haben soll. Nach der Vereinigung Deutschlands wurde in einem &#246;stlichen Vorort Berlins die 64j&#228;hrige Johanna O. festgenommen, hinter der man Sonja L&#252;neburg vermutet.</p>
<p>Die Strafverfolgungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik konzentrieren gegenw&#228;rtig all ihre Kraft auf die juristische Abrechnung mit den ehemaligen Spionen der DDR. Sie bringen dazu nicht nur jene Agenten vor Gericht, die in j&#252;ngster Zeit enttarnt wurden, sondern eben auch sogenannte Altf&#228;lle, bei denen sich nach der Vereinigung pl&#246;tzlich doch noch die M&#246;glichkeit er&#246;ffnet, strafend t&#228;tig zu werden, auch wenn das offensichtlich keinen tieferen Sinn mehr hat. Au&#223;er Ursel Lorenzen und Sonja L&#252;neburg betrifft das auch Inge Goliath und andere. Bei einigen, die nach Verb&#252;&#223;ung ihrer Strafe in die DDR kamen und hier Vortr&#228;ge vor MfS-Angeh&#246;rigen hielten, schuf das einen neuen Straftatbestand der »Beihilfe zu geheimdienstlicher Agentent&#228;tigkeit«. Ihnen wurden zum Teil neue Verfahren angedroht, wie dem fr&#252;heren Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Grunert, der 1978 zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden und danach in die DDK &#252;bergesiedelt war. Von Anfang an wurden in die gerichtlichen Verfahren auch die F&#252;hrungsoffiziere einbezogen, die vom Gebiet der DDR aus die Kundschafter anwarben, steuerten und entlohnten. Dieses undifferenzierte Vorgehen l&#246;ste unverz&#252;glich eine intensive Debatte &#252;ber Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats aus, die durch diese Praxis offensichtlich verletzt werden.</p>
<p>Vom abstrakten Gerechtigkeitsempfinden her erscheint die weitgehend gleichartige Verfolgung der Aufkl&#228;rer – unabh&#228;ngig ob erst vor kurzem gefasst oder schon seit l&#228;ngerem bekannt, ob in der alten BRD t&#228;tig oder vom Territorium der fr&#252;heren DDR aus agierend – durchaus denkbar. Gerade deswegen gab es ja die Bem&#252;hungen um eine Amnestie oder einen &#228;hnlichen Schlussstrich unter die deutsch-deutsche Spionaget&#228;tigkeit, jenes zwangl&#228;ufige Kind der Spaltung und des mit ihr verbundenen Kalten Krieges. Denn die juristisch gebotene Differenzierung verletzt den Gerechtigkeitssinn, die aus dieser Sicht logische Gleichbehandlung aber kollidiert mit rechtsstaatlichen Grunds&#228;tzen. Der genannte Gesetzesentwurf der Bundesregierung sah deshalb vor, nicht nur die spionierenden DDR-B&#252;rger straffrei zu stellen, sondern Gnade auch gegen&#252;ber jenen bisher nicht erkannten Agenten auf dem fr&#252;heren Bundesgebiet walten zu lassen, die sich innerhalb eines Jahres offenbaren. Sein Scheitern zwang die Beh&#246;rden zum Handeln, als sich vom 3. Oktober 1990 an die juristische Gewalt der Bundesrepublik auch auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR erstreckte. Am Morgen des Wiedervereinigungstages klingelte an der Pforte der Hohensch&#246;nhausener Villa des Ex-Generalobersten Werner Gro&#223;mann in Berlin die Polizei und nahm den letzten HVA-Chef fest. Sie st&#252;tzte sich dabei auf einen Beschluss des 3. Senats des Bundesgerichtshofs, der Gro&#223;mann der geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit als dringend verd&#228;chtig ansah. Damit setzten die Karlsruher Richter eine Diskussion in Gang, die sich schon bald als &#228;u&#223;erst facettenreich erwies und zwangsl&#228;ufig zur Anrufung des Bundesverfassungsgerichts f&#252;hrte.</p>
<p>Ihr Ursprung liegt jedoch nicht bei jenem 3. Oktober 1990, sondern einige Monate zur&#252;ck. Ursache f&#252;r das nun eingetretene Dilemma war ein – zuf&#228;lliges oder gewolltes? – Vers&#228;umnis des Einigungsvertrages, der grunds&#228;tzlich von der &#220;bertragung des Bundesrechts auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR ausgeht, jedoch eine Reihe von Bestimmungen und Gesetzen der alten Bundesrepublik aufz&#228;hlt, die ausdr&#252;cklich nicht anzuwenden sind. In dieser Aufz&#228;hlung fehlen die Straftatbest&#228;nde der »geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit«; mithin – so folgerte der Bundesgerichtshof in einer ersten Stellungnahme zu dieser Problematik vom 30. Januar 1991 – »kann und muss die Strafverfolgung ihren Fortgang nehmen«. Die obersten Gesetzesh&#252;ter standen damit in &#220;bereinstimmung mit der Auffassung der Bundesregierung, die in ihrem – nicht weiterverfolgten – Gesetzentwurf vom 13. September 1990 zu einem Amnestiegesetz unmissverst&#228;ndlich feststelle: »Nach Wirksamwerden des Beitritts unterliegen die Angeh&#246;rigen und Agenten der Auslandsnachrichtendienste der Deutschen Demokratischen Republik uneingeschr&#228;nkt unserer Staatsgewalt. Ihre bisher in der Deutschen Demokratischen Republik legitime T&#228;tigkeit wird ohne &#196;nderung ihres Charakters auch dort strafbar.« (Der Einigungsvertrag hat &#252;brigens einen ganz &#228;hnlichen Mangel f&#252;r die Spione der alten BRD, die in der DDR rechtskr&#228;ftig verurteilt wurden. Indem er alle rechtskr&#228;ftigen Urteile der DDR-Gerichte in die neue gesamtdeutsche Rechtsordnung &#252;bernahm, bleiben sie zun&#228;chst vorbestraft; nur &#252;ber komplizierte Rehabilitierungsverfahren k&#246;nnte daran etwas ge&#228;ndert werden.)</p>
<p>Die Anwendung des BRD-Rechts zur Spionage auf fr&#252;here DDR-B&#252;rger, die von ihrem Staat ausdr&#252;cklich mit der Aussp&#228;hung der Bundesrepublik beauftragt waren, l&#246;ste in der juristischen Fachwelt Kritik aus. Sie wurde erstmals ausf&#252;hrlich vom Verteidiger Gro&#223;manns, Dr. Gunter Widmaier, im Dezember 1990 in der »Neuen Juristischen Wochenschrift« formuliert. Dieser nennt sowohl verfassungsrechtliche als auch v&#246;lkerrechtliche Argumente gegen die Bestrafung der DDR-Aufkl&#228;rer. Zum einen versto&#223;e ein solches Vorgehen gegen den Gleichheitssatz in Artikel 3 des Grundgesetzes, wenn – wie schon dargestellt – »aufgrund der rechtlichen Konstruktionen des Einigungsvertrages die in der DDR t&#228;tig gewesenen fr&#252;heren Mitarbeiter der HVA des MfS wegen damals begangener Spionage zum Nachteil der Bundesrepublik bestraft werden sollen, w&#228;hrend umgekehrt f&#252;r die Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes eine Strafbarkeit wegen ihrer fr&#252;heren Spionage zum Nachteil der DDR mit Selbstverst&#228;ndlichkeit nicht einmal zur Diskussion steht«. Widmaier r&#228;umt ein, dass die DDR beim Einigungsvertrag m&#246;glicherweise »schlecht verhandelt« habe, doch k&#246;nne die Geltungskraft des Artikels 3 »nicht von der G&#252;te und Sorgfalt staatsvertraglicher Verhandlungen abh&#228;ngen«.</p>
<p>Hinsichtlich des V&#246;lkerrechts verweist Widmaier auf die Haager Landkriegsordnung vom 18. 10. 1907, die folgende Bestimmung enth&#228;lt: »Ein Spion, welcher zu dem Heere, dem er angeh&#246;rt, zur&#252;ckgekehrt ist und sp&#228;ter vom Feinde gefangen genommen wird, ist als Kriegsgefangener zu behandeln und kann f&#252;r fr&#252;her begangene Spionage nicht verantwortlich gemacht werden.« Was im Kriege gelte, m&#252;sse im Frieden erst recht zuerkannt werden: »W&#228;re – eine schlimme Vorstellung – die Wiedervereinigung Deutschlands mit milit&#228;rischen Mitteln und durch eine Annexion der DDR herbeigef&#252;hrt worden, so st&#252;nde die Straflosigkeit der im Auslandsnachrichtendienst der DDR t&#228;tigen DDR-B&#252;rger kraft geschriebenen V&#246;lkerrechts ohne weiteres fest. Es ist undenkbar. nach der Wiedervereinigung in Frieden, in Freiheit und gleichberechtigter Br&#252;derlichkeit zu anderen Ergebnissen zu kommen.</p>
<p>Beiden Argumentationen wollte der Bundesgerichtshof nicht folgen. In der schon genannten Stellungnahme vom 30. 1. 1991 hebt er zun&#228;chst darauf ab, dass eine Gleichbehandlung der Spione beider Seiten offensichtlich von den Verhandlungspartnern des Einigungsvertrages »nicht gewollt oder nicht durchsetzbar war«. Zugleich bringt er aber damals noch sein Unbehagen &#252;ber diese Entwicklung zum Ausdruck, denn die Mitarbeiter der HVA h&#228;tten »aus ihrer Sicht eine legitime T&#228;tigkeit ausge&#252;bt, die auch v&#246;lkerrechtlich nicht anst&#246;&#223;ig zu bewerten war«. Daher k&#246;nne »der bisherige Rechtszustand kaum zu einem befriedigendem Interessenausgleich beitragen«; eine sachgerechte L&#246;sung erscheine »deshalb nur durch ein Straffreiheitsgesetz m&#246;glich«.</p>
<p>Um aber den eigenen Spruch – es ging um die Fortdauer des Haftbefehls gegen Gro&#223;mann – einigerma&#223;en st&#252;tzen zu k&#246;nnen, begibt sich der BGH im weiteren auf das Feld der Spekulation. Zwischen den Spionen von DDR und BRD m&#252;ssten doch Unterschiede gemacht werden, weil »die &#228;u&#223;ere Sicherheit der BRD durch das fr&#252;here Tun dieser nachrichtendienstlich t&#228;tigen Personen m&#246;glicherweise weiterhin betroffen wird, da die Auswirkungen dieser T&#228;tigkeit durch den Eintritt der DDR in die BRD nicht weggefallen sind. Es ist allgemein bekannt, dass die Erkenntnisse der Spionagebeh&#246;rden der DDR wegen deren Einbindung in den Warschauer Pakt und wegen des engen Kontakts zu den sowjetischen Geheimdiensten, vor allem zum KGB, weitergegeben worden sind an Dienststellen au&#223;erhalb der DDR. Es ist nicht auszuschlie&#223;en, dass auch ›Quellen‹ nicht nur f&#252;r den Geheimdienst der DDR, sondern gleichzeitig auch f&#252;r andere Staaten des Warschauer Pakts t&#228;tig gewesen sind. M&#246;glicherweise sind auch fr&#252;here ›Quellen‹ der Geheimdienste der DDR von Geheimdiensten der anderen Staaten des Warschauer Pakts, vor allem der UdSSR, &#252;bernommen worden.« Und die logische Schlussfolgerung: »Eine Gleichstellung der Spione der BRD und der DDR&lt; ist schon aus diesem Grund nicht ohne weiteres gerechtfertigt.« Generalbundesanwalt von Stahl bringt den Pragmatismus, der hier waltet, auf den Punkt: »Im Staatsschutzrecht gibt es eine Mischung aus Gerechtigkeit, Zweckm&#228;&#223;igkeit und Staatsinteresse. Alle drei Punkte sind hier wohl ber&#252;hrt.«</p>
<p>So ermutigt, wird der Bundesgerichtshof in seiner n&#228;chsten &#196;u&#223;erung zum Sachverhalt noch weitaus deutlicher. In der Sache Harry Sch&#252;tt best&#228;tigt er am 29. Mai die Er&#246;ffnung der Hauptverhandlung wie den damals noch bestehenden Haftbefehl mit dem Argument: »Nur bei ausschlie&#223;lich formaler Betrachtung lassen sich die T&#228;tigkeiten der Nachrichtendienste der Bundesrepublik und der fr&#252;heren DDR einander gleichsetzen, nicht aber vom legitimen Standpunkt der ihrer Identit&#228;t nach fortbestehenden Bundesrepublik aus. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Nachrichtendienste der Bundesrepublik, auch wenn sie operative Auslandsaufkl&#228;rung betreiben, letztlich zu deren Schutz t&#228;tig wurden und werden, w&#228;hrend die gegen die Bundesrepublik gerichtete T&#228;tigkeit der Nachrichtendienste der DDR zur konkreten oder doch abstrakten Gef&#228;hrdung der &#228;u&#223;eren Sicherheit dieses Staates f&#252;hrte mit unter Umst&#228;nden bis in die Gegenwart reichenden, im einzelnen jedoch nicht fassbaren und absch&#228;tzbaren Folgen, die sich aus der Weitergabe von nachrichtendienstlichen Informationen und Informanten an andere Staaten des fr&#252;heren ›Ostblocks‹ ergeben k&#246;nnen.« Was im Januar noch im Konjunktiv stand, die Gef&#228;hrdung durch Weitergabe an eine dritte Macht, ist nun ohne Einschr&#228;nkung vorausgesetzt – wenn auch die Definition dieser »dritten Macht« (Sowjetunion, Ostblock, KGB?) jetzt schwerer f&#228;llt als je zuvor. Schon am 31. Juli 1991 sah der Sprecher der Bundesregierung in der Spionage der DDR nachtr&#228;glich keine Gefahr mehr f&#252;r die Sicherheit der Bundesrepublik. Vor Journalisten bewertete er einen m&#246;glichen Schaden als gering, zumal Geheimdienstaktivit&#228;ten immer mehr zur&#252;ckgingen und an Bedeutung verl&#246;ren.</p>
<p>Neben solcher Gelassenheit der Politiker steht die Skepsis von Juristen hinsichtlich der Position des BGH. Das Berliner Kammergericht, zu dem die Anklage gegen Gro&#223;mann und andere abverf&#252;gt worden war, setzte am 22. Juli 1991 sogar das Verfahren aus und rief das Bundesverfassungsgericht an. Es stellte dazu auch den gravierenden Mangel des Einigungsvertrages fest, »dass die gegen die Bundesrepublik Deutschland ausge&#252;bten nachrichtendienstlichen T&#228;tigkeiten strafbar bleiben; die Angeh&#246;rigen und Agenten der Aufkl&#228;rungsdienste der Bundesrepublik Deutschland sind dagegen straflos«. Dies sei eine Ungleichbehandlung, denn: »Die Bewertung, ob eine Spionaget&#228;tigkeit ›offensiv‹ oder ›defensiv‹ ausge&#252;bt worden ist, l&#228;&#223;t sich rechtlich nicht fassen.« Das Kammergericht stellt die T&#228;tigkeit beider Spionageapparate ausdr&#252;cklich gleich und differenziert zudem zwischen der DDR-Spionage und dem Stasi-Unterdr&#252;ckungsapparat: »Dass die Angeschuldigten als Angeh&#246;rige des MfS in Bereiche eingebunden gewesen w&#228;ren, in denen es zu Menschenrechtsverletzungen oder zu &#228;hnlich schwerwiegenden strafbaren Handlungen gekommen ist, oder dass sie durch die Weiterleitung von Erkenntnissen an den Inlandsapparat des MfS dessen Unterdr&#252;ckungsma&#223;nahmen strafrechtlich zu verantworten h&#228;tten, haben die Ermittlungen nicht ergeben.«</p>
<p>Mit dem Zitieren dieser Feststellung soll keineswegs das zur&#252;ckgenommen werden, was hier bereits &#252;ber die Verquickung von Aufkl&#228;rung und Abwehr, ihr gegenseitiges Geben und Nehmen ausgef&#252;hrt worden ist. Hier kam es zu einer Kooperation, die gewiss noch weiterer Ermittlungen bedarf und bei der nicht ausgeschlossen werden kann, dass – zu denken ist zum Beispiel an Briefkontrolle oder Telefon&#252;berwachung – auch strafbare Handlungen vorliegen. Insgesamt jedoch zeigt sich, dass gerade die Verletzung von Menschenrechten zwar einer starken moralischen &#196;chtung unterliegt, strafrechtlich aber kaum aufzuarbeiten ist. So unbefriedigend das sein mag: In dieser Hinsicht ist der Rechtsstaat unge&#252;bt und unsicher; nicht immer erfahren die Opfer die von ihnen erwartete Genugtuung.</p>
<p>Das belegten die ersten Prozesse gegen fr&#252;here DDR-Gr&#246;&#223;en, das kommt aber auch in hilflosen &#196;u&#223;erungen von Justizminister Kinkel oder des Generalbundesanwalts zum Ausdruck. Auf die Frage, wie die Bespitzelung des Volkes durch die Stasi geahndet werden k&#246;nne, sagte Alexander von Stahl: »Das ist strafrechtlich nur sehr schwer zu fassen.« Konkret fiel ihm nur der Tatbestand der »politischen Verd&#228;chtigung« ein. Und es ist Tatsache, dass die Chefs der Abwehr – Mielkes Stellvertreter Mittig und Schwanitz oder der Leiter der »Untergrundt&#228;tigkeit« bek&#228;mpfenden Hauptabteilung XX, Generalmajor Kienberg, sowie viele andere – bisher juristisch nicht belangt wurden. Kinkel, der es als ehemaliger Chef des Bundesnachrichtendienstes wissen muss, stellt resignierend fest: »Jeder Nachrichtendienst zahlt und arbeitet irgendwie mit Erpressungsmethoden.« Und Markus Wolfs Verteidiger verweist sogar darauf, dass mit den ehemals nationalsozialistischen Offizieren Reinhard Gehlen und Gerhard Wessel jahrelang Leute bundesdeutschen Geheimdiensten vorstanden, die bis 1945 in »ein Unrechtsregime eingebunden waren«.</p>
<p>Diese grunds&#228;tzliche Expertise zur Spionaget&#228;tigkeit vervollst&#228;ndigt das Berliner Kammergericht mit einer ebenfalls von der Sicht der Karlsruher Bundesrichter abweichenden Interpretation der Haager Landkriegsordnung. Hatten diese den entsprechenden Artikel als »eine kriegsrechtliche Sondernorm« bezeichnet, aus der eine Anwendung in Friedenszeiten nicht abzuleiten sei, so erkennt jenes darin einen &#252;bergeordneten Gedanken, der generell dann greift, wenn »sich der Spion ohne sein Zutun in einem anderen Hoheitsverh&#228;ltnis wiederfindet, auf dessen Entwicklung er keinen Einfluss gehabt hat, und nunmehr dem Zugriff des anderen Staates ausgesetzt ist«.</p>
<p>Schlie&#223;lich argumentiert das Berliner Kammergericht auch mit dem R&#252;ckwirkungsverbot. Demnach kann eine Tat nicht r&#252;ckwirkend verfolgt werden, wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Begehung. nicht unter Strafe gestellt war. Formalrechtlich ist dies zwar der Fall gewesen, aber das Gericht sieht eine sogenannte unechte R&#252;ckwirkung. Sie liege dann vor, »wenn ein Gesetz auf gegenw&#228;rtige, noch nicht abgeschlossene Rechtsbeziehungen f&#252;r die Zukunft einwirkt und damit zugleich betroffene Rechtspositionen nachtr&#228;glich &#228;ndert«. Da die DDR-Aufkl&#228;rer mit den eingetretenen Wandlungen nicht rechnen konnten, erg&#228;ben sich durch ihre Bestrafung verfassungsrechtliche Probleme.</p>
<p>Inzwischen hat sich die hessische Staatsanwaltschaft derartigen Bedenken angeschlossen. Eine Anklageerhebung gegen f&#252;nfzehn ehemalige Spione der HVA wurde ausgesetzt, um das Urteil der Karlsruher Verfassungsrichter abzuwarten.</p>
<p>Als einer der pragmatischen Gr&#252;nde f&#252;r die Verfolgung der ehemaligen HVA-Mitarbeiter gilt die Erwartung, dass sie unter dem Druck der Strafandrohung zur Aussage &#252;ber ihre fr&#252;here T&#228;tigkeit bereit seien und vor allem die untergetauchten Quellen im Operationsgebiet offenbaren k&#246;nnten. F&#252;r Alexander von Stahl z&#228;hlt nur die Frage: »Kriegen wir die Leute, die hier gearbeitet haben und potentiell wieder f&#252;r andere arbeiten k&#246;nnen?« Es erweist sich jedoch, dass er auf diese Weise seinem Ziel nicht n&#228;her kommt. Selbst das Berliner Kammergericht hielt ihm vor: »Ein derartiges Aufkl&#228;rungsinteresse ist zwar berechtigt; die Durchf&#252;hrung eines Strafverfahrens ist aber nicht geeignet, dieses Interesse durchzusetzen. Denn der Beschuldigte braucht sich nicht zu &#228;u&#223;ern (&#8230;). Von diesem Recht, die Angaben zur Sache zu verweigern, haben die Angeschuldigten weitgehend Gebrauch gemacht. Sie waren insbesondere nicht bereit, Namen und Erkenntnisse zu offenbaren, an denen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden gerade interessiert sind.«</p>
<p>Die mangelnde Bereitschaft zu einer f&#252;r beide Seiten bindenden Vereinbarung veranla&#223;t viele F&#252;hrungsoffiziere, gegen die selbst ermittelt wird, zu einer solchen Verweigerungshaltung. Und auch jene, die lediglich als Zeugen verh&#246;rt werden, sind angesichts der bereits ausgesprochenen drakonischen Strafen gegen ihre fr&#252;heren Informanten kaum bereit, zu einer solchen Art von »Rachejustiz« ihre Hand zu leihen. Sie k&#246;nnen in &#252;berlangen Haftstrafen keinen Sinn sehen, droht doch bei den T&#228;tern weder der R&#252;ckfall noch ist Abschreckung auf andere vonn&#246;ten. Die Sozialisierungsfunktion der Strafe wird dabei v&#246;llig missachtet.</p>
<p>Ungeachtet dessen gehen die Ermittlungen und die Einleitung von Strafverfahren gegen fr&#252;here Spione und ihre Hinterm&#228;nner in der HVA weiter. Mit Stand von Ende November 1991 waren 1691 Ermittlungsverfahren wegen Spionage eingeleitet, von denen jedoch die meisten nur sehr schleppend vorankommen. Lediglich in 89 F&#228;llen konnte bisher Haftbefehl erlassen werden: nur vereinzelt ist Anklage erhoben oder gar die gerichtliche Hauptverhandlung er&#246;ffnet; wenige Verfahren sind abgeschlossen – und auch da ist vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Generalbundesanwalt will aber noch mehr. Er k&#252;ndigte insgesamt etwa 5000 Ermittlungsverfahren an und sprach von 400 weiteren Spionen, deren er noch habhaft werden will.</p>
<p>Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt das Dilemma, in das die Rechtsprechung durch die Vers&#228;umnisse der Verhandlungspartner des Einigungsvertrages, aber auch durch die starre Uneinsichtigkeit sowohl der fr&#252;heren HVA-F&#252;hrung als auch ideologisch und populistisch denkender politischer Kr&#228;fte der Bundesrepublik geraten ist. Anfang 1991 schien dies auch dem Bundesgerichtshof noch bewusst, als er empfahl, im vorliegenden Fall des Beitritts eines Staates bei v&#246;lliger Aufgabe der staatlichen Souver&#228;nit&#228;t den nach seiner Auffassung legitimen Strafanspruch des &#252;bernehmenden Staates nicht in allen F&#228;llen durchzusetzen. »Das ist aber«, so res&#252;mierte er, »eine politische Entscheidung, die die Gesetzgebungsorgane zu treffen haben«.. Die Entwicklung nahm eine andere Richtung, und es bleibt abzuwarten, ob eine f&#252;r alle Seiten befriedigende L&#246;sung noch gefunden werden kann.</p>
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		<title>Kurzer Prozess. Honecker &amp; Genossern &#8211; ein Staat vor Gericht? Teil 5</title>
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		<pubDate>Sun, 16 Dec 2007 14:35:30 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[In diesen Tagen vor 15 Jahren fand in Berlin der Prozess gegen Erich Honecker und drei weitere Angeklagte aus der DDR-F&#252;hrungsriege statt. In drei Beitr&#228;gen wurde bereits an dieses Ereignis erinnert. Heute folgt ein weiteres, das f&#252;nfte Kapitel – auf der Grundlage des 1993 im Verlag Elefanten Press erschienenen Buches »Kurzer Prozess. Honecker &#38; Genossen – Ein Staat vor Gericht?«, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In diesen Tagen vor 15 Jahren fand in Berlin der Prozess gegen Erich H<a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2007/11/kurzer-prozess.jpg"></a>onecker und drei weitere Angeklagte aus der DDR-F&#252;hrungsriege statt. In drei Beitr&#228;gen wurde bereits an dieses Ereignis erinnert. Heute folgt ein weiteres, das f&#252;nfte Kapitel <span id="more-285"></span>– <span id="more-277"></span>auf der Grundlage des 1993 im Verlag Elefanten Press erschienenen Buches »Kurzer Prozess. Honecker &amp; Genossen – Ein Staat vor Gericht?«, das nicht mehr im Handel ist.</p>
<p><span id="more-290"></span><br />
 <strong><font size="5" face="Arial">Die Ankl&#228;ger</font></strong></p>
<p><font size="4" face="Arial">Grenzen und Konsequenzen</font><br />
<img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/f5c59d58b5fb46e09fbe142691f82ac7" width="1" height="1" alt=""/><br />
Die erste Arbeitsniederlegung des Jahres 1961 ereignete sich am 14. Januar im Fahrzeugelektrikwerk Karl-Marx-Stadt. Vier Wochen sp&#228;ter streikten Arbeiter im VEB Luft- und W&#228;rmetechnik Dresden. Weitere kleine Ausst&#228;nde folgten in den n&#228;chsten Wochen. Im Fr&#252;hsommer dann kam es f&#246;rmlich zu einer Welle von Streiks: am 2. Juni in der Abteilung Bildr&#246;hrenaufbau des Werks f&#252;r Fernsehelektronik Berlin-K&#246;penick, am 6. Juni in der Ziegelei Weida im Bezirk Gera, am 14. Juni bei der G&#252;terabfertigung des Bahnhofes Schwerin, am 1. Juli im Bereich Karosseriebau des Wartburg-Werkes Eisenach, am 2. Juli an der Drahtstra&#223;e des Stahl- und Walzwerkes Hennigsdorf, am 9. Juli in der Schleiferei des Industriewerks Ludwigsfelde. . . &#8211; und so weiter.</p>
<p>Der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden hatte das Vertrauen der einen seiner erkl&#228;rten St&#252;tzen gr&#252;ndlich verloren. Im zw&#246;lften Jahr des Bestehens der DDR gebrauchten die Proletarier ihren starken Arm. Und die Bauern, der andere Pfeiler der Staatsmacht?</p>
<p>Sie standen den Arbeitern nicht nach. Wer nicht gleich ganz Haus und Hof verlie&#223;, um jenseits von Elbe und Werra einen Neuanfang zu versuchen, stellte die 1960 gerade erst fl&#228;chendeckend etablierten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften schon wieder in Frage. Im Januar erkl&#228;rten im th&#252;ringischen Kreis Bad Langensalza 25 Bauern ihren Austritt aus der LPG, im benachbarten Kreis Apolda waren es acht, im Kreis Quedlinburg des Bezirkes Halle 22. Auch hier eskalierte das Geschehen im Sommer. Allein am 30. Juni und 1. Juli 1961 verabschiedeten sich 217 Bauern in 27 Orten des Kreises L&#246;bau aus den ungeliebten Produktionsgenossenschaften, der nach dem Willen der DDR-F&#252;hrung nun &#8211; neben den Volkseigenen G&#252;tern &#8211; einzigen Wirtschaftsform auf dem Lande. Im Kreis Zittau taten 40 Bauern diesen Schritt, im Kreis Bautzen 53 und im Kreis G&#246;rlitz 62. In Naundorf, einer einzigen Gemeinde im Kreis Calau, hatten allein 39 LPG-Bauern genug von der sozialistischen Umgestaltung und machten sie f&#252;r sich wieder r&#252;ckg&#228;ngig. Auch diese Aufz&#228;hlung lie&#223;e sich fortsetzen. Nicht nur die Arbeiter, auch die Bauern ihres angeblich ureigenen Staates artikulierten un&#252;berh&#246;rbar Unzufriedenheit. Die Plebejer probten den Aufstand. . .</p>
<p>Und nicht nur das! Viele sahen im ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaat nicht mehr ihre Heimat. Eine Fluchtbewegung aus der DDR in den Westen hatte es seit deren Bestehen gegeben; jetzt nahm sie immer weiter zu. Nach 1953 und 1956, wo jeweils eine Drittel bzw. eine Viertel Million Menschen &#252;ber die offene Grenze gingen, bahnte sich nun ein neuer H&#246;hepunkt an. 1960 waren 199 188 Fl&#252;chtlinge durch das Bonner Vertriebenenministerium registriert worden; f&#252;r 1961 musste die DDR-F&#252;hrung noch h&#246;here Zahlen bef&#252;rchten. Ab Mitte Juli waren es t&#228;glich 1000 und mehr, die dem Land den R&#252;cken kehrten. Anfang August verdoppelte sich ihre Anzahl noch einmal. Allein am 10. August flohen 2576 Menschen.</p>
<p>So stellte sich die Lage au&#223;erordentlich bedrohlich dar. Die einen liefen weg. Die Bleibenden muckten auf. Dabei blieb es nicht bei Streiks und LPG-Austritten. T&#228;tliche Angriffe auf Parteifunktion&#228;re und Mitarbeiter des Staatsapparates mehrten sich. Die Sicherheitsorgane meldeten zunehmende Funde von Flugbl&#228;ttern und »Hetzschriften«. In Marbach bei Erfurt fand am 13. Mai 1961 ein Traditionstreffen ehemaliger Wehrmachtsangeh&#246;riger statt, an dem neben zwei Dutzend anderen auch der Bezirksb&#252;rgermeister von Erfurt-Nord teilnahm. In Berlin brannte am 7. August der Schlachtviehhof, und einige Tage darauf wurden in der Humboldt-Universit&#228;t Brands&#228;tze entdeckt.</p>
<p>Dieser f&#252;r die eigene Machtposition bedrohlichen Entwicklung hatten SED und Regierung nichts Wirksames entgegenzusetzen. Konzepte, wie die tieferen Ursachen der Krise schnell &#252;berwunden werden k&#246;nnten, waren nicht in Sicht. Im Gegenteil: die &#246;konomischen Zielsetzungen &#8211; auf dem VIII. Parteitag 1958 noch vollmundig verk&#252;ndet &#8211; erwiesen sich als nicht realsierbar. Damals war versprochen worden, die Bundesrepublik im Pro-Kopf-Einkommen zu &#252;berholen. Die Realit&#228;t jedoch waren Engp&#228;sse in der Industrie, Produktionsausf&#228;lle in der Landwirtschaft und gravierende M&#228;ngel bei der Versorgung der Bev&#246;lkerung. T&#228;glich kamen von irgendwoher neue Hiobsbotschaften.</p>
<p>Die Erosionserscheinugen in der DDR wurden auf der anderen Seite der Grenze aufmerksam registriert. Noch immer war es erkl&#228;rtes Ziel der Bundesregierung, die nationale Frage im Sinne einer Einverleibung der DDR zu l&#246;sen &#8211; ein Vorhaben, das bei den Machthabern im Osten &#8211; die sowjetische Milit&#228;radministration eingeschlossen &#8211; auf Gegenliebe nicht rechnen konnte. Hier lie&#223;en entsprechende Szenarien die Alarmglocken schrillen &#8211; so auch das im &#8220;M&#252;nchner Merkur&#8221; am 24./25. Juni verk&#252;ndete:</p>
<p>»Bei entsprechender politischer, psychologischer und nicht zuletzt organisatorischer und subversiver Vorbereitung seitens des Westens k&#246;nnten diese Faktoren (Unzufriedenheit in der DDR. &#8211; P.R.) katastrophale Folgen ergeben. Die zu treffenden Ma&#223;nahmen w&#252;rden von der Sabotage der Produktion und des Verkehrs &#252;ber eine Streikwelle bis zum vollst&#228;ndigen passiven Widerstand, von der Massendesertion und von den Stra&#223;endemonstrationen bis zur v&#246;lligen Aufl&#246;sung der &gt;Volksarmee&lt; und bis zum regelrechten Volksaufstand gegen die Sowjettruppen gehen k&#246;nnen.«</p>
<p>Zwei Wochen sp&#228;ter verlangte die »Bonner Rundschau«, »alle Mittel des Krieges, des Nervenkrieges und des Schie&#223;krieges anzuwenden . . . Dazu geh&#246;ren nicht nur herk&#246;mmliche Streitkr&#228;fte und R&#252;stungen, sondern auch die Unterw&#252;hlung, das Anheizen des inneren Widerstandes, die Arbeit im Untergrund, die Zersetzung der Ordnungsgewalt, die Sabotage, die St&#246;rung von Verkehr und Wirtschaft, der Ungehorsam, der Aufruhr . . .«. Und der »Spiegel« berichtete gar von einem »milit&#228;rischen Geheimplan f&#252;r den Fall einer Revolte in der Sowjetzone«, den Offiziere der Bundeswehr ausgearbeitet h&#228;tten. Er sah vor: »Bei einer sowjetzonalen Rebellion, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit blutig niedergeschlagen w&#252;rde, sollen Bundeswehreinheiten ohne NATO-Verb&#252;ndete die Zonengrenze in einem bestimmten Abschnitt mit Gewalt &#246;ffnen und f&#252;r 48 Stunden offenhalten, um den R&#252;ckzug von Zonen-Rebellen und deren Angeh&#246;rigen in die Bundesrepublik zu erm&#246;glichen.«</p>
<p>Was Wunder, dass die DDR-F&#252;hrung die Ursache aller Unbill vor allem im Wirken des Feindes sah. Streiks, LPG-Austritte, Westfluchten und all die anderen Probleme, die Partei und Regierung mit ihrer Bev&#246;lkerung hatten, wurden auf »feindliche Provokationen« zur&#252;ckgef&#252;hrt und gegen&#252;ber der Bundesrepublik entsprechend interpretiert. Walter Ulbricht zum Beispiel sah f&#252;r das Fluchtproblem im Juni 1961 &#8211; in diesem Monat verlie&#223;en 19.198 Menschen die DDR -eine ganz einfache L&#246;sung, die er gegen&#252;ber westdeutschen Journalisten auf einer Pressekonferenz verk&#252;ndete:</p>
<p>»Die Abwerbung von Menschen von Menschen aus der Hauptstadt der DDR und aus der Deutschen Demokratischen Republik geh&#246;rt zu den Methoden des kalten Krieges. Mit Menschenhandel besch&#228;ftigen sich viele Spionageagenturen, westdeutsche, amerikanische, englische, franz&#246;sische, die in Westberlin ihren Sitz haben. Wir halten es f&#252;r selbstverst&#228;ndlich, dass die sogenannten Fl&#252;chtlingslager in Westberlin geschlossen werden und die Personen, die sich mit Menschenhandel besch&#228;ftigen, Westberlin verlassen.« Und was die Ausreise von DDR-B&#252;rgern anging: »Wer also von den Organen der Deutschen Demokratischen Republik, vom Innenministerium, die Erlaubnis erh&#228;lt, der kann die DDR verlassen. Wer sie nicht erh&#228;lt, der kann sie nicht verlassen.«</p>
<p>Diese simple »Ordnung« durchzusetzen, war das Ziel der DDR-F&#252;hrung in jenem komplizierten Jahr 1961. Bereits auf einer Tagung des Politischen Beratenden Ausschusses des Warschauer Vertrages am 28. und 29. M&#228;rz schlug Ulbricht vor, die Grenzen der DDR zum Westen zu schlie&#223;en. Daf&#252;r erhielt er damals jedoch noch keine Zustimmung, obwohl Chruschtschow bereits 1958 vorausgesagt hatte, dass der Wettbewerb mit dem Westen bei offener Grenze nicht zu gewinnen sein w&#252;rde und er diese Position mit seinem bekannten Ultimatum vom 27. November jenes Jahres untermauerte, in dem er die Umwandlung Westberlins in eine »Freie Stadt« verlangte. Es ist jedoch anzunehmen, dass die M&#228;rztagung das Warschauer Paktes den Auftrag erteilte, die verschiedenen M&#246;glichkeiten zur Eind&#228;mmung der Fluchtbewegung aus der DDR durchzuspielen, &#8211; begannen doch unmittelbar danach in der DDR die Vorbereitungen auf die Schlie&#223;ung der Grenzen, wenn auch zun&#228;chst in verdeckter Form. Unter Hinweis auf »einen starken Anstieg illegaler Grenz&#252;bertritte« unterbreitete die Armeef&#252;hrung dem SED-Politb&#252;ro Vorschl&#228;ge zur Verst&#228;rkung der Grenzsicherung an der Staatsgrenze West. Sie sahen die Schaffung von f&#252;nf Grenzbrigaden mit einer Gesamtst&#228;rke von 28 213 Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren vor. Und: »Zur Verst&#228;rkung der Sicherung der Westgrenze ist erforderlich, die Beweglichkeit, Feuerkraft und die materiell-technische Sicherstellung zu verbessern.«</p>
<p>Die Abriegelung der DDR-Westgrenze durch eine Mauer wurde von Ulbricht erstmals am 15. Juni 1961 erw&#228;hnt, allerdings in Form eines Dementis. Ulbricht sagte damals auf bereits genannter Pressekonferenz zur Frage, ob die DDR k&#252;nftig ihre Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichten wolle, unvermittelt: »Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westberlin Menschen gibt, die w&#252;nschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht. . . Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.«</p>
<p>&#220;ber diese Antwort wird bis heute viel ger&#228;tselt; einige vermuten sogar, Ulbricht habe eine solche Absicht damals tats&#228;chlich nicht gehabt, sondern bis zuletzt auf eine einvernehmliche L&#246;sung zwischen der Sowjetunion und den USA gehofft, die die DDR von ihren Problemen befreite. Soviel Wirklichkeitsfremdheit d&#252;rfte aber Ulbricht kaum zuzutrauen sein. Er wird genau gewusst haben, dass die Bundesrepublik niemals aus freien St&#252;cken einer L&#246;sung zugestimmt h&#228;tte, die den Druck von ihm nahm. Auch seine aggressive Sprache in Richtung Bonn verriet, dass er von dort nichts erwartete. Vielmehr ging es ihm darum, zu sondieren, wo die Amerikaner, deren junger Pr&#228;sident Kennedy noch seinen Platz im Spiel der Weltm&#228;chte suchte, ihre Interessen definierten. M&#246;glicherweise wollte er damit sogar abenteuerlichen Vorstellungen Chruschtschows vorbauen, der Ende 1960 erwogen hatte, eine totale Grenzsicherung mit einer »lebenden Mauer« aus Soldaten zu realisieren.</p>
<p>Wie dem auch sei &#8211; die USA hatten den Wink offensichtlich verstanden. Bereits eine Woche sp&#228;ter bezeichnete deren damaliger Au&#223;enminister Dean Rusk »unsere Position in Westberlin und unsere Verpflichtungen gegen&#252;ber der Bev&#246;lkerung dieser Stadt« als entscheidenenden Punkt des amerikanischen Interesses. Pr&#228;sident Kennedy pr&#228;zisierte dies auf einer Pressekonferenz am 19. Juli und in einer Rundfunk- und Fernsehrede sechs Tage sp&#228;ter, indem er jene drei ber&#252;hmt gewordenen Essentials der amerikanischen Politik gegen&#252;ber Westberlin formulierte:</p>
<p>- die Gew&#228;hrleistung der Selbstbestimmung und der freien Wahl der Lebensform der Westberliner und als Voraussetzungen daf&#252;r</p>
<p>- die Anwesenheit und</p>
<p>- der freie Zugang der Amerikaner in die Stadt.</p>
<p>Von der DDR und Ostberlin war nicht die Rede.</p>
<p>Chruschtschow konnte damit zwar sein Maximalprogramm nicht durchsetzen, aber er erwirkte von Kennedy faktisch die Zustimmung zum Mauerbau. Nach einem Treffen des US-Aufr&#252;stungsbeauftragten John McCloy mit dem sowjetischen Ministerpr&#228;sidenten in dessen Urlaubsort Sotschi am 26. und 27. Juli erkl&#228;rte der amerikanische Pr&#228;sident gegen&#252;ber seinem Berater Walt Rostow: »Chruschtschow steht vor einer untragbaren Situation. Ostdeutschland blutet sich zu Tode, und als Folge davon ist der gesamte Ostblock in Gefahr. Er muss etwas tun, um das zu stoppen. Vielleicht eine Mauer.«</p>
<p>Nun traten die Vorbereitungen in Berlin und an der Landgrenze zwischen den beiden deutschen Staaten in das entscheidende Stadium. Honecker wurde von Ulbricht beauftragt, die Operation zu leiten. Er arbeitete die Einsatzbefehle aus, richtete im Berliner Polizeipr&#228;sidium sein Hauptquartier ein und organisierte die materielle Sicherstellung des Mauerbaus. In seinen Memoiren berichtete er stolz: »Sp&#228;ter konnten wir befriedigt feststellen, dass wir nichts Wesentliches unber&#252;cksichtigt gelassen hatten.« Am 10. August wurden die Kommandanten der Westm&#228;chte von der sowjetischen Kommandantur in W&#252;nsdorf &#252;ber das Bevorstehende informiert. Ihre Regierungschefs zogen es vor, den folgenden Sonntag mit Zerstreuungen zu verbringen &#8211; Kennedy entschied sich f&#252;r einen Segelt&#246;rn vor Hyannis Port, und Gro&#223;britanniens Premierminister MacMillan f&#252;r die Entenjagd in Schottland. Berlins Regierender B&#252;rgermeister Diepgen hatte wohl recht, als er vor einiger Zeit res&#252;mierte: »Es sind zwar amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie aufgefahren, aber letztlich hat der Westen &#8211; und damit meine ich auch die Vertreter der Schutzm&#228;chte &#8211; die Einschr&#228;nkung der Bewegungsm&#246;glichkeiten auf wenige &#220;berg&#228;nge hingenommen.«</p>
<p>Aus all diesen Tatsachen ergibt sich, dass der Bau der Mauer keine alleinige Angelegenheit der DDR war und deren Grenze zur Bundesrepublik keine »innerdeutsche« &#8211; warum auch h&#228;tten sich die Weltm&#228;chte deshalb beinahe in eine gef&#228;hrliche Konfrontation treiben lassen sollen? Nicht einmal die Bundesregierung hat -abgesehen von wohlfeilen Sonntagsreden &#8211; sie als eine solche gesehen. Der Angeklagte Fritz Streletz belegte das mit dem Grundlagenvertrag von 1972, als er sagte: »In diesem Vertrag best&#228;tigten sich die damaligen beiden deutschen Staaten die Unverletzlichkeit der Grenzen und die Achtung territorialer Integrit&#228;t und Souver&#228;nit&#228;t. Im Artikel 6 hei&#223;t es: &gt;Wir respektieren die Unabh&#228;ngigkeit und Selbst&#228;ndigkeit jedes der beiden Staaten in seinen inneren und &#228;u&#223;eren Angelegenheiten.&lt; «. Und Streletz war es auch, der die weltpolitische Bedeutung der Grenze zwischen der DDR und der BRD bzw. Westberlin allein an der Zahl der seitens der DDR eingesetzten Grenzsoldaten nachwies: 30000 an der Westgrenze, 8000 in Berlin, dagegen nur 600 an den DDR-Grenzen zu Polen und der Tschechoslowakei.</p>
<p>Zugleich war jedoch &#8211; und auch das belegen diese Zahlen &#8211; die Grenzsicherung eine Ma&#223;nahme nach innen, hatte sie Konsequenzen vor allem f&#252;r die B&#252;rger der DDR. Denn trotz allen offiziellen Geredes vom »antifaschistischen Schutzwall« gegen&#252;ber westdeutschen Aggressionsabsichten war von vornherein klar, dass das Hauptziel der Mauer in der Verhinderung der Fluchtbewegung nach dem Westen bestand. F&#252;r Honecker bildete beides wohl eine untrennbare Einheit, sah er die »Republikflucht« doch bis zuletzt als Resultat feindlicher Einwirkung, der »ideologischen Diversion« des Imperialismus. Gegen&#252;ber seinen Interviewern Andert und Herzberg betonte er 1990 die friedenssichernde Funktion der Mauer, die man &#8211; angesichts der geschilderten Lage 1961 &#8211; wohl auch nicht g&#228;nzlich in Abrede stellen kann. Als die Interviewer dann aber einwarfen: »Die Mauer war aber auch dazu angetan, unsere Leute davon abzuhalten, in den Westen zu kommen«, sah Honecker keinen Widerspruch: »Nat&#252;rlich, das war ja der Sinn, das habe ich ja gesagt.«</p>
<p>Von daher entwickelten sich die Ereignisse mit grausamer Logik. Die Westberliner, die sich mit der pl&#246;tzlich so martialisch durch ihre Stadt gezogenen Grenze nicht abfinden konnten und wollten, taten das auf vielf&#228;ltige Weise gegen&#252;ber den Stacheldrahtverhauen und ersten provisorischen Mauern sowie den Bewachern der Grenzanlagen kund. So der damalige Regierende B&#252;rgermeister Westberlins, Willy Brandt, der auf der SPD-Landesparteitag 1961 erkl&#228;rte: »Wir werden es auf die Dauer niemandem verbieten k&#246;nnen, das, was er &#252;ber die Mauer denkt, nicht nur zu sagen, sondern seinen Empfindungen auch st&#228;rkeren Ausdruck zu verleihen.« Und er k&#252;ndigte Taten an, »unabh&#228;ngig von allen Konsequenzen«.</p>
<p>Diese Taten lie&#223;en nicht auf sich warten. Akribisch genau z&#228;hlte die Berliner Stadtkommandantur der Nationalen Volksarmee in ihren streng geheimen Berichten, die jetzt im Milit&#228;rarchiv, zum Teil aber auch im Archiv der SED eingesehen werden k&#246;nnen, die »Provokationen, die der Gegner von Westberliner Seite gegen die Staatsgrenze der DDR zu Westberlin. . . ver&#252;bte«. Bereits 1961 gab es demnach 309 F&#228;lle des »Zerst&#246;rens der PTA«, was »pionier-technische Anlagen« hie&#223; und die Mauerbewehrung meinte. 56mal wurden Grenzposten beschossen, 159mal beworfen, 227mal beschimpft und 684mal in anderer, offensichtlich freundlicherer Weise kontaktiert.</p>
<p>Die Reaktion der &#246;stlichen Seite bestand &#8211; und dar&#252;ber sollte man sich nicht wundern &#8211; darin, die Mauer noch undurchl&#228;ssiger zu machen und das Grenzregime immer weiter zu perfektionieren. Auf engstem Raum eskalierte der kalte Krieg vor allem in Berlin.</p>
<p>Besondere Wirkung erzielte dabei offensichtlich das vom Senat und Westberliner Rundfunksendern unterst&#252;tzte »Studio am Stacheldraht«, das mittels Lautsprecherwagen entlang der Grenze die Soldaten ansprach und sie vor allem dazu aufforderte, die Schusswaffe nicht einzusetzen oder gar selbst den Sprung in den Westen zu wagen. Nahezu t&#228;glich tauchten dazu in den Tagesberichten der Grenztruppen Meldungen auf, zum Beispiel solche: »Sechs starke Leutsprecher, variabel eingesetzt an gesamter Grenze. Einsatz geschulter Reporter und Ansager Westberliner Rundfunkstationen.« Bereits am 27. September 1961 sah sich der Politstellvertreter des Kommandeurs der 1. Grenzbrigade veranlasst, Gegenma&#223;nahmen vorzuschlagen, so die Aufstellung von »Beschallungss&#228;ulen«, verbunden mit einem eigenen Studio. Dessen Aufgabe: »Das Studio m&#252;sste Tag und Nacht Musik, Nachrichten u.a. Textsendungen (evtl. Textsendungen zur Irref&#252;hrung des Gegners) senden. Die Mindestanforderung, die an solche Sendungen zu stellen w&#228;ren, ist die &#220;bernahme der Sendungen des demokratischen Rundfunks.« Hinzu sollten Lautsprecherwagen mit gro&#223;er Schallkraft kommen, um »eine offensive Agitation bis relativ weit hinein nach Westberlin zu f&#252;hren. Gleichzeitig k&#246;nnten wir mit solchen Ger&#228;ten unter Umst&#228;nden Menschenansammlungen zerstreuen, wenn wir die Ger&#228;te mit voller Lautst&#228;rke arbeiten lassen.«</p>
<p>Noch weitergehende Vorschl&#228;ge unterbreitete die 1. Grenzbrigade hinsichtlich des Vorgehens gegen »das aktive Auftreten von Rowdygruppen, unterst&#252;tzt durch Stumm- und Bereitschaftspolizei (teilweise Zivil), mit dem Ziel, die Grenzsicherungsanlagen zu zerst&#246;ren und unsere Posten durch Bewerfen mit Steinen, Beschie&#223;en mit KK-Gewehren und Bedrohung durch Hetze unsicher und m&#252;rbe zu machen«. Solche Gruppen traten immer st&#228;rker in Erscheinung. Nach ihrem Verst&#228;ndnis wollten sie Fl&#252;chtlingen helfen; f&#252;r die von ihnen attackierten Grenzsoldaten konnten sie nur Provokateure und Feinde sein.</p>
<p>Dementsprechend waren die Gegenma&#223;nahmen, die gegen ihr Tun erwogen wurden, in Berlin jedoch gl&#252;cklicherweise nicht zum Einsatz kamen:</p>
<p>- den Zaun durch Minen zu sichern.</p>
<p>- den Zaun mit Hilfe von Strom zu sichern.</p>
<p>- den Zaun an bestimmten Schwerpunkten durch Einsatz von Flammenwerfern zu sichern.</p>
<p>Zustimmung fand dagegen die Idee, »an bestimmten Schwerpunkten zu Schwerpunktzeiten durch Einsatz von handfesten Genossen einen Volkszorn zu organisieren und auf Steinw&#252;rfe des Gegners mit einem Steinhagel durch unsere Kr&#228;fte zu antworten.«</p>
<p>Die Eskalation des gef&#228;hrlichen und f&#252;r viele Menschen auf beiden Seiten tragisch endenden Kleinkriegs an der Grenze f&#252;hrte seitens der DDR auch zu immer weitergehenden Ma&#223;nahmen, die zur Eind&#228;mmung der Fluchtbewegung ergriffen wurden. Der Bau der Mauer an sich hatte n&#228;mlich zun&#228;chst kaum Auswirkungen auf die Zahl derjenigen, die die DDR auf immer verlassen wollten. Allein in der zweiten Augusth&#228;lfte flohen 25 605 DDR-B&#252;rger, und im September waren es immerhin noch 14 821. Erich Honecker selbst nahm sich dieses Problems an, als er am 20. September 1961 mit dem »Zentralen Stab«, der eigens zum Mauerbau geschaffen war, die Situation er&#246;rterte. Es geh&#246;rt zu den schrecklichen Konsequenzen der ideologischen Verbohrtheit, die in der SED um sich gegriffen hatte, dass die DDR-F&#252;hrung meinte, nach dem vermeintlichen Erfolg der Errichtung des »antifaschistischen Schutzwalls« im Klassenkampf gegen den Imperialismus d&#252;rfe nun keinerlei Schw&#228;che zugelassen werden. »Der Erfolg des am 13. 08. 1961 gef&#252;hrten Schlages gegen die Militaristen und Revanchisten«, so Honecker auf jener Beratung, »darf nicht durch Nachl&#228;ssigkeiten im Grenzsicherungssystem beeintr&#228;chtigt werden. Alle Durchbruchsversuche m&#252;ssen unm&#246;glich gemacht werden.« Folgerichtig verlangt das Protokoll der Sitzung als eine der notwendigen Ma&#223;nahmen: »Gegen Verr&#228;ter und Grenzverletzer ist die Schusswaffe anzuwenden. Es sind solche Ma&#223;nahmen zu treffen, dass Verbrecher in der 100-m-Sperrzone gestellt werden k&#246;nnen. Beobachtungs- und Schussfeld ist in der Sperrzone zu schaffen.«</p>
<p>Am 6. Oktober erlie&#223; der damalige Verteidigungsminister Hoffmann den Befehl Nr. 76/61 &#252;ber »Bestimmungen &#252;ber Schusswaffengebrauch f&#252;r das Kommando Grenze der Nationalen Volksarmee«. Er sieht unter anderem den Schusswaffeneinsatz vor »zur Festnahme von Personen, die sich den Anordnungen der Grenzposten nicht f&#252;gen, indem sie auf Anruf &gt;Halt &#8211; stehenbleiben &#8211; Grenzposten&lt; oder nach Abgabe eines Warnschusses nicht stehenbleiben, sondern offensichtlich. versuchen, die Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik zu verletzen und keine andere M&#246;glichkeit zur Festnahme besteht«.</p>
<p>Diese Schusswaffengebrauchsbestimmung blieb im Kern &#252;ber mehrere Modifizierungen hinweg erhalten und m&#252;ndete schlie&#223;lich 1982 in einen entsprechenden Artikel des Grenzgesetzes, der sie eher einschr&#228;nkt als versch&#228;rft. Da hei&#223;t es n&#228;mlich: »Die Anwendung der Schusswaffe ist die &#228;u&#223;erste Ma&#223;nahme der Gewaltanwendung gegen&#252;ber Personen. Die Schusswaffe darf nur in solchen F&#228;llen angewendet werden, wenn die k&#246;rperliche Einwirkung ohne oder nur mit Hilfsmitteln erfolglos blieb oder offensichtlich keinen Erfolg verspricht.«</p>
<p>Es ist allenthalben unbestritten, dass diese Schusswaffengebrauchsbestimmung sich nicht wesentlich von &#228;hnlichen Regelungen in wohl allen Staaten der Welt unterscheidet. Auch die entsprechenden Vorschriften des Bundesgrenzschutzes sehen nichts grunds&#228;tzlich anderes vor. Auf der Basis allein dieser Bestimmung und ihrer vielf&#228;ltigen Modifikationen l&#228;&#223;t sich also eine Anklage kaum aufbauen, auch wenn die Anklageschrift mit einer seitenlangen Beschreibung der Genesis der DDR-Grenzvorschriften gerade dies versucht. Dabei erkannten die Ankl&#228;ger wohl bald die Unhaltbarkeit einer solchen Argumentation und wandten sich &#252;ber den Gesetzestext hinaus der Praxis der DDR-Grenzsicherung zu. Abweichend vom Wortlaut der Befehle und vor allem des Grenzgesetzes habe es &#8211; so ihre Version &#8211; interne Orientierungen gegeben, die von oben nach unten gewisserma&#223;en »durchgestellt« worden seien und nach denen die Grenzsoldaten schlie&#223;lich bewusst oder auch unbewusst handelten. F&#252;r diesen Mechanismus wurde der Begriff der »Kettenanstiftung« eingef&#252;hrt.</p>
<p>In der Anklageschrift liest sich das so: »Obwohl im Grenzgesetz und in den Schusswaffengebrauchsbestimmungen der Verh&#228;ltnism&#228;&#223;igkeitsgrundsatz formuliert war, bewirkten die Angeschuldigten (also Honecker und die anderen &#8211; P.R.), dass die Schulung der einzelnen Grenzsoldaten an diesen Vorschriften vorbei erfolgte. Den einzelnen Grenzsoldaten waren die Schusswaffengebrauchsbestimmungen bzw. das Grenzgesetz zumeist gar nicht bekannt. Diesen wurde vielmehr stets eingesch&#228;rft, Grenzdurchbr&#252;che seien notfalls auch mit t&#246;dlichen Sch&#252;ssen zu verhindern, &gt;Grenzverletzer&lt; zu &gt;vernichten&lt;. Gelang es einem Grenzsoldaten, einen sogenannten Grenzdurchbruch zu vereiteln, so wurde er belobigt und mit einer Geldpr&#228;mie belohnt, und zwar auch dann, wenn er sich nicht an die Voraussetzungen des Grenzgesetzes bzw. der Schusswaffengebrauchsbestimmungen gehalten hatte.«</p>
<p>Derartiger direkter Indoktrination hat es aber in den meisten F&#228;llen gar nicht bedurft, um die Mehrzahl der Grenzsoldaten von der prinzipiellen Richtigkeit ihres Dienstes und auch der Anwendung der Schusswaffe zu &#252;berzeugen. Denn im Unterschied zu Grenzsch&#252;tzern an vielen anderen &#8211; wenn auch l&#228;ngst nicht allen &#8211; Grenzen dieser Erde handelten die Soldaten an der DDR-Westgrenze immer auch aus dem Bewusstsein der Un&#252;berwindlichkeit dieser Demarkationslinie f&#252;r jedermann, sie selbst eingeschlossen. An einer Grenze, die man in aller Regel legal &#252;berschreiten kann, erscheint dem jeweiligen W&#228;chter jemand, der dies illegal tut, keinesfalls als Verbrecher, allenfalls als kleiner Ganove, der vielleicht schmuggelt oder sonst etwas zu verbergen hat. Trotz Befehls ist seine Bereitschaft, auf ihn gezielt zu schie&#223;en, gering. Anders jedoch f&#252;r den Grenzsoldaten der DDR, der meist gar nichts anderes kennengelernt hatte als die Undurchdringlichkeit der Grenzbefestigungen, die selbst bei tragischen Familienanl&#228;ssen nicht aufzuheben war und dem es schon deswegen als beinahe ungeheuerlich erscheinen musste, wenn jemand diese Grenze &#8211; vielleicht sogar gewaltsam &#8211; durchbrach. Diese Verinnerlichung einer f&#252;r den Normalb&#252;rger der DDR un&#252;berwindbaren Grenze senkte die Hemmschwelle zum gezielten Schuss auf den, der es doch unternehmen wollte, sie zu passieren. Derartige politische und sozialpsychologische &#220;berlegungen stellten weder Staatsanwaltschaften noch Gerichte der bisherigen Prozesse gegen Grenzsoldaten an; auch f&#252;r den Honecker-Prozess wurden solche Gutachten bislang nicht in Auftrag gegeben. So konnte es nicht ausbleiben, dass die historische Dimension des strafrechtlich behandelten Geschehens kaum eine Rolle spielte und man damit weder den verhandelten Taten noch den Angeklagten &#8211; im direkten Sinne des Wortes &#8211; gerecht werden konnte.</p>
<p>Insofern ist es auch eine Simplifizierung, ohne n&#228;here Begr&#252;ndung davon auszugehen, die politische und milit&#228;rische F&#252;hrung der DDR habe von vornherein in jedem sogenannten Grenzverletzer einen solchen Verbrecher gesehen, der den Tod verdiene. Manche &#252;ber die d&#252;rre Begr&#252;ndung in der Anklageschrift hinausgehende &#196;u&#223;erungen ihrer Verfasser und der Berliner Justizsenatorin dr&#228;ngen zwar eine solche Interpreation auf; tats&#228;chlich aber zeigen die terminologische Modifikation der DDR-Grenzbestimmungen wie die Praxis ihrer Handhabung, dass Menschenleben durchaus geschont werden sollten &#8211; wenn auch nicht nur aus humanit&#228;ren Motiven. Die Probleme ergaben sich daraus, dass am »h&#246;heren Prinzip«, »Grenzdurchbr&#252;che« seien eben nicht zuzulassen, nicht gedeutelt wurde. Dieses Dilemma zwischen ideologischer Unnachgiebigkeit und humanit&#228;ren Erw&#228;gungen war f&#252;r alle Grenzsch&#252;tzer &#8211; vom einfachen Soldaten bis hinauf zum Kommandeur und wohl auch den politisch Verantwortlichen &#8211; t&#228;glich neu zu bew&#228;ltigen, wobei nicht in Abrede gestellt wird, dass sie sich dessen wohl in unterschiedlichem Ma&#223;e bewusst waren.</p>
<p>Bei den Soldaten jedenfalls herrschte Unbehagen vor. Die meisten, die an der Grenze eingesetzt waren, hofften, sie w&#252;rden mit Grenzverletzern nicht konfrontiert werden. In einem internen Bericht &#252;ber die Stimmung in der Truppe wurden schon wenige Monate nach dem Mauerbau Unsicherheiten beklagt: »Eine sehr bemerkenswerte Erscheinung zeigt sich, dass nach R&#252;ckkehr aus dem Urlaub die Unklarheiten verst&#228;rkt auftreten . . . In Gespr&#228;chen erkl&#228;rten die Soldaten, dass sie von ihren Eltern, Verwandten und Bekannten oft beeinflusst werden, sich an der Grenze aus allen Ereignissen herauszuhalten und wenn m&#246;glich, nicht auf einen anderen zu schie&#223;en.« &#220;berl&#228;ufer berichteten &#196;hnliches, wie die Stadtkommandantur Berlin &#252;ber eine Pressekonferenz des Fahnenfl&#252;chtigen Krajewski herausfand. Er sprach von »gro&#223;er Ablehnung« der Anwendung der Schusswaffe an der Grenze, wobei sich die meisten Soldaten nur zu helfen w&#252;ssten, indem sie »bewusst nichtgezielt« sch&#246;ssen und darauf verwiesen, dass es ihnen verboten sei, in Richtung Westen zu schie&#223;en.</p>
<p>Denn es war angesichts der Vorschriften schwer, das Nichtschie&#223;en zu begr&#252;nden. Wer einmal bei den Grenztruppen Dienst tat, musste auch diese Konsequenz tragen oder mit Nachteilen rechnen. Exemplarisch daf&#252;r ist der Fall des Soldaten H., der 1965 im Grenzregiment Beetzendorf Dienst tat und &#252;ber dessen Schicksal ein bisher geheim gehaltener Briefwechsel zwischen Armeef&#252;hrung, Milit&#228;rgericht und Abteilung Sicherheitsfragen des SED-Zentralkomitees Auskunft gibt. Als am 10. Oktober sein Postenf&#252;hrer fahnenfl&#252;chtig wurde, unternahm H. nichts, um diesen daran zu hindern. Seine Begr&#252;ndung war, dass »er aus religi&#246;sen Gr&#252;nden nicht gewillt ist, die Schusswaffe anzuwenden«. Er sei r&#246;misch-katholischen Glaubens und vor seiner Einberufung w&#228;re er in seiner Kirchengemeinde als Ministrant t&#228;tig gewesen. Der Milit&#228;rstaatsanwalt leitete ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zur Fahnenflucht ein und erhob schlie&#223;lich Anklage, »um den Soldaten der Kompanie &#252;berzeugend klarzumachen, dass eine solche Handlung gegen die grunds&#228;tzlichen Pflichten des Soldaten verst&#246;&#223;t und nicht geduldet werden kann«. Er orientierte wegen »der Gesellschaftsgef&#228;hrlichkeit der Tat und der Umst&#228;nde, unter der sie begangen wurde«, auf eine Verurteilung ohne Bew&#228;hrung. Das Milit&#228;rkollegium des Obersten Gerichts jedoch wollte die Sache glimpflicher abgehen lassen, wobei es dies mit dem m&#246;glichen Echo eines solchen Prozesses begr&#252;ndete: »Bei Durchf&#252;hrung eines &#246;ffentlichen Gerichtsverfahrens mit breiter Auswertung und dem Einsperren des H. besteht die Gefahr, dass bestimmte Kreise der katholischen Kirche diese Sache zur Verleumdung der Deutschen Demokratischen Republik benutzen.« Vorgeschlagen wurde ein nicht&#246;ffentliches Verfahren, das mit einer bedingten Verurteilung und der anschlie&#223;enden Versetzung des Soldaten in ein Baubataillon enden sollte.</p>
<p>Die Angelegenheit landete in der Abteilung Sicherheitsfragen des ZK der SED, die eine »prinzipielle« L&#246;sung des Falles vorschlug: »Wir sind der Auffassung, dass die damaligen vom Milit&#228;robergericht angef&#252;hrten Gr&#252;nde einer bedingten Verurteilung und Versetzung in eine Baueinheit nicht gerechtfertigt waren.« Obwohl H. w&#228;hrend seiner Ausbildung zweimal ge&#228;u&#223;ert hatte, dass er die Schusswaffe nicht anwenden will, wurde dies ignoriert, da er damals keine n&#228;here Begr&#252;ndung gab. Auch jetzt sah die Sicherheitsabteilung darin keinen mildernden Umstand, sondern schlug vor, »ein ordnungsgem&#228;&#223;es Strafverfahren gegen H. durchzuf&#252;hren und ihn unbedingt zu verurteilen«. Das Ganze sollte nicht&#246;ffentlich stattfinden, »um bestimmten kirchlichen Kreisen keine Handhabe zu geben«. &#220;berhaupt seien »Aspekte des Glaubens nach M&#246;glichkeit in der Gerichtsverhandlung nicht zu ber&#252;hren«. Honecker, dem der Fall vorgelegt wurde, reagierte mit einem Wort: »Einverstanden!«</p>
<p>So wie dem jungen Christen ging es vielen, die nicht auf Fl&#252;chtlinge schossen. Der Unteroffizier L., der im Oktober 1984 bei Heiligenstadt zwei DDR-B&#252;rgern die Flucht erm&#246;glichte, indem er seinem Posten befahl: »Feuersto&#223; in die Luft!«, musste daf&#252;r drei Jahre in die Milit&#228;rhaftanstalt Schwedt. In jedem solcher F&#228;lle wurden peinliche Untersuchungen durchgef&#252;hrt &#8211; weitaus peniblere jedenfalls als bei verhinderten Fluchten, auch wenn sie mit dem Tod des Fl&#252;chtlings endeten. Zust&#228;ndig daf&#252;r waren spezielle Untersuchungsorgane des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit, die weitgehende Vollmachten besa&#223;en. Ein Grenztruppenoffizier Umriss sie so: »F&#252;r die Mitarbeiter des MfS bei den Grenztruppen stand in jeder Kompanie ein Dienstzimmer zur Verf&#252;gung. Das war ganz offiziell und bekannt.« Dort wurde zum Beispiel durch die inoffiziellen Mitarbeiter in der Truppe gemeldet, »wenn einer offenbar nicht zum Einsatz der Waffe bereit war oder den Eindruck machte, er k&#246;nnte fahnenfl&#252;chtig werden«.</p>
<p>Dieser latente Druck auf die Soldaten ging einher mit einer st&#228;ndigen Beeinflussung, die zwar in der Regel keine klaren Weisungen zum Einsatz der Schusswaffe in bestimmten F&#228;llen an der Grenze beinhaltete, jedoch zu st&#228;ndiger Verunsicherung f&#252;hrte und damit faktisch eine Atmosph&#228;re schuf, in der das Schie&#223;en von vielen als legitim angesehen wurde. Schon die t&#228;gliche Vergatterung, nach der der Auftrag bestand, »Grenzverletzer in beiden Richtungen vorl&#228;ufig festzunehmen oder zu vernichten«, war nicht eindeutig, wurde jedoch &#8211; in &#220;bereinstimmung mit den niedergelegten Vorschriften &#8211; so interpretiert, dass die Schusswaffe in jedem Fall anzuwenden sei, wenn eine Festnahme auf andere Weise nicht m&#246;glich ist. Der Grenzsoldat Volker K., schon 1963 im Auftrag der Erfassungsstelle Salzgitter vernommen, sagte dazu: »Wir wurden immer wieder belehrt, dass wir nach den geltenden Gesetzen nur richtig handeln w&#252;rden, wenn der Schie&#223;befehl befolgt w&#252;rde. Wir alle haben damit gerechnet, dass derjenige, welcher auf einen Fl&#252;chtling schie&#223;t, strafrechtlich nicht verfolgt werden k&#246;nne, weil er ja gesetzlich durch die Regierung dazu verpflichtet wurde. Uns war vielmehr klar, dass jeder sich strafbar machte, der den Schie&#223;befehl nicht befolgte.« Oft waren die Hinweise nicht so klar, sondern auslegbar, aber als Option wurde der Schusswaffengebrauch an der Grenze nie in Zweifel gezogen. Thomas Czech, als Bereitschaftspolizist Ende der 80er Jahre h&#228;ufig zur Bewachung des Geb&#228;udes des DDR-Ministeriums des Innern eingesetzt und wegen dessen N&#228;he zur Grenze am Potsdamer Platz immer wieder auch mit den Grenzvorschriften konfrontiert, beschrieb pr&#228;zise die Atmosph&#228;re, die in seiner Einheit um den Grenzdienst geschaffen wurde: »Klare Ausk&#252;nfte auf Fragen wurden nicht gegeben, nur: In diesem Fall ist wohl Schusswaffengebrauch gerechtfertigt. So blieb viel Unsicherheit. Aber die Praxis best&#228;tigte immer die Rechtm&#228;&#223;igkeit des Schie&#223;ens unter allen Bedingungen. Wer geschossen und getroffen hatte, war aus dem Schneider. &#196;rger bekamen die, bei denen der Fl&#252;chtling weg war.«</p>
<p>Die Belobigungen mit Sonderurlaub und Geldpr&#228;mien taten ein &#220;briges, um das Bewusstsein, richtig gehandelt zu haben, zu st&#228;rken. Untersuchungen richteten sich nie auf die Einhaltung der Vorschrift, sondern stets auf die »Erf&#252;llung des Kampfauftrages«. Die Berichte, die nach oben gegeben wurden, sprachen stets von korrekter Pflichterf&#252;llung der Soldaten. So auch am 4. November 1963, als der 23j&#228;hrige Klaus Schr&#246;ter in der N&#228;he des Reichstages die Spree zu durchschwimmen versuchte, auf einen Warnschuss nicht reagierte und schlie&#223;lich t&#246;dlich getroffen unterging. »Nach Mitteilung des Stadtkommandanten, Genossen Generalmajor Poppe«, so lautete die Meldung an Honecker, »verhielten sich die diensttuenden Grenzposten richtig und handelten entsprechend den vorhandenen Weisungen.« Bisher wurde kein Bericht &#252;ber einen Todesfall an der Mauer aufgefunden, der das Handeln der Grenzsoldaten anders bewertete. Da war es kein Wunder, dass viele Soldaten den Begriff »Vernichten« in der Vergatterung als T&#246;ten des Grenzverletzers verstanden. Im Potsdamer Prozess gegen drei Grenzsoldaten sagte der Angeklagte Rolf-Dieter Heinrich im November 1992 aus, ihm sei im Politunterricht »eingebleut« worden, dass aus der DDR Fliehende »Feinde, Spione, Saboteure oder Kriminelle sind«. Danach habe er gehandelt.</p>
<p>Zur Bekr&#228;ftigung des Legalit&#228;tsbewusstseins kam das st&#228;ndige Sch&#252;ren einer Angstpsychose vor den Gefahren an der Grenze, die sich allerdings auch auf reale Ereignisse st&#252;tzen konnte. Noch 1964 sollen sich Westberliner Verfassungsschutzbeamte f&#252;r Sprengstoffanschl&#228;ge auf die Mauer ausgesprochen haben. Nach einem aufkl&#228;rungsrichtig der Stadtkommandantur Berlin habe zwar der damalige Leiter des LfV, Siegler-Schmidt, die oftmaligen Nadelstiche als »unsinnig« bezeichnet, aber: »Akzeptabel w&#228;ren seiner Auffassung nach nur solche Anschl&#228;ge auf die Mauer, die ein gr&#246;&#223;eres Loch verursachen, so dass zum Beispiel 100 Menschen auf einmal nach Westberlin fl&#252;chten k&#246;nnten.« Tats&#228;chlich wurden nicht nur in den Wochen nach dem Bau der Mauer &#8211; wie schon dargestellt &#8211; die Grenzsoldaten immer wieder attackiert; auch sp&#228;ter mussten sie stets damit rechnen, wenn schon nicht von westlicher Seite, so doch von Deserteuren aus NVA und Sowjetarmee, nicht selten auch von den eigenen fahnenfl&#252;chtigen Kameraden angegriffen zu werden. Eine &#220;bersicht der Stadtkommandantur gab an, dass 1962 205mal Grenzposten von westlicher Seite beschossen worden seien, allein vom 1. bis 30. August jenes Jahres 19mal. 1963 sank diese Zahl auf 115 und 1964 noch einmal auf 58. Wurden 1962 Grenzsoldaten &#8211; immer nach den Angaben der Stadtkommandantur &#8211; noch 645mal mit Steinen und anderen Gegenst&#228;nden beworfen, so lagen die Zahlen f&#252;r 1963 bei 352 und f&#252;r 1963 bei 213. &#196;hnliches galt f&#252;r Zerst&#246;rungen der Grenzanlagen. 342 F&#228;llen 1962 stehen 1963 315, 1964 177 und 1965 129 F&#228;lle gegen&#252;ber. In das Jahr 1962 fielen auch f&#252;nf Todesf&#228;lle von DDR-Soldaten, wobei drei auf das Konto der Westberliner Polizei bzw. des BGS und von Fluchthelfern gingen.</p>
<p>Das Handeln der Fluchthelfer wurde &#8211; auch bis zur letzten Konsequenz der T&#246;tung eines Grenzsoldaten &#8211; von den Westberliner Beh&#246;rden toleriert und wird es bis heute. Justizsenatorin Jutta Limbach sieht keinen Handlungsbedarf: »Es gibt kaum solche F&#228;lle. Von seiten der DDR wurde immer behauptet, dass es da furchtbar viele F&#228;lle gibt, aber in unserem Bereich gibt es keine. Wenn Sie nur einen nennen, wir w&#252;rden ihm sofort nachgehen. Es sind aber immer nur Behauptungen.« Sie konnte nicht sagen, inwieweit die Fluchthelfer, durch die die Soldaten Reinhold Huhn und Egon Schultz umkamen, belangt worden sind. In beide F&#228;llen hatten sich die T&#228;ter &#246;ffentlich ihrer Tat gebr&#252;stet. Egon Schultz zum Beispiel war in der Nacht vom 4. zum 5. Oktober 1964 von zwei Zivilfahndern des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit dar&#252;ber informiert worden, dass auf dem Hof des Grundst&#252;ckes Strelitzer Stra&#223;e 55 &#8211; gegen&#252;ber der Bernauer Stra&#223;e in Westberlin &#8211; »etwas nicht in Ordnung sei« und dass man den »Hof abzusichern habe«. Aufgrund der ungenauen Angaben der beiden Stasi-Leute, die zuvor zuf&#228;llig auf die Fluchthelfer gesto&#223;en waren und von diesen f&#252;r Fluchtwillige gehalten wurden, betrat Schultz den Hof ziemlich ahnungslos. Er befahl dem Fluchthelfer, der &#8211; ebenfalls ahnungslos &#8211; auf ihn zuging: »Kommen Sie mit!« Und als dieser sich langsam zur&#252;ckzuziehen versuchte: »Durchladen!« Diese Situation bezeichnete der Westberliner Sch&#252;tze sp&#228;ter als Notwehr. Er berichtete einer Illustrierten: »Ich dachte nur: &gt;Wir sind geliefert!&lt; &#8211; und ich gab einen ungezielten Schuss ab. Das Feuer wurde sofort von zwei Seiten erwidert.« Der Fluchthelfer floh &#252;ber den Hof und schoss dabei seines ganzes Magazin &#8211; sechs weitere Schuss &#8211; in Richtung von Egon Schultz leer. Einer der Sch&#252;sse traf Schultz in die Brust &#8211; er war t&#246;dlich. In einem offenen Brief rechtfertigte sich der Sch&#252;tze sp&#228;ter, sie seien nicht gewillt gewesen, »uns f&#252;r eine Tat, die in jedem freien Lande erlaubt ist, n&#228;mlich Zueinandergeh&#246;rende zusammenzuf&#252;hren, verhaften zu lassen und daf&#252;r eine &#8211; wie schon mehrfach geschehen &#8211; lebensl&#228;ngliche oder 15j&#228;hrige Zuchthausstrafe in Empfang zu nehmen«.</p>
<p>Die Ermittlungen ergaben, dass der T&#228;ter &#8211; es soll sich um den damaligen Studenten und heutigen Arzt Christian Zobel handeln &#8211; der Schleuserorganisation Wolfgang Fuchs angeh&#246;rte. Sowohl Politiker, wie der CDU-Minister Ernst Lemmer und das seinerzeitige CDU-Ostb&#252;ro, als auch Journalisten verschiedener Illustrierten und Boulevardbl&#228;tter und nicht zuletzt die Polizei &#8211; sie stellte den Fluchthelfern die Pistolen zur Verf&#252;gung &#8211; unterst&#252;tzten die Aktion, bei der insgesamt 57 DDR-B&#252;rger in den Westen kamen. Das Ermittlungsverfahren gegen die Gruppe, zu der auch der sp&#228;tere Astronaut Reinhard Furrer geh&#246;rt haben soll, wurde eingestellt, da es »keinen begr&#252;ndeten Tatverdacht« gebe; lediglich »wegen unerlaubten Waffenbesitzes« wurden geringf&#252;gige Strafbefehle erlassen. Damals begr&#252;ndeten dies die Beh&#246;rden mit der Weigerung der DDR, Akten zu &#252;bergeben. Jetzt liegen diese auf dem Tisch, doch nicht jeder Angriff auf das Leben und die k&#246;rperliche Unversehrtheit eines Menschen findet offensichtlich Interesse bei der Berliner Staatsanwaltschaft.</p>
<p>Nach Angaben der Berliner Justizpressestelle wurde nach 1989 nur in einem Fall nachermittelt &#8211; in dem jener Polizeibediensteten, die am 23. Mai 1962 an der Sandkrugbr&#252;cke die Grenzsoldaten Peter G&#246;ring t&#246;dlich und Karl Laumer schwer verletzten. Beide hatten zun&#228;chst auf einen Fl&#252;chtling geschossen, dem die Westberliner Polizisten helfen wollten. Entsprechend auch die Begr&#252;ndung zur Einstellung der Ermittlungen »mangels hinreichenden Tatverdachts . . ., weil nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft die Schussabgabe zur Abwehr des von dem Grenzsoldaten ausgehenden Angriffs auf den Fl&#252;chtling gerechtfertigt und im &#252;brigen Strafverfolgungsverj&#228;hrung eingetreten war«. Weitere F&#228;lle wurden nicht wieder aufgenommen, obwohl sie durch die aufgefundenen Akten inzwischen weitgehend dokumentiert sind.</p>
<p>Sp&#228;ter waren es vor allem Grenzsoldaten selbst, aber auch andere DDR-B&#252;rger bzw. desertierte Sowjetsoldaten, die sich den Weg in den Westen freischossen. Schon im zweiten Halbjahr 1961 waren 218 Soldaten &#252;ber die Grenze geflohen; diese Zahl nahm dann zwar ab, blieb aber insgesamt dennoch hoch. Im Oktober 1965 hatte die Zeitung »Die Welt« gemeldet, in den ersten neuen Monaten des Jahres 1964 seien 122 Soldaten fahnenfl&#252;chtig geworden &#8211; gegen&#252;ber 94 im gleichen Zeitruam des Vorjahres. Die Zahlen lagen tats&#228;chlich noch h&#246;her: 143 waren es 1965 gegen&#252;ber 107 im Jahr zuvor. Dabei kam es auch immer &#246;fter zu Schie&#223;ereien. Bis auf einen fielen alle nach 1963 get&#246;teten Grenzsoldaten Fahnenfl&#252;chtigen zum Opfer, und die Verhinderung derartiger Grenz&#252;bertritte hatte f&#252;r die politische wie milit&#228;rische F&#252;hrung h&#246;chste Priorit&#228;t. Als 1967 ein Soldat seinen Postenf&#252;hrer angriff und bei Eisenach in den Westen zu fliehen versuchte, wurde er von diesem erschossen. Honecker reagierte auf den Vorfall, indem er auf den Bericht eine Weisung schrieb: »Der Postenf&#252;hrer, Uffz. G., ist sofort zum Leutnant zu bef&#246;rdern.« Auch als der Soldat R. im Dezember 1964 die Fahnenflucht eines Unteroffiziers verhinderte und diesen dabei verletzte, notierte Honecker auf der Meldung: »Pr&#252;fen, ob R. belobigt bzw. bef&#246;rdert wurde.« Die Antwort: »Medaille f&#252;r vorbildlichen Grenzdienst, 200, &#8211; Pr&#228;mie, Arthur-Becker-Medaille in Silber, Bef&#246;rderung zum Gefreiten«.</p>
<p>Die somit objektiv von zur Fahnenflucht Entschlossenen ausgehenden Gefahren wurden allerdings auch weidlich ausgenutzt. Thomas Czech: »Wir wurden &#252;ber die jeweilige Lage belehrt, und das waren oft Gruselm&#228;rchen von waffentragenden jungen M&#228;nnern, die Posten niedergeschlagen und sich deren Waffen angeeignet hatten. Wenn man Angst hat, ist die Hemmschwelle niedrig. Und wenn solche Fahndungsberichte umgingen, war man besonders motiviert, sich nicht &#252;berraschen zu lassen.« Im ersten Prozess gegen Grenzsoldaten gab der Angeklagte Peter Schmett an, er habe auf die Frage seines Unteroffiziers, ob er auf einen Fahnenfl&#252;chtigen schie&#223;en w&#252;rde, mit Ja geantwortet, »weil das keine Kameradschaft ist, wenn man die Kameraden stehen l&#228;&#223;t.«</p>
<p>Das &#220;berzeugtsein von der Richtigkeit entschlossenen Handelns im »Klassenkampf« und die Versicherung, alles, was an der Grenze geschah, verlaufe nach Recht und Gesetz, lie&#223; bei den politisch und milit&#228;risch Verantwortlichen in der DDR-F&#252;hrung ein Unrechtbewusstsein kaum aufkommen. Die Aussage, die Walter Ulbricht 1966 grunds&#228;tzlich getroffen hatte, galt weiter: »Wir haben Grenzen ebenso wie jeder andere Staat, ebenso wie jeder andere Staat verlangen wir auch, dass unsere Grenzen und unsere Gesetze respektiert werden. Das setzen wir durch. Das ist in allen L&#228;ndern der Welt so. Keinem Menschen wird ein Haar gekr&#252;mmt, der die gesetzliche Ordnung der DDR achtet. Wer aber der verbrecherischen Aufforderung zur Verletzung unserer Grenzen und Gesetze folgt, wer der t&#246;richten Propaganda glaubt, ein Staat DDR existiere nicht, man brauche seine Grenze nicht zu respektieren, der riskiert Kopf und Kragen. Daran kann nichts ge&#228;ndert werden.« Die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik bzw. Westberlin war die Grenze zwischen den beiden feindlichen Weltsystemen. Aber sie war zugleich f&#252;r die DDR eine Art Prestigeobjekt. In einem Staat, wo jede auf eine Hauswand gespr&#252;hte Losung, jedes hektografierte Flugblatt, jede eigenst&#228;ndige Losung in einer Demonstration als Akt der ideologischen Abweichung oder gar der Feindt&#228;tigkeit &#8211; zumeist sogar beides &#8211; beargw&#246;hnt wurde, war nat&#252;rlich die Flucht aus dieser »zukunftstr&#228;chtigen DDR« eine »Demonstrativhandlung«, die man glaubte keinesfalls hinnehmen zu k&#246;nnen.</p>
<p>Nur mitunter breitete sich etwas Unbehagen aus &#8211; vor allem dann, wenn internationale Proteste den »ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden« in ein schlechtes Licht r&#252;ckten oder gar die au&#223;enpolitischen Ambitionen in Mitleidenschaft gezogen wurden. So f&#252;hrte der Tod des Fl&#252;chtlings Peter Fechter am 17. August 1962 in Westberlin, der Bundesrepublik und dar&#252;ber hinaus zu einem Aufschrei der Emp&#246;rung. Die Anklageschrift schildert den Vorgang in folgender Weise: »Im Mai 1962 entschlossen sich der am 14. Januar 1944 geborene Betonbauer Peter Fechter sowie sein Arbeitskollege, der am 22. Februar 1944 geborene Helmut Kulbeik, gemeinsam von Ostberlin nach Berlin (West) zu fl&#252;chten. In der Folgezeit erkundeten sie an der Sektorengrenze geeignete Fluchtm&#246;glichkeiten. . . Am Freitag, dem 17. August 1962, begaben sie sich gegen 12.30 Uhr erneut ins Grenzgebiet. . . Gegen 14.15 Uhr entschlossen sie sich zur Flucht und sprangen durch das Fenster, &#252;berkletterten den ersten Stacheldraht und durchliefen den 10 m breiten Grenzstreifen. Dabei wurden sie von den Grenzposten . . . bemerkt und sofort gezielt unter Beschuss genommen . W&#228;hrend es Helmut Kulbeik gelang, die Grenzmauer zu &#252;berspringen, wurde Peter Fechter beim Anspringen an die Mauer t&#246;dlich getroffen. Laut um Hilfe rufend blieb er schwerverletzt am Mauersockel liegen. Eine Hilfeleistung von westlicher Seite aus war nicht m&#246;glich, da sie von schussbereiten &#246;stlichen Grenzposten verhindert wurde. Erst gegen 15.10 wurde der mutma&#223;lich zu diesem Zeitpunkt bereits verblutete Peter Fechter geborgen und dem Krankenhaus der Volkspolizei zugef&#252;hrt. Gegen 17.00 Uhr wurde durch Bedienstete des Krankenhauses best&#228;tigt, dass Peter Fechter verstorben war.«</p>
<p>Der Bericht der 1. Grenzbrigade &#252;ber »das besondere Vorkommnis« ist in den Zeitabl&#228;ufen weniger exakt, gibt jedoch an, dass gegen 15.15 Uhr aus dem VP-Krankenhaus der Tod Peter Fechters gemeldet wurde. Die Grenzsoldaten hatten offensichtlich nicht sofort seine Bergung eingeleitet und als Grund daf&#252;r folgende Beobachtung angegeben: »Zur Verst&#228;rkung herangef&#252;hrte Duepos (nach dem damaligen Westberliner Polizeipr&#228;sidenten Duensing &#8211; P.R.) und Z&#246;llner, insgesamt etwa 50, bezogen Stellung und richteten ihre Waffen auf die im Abschnitt Charlotten-/Ecke Zimmerstra&#223;e eingesetzten Grenzposten. Vermutlich haben die Duepos kein Feuer auf unsere Grenzposten gef&#252;hrt. &#220;berpr&#252;fungen ergaben, dass zwei Tr&#228;nengask&#246;rper mit Sprengsatz und 15 weitere Knallk&#246;rper von den Duepos auf unser Territorium geworfen wurden und unsere Grenzposten der Meinung waren, dass die Duepos das Feuer er&#246;ffnet h&#228;tten.«</p>
<p>Das Sterben Peter Fechters im Grenzstreifen f&#252;hrte nicht nur zu anhaltenden Protesten gegen die Grenzpraxis der DDR, sondern &#8211; auf Initiative des damaligen Regierenden B&#252;rgermeisters Willy Brandt &#8211; auch zur Entscheidung, dass Angeh&#246;rige der westlichen Schutzm&#228;chte die Erlaubnis erhalten sollten, im Grenzgebiet verletzten Fl&#252;chtlingen Erste Hilfe zu leisten und sie gegebenenfalls in Krankenh&#228;user in Ostberlin zu transportieren. Die DDR reagierte darauf intern in zweierlei Weise. Im Befehl 52/62 vom 23. August 1962 &#252;ber »Ma&#223;nahmen zur Erh&#246;hung der Sicherheit und Undurchdringlichkeit der Staatsgrenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und Westberlin im Abschnitt der 1. Grenzbrigade (B)« erfolgte zun&#228;chst das &#252;bliche ideologische Lamento: »Diesem provokatorischen Vorhaben der USA-Besatzer liegt die offensichtliche Absicht zugrunde, im Verlauf von vorher organisierten und vorbereiteten Grenzdurchbr&#252;chen und daf&#252;r besonders f&#252;r geeignet gehaltenen Schwerpunktabschnitten unter Ausnutzung des Verbots der Anwendung der Schusswaffe gegen Besatzer und unter Einsatz von vorher an den Grenzsicherungsanlagen konzentrierten westlichen Film- und Bildreportern in das Feuer der Grenzposten der Deutschen Demokratischen Republik gelockten Grenzverletzern &gt;1. Hilfe&lt; leisten und den Organen der Deutschen Demokratischen Republik &gt;unmenschliches Handeln&lt; unterstellen zu wollen.« Zugleich enthielt der Befehl Weisungen, durch deren Befolgung solch schlimme Exzesse an der Grenze nicht mehr m&#246;glich sein sollten. »Die Hauptanstrengung im Grenzdienst ist darauf zu richten«, hie&#223; es, »dass a) Grenzverletzer bereits vor Erreichen des unmittelbaren Grenzgebietes durch die f&#252;r die Hinterlandsicherung eingesetzten Kr&#228;fte im Ergebnis besonderer Wachsamkeit, kluger und taktisch richtiger Dienstverrichtung festgenommen werden und eine gedeckte Ann&#228;herung der Grenzverletzer ausgeschlossen ist; b)Grenzverletzer grunds&#228;tzlich ohne Anwendung der Schusswaffe festgenommen werden; c) Grenzverletzer, soweit die Anwendung der Schusswaffe unter strengster Einhaltung der Waffengebrauchsbestimmung in besonderen F&#228;llen unumg&#228;nglich ist, durch gezieltes, treffsicheres Feuer bereits vor &#220;berwinden von Teilen der Grenzsicherungsanlagen an der Tatausf&#252;hrung gehindert werden; d) Grenzverletzer, die durch Anwendung der Schusswaffe in besonderen F&#228;llen verletzt werden, sofort ohne Verzug durch die handelnden Linienposten geborgen und in das Hinterland zur 1. Hilfeleistung abtransportiert werden, so dass eine Einsicht durch den Gegner nicht m&#246;glich ist . . .«</p>
<p>Ein Umschwung im Denken war das jedoch nicht; im Gegenteil, gerade in jener Zeit und den Jahren danach wurden vor allem an der Grenze zur Bundesrepublik jene Selbstschussanlagen und Minensperren installiert, die durch ihre »anonyme« Wirkung lange als besonders effektiv gegolten hatten. Mit der Verminung war bereits am 19. Oktober 1961 begonnen worden. Im Herbst 1963 erfolgte die Meldung: »Nach Abschluss der 4. Etappe ist die Staatsgrenze der DDR zu Westdeutschland durchgehend mit einer L&#228;nge von 1382 km wie folgt pioniertechnisch gesperrt: mit Minensperren 774 km = 56 Prozent, Drahtsperren 407 km = 29,5 Prozent, S-Rollen-Sperren 153 km = 11 Prozent, gesamt 1334 km = 96,5 Prozent.« Dieser Standard blieb in den folgenden Jahren etwa erhalten, wobei jedoch eine st&#228;ndige Modernisierung der eingesetzten Sprengk&#246;rper erfolgte &#8211; und damit allm&#228;hlich auch eine Reduzierung der verminten Bereiche. Die Anklageschrift nennt 108 Ermittlungsverfahren, die wegen Todes- und Verletzungsf&#228;llen durch Minen und Selbstschussanlagen eingeleitet wurden. Sie beziehen sich »auf die T&#246;tung von 39 Personen, sowie die &#8211; teilweise erhebliche &#8211; Verletzung von 85 weiteren Personen«.</p>
<p>Erst in den 80er Jahren, als die Proteste gegen derartige Sperren zunahmen und auch internationale Konventionen der UNO sie &#228;chteten, wurden sie schrittweise abgebaut. Die Anklageschrift vermerkt: »Dementsprechend beschlossen als Teilnehmer der 69. Sitzung des NVR am 25. Januar 1985 u.a. die Angeschuldigten Honecker, Mielke, Streletz und Albrecht sowie der anderweit verfolgte Zeuge Krenz zum Tagesordnungspunkt Nr. 3. &gt;Festlegungen zur weiteren Erh&#246;hung der Wirksamkeit und der Verantwortung beim Schutz der Staatsgrenze der DDR&lt; die &gt;Pr&#228;zisierung&lt; des Beschlusses des NVR vom 1. Juli 1983 dahingehend, dass der &gt;Abbau der Minensperren&lt; erfolgen und eine &gt;hohe Wirksamkeit in der Grenzsicherung auch ohne Minen&lt; erreicht, die &gt;Forschung und Entwicklung von modernen Grenzsicherungsanlagen mit physikalischen Wirkprinzipien ohne Minen und hoher Sperrwirkung gem&#228;&#223; Beschluss des Nationalen Verteidigungsrates der DDR vom 01.07.1983&lt; beschleunigt werden solle.«</p>
<p>Die Streben der DDR nach internationaler Reputation f&#252;hrte vor allem in den 80er Jahren auch zum zeitweiligen Aussetzen des Schusswaffeneinsatzes. Bei seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft sagte der Angeklagte Streletz: »Bei besonderen Anl&#228;ssen sei die Weisung gegeben worden, dass auf keinen Fall &gt;Vorkommnisse an der Staatsgrenze, die den westlichen Medien die M&#246;glichkeit geben, eine Hetze gegen die Deutsche Demokratische Republik durchzuf&#252;hren&lt;, zugelassen werden und somit unbedingt verhindert werden sollte, dass die Schusswaffe zum Einsatz kam, ohne dass jedoch jemals befohlen worden sei, ab sofort d&#252;rfe &gt;nicht mehr geschossen werden&lt;; hieraus d&#252;rfe aber nicht die Schlussfolgerung abgeleitet werden, in der anderen Zeit h&#228;tte an der Grenze geschossen werden k&#246;nnen oder d&#252;rfen.« Sein Mitangeklagter Heinz Ke&#223;ler erkl&#228;rte gegen&#252;ber dem Autor sogar, »dass aus Gr&#252;nden besonderer Anl&#228;sse Anordnungen gegeben wurden, selbst dann nicht von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, wenn Grenzsoldaten angegriffen werden. Dies deshalb, um international nicht so viele Erkl&#228;rungen abgeben zu m&#252;ssen.« Und schlie&#223;lich best&#228;tigte das auch Erich Honecker.- allerdings ohne Begrenzung auf einzelne Anl&#228;sse: »Es bedurfte eines langj&#228;hrigen Wirkens, um dahin zu kommen, dass 1986 oder 1987 den Angeh&#246;rigen der Grenztruppen empfohlen wurde, von der Schusswaffe nicht mehr Gebrauch zu machen, es sei denn zur Abwehr des Angriffs auf den eigenen Leib und das Leben, das hei&#223;t, die Inanspruchnahme des Notwehrrechts. Auch Warnsch&#252;sse sollten nicht mehr abgegeben werden, damit nicht auf der anderen Seite in bestimmten Medien eine Kampagne gemacht wurde &#252;ber das Weiterbestehen des sogenannten Schie&#223;befehls. Ab 1986/87 war das unsere au&#223;enpolitische Linie. Wir wollten uns nicht mehr st&#246;ren lassen durch Sch&#252;sse an der Grenze.« Er best&#228;tigte dies in seiner Rede vor Gericht, als er in einem Atemzug feststellte: »Der unnat&#252;rliche Tod jedes Menschen in unserem Land hat uns immer bedr&#252;ckt. Der Tod an der Mauer hat uns nicht nur menschlich betroffen, sondern auch politisch gesch&#228;digt.«</p>
<p>Die Absicht, so sie denn tats&#228;chlich bestand, lie&#223; sich offensichtlich nicht so leicht realisieren. Zwar wurde in der praktischen Unterweisung der Truppe immer st&#228;rker darauf orientiert wurde, potentielle Grenzverletzer fr&#252;hzeitig im Hinterland abzufangen und den Schusswaffeneinsatz tunlichst zu vermeiden. Bereits 1962 berichtete ein &#220;berl&#228;ufer, nur jedem zehnten Fl&#252;chtling gel&#228;nge die Flucht, die anderen w&#252;rden im Hinterland verhaftet. Im Jahre 1963, als in Berlin und an der DDR-Grenze West noch 29 Menschen bei Fluchtversuchen starben, beendeten 1284 die Flucht erfolgreich. 2267 wurden schon im Vorfeld festgenommen. In den Jahren darauf &#228;nderte sich das Verh&#228;ltnis weiter in der Richtung, dass die Fl&#252;chtlinge aufgesp&#252;rt waren, ehe sie die Grenze erreicht hatten; zugleich blieb der Anteil gelungener Fluchten bis zuletzt hoch. Fritz Streletz nannte in seiner Erkl&#228;rung im Gerichtssaal f&#252;r die zehn Jahre von 1979 bis 1988 die Festnahme von 3 600 Grenzverletzern. 187 mal sei dabei die Schusswaffe angewandt worden, »davon 30 bis 40 mal mit gezieltem Feuer«.</p>
<p>All das kann jedoch nicht vergessen machen, dass am »antifaschistischen Schutzwall« &#252;ber 200 Menschen starben und mehr als 300 zum Teil schwer verletzt wurden. Die Erfassungsstelle Salzgitter z&#228;hlte 119 Erschossene am Grenzstreifen nach der Bundesrepublik und 78 Tote der Berliner Mauer. Aber st&#228;ndig werden noch neue F&#228;lle bekannt. Sie sind eine schwere Hypothek des Staates DDR, und insofern ist es nicht &#252;berraschend, dass am Beispiel dieser schrecklichen und unn&#246;tigen Opfer das gesamte System am Pranger steht. In der Anklageschrift hei&#223;t es: »Die Angeschuldigten haben durch ihre im Nationalen Verteidigungsrat entfalteten T&#228;tigkeiten die entscheidenden Ursachen zur den T&#246;tungen und versuchten T&#246;tungen gesetzt. In dem zentralistischen Staatssystem der ehemaligen DDR waren die dort getroffenen Anordnungen die eigentliche Tathandlung, die den Tod bzw. die Verletzungen der Fl&#252;chtenden herbeigef&#252;hrt haben.« Und einige Seiten weiter: »Schlie&#223;lich weisen die Ermittlungen aus, dass keine rechtlichen Kategorien, sondern ausschlie&#223;lich politische Ziele das Handeln der Angeschuldigten im Nationalen Verteidigungsrat bestimmten.« Nichtsdestotrotz tut die Berliner Staatsanwaltschaft so, als handele es sich bei den Angeklagten um gew&#246;hnliche Toschl&#228;ger und nicht um Politiker, die noch wenige Jahre zuvor auch in Bonn aller Ehren f&#252;r w&#252;rdig befunden worden waren.</p>
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		<title>Kurzer Prozess. Honecker &amp; Genossern &#8211; ein Staat vor Gericht? Teil 2</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Nov 2007 18:23:59 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[In diesen Tagen vor 15 Jahren fand in Berlin der Prozess gegen Erich Honecker und drei weitere Angeklagte aus der DDR-F&#252;hrungsriege statt. Vergangene Woche wurde in einem ersten Beitrag an dieses Ereignis erinnert. Heute folgte ine weiteres, das zweite Kapitel – auf der Grundlage des 1993 im Verlag Elefanten Press erschienenen Buches »Kurzer Prozess. Honecker &#38; Genossen – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In diesen Tagen vor 15 Jahren fand in Berlin der Prozess gegen Erich H<a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2007/11/kurzer-prozess.jpg"></a>onecker und drei weitere Angeklagte aus der DDR-F&#252;hrungsriege statt. Vergangene Woche wurde in einem ersten Beitrag an dieses Ereignis erinnert. Heute folgte ine weiteres, das zweite Kapitel – <span id="more-277"></span>auf der Grundlage des 1993 im Verlag Elefanten Press erschienenen Buches »Kurzer Prozess. Honecker &amp; Genossen – Ein Staat vor Gericht?«, das nicht mehr im Handel ist.</p>
<p><strong><font size="5" face="Arial">Die Angeklagten</font></strong><strong><font size="5" face="Arial"> </font></strong></p>
<p><font size="4" face="Arial">Karrieren &#8211; oder: Der Koch als Kaiser</font><br />
<img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/00a90c33bc574cf9a9e0b09c4c1c0c79" width="1" height="1" alt=""/><br />
Erich Honecker war Dachdecker und wurde zum ersten Mann der DDR. Lenin hatte schon vor der russischen Oktoberrevolution eine K&#246;chin f&#252;r f&#228;hig gehalten, den Staat zu lenken &#8211; die entsprechende Ausbildung vorausgesetzt. Emphatisch dichtete daraufhin Wladimir Majakowski:</p>
<p> »Manschetten- und Brillentr&#228;ger erboste,</p>
<p>verkrochen sich ausw&#228;rts zu F&#252;rsten und Kavalieren.</p>
<p>Gl&#252;ckliche Reise! Wir lehren, zum Troste,</p>
<p>jede K&#246;chin die Kunst, den Staat zu regieren.«</p>
<p>Alle urspr&#252;nglich sechs Angeklagten des Honecker-Prozesses sind nach jener Lenin-Formel auf der Karriereleiter emporgeklettert, symbolisch vom Koch bis zum Kaiser, denn als solcher d&#252;rfte sich der »Generalsekret&#228;r des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik« auf dem Gipfel seiner Macht gef&#252;hlt haben.</p>
<p>Am 25. August 1912 im saarl&#228;ndischen Wiebelskirchen zur Welt gekommen, besuchte er dort die Volksschule und wurde dann Dachdeckerlehrling. Volkssch&#252;ler waren auch die anderen Angeklagten; lediglich Mielke ging anschlie&#223;end zum Gymnasium, ehe er eine Lehre als Expedient aufnahm. Stoph lernte den Beruf des Maurers, Ke&#223;ler und Albrecht wollten Schlosser werden. Sie alle stammten aus einfachen Verh&#228;ltnissen, die Eltern waren Schmied und N&#228;herin, Bergmann, Stellmacher oder Fabrikarbeiter. Sie konnten ihren Kindern alle nicht viel bieten &#8211; bis auf eins: erste Erfahrungen in der ewigen Auseinandersetzung zwischen Arm und Reich.</p>
<p>Honecker und seine mitangeklagten Genossen erlebten &#8211; als Kinder &#8211; fast alle die Inflation der 20er Jahre und die unruhige Zeit der Weimarer Republik. Sie hatten Teil am relativen Aufschwung der kommunistischen Bewegung und ihrer Partei, der sie sich fr&#252;her oder sp&#228;ter anschlossen. Und sie lernten den »Klassenfeind« in seiner brutalsten, gerade die Kommunisten nicht schonenden Variante kennen &#8211; in der des Faschisten. Sie erkannten bald, dass dieser Gegner nur mit H&#228;rte in Schach zu halten oder gar zu besiegen war; mancher Kommunist lernte seine F&#228;uste zu gebrauchen und vertraute deren handfester Argumentation bald mehr als wortreicher &#220;berzeugung. Honecker sah sogar Anlass, 1931 in einem von ihm initiierten Artikel in der Saarbr&#252;cker »Arbeiter-Zeitung« zu warnen: »Die bewaffneten &#220;berf&#228;lle, die Mordtaten, die unz&#228;hligen Verbrechen der Nationalsozialisten k&#246;nnen die Gedanken der individuellen Rache und des Einzelterrors erzeugen.« Dies lehnte er ab und empfahl stattdessen: »Gegen die faschistischen &#220;berf&#228;lle helfen keine individuellen Schie&#223;ereien, sondern nur der Massenkampf, die organisierte Abwehr, der wirkliche Massenselbstschutz auf der Grundlage der proletarischen Einheitsfront.« Wie auch immer &#8211; die Erfahrung des »Wer &#8211; wen?« pr&#228;gten ihn und seine Mitk&#228;mpfer f&#252;rs Leben.</p>
<p>Ihre Bekr&#228;ftigung fanden diese praktischen Erfahrungen des Klassenkampfes in der Erziehung, die die heute Angeklagten zumindest zeitweise in der Sowjetunion Stalins genossen. Honecker absolvierte 1930/31 einen einj&#228;hrigen Lehrgang an der Internationalen Lenin-Schule der Kommunistischen Internationale in Moskau. Mielke floh nach der »B&#252;lowplatz-Sache«, der Erschie&#223;ung zweier Polizisten nach einer kommunistischen Demonstration, ebenfalls dorthin und arbeitete seither eng mit dem sowjetischen Sicherheitsapparat zusammen. Stoph wurde Anfang der 30er Jahre in der Sowjetunion geschult, darunter in milit&#228;rischen Einrichtungen. Ke&#223;ler lief w&#228;hrend des zweiten Weltkrieges an der Ostfront zur Sowjetarmee &#252;ber und arbeitete fortan &#8211; wie Stoph &#8211; gegen das Deutschland, das beide nicht als ihre politische Heimat betrachteten. Sie alle fanden im antifaschistischen Kampf der UdSSR die Best&#228;tigung ihrer eigenen Ideale, und sie akzeptierten auch die Methoden, die Stalin dabei anwandte und die in ihren Folgen f&#252;r den einzelnen oft nicht weniger grausam waren als die Untaten der Nationalsozialisten. Was sie vom Sozialismus kennenlernten, war zum einen dessen unvers&#246;hnliche Auseinandersetzung mit dem anderen, dem etablierten und daher st&#228;rkeren gesellschaftlichen System des Kapitalismus, &#252;berwiegend in seiner faschistischen Form, und zum anderen die durch den Stalinismus deformierte Verwirklichung der sozialistischen Ideale in der Sowjetunion. Andere Erfahrungen machten sie nicht, was wohl mit dazu beigetragen hat, dass sie diese schlie&#223;lich so kritiklos auf das eigene politische Wirken &#252;bertrugen.</p>
<p>Honecker kam 1945 aus dem Zuchthaus, Ke&#223;ler und Stoph kehrten im Gefolge Ulbrichts aus der Sowjetunion nach Deutschland zur&#252;ck, Mielke und Albrecht kamen aus dem Westen &#8211; der eine aus einem franz&#246;sischen Internierungslager, in das er nach dem Spanischen B&#252;rgerkrieg und einem anschlie&#223;enden Einsatz in Belgien geraten war, der andere aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Streletz verlie&#223; als blutjunger Soldat die Wehrmacht.</p>
<p>Sie alle begriffen schnell, dass unter sowjetischem Schutz der Aufbau der ihnen vorschwebenden neuen sozialistischen Ordnung m&#246;glich war &#8211; und sie machten sich ans Werk, bewusst oder unbewusst das Vorbild des »gro&#223;en Bruders« kopierend. Dabei wurden sie schon bald mit dem alten Gegner konfrontiert. Der Anti-Hitler-Koalition war mit der totalen Kapitulation des deutschen Faschismus der gemeinsame Feind abhanden gekommen; nun brachen die tiefen, sozial definierten Widerspr&#252;che zwischen den ungleichen Partnern wieder auf. Churchills Fulton-Rede markierte auch offiziell das Ende einer pragmatischen Partnerschaft und leitete den Kalten Krieg zwischen den zeitweiligen Verb&#252;ndeten ein.</p>
<p>Im geteilten Deutschland nahm die erneute Auseinandersetzung »Wer- wen?« besonders scharfe Formen an; ihre Exponenten auf beiden Seiten machten somit da weiter, wo die Nationalsozialisten durch ihr Terrorregime in den 30er/40er Jahren f&#252;r weitgehende Friedhofsruhe gesorgt hatten. Die Klassenk&#228;mpfe der Weimarer Republik erlebten faktisch eine Neuauflage &#8211; nun aber organisiert auf getrennten und von sich bald feindlich gegen&#252;berstehenden Besatzungsm&#228;chten kontrollierten Territorien, die sich immer mehr voneinander entfernten und schlie&#223;lich &#8211; mit der Gr&#252;ndung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik &#8211; in staatliche Formen gegossen wurden. In seiner Autobiographie stellte Erich Honeckers das so dar: »Wir standen damals vor der Frage, entweder die antifaschistisch-demokratischen Verh&#228;ltnisse zu festigen und planm&#228;&#223;ig die revolution&#228;re Umw&#228;lzung auf dem Weg zum Sozialismus fortzuf&#252;hren oder die antiimperialistischen, demokratischen Errungenschaften preiszugeben und eine Restauration monopolkapitalistische Verh&#228;ltnisse zuzulassen. . . Unser Ziel war es, gem&#228;&#223; den Lehren unseres Jahrhunderts, in dem der deutsche Imperialismus zweimal verheerende Weltkriege entfesselt hatte, einen Staat zu schaffen, in dem die sozial&#246;konomischen, politischen und geistigen Wurzeln des Imperialismus, Militarismus und Faschismus ein f&#252;r allemal beseitigt waren. Die Macht sollte in die H&#228;nde des werkt&#228;tigen Volkes gelegt werden und oberstes au&#223;enpolitisches Prinzip Frieden und V&#246;lkerfreundschaft sein.« Mit solchem Credo traten die »Aktivisten der ersten Stunde« im Osten Deutschlands an. Die sechs, die sich am 12. November 1992 auf der Moabiter Anklagebank versammeln sollten, geh&#246;rten zu ihnen.</p>
<p>Honeckers politische Nachkriegslaufbahn begann mit dem Aufbau der KPD-Jugendarbeit, von der aus sich nahtlos &#8211; noch vor der Vereinigung von SPD und KPD zur SED &#8211; die Freie Deutsche Jugend (FDJ) als einheitliche Jugendorganisation entwickelte. Er leitete diese bis 1955 und ging dann auf die Parteihochschule nach Moskau. Im Sommer 1956 kehrte er zur&#252;ck und wurde sofort &#8211; wenn auch zun&#228;chst kommissarisch &#8211; mit Aufgaben betraut, die im Sicherheitsbereich lagen. Am 10. November berief ihn das Politb&#252;ro zum Sekret&#228;r der Sicherheitskommission des ZK. Und im Januar 1957, mit der Bildung der Abteilung f&#252;r Sicherheitsfragen beim ZK der SED, wurde er deren Leiter. Nun arbeitete er sich zielstrebig nach oben. Bereits 1958 wurde er erst Mitglied des Sekretariats des ZK und dann auch Mitglied des Politb&#252;ros. Jetzt unterstand ihm der gesamte Sicherheitsapparat der DDR: die entstehende Nationale Volksarmee, das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit, Polizei und Zoll. Als Ulbricht im M&#228;rz 1960 den Nationalen Verteidigungsrat bildete, avancierte Honecker zu dessen Sekret&#228;r. Vorbereitung und Durchf&#252;hrung des Mauerbaus waren gewisserma&#223;en sein »Meisterst&#252;ck« in diesen Funktionen. Mit der Macht &#252;ber alle Sicherheitsorgane hatte er sich zugleich ein Sprungbett nach ganz oben geschaffen.</p>
<p>Von ihrer Vita her h&#228;tte man dies eigentlich eher anderen Kadern zugetraut &#8211; zum Beispiel Erich Mielke. Der 1907 geborene geh&#246;rte bereits dem KPD-Selbstschutz an und kam sp&#228;ter in der Sowjetunion unter die Fittiche des stalinistischen Geheimdienstes. Als Mitglied der Internationalen Brigaden k&#228;mpfte er im Spanischen B&#252;rgerkrieg. Nach seiner R&#252;ckkehr in die sowjetische Besatzungszone widmete er sich dem Aufbau erst der Polizei, dann des Partei-Geheimdienstes und schlie&#223;lich all derjenigen Organe, die schlie&#223;lich das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit bildeten. Er hatte immer eine Schl&#252;sselposition inne, war aber gegen&#252;ber dem Parteichef &#8211; ob Ulbricht oder Honecker &#8211; stets loyal, allerdings nur bis zu dem Augenblick, wo er eine deutliche Verschiebung des Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses in der Parteif&#252;hrung ausmachte. So half er 1971 Honecker an die Macht, was dieser mit einem Platz im Politb&#252;ro honorierte. Bei Ulbrichts Sturz kam hinzu, dass Mielke eindeutige Signale aus Moskau empfangen hatte &#8211; und der Wunsch der Sowjetunion war ihm allemal Befehl. Selbst in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre lie&#223; er auf den »gro&#223;en Bruder« trotz Gorbatschows Politik lange nichts kommen, doch fehlten diesmal entsprechende Anst&#246;&#223;e zur Einleitung von Personalver&#228;nderungen, so dass Mielke seinem Generalsekret&#228;r bis fast zum Schluss die Nibelungentreue hielt.</p>
<p>Auch Willi Stoph verdankt seine durch Schwankungen kaum unterbrochene Karriere den Kontakten zum sowjetischen Sicherheitsapparat. Bereits mit 17 Jahren wurde er 1931 Mitglied der KPD, aber eine parteiinterne Biografie sagte &#252;ber die Jahre danach nicht mehr als: »Nach der Errichtung der faschistischen Diktatur nahm er am illegalen antifaschistischen Widerstandskampf teil. Zum Kriegsdienst in der Naziwehrmacht verpflichtet, leistete er auch hier antifaschistische Arbeit.« Stoph war bereits 1935 zum Milit&#228;rdienst eingezogen worden und absolvierte diesen bis 1937 in einem Brandenburger Artillerieregiment. Von 1940 bis 1942 war er erneut Soldat, jedoch nicht im direkten Fronteinsatz, sondern als Chauffeur eines Obersten. Er wurde verwundet, aus der Wehrmacht entlassen, arbeitete in Berlin als Bautechniker und musste vor Kriegsende noch einmal die Uniform anziehen. Dann verlor sich sein Weg, ehe er 1945 als politischer Mitarbeiter der sowjetischen Milit&#228;radministration wieder auftauchte. Was Stoph wirklich an illegaler Arbeit tat, liegt bis heute im dunkeln. Offenbar hat er nicht einmal die Parteispitze dar&#252;ber informiert, denn als 1960 ruchbar wurde, dass er 1937 in der Nazi-Zeitschrift »Arbeitsfront«, von einer »unvergesslichen Parade vor dem F&#252;hrer« geschrieben hatte, waren auch Ulbricht und Honecker &#252;berrascht und nutzten die Gelegenheit, um ihn von der Funktion des Verteidigungsministers zu entbinden und auf den unbedeutenden Stuhl eines stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrats abzuschieben. Die von Honecker im nachhinein artikulierte Besorgnis, die Sowjetunion h&#228;tte &#252;ber den Stophschen S&#252;ndenfall ungehalten sein k&#246;nnen, erwies sich aber als vorgeschoben &#8211; wie sonst w&#228;re es m&#246;glich gewesen, dass Stoph schon 1962 zum Ersten Stellvertreter des Ministerpr&#228;sidenten, 1964 zum Ministerratsvorsitzenden selbst und 1973 zeitweilig zum Vorsitzenden des Staatsrates aufsteigen konnte. Stoph war bis zuletzt ein Vertrauensmann der Sowjetunion, und gewiss nicht zuf&#228;llig spielte er beim Sturz Honeckers eine hervorgehobene Rolle.</p>
<p>Auch Heinz Ke&#223;ler d&#252;rften seine guten Kontakte zur Sowjetunion in den Sicherheitsapparat der DDR gef&#252;hrt haben, obwohl diese Karriere nicht unbedingt seinen W&#252;nschen entsprach. Als der damals 30j&#228;hrige Jugendfunktion&#228;r 1950 zum Chefinspekteur der Volkspolizei ernannt werden sollte, bat er sich wohl Bedenkzeit aus, wie er in seinen Einlassungen vor Gericht jetzt erkl&#228;rte: »Ich war gerade aus dem Krieg gekommen und hatte eigentlich mit Uniformen genug zu tun gehabt.« Aber die Parteidisziplin siegte, und er nahm sogar auf sich, die »Volkspolizei Luft« aufzubauen und dazu autodidaktische Studien &#252;ber das Flugwesen zu betreiben. Mit der Gr&#252;ndung der Nationalen Volksarmee der DDR wurde er dann stellvertretender Verteidigungsminister und war zun&#228;chst auch f&#252;r die Luftstreitkr&#228;fte/Luftverteidigung zust&#228;ndig, ehe er 1967 in den Sessel des Chefs des Hauptstabes der NVA gelangte. 1979 wurde er Chef der Politischen Hauptverwaltung der DDR-Armee und in Dezember 1985, als Heinz Hoffmann auf der Dienstfahrt von Wandlitz nach Strausberg die Aorta gerissen war, dessen Nachfolger als Verteidigungsminister.</p>
<p>Dennoch f&#252;hlte sich Ke&#223;ler nie so recht als Soldat &#8211; ganz im Gegenteil zu seinem Mitangeklagten Fritz Streletz, der auch sein h&#228;rtester Konkurrent um den so pl&#246;tzlich verwaisten Stuhl des NVA-Ministers gewesen war. Bereits in einer internen Einsch&#228;tzung aus dem Jahre 1962, die jetzt im Parteiarchiv zug&#228;nglich wurde, &#252;bte man an Ke&#223;ler Kritik: »In der Vergangenheit wurde von ihm die Kontrolle der Aufgaben, Befehle und Anordnungen vernachl&#228;ssigt. Dadurch hatte er keine vollst&#228;ndige &#220;bersicht, wie die von ihm gegebenen Richtlinien vom Stab des Kommandos verwirklicht werden. . . Eine weitere Schw&#228;che des Genossen Ke&#223;ler bestand darin, dass er ungen&#252;gend auf eine straffe, milit&#228;rische Disziplin und Ordnung achtete. Das beg&#252;nstigte den Zustand, dass die Einhaltung der Befehle und Vorschriften nicht &#252;berall gew&#228;hrleistet war.« Im Verteidigungsministerium jedenfalls sp&#246;ttelte man &#252;ber sein oft ziemlich unmilit&#228;risches Auftreten, und als 1985 die Entscheidung &#252;ber Hoffmanns Nachfolge zu f&#228;llen war, favorisierten die Milit&#228;rs in Strausberg eindeutig den Chef des Hauptstabes des NVA, Fritz Streletz. Dass sich Ke&#223;ler dennoch durchsetzte, verdankte er der langj&#228;hrigen Bekanntschaft mit Honecker, der ohnehin stets Leute um sich haben wollte, die er kannte und denen er deshalb vertraute.</p>
<p>Fritz Streletz kam zwar auch aus einfachen Verh&#228;ltnissen, f&#252;hlte sich aber schon als 14j&#228;hriger zum Milit&#228;r hingezogen. Erst Unteroffizierssch&#252;ler, dann im Reichsarbeitsdienst, wurde er noch 1944 einberufen und an die Ostfront geschickt. Er lief nicht &#252;ber, sondern geriet im Februar 1945 in sowjetische Gefangenschaft. Mehr als drei Jahre arbeitete er vor allem auf Baustellen in der N&#228;he Moskaus. Um schneller entlassen zu werden, verpflichtete er sich bereits dort, das weiterzumachen, was er als einziges gelernt hatte &#8211; das sogenannte Waffenhandwerk. Am 5. Oktober 1948 wieder frei, trat er am 1. November seinen Dienst als VP-Wachtmeister an. Einen Monat sp&#228;ter war er auch Mitglied der SED. 1951/52 absolvierte der junge Polizeioffizier einen Sonderlehrgang in der Sowjetunion und wurde dort f&#252;r h&#246;here Funktionen der Kasernierten Volkspolizei, dem Vorl&#228;ufer der Nationalen Volksarmee, ausgebildet. In dieser brachte er es dann gleich zum Stellvertreter des Chefs des Leipziger Milit&#228;rbezirks.</p>
<p>1959 wurde der damalige Oberst Streletz wieder f&#252;r zwei Jahre zum Studium geschickt, diesmal auf die sowjetische Generalstabsakademie. Seine Position war nun schon so stark, dass einer Empfehlung der Abteilung Sicherheitsfragen des ZK der SED, das Studium wegen zweier Vorkommnisse in seinem Verantwortungsbereich und damit verbundener »Vernachl&#228;ssigung der Dienstaufsichtspflicht« zu verschieben, nicht entsprochen wurde. Nach seiner R&#252;ckkehr 1961 wurde Streletz Chef des Stabes des Leipziger Milit&#228;rbezirks und drei Jahre sp&#228;ter als Generalmajor Stellvertreter des Hauptstabes der NVA in Strausberg. Eine »Generalstabslaufbahn«, wie er es stolz selbst nannte, begann. Und stolz ist er noch heute auf seine Berufung zum Sekret&#228;r des Nationalen Verteidigungsrates, die es ihm erm&#246;glichte, »die Auftr&#228;ge solcher Pers&#246;nlichkeiten wie des Vorsitzenden des Verteidigungsrates gewissenhaft und milit&#228;risch exakt zu erf&#252;llen«.</p>
<p>Hans Albrecht, der sechste schlie&#223;lich, den die Anklage auf die S&#252;nderbank platzierte, geriet relativ zuf&#228;llig dahin. Er war SED-Sekret&#228;r des Bezirkes Suhl und gelangte in den Nationalen Verteidigungsrat, weil sein Bezirk die »komplizierteste, schwierigste Grenze zur BRD« (Streletz) hatte. Wie er war auch der jeweilige Magdeburger Bezirkssekret&#228;r st&#228;ndiges Mitglied dieses milit&#228;rischen Entscheidungsorgans, denn dessen Bezirk hatte die l&#228;ngste Grenze zur Bundesrepublik. Albrecht, 1919 geboren, hatte Schlosser gelernt und war bereits 1939 zur Wehrmacht eingezogen worden. Obwohl als Pilot auch in Italien, Afrika, Holland und Frankreich eingesetzt, brachte er es nur bis zum Feldwebel. Nach dem Krieg trat er in die SPD ein und wurde &#8211; nach deren Vereinigung mit der KPD &#8211; Mitglied der SED. &#220;ber verschiedene Stationen in SED-Kreisleitungen wurde er schlie&#223;lich Staatsfunktion&#228;r im Bezirk Frankfurt/Oder &#8211; bis hin zum Vorsitzenden des Rates des Bezirkes. 1968 entsandte ihn die SED als Bezirkssekret&#228;r nach Suhl.</p>
<p>Dort erwarb er sich schnell den Ruf eines rigorosen Einpeitschers der Parteilinie. Noch 1989 versuchte er das Portr&#228;tbuch »Der Erste«, in dem mit vorsichtiger Offenheit ein SED-Kreissekret&#228;r aus dem Bezirk Suhl vorgestellt wurde, in seinem »Machtbereich« zu verbieten. Im einem bereits abgeschlossenen Prozess gegen Albrecht, in dem er in Meiningen wegen »Anstiftung zur Untreue« zu 22 Monaten Haft verurteilt wurde, sagte ein Mitangeklagter aus, der Parteisekret&#228;r Albrecht »war zu 99 Prozent schlimmer als der Mann, der heute vor uns sitzt«. Albrecht hatte das Wohnungsbaukombinat Suhl angewiesen, f&#252;r ihn in Gr&#252;nheide bei Berlin ein Ferienhaus zu bauen; von den 193 000 Mark Baukosten zahlte er lediglich 35 000 Mark. &#196;hnlich verfuhr er bei der Renovierung des Hauses seiner Schwiegermutter im s&#228;chsischen Schm&#246;lln. Au&#223;erdem wurde ihm wegen des Besitzes einiger Jagdflinten illegaler Waffenbesitz vorgeworfen. Albrecht wies diese Anschuldigungen zur&#252;ck und berief sich auf Ged&#228;chtnisschw&#228;che. &#196;hnlich beim Verh&#246;r durch die Berliner Staatsanwaltschaft, der er erkl&#228;rte, er k&#246;nne sich nicht erinnern, dass im Nationalen Verteidigungsrat &#252;ber Schusswaffenanwendung, Minen und Selbstschussanlagen gesprochen worden sei. Er habe am Ende des Sitzungstisches gesessen und nicht alle Er&#246;rterungen verstanden, da er damals noch kein H&#246;rger&#228;t getragen habe.</p>
<p>Alle sechs, die am 12. November vor dem Moabiter Gericht standen, haben ihre Rolle im Machtapparat der DDR gespielt, trugen Verantwortung vor allem f&#252;r die milit&#228;rische Seite der Machtsicherung, &#8211; und ihr Credo leitete sich aus dem antiimperialistischen Feindbild ab, das sie im Laufe ihres Lebens &#8211; sei es durch eigene bittere Erfahrung, sei es durch durch die kritiklose &#220;bernahme ideologischer Leits&#228;tze &#8211; verinnerlicht hatten. Zu diesen Glaubenss&#228;tzen geh&#246;rte das, was Honecker in seinen Bemerkungen »Zu dramatischen Ereignissen« schrieb: »Die DDR hatte das Recht und die Pflicht, wie jeder andere Rechtsstaat, Ordnung an der Grenze zu sichern, einer Grenze, die keine innerdeutsche war, sondern die anerkannte Staatsgrenze der DDR.«</p>
<p>Der Mauerbau 1961 mag de facto &#8211; und das ist eine Einsch&#228;tzung, die von vielen, auch westlichen Politikern geteilt wurde &#8211; zur Stabilisierung der politischen Situation in Mitteleuropa und damit zur Erhaltung des Friedens beigetragen haben; er war aber dennoch eine Ma&#223;nahme, die sich gegen einen &#228;u&#223;eren Feind allenfalls mittelbar richtete. Die Funktion des vorgeblichen »antifaschistischen Schutzwalles« bestand realiter in der Abriegelung der DDR, der Verhinderung ihres Ausblutens, das allerdings damals, auf dem H&#246;hepunkt des Kalten Krieges, tats&#228;chlich die Gefahr milit&#228;rischer Auseinandersetzungen zwischen den Atomm&#228;chten in sich barg. Doch die Ursache, die zu diesem Ausbluten gef&#252;hrt hatte, lag eben nicht prim&#228;r in der Einwirkung von au&#223;en auf die DDR, sondern in deren innerem Zustand, der schon damals au&#223;erordentlich desolat war. Wiederholte politische Fehlorientierungen f&#252;hrten das Land mehrmals an den Rand der Instabilit&#228;t &#8211; im Fr&#252;hjahr 1953, im Herbst 1956, eben in den Jahren 1960/61, und auch sp&#228;ter, so Anfang der 70er Jahre, im Herbst 1976 und vor allem nach 1985. Eingestanden wurden diese Fehler nie, und wenn, dann allenfalls halbherzig. Die Gr&#252;nde f&#252;r die jeweilige Misere suchte man au&#223;erhalb der Grenzen, beim Klassenfeind, der mit seiner »ideologischen Diversion« und anderen St&#246;raktionen den friedlichen Aufbau des Sozialismus behindern wollte.</p>
<p>Viele, die 1961 die Mauer als notwendiges &#220;bel sahen, um zun&#228;chst stabile Verh&#228;ltnisse in Mitteleuropa und vor allem der DDR zu schaffen, erwarteten nun eine Politik, die sie allm&#228;hlich &#252;berfl&#252;ssig machen w&#252;rde. Schritte in diese Richtung wurden tats&#228;chlich unternommen: &#246;konomische Umorientierungen mit starker Betonung sozialer Aspekte &#8211; die sogenannte Hauptaufgabe, ein zeitweiliges kulturelles Tauwetter, Bem&#252;hungen um mehr Mitsprache der B&#252;rger und anderes. Doch all diese Versuche verliefen im Sande, wurden abgebrochen, sobald sich ihre ganz selbstverst&#228;ndlichen Risiken zeigten. Denn Neues setzt sich nicht ohne R&#252;ckschl&#228;ge, ohne unerw&#252;nschte Nebenwirkungen, ohne Gefahren f&#252;r Althergebrachtes durch. Es fehlte der F&#252;hrung an Mut, wirklich unerforschte Wege zu beschreiten, und zwar flexibel und zugleich konsequent bis zum Erfolg. Die in der Endphase der DDR viel beschworene Losung von »Kontinuit&#228;t und Erneuerung« erwies sich als hohle Phrase, weil sie wirkliche Innovation nur insoweit zulassen wollte, wie das Bew&#228;hrte nicht in Frage gestellt wurde. Diese Politik hatte sich weit von einem sch&#246;pferischen Marxismus entfernt und damit l&#228;ngst die Akzeptanz der Massen verloren. Mit der Aufgabe ihres kreativen Anspruchs hatte die Weltanschauung der Armen und Entrechteten ihre Faszination eingeb&#252;&#223;t. Honecker selbst musste nun &#8211; in einem Interview nach der Wende &#8211; mit einem Anflug von Erkenntnis eingestehen: »Unsere Schw&#228;che bestand darin, dass wir offensichtlich nicht vermochten, unsere sozialistischen Ideale in jeder Hinsicht f&#252;r den Einzelnen erlebbar zu machen.«</p>
<p>Insofern wurde auch die Mauer nicht als zeitweiliger Missstand und zugleich als Chance begriffen, eine bessere Politik zu realisieren. Heute sieht zwar auch Honecker den Mauerbau als »Zeichen einer politischen und wirtschaftlichen Schw&#228;che des Warschauer Vertrages gegen&#252;ber der NATO, die nur mit milit&#228;rischen Mitteln ausgeglichen werden konnte«. Damals aber wurde sie zum Selbstzweck, sicher auch in &#220;bersch&#228;tzung des milit&#228;rischen Faktors in der Systemauseinandersetzung. Man wurde mit den Problemen nicht fertig und griff zur Repression; neben der Errichtung der Mauer ist der extensive Ausbau des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit ein anderes Beispiel solch verfehlter Politik. Sie hat letztlich ihre Wurzeln in falscher, ideologischer Weltsicht &#8211; einem Ph&#228;nomen, das nicht auf die sozialistische Bewegung beschr&#228;nkt ist, von dieser aber in besonders tragischer Weise kultiviert wurde.</p>
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