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	<title>blogsgesang.de &#187; Opposition</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil X und Schluss)</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Dec 2010 15:36:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p> Bei der aktuellen Debatte &#252;ber die Wikileaks-Dossiers ist ein Aspekt bisher geflissentlich weitgehend &#252;bersehen worden – die Blamage, die Julian Assange mit seiner kleinen, schlecht ausger&#252;steten Truppe den zahlreichen hoch ger&#252;steten Geheimdiensten dieser Welt zugef&#252;gt hat. Sie alle versuchen, mit riesigem Aufwand an Personen und Geldmitteln, diversen Regierungen einige ihrer zahlreichen, sorgsam verborgenen Geheimnisse zu entrei&#223;en <span id="more-2175"></span>und haben damit oft nur d&#252;rftigen Erfolg. Doch <a href="http://wikileaks.ch/" target="_blank"><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/9e3ec3dcc457462d9dafdcb661695c52" alt="" width="1" height="1" />Wikileaks</a> schaffte es, mit einem Schlag erst 77000 Dokumente zum Afghanistankrieg, dann fast 4000000 Papiere zum Irakkrieg und jetzt noch einmal 250000 geheime Botschaftsberichte aus aller Welt nicht nur auf den eigenen Tisch zu bekommen, sondern auch noch weltweit zu ver&#246;ffentlichen. Und all diese Dossiers stammen nicht aus irgendeiner Bananenrepublik, sondern aus den USA, die in den vergangenen Jahren nicht nur eines der effektivsten Sicherheitssysteme der Welt aufgebaut haben, sondern auch technisch ohne Zweifel zu totaler Geheimhaltung in der Lage w&#228;ren.</p>
<p> Es zeigt sich jedoch an den Wikileaks-Enth&#252;llungen einmal mehr, dass Geheimdienste nicht mehr in diese Zeit passen. Sie sind nicht nur moralisch obsolet; die heutige Zeit mit ihrem bislang ungeahnten Bedeutungszuwachs von Informationen f&#252;r die Bew&#228;ltigung der schnell ablaufenden Prozesse in nahezu allen Lebensbereichen legt die Ineffizienz &#252;bertriebener Geheimhaltung oder gar einer Abschottung der Informationsfl&#252;sse offen. Dass der Kreis jener, die in den USA Zugriff auf die diplomatischen Depeschen hatten, so gro&#223; war, ergab sich schlie&#223;lich nicht aus leichtsinniger Vertrauensseligkeit der Beh&#246;rden, sondern war Resultat der Erkenntnis, dass nur gut informierte Mitarbeiter auf allen Gebieten wirklich effektiv arbeiten.</p>
<p> Auf der anderen Seite jedoch f&#252;hrte US-amerikanische Sicherheitshysterie dazu, dass gegen&#252;ber der allgemeinen &#214;ffentlichkeit immer weniger bekannt gemacht wurde und in den Dossiers des Au&#223;enministeriums auch viel mit Geheimhaltungsstempeln versehen wurde, das nur banale Mitteilungen enth&#228;lt. Diese Tendenz r&#252;gte – nach hilflos-w&#252;tender Kritik an Assange – auch die <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1221/meinung/0044/index.html" target="_blank">»Washington Post«</a>, weil solche Geheimhaltung den Verdacht nahelege, die US-Regierung nehme es nicht so genau mit den Rechten der B&#252;rger. »Die beste Art, mit Assange umzugehen, ist ihn &#252;berfl&#252;ssig zu machen«, schlussfolgert das Blatt.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione1-199x300.gif"><img class="alignright size-full wp-image-2187" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Solche Erkenntnisse sind so neu nicht. Bereits das Ende der DDR warf schon vor 20 Jahren ein Schlaglicht auch auf die Ineffizienz von Geheimdiensten. Denn weder hatten die westlichen Agenturen dieses Ereignis einschlie&#223;lich des folgenden Untergangs des gesamten sozialistischen Systems vorausgesehen, noch konnten die &#246;stlichen Dienste diese Entwicklung verhindern – auch nicht die hochdotierte Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des DDR-Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit. Ihre Geschichte und Arbeitsweise wurde hier bereits auf der Grundlage einer Ver&#246;ffentlichung &#252;ber die HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, in neun Folgen dargestellt. Auch die Kapitel &#252;ber ihren langj&#228;hrigen Chef <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf</a>, den schlie&#223;lichen <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/11/13/vor-20-jahren-der-zusammenbruch-des-ddr-spionageapparates/" target="_blank">Zusammenbruch der HVA</a> und ihre bis in die Gegenwart wirkende <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/02/08/vor-20-jahren-die-hinterlassenschaft-der-ddr-spionage-macht-probleme/" target="_blank">Hinterlassenschaft</a> sind an dieser Stelle bereits ver&#246;ffentlicht worden. Im Schlusskapitel res&#252;mierten die Autoren aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen schon damals, dass – – Geheimdienste &#252;berholt , passé seien. Es wird hier zuzm Abschluss der Serie noch einmal wiedergegeben.</p>
<h3><span style="color: #000000;"><span style="font-family: Arial;"><span style="font-size: x-large;">Geheimdienste passé?</span></span></span></h3>
<p>Spionage wird gern als das zweit&#228;lteste Gewerbe der Welt bezeich­net, wird doch bereits in der Bibel davon gesprochen. Heute jedoch bangt die Zunft der Spione um ihre Zukunft. Denn der Untergang der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung erweist sich vielleicht nicht nur als Spezifikum der deutschen Genesis, erkl&#228;rbar aus dem Ver­schwinden eines ganzen Staates und damit auch seiner staatlichen Organe. Auch andere Geheimdienste m&#252;ssen sich zunehmend Fragen nach ihrer Daseinsberechtigung stellen &#8211; im Osten wie im Westen. Dabei mag man die faktische Aufl&#246;sung des sowjetischen KGB wie die armseligen Mutationsversuche der Dienste anderer osteurop&#228;ischer Staaten noch dem Umbruch im Osten, dem Ein­sturz des sozialistischen Systems zuschreiben; f&#252;r die neu aufge­flammte Diskussion um die gro&#223;en westlichen Geheimdienste gen&#252;gt das zur Erkl&#228;rung nicht. Zwar ist es richtig, dass ihnen im Gefolge all dieser Entwicklungen der »Feind abhanden« gekommen ist, wie es oft griffig hei&#223;t, aber die wahren Ursachen f&#252;r die verbreitete Geheimdienst-M&#252;digkeit d&#252;rften tiefer liegen.</p>
<p>In diesem Jahrhundert war die Weltpolitik im wesentlichen durch den Gegensatz der beiden Systeme Kapitalismus und Sozia­lismus gepr&#228;gt. Dieser Widerspruch entwickelte sich in aller Sch&#228;rfe bis hin zur apokalyptischen Gefahr eines thermo-nuklearen Krieges. Damit einher ging eine gewaltige Propagandaschlacht, die sich aller erdenklichen Mittel bediente und mit dem Begriff des Kalten Krieges besser beschrieben war als mit dem sp&#228;teren, gef&#228;lligeren der »ideologischen Auseinandersetzung«. Die beiden Weltsysteme, jeweils angef&#252;hrt von ihren Superm&#228;chten USA und Sowjetunion, waren nur noch auf sich bezogen, betrachteten ihren Konflikt als »Knackpunkt« der Menschheitsgeschichte &#8211; und das war er lange Zeit wohl auch. Geheimdienste hatten in diesem Diadochenkampf ihre selbstverst&#228;ndliche Funktion.</p>
<p>Dabei &#252;bersahen beide Seiten, dass sich im Schatten der System­auseinandersetzung v&#246;llig neue und viel bedeutsamere Widerspr&#252;­che herausbildeten: der sogenannte Nord-S&#252;d-Konflikt als K&#252;rzel f&#252;r die Verelendung der Dritten Welt, hervorgerufen von deren Ausbeutung durch die beiden anderen Welten; die &#246;kologische Herausforderung mit im Grunde den gleichen Ursachen; das Erfordernis, die rasante wissenschaftlich-technische Entwicklung so zu gestalten, dass sie dem Menschen zum Nutzen ger&#228;t und nicht seinen Untergang programmiert. All dies ist nicht im scharfen Gegensatz unterschiedlicher ideologischer Konzepte zu bew&#228;lti­gen, sondern nur in enger Zusammenarbeit. Damit steht die Kooperation auf der Tagesordnung &#8211; und diese kann nur in einer Atmosph&#228;re des Vertrauens gedeihen.</p>
<p>Da objektiv bedingt, haben sich Elemente einer solchen »Politik des neuen Denkens« in den vergangenen Jahren bereits durchsetzen k&#246;nnen. Der KSZE-Proze&#223; machte den Anfang, indem er neben materielle Bereiche eines Interessenausgleichs (Sicherheit und &#214;konomie) erstmals gleichgewichtig die ethisch-moralische Pro­blematik der Menschenrechte stellte. Die deutsche Vereinigung war ein beredtes Beispiel f&#252;r die partielle &#220;berwindung von Blockdenken. Und auf dem besonders sensiblen Sicherheitsbereich wurden »vertrauensbildende Ma&#223;nahmen« vereinbart &#8211; erste Schritte zu mehr Transparenz und Ehrlichkeit. Ihre Realisierung wiederum erhielt Impulse aus den sprunghaft zunehmenden weltweiten Kommunikationsm&#246;glichkeiten &#8211; sowohl durch Mediennutzung als auch im privaten Bereich.</p>
<p>Wer Spionage von innen her kennt, wei&#223;, dass sie diesen Tendenzen im Wege steht. In einem Feld gegenseitig vorteilhafter Zusammenarbeit muss sie kontraproduktiv wirken. Ihre Absichten und Methoden verdienen tiefstes Misstrauen &#8211; wie alles, was jemand hinter seinem R&#252;cken heimlich vorbereitet, w&#228;hrend er mir vorn l&#228;chelnd die Hand entgegenstreckt. Spionage als Kind alten Denkens in den Kategorien der Bl&#246;cke, der antago­nistischen Ideologien, kann globale Kooperation nicht bef&#246;rdern, sondern sie nur st&#246;ren. Diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch &#8211; und sie ist der wahre Hintergrund f&#252;r die sich verst&#228;rkenden Forderungen nach restloser Beseitigung dieser Relikte einer &#252;ber­holten Zeit. Die neue Weltordnung, die heute auf der Tagesordnung steht, bedarf konspirativer Ma&#223;nahmen nicht; im Gegenteil – sie kann nur gelingen, wenn T&#228;uschung, Verschleierung, &#220;bervortei­lung auf dem Felde der Politik restlos ausgemerzt werden.</p>
<p>Wie schwer es aber ist, sich aus den Fesseln einer obsoleten Weltsicht zu l&#246;sen, zeigten gerade die von den diversen KSZE-Folgetreffen vereinbarten vertrauensbildenden Ma&#223;nahmen. Dazu geh&#246;rte die Beobachtung milit&#228;rischer Man&#246;ver, die alle beteilig­ten Staaten sofort dazu veranlasste, die jeweiligen Geheimdienste mit der Ausgestaltung dieser Vereinbarung zu betrauen.</p>
<p>So kam es dann, dass sich die Agenten der beiden Seiten auf dem Man&#246;verfeld gegen&#252;berstanden &#8211; die einen als Gastgeber mit dem Ziel, das wirklich Interessante vor den Augen des »Gegners« zu verbergen, die G&#228;ste hingegen mit der Absicht, die g&#252;nstige Gelegenheit zur Aufkl&#228;rung optimal zu nutzen. W&#228;hrend erstere zum Zwecke der Camouflage lange Erkl&#228;rungen abgaben und ausgedehnte Bankette in den Stabszelten am Rande der Man&#246;ver­zonen organisierten, um die Beobachter besoffen zu reden und zu machen, hatten diese den Auftrag, mehr zu sehen und zu h&#246;ren als erw&#252;nscht, und sich dazu statt mit Sektkelchen mit ausgefeilter Peil- und Lauschtechnik auszustatten. Fast noch absurder mutet die geheimdienstliche Begleitung des deutschen Vereinigungsprozes­ses an. W&#228;hrend das MfS seine Beobachtung der Bundesrepublik nach dem Januar 1990 notgedrungen fast v&#246;llig einstellte und damit auch die elektronische Telefon&#252;berwachung ihr Ende fand, setzte der BND die diesbez&#252;glichen Aktivit&#228;ten ungehemmt fort. Er machte dabei auch nicht vor der Bespitzelung des CDU-Vorsitzen­den und sp&#228;teren Ministerpr&#228;sidenten Lothar de Maizière halt &#8211; lange bevor er in Stasi-Verdacht geriet. Tr&#246;stlich zu h&#246;ren, dass nach der Wahl vom 18. M&#228;rz das Anzapfen von DDR-Telefonen »sukzessive heruntergefahren« und mit der Wahl der neuen Regie­rung am 12. April »endg&#252;ltig eingestellt« wurde. Die formelle Weisung zur Beendigung aller Abh&#246;raktionen &#252;ber Richtfunk erging jedoch erst am 4. Mai. Auch danach hat aber der BND seine Quellen im Osten Deutschlands weiter berichten und sich durch seinen Spitzen-Informanten Schalck-Golodkowski sogar Tipps f&#252;r erfolgversprechende Anwerbungen geben lassen. Gro&#223;z&#252;gig stellte er seine Top-Quelle auch f&#252;r die dilettan­tische Befragung durch einen M&#246;chtegern-Kundschafter der neuen Regierung zur Verf&#252;gung, der auf diese Weise &#8211; in wessen Auftrag? &#8211; Material gegen seinen eigenen Regierungschef sammelte.</p>
<p>Die grotesken Folgen dieser Art von Geheimdienst-Spielen k&#246;nnten zum Lachen verleiten, wenn der Hintergrund nicht so ernst w&#228;re. Er verr&#228;t n&#228;mlich, dass die Konsequenzen des oft beredeten »neuen Denkens« von vielen noch gar nicht begriffen oder aber &#252;berhaupt nicht erw&#252;nscht sind. Jetzt, da es an eigene liebgewordene Machtinstrumente geht, erweisen sich viele fr&#252;here Erkl&#228;rungen als platonisch. So kann man gegenw&#228;rtig landauf, landab &#8211; von Moskau bis Langley, von Paris bis Br&#252;ssel, von K&#246;ln bis Pullach &#8211; immer wieder h&#246;ren, wie unverzichtbar gerade heute Geheim­dienste seien. In den Entwicklungen in Osteuropa sieht BND-Chef Konrad Porzner offensichtlich vor allem Gefahren: »Aber beden­ken Sie auch, dass durch die Aufl&#246;sung des sowjetischen Zentral­staats unsere Arbeit schwieriger geworden ist. Jetzt gen&#252;gt es nicht mehr zu wissen, was in Moskau geschieht. Nun m&#252;ssen wir auch wissen, was in Kiew, Alma-Ata und St. Petersburg passiert.« Ver­fassungsschutz-Vizepr&#228;sident Peter Frisch wird noch deutlicher: »Unser neuer Hauptgegner sind die Staaten der Sowjetunion.« Und dar&#252;ber hinaus: Rum&#228;nien, Bulgarien, Polen, China, der Nahe Osten. Gefahr drohe Deutschland auch von »kubanischen, nord­koreanischen und anderen Diensten«. Ein weites Bet&#228;tigungsfeld &#8211; doch nicht nur die deutschen Geheimdienste malen neue Bedrohun­gen an die Wand.</p>
<p>Mitten in die Aufl&#246;sung des KGB hinein sagte dessen damaliger Chef Wadim Bakatin, es brauchten »auch demokratische Staaten Geheimdienste. Deshalb hei&#223;t unsere Aufgabe nicht Aufl&#246;sung, sondern Reform und Dezentralisierung«. Und der amerikanische CIA r&#228;umt zwar ein, dass das R&#252;stungspotential der UdSSR k&#252;nftig weniger bedrohlich sei; daf&#252;r stelle aber die wirtschaftliche Kon­kurrenz Japans und Europas eine Gefahr dar. Der ehemalige CIA-Chef Stansfield Turner gab die Linie vor: »Wirtschaftliche St&#228;rke muss mehr in den Vordergrund ger&#252;ckt werden, und das bedeutet, dass wir bessere &#246;konomische Aufkl&#228;rung brauchen.« Und er verschweigt auch die Zielrichtung dieser Wirtschaftsspionage nicht: »Nachdem wir mittlerweile mehr Nachdruck auf die Sicherung des wirtschaftlichen Knowhow legen, m&#252;ssen wir auch die weiterent­wickelten L&#228;nder ausspionieren &#8211; unsere Verb&#252;ndeten und Freunde, mit denen wir wirtschaftlich konkurrieren.«</p>
<p>Nach solcher Argumentation best&#228;tigt jedes weltpolitische Ereignis die Notwendigkeit von Geheimdiensten. Die Aufl&#246;sung der UdSSR macht sie ebenso erforderlich wie die »neuen Krisen­herde« sie verlangen. Sie m&#252;ssen das jeweilige Land vor den »neuen Gro&#223;m&#228;chten« (f&#252;r die USA Japan und Europa) sch&#252;tzen, aber auch vor Terrorismus, Rechtsextremismus, Waffenhandel, Umweltkriminalit&#228;t und Drogenverbrechen. Ungeniert greifen die Nachrichtendienste in polizeiliche Kompetenzen ein &#8211; nur um ihre Unersetzlichkeit nachzuweisen. Ehemalige Spionage-Praktiker begr&#252;nden die Unverzichtbarkeit von konspirativer Aufkl&#228;rung gleich f&#252;r alle Ewigkeit und sind in ihren Gedankeng&#228;ngen nahezu identisch. So sei zwar die Satellitenerkundung auch nicht schlecht, aber &#8211; so der ehemalige CIA-Mitarbeiter George Carver: »Die Stimmung im Basar kann ein Satellit aus 160 Kilometern Entfer­nung im Weltall nicht ausmachen.« Und Markus Wolf teilt diese Skepsis gegen&#252;ber der Elektronik: »Aber damit l&#228;sst sich nur feststellen, was geschehen ist oder was passieren k&#246;nnte &#8211; nicht aber, was in den St&#228;ben und Regierungen geplant wird, welche Entwicklungen in den Forschungslabors laufen oder ob ein Staatsstreich bevorsteht, der die ganze Situation ver&#228;ndern kann.«</p>
<p>Hier offenbart sich ein tiefes und offenbar unausrottbares Misstrauen, das zwar durch die bisherige Weltgeschichte best&#228;tigt zu werden scheint, dennoch aber nicht in eine Zeit passt, in der man eine v&#246;llig neue Weltordnung bauen will. Wer so denkt, taugt nicht zum »Erneuerer«, ist kein »Hoffnungstr&#228;ger«, sondern verharrt in einem Denken, das seine Gef&#228;hrlichkeit in unserem Jahrhundert immer wieder nachgewiesen hat und nun endg&#252;ltig &#252;ber Bord geworfen werden muss.</p>
<p>Hinzu kommt, dass der hohe Anspruch der Spionage, durch das Ermitteln der »ganzen Wahrheit« segensreich zu wirken, bisher kaum je eingel&#246;st werden konnte. Hingegen sind die Fehleinsch&#228;tzungen der Auslandsnachrichtendienste Legion und damit &#8211; oft berechtigt, mitunter zwar auch unberechtigt, aber es &#228;ndert nichts am Ergebnis &#8211; die Missachtung ihrer Prognosen. Fast alle Politiker lesen zwar gern die Dossiers ihrer Geheimdienste, aber kaum einer hat dar&#252;ber ein positives Wort verloren. Und tats&#228;chlich gehen Analysen und Einsch&#228;tzungen der geheimen Nachrichtendienste in aller Regel nicht &#252;ber das hinaus, was kluge Zeitgeschichtler, Politologen und Journalisten mit ihren Mitteln zusammentragen und formulieren. Brisante Einzelinformationen jedoch finden oft nicht die erforderliche Beachtung, vor allem dann nicht, wenn sie nicht ins eigene Kalk&#252;l passen und vielleicht dazu zwingen k&#246;nnten, die gerade betriebene Politik zu &#252;berpr&#252;fen.</p>
<p>Selbst Wolf, der 40 Jahre lang die deutsch-deutsche Entwick­lung in all ihren Ver&#228;stelungen verfolgen konnte, sah im Herbst 1989 nicht das baldige Ende der DDR voraus. Auch er unterlag letztlich der Scheuklappensicht, die den Aufkl&#228;rern in diesen Jahren anerzogen worden war und aus der sie trotz optimaler Informiertheit nicht ausbrechen konnten oder wollten. Noch im Sommer 1991 setzte Wolf auf seine alten Vertrauten in der KPdSU-F&#252;hrung &#8211; unf&#228;hig zu der Einsicht, dass es auch mit dieser und der von ihr geschaffenen Sowjetunion zu Ende ging. Er wie die gesamte Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung sind auch daran gescheitert, dass sie das objektive Wissen, das sich in ihrem Speicher ansammelte, nicht vorurteils­frei zu interpretieren vermochten.</p>
<p>Diesen Mangel hatte jedoch die DDR-Spionage mit allen anderen einschl&#228;gigen Diensten gemein. Der CIA lief den Entwick­lungen in Osteuropa st&#228;ndig hinterher, da das Ende des Kommunis­mus in seinem stabilen Feindbild nicht vorgesehen war. &#196;hnlich hat der BND nicht ein einziges Mal in seinen Papieren der letzten beiden Jahrzehnte die Vereinigung Deutschlands vorausgesagt oder auch nur eine solche M&#246;glichkeit noch im letzten Jahrhundert angedeutet. Entsprechend unvorbereitet war die Bundesregierung, als der unwahrscheinliche Fall eintrat. Der Verfassungsschutz bezog noch 1989 ein gro&#223;z&#252;giges neues Geb&#228;ude in K&#246;ln-Chor­weiler, weil auch er das Ende der weltweiten Konfrontationspolitik nicht denken konnte. Die KGB-Reste, die sich den ex­sowjetischen Republiken andienten, sind in ihrer Mehrzahl noch immer der Meinung, der Wandel der letzten drei Jahre sei das Resultat ausl&#228;ndischer Dienste und ihrer Agenten und Saboteure. Weil die Geheimdienste &#252;berall nur Anh&#228;ngsel der Politik waren und sind, diese in ihren Auffassungen bedienen, statt unabh&#228;ngig ihre Schlussfolgerungen aus den internen Materialien zu ziehen, bleiben sie weitgehend wirkungslos &#8211; ein weiteres Argument f&#252;r ihre &#220;berlebtheit.</p>
<p>Und ein drittes, wohl noch bedeutsameres, kommt hinzu. Die Geheimdienste haben mit einem demokratischen Staatswesen nichts zu tun. Die Entwicklung der Auslands-Spionageapparate demon­striert im Gegenteil, dass sie der Versuchung, ihre konspirativen Mittel und Methoden auch bei Operationen im Inland anzuwenden, nie widerstehen konnten und k&#246;nnen. War auch die Kooperation zwischen Spionage und Bereichen der inneren Abwehr bei der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung besonders eng, so ist zugleich nicht zu bestreiten, dass auch die altbundesdeutschen Dienste in dieser Hinsicht eine lange schmutzige Tradition haben, die erst vor einiger Zeit mit der sogenannten Panzeraff&#228;re &#8211; dem heimlichen Verschieben von Kriegsger&#228;t der Bundeswehr, das urspr&#252;nglich aus NVA-Best&#228;nden stammte, nach Israel &#8211; einen neuen H&#246;hepunkt erreichte.</p>
<p>Begonnen hatte das innenpolitische Spiel des Auslandsdienstes aber bereits mit Reinhard Gehlen, der es f&#252;r geradezu unerl&#228;sslich fand, durch den BND auch die »inneren Feinde« der Republik zu bearbeiten. Als der ehemalige Nazigeneral 1968 ausschied, fand sein Nachfolger Gerhard Wessel »sechs, sieben Leitz-Ordner, &#252;ber den Daumen gesch&#228;tzt«, mit Dossiers &#252;ber 54 Politiker vor &#8211; von Heinemann bis Barzel, von Wehner bis Strau&#223; (!). Weniger Aufhebens machte der langj&#228;hrige Gehlen-Stellvertreter von den Akten &#252;ber Kommunisten, Linke, Pazifisten, Sowjetunion-Freunde und andere unzuverl&#228;ssige Kantonisten in den Augen seines Ex­-Chefs. Das ganze Ausma&#223; der Spitzelt&#228;tigkeit im Innern wie auch des ungesetzlichen Vorgehens des BND war mit der »Spiegel«-Aff&#228;re offenkundig geworden. Danach versuchte man, den Nach­richtendienst st&#228;rker unter Kontrolle zu halten, doch mit m&#228;&#223;igem Erfolg, wie die immer neuen Skandale zeigten. Der gescheiterte Kanzleramtsminister Stavenhagen brachte es 1991 auf den Punkt: »Die Frage, wie man Nachrichtendienste, die ja etwas andere Beh&#246;rden sind, richtig kontrolliert, ist eine Frage, die mich schon lange bewegt.«</p>
<p>Bei aller Unterschiedlichkeit in Ausma&#223; und Perfektionierung sind es &#8211; wie in der DDR &#8211; auch in der Bundesrepublik stets Machtinteressen gewesen, die den Einsatz des Geheimdienstes zur Bek&#228;mpfung innenpolitischer Gegner veranlassten; nicht selten wurden sogar parteipolitische Fehden mit seiner Hilfe ausgetragen. Da ist es kein Wunder, wenn alle Versuche, das Treiben der Dienste demokratischen Regeln zu unterwerfen, scheitern mussten. Und es sieht so aus, dass das k&#252;nftig noch weniger m&#246;glich sein wird. Die Tendenz der Geheimdienste, sich neue Felder zu erschlie&#223;en, bringt zwangsl&#228;ufig mit sich, dass konspirative Methoden nicht etwa eingeschr&#228;nkt, sondern im Gegenteil noch ausgeweitet werden. »Das Gebot der Trennung von Polizei und Nachrichtendienst wird nicht mehr sauber eingehalten«, gesteht BfV-Pr&#228;sident Werthebach ein. Und BND-Chef Porzner stellt sogar Forderungen nach Aus­h&#246;hlung gegenw&#228;rtiger Rechtsgrundlagen: »Nach Artikel 10 des Grundgesetzes darf das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis nur mit Zustimmung eines Parlamentsgremiums durchbrochen werden. Dieses Gesetz muss allerdings &#252;berdacht werden.« Die nach der Panzeraff&#228;re erneut in Gang gekommene Diskussion &#252;ber erweiterte parlamentarische Kontrollmechanismen gegen&#252;ber den Geheim­diensten wird so schon im Ansatz unterlaufen. Es ist sicher, dass auch sie ausgehen wird, wie alle vorherigen &#8211; ohne greifbares Ergebnis.</p>
<p>Geheimdiensten ist ein undemokratisches Element inh&#228;rent. Es ergibt sich aus dem Grundessential ihrer Arbeit &#8211; n&#228;mlich das Auge der &#214;ffentlichkeit zu scheuen und demokratische Mitsprache &#252;ber ihre Aktivit&#228;ten nicht zuzulassen. W&#252;rden hingegen Offen­heit und wirkliche Transparenz auch im Wirken der Geheimdien­ste durchgesetzt, w&#228;re ihnen ihr Wesen genommen; sie w&#252;rden automatisch aufh&#246;ren zu existieren. Wer jedoch Spionage und all die anderen klandestinen Verrichtungen verteidigen und verewigen will, plant nichts Gutes. Nach au&#223;en setzt er weiter auf die &#252;berholte Machtpolitik weniger Gro&#223;er und Starker gegen&#252;ber Kleineren und Schw&#228;cheren, nicht jedoch auf das kooperative Zusammenwirken gleichberechtigter V&#246;lker. Im Inneren will er ganz &#228;hnlich vorgehen &#8211; Kabinettspolitik betreiben statt die opti­male Mitwirkung der B&#252;rger an den Staatsgesch&#228;ften zu erm&#246;gli­chen, die Demokratie in ihrer formalisierten Form zementieren statt neue Wege zu mehr Mitsprache und Mitentscheidung vieler zu beschreiten.</p>
<p>Aus all dem ergibt sich der Schluss, dass die T&#228;tigkeit derartiger »Organe« keine Daseinsberechtigung mehr hat. Der Widerspruch ihrer Praktiken zu den heute erforderlichen Formen kooperativer, vertrauensvoller Arbeit ist so gro&#223;, dass sie sich endg&#252;ltig &#252;berlebt haben. Wie die Saurier der Urzeit erweisen sich die Geheimdienste als nicht mehr lebensf&#228;hig, weil ihre einstige Funktion in die heutige Zeit nicht passt. Sie k&#246;nnen nur noch Schaden anrichten, indem sie notwendige Entwicklungen der Weltgesellschaft verz&#246;gern. Und sie kosten viel Geld, das wahrlich nutzbringender angelegt werden k&#246;nnte.</p>
<p>Die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, einst ger&#252;hmt wegen ihrer Effizienz und Professionalit&#228;t, hat schon den Preis ihres Zusammenbruchs entrichten m&#252;ssen; andere Dienste werden auf diesem Weg gewiss folgen &#8211; auch wenn es noch etwas dauert.</p>
<p>Und eines Tages wird die Zeit kommen, da Spionage nur noch das Thema spannender B&#252;cher und Filme ist.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil IX)</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Dec 2010 18:18:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer in diesen Tagen aufmerksam die Vorg&#228;nge um Wikileaks verfolgt und dabei registriert, wie hilflos und unprofessionell die US-Regierung samt ihrer Geheimdienste auf Ver&#246;ffentlichung von ihnen aus gutem Grund geheim gehaltener Informationen reagieren, f&#252;hlt sich nicht selten an die Endzeit der DDR und vor allem ihres Geheimdienstes Ministerium f&#252;r Staatssicherheit erinnert. Nat&#252;rlich gibt es kaum direkte Analogien<span id="more-2096"></span>, sind doch die Vorg&#228;nge gr&#252;ndlich anders, aber die Atmosph&#228;re, die Stimmung, die sich um dieses Ereignis ausbreitet, &#228;hnelt schon jener des Jahres 1989 in der DDR, als ein gef&#252;rchtetes Repressivorgan in atemberaubender Geschwindigkeit seine Macht verlor und darauf nicht angemessen zu reagieren wusste.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-2099" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, der Auslandsgeheimdienst, wurde in diesen Strudel gezogen – und hat es weitgehend geschehen lassen, auch weil sowohl seine F&#252;hrung als auch die Mitarbeiter weder willens noch in der Lage waren, sich gegen die lange einge&#252;bte ideologische Indoktrination und Unterordnung unter h&#246;heren Befehl zu wehren. Dies alles ist in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, ausf&#252;hrlich beschrieben. Im folgenden der neunte Teil.</p>
<h2>Der Weg in die Agonie</h2>
<p>»Er beherrscht sein Handwerk in der t&#228;glichen Arbeit, hat sich aber in das System integriert.« Mit solch d&#252;rren Worten beschreibt <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf </a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/f89cb05aa95d49688cd31e70672f05b2" alt="" width="1" height="1" />seinen Nachfolger Werner Gro&#223;mann. Er vergisst hinzuzuf&#252;gen, dass gerade er es war, der seinen langj&#228;hrigen Stellvertreter und »Kronprinzen« ganz wesentlich zu diesem Oppor­tunismus erzog.</p>
<p>Gro&#223;mann, Jahrgang 1929, geh&#246;rte zu jenen Leuten, die 1952 im »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« anfingen und so die Auslandsspionage der DDR von Anfang an mit aufbauten. Er war zuvor hauptamtlich in der FDJ t&#228;tig gewesen und diente sich unter Wolf allm&#228;hlich hoch. Nie zeichnete er sich durch besondere Kreativit&#228;t aus; seine St&#228;rken waren die F&#228;higkeit zu flei&#223;iger, penibler Arbeit, und der reiche Erfahrungsschatz, den er sich in fast vierzigj&#228;hriger Arbeit als Aufkl&#228;rer erworben hatte, waren solche Eigenschaften wie Zuverl&#228;ssigkeit, Ruhe und Besonnenheit. Er leitete lange Jahre die f&#252;r Milit&#228;rspionage zust&#228;ndige Abteilung IV, sp&#228;ter die Abteilung I, deren »Jagdgebiet« die Regierungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik waren. Als Wolfs Stellvertreter war er dann f&#252;r die Anleitung jener Bereiche zust&#228;ndig, die ihre Operationen auf den westlichen deutschen Staat konzentrierten. Dazu geh&#246;rte auch die besondere Beobachtung der von dort ausgehenden »politisch­ideologischen Diversion«.</p>
<p>Gro&#223;manns Werdegang pr&#228;destinierte ihn anscheinend f&#252;r die Nachfolge Wolfs. Er kannte den Spionageapparat fast wie dieser und garantierte so die Kontinuit&#228;t der Arbeit. Kaum jemand schien sich Gedanken dar&#252;ber zu machen, dass inhaltliche wie methodische Impulse von ihm nicht zu erwarten waren. Der &#220;bergang vollzog sich reibungslos; die Arbeit lief weiter, als sei Wolf gerade einmal in Urlaub oder zur Kur. Die DDR-Aufkl&#228;rung war so in ihrem Fahr­wasser festgelegt, dass Ver&#228;nderungen niemandem erforderlich schienen. Sie hatte ihren Platz in der B&#252;rokratie des Landes gefun­den und sollte dort verbleiben, ohne viel aufzufallen oder gar Turbu­lenzen auszul&#246;sen. Insofern war ein Mann, der sich &#8211; Originalton Wolf &#8211; »in das System integriert« hatte, gerade recht.</p>
<p>Und Gro&#223;mann war der typische Juniorpartner. Weniger flexibel als sein Vorg&#228;nger, weniger kompetent, wenn es um vorausgreifen­des Denken ging, seinem Chef h&#246;rig, solange dieser die Befehls­gewalt hatte, dann schnell auf den neuen Herrn Mielke fixiert und diesem so zu Willen wie vordem Wolf. Das musste nicht nur sein Vorg&#228;nger erfahren, von dem er sich schnell distanzierte, als Kritik an ihm laut wurde. Das zeigte sich auch in den Orientierungen und Festlegungen, die Gro&#223;mann traf und mit denen er der Forderung Mielkes nach immer st&#228;rkerer Einbindung der HVA in die »Haupt­aufgabe« des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit, die Bek&#228;mpfung von Subversion, Diversion und »politischem Untergrund« Rech­nung trug. Der Sekret&#228;r der SED-Kreisleitung des MfS, Horst Felber, bezeichnete das so: »Unter dem neuen Leiter hat Mielke ein bisschen mehr direkte Befehlsgewalt &#252;ber die HVA gehabt als unter Wolf. Aber das war auch ein Prinzip seiner Kaderpolitik, da&#223; er sich immer die Gef&#252;gigeren aussuchte.« Dabei waren es Wolf und sein langj&#228;hriger Stellvertreter Hans Fruck selbst gewesen, die Gro&#223;­mann als Nachfolger vorbereitet hatten. Mielke erkannte jedoch schnell, dass er mit diesem Mann besser klarkommen w&#252;rde als mit dessen Vorg&#228;nger.</p>
<p>In den Jahren des Gro&#223;mannschen Regiments seit Ende 1986 nahmen die Dienstleistungen der HVA f&#252;r die Abwehrbereiche des MfS zu. Profane Verrichtungen der Abwehr wie Eins&#228;tze zum »Per­sonenschutz« h&#228;uften sich. Noch mehr als schon zuvor standen Aufkl&#228;rer auf den Stra&#223;en, sa&#223;en in den Stadien, um Politiker und auch die Dynamo-Fu&#223;ballspieler vor Anschl&#228;gen des »Klassenfein­des« zu sch&#252;tzen. Auf Vorhaltungen seiner Abteilungsleiter, die nicht nur auf die umfangreiche zeitliche Belastung, sondern vor allem auf die Risiken f&#252;r die Konspiration ihrer Mitarbeiter ver­wiesen, reagierte Gro&#223;mann unwirsch: »Keine Diskussion! Wir haben uns den Erfordernissen der Hauptabteilung PS unterzuordnen.«</p>
<p>Die Kooperation mit bestimmten Diensteinheiten der Abwehr verst&#228;rkte sich. Das betraf vor allem die Hauptabteilung XX, deren W&#252;nsche nach Unterst&#252;tzung der Bek&#228;mpfung von Andersdenken­den Gro&#223;mann veranlassten, geeignete Abteilungen wie die IX (Spionageabwehr), II (BRD-Parteien und -Organisationen) und VII (Auswertung) zu engerer Zusammenarbeit zu verpflichten. Die<a href="http://www.blogsgesang.de/2010/09/08/hauptverwaltung-aufklaerung-der-ddr-kurze-geschichte-eines-spionagedienstes-teil-v/" target="_blank"> schon dargestellten Ma&#223;nahmen zum Vorgehen gegen »politische Unter­grundt&#228;tigkeit«</a> wurden von ihm befohlen. Er ordnete auch die intensivere Nutzung der Telefonaufkl&#228;rung der Hauptabteilung III &#252;ber Vorg&#228;nge in der BRD an. W&#228;hrend Wolf, der in klassischer Manier mehr auf die direkte menschliche Quelle setzte, der elektronischen Beschaffung deswegen, aber auch aus Konkurrenzgr&#252;nden ziemlich skeptisch gegen&#252;berstand, sah Gro&#223;mann weniger Anlass, diese effektive technische M&#246;glichkeit nicht maximal zu nutzen.</p>
<p>Schlie&#223;lich aktivierte sich auch die Kooperation mit der Haupt­abteilung VI, die unter anderem f&#252;r den »Polittourismus« zust&#228;ndig war. Darunter verstand das MfS Reisen westlicher Politiker in die DDR, die sich dabei zunehmend nicht auf offizielle Treffen mit hochrangigen Partnern beschr&#228;nkten, sondern Kontakt auch zu ein­fachen Leuten, vor allem aber zu Vertretern der Kirchen und vereinzelt auch oppositioneller Gruppen suchten. Dies unter Kontrolle zu halten, war ein vorrangiges Anliegen Mielkes, dem Gro&#223;mann mit der Zuarbeit von Erkenntnissen &#252;ber Reiserouten, geplante Kontaktauf­nahmen und sp&#228;ter Berichte &#252;ber solche Gespr&#228;che und ihre Bewer­tung durch den bundesrepublikanischen Politiker noch gr&#246;&#223;ere Unterst&#252;tzung gab, als dies schon Wolf getan hatte.</p>
<p>Bundeskanzler Kohl zum Beispiel reiste zu einer Zeit, als er noch Oppositionsf&#252;hrer war, einige Male ohne offizielle Ank&#252;ndigung nach Leipzig. Das lie&#223; er selbstverst&#228;ndlich unter der Hand signa­lisieren, und dann erfreute er sich &#8211; gewiss nicht ohne Einverst&#228;ndnis &#8211; der l&#252;ckenlosen Kontrolle durch das MfS. Die dar&#252;ber angefertig­ten Berichte enthielten bis zum Gang auf die Toilette (mit genauer Zeitangabe) tats&#228;chlich jeden seiner Schritte, und da der Bezirkschef des MfS sogar den Ehrgeiz hatte, auch seine Tischunterhaltungen in einem Restaurant mitzubekommen, platzierte er seine Mitarbeiter an den Nebentischen. Sie hatten nichts anderes zu tun, als die Ohren aufzusperren. Die HVA beteiligte sich an solchen Spielchen nicht, denn die Berichte waren f&#252;r ihre Arbeit kaum von Belang.</p>
<p>Mitunter &#252;bernahm die HVA aber sogar bestimmte Aufgaben des Abwehrbereichs zur G&#228;nze. Das betraf zum Beispiel die fr&#252;here Abteilung III, die im MfS f&#252;r die Planung und Vorbereitung von Sabotageakten im Falle einer milit&#228;rischen Auseinandersetzung mit der BRD geschaffen worden war. Ihre Ineffektivit&#228;t erwies sich schon bald; anstatt aber dieses Relikt des kalten Krieges zu liquidie­ren, wurde seine Aufgabenstellung der HVA &#252;bertragen, die daf&#252;r die Abteilung XVIII aufbaute.</p>
<p>Der Minister f&#252;r Staatssicherheit beschr&#228;nkte sich nicht darauf, seine Arbeitsschwerpunkte bei der HVA besser zur Geltung zu brin­gen. Er war zugleich bem&#252;ht, den Einfluss auf die stets beargw&#246;hnte Aufkl&#228;rung generell zu verst&#228;rken. Als bestes Mittel dazu erschien ihm die Kontrolle &#252;ber deren Personal. Er hatte schon zu Zeiten Wolfs mehrfach versucht, die Leitung der f&#252;r die HVA zust&#228;ndigen Kaderabteilung mit einem seiner Gew&#228;hrsm&#228;nner zu besetzen, doch war ihm das damals nicht gelungen. Wolf hatte immer wieder seine eigenen Personalvorstellungen durchgesetzt, aber nach Gro&#223;manns Amtsantritt veranlasste die von Mielke an der kurzen Leine gehaltene Hauptabteilung Kader und Schulung bald einen Wechsel an der Spitze des HVA-Kaderbereichs. Ins Amt kam Wolfgang Kisch, urspr&#252;nglich zwar auch ein Mann der Aufkl&#228;rung, nach einem Aus­landseinsatz jedoch zum Referenten des Kader-Hauptabteilungslei­ters, Generalleutnant M&#246;ller, berufen. Dieser aber hatte zuvor die Spionageabwehr geleitet und war ein enger Vertrauter seines Ministers. Kisch wurde &#252;brigens bis Anfang 1992 vom Bundes­minister des Innern besoldet, als Mitarbeiter des Bundesverwaltungsamtes.</p>
<p>Eine besondere Bedeutung hatte in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre die Parteiorganisation der HVA. Sie musste mit dem Wider­spruch fertig werden, dass sich in der KPdSU durch Gorbatschows Politik der Perestroika langsame Ver&#228;nderungen vollzogen, w&#228;h­rend die SED stur an ihrer schon gescheiterten Linie festhielt. Nicht wenige HVA-Mitarbeiter dr&#228;ngten &#8211; nicht zuletzt aus ihrer genauen Kenntnis der Lage heraus &#8211; auf Unterst&#252;tzung des sowjetischen Kurses und brachten das auch in den obligatorischen Parteiberichten zum Ausdruck, wenn auch mehr zwischen den Zeilen als im Klartext. Diese Berichte wurden jedoch auf dem Weg bis zur Spitze immer weiter relativiert, abgeschw&#228;cht, so dass am Ende in der Regel die gew&#252;nschten Zustimmungsschreiben standen. Die Leitung der Parteiorganisation, in ihren wichtigsten Funktionen seit Jahrzehnten im Amt, war weder bereit noch in der Lage, diese Signale aufzuneh­men, geschweige denn weiterzugeben. Schon Markus Wolf hatte sie vorrangig als Erf&#252;llungsgehilfen betrachtet; sie sollte seine Politik unterst&#252;tzend begleiten. Dabei blieb es auch unter seinem Nachfolger. Und die Parteimitglieder fanden fast nie die Kraft, sich gegen den apologetischen Kurs ihrer Leitung zu stellen. Die von oben kom­menden Weisungen wurden strikt erf&#252;llt und damit auch all jene gema&#223;regelt, die doch einmal ein offenes Wort gewagt hatten. Indem sie in aller Regel ihre Zunge im Zaum hielten, erleichterten sie der Parteileitung ihre gewiss undankbare, aber doch nie in Frage gestellte Aufgabe.</p>
<p>So war es zwangsl&#228;ufig, dass der Realit&#228;tsverlust auch in der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung &#8211; obwohl gerade sie f&#252;r wahrheits­getreue Berichte zust&#228;ndig war &#8211; um sich griff. Die Informationen aus dem Operationsgebiet lie&#223;en deutlich erkennen, dass auf nahezu allen Gebieten eine R&#252;ckw&#228;rtsentwicklung eingesetzt hatte und es nur noch eine Frage der Zeit war, wann die DDR in existentielle Schwierigkeiten kommen w&#252;rde. In einer Analyse vom Sommer 1989 hie&#223; es zutreffend, dass nach &#252;bereinstimmender Meinung zahlreicher westlicher Beobachter in der DDR »zahlreiche Probleme heranreiften bzw. sich schrittweise herausbildeten, die in absehbarer Zeit neue L&#246;sungen erforderten, ohne dass seitens Partei und Regierung auf diese Herausforderungen in gen&#252;gendem Ma&#223;e reagiert werde. Aus diesem Widerspruch zwischen Notwendigkeiten und tats&#228;chlichen Ver&#228;nderungen erwachse ein Vertrauens­schwund der DDR-B&#252;rger in die Politik der Partei- und Staatsf&#252;h­rung, der mit zunehmender Passivit&#228;t bzw. Resignation breiter Bev&#246;lkerungskreise, ausgedr&#252;ckt insbesondere in einem Anstieg der Antr&#228;ge auf st&#228;ndige Ausreise aus der DDR, verbunden sei. Diese Tendenz w&#252;rde durch &#228;u&#223;ere Einfl&#252;sse, vor allem die Umge­staltung in der UdSSR, Teilreformen in anderen sozialistischen L&#228;ndern, den KSZE-Proze&#223; und die durch Besuchsreisen wesent­lich erweiterten M&#246;glichkeiten f&#252;r DDR-B&#252;rger, die Entwicklung ihres Staates mit der der BRD zu vergleichen, st&#228;ndig verst&#228;rkt. Abgeleitete Ursachen f&#252;r die von ihnen diagnostizierte innere Stagnation der DDR sehen westliche Analytiker im gegenw&#228;rtigen Funktionieren des rechtlichen Systems und den Formen der Machtaus&#252;bung, im Stillstand bzw. einem teilweisen R&#252;ckgang des Lebensniveaus der Bev&#246;lkerung als Resultat r&#252;ckl&#228;ufiger Wachs­tumsraten in der Wirtschaft und einem sich daraus ergebenden Gef&#252;hl der Perspektivlosigkeit bei vielen DDR-B&#252;rgern.«</p>
<p>Obwohl der Bericht mit konjunktivischer Vorsicht abgefasst war, fand er aufgrund seiner vom Selbstbild der SED-F&#252;hrung diametral abweichenden Aussagen nicht die Zustimmung Mielkes. Vor der Weitergabe musste in beinahe jeden Satz eingef&#252;gt werden, dass diese Wertungen von feindlichen Kr&#228;ften der Bundesrepublik stammten, dass Diversionseinrichtungen mit solchen Argumenten die DDR verleumdeten und dass es sich dabei um Behauptungen reaktion&#228;rer, antisozialistischer Kreise handelte. Indem die Aufkl&#228;rer diese verlangten &#196;nderungen vornahmen, wurde das Feindbild der F&#252;hrung bedient; f&#252;r sie war selbstverst&#228;ndlich, dass der »Feind« so urteilte, weil er der »erfolgreichen« DDR am Zeuge flicken oder vielleicht gar von den eigenen »Gebrechen« ablenken wollte. Gro&#223;mann, der jede dieser Informationen unterschreiben musste, aber auch seine Auswerter, die letztlich den Forderungen von oben nachkamen, f&#252;gten sich den &#196;nderungsw&#252;nschen des Ministers.</p>
<p>Die so gereinigten Endprodukte wurden denn auch nicht ernst genommen und, da sie noch ein wenig Kritik enthielten, in eine Reihe mit den Berichten der bundesdeutschen Medien gestellt. Erich Honecker selbst hat dar&#252;ber berichtet: »Die Berichte vom MfS &#8230; erschienen mir immer wie eine Zusammenfassung der Ver&#246;ffentli­chungen der westlichen Presse &#252;ber die DDR &#8230; Ich selbst habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.«</p>
<p>Im Oktober 1989 dann, als die Wahrheit absolut nicht mehr sch&#246;nzureden war, wurden derartige Informationen nicht mehr weitergegeben. Der riesige Beschaffungsapparat der HVA f&#252;hlte sich gel&#228;hmt, da kein Interesse mehr an seinen Erkenntnissen bestand. Vorher jedoch war nach immer neuen Informationen gerufen wor­den, mussten alle Quellen pausenlos berichten, vor allem auch &#252;ber abwehrrelevante Vorg&#228;nge. Die Diensteinheiten der Abwehr erstickten fast in Informationen, ihre Auswertung jedoch erfolgte dort ganz besonders mit den von der SED verordneten Scheuklappen. Und wenn sie selbst einmal Missst&#228;nde registrierten, blieben sie dabei stehen, konnten sie keinen Beitrag zu den notwendigen Ver&#228;n­derungen leisten. Immer &#246;fter fragten Kundschafter aus der Bundesrepublik, was denn mit ihren Informationen werde, ob man sie nicht ernst nehme, warum die DDR-F&#252;hrung &#8211; obwohl vom Geheimdienst ins Bild gesetzt &#8211; nicht reagiere. Die erste Selektion der unangeneh­men Wahrheiten erfolgte &#8211; wie gesagt &#8211; schon im Hause der HVA; dies setzte sich fort bei der gegen jede »Diversion« (auch die der DDR-F&#252;hrung!) vorgehende Zentrale Auswertungs- und Informa­tionsgruppe, die jedes weitergegebene Material in Mielkes Auftrag zensierte. Der Minister selbst legte mitunter auch noch Hand an, und selbst dieses gesch&#246;nte Resultat wurde schlie&#223;lich als unglaubw&#252;r­dig ad acta gelegt. Die Ignoranz ging so weit, dass einfach nicht geglaubt wurde, was nicht ins eigene Bild passte &#8211; nach dem Motto: Die Landschaft ist falsch, aber die Karte stimmt!</p>
<p>&#196;hnliche Erfahrungen hatte schon der f&#252;r die Sowjetunion spio­nierende Deutsche Richard Sorge mit Stalin gemacht, der den Ter­min des faschistischen &#220;berfalls auf die UdSSR als Unsinn abtat. Wer von der eigenen Unfehlbarkeit derart &#252;berzeugt ist, braucht auch den Nachrichtendienst nur noch zur Best&#228;tigung der eigenen Meinung. Die Politik hatte sich mit ihren Einsch&#228;tzungen bereits derart von der Wirklichkeit abgehoben, dass sie weder f&#252;r Argumente und selbst nicht mehr f&#252;r Tatsachen zug&#228;nglich war. Es h&#228;ufte sich nutzloses Wissen an, zu dessen Beschaffung und Verwaltung jedoch ein immer gr&#246;&#223;erer Aufwand betrieben wurde.</p>
<p>Im kleinen Kreis hatten die Leiter der Hauptverwaltung Aufkl&#228;­rung, Markus Wolf eingeschlossen, gelegentlich durchaus dar&#252;ber sinniert, ob nicht weniger mehr sei. Wenn der gro&#223;e quantitative Aufwand auf wenige lohnenswerte Vorg&#228;nge konzentriert w&#252;rde, so die Lesart, k&#246;nnte das die Qualit&#228;t erh&#246;hen. Viele sahen, in welchem Ma&#223;e Kapazit&#228;ten durch die sogenannte Tonnenideologie gebunden wurden, nach der die Ergebnisse der Arbeit von Zahlen abgelesen wurden, ohne gen&#252;gend die dahinterstehenden Leistungen zu beachten. Dennoch konnte sich niemand zu Ver&#228;nderungen durch­ringen. &#220;berall in der Gesellschaft wurden »Erfolge« statistisch errechnet und ausgedr&#252;ckt; wollte jemand anders vorgehen, so schien sein Scheitern vorprogrammiert. Auch in dieser Hinsicht passte sich also die HVA den Gegebenheiten an &#8211; und mit dem Amtsantritt Gro&#223;manns mehr noch als zuvor.</p>
<p>Zum Beispiel mussten immer mehr und neue Werberkandidaten gewonnen werden, obwohl viele von ihnen zwar Arbeit, Zeit und Geld kosteten, jedoch wenig einbrachten. Manche stellten sich sogar auf diese Fehlorientierung der Zentrale geschickt ein und profitierten jahrelang davon. Die gleiche Zahlenspielerei wurde bei den be­schafften Informationen betrieben. In den j&#228;hrlichen Jahresauswer­tungen ging es zuerst um die absoluten Zahlen beschaffter Materia­lien, und kein Abteilungsleiter konnte es sich wagen, unter denen des Vorjahres zu bleiben. Erst in zweiter Linie interessierte die Qualit&#228;t, und Vorhaltungen der Auswerter, im Interesse des nachrichten­dienstlichen Gehalts von Informationen auf diese Seite der Arbeit gr&#246;&#223;eren Wert zu legen, waren zumeist in den Wind gesprochen.</p>
<p>Groteske Formen nahm dieses Haschen nach vordergr&#252;ndigem Erfolg besonders dann an, wenn in der Presse durchgesickert war, dass zum Beispiel die NATO ein neues milit&#228;rstrategisches Papier erarbeite. Man konnte sicher sein, dass dann Mielke sofort beim Leiter der Aufkl&#228;rung anrief und die unverz&#252;gliche Beschaffung dieses Dokuments befahl &#8211; so als k&#246;nne man es an jedem Bahn­hofskiosk kaufen. Ein Wettlauf zwischen den in Frage kommenden Abteilungen begann &#8211; mit allen Gef&#228;hrdungen, die solcher Voluntarismus f&#252;r konspirative Arbeit mit sich bringt. Schlie&#223;lich lag das Material in mehrfacher Ausfertigung auf dem Tisch oder aber &#8211; und das war h&#228;ufiger der Fall &#8211; es konnte nur bruchst&#252;ckhaft, oft allein durch Absch&#246;pfung, beschafft werden, und die Auswertungsabtei­lung hatte die Aufgabe, daraus etwas mit Hand und Fu&#223; zu machen. Ehe dies gelang, stand es vielleicht schon in der Zeitung; oder aber es zeigte sich, dass der NATO-Berg nur mit einem M&#228;uslein schwanger gegangen war. Der gesamte Aufwand hatte sich als &#252;berfl&#252;ssig erwiesen.</p>
<p>Dieses Vorgehen f&#252;hrte zugleich zu einer Fehlbewertung der legalen Residenturen. Sie waren es, die relativ schnell &#8211; durch Gespr&#228;che &#8211; etwas in Erfahrung bringen konnten, w&#228;hrend die illegale Linie zur Beschaffung des entsprechenden Dokuments in der Regel l&#228;nger brauchte, schon aus Gr&#252;nden der Sicherheit ihrer Quellen. Andererseits waren die Absch&#246;pfberichte nat&#252;rlich weitaus weniger aussagekr&#228;ftig, oft sogar verzerrt und irref&#252;hrend. Die in den Aus­landsvertretungen der DDR arbeitenden HVA-Mitarbeiter, zumeist »Offiziere im besonderen Einsatz« (OibE), wussten nat&#252;rlich, was die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« h&#246;ren wollte. Sie passten ihre Berichte oftmals diesen W&#252;nschen an. Au&#223;erdem hatten sie meist Gespr&#228;ch­spartner, die zumindest ahnten, welchen Weg ihre Aussagen nahmen, und entsprechend vorsichtig formulierten. Kaum ein OibE war bereit, in seiner »Nebent&#228;tigkeit« f&#252;r das MfS ein Risiko einzugehen &#8211; konnte das doch sofortigen R&#252;ckzug und das Ende einer vielleicht aussichtsreichen Karriere bedeuten.</p>
<p>All dies wirkte sich negativ auf Zuverl&#228;ssigkeit und nachrichten­dienstlichen Wert der Absch&#246;pfinformationen aus. Da es jedoch vor allem auf Schnelligkeit ankam, &#252;bersah man das gro&#223;z&#252;gig und gab sich mit solch minderer Qualit&#228;t zufrieden. Das dann sp&#228;ter einge­hende Dokument fand kaum noch die geb&#252;hrende Beachtung; mit­unter wurde es sogar unterschlagen, weil auf seiner Basis fr&#252;here Aussagen h&#228;tten korrigiert werden m&#252;ssen. Dennoch blieb in der HVA insgesamt die illegale Beschaffung von Dokumenten das Ent­scheidende, aber Qualit&#228;tseinbu&#223;en aufgrund des genannten Vor­gehens waren nicht zu &#252;bersehen. Auf diese Weise wuchs auch die F&#252;lle oftmals toten Papiers, das nach seiner Bewertung als Mittel­ma&#223; im Archivkeller landete, ohne jemals wieder angesehen zu werden, unaufh&#246;rlich. Die Schlussfolgerung lief jedoch nicht auf eine Reduzierung solch &#252;berfl&#252;ssiger Makulatur hinaus, sondern es wurde dar&#252;ber nachgedacht, wie sie mit Hilfe der modernen Technik besser verwaltet werden k&#246;nne. Dazu schuf sich die HVA eine elek­tronische Datenbank, in die s&#228;mtliche beschafften Informationen einzuspeichern waren. Mit Hilfe eines Thesaurus und der in ihm aufgef&#252;hrten Schlagw&#246;rter sollte der Zugriff zum gesamten Material sichergestellt werden. Diese durchaus sinnvolle Einrichtung war jedoch durch den Umfang des Gespeicherten lediglich begrenzt nutzbar. Die Erfassung der Stichw&#246;rter konnte nur relativ oberfl&#228;ch­lich gehandhabt werden, die Differenzierung zwischen den Informa­tionen erwies sich als zu grob. Besonders absurd war die Vorstellung, durch den Speicher Werbevorg&#228;nge besser prognostizieren zu k&#246;nnen. Man hatte begonnen, einige verf&#252;gbare Angaben &#252;ber Personen im Operationsgebiet im Computer zu speichern. Sie wurden mitunter abgerufen und aus der Zusammenschau der Daten abgeleitet, ob, wie und in welchem Zeitraum eine Werbung m&#246;glich sein m&#252;sste. Dies erinnerte ein wenig an den Krieg der Sterne; einige HVA-Verant­wortliche wollten offensichtlich den Kampf mit ihren Kontrahenten vom Computer aus f&#252;hren.</p>
<p>Bei all dem soll nicht &#252;bersehen werden, dass nat&#252;rlich auch in jenen Jahren das Bem&#252;hen vorhanden war, die geheimdienstliche Arbeit mit allen Mitteln zu qualifizieren, und dabei Ergebnisse erreicht wurden. So eignete sich selbstverst&#228;ndlich der Computer durchaus f&#252;r eine Rationalisierung von Informationsprozessen. In den 80er Jahren bauten die Nachrichtendienste der damaligen sozialistischen L&#228;nder mit dem SUD-System ein Verbundnetz auf, in das vor allem geheimdienstlich interessante Personen, aber auch vermutliche Terroristen und internationale Waffen- und Rauschgifth&#228;ndler eingespeichert wurden. So meldete sich eines Tages in Warnem&#252;nde ein Holl&#228;nder, der mit der F&#228;hre aus D&#228;nemark gekommen war und angab, geheimes NATO-Material zu besitzen, da er bei den Allied Forces of central Europe (AFCENT) in Brunssum bei Maastricht gearbeitet habe. Zwei Spezialisten der HVA f&#252;hlten ihm auf den Zahn und stellten schnell fest, dass er die Geb&#228;ude des AFCENT in Brunssum noch nie von innen gesehen hatte, nicht einmal die Anzahl der Stockwerke wusste und seine eigene Zimmernummer dort &#252;ber­haupt nicht vorkam. Er hatte sich schnell als Scharlatan entlarvt und wurde abgeschoben. Seine Personaldaten aber landeten im SUD-Computer. Nur zwei Wochen sp&#228;ter erschien der gleiche Mann mit einem &#228;hnlichen Angebot bei der polnischen Spionage in Gdansk; dank des Verbundnetzes war man dort &#252;ber ihn sofort im Bilde.</p>
<p>Eine gewisse Entwicklung erfuhr in den 80er Jahren auch die Anwendung der Psychologie in der Spionaget&#228;tigkeit. Jahrelang war sie als Wissenschaft von der HVA untersch&#228;tzt worden, hatte man ihre Erkenntnisse lediglich intuitiv, empirisch genutzt. Nun aber, da die Anbahnung von Kontakten immer schwieriger wurde und die Informationsarbeit &#8211; zum Beispiel durch die Zunahme der legalen Beschaffung &#8211; auch teilweise anderen Gesetzen folgte, spielte sie eine immer gr&#246;&#223;ere Rolle. F&#252;r einige Aufkl&#228;rer bot sie dar&#252;ber hinaus die M&#246;glichkeit, den ideologischen Vorgaben auszuweichen und das Professionelle in der Arbeit st&#228;rker zu betonen.</p>
<p>Insgesamt l&#228;sst sich der &#220;bergang der Leitung der Hauptverwal­tung Aufkl&#228;rung von Wolf auf Gro&#223;mann als kontinuierliche Fort­setzung des fr&#252;heren Kurses, einschlie&#223;lich seiner schon sichtbar werdenden Schw&#228;chen, charakterisieren. Viele Fehlentwicklungen waren lange vorprogrammiert; dass sie jetzt besonders sichtbar wurden, lag nur zum Teil an Werner Gro&#223;mann, der durch seine Ergebenheit und Durchschnittlichkeit sowie die enge Verhaftung mit der jahrelang »bew&#228;hrten« Linie weder in der Lage noch willens war, neue Akzente zu setzen. Die Stagnation der HVA war vor allem bedingt durch die Gesamtsituation der DDR in ihrer zunehmenden Agonie. Die DDR-Spionage als Teil des gesellschaftlichen Systems unterlag dessen allgemeinen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten. Sie war im Prinzip den gleichen Weg gegangen wie der gesamte Machtapparat. Als der Herbst 1989 nahte, fand sie sich daher in der gleichen Verst&#228;ndnis-und Hilflosigkeit wie er.</p>
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		<title>B&#228;rbel Bohley: Ich setze darauf, dass die Menschen sich f&#252;r sich entscheiden lernen</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Sep 2010 16:18:56 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Gestern fand in der Akademie der K&#252;nste in Berlin eine Gedenkveranstaltung f&#252;r die j&#252;ngst verstorbene B&#252;rgerrechtlerin B&#228;rbel Bohley statt. Heute treffen sich ihre Freunde in der Gethsemanekirche. Sie trauern um eine der wichtigsten Figuren der Wende in der DDR; schlie&#223;lich war sie es, die die bis dahin &#252;berwiegend im verborgenen agierenden Oppositionsgruppen zu einer Massenbewegung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gestern fand in der Akademie der K&#252;nste in Berlin eine Gedenkveranstaltung f&#252;r die j&#252;ngst verstorbene B&#252;rgerrechtlerin B&#228;rbel Bohley statt. Heute treffen sich ihre Freunde in der Gethsemanekirche. Sie trauern um eine der wichtigsten Figuren der Wende in der DDR; schlie&#223;lich war sie es, die die bis dahin &#252;berwiegend im verborgenen agierenden Oppositionsgruppen zu einer Massenbewegung machte, die die DDR untergehen lie&#223;. <span id="more-1930"></span>Zwar war sie nicht &#252;ber jede Entwicklung, die darauf folgte, froh, aber ihr <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/11/09/vor-20-jahren-buergerbewegung-scheitert-am-einheitsstreben/" target="_blank"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/f17e28896d8548158471345f692df397" alt="" width="1" height="1" />Respekt vor den Menschen</a>, deren Mutbeweisen wie Irrt&#252;mern, f&#252;hrte sie weder zu opportunistischer Anpassung noch zu Verbitterung, sondern gaben ihr immer wieder Hoffnung und Kraft, etwas f&#252;r sie zu tun.</p>
<p><a href="http://www.baerbelbohley.de/" target="_blank">Mit ihrer Meinung hielt sie bis zuletzt nicht hinter dem Berg</a>; unbequem war sie gegen&#252;ber Herrschenden, gleich welcher F&#228;rbung. Das kam auch in einem Gespr&#228;ch zum Ausdruck, das am 28. Juni 1990 in ihrer damaligen Berliner Wohnung in der Fehrbelliner Stra&#223;e stattfand und in dem Buch »Der Untergrund. Die Vorgeschichte der ostdeutschen Revolution« verarbeitet werden sollte. Leider ging das Projekt seinerzeit in den Wendewirren unter, wurde jedoch in gro&#223;en Teilen an dieser Stelle unter dem Rubrum »Vor 20 Jahren &#8230;« ver&#246;ffentlicht, auch jene Teile, die sich mit dem <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/09/05/vor-20-jahren-der-kurze-sieg-der-opposition/" target="_blank">Wirken B&#228;rbel Bohleys </a>besch&#228;ftigen. Als Zeitdokument d&#252;rfte jedoch dar&#252;ber hinaus die vollst&#228;ndige Mitschrift des damaligen Gespr&#228;chs von Interesse sein, das unter ein Wort gestellt werden soll, das durchaus  als ihr Credo verstanden werden k&#246;nnte:</p>
<h2 style="text-align: center;">Ich setze darauf, dass die Menschen sich f&#252;r sich entscheiden lernen</h2>
<p style="text-align: center;"> </p>
<address>Wie und warum kamen sie in der DDR zur Opposition?</address>
<p>Meine Auseinandersetzung mit der Staatsmacht begann mit einer Eingabe gegen das neue Wehrdienstgesetz der DDR, die sich vor allem gegen die Einbeziehung von Frauen in die Vorbereitung der Mobilmachung richtete. Diese Eingabe haben 150 Frauen au&#223;erhalb der Kirche unterschrieben. Nat&#252;rlich kamen wir da in Ber&#252;hrung mit der Stasi, haben aber dennoch eine Gruppe »Frauen f&#252;r den Frieden« gegr&#252;ndet. Das war zun&#228;chst nur eine kleine, ghettoisierte Gruppe. Wie auch Ulrike Poppe kam ich dann ins Gef&#228;ngnis, f&#252;r sechs Wochen. Wir wollten etwas f&#252;r die Menschenrechte tun.</p>
<address>Sie haben trotz der Haft weitergemacht &#8230;</address>
<p>Ich bin dann mit anderen, die &#228;hnliche Erfahrungen gemacht hatten, zur »Initiative Frieden und Menschenrechte« (IFM) gekommen. Auch das war damals nur eine kleine, ghettoisierte Gruppe. Die meisten Menschen hatten noch nicht den Mut, ihre Meinung zu &#228;u&#223;ern und sich in solchen Gruppen zu engagieren.</p>
<address>Nach der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">Liebknecht/Luxemburg-Demonstration 1988 </a>wurden sie erneut verhaftet und sind dann aus der DDR ausgereist, was hier viele nicht verstanden.</address>
<p>Die unbequemsten Geister sollten doch raus. F&#252;r mich stand die Frage der Ausreise &#252;berhaupt nicht. Ich wollte eine klare Entscheidung des Staates: Entweder richtig und offen rausgeschmissen oder hierbleiben. Der Staat wollte aber Ruhe – und die Kirche letztlich auch. F&#252;r die zugesagte R&#252;ckkehr nach einem halben Jahr hatten wir nichts Schriftliches, keinerlei Rechtssicherheit.</p>
<address>Welche Rolle spielte die Kirche?</address>
<p>Auch die Kirche war da sehr indifferent. Sie versuchte, dem Staat aus der Klemme zu helfen. Wir sollten weg. Die Kirche und Rechtsanwalt Schnur verhandelten dar&#252;ber. Wir hatten dabei gar nichts zu sagen. Auch wenn die Kirche vielleicht f&#252;r uns das Beste wollte, letztlich hat sie uns entm&#252;ndigt.</p>
<address>Viele Oppositionelle suchten das Dach der Kirche. Vielleicht f&#252;rchtete sie um ihre Stellung in der DDR?</address>
<p>Auch das Argument, dass die Kirche an ihre eigenen Arbeitsm&#246;glichkeiten dachte, sticht nicht. Sie h&#228;tte sich aus der Sache leicht heraushalten k&#246;nnen. Die Demonstration war keine kirchliche Veranstaltung, wir haben auch Bischof Forck nicht einbezogen. Mit ihren Mahnwachen und Andachten hat die Kirche durchaus auch einen gewissen Druck gemacht, aber wenn der ihr zu gro&#223; wurde, hat sie gebremst. Und bei diesem Man&#246;ver bin ich irgendwo dazwischengeraten und dann rausgefallen.</p>
<address>Sie mussten ausreisen. Viele DDR-B&#252;rger wollten ausreisen, weshalb nicht wenige von ihnen den Kontakt zur B&#252;rgerbewegung suchten, ohne deren Intention, etwas in der DDR zu ver&#228;ndern, zu teilen.</address>
<p>Wenn ich f&#252;r das Recht eintrete, ist mir egal, was die Menschen damit anfangen wollen, ob sie ausreisen wollen oder hierbleiben, um die Gesellschaft zu ver&#228;ndern. Zu ihrem Recht muss man ihnen verhelfen, aber man darf sie nat&#252;rlich nicht benutzen, um eigene politische Ziele durchzusetzen. Das galt irgendwie auch f&#252;r die Ausreisewilligen. Wenn das ihr Ziel war, mussten sie es schon irgendwie selbst bewerkstelligen. Wir hatten genug andere wichtige, wohl auch wichtigere Dinge zu tun. Deshalb war ich dagegen, dass sie uns benutzten, um schneller raus zu kommen.</p>
<address>Zu diesen wichtigeren Dingen geh&#246;rte gewiss die Gr&#252;ndung der »Neuen Forum«. Wie kam es dazu?</address>
<p>Als wir nach einem halben Jahr in die DDR zur&#252;ckkehrten, war mir klar, dass man so wie bisher nicht weitermachen kann. Wir sp&#252;rten, dass wir uns f&#252;r einen viel gr&#246;&#223;eren Kreis &#246;ffnen und die zahlreichen einzelnen Gr&#252;ppchen zusammenf&#252;hren mussten. Das erreichten wir 1989 mit dem »Neuen Forum«, von dem am 10. September der erste Aufruf kam. Sp&#228;ter, als immer mehr mitmachten, setzte eine Differenzierung ein; das hing mit den unterschiedlichen Zielen der einzelnen Gruppen zusammen. So ist »Demokratie jetzt« keine B&#252;rgerbewegung, die »Initiative Frieden und Menschenrechte« besch&#228;ftigt sich mit einem ganz bestimmten Thema usw. Jeder hatte sein Thema. Das »Neue Forum« wollte die Diskussion in diesem Land. Es versuchte, das gesamte Spannungsfeld zu erfassen, ohne eine L&#246;sung vorzugeben. Wir waren in diesem Sinne eine Provokation und wollten so auch wirken.</p>
<address>Gab es Vorstellungen, wodurch der DDR-Sozialismus ersetzt werden k&#246;nnte?</address>
<p>In unserem Aufruf fehlt das Wort Sozialismus, aber nicht weil wir den Sozialismus nicht wollten, sondern weil wir erkannten, dass man mit diesem Wort keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken konnte. Wir wollten aber durchaus etwas erreichen, was unserer Vorstellung vom Sozialismus entsprach. Und auch viele andere wollten einen besseren Sozialismus, auch wenn sie das anders nannten. Alle sie wollten wir sammeln, DDR-weit, in allen Altersstufen.</p>
<address> Hat nicht gerade diese Breite der Bewegung die schnelle Differenzierung zur Folge gehabt, gewisserma&#223;en zwangsl&#228;ufig?</address>
<p>Die Differenzierung ergab sich vor allem daraus, dass anfangs, als das DDR-System noch bestand, eine Diskussion &#252;ber das Zusammengehen nicht m&#246;glich war. Das verhinderte der Stasi-Druck. Ich habe etwa 30 Leute angesprochen, von denen ich wusste, dass man mit ihnen etwas machen kann, das ganz legal sein sollte. Bei unseren vielen Diskussionen zuvor hatten wir die Erfahrung gemacht, dass oft ewig geredet, alles aufgebauscht wurde, sich einige wichtig machten und zum Schluss der Stasi alles bekannt war und sie es leicht verhindern konnte. Es ging aber nicht um lange Diskussionen, durch die wir der Stasi nur aufgefallen w&#228;ren, sondern um schnelles Handeln. Bei den 30, so denke ich, war keiner dabei, der so etwas mitmachte, und daher konnte das auch nicht zuvor abgeblockt werden. Genau darum ging es, dass etwas entsteht und nicht vorher abgeblockt wird. Man musste den Ring, den die Stasi um uns gelegt hatte, durchbrechen. Deshalb war es nicht m&#246;glich, alles bis ins Einzelne auszudiskutieren; man musste handeln. Daher haben wir unseren Aufruf schnell in die &#214;ffentlichkeit gebracht und uns selbst offiziell angemeldet. Ich wollte etwas machen, was ganz legal sein sollte. »Demokratie jetzt«, die IFM und die SDP haben das nicht gemacht. Nur wir haben uns angemeldet.</p>
<address>Aber auch jetzt, wo das Stasi-Druck weg ist, findet die B&#252;rgerbewegung nicht zusammen &#8230;</address>
<p>Es gibt auch jetzt keine Einheit, aber wir wollen ja auch keine Einheitspartei. Der Hauptgrund aber ist, dass Einhelligkeit bei uns eigentlich nur in der Frage bestand: Es muss jetzt hier anders werden. Nie haben wir uns dar&#252;ber verst&#228;ndigt, wie es werden muss. Das war ein Nachteil aller unserer Bewegungen in den letzten Jahren. Sie haben stets mehr eine Anti-Position entwickelt als eine Position f&#252;r etwas. Dar&#252;ber gab es viel zu wenig Auseinandersetzung, wegen des Drucks des Staates, sp&#228;ter auch der ungen&#252;genden Zeit. Das sehe ich als den gro&#223;en Knackpunkt an. Wir sahen die Zukunftsaufgaben nur allgemein in Reformen, mehr nicht. Wir strebten keine Differenzierung an, sondern verstanden uns als offen f&#252;r alle, f&#252;r SED-Mitglieder und f&#252;r Parteilose, f&#252;r jeden, der unseren Aufruf unterschreiben wollte. Deshalb haben wir auch der SED einen Brief geschrieben; wir wollten alle einbeziehen, keinen ausschlie&#223;en. Wir wollten auch den Staat nicht zu Fall bringen. Wir wollten ihn verbessern. Die Entwicklung, die das ausl&#246;ste, konnten wir nicht erwarten.</p>
<address>Dennoch werden jetzt auch vom »Neuen Forum« Konzepte f&#252;r die Zukunft erwartet. Hat es ein Programm f&#252;r die Umgestaltung der DDR. Setzt es der SED-Ideologie eine eigene entgegen?</address>
<p>Das Ziel unseres Wirkens ist der m&#252;ndige Mensch. Das schlie&#223;t in unserer gesamten politischen Arbeit ein, dass man die Meinung des anderen respektiert. Uns geht es darum, dass alle sich zu Rebellen entwickeln, nicht zu Revolution&#228;ren. Sich zu wehren ist f&#252;r mich das Gr&#246;&#223;te. Wenn die Menschen ermutigt werden, sich zu wehren, wenn sie es lernen, sich zu wehren.</p>
<p>Was bisher erreicht wurde, haben die B&#252;rgerbewegungen gemacht – und zwar ganz ohne Ideologie. Wozu sollten wir Ideologie in Zukunft brauchen? Wir haben praktische Arbeit gemacht, ohne Ideologie – na, und? Das »Neue Forum« hat keine Ideologie., sondern ist in seinen Meinungen so breit, dass sich einige auch &#252;ber die gegenw&#228;rtige Entwicklung freuen, ich allerdings nicht. Dass das »Neue Forum« keine Ideologie hat, ist seine St&#228;rke, aber auch seine Schw&#228;che.</p>
<address>Sie sind unzufrieden mit der gegenw&#228;rtigen Entwicklung?</address>
<p>Was wir jetzt haben, muss uns nicht deprimieren. So schwierig und f&#252;r manchen unbefriedigend das hier jetzt ist, so hat es doch auch eine gro&#223;e Chance in sich. Auch die alte Bundesrepublik wird sich ver&#228;ndern. Sie denkt vielleicht, sie k&#246;nnte einfach so expandieren, aber 16 Millionen DDR-B&#252;rger sind nicht so einfach zu vernaschen. Insofern ist dieser Aufbruch eben auch eine gro&#223;e Chance. Wenn man ehrlich ist und wirklich an den m&#252;ndigen Menschen glaubt, dann muss man ihn auch in den Augenblicken seiner Unm&#252;ndigkeit ernst nehmen, muss man auch akzeptieren, wenn er nicht so reagiert, wie man es vielleicht m&#246;chte, wenn er vielleicht nichts weiter als aus der Schei&#223;e raus will. Das bedeutet f&#252;r mich eigentlich nur, dass man sich jetzt in einen Lernprozess begibt, aus dem jeder garantiert anders rauskommt als er reingegangen ist. Ich setze darauf, dass die Menschen lernen, dass sie sich f&#252;r sich entscheiden lernen.</p>
<address>Daraus klingt Entt&#228;uschung. Sind Sie mit Ihren Zielen gescheitert?</address>
<p>Zu sagen, die Leute sind zu bl&#246;d, ist mir zu einfach. Vielleicht k&#246;nnte man uns sagen: Ihr wart zu bl&#246;d, die Leute zu lenken. Aber auch das w&#228;re zu einfach, weil wir das gar nicht wollten. Ich w&#252;rde nicht von Scheitern sprechen. Wir haben hier in der DDR die Chance gehabt, ein Experiment zu machen, aber ein selbstgewolltes und selbstbestimmtes Experiment, nicht eins, das das »Neue Forum« diktierte – oder die IFM oder die SDP, die PDS oder sonstwer. Ein Experiment zu machen: Wir wollen zusammen rauskriegen, was wir eigentlich wollen. Was wir jetzt erleben, ist die Demokratie der Mehrheit, die westliche Demokratie. Das ist f&#252;r mich keine Demokratie im eigentlichen Sinne. Mir geht es um Verantwortung – und die hat die Minderheit ebenso wie die Mehrheit, und deshalb w&#252;nschte ich mir, dass man der Minderheit die gleichen Chancen einr&#228;umt wie der Mehrheit.</p>
<address>Die aktuelle Entwicklung l&#228;uft jedoch in eine ganz andere Richtung &#8230;</address>
<p>Das was jetzt hier l&#228;uft, wird sich noch als Fehlinvestition erweisen. Das westliche Parteiensystem ist am Ende. Das sieht man an der gro&#223;en Parteienm&#252;digkeit in Westdeutschland; viele wollen dort von keiner Partei mehr etwas wissen. Die Parteien dort rei&#223;en kaum noch jemanden vom Hocker. Sie werden noch gew&#228;hlt, aber das Unbehagen ist gro&#223;. Warum also soll nicht das, was sich hier ereignete, auch in einem anderen System passieren? Es wird anders laufen, aber es ist schon so eine Tendenz &#8230; Letztlich wird es dem Kapitalismus so ergehen wie dem Sozialismus. Der Sozialismus hat sich selber aufgefressen, und auch der Kapitalismus wird sich selber fressen. Den Sozialismus haben die angeblichen Sozialisten auf dem Gewissen. Und auch im Kapitalismus k&#246;nnen Dinge geschehen, an die wir noch gar nicht denken, die wir in unsere &#220;berlegungen bisher gar nicht einbeziehen. Wer h&#228;tte denn gedacht, dass dieses ganze stalinistische System innerhalb von sechs Wochen kippt. Da kann es Sachen geben, mein Gott, das werden andere Sachen sein – ein Atomungl&#252;ck in Cattenom so wie in Tschernobyl; da w&#252;rde der Kriegszustand ausgerufen. Oder Entwicklungen in der Dritten Welt &#8230;</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil V)</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Sep 2010 10:17:21 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Dieser Tage werden Pl&#228;ne von Bundesinnenminister Thomas de Maizière bekannt, die Arbeit der bundesdeutschen Geheimdienste und der Polizei besser zu koordinieren. Beamte beider Institutionen sollen zeitweilig ausgetauscht werden<span id="more-1902"></span>, um &#8211; laut <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,715727,00.html" target="_blank">»Spiegel«</a><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/2d0e22e70e284e5d8c6b064fe09817e8" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; die »fachliche Kompetenz des Personals« zu steigern und das f&#252;r eine »reibungslose Zusammenarbeit notwendige gegenseitige Verst&#228;ndnis« zu f&#246;rdern. Zwar geht er damit noch nicht so weit wie einst die DDR, die ihre Geheimdienste &#8211; f&#252;r In- wie Ausland &#8211; unter einem Dach, dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit, zusammenfasste und die Arbeit der Polizei diesem Organ zumindest teilweise unterordnete, doch die Tendenz zur Zentralisierung ist unverkennbar.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/Westspione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1905" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/Westspione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Die Erfahrungen des MfS mit solcher Zentralisierung waren allerdings ern&#252;chternd; vor allem die Hauptverwaltumng Aufkl&#228;rung, die sich gern als etwas Besseres als die innere Abwehr verstand, sah sich bald in der Lage eines verl&#228;ngerten Arms der Repression nach Innen, ohne sich freilich dagegen ernsthaft zu wehren. Sowohl die Parteir&#228;son als auch die Vorteile, die durchaus auch die HVA aus solch zentralisierter Geheimdienstarbeit ziehen konnte, beg&#252;nstigten ihre Unterordnung unter die paranoide Sicherheitsdoktrin der SED.</p>
<p>Im f&#252;nften Teil einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress wird diese Problematik thematisiert.</p>
<h2>R&#252;ckzug in die Wagenburg</h2>
<p>Als am 17. Januar 1988 Tausende Berliner wie allj&#228;hrlich zu den in der Presse ver&#246;ffentlichten Stellpl&#228;tzen strebten, um nach immer gleichem Ritual an der »Kampfdemonstration zum Jahrestag der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs« teilzunehmen, ahnten die wenigsten, dass damit eine neue Stufe der seit Herbst 1987 versch&#228;rften Auseinandersetzung mit der sogenannten inneren Opposition der DDR begann. An diesem Tag wollten zur Ausreise entschlossene DDR-B&#252;rger mit eigenen Losungen aus den Werken Rosa Luxemburgs f&#252;r ihr Recht auf Freiz&#252;gigkeit demonstrieren. Die B&#252;rgerrechtler selbst waren gespalten hinsichtlich einer Teilnahme an dieser Aktion, wollten sie doch nicht f&#252;r eine Sache stehen, die ihr eigenes Anliegen gar nicht war. Sie hatten stets betont, dass sie in der DDR bleiben w&#252;rden, um von innen heraus f&#252;r eine Ver&#228;nderung der Verh&#228;ltnisse einzutreten. So waren unter den Festgenommenen nach den Protesten der Ausreise­willigen lediglich sechs B&#252;rgerrechtler, unter ihnen als bekannteste der Liedermacher Stephan Krawczyk und Vera Wollenberger.</p>
<p>Ungeachtet dessen begann in der Presse eine scharfe Kampagne gegen alle Oppositionellen, die jedoch von diesen mit einer bis dahin ungekannten Solidarit&#228;tsbewegung in den Kirchen beant­wortet wurde. Im MfS bereitete man sich inzwischen auf eine Art Entscheidungsschlag gegen die unbotm&#228;&#223;igen Staatsb&#252;rger vor. Eine juristische Bewertung der Schuldvorw&#252;rfe gegen Oppositio­nelle, die im Kollegium des MfS vorgetragen wurde, offenbarte zwar die sogar dort als &#228;u&#223;erst schwach eingesch&#228;tzte rechtliche Position der Staatssicherheit; dennoch entschied Mielke &#8211; offen­sichtlich mit Honecker und anderen f&#252;hrenden Politb&#252;ro-Mitglie­dern -, dass weitere Verhaftungen vorzunehmen seien. Am 25. Januar wurden mit Freya Klier, der Lebensgef&#228;hrtin Stephan Krawczyks, B&#228;rbel Bohley, Werner Fischer, Ralf Hirsch sowie Wolfgang und Regina Templin die bekanntesten B&#252;rgerrechtler unter dem »begr&#252;ndeten Verdacht auf landesverr&#228;terische Bezie­hungen« festgenommen. Die Beweise sollten unverz&#252;glich nach­gereicht werden; vor allem war die »geheimdienstliche Steuerung der feindlich-negativen Kr&#228;fte« aktenkundig zu machen. Mielke und sein Stellvertreter Mittig richteten an alle Diensteinheiten des MfS einen entsprechenden dringenden Auftrag. Der Leiter der mit der »Bek&#228;mpfung der Untergrundt&#228;tigkeit« beauftragten Haupt­abteilung XX, Generalmajor Kienberg, verlangte beispielsweise: »Ich brauche den Decknamen und die Vorgangs-Nummer der B&#228;rbel Bohley beim BND!«</p>
<p>Eine solche Forderung richtete sich vor allem auch an die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hielt zwar das konkrete Vor­gehen gegen die kleine Gruppe der B&#252;rgerrechtler f&#252;r ziemlich &#252;bertrieben, hatte aber keinerlei grunds&#228;tzliche Zweifel an der Richtigkeit von Ma&#223;nahmen gegen sie. Vor allem sah die HVA keinen Grund, die Unterst&#252;tzung bei der Aufdeckung ihrer »Hinterm&#228;nner« zu versagen. Schon am 25. Januar, dem Tag der genannten Verhaftungen, &#252;bermittelte die Auswertungsabteilung der HVA allen anderen Diensteinheiten »Informationsschwerpunkte zur politisch-ideolo­gischen Diversion (PID) gegen die DDR und die anderen soziali­stischen Staaten«. In diesem mehrseitigen Papier wurden sowohl politische Aktivit&#228;ten seitens der BRD &#8211; von der Regierung &#252;ber die SPD und die Massenmedien bis hin zu wissenschaftlichen Instituten &#8211; als auch Unzufriedenheit in der DDR selbst dem Wirken »ideologischer Diversanten« zugerechnet. Es war somit ein typisches Dokument des v&#246;llig realit&#228;tsfremden Denkens im MfS, dem sich auch die HVA nicht entzog – hatte doch auch sie sich immer wieder theoretisch mit der Rolle der Ideologie im Klassen­kampf auseinanderzusetzen gehabt.</p>
<p>Die Ideologie spielte bei der Auseinandersetzung des Systems seit je eine hervorragende Rolle. Zum einen hatte bereits Lenin als eins der Postulate seiner Lehre die Unvers&#246;hnlichkeit des ideologi­schen Kampfes proklamiert: »&#8230; b&#252;rgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht&#8230; Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine St&#228;rkung der b&#252;rgerlichen Ideologie.« Und auf der anderen Seite t&#246;nte es in einem Heft der »Europ&#228;ischen Wehrkunde« von 1979: »Da infolge der selbstzerst&#246;rerischen Wirksamkeit jetziger Waffentechnik Macht- und Interessenwider­spr&#252;che speziell zwischen Gro&#223;machtstaaten nur im Extremfall mittels milit&#228;rischer Gewaltanwendung ausgefochten werden k&#246;n­nen, erwies sich die Forcierung propagandistischer Strategien gerade in der Rivalit&#228;t ideologisch gegens&#228;tzlicher Herrschaftsfor­men oder Sozialordnungen als unausweichliche Konsequenz &#8230; Psychologischer Krieg oder Propaganda kommt zu Diplomatie und milit&#228;rischer St&#228;rke als das dritte Instrument zur Durchsetzung au&#223;enpolitischer Ziele.«</p>
<p>Aus diesem objektiven Widerspruch machte der Marxismus-Leninismus ein Dogma, indem er diesen »psychologischen Krieg« als die letztlich entscheidende Ursache f&#252;r alle inneren Probleme des Sozialismus bezeichnete. Dies hatte schon Tradition in der Sowjetunion Lenins und Stalins; es fand seine augenscheinliche Best&#228;tigung im Kalten Krieg. Anfang der 50er Jahre benutzte Mielke erstmals den Begriff der »politisch-ideologischen Diversion« (PID); er wurde seitdem zu einem Schl&#252;sselwort f&#252;r das Selbst­verst&#228;ndnis des MfS. Die Bek&#228;mpfung der PID war von Anfang an eine Hauptaufgabe der Staatssicherheit, und je bedr&#228;ngender die Situation f&#252;r die SED-F&#252;hrung wurde, um so mehr feuerte Mielke seine Mitarbeiter an, den »ideologischen Diversanten« das Hand­werk zu legen.</p>
<p>Im Jahre 1988 erschien an der Juristischen Hochschule Potsdam-Eiche, der zentralen Ausbildungsst&#228;tte des MfS, ein Lehrbuch »Politisch-ideologische Diversion gegen die DDR«. In diesem Buch wurde der PID-Begriff definiert als »das subversive ideolo­gische Einwirken des Imperialismus auf das gesellschaftliche Bewusstsein in sozialistischen Staaten und das individuelle Bewusstsein ihrer B&#252;rger, insbesondere durch das planm&#228;&#223;ige und systematische Verbreiten von Konzeptionen, Anschauungen, Wer­tungen und Grunds&#228;tzen, deren Inhalt sowohl von militant-grob­schl&#228;chtigem als auch flexibel-verschleiertem Antikommunismus gepr&#228;gt ist &#8230; Mit ihr wird das subversive Ziel verfolgt, in den sozialistischen Staaten in einem langfristigen Prozess entscheiden­de ideologische Voraussetzungen f&#252;r konterrevolution&#228;re Ver&#228;nde­rungen zu schaffen. Diese Zielstellung schlie&#223;t ein, die sozialisti­sche Bewusstseinsentwicklung zu verhindern, sozialistisches Bewusstsein zu zersetzen, feindlich-negative Einstellungen zu erzeugen, deren Umschlagen in feindlich-negatives Handeln zu bewirken sowie feindlich-negatives Handeln zu aktivieren.«</p>
<p>Nicht das Sein bestimmte also das Bewusstsein &#8211; wie doch ein materialistisches Grundprinzip lautete -, sondern der Klassenfeind. Also entsprangen alle kritischen Positionen zum »realen Sozialis­mus« nicht M&#228;ngeln und Defiziten dieses Systems, sondern der »ideologischen Diversion«. Wer sie vertrat, besorgte das Gesch&#228;ft des Feindes und musste mithin wie ein solcher behandelt werden. Mit dem PID-Begriff war somit nicht nur eine Art S&#252;ndenbock f&#252;r jederlei abweichende Meinung gefunden, sondern zudem auch die Rechtfertigung f&#252;r drakonisches Vorgehen gegen ihre Tr&#228;ger.</p>
<p>Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung konnte und wollte sich dieser prinzipiellen Vorgabe nicht entziehen. Ihr oblag es &#8211; wie allen anderen Diensteinheiten &#8211; den Kampf gegen die »ideologi­sche Diversion« zu f&#252;hren und dazu alle ihre Mittel und M&#246;glich­keiten einzusetzen. Allj&#228;hrlich war der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) ein Bericht zu &#252;bergeben, in dem sich alle Erkenntnisse der HVA auf dem Gebiet der PID widerzu­spiegeln hatten. Und au&#223;erdem bestand die Aufgabe, &#252;ber wichtige Vorkommnisse »ideologischer Diversion« die zust&#228;ndigen Abtei­lungen der Abwehr unmittelbar zu informieren.</p>
<p>Ab Mitte der 70er Jahre, nach der Konferenz &#252;ber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sowie den Folgekonferenzen der KSZE, verst&#228;rkt dann in den 80er Jahren gewann die gegen ideologische Einwirkung gerichtete Aufgabenstellung des MfS st&#228;ndig an Bedeutung. Die Zugest&#228;ndnisse, die die sozialistischen L&#228;nder im KSZE-Prozess machen mussten, der dadurch erweiterte Spielraum f&#252;r Oppositionelle, der sich verst&#228;rkende Austausch &#252;ber die Grenzen hinweg, die neuen technischen M&#246;glichkeiten bei der Verbreitung der Massenmedien &#8211; all das erh&#246;hte nat&#252;rlich den geistigen Einfluss des Westens und multiplizierte die Unzufrieden­heit, die sich in den osteurop&#228;ischen Staaten aufgrund der dort herrschenden Verh&#228;ltnisse angesammelt hatte. Aus der Sicht des MfS handelte es sich dabei jedoch nur um einen »Missbrauch des Entspannungsprozesses«. In den sogenannten Planorientierungen &#8211; vom Minister f&#252;r Staatssicherheit f&#252;r jeweils f&#252;nf Jahre herausge­geben, dazu j&#228;hrlich pr&#228;zisiert und von seinen Hauptabteilungslei­tern f&#252;r ihren jeweiligen Verantwortungsbereich noch einmal konkretisiert &#8211; stand die »politisch-ideologische Diversion« stets ganz oben an. Das letzte dieser f&#252;r f&#252;nf Jahre g&#252;ltigen »Dokumente« hatte Mielke 1986 als »Geheime Verschlusssache« verbreitet. Unter dem Punkt »1.4. Aufkl&#228;rung und Vereitelung der strategischen Pl&#228;ne des Imperialismus im Kampf gegen den Sozialismus« hie&#223; es da: »Besondere Bedeutung besitzt dabei die gr&#252;ndliche Aufkl&#228;rung und vorbeugende Verhinderung der gesamten subversiven T&#228;tig­keit, der konkreten Absichten und Aktivit&#228;ten f&#252;r das weitere Vorgehen gegen den Sozialismus, der dabei zum Einsatz gelangenden Mittel und Methoden sowie der damit beabsichtigten Wirkungen seitens des Imperialismus, besonders seiner Geheimdienste, der Zentren der politisch-ideologischen Diversion und weiterer feind­licher Stellen und Kr&#228;fte.« &#220;ber die zuletzt genannten Objekte existierte eine lange Liste, in der sich die Bundestagsparteien ebenso wiederfanden wie die Fernsehsender der Bundesrepublik, die von Organisationen der Friedensbewegung bis hin zu Menschenrechtsgruppen reichte. Die HVA wurde angewiesen: »Im Interesse der Erf&#252;llung der Gesamtaufgabenstellung des MfS zur Gew&#228;hrleistung der inneren Sicherheit der DDR und des MfS sind operativ bedeutsame Erkenntnisse der Aufkl&#228;rung zielgerichteter f&#252;r die Abwehrarbeit zu erschlie&#223;en. Noch umfassender haben die Diensteinheiten der Aufkl&#228;rung mit ihren spezifischen Mitteln und M&#246;glichkeiten dazu beizutragen, die von den feindlichen Zentren gegen die DDR gerichteten Pl&#228;ne und Aktivit&#228;ten aufzukl&#228;ren, feindliche Verbindungen und Kontakte in die DDR aufzusp&#252;ren und damit ihren Anteil an der Kl&#228;rung der Frage &gt;Wer ist wer?&lt; zu erh&#246;hen.«</p>
<p>Damit waren die seit Jahrzehnten bestehenden Forderungen an die HVA noch h&#246;hergeschraubt worden. Mit der Frage »Wer ist wer?« umschrieb Mielke schon seit langem die Aufgabenstellung der fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung. &#220;ber jeden musste volle Klarheit bestehen, keiner sollte f&#252;r das MfS ein unbeschriebenes Blatt sein. Die HVA &#8211; und auch das l&#228;sst sich aus Mielkes Weisung ablesen &#8211; hatte bisher zwar stets das ihre zur »inneren Sicherheit« getan, jedoch ihre ureigene Aufgabe immer vorangestellt. Das hatte zunehmend den Unwillen der Abwehr erregt. Nun wurde verlangt, dieses Verh&#228;ltnis &#8211; wenn schon nicht umzukehren, so doch anzu­n&#228;hern. Der Hinweis auf den Beitrag der HVA zur »Gesamtaufgabenstellung« des MfS hatte zur Folge, dass die Aufkl&#228;rung sich st&#228;rker bem&#252;hte, Quellen in den sogenannten PlD-Zentren anzuwerben und dass sie vor allem alle Informationen, die gewisserma­&#223;en nebenbei zur »ideologischen Diversion« abfielen, unverz&#252;g­lich an die Abwehrabteilungen weitergab. Mitunter wurde dabei im Vertrauen auf Mielkes PID-Phobie auch getrickst. Als zum Beispiel Ende 1987 der erste Entwurf des Haushalts f&#252;r das damalige Ministerium f&#252;r innerdeutsche Beziehungen beschafft werden konnte, gab ihn die HVA mit gro&#223;em Brimborium weiter. Einige Tage sp&#228;ter wurde er jedoch ganz offiziell den Journalisten vorgestellt.</p>
<p>Immer dringender verlangte die Leitung des MfS, dass der »strategische Plan« des Imperialismus, unter dem man sich offen­sichtlich ein fertig ausgearbeitetes Papier vorstellte, beschafft werde und dass es endlich gelinge, jene Agentur, die im Kampf gegen den Sozialismus die F&#228;den zieht, zu finden und zu zersetzen. Ganz konkret stand zum Beispiel jahrelang die Aufgabe, den Geheimdienst der NATO zu enttarnen, bis dann nachgewiesen werden konnte, dass ein solcher strukturm&#228;&#223;ig &#252;berhaupt nicht existiert. Die Drahtzieher f&#252;r das Ansteigen der Ausreiseantr&#228;ge sollten ebenfalls gefunden werden, um ihnen das Handwerk zu legen und damit &#8211; so die tats&#228;chlich vertretene einf&#228;ltige Position &#8211; das Problem aus der Welt zu schaffen. Und nat&#252;rlich waren jene Politiker der Bundesrepublik namhaft zu machen, die zum Beispiel die kritischen Positionen von Kirchenleuten inspirierten, Opposi­tionsgruppen in der DDR aufbauten und aufm&#252;pfigen Schriftstel­lern die Feder f&#252;hrten.</p>
<p>Vielen Aufkl&#228;rern waren solche Aufgabenstellungen l&#228;stig. Sie lenkten von den eigenen Schwerpunkten ab und versprachen zudem &#8211; wegen ihrer Lebensferne &#8211; wenig Erfolg. Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass die HVA das Informationsaufkommen zur PID allm&#228;hlich erh&#246;hte. Sie beschaffte Protokolle von Gespr&#228;chen, die Kirchenf&#252;hrer bei Reisen in die Bundesrepublik mit dortigen Politikern f&#252;hrten, sie legte Arbeits- und Strukturpl&#228;ne einiger der sogenannten PID-Objekte vor, und sie sch&#246;pfte Personen ab, die der PID-Szene zugerechnet wurden; allerdings erfuhr sie dabei nur wenig &#252;ber die angeblich »strategischen Pl&#228;ne« zur Unterminie­rung des Sozialismus von au&#223;en. Meist handelte es sich dabei um singul&#228;re Kontaktf&#228;lle, die jedoch f&#252;r die Abwehr auch von einigem Wert waren. Ganz normale Forschungsarbeit an Univer­sit&#228;ten oder Instituten wurde zu »geheimdienstlichen Aktivit&#228;ten« erkl&#228;rt, wobei nicht &#252;bersehen werden soll, dass nat&#252;rlich die westlichen Dienste an bestimmten Untersuchungen durchaus Interesse bekundeten. Die Reiseberichte des Direktors des Bundes­instituts f&#252;r internationale und ostwissenschaftliche Studien, Hein­rich Vogel, gingen der HVA zum Beispiel auf dem Umweg &#252;ber den Bundesnachrichtendienst zu.</p>
<p>Die Bunkermentalit&#228;t der DDR-F&#252;hrung zeigte sich auch in der gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Aufgabenstellung, »jegliche vom Feind ausgehenden &#220;berraschungen auf allen Gebieten« zu verhin­dern. Diese Orientierung zielte urspr&#252;nglich auf das rechtzeitige Erkennen von Anzeichen f&#252;r einen Atomschlag &#8211; und mag derge­stalt noch Sinn gehabt haben. Sie ging zur&#252;ck auf den schon genannten Befehl 40/68 des Ministers f&#252;r Staatssicherheit und sah vor, Indikatoren zu entwickeln, aus denen der &#220;bergang in ein Kriegsregime fr&#252;hzeitig ablesbar war. Grotesk war jedoch, dass die konkrete Umsetzung dieses Befehls sich in dem Ma&#223;e intensivierte, wie auf internationaler Ebene der Entspannungsprozess vorankam. Parallel zu den Abr&#252;stungsverhandlungen Gorbatschows mit Reagan und sp&#228;ter Bush baute das MfS im Verein mit dem KGB dieses »Fr&#252;hwarnsystem« immer weiter aus. Allein f&#252;r die Feststellung und &#220;bermittlung der angenommenen Atomkriegs-Indikatoren wurde eine eigene Struktur geschaffen; f&#252;r einen denkbaren »Ernstfall« wurden Verbindungspl&#228;ne festgelegt, Notquartiere in der Bundesrepublik eingerichtet und j&#228;hrlich &#220;bungen veranstaltet. Die HVA steuerte ein Lagezentrum bei, das rund um die Uhr besetzt war und alle Kriegsanzeichen penibel zu registrieren hatte.</p>
<p>Der Begriff der »&#220;berraschung« wurde sp&#228;ter &#8211; &#252;ber die milit&#228;rische Ebene hinaus &#8211; auf alle Aktivit&#228;ten des anderen politischen Lagers angewandt. Ob neue wissenschaftliche Erkennt­nisse, ob unkonventionelle politische Angebote, ob aber auch die private Einreise eines SPD-Bundestagsabgeordneten in die DDR oder das Ankn&#252;pfen wei&#223;er B&#228;nder an die Auto-Antenne (ein Protestzeichen ausreisewilliger DDR-B&#252;rger) &#8211; all das firmierte als &#220;berraschung, die das MfS tunlichst rechtzeitig zu erkennen und »prophylaktisch« zu verhindern habe. Die HVA sollte dazu nicht nur ihre Positionen im Operationsgebiet nutzen, sondern &#252;ber ihre inoffiziellen Mitarbeiter auch aus der DDR berichten. Die &#220;ber­mittlung solcher Abwehrberichte wurde zu einer Schwerpunktauf­gabe erkl&#228;rt.</p>
<p>Mittlerweile war der Begriff der »politisch-ideologischen Diversion« durch den der »politischen Untergrundt&#228;tigkeit« (PUT) erg&#228;nzt worden. Darunter verstand Mielke das Umschlagen der PID in Aktivit&#228;ten, in Handlungen, in Aktionen. Faktisch wurden so alle nicht von Partei und Staat ausdr&#252;cklich angeordneten oder zumindest gef&#246;rderten Aktivit&#228;ten, von Veranstaltungen im Rahmen der Kirche &#8211; und seien es Rockkonzerte oder Kabarettauftritte &#8211; &#252;ber das B&#228;umepflanzen von Umweltgruppen bis hin zum Zeigen eigener Losungen bei offiziellen Kundgebun­gen, zu staatsfeindlichen Handlungen erkl&#228;rt. Sie waren in seinen Augen Straftaten, obgleich er feststellen musste, dass selbst das rigide DDR-Strafrecht nicht gen&#252;gend Bestimmungen enthielt, um die »Untergrundt&#228;ter« ins Gef&#228;ngnis zu bringen. Daher erwartete er &#8211; wie im Falle der Liebknecht/Luxemburg-Demonstration &#8211; gerade von der HVA Beweise, dass die innere Opposition der DDR vom Ausland gesteuert werde. In einer Rede vor den Leitern der MfS-Kreisdienststellen am 26. Oktober 1988 sagte er: »Noch wesentlich gr&#246;&#223;erer Anstrengungen bedarf es vor allem, um unanfechtbare, offiziell auswertbare Beweise zu Straftaten und anderen Rechtsver­letzungen dieser Kr&#228;fte und ihrer Hinterm&#228;nner zu erarbeiten. Das gilt in Bezug auf die Steuerung der feindlich-negativen Kr&#228;fte in der DDR durch BRD- oder andere westliche Geheimdienste und deren Agenturen, weitere feindliche Stellen und Kr&#228;fte sowie die Formen ihrer Zusammenarbeit.«</p>
<p>So bem&#252;hte sich auch die HVA verst&#228;rkt, vor allem in Forschungseinrichtungen, die sich mit deutschland- und ostpolitischen Fragen befassten, in sogenannte PID-Organisationen, zumeist Menschenrechtsgruppen, und in die Medien Aufkl&#228;rer einzuschleusen. Selbst der Berliner Privatsender 100,6 kam auf die Liste der Schwerpunktobjekte. Alle Informationen &#8211; selbst die banalsten &#8211; wurden als Abwehrberichte weitergeleitet; es erfolgte eine zahlen­m&#228;&#223;ige Erfassung, nach denen das Engagement der einzelnen HVA-Abteilungen bewertet wurde. Um eine bessere Koordination dieses Informationsflusses zu erreichen, schuf man eine »nicht­strukturelle Arbeitsgruppe«, in der die Abwehr-Diensteinheiten XX (Untergrundt&#228;tigkeit), II (Spionageabwehr) und III (Elektroni­sche Aufkl&#228;rung) zusammenarbeiteten und in die f&#252;r die HVA Vertreter aus dem Auswertungsbereich der Abteilung IX delegiert wurden. Deren Ziel bestand ausdr&#252;cklich darin, die Steuerung oppositioneller T&#228;tigkeit in der DDR von au&#223;en her, vor allem aber durch Geheimdienste, nachzuweisen.</p>
<p>Die Resultate aller dieser Bem&#252;hungen waren naturgem&#228;&#223; d&#252;rftig; dennoch wurden nat&#252;rlich Informationen beschafft, die den B&#252;rgerrechtlern der DDR Schaden zuf&#252;gen sollten. Eine konkrete Folge der als Weisung von General Gro&#223;mann unterzeichneten Informationsschwerpunkte war zum Beispiel, dass die im Januar 1988 festgenommenen B&#252;rgerrechtler nach ihrer Ausweisung aus der DDR Anfang Februar &#8211; die Aktion lief unter der Tarnbezeich­nung »St&#246;renfried/Falle« &#8211; im Ausland stets unter dem wachsamen Auge der DDR-Aufkl&#228;rer blieben. Das Ziel war dabei, in den Augen des MfS kompromittierendes Material zusammenzutragen, das es gerechtfertigt h&#228;tte, den B&#252;rgerrechtlern die Wiedereinreise zu verweigern. Das ist bekanntlich nicht gelungen, zum einen, weil das Verhalten der Betroffenen in der Bundesrepublik und West­europa nichts Strafbares enthielt, zum anderen, weil die Aufkl&#228;rer &#8211; entgegen den Intentionen ihrer Vorgesetzten &#8211; zumeist recht lustlos an diese Aufgabe herangingen. Die jahrelangen Orientierungen auf Schaffung operativer Positionen in einschl&#228;gigen Einrichtungen waren ohne gro&#223;es Echo geblieben; mitunter wurden auch eigene operative Zielstellungen &#8211; zum Beispiel die Suche nach f&#252;r eine Werbung geeigneten Personen &#8211; unter dem Vorwand der PID-Bearbeitung betrieben. Da die Tendenz bestand, ganz normale politische Vorg&#228;nge zu Aktivit&#228;ten der »politisch-ideologischen Diversion« zu erkl&#228;ren, war es mitunter leicht, das »Soll« bei der Aufkl&#228;rung solcher »Machenschaften« zu erf&#252;llen. Einige Aufkl&#228;­rer entwickelten im Laufe der Zeit eine gewisse Meisterschaft darin, unter dem Stichwort »PID« wesentliche Teile ihrer normalen Arbeit abzurechnen.</p>
<p>Grunds&#228;tzlich hielten die Aufkl&#228;rer zwar wenig von den ideo­logischen Verrenkungen der Abwehr, in der Praxis aber bedienten sie sich durchaus gro&#223;z&#252;gig, wenn sie die M&#246;glichkeit dazu hatten. Sie taten dies einmal, weil sie die »Gesamtaufgabenstel­lung« des MfS nat&#252;rlich mittrugen und deshalb nichts dabei fanden, sich an der fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung des Volkes zu beteiligen, solange dadurch die eigenen Kreise nicht gest&#246;rt wurden. Zum anderen hatte mancher schon bald nach der Einglie­derung der HVA ins MfS erkannt, wie gut sich von den Abwehr­ma&#223;nahmen profitieren lie&#223;. Die HVA hatte nicht nur Zugriff zu Speichern der Abwehr; dar&#252;ber hinaus waren die f&#252;r die »innere Sicherheit« zust&#228;ndigen Abteilungen ausdr&#252;cklich verpflichtet, ihr Personendossiers zuzuarbeiten. Die von der Abteilung M in gro&#223;em Umfang betriebene Briefkontrolle erlaubte es, nahezu die gesamte Post in die und aus den sie interessierenden Ballungszen­tren zu kontrollieren. Das betraf insbesondere den Bereich K&#246;ln/ Bonn, bezog aber zum Beispiel auch Bad Neuenahr, Ottobrunn oder Bad Ems ein. Wenn es der HVA erforderlich schien, konnte sie eine Telefon&#252;berwachung durch die daf&#252;r zust&#228;ndige Abteilung 26 beantragen. Alle relevanten Informationen, die durch das funkelektronische Abh&#246;ren der Telefonverbindungen zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet beschafft wurden, landeten auf den Schreibtischen der HVA. Sie standen der Auswertung als Erg&#228;nzung, Pr&#228;zisierung oder auch eigenst&#228;ndige Meldung zur Verf&#252;gung. So war die HVA stets ganz aktuell &#252;ber Interna der Bundespolitik im Bilde, zum Beispiel das gl&#252;cklose Wirken des kurzzeitigen Verteidigungsministers Rupert Scholz, der am Telefon seinen Frust &#252;ber die ihm wenig gewogene Bundeswehr-Generalit&#228;t und den ihn st&#228;ndig ins Abseits stellenden Au&#223;enminister Genscher ablie&#223;. Schlie&#223;lich hatte die HVA auch einen guten Draht zur MfS-Abteilung VI mit ihren Grenz- und Passkontrollstellen; diese waren verpflichtet, Protokolle ihrer Kontrollgespr&#228;che zu &#252;ber­senden.</p>
<p>Als »Gegenleistung« gaben die Aufkl&#228;rer konkretisierende Aufgabenstel­lungen der Abwehr an ihr IM-Netz in der DDR weiter. Sie beruhigten sich dabei mit den durchaus vorliegenden Erkenntnissen &#252;ber die Kontakte westlicher Geheimdienste zu Emigrantenorgani­sationen oder zu solchen Rundfunksendern wie »Radio Free Europe«, auch wenn diese nat&#252;rlich nie die Ursache der um sich greifenden Unzufriedenheit in den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern waren. Sie wussten auch von den Informationsschwerpunkten der CIA oder des BND hinsichtlich der DDR und hatten Beweise f&#252;r ihre Anbahnungsversuche in bestimmten oppositionellen Kreisen. Dies lie&#223; sie manche Aufgabenstellung als sinnvoll erscheinen, zumal Zweifel an Befehlen und Weisungen der Vorgesetzten auch in der HVA nicht &#252;blich waren.</p>
<p>Hinzu kam, dass »Amtshilfe« zwischen Auslandsnachrichten­dienst und innerer Abwehr in ziemlich allen Staaten praktiziert wird. Zwar nicht in jedem Falle mit der im MfS betriebenen Intensit&#228;t, die sich daraus ergab, dass beide geheimdienstliche Bereiche unter einem Dach arbeiteten. In westlichen L&#228;ndern sind die einzelnen Dienste in der Regel selbst&#228;ndig, aber sie finden dennoch Gelegenheit, sich gegenseitig interessierende Informatio­nen zukommen zu lassen und dazu auch &#8211; entsprechende Enth&#252;l­lungen zeigen es immer wieder &#8211; die Gesetze sehr gro&#223;z&#252;gig zu handhaben.</p>
<p>Hinsichtlich des Verfassungsschutzes ist in einem Gesetz gere­gelt, dass »die Gerichte und Beh&#246;rden und das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz gegenseitig Rechts- und Amtshilfe« leisten. F&#252;r den BND wie den MAD gibt es solche Festlegungen nicht, aber es hat sich eine ziemlich effektive Praxis herausgebildet. So ist der Bundesnachrichtendienst &#252;ber sein sogenanntes Grenzmeldenetz stets &#252;ber Vorkommnisse im Grenzgebiet, ein- und ausreisende Personen und die Ergebnisse von Befragungen informiert. Er unterh&#228;lt au&#223;erdem in allen Bundesl&#228;ndern »Hauptstellen f&#252;r spezielle Datenverarbeitung«, die sich der Post- und Fernmelde­kontrolle widmen. Ihre Ergebnisse werden unb&#252;rokratisch auch den anderen Diensten &#252;bergeben. Die &#220;berwachung ausl&#228;ndischer Botschaften erfolgt in enger Kooperation zwischen BND und Verfassungsschutz.</p>
<p>Die Resultate solcher Zusammenarbeit kommen nur selten ans Licht, wirbeln dann aber gew&#246;hnlich viel Staub auf. Zu Zeiten Gehlens war es fast noch normal, dass auch der BND Inlandsspionage betrieb; das ist heute durch Gesetze weitgehend unterbunden. Aber im Zusammenhang mit der Terroristenfahndung oder zum Zwecke der internationalen Unterst&#252;tzung zum Beispiel f&#252;r den israeli­schen Mossad oder den t&#252;rkischen Geheimdienst kommt es immer mal wieder auch zu BND-Operationen im Innern.</p>
<p>Bei all dem ist unbestritten, dass die Verquickung von Aufkl&#228;­rung und Abwehr in der DDR besonders eng war. Aus den gegebenen M&#246;glichkeiten versuchte die HVA das Beste f&#252;r sich zu machen. Das erforderte immer wieder Kompromisse, mitunter auch gegen die eigene Einsicht. Mit Kopfsch&#252;tteln und Achselzucken wurden die st&#228;ndig praktizierten Ungesetzlichkeiten abgetan. Auch die HVA hat sich freiwillig in die ideologische Wagenburg begeben, obwohl gerade sie &#8211; schon aus operativen Gr&#252;nden &#8211; jedes Interesse daran h&#228;tte haben m&#252;ssen, dass der Dialog auf internationaler Ebene wie im Inneren zum bestimmenden Element der Politik wird. Sie hat damit objektiv gegen ihre eigenen Interessen gearbeitet &#8211; von der moralischen Schuld ganz abgesehen. Mit dieser Anpassung verlor sie sukzessive an Ansehen selbst bei ihren inoffiziellen Mitarbei­tern. Und die Partei- und Staatsf&#252;hrung sah die Zeit f&#252;r gekommen, auch die HVA-Berichte zu Erfolgsbekundungen umzufunktionie­ren.</p>
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		<title>Das Bundesverfassungsgericht – Stabilisator staatlicher Macht</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Mar 2010 16:23:09 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Zweimal innerhalb weniger Wochen hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Entscheidungen getroffen, die allgemein als Ohrfeigen f&#252;r Parlament wie die inzwischen dahin gegangene schwarz-rote Koalition interpretiert wurden. Bei n&#228;herem Hinsehen jedoch fanden sich in beiden F&#228;llen auch Aussagen im Karlsruher Urteil, die von Regierenden wie bedenkenlosen Parlamentariern – nicht zu Unrecht – als Ermutigung aufgefasst wurden, <span id="more-1523"></span><a href="http://www.blogsgesang.de/2010/02/10/wie-das-bundesverfassungsgericht-mit-dem-hartz-iv-urteil-das-system-zu-stabilisieren-versucht/" target="_blank"><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/e9fcc6ec4d5048108ec4e011e6b4a115" alt="" width="1" height="1" />das Misslungene nicht etwa g&#228;nzlich aufzugeben, sondern »besser« zu machen</a>. Oder wie es Bundesinnenminister de Maizière nach dem j&#252;ngsten Spruch zur Datenspeicherung ausdr&#252;ckte: »So wie bisher geht es nicht. Aber anders geht es – und &#8230; anders muss auch gehen.«</p>
<p>Diese Janusk&#246;pfigkeit Karlsruhes, einerseits die allzu forsche Abkehr vom Grundgesetz zu r&#252;gen und auch zu korrigieren, andererseits aber die <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0303/meinung/0009/index.html" target="_blank">Verfassung vorsichtig durchaus weg von einigen ihrer Ursprungsgedanken zu relativieren</a> und anderes Verfassungsrecht zu schreiben, ist ein durchg&#228;ngiger Zug vieler Entscheidungen der Verfassungsrichter. Sie selbst bezeichnen dies als »Pragmatismus« und halten solches Vorgehen f&#252;r legitim. Bereits vor 16 Jahren brachte dies der damalige Direktor des Bundesverfassungsgerichtes, <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/zierlein.html" target="_blank">Karl-Georg Zierlein</a>, unmissverst&#228;ndlich zum Ausdruck. Deshalb mag es erhellend sein, die aus dem April 1994 stammende – und bis heute eher noch unterf&#252;tterte – Position des Bundesverfassungsgerichts zum Verh&#228;ltnis von Grundgesetz und »Zeitgeist« noch einmal zu dokumentieren.</p>
<blockquote>
<h2>Richter zwischen Gesetz und Gebot</h2>
<h3>Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ist ein Scharnier f&#252;r Funktionieren der Staatsmaschinerie</h3>
<p><strong>Seit gestern verhandelt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe &#252;ber Auslandseins&#228;tze der Bundeswehr – sowohl &#252;ber die Beteiligung der Bundesmarine an der &#220;berwachung des UNO-Embargos gegen Rest-Jugoslawien als auch &#252;ber die Teilnahme deutscher Soldaten an AWACS-Aufkl&#228;rungsfl&#252;gen &#252;ber Bosnien-Herzegowina und schlie&#223;lich &#252;ber die Rechtm&#228;&#223;igkeit des inzwischen abgeschlossenen Somalia-Einsatzes der Bundeswehr. In allen drei F&#228;llen geht es um eminent politische Fragen, nicht gerade das t&#228;gliche Brot juristischer Koryph&#228;en. Doch die Karlsruher Richter – erstmals unter Leitung ihrer neuen Vizepr&#228;sidenten Jutta Limbach tagend – sind solche Auftr&#228;ge gew&#246;hnt, denn immer wieder wird ihnen zugemutet, &#252;ber politische Sachverhalte zu entscheiden – vordergr&#252;ndig deren Verfassungsm&#228;&#223;igkeit, jedoch realiter auch ihre politische Zweckm&#228;&#223;igkeit. Derzeit geschieht das so oft, dass der Eindruck entsteht, die Politiker machten ihre Hausaufgaben nicht mehr, sondern lie&#223;en sie in der Abgeschiedenheit eines badischen Provinzst&#228;dtchens von einem Gremium erledigen, zu dessen Selbstverst&#228;ndnis und fachlicher wie demokratischer Legitimation es viele Fragen gibt. PETER RICHTER suchte an Ort und Stelle nach Antworten.</strong></p>
<p>Der Direktor beim Bundesverfassungsgericht, Dr. Karl-Georg Zierlein, bezweifelt, dass die hochpolitischen Anfragen an das Gericht in j&#252;ngerer Zeit tats&#228;chlich nennenswert zunahmen. Es sei von Anfang an so gewesen, dass die unterlegene Seite im Parlament, die Opposition, von ihrer M&#246;glichkeit, nach Abschluss des parlamentarischen Prozesses die Frage der Geltung eines neuen Gesetzes noch einmal aufzuwerfen, Gebrauch gemacht hat. »Und das war und ist gewollt, in der Verfassung so angelegt.«</p>
<h4>Kontrollorgan gegen Mehrheitsmissbrauch</h4>
<p>Der aus Bayern stammende Jurist nennt einen interessanten Aspekt f&#252;r die Notwendigkeit einer solchen Berufungsinstanz, wenn er den Verlust parlamentarischer Kontrollm&#246;glichkeiten beklagt: »Indem sich die politischen Mehrheiten des Parlaments in der Regierung widerspiegeln, hat der Kanzler mit dieser einen starken Partner gerade in dem Organ, das eigentlich die Regierung kontrollieren soll.« Die Mehrheit setze sich am Ende in aller Regel durch – trotz tagelanger Debatten und aller Einw&#252;rfe der Opposition. F&#252;r diese bleibe »nur das politische Poltern und das Bem&#252;hen, selbst einmal an die Macht zu kommen – um es dann ebenso zu machen«. Nicht auszuschlie&#223;en sei dabei – und Zierlein erinnert an die historischen Erfahrungen gerade in Deutschland –, »dass das gesetzgeberische Ergebnis des Parlaments in Teilbereichen objektiv gesehen Normen der Verfassung widersprechen kann«. Und gerade das mache es so wichtig, »auch das Parlament einer nochmaligen Kontrolle zu unterziehen, freilich beschr&#228;nkt auf die Frage, ob der von ihm gewollte und in eine Gesetzesform umgesetzte politische Wille der Verfassung entspricht«.</p>
<p>Diese Argumente werden h&#228;ufig auch als Gr&#252;ndungsmotive f&#252;r das 1951 geschaffene Bundesverfassungsgericht genannt. Es war als ein Organ f&#252;r mehr Demokratie gedacht, schon sein &#228;u&#223;eres Bild sollte dies demonstrieren. Wohl jeder kennt aus dem Fernsehen jenen so schlichten wie gediegenen holzget&#228;felten Saal, in dem die Entscheidungen verk&#252;ndet werden. Ihn zieren lediglich eine der verblichenen Bundesfahnen, die 1832 auf dem Hambacher Fest – heute als symbolische Stunde f&#252;r deutschen Einheitswillen und die Forderung nach Volkssouver&#228;nit&#228;t nur noch schwach in Erinnerung – mitgef&#252;hrt wurden, und eine schwere Holzplastik des Bundesadlers. Die beiden Senate mit jeweils acht Mitgliedern agieren in roten Roben – selbstverst&#228;ndlich keine politische Farbenwahl, sondern eher nostalgische Erinnerung an die Bl&#252;tezeit eines republikanischen Florenz.</p>
<h4>Paragraphen und Pragmatismus</h4>
<p>Die Kontrollfunktion der Karlsruher Beh&#246;rde will ihr Direktor – verantwortlich f&#252;r den reibungslosen Ablauf der geistigen wie praktischen Arbeitsprozesse – nicht eingeschr&#228;nkt sehen, schon gar nicht durch Kritik an der Bewertung politischer Entscheidungen in Bonn. »Ich w&#252;rde es sogar f&#252;r bedenklich halten«, so Zierlein, »wenn aus Scham, aus Furcht, aus politischen Gr&#252;nden der Weg nach Karlsruhe nicht mehr gesucht w&#252;rde. Wenn also die Regierung sagte: Wir fahren eine harte Linie und setzen unsere Mehrheit konsequent ein. Und wenn die Opposition sich dann scheute, das Verfassungsgericht anzurufen.« Das Spannungsverh&#228;ltnis zwischen Parlament und Regierung einerseits und einem unabh&#228;ngigen Gericht, das erstgenannte daraufhin &#252;berpr&#252;ft, ob sie immer im Sinne des Grundgesetzes arbeiten, h&#228;lt er f&#252;r unverzichtbar.</p>
<p>Aber zugleich hebt er abwehrend die H&#228;nde, wenn das Bundesverfassungsgericht als eine Art Nebenregierung oder &#252;berparlamentarische Kammer definiert wird. Nein, es mache sich nicht zum Oberlehrer der Nation, zum Superparlament. Die nachtr&#228;gliche Kontrolle sei keine politische Einflussnahme – »etwa in dem Sinne, dass das Gericht politische Intentionen zu &#252;berpr&#252;fen und gegebenenfalls zu korrigieren h&#228;tte«. F&#252;r die. Verfassungsrichter k&#246;nne nicht ma&#223;geblich sein, ob sie das politische Ergebnis f&#252;r optimal hielten, ob es m&#246;glicherweise ein anderes, besseres politisches Konzept gebe. Entscheidend sei allein, dass das von der Politik gefundene Ergebnis auf dem Pr&#252;fstand der Verfassung besteht.</p>
<p>Allerdings kann auch Dr. Zierlein nicht leugnen, dass es F&#228;lle gibt, in denen Karlsruhe durchaus politische Erw&#228;gungen neben seinen Paragraphen ins Kalk&#252;l zieht – vorgeblich aus Pragmatismus, doch dieser kommt nun einmal in der Regel zumeist den jeweils Regierenden zugute. Die Entscheidung &#252;ber »out of area«-Eins&#228;tze, mit den Anh&#246;rungen dieser Woche eingeleitet, wird nat&#252;rlich ber&#252;cksichtigen, was die Regierung als »Ansehen Deutschlands in der Welt« definiert. Zierlein r&#228;umt denn auch ein: »Zuerst ist das Gericht stets bem&#252;ht, als alleinigen Pr&#252;fungsma&#223;stab die Normen der Verfassung heranzuziehen. Aber ebenso muss es auch die Auswirkungen einer Entscheidung bedenken, ohne sich dadurch jedoch zum Steigb&#252;gelhalter der Politik zu machen.«</p>
<h4>Stabilisator von Staat und Recht</h4>
<p>Dies ist f&#252;r das Bundesverfassungsgericht immer wieder eine Gratwanderung zwischen Gesetz und vermeintlich politisch Gebotenem. Zierlein bringt ein anschauliches Beispiel: »Die Nichtigkeitserkl&#228;rung einer Norm im Steuerrecht k&#246;nnte zum Beispiel zum finanziellen Zusammenbruch der Bundesrepublik f&#252;hren. Das muss das Gericht ber&#252;cksichtigen.« Nat&#252;rlich hie&#223;e das nicht, parteipolitische Gr&#252;nde einzubeziehen, wohl aber »allgemein-politische, die auch einmal mit parteipolitischen &#252;bereinstimmen k&#246;nnen«. F&#252;r Zierlein soll das Bundesverfassungsgericht »ein Stabilisator sein, Rechtsfrieden und Rechtssicherfheit gew&#228;hrleisten«.</p>
<p>Wie gesagt, schneidet die Regierung – sie ist in der Vorhand – dabei zumeist besser ab als die Opposition. »Wo f&#252;r das Gericht plausible Erw&#228;gungen des Gesetzgebers erkennbar sind, nimmt es keine Korrektur vor. Denn die faktische rechtliche Gestaltung des Lebens soll in den Gesetzgebungsorganen erfolgen«, sagt der Verfassungsgerichts-Direktor. Wenn die Regierung die Folgen einer bestimmten Ma&#223;nahme bzw. ihrer Verweigerung beschreibe, m&#252;sse dies das Gericht ber&#252;cksichtigen: »Das Gericht kann zu der Meinung kommen, dass das, was sich da entwickelt hat, nicht aufgehalten werden sollte – sofern es verfassungsrechtlich zul&#228;ssig ist. Es wird die Dinge nicht nur juristisch betrachten, sondern auch politisch. Es lebt ja nicht im blutleeren Raum, ist nicht ohne politische Funktionalit&#228;t.«</p>
<h4>„Ja, aber&#8230;« als Kompromiss</h4>
<p>Mancher vermeint, schon im modern-funktionalen Geb&#228;ude des Bundesverfassungsgerichts ein Indiz f&#252;r solche nicht auf das Juristische reduzierte Identit&#228;t zu sehen. Vergleicht man es beispielsweise mit Berlins d&#252;sterem Justizpalast in Moabit, dann hat es tats&#228;chlich etwas Leichtes und Offenes. Der Berliner Architekt Paul Baumgarten hat es in den Zirkel der weitr&#228;umigen Karlsruher Schlossanlage eingeordnet; in der zweiten H&#228;lfte der 60er Jahre entstand hier dieser Komplex aus Glas und hellgrauem Stein, der sich organisch einf&#252;gt, von seiner Offenheit jedoch einiges durch die un&#252;bersehbaren Sperren des Bundesgrenzschutzes verliert, zumal dessen Sp&#228;her auch im angrenzenden Botanischen Garten zwischen den B&#228;umen patrouillieren.</p>
<p>Solcher Widerspruch zwischen idealisiertem Eindruck und profaner Realit&#228;t zeigt sich auch h&#228;ufig in den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts. Denn deren Lebensn&#228;he mag angestrebt sein, wird jedoch durch ein 45 Jahre altes Grundgesetz, das nicht einmal im Ergebnis der deutschen Einheit einer Verj&#252;ngungskur unterzogen werden konnte, letztlich stets in Grenzen gehalten. Dr. Zierlein m&#246;chte das Gegenteil gern an den beiden Karlsruher Entscheidungen zum § 218 nachweisen. Alle Parteien h&#228;tten den Schutz des ungeborenen Lebens als Verfassungsgrundsatz betont; der Unterschied l&#228;ge jedoch in seiner Bewertung im Verh&#228;ltnis zum anderen Grundsatz der Freiheit und Selbstbestimmung der Frau. Da h&#228;tten sich von 1975 bis 1993 durchaus &#196;nderungen der Betrachtungsweise ergeben. Dass ein Schwangerschaftsabbruch weiter als strafbar charakterisiert werden m&#252;sse, sei in der Verfassung angelegt, aber ansonsten w&#228;re das Gericht darum bem&#252;ht gewesen, »den Schutz des ungeborenen Lebens noch effektiver mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau in &#220;bereinstimmung zu bringen. Da wurden nur einige zus&#228;tzliche Punkte gesetzt, erfolgte ein gewisses kleines Nachbessern, eine Verbesserung des urspr&#252;nglichen Willens des Gesetzgebers«.</p>
<p>Zierlein, der im Hause als rechte Hand des Pr&#228;sidenten des Bundesverfassungsgerichts gilt, will damit jene »a, aber«-Entscheidungen verteidigen, die so h&#228;ufig in Karlsruhe gef&#228;llt werden: »Ja« zum starren Buchstaben des Grundgesetzes, »aber« mit einer gewissen Ber&#252;cksichtigung der Tatsache, dass seit 1949 das Leben weiterging und einige zus&#228;tzliche Aspekte zu ber&#252;cksichtigen w&#228;ren.</p>
<p>Man kann fast sicher sein, dass manche der in Karlsruhe anstehenden Entscheidungen, so wohl auch zur Behandlung der Spionaget&#228;tigkeit der HVA oder der Rechtm&#228;&#223;igkeit des strafenden Charakters der Rentenberechnung f&#252;r »staatsnahe« Ex-DDR-B&#252;rger, dieser Linie folgen und so etwas wie einen Ausgleich zwischen Verfassungstext und »Zeitgeist« herstellen werden. Nur so k&#246;nnten Rechtssicherheit und zugleich Rechtsfrieden gewahrt werden. Dr. Zierlein sieht solche Praxis seiner Institution dadurch gerechtfertigt, »dass es aufgrund der Beschl&#252;sse des Gerichts noch nie eine Verfassungskrise gab«.</p>
<h4>80 B&#228;nde Urteile mal 400 Seiten</h4>
<p>Die Liste der noch in diesem Jahr geplanten Entscheidungen umfasst 57 Positionen. Die &#228;lteste stammt aus dem Jahre 1985 (!) und betrifft die Verfassungsm&#228;&#223;igkeit des generellen Kirchensteuerabzugs bei der Berechnung des Arbeitslosengeldes. Insgesamt gingen seit 1951 in Karlsruhe 80 000 Verfassungsbeschwerden ein, t&#228;glich mehr als ein Dutzend. 98 Prozent werden jedoch gar nicht erst zur Verhandlung zugelassen; dennoch sind gegenw&#228;rtig etwa 2 000 F&#228;lle offen. Die Urteile – Dr. Zierlein zeigt stolz auf die Buchreihe – sind in 80 B&#228;nden zu je 400 Seiten gesammelt: geronnene Normative deutschen Verfassungslebens.</p>
<p>Hier findet sich manche Weiterentwicklung des Grundgesetzes, aber eher ungewollt. »Das Bundesverfassungsgericht greift nicht selbst in das Grundgesetz ein. &#220;ber seine Urteile hinaus unterbreitet es keine Vorschl&#228;ge«, so Zierlein. »Allenfalls gehen die Senate mit ihren Entscheidungen bis zur zul&#228;ssigen Grenze dessen, was aus der Verfassung abzuleiten ist. Der Gesetzgeber soll so die M&#246;glichkeit erhalten, auch ohne Verfassungs&#228;nderung Politik zu machen.«</p>
<p>Das Bundesverfassungsgericht geht mit seinen Kompetenzen vorsichtig um. Am wohlsten f&#252;hlt es sich bei der Interpretation des seit langem G&#252;ltigen, des Verfassungstextes. Weitaus zur&#252;ckhaltender agiert es bei der Einflussnahme auf die Gegenwart; hier geht in aller Regel der Blick zum politischen Initiator der Meinungs&#228;u&#223;erung voraus. Zur Zukunft schlie&#223;lich macht es keine Aussage. Sein Gesch&#228;ft ist der Interessenausgleich im konservativen Sinn, und so ist es tats&#228;chlich Stabilisator staatlicher Macht par excellence.</p></blockquote>
<pre>(Erschienen in »Neues Deutschland« vom 20. 04.1994)</pre>
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		<title>Leichtmatrose Westerwelle in schwierigen Wassern</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Feb 2010 23:31:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Politiker eher schlichten Gem&#252;ts versuchen ihre konzeptionelle &#214;dnis nicht selten durch besonders forsche Spr&#252;che und voluntaristische Ank&#252;ndigungen zu &#252;berspielen. Das kann man gegenw&#228;rtig sehr anschaulich am deutschen Vizekanzler und FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle beobachten. Was auch immer an begr&#252;ndeten Argumenten gegen einige angejahrte und mithin aus der Zeit gefallene FDP-Forderungen vorgebracht wird, Westerwelle wischt es jeweils mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Politiker eher schlichten Gem&#252;ts versuchen ihre konzeptionelle &#214;dnis nicht selten durch besonders forsche Spr&#252;che und voluntaristische Ank&#252;ndigungen zu &#252;berspielen. Das kann man gegenw&#228;rtig sehr anschaulich am deutschen Vizekanzler und FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle beobachten.<span id="more-1473"></span> Was auch immer an begr&#252;ndeten Argumenten gegen einige angejahrte und mithin aus der Zeit gefallene FDP-Forderungen vorgebracht wird, Westerwelle wischt es jeweils mit gro&#223;er Geste und lautstarker Rhetorik weg. Die Liberalen seien gar nicht mehr die Partei der Besserverdienenden, stellte ein <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0204/meinung/0016/index.html" target="_blank">Kommentator</a><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/bb3c920e897b4a20bbe0ff4b9e777761" alt="" width="1" height="1" /> in seiner 100-Tage-Bilanz der schwarz-gelben Regierung treffend fest. »Sie sind nur noch die Partei des Besserwissers.«</p>
<p>Tats&#228;chlich hat die FDP in elf Jahren ohne Regierungsamt die Oppositionsstrategie, mit der sie vor allem der eigenen wohlbetuchten Klientel alles versprach, was die nur h&#246;ren wollte, derart verinnerlicht, dass sie &#252;berhaupt nicht mehr in der Lage ist, f&#252;r die gesamte Gesellschaft zu denken und damit eine nachhaltige Politik – nicht einmal zugunsten des eigenen Machterhalts – zu verfolgen. Die<a href="http://www.welt.de/politik/deutschland/article6256919/FDP-bricht-ein-Westerwelle-so-unbeliebt-wie-Gysi.html" target="_blank"> j&#252;ngsten Umfragen</a> verdeutlichen den dramatischen Verfall ihres Ansehens in der Bev&#246;lkerung. Westerwelle, in typisch narzisstischer Selbst&#252;bersch&#228;tzung, sieht das &#220;bel jedoch allein in einigen vorsichtigen <a href="http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E89D568A152E3437281033AA73DF78885~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Zweiflern in den eigenen Reihen</a> bzw. beim Koalitionspartner.</p>
<p>Nun k&#246;nnte man gen&#252;sslich sagen: Lass ihn machen, er wird sich schon abwirtschaften. Doch so einfach stehen die Dinge nicht, hat er doch in Bundeskanzlerin Angela Merkel eine starke St&#252;tze. Sie, intellektuell &#228;hnlich gestrickt wie ihr Vizekanzler, sieht in ihm und der FDP endlich die Chance, jenes neoliberale Programm, das sie 2003 auf dem Leipziger CDU-Parteitag entwarf, auch durchzusetzen. Er soll ihr beim endlich m&#246;glichen »Durchregieren« helfen, daf&#252;r nat&#252;rlich auch die Hauptverantwortung &#252;bernehmen. Sie dirigiert von der Kapit&#228;nskaj&#252;te aus den Leichtmatrosen, der sie, ihre Partei und das keineswegs verworfene, nur zeitweise zur&#252;ckgestellte Leipziger Programm durch die schweren Wasser wachsenden Volkswiderstandes navigieren soll.</p>
<p>Und die Chancen daf&#252;r stehen trotz demoskopischer D&#228;mpfer gar nicht so schlecht, wei&#223; man doch, dass die Opposition so lange an tats&#228;chlich wirksamem Widerstand gehindert ist, solange die SPD in typisch opportunistischer Manier zwischen Festhalten an den falschen Beschl&#252;ssen ihrer Regierungszeit und verbalen Ank&#252;ndigungsparolen hin und her schwankt und damit faktisch das Gesch&#228;ft der Koalition betreibt. So findet selbst der Leichtmatrose Westerwelle noch Helfer – die Schiffsjungen Steinmeier und Gabriel.</p>
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		<title>Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier im Fingerspitzenduell</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Sep 2009 17:11:14 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Heute abend werden wir das seltsamste Kanzlerkandidaten-Duell der bundesdeutschen Fernsehgeschichte erleben. Keinen Kampf mit scharfen Waffen nat&#252;rlich, nicht einmal einen mit Wasserpistolen, sondern einen, bei dem die »Kontrahenten« wie zwei gut gelaunte, enge Freunde mit dem Zeigefinger aufeinander »schie&#223;en«, den Daumen aufgestellt und dann – peng, peng, peng – in die Luft geballert. Eigentlich m&#252;sste [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute abend werden wir das seltsamste Kanzlerkandidaten-Duell der bundesdeutschen Fernsehgeschichte erleben. Keinen Kampf mit scharfen Waffen nat&#252;rlich, nicht einmal einen mit Wasserpistolen, sondern einen, bei dem die »Kontrahenten« wie zwei gut gelaunte, enge Freunde mit dem Zeigefinger aufeinander »schie&#223;en«, <span id="more-1287"></span><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/76f309c7c0f2482c83656d3413d926aa" alt="" width="1" height="1" />den Daumen aufgestellt und dann – peng, peng, peng – in die Luft geballert. Eigentlich m&#252;sste dann eine(r) irgendwann lachend die Arme heben, um die »Niederlage« einzugestehen – was es zwar nicht geben wird; ansonsten jedoch sendet das Fernsehen heute aus Berlin-Adlershof nicht mehr als ein »Duell« mit Fingerspitzengef&#252;hl.</p>
<p>Dass sich beide Kandidaten so verhalten, ist deshalb nicht &#252;berraschend, weil es ihren beiderseitigen Interessen entspricht. Beide wollen nat&#252;rlich weiter regieren, aber sie wissen nat&#252;rlich auch, dass dies am besten dann gelingt, wenn man m&#246;glichst wenig Verunsicherung dadurch schafft, dass man Ver&#228;nderung ank&#252;ndigt. Zwar artikuliert das Wahlvolk immer wieder Unzufriedenheit, aber da es auch nicht recht wei&#223;, wie Besserung erreichbar ist, schickt es sich zugleich in die Verh&#228;ltnisse und wird unruhig, wenn deren Umw&#228;lzung droht – zumal in eine ungewisse Richtung.</p>
<p>Sp&#228;testens am Wahlabend 2005 hat Angela Merkel das begriffen und mag froh gewesen sein, dass sie das angek&#252;ndigte »Durchregieren« nit einem neoliberalen Programm nicht exekutieren musste. Sp&#228;ter sah sie, wie nicht sie und ihre Partei, denen man Schlimmeres zugetraut hatte, sondern die SPD f&#252;r die Mehrwertsteuererh&#246;hung und die Rente mit 67 abgestraft wurde – mit der Folge, dass die Sozialdemokraten sich nun halbherzig und z&#246;gernd in eine Korrektivrolle gegen weitergehende antisoziale Forderungen des Unions-Wirtschaftsfl&#252;gels schickten, was wiederum der Kanzlerin zupass kam, die solchem Begehr mit dem achselzuckenden Verweis auf den Koalitionspartner begegnen konnte.</p>
<p>Genau so will Angela Merkel weitermachen; am liebsten mit der SPD – was sie allerdings ihrer Partei nicht sagen darf. Daher ihre Bekenntnisse zur schwarz-gelben Koalition, und sei es mit einer Stimme Mehrheit. Gleichzeitig aber schl&#228;gt sie bereits Pfl&#246;cke ein, die f&#252;r k&#252;nftige freidemokratische Begehrlichkeiten Grenzen setzen: Keine Ver&#228;nderung beim Gesundheitsfonds, keine Ver&#228;nderung beim K&#252;ndigungsschutz, keine Mehrwertsteuerererh&#246;hung, Rentengarantie. Auch wenn Schwarz-Gelb eine Mehrheit gewinnt, soll sich allzuviel nicht &#228;ndern, will sie signalisieren. Eine andere Frage ist nat&#252;rlich, inwieweit ihr eine mit der FDP verb&#252;ndete Union und vor allem die dahinter stehende Wirtschaftslobby dabei folgen. Es ist nicht auszuschlie&#223;en, dass Schwarz-Gelb der Anfang vom Ende der Kanzlerschaft Merkels vor Ablauf der kommenden Wahlperiode sein k&#246;nnte. Auch das erkl&#228;rt ihren laschen Wahlkampf, der den Wechsel nicht provozieren will.</p>
<p>Die SPD ist noch st&#228;rker am »Weiter so« interessiert, hat sie doch keine andere Option zum k&#252;nftigen Mitregieren. Ein B&#252;ndnis mit einer neoliberalen FDP war von vornherein illusorisch, da kontraproduktiv. Andere M&#246;glichkeiten hat sich die Partei selbst verbaut. Sie kann nur hoffen, dass Schwarz-Gelb keine Mehrheit gewinnt und sie selbst nicht zu schlecht abschneidet, weil das Regierungsposten kosten w&#252;rde. Beides verbietet die Attacke auf eine Politik, f&#252;r die man selbst mitverantwortlich ist, und auf eine Kanzlerin, von deren Kulanz die k&#252;nftige Stellung in einer Regierung nicht unwesentlich abh&#228;ngen k&#246;nnte.</p>
<p>Dass eine Beteiligung der drei Oppositionsparteien an der Fernsehdebatte diese spannender machen k&#246;nnte, wie manche vermuten, ist durchaus nicht sicher. Immerhin gingen wenigstens zwei der Oppositionellen mit der Hoffnung in den Wahlkampf, an seinem Ende an den Regierungstisch gebeten zu werden. Vor allem die FDP brennt schon lange darauf und w&#252;rde auf laute T&#246;ne gegen die Union gewiss verzichten, um ein k&#252;nftiges Koalitionsklima nicht zu belasten. Als es die CSU vor einigen Wochen unternahm, die Freidemokraten etwas h&#228;rter anzugehen, legte Guido Westerwelle sofort die harten Bandagen ab. Wichtiger noch als inhaltliche Korrekturen ist ihm die Regierungsbeteiligung – beinahe um jeden Preis. &#196;hnlich verhalten sich die Gr&#252;nen schon lange gegen&#252;ber der SPD, wobei nat&#252;rlich eine Rolle spielt, dass vieles, was bei den Sozialdemokraten kritikw&#252;rdig ist, auch die gr&#252;ne Unterschrift aus den Zeiten gemeinsamen Regierens tr&#228;gt.</p>
<p>Einzig die Linkspartei kann ohne R&#252;cksicht auf k&#252;nftige Konstellationen ihre Positionen vertreten – und tut das auch. Doch unter dem Strich k&#246;nnte auch sie mit der Fortsetzung der gro&#223;en Koalition leben; immerhin ist sie unter ihr gro&#223; geworden, und die Aussichten stehen gut, dass sich dies fortsetzt. Denn in vielen Fragen, die die W&#228;hler durchaus interessieren, vertritt sie als einzige eine andere Position als die anderen vier – so zu Hartz IV, zum Rentenalter, zur Gesundheitspolitik, vor allem zum Krieg der Bundeswehr in Afghanistan. Unmittelbar politisch wirksam wird das (noch) nicht, aber ein mittelbarer Effekt ist offensichtlich. In den Wahlprogrammen der anderen Parteien findet sich zumindest manche Formulierung, die urspr&#252;nglich aus linker Feder floss.  Diese Wirkung wird in dem Ma&#223;e zunehmen und sich vielleicht auch materialisieren, wie die Linke am Wahltag an Stimmen zulegt.</p>
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		<title>Ralf Stegner inszeniert sich in Kiel als letzter wirklicher Sozialdemokrat</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Jul 2009 14:37:03 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Berliner Willy-Brandt-Haus d&#252;rfte man nicht sehr am&#252;siert gewesen sein. Bislang hatte SPD-Parteichef Franz M&#252;ntefering seine gro&#223;e Aktion »Opposition ist Mist« einigerma&#223;en in Ministersessel umsetzen k&#246;nnen. Neben der Kr&#246;nung mit dem Berliner Gespann Merkel/Steinmeier <span id="more-1148"></span><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/c6d2033d187d40fd8a4ebf41f3ec7b1d" alt="" width="1" height="1" /><br />
gab es »Gro&#223;e Koalitionen« immerhin schon in f&#252;nf Bundesl&#228;ndern, vier davon im Osten (Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt), dazu eben Schleswig-Holstein. Gute Aussichten bei bevorstehenden Wahlen deuteten sich in Th&#252;ringen und im Saarland an. Die Sozialdemokraten waren auf dem Weg zum ewigen Mitregierer, wenn auch in der Regel nur als Junior. Aber was tat‘s? Wichtig war Dabeisein, denn von ihrer Rolle als zweiter gro&#223;er Volkspartei, f&#252;r die Opposition eben nicht nur Mist, sondern die M&#246;glichkeit zu eigener alternativer Gestaltungskraft ist, hat sich die SPD l&#228;ngst verabschiedet. Das f&#252;hrte zum Aufschwung der angeblich so ungeliebten gro&#223;en Koalitionen als Regierungsform uneingeschr&#228;nkter Beliebigkeit und damit maximaler Konfliktscheu. Das Ergebnis: F&#252;r alle Probleme werden inzwischen nur noch L&#246;sungen auf kleinstem gemeinsamen Nenner gefunden.</p>
<p>Da ist nun <a href="http://www.freitag.de/politik/0930-kiel-koalition-spd-linkspartei-gruene-jamaika-neuwahlen/" target="_blank">Ralf Stegner dazwischengefahren</a>. Der schleswig-holsteinische SPD-Landeschef ist von seinem Temperament wie seinem brennenden Ehrgeiz, selbst den Kieler Ministerpr&#228;sidentenstuhl zu besteigen, daf&#252;r pr&#228;destiniert, doch zugleich war und ist sein Vorgehen ganz objektiv auch so etwas wie ein letzter Abglanz alter sozialdemokratischer Oppositionspraxis. Stegner lehnte es stets ab, um der Koalition mit der CDU willen noch die gr&#246;&#223;ten sozialen Grausamkeiten durchzuziehen; kein anderer in seiner Partei hat das j&#252;ngst noch gewagt. Die letzte war Andrea Ypsilanti – und die wurde denn ja auch von ihrer Parteif&#252;hrung und deren Hilfstruppen vor Ort in Hessen grausam abgestraft.</p>
<p>Nat&#252;rlich hat Ministerpr&#228;sident Peter Harry Carstensen Stegner solch ungewohnte sozialdemokratische Konsequenz leicht gemacht. Sein Ziel war stets, die beargw&#246;hnten Sozis so klein wie m&#246;glich zu halten, wozu er am Ende – wie weiland Uwe Barschel, einer seiner Vorg&#228;nger – vor der offenen L&#252;ge nicht zur&#252;ckschreckte, er versagte sich allerdings das bombastische »Ehrenwort«, mit dem Barschel sein Haut zu retten versuchte. Daf&#252;r trat Carstensen nach Stegners letzter Unbotm&#228;&#223;igkeit kr&#228;ftig nach, indem er die SPD-Minister in Windeseile aus ihren B&#252;ros hinausbef&#246;rderte. Er hofft, im Windschatten der Kanzlerin auf ein Landtagswahlergebnis, das ihn endg&#252;ltig von Stegner befreit; dass in der Zwischenzeit diverse Skandale – wie um die HSH Nordbank und das Atomkraftwerk Kr&#252;mmel – auf Eis liegen, ficht ihn nicht an. Im Gegenteuil, es d&#252;rfte zu seinem Kalk&#252;l geh&#246;ren, dass beide Themen erst nach dem Wahltag mit ihrer ganzen Schrecklichkeit auf die Agenda zur&#252;ckkehren.</p>
<p>Carstensens Rechnung d&#252;rfte aufgehen – nicht zuletzt, weil ein Stegner nicht in die gegenw&#228;rtige SPD-Strategie passt. Nat&#252;rlich &#252;berbieten sich jetzt alle Sozialdemokraten mit Solidarit&#228;tsadressen – wie sie das schon bei Ypsilanti taten, doch die Messer gegen den Abtr&#252;nnigen von den »Opposition-ist-Mist«-Linie werden gewiss schon gewetzt. Bis zur Wahl, die nun wohl mit der Bundestagswahl zusammenf&#228;llt, wird man ihn gew&#228;hren lassen, denn da kann ein wenig alt-sozialdemokratische Inszenierung nicht schaden. Danach aber wird die SPD-Spitze alles daran setzen, in den regierenden W&#228;rmestuben zu verbleiben, in denen sich ihre Leute inzwischen so gut eingerichtet haben. Dann wird sie Ralf Stegner auch in der Partei als das betrachten, was er f&#252;r die CDU Schleswig-Holsteins von Anfang an war:  ein St&#246;renfried.</p>
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		<title>Lockrufe von rechts an die Linkspartei</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Jun 2009 17:50:21 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wieder einmal &#8211; wie nun schon seit 20 Jahren &#8211; orakeln die medialen, aber auch einige politische Auguren &#252;ber den <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0620/meinung/0020/index.html" target="_blank">Niedergang der Linken</a><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/c0ecfdf4abc949b7a1ac45f4699dcdad" alt="" width="1" height="1" />, die es in dieser Zeit unbeeindruckt von allen Unkenrufen schafften, <span id="more-1043"></span>aus dem F&#252;nf-Prozent-Ghetto, in dem sie 2002 sogar die fraktionsstarke Bundestagspr&#228;senz verpassten, herauszukommen und jetzt stabile Wahlwerte bis hin zum zweistelligen Bereich zu erzielen. Nat&#252;rlich verlief und verl&#228;uft das nicht geradlinig; es ist abh&#228;ngig von der Gro&#223;wetterlage, aber auch vom Binnenklima der Partei &#8211; beides war der Linken in diesem wetterwendischen Fr&#252;hjahr nicht g&#252;nstig.</p>
<p>Dass die Linkspartei aus der gegenw&#228;rtigen Wirtschafts- und Finanzkrise, die das Kapital und seine Apologeten verschuldeten, wenig Gewinn ziehen kann, ist vor allem ein grunds&#228;tzliches strukturelles Problem. Sie hat &#8211; ebenso wenig wie andere &#8211; eine &#252;berzeugende L&#246;sung f&#252;r die verfahrene Situation, aber sie steht zus&#228;tzlich in dem Ruf, mit ihrem Gegenprojekt, dem realen Sozialismus, gerade grandios gescheitert zu sein. Der Kapitalismus hat immerhin den Sozialismus niedergerungen und erscheint vielen als prinzipiell erfolgreicheres System; die Krise wird weithin als Ausnahme, als Ausrutscher verstanden, ws geheilt werden k&#246;nne. Und nat&#252;rlich verbreiten die Verfechter des Kapitalismus mit gro&#223;em Aufwand diese Sicht der Dinge, schon seit Wochen reden sie von der »Bodenplatte« der Krise, die erreicht sei, und werben f&#252;r ein nur leicht modifiziertes »Weiter so«.</p>
<p>Spurlos ist das auch an der Linken nicht vor&#252;bergegangen. Ohne Not mehren sich dort die Stimmen, die zwar (noch?) nicht expressis verbis, doch in der Sache dem Kapitalismus die neue Chance durchaus geben wollen &#8211; vor allem deshalb, weil es ihnen an einem &#252;berzeugenden Gegenkonzept weiterhin mangelt. So wird aus der eigenen theoretischen Schw&#228;che, verbunden mit dem Drang, dem Lockruf der politischen Konkurrenten nachzugeben und dadurch vielleicht endlich die harten Oppositionsb&#228;nke gegen weiche Kabinettssessel eintauschen zu k&#246;nnen, ein d&#252;nnes opportunistisches S&#252;ppchen, das den unzufriedenen W&#228;hler kaum satt macht und deshalb m&#246;glicherweise veranlasst, seine Stimme &#8211; wie schon 2002 &#8211; in der heimischen Schrankwand liegen zu lassen.</p>
<p>Eine vers&#246;hnlerische Haltung gegen&#252;ber den Verh&#228;ltnissen kann nicht das Konzept der Linken sein. Eine M&#228;&#223;igung von Forderungen nach ausk&#246;mmlichen Mindestl&#246;hnen, der Abschaffung von Hartz IV, dem Truppenabzug aus Afghanistan w&#228;re in dem Ma&#223;e kontraproduktiv, wie dadurch die Unterscheidbarkeit zu anderen politischen Kr&#228;ften, vor allem der SPD, verloren ginge. Sie macht auch deshalb keinen Sinn, weil die Linkspartei mit einer Beteiligung an Regierungen kaum rechen kann &#8211; im Bund schon gar nicht und auch nicht in den meisten L&#228;ndern. Und wenn sich doch daf&#252;r eine Chance bietet, die nat&#252;rlich konsequent genutzt werden sollte, gehen dem Koalitionsverhandlungen voraus, bei denen kein Beteiligter seine Maximalforderungen durchsetzen kann. Dann w&#228;re immer noch Zeit, weit gehende W&#252;nsche dem M&#246;glichen anzupassen. Vorauseilender Gehorsam gegen&#252;ber einem denkbaren Partner jedoch bringt eine Partei von vornherein in die Hinterhand. Von dort aus zu agieren gibt es f&#252;r die Linke nach ihrer bisherigen Erfolgsgeschichte keinen Grund &#8211; weder taktisch noch strategisch.</p>
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		<title>Vor 21 Jahren – Streit um die Hoheit &#252;ber Menschenrechte</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Dec 2008 18:32:07 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Heute vor 60 Jahren wurde von der UNO-Vollversammlung die Allgemeine Erkl&#228;rung der Menschenrechte verk&#252;ndet. In der Endphase der DDR entwickelte sich auch dieses Dokument mehr und mehr zu einem Gegenstand der inneren Auseinandersetzung zwischen Staatsmacht und aufkeimender Oppositionsbewegung. Sowohl in ihren internen Debatte, seit 1987 aber auch in &#246;ffentlichen Aktionen nahmen oppositionelle Gruppen immer &#246;fter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 60 Jahren wurde von der UNO-Vollversammlung die Allgemeine Erkl&#228;rung der Menschenrechte verk&#252;ndet. In der Endphase der DDR entwickelte sich auch dieses Dokument mehr und mehr zu einem Gegenstand der inneren Auseinandersetzung zwischen Staatsmacht und aufkeimender Oppositionsbewegung. <span id="more-618"></span>Sowohl in ihren internen Debatte, seit 1987 aber auch in &#246;ffentlichen Aktionen nahmen oppositionelle Gruppen immer &#246;fter Bezug auf die Menschenrechte &#8211; und gerieten damit schnell in Konflikt mit dem Staat und der Staatspartei SED, die die alleinige Deutungshoheit &#252;ber die Menschenrechtsfrage f&#252;r sich beanspruchten.</p>
<p>Ein deutlicher Ausdruck f&#252;r diesen zun&#228;chst ziemlich ungleichen Streit war eine Aktion, die heute vor 21 Jahren im Zentrum der damaligen DDR-Hauptstadt stattfinden sollte. B&#252;rgerrechtler versuchten am 10. Dezember 1987, dem DDR-offiziellen Komitee f&#252;r Menschenrechte eine Petition zu &#252;bergeben und wollten dies mit einer kleinen Demonstration zu dessen Sitz verbinden. Das rief nat&#252;rlich die Staatssicherheit auf den Plan, die nat&#252;rlich zeitig von der Aktion wusste und sie &#8211; nachdem weniger drakonische Ma&#223;nahmen nicht geholfen hatten &#8211; durch prophylaktische Verhaftung der Organisatoren faktisch verhinderte.</p>
<p>&#220;ber dieses Ereignis berichtet nachfolgender Terxt, der im Sommer 1990 entstand und die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 21 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<p> </p>
<h3> Aufkl&#228;rer unter Kontrolle</h3>
<p> </p>
<p>Die Bildung der »Initiative Frieden und Menschenrechte« (IFM) Ende 1985 war in Inhalt wie Form ein Akt der Emanzipation oppositioneller Kr&#228;fte von der Kirche. Denn bis dahin hatte das Engagement gegen die staatliche Politik fast ausschlie&#223;lich unter dem Dach der Kirche stattgefunden. Die Aktivit&#228;ten Anfang der 80er Jahre waren zum Beispiel mit dem auf einen Bibelspruch zur&#252;ckgehenden Symbol »Schwerter zur Pflugscharen« verbunden. Sie vollzogen sich in Friedenskreisen, die sich an den Berliner Kirchen wie auch in zahlreichen St&#228;dten der DDR bildeten. Einer der aktivsten war schon seit Oktober 1981 der Friedenskreis der Evangelischen Kirchgemeinde Alt-Pankow unter Leitung des Vikars der Sophiengemeinde, Dr. Hans-J&#252;rgen Misselwitz. Seit 1981 gab es auch den Friedenskreis der Samaritergemeinde unter Leitung des Pfarrers Rainer Eppelmann. Anfang 1982 bildete sich an der Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg der »Arbeitskreis f&#252;r christliches Friedenszeugnis«. 1984 gr&#252;ndete Reinhard Schult den Friedenskreis Berlin-Friedrichsfelde, der in die Kirchengemeinde Berlin-Friedrichsfelde-Ost eingebunden wurde und seit M&#228;rz 1987 den hektografierten »Friedrichsfelder Feuermelder« herausgab. Im evangelischen Gemeindezentrum Berlin-Hohensch&#246;nhausen entstand 1986 unter Leitung des Jugenddiakons Schatta der Friedenskreis Wei&#223;ensee. &#196;hnliche Gruppierungen formierten sich sp&#228;ter an der Bekenntniskirche in Berlin-Treptow, bei der Bartholom&#228;usgemeinde in Berlin-Friedrichshain, an der Christus-Kirche in Berlin-Sch&#246;neweide und anderen. Auch nicht zuv&#246;rderst aus christlicher Motivation entstehende Gruppen wie der Arbeitskreis »&#196;rzte f&#252;r den Frieden« oder der »Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer« begaben sich unter das Dach der Kirche. »Wir sahen uns als Kirche auch in einer Stellvertreterfunktion, weil es ja offiziell keine Arbeitsm&#246;glichkeiten f&#252;r eine politische Opposition gab«, erl&#228;uterte Probst Dr. Furian die Haltung zu diesen Initiativen, die oftmals nur &#228;u&#223;erst geringe Bindungen an religi&#246;ses Gedankengut hatten. Damit bot ihnen,die evangelische Kirche Wirkungsm&#246;glichkeiten unter ihrem Schutz; dies aber war mit der – ehr oder minder konsequent durchgesetzten – Auflage verbunden, die Interessen der Kirche zu wahren und deren Arbeitsbedingungen nicht zu beeintr&#228;chtigen.</p>
<p>Auch die in der sp&#228;teren IFM zusammengeschlossenen Oppositionellen nutzten die Kirchen als Wirkungsst&#228;tten. So. bereiteten sie im Herbst 1985 ein Seminar zu Menschenrechtsfragen vor. Zun&#228;chst aus der unabh&#228;ngigen Friedensbewegung der DDR hervorgegangen, sahen sie immer deutlicher, dass das Friedensengagement vom Staat in eng begrenztem Rahmen gehalten werden sollte. Immer wenn Aktivit&#228;ten einzelner &#252;ber diese Grenzen – sie waren im Prinzip vom au&#223;enpolitischen Kalk&#252;l bestimmt, und deshalb sollte sich alles nur auf internationaler Ebene abspielen – hinausgingen, setzte staatliche Repression ein. Daraus wuchs ganz zwangsl&#228;ufig die Erkenntnis, dass gerade die vorgeschriebene einseitige Orientierung auf internationale Abr&#252;stungsfragen in diesem Land nicht ausreichte, sondern dass innenpolitische, grundlegende gesellschaftliche Fragen ebenso eine Rolle spielen mussten, »Wir haben den Zusammenhang von innerem und &#228;u&#223;erem Frieden von Anfang an ziemlich stark pers&#246;nlich erlebt und dementsprechend auch thematisiert&#8221;, beschreib Gerd Poppe sp&#228;ter die damalige Situation. Das genannte Seminar sollte den erreichten Erkenntnisstand artikulieren und n&#228;chste Schritte beim Kampf um Menschenrechte in der DDR diskutieren. Staatliche Organe, die von der Sache Wind bekamen, &#252;bten starken Druck auf die Kirche aus, daf&#252;r keine R&#228;ume zur Verf&#252;gung au stellen, da es weit &#252;ber religi&#246;se T&#228;tigkeit hinausginge. Und die Kirche folgte diesem Argument – teilweise wohl auch aus eigener &#220;berzeugung, denn die Menschenrechtsaktivisten hatten stets ihre Unabh&#228;ngigkeit von der Kirche betont.</p>
<p>Gerd Poppe, B&#228;rbel Bohley, Werner Fischer, Wolfgang Templin, Peter Grimm, Ralf Hirsch und aridere aber blieben an der Sache dran, diskutierten in kleineren Gruppen und fanden so immer st&#228;rker zusammen, Ihre Gedanken formulierten sie in einem Papier, das im Januar 1986 – auch durch Vermittlung westlicher Medien – in die &#214;ffentlichkeit gelangte. Ein Vierteljahr sp&#228;ter traten sie mit einer »Eingabe an den <span lang="EN">XI. </span>Parteitag der SED« erneut hervor; sie forderten hier erstmals in aller Deutlichkeit einen &#246;ffentlichen Dialog zwischen SED und oppositionellen Kr&#228;ften. Ab Sommer 1986 erschien dann der »Grenzfall« als Publikation der IFM, der zugleich das Ziel der Sammlung der noch weitgehend zersplitterten Opposition verfolgte. Damit hatte sich erstmals in der DDR eine Gruppe etabliert, die zwar Wirkungsm&#246;glichkeiten in Gottesh&#228;usern auch weiterhin nutzte, jedoch v&#246;llig klar machte, dass sie au&#223;erhalb der Kirche stehen und sich deren Auflagen nicht unterwerfen werde.</p>
<p>Das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit erkannte aus seiner Sicht in den oppositionellen Gruppen fr&#252;hzeitig eine Gefahr. In seinen »Planvorgaben« f&#252;r die Jahre 1986 bis 1990, den letzten, die er erstellen lie&#223;, forderte Minister Mielke, die Aufkl&#228;rungs- und Abwehrt&#228;tigkeit vor allem gegen die »Forcierung der Menschenrechtsdemagogie und entsprechende Angriffe gegen die sozialistischen Staaten, Inspirierung oppositioneller und anderer feindlich-negativer Kr&#228;fte in sozialistischen Staaten zu antisozialistischen Handlungen und &#246;ffentlichkeitswirksamen Aktivit&#228;ten, insbesondere unter Bezugnahme auf Fragen der Menschenrechte und Grundfreiheiten, sog. menschlichen Erleichterungen und Begegnungen sowie weitere ›humanit&#228;re‹ Probleme« zu richten. Schwerpunktm&#228;&#223;ig sollten »Feindaktivit&#228;ten«, n&#228;mlich »Inspirierung, F&#246;rderung, Unterst&#252;tzung und Steuerung einer sog. inneren Opposition und politischer Untergrundt&#228;tigkeit im Sinne konterrevolution&#228;rer Entwicklungen (Strategie und Taktik, Mittel und Methoden, Steuerung durch Geheimdienste, Zentren der politisch-ideologischen Diversion und andere feindliche Stellen und Kr&#228;fte)«, unterbunden werden.</p>
<p>Mit der Bek&#228;mpfung so bezeichneter und damit kriminalisierter Handlungen war ein Auftrag erteilt, der in den n&#228;chsten Jahren in erheblichem Ma&#223;e das Potential der Staatssicherheit binden sollte und dar&#252;ber hinaus zum st&#228;ndigen Ausbau des geheimen Unferdr&#252;ckungsapparates f&#252;hrte. Der Irrglaube an die eigene Unfehlbarkeit in der Partei- und Staatsf&#252;hrung der DDR verweigerte anders lautenden Gedanken und Meinungen jegliche Existenzberechtigung; keimten sie dennoch auf, konnte das nur die Saat konterrevolution&#228;rer Feinde sein, die entsprechend bek&#228;mpft werden mussten. Die hartn&#228;ckigen Aufkl&#228;rer in den oppositionellen Gruppen, die angetreten waren, neben dem Frieden auch die Freiheit zu propagieren, die Demokratie, Menschenrechte, Umweltschutz nicht nur als blo&#223;e Lippenbekenntnisse gelten lassen, sondern zu gesellschaftlicher Realit&#228;t machen wollten, sahen sich von Anfang an drakonischer Verfolgung ausgesetzt. Das Ziel Mielkes war es, so er sie schon nicht zerschlagen konnte, diese Gruppen unter strikter Kontrolle zu halten und alle Regungen, die aus seiner Sicht die staatliche Macht gef&#228;hrden konnten, im Keime zu ersticken. Er &#252;bersah dabei v&#246;llig, dass das Entstehen der »Initiative Frieden und Menschanrechte« – ebenso wie der kirchlichen und anderer Zusammenschl&#252;sse zuvor und danach – ein objektiver Prozess war, der sich aus den wachsenden Widerspr&#252;chen in der DDR-Gesellschaft ergab. Und mehr noch – auch sie waren Reflex .auf die sich in. den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern ank&#252;ndigenden gewaltigen Umbruchprozesse, von denen die ersten Erdst&#246;&#223;e schon 1956 in Ungarn und 1968 in der CSSR zu erleben waren und die Mitte der 80er Jahre mit der Perestroika in der Sowjetunion ein politisches Erdbeben einleiteten.</p>
<p>Nicht zuf&#228;llig wies Gerd Poppe darauf hin, dass die IFM von Anfang an st&#228;rker nach dem Osten als nach Westeuropa orientiert war. Die Friedenskreise an den Kirchen entstanden zumeist als Reaktion auf die Aktivit&#228;ten der westlichen Friedensbewegung gegen die Nuklearaufr&#252;stung. Die IFM – mit Gorbatschow konfrontiert, aber auch mit Vaclav Havel und Gy&#246;rgy Konrad, mit. »Solidarnosc« und den Nachfolgern der »Charta 77« – richtete ihre Blicke nach Osteuropa. Hier fand sie &#228;hnliche Probleme wie im eigenen Land und ganz verwandte Losungsansatze, die zu durchdenken und auszudiskutieren waren. »Aus den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern kamen st&#228;rkere Impulse, die innergesellschaftlichen Probleme mit den au&#223;enpolitischen in Zusammenhang zu bringen – viel st&#228;rker als aus dem Westen«, so Poppe.</p>
<p>F&#252;r Mielke waren diese Vorg&#228;nge nichts als imperialistische Machenschaften, die gegen den von ihm und seinesgleichen zu bestimmenden Gang der Geschichte standen. Daher sah er schon 1986 als eine Hauptaufgabe »die gr&#252;ndliche Aufkl&#228;rung und vorbeugende Verhinderung der gesamten subversiven T&#228;tigkeit, der konkreten Absichten und Aktivit&#228;ten f&#252;r das weitere Vorgehen gegen den Sozialismus, der dabei zum Einsatz gelangenden Mittel und Methoden sowie der damit beabsichtigten Wirkungen seitens des Imperialismus, besonders seiner Geheimdienste, der Zentren der politisch-ideologischen Diversion und weiterer feindlicher Stellen und Kr&#228;fte. Es sind verst&#228;rkte Anstrengungen zur Entlarvung und Vereitelung der Pl&#228;ne, Absichten und Machenschaften zu unternehmen, die auf die Unterminierung der Einheit und Geschlossenheit, die Spaltung und Schw&#228;chung der sozialistischen Staatengemeinschaft gerichtet sind.«</p>
<p>Mielkes Berliner Statthalter, Generalmajor H&#228;hnel, scheute sich nicht das auszusprechen, was Mielke noch schamhaft verschwieg, n&#228;mlich die inspirierende Kraft des »neuen Denkens« in der UdSSR f&#252;r die oppositionellen Gruppen: »Gegenw&#228;rtig registrieren wir Bestrebungen des harten Kerns der Organisatoren politischer Untergrundt&#228;tigkeit, inspiriert durch feindliche Kr&#228;fte aus westlichen Staaten, die Forderungen der KPdSU nach einem neuen politischen Denken und. Handeln bei der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft in der UdSSR auf die Innenpolitik der DDR zu &#252;bertragen. Mit Eingaben, Positionspapieren, provokatorischen Schreiben an Repr&#228;sentanten unserer &#8216;Regierung, aber auch ausl&#228;ndischer Regierungen, wird versucht, sich als eine politische Kraft darzustellen und den Dialog mit offiziellen Vertretern von Partei und Regierung zu erzwingen. Vor allem durch Angeh&#246;rige der feindlichen Gruppe ›Frieden und Menschenrechte‹ (Templin, Poppe, Bohley, Fischer) wurden die Begriffe ›Neues Denken‹, ›Umgestaltung‹ und ›Transparenz‹ &#252;bernommen und gleichzeitig versucht, einen Gegensatz zwischen UdSSR und DDR, KPdSU und SED zu konstruieren«, sagte er vor der Berliner Bezirkseinsatzleitung im September 1987.</p>
<p>Doch weder die gebetsm&#252;hlenartige Wiederholung lebensfremder. Thesen noch die faktische Gleichstellung sowjetischen Gedankenguts mit konterrevolution&#228;ren Ideen konnten etwas daran &#228;ndern, dass sich nach der IFM weitere Gruppen bildeten, die neben den kirchlichen Kreisen Oppositionst&#228;tigkeit leisteten. Vera Wollenberger gr&#252;ndete im Februar 1987 die Gruppe »Gegenstimmen«. Im Grundsatz mit der IFM einig, verfolgte sie jedoch ein klarer umrissenes Ziel, strebte sie nach definierten gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen, w&#228;hrend sich die IFM auf die Kritik der bestehenden Verh&#228;ltnisse konzentrierte. Dieses Gesellschaftskonzept der »Gegenstimmen« war prononciert links und hatte so Ber&#252;hrungspunkte mit entsprechenden westeurop&#228;ischen Gruppen, Die . »Gegenstimmen« leisteten eine umfangreiche theoretische Arbeit, deren Quintessenz nach einer Analyse der MfS-Bezirksverwaltung Berlin darauf hinauslief, »dass grundlegende gesellschaftliche Entwicklungen in der DDR nicht in &#220;bereinstimmung mit der marxistisch-leninistischen Theorie st&#252;nden«, Dieser letztlich ideologisch gepr&#228;gte Ansatz unterschied der »Gegenstimmen« in der Hauptsache von der IFM.</p>
<p>Vera Wollanberger geh&#246;rte auch zu den Initiatoren der »Kirche von unten« , die sich 1987 im Zusammenhang mit dem Evangelischen Kirchentag in Berlin herausbildete. Diese Gruppierung verstand sich prim&#228;r als Opposition zum staatlichen System in der DDR, zugleich aber auch als Opposition zur etablierten Kirchenleitung. »Es waren dies junge Leute«, so Bischof Forck, »die meinten, die offizielle Kirche w&#252;rde die wirklichen Probleme verschleiern? um niemandem weh zu tun.« Aus seiner Sicht war es in Wirklichkeit eine nichtkirchliche Institution, »denn viele von ihnen vertraten auch die Meinung, wenn sie die M&#246;glichkeit zur Opposition in diesem Lande h&#228;tten, brauchten sie die Kirche nicht. Diese war also f&#252;r nicht wenige nur das Dach f&#252;r ihre Aktivit&#228;ten in der Gesellschaft, f&#252;r ihre Kritik am Staat«. Lange tat sich die Kirche schwer mit diesen Gruppen, aber – wie schon dargestellt – lie&#223;en ihr schlie&#223;lich die Repressalien des Staates gegen die solcherart, aufm&#252;pfige Opposition keine andere Wahl als die Parteinahme. Am 22, April 1988 wurde die »Kirche von unten« als Personalgemeinde von der Leitung der Evangelischen Kirche zu Berlin-Brandenburg genehmigt und registriert.</p>
<p>F&#252;r die MfS war nat&#252;rlich auch die »Kirche von unten« nichts als ein Hort der Konterrevolution. Die Bezirksverwaltung Berlin berichtete &#252;ber sie: »Sie ist ein organisatorisches Sammelbecken f&#252;r feindlich-negative Personen, Irregeleitete .und andere von ihnen beeinflusster Kr&#228;fte, die besonders offizielle Kirchentage auch au&#223;erhalb der Kirche in Berlin-Brandenburg in Anspruch nehmen, um mit ihren Aktivit&#228;ten &#246;ffentlichkeitswirksam auf ihre Ziele aufmerksam zu machen.« All diese Organisationen waren f&#252;r das MfS Bestandteile der »politischen Untergrundt&#228;tigkeit« (PUT) und damit Ziele seiner operativen Bearbeitung. Wie diese ablief, zeigte das Beispiel der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/11/25/vor-21-jahren-sturm-auf-die-umweltbibliothek/" target="_blank">Umweltbibliothek</a>. Es war aber nur der Auftakt einer langen Reihe &#228;hnlicher Repressivma&#223;nahmen gegen Andersdenkende.</p>
<p>Der n&#228;chste Sto&#223;, nur 14 Tage nach dem Angriff auf die Bibliothek, richtete sich gegen die »&#8217;Initiative Frieden und Menschenrechte« direkt. Sie wollte aus Anlass des »Tages der Menschenrechte« am 10. Dezember 1987 im staatlich gelenkte Komitee f&#252;r Menschenrechte in der damaligen Berliner Otto-Grotewohl-Stra&#223;e eine Petition abgeben, und dieses Anliegen sollte durch Transparente und Sprechch&#246;re auch &#246;ffentlichkeitswirksam gemacht werden. Zun&#228;chst taten staatliche Organe alles, um &#252;ber kirchliche Stellen diesen Protest zu verhindern. .Als sich letztere f&#252;r unzust&#228;ndig erkl&#228;rten, erfolgten zun&#228;chst eine »Belehrung« derjenigen, die als Initiatoren bekannt geworden .waren, dann die prophylaktische »Zuf&#252;hrung« von acht »Exponenten politischer Untergrundt&#228;tigkeit« und schlie&#223;lich die totale Absicherung des Orten durch Polizeikr&#228;fte. Das MfS konnte nun vermelden: »Im Ergebnis der durchgef&#252;hrten Sicherungsma&#223;nahmen kann eingesch&#228;tzt werden, dass die von Mitgliedern der ›Initiative f&#252;r Frieden und Menschenrechte‹ geplante &#246;ffentlichkeitswirksame Provokation verhindert werden konnte.«</p>
<p>F&#252;r Gerd Poppe jedoch war die Aktion mehr als die routinem&#228;&#223;ige Verhinderung einer »Provokation«. Immerhin hatte die IFM am Abend des 10. Dezember in der Gethsemanekirche vor ca. 500 Besuchern noch einmal ihre Ziele in konzentrierter Form vorgestellt. Sie erkl&#228;rte dabei, dass Friedensarbeit f&#252;r sie auch immer ein Prozess notwendiger gesellschaftlicher Ver&#228;nderungen sei: »Diese innergesellschaftlichen Ver&#228;nderungen sind nicht Bedrohung, sondern Vorbedingung f&#252;r einen stabilen Frieden. Es muss eine breite &#214;ffentlichkeit entstehen, die eine wirksame Kontrolle aus&#252;ben kann. Die Entstehung einer solchen kritischen &#214;ffentlichkeit ist abh&#228;ngig von der Garantie der Menschen- und B&#252;rgerrechte. Die etablierte Macht ist an solchen Ver&#228;nderungen nicht interessiert oder nur insoweit, wie sie f&#252;r die Machterhaltung. nothwendig sind. Die Garantie politischer Freiheitsrechte, die wir als unver&#228;u&#223;erlich ansehen, kann deshalb nicht von den Herrschenden erwartet werden, sondern muss gegen sie durchgesetzt werden.«</p>
<p>Die IFM sah, wie es in dem Text weiter hie&#223;, zwei gro&#223;e Aufgabenkomplexe in der Gesellschaft:</p>
<p>»1. Herstellung von Rechtsstaatlichkeit, 2. Demokratisierung. Rechtsstaatlichkeit ist f&#252;r uns nicht identisch mit Einhaltung machtpolitisch motivierter Gesetze, sondern bedeutet, sich gegen jegliche Willk&#252;r der M&#228;chtigen zu wenden. Auch ein Teil der sogenannten ›positiven‹ Rechtsvorschriften .erm&#246;glicht Willk&#252;rakte, wie das Polizeigesetz, das Ordnungswidrigkeitengesetz usw. Rechtsstaatlichkeit ist. nicht zu trennen:</p>
<p>- von der Garantie der Meinungsfreiheit, Presse- und Medienfreiheit,</p>
<p>- von der damit verbundenen Aus&#252;bung einer wirksamen demokratischen Kontrolle,</p>
<p>- von der Abschaffung von Einschr&#228;nkungen garantierter Rechte,</p>
<p>- von der Abschaffung von Paragraphen des Strafgesetzbuches, die die &#246;ffentliche Meinungs&#228;u&#223;erung unter Strafe stellen k&#246;nnen.</p>
<p>Rechtsstaatlichkeit ist weiter nicht zu trennen von der Existenz unabh&#228;ngiger Gerichte, von der Einf&#252;hrung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit, von der Beendigung der Verletzung der Privasph&#228;re: Telefon- und Post&#252;berwachung ohne richterlichen Beschluss, Abh&#246;ren von Wohnungen, pr&#228;ventive Festnahmen usw. Rechtsstaatlichkeit muss das Streikrecht garantieren und nicht zuletzt die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Die Herstellung von Rechtsstaatlichkeit in diesem Sinne, also politische Grundrechte f&#252;r alle, ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Demokratie.«</p>
<p>Diene Forderungen – zwei Jahre sp&#228;ter im revolution&#228;ren Aufbruch des Herbstes 1989 /verwirklicht – waren damals eine erneute offene Herausforderung das Staates, und daher wertete Gerd Poppe die Tatsache, dass sieben Aktivisten der IFM, Wolfgang Templin, Ralf Hirsch, Peter Grimm, Martin B&#246;ttger, Reiner Dietrich, Wolfgang Wolf und er selbst, sowie Vera Wollenberger von den »Gegenstimmen« auch noch den ganzen 11. Dezember in Haft blieben, dort intensiv verh&#246;rt wurden und unter Drohungen zum Stellen eines Ausreiseantrages veranlasst v/erden sollten, als den Versuch, die Gruppe erheblich zu verunsichern, wenn nicht gar au zerschlagen. »Wir hatten angenommen, dass der Staat nach seinen Erfahrungen mit der Umweltbibliothek, vor allem nach der starken Solidarisierung und den &#246;ffentlichen Protesten, erst einmal Zur&#252;ckhaltung &#252;ben w&#252;rde«, sagte Poppe dazu. »Aber das erwies sich als Fehlkalkulation. Das MfS sah darin wohl eine dem&#252;tigende Niederlage, die schnell vergessen gemacht werden sollte.«</p>
<p>Wenn es daf&#252;r in den zug&#228;nglichen Unterlagen des MfS bisher auch keine dokumentarische Best&#228;tigung gibt, so spricht doch viel f&#252;r die Richtigkeit dieser Einsch&#228;tzung. Denn die n&#228;chsten Wochen zeigten deutlich, dass der Staat offensichtlich nur auf eine <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">neue Gelegenheit </a>wartete, mit seinen Opponenten abzurechnen.</p>
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