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	<title>blogsgesang.de &#187; Runder Tisch</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Vor 20 Jahren – Die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage macht Probleme</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 15:21:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/164516.eine-vergangenheit-die-nie-vergeht.html" target="_blank">Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag</a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/d7b9621a2af741f8b68bb820e2281a5d" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. <span id="more-1477"></span>Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst zu, die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hatte zwar lange gehofft, in einer reformierten DDR, wie in jedem Staat, ihren Platz zu haben, doch Anfang 1990 zeichnete sich immer st&#228;rker die kommende Vereinigung der beiden deutschen Staaten ab &#8211; und wer Realist war, wusste, dass diese Entwicklung auch die Geschichte der DDR-Aufkl&#228;rung besiegeln w&#252;rde.</p>
<p>Das zu begreifen, war das eine, die DDR-Spionage jedoch m&#246;glichst r&#252;ckstands- und f&#252;r ihrer Tausenden Mitarbeiter inner- und au&#223;erhalb der DDR auch folgenlos aus der Welt zu schaffen, war das andere. Das nat&#252;rlich nicht gelang. Jahrerlang waren politische, juristische uznd andere Gremien besch&#228;ftigt, die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage zu bew&#228;ltigen; dass dabei vielf&#228;ltige ideologische, materielle und auch mentale Aspekte eine Rolle spielten, erleichterte die Angelegenheit nicht.</p>
<p>Einen gewiss begrenzten Einblick in diese Vorg&#228;nge vor 20 Jahren gibt folgender Text, der 1992 in dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde. Zwar ist heute das damalige Geschehen gr&#252;ndlicher erforscht; dennoch kann diese alte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen; aktuelle Entwickjlungen werden einigen F&#228;llen durch entsprechende Links angezeigt.</p>
<h3>Die vertrackte Hinterlassenschaft der DDR-Spionage</h3>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-1481" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/02/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />»Kluge« &#8211; so stellte sich der grobknochige Mann an jenem nasskalten Sp&#228;twintertag am Potsdamer Platz vor, und er kam sogleich zur Sache. Gesch&#228;ftsm&#228;&#223;ig fragte er sein Gegen&#252;ber aus, wollte die Namen von DDR-Spionen in der Bundesrepublik wissen, forschte nach den verbliebenen Strukturen der HVA, nach etwaigen Kontakten zum sowjetischen KGB. Er war ein Abwehrmann des Verfassungsschutzes – beauftragt, einem Offizier der sich in Aufl&#246;sung befindlichen Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des MfS, der dem einstigen Gegner ein vorsichtiges Angebot zu Kooperation gemacht hatte, auf den Zahn zu f&#252;hlen und so viel wie m&#246;glich aus ihm herauszuholen. Das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz – in der jahrzehntelangen Auseinanderesetzung mit der HVA nicht eben erfolgreich – gedachte die nun entstandene desolate Situation des DDR-Spionagedienstes zu nutzen, um einige sp&#228;te Siege zu erringen.</p>
<p>Aber jener »Kluge« hatte mit seinem Gespr&#228;chspartner weitaus mehr gemein, als man angesichts dieser Zielstellung vermuten k&#246;nnte. Er hie&#223; n&#228;mlich mit b&#252;rgerlichem Namen Klaus Kuron un d war &#8230; Mitarbeiter der BfV-Abteilung IV, zust&#228;ndig f&#252;r die F&#252;hrung von Doppelagenten, der bereits seit acht Jahren f&#252;r die HVA spionierte. Seine Stellung im Amt hatte ihm jetzt diese Aufgabe beschert, denn er war nat&#252;rlich pr&#228;destiniert f&#252;r die Betreuung der &#220;berl&#228;ufer aus der HVA. So redete er nicht lange drumherum, bot stattdessen »Kopfgelder« f&#252;r jede wichtige Quelle in f&#252;nfstelligen D-Mark-Betr&#228;gen. Er war eben ein Profi, der seinen Job verstand.</p>
<p>Hernach jedoch landeten seine Berichte nicht nur auf dem Schreibtisch seines Chefs in K&#246;ln, sondern noch bis weit ins Jahr 1990 hinein ebenfalls in Ostberliner Amtsstuben, konkret denen des HVA-Chefaufl&#246;sers Bernd Fischer und seiner Leute.</p>
<p>Seit dem Herbst 1989 war jedoch auch f&#252;r Klaus Kuron eine Wende eingetreten. Pl&#246;tzlich waren – wenn auch ohne eigenes Zutun – seine eigentlichen Dienstherren die Sieger, und sein Nebenjob stellte eine t&#246;dliche Gefahr dar.</p>
<p>Das Beispiel zeigt, wie vielf&#228;ltig und kompliziert die Hinterlassenschaft war, die nach dem Ende der HVA zur&#252;ckblieb. Auf der einen Seite Tausende Mitarbeiter in der Berliner Zentrale und ihren zahlreichen Au&#223;enstellen, in den Bezirksverwaltungen, wo jeweils die Abteilung XV f&#252;r die Spionage zust&#228;ndig war, und auch in den Kreisdienststellen. Andererseits eine bislang unbekannte Zahl von Aufkl&#228;rern und Sp&#228;hern im Operationsgebiet, dessen Schwerpunkt in der Bundesrepublik Deutschland lag, das sich aber allm&#228;hlich auf beinahe die ganze Welt ausgedehnt hatte.. Da es f&#252;r diese Personen keine zentrale Registratur gab, sondern jede Abteilung sie selbst&#228;ndig f&#252;hrte, wird ihre Zahl auch im nachhinein nicht mehr zu ermitteln sein.</p>
<p>Von den hauptamtlichen Mitarbeitern waren bis Mitte Januar erst etwas mehr als 15 Prozent entlassen, zum Teil auf eigenen Wunsch, zum Teil, um den immer dr&#228;ngenderen Forderungen nach Reduzierung des Personalbestandes Rechnung zu tragen. Was aber sollte mit den vielen Tausenden von inoffiziellen Mitarbeitern in der BRD, im Ausland und nicht zuletzt in der DDR geschehen?</p>
<p>Von den toten Gegenst&#228;nden hatte man sich noch relativ leicht trennen k&#246;nnen. Neben dem weitl&#228;ufigen Geb&#228;ude an der Ecke Frankfurter Allee/Ruschestra&#223;e verf&#252;gte die HVA allein in Berlin &#252;ber Hunderte Objekte verschiedenster Art, nicht gerechnet die etwa gleiche Zahl von »konspirativen Wohnungen«, in denen sich die F&#252;hrungsoffiziere mit ihren IM trafen und wo immer wieder die Verwandlung eines unauff&#228;lligen DDR-B&#252;rgers in einen »K&#228;mpfer an der unsichtbaren Front«, also einen Instrukteur, einen Werber, einen Kurier im weitl&#228;ufigen Operationsgebiet stattfand. Neben diesen Wohnungen, &#252;berall im Stadtgebiet verstreut, existierten etliche Villen im Berliner Umland, meist komfortabel ausgebaut, in denen h&#228;ufig Treffen mit den Quellen aus dem Operationsgebiet stattfanden, die nicht selten in Feiern endeten. Solche Objekte konnte man in Karolinenhof und Schildow, in Wandlitz und Zeuthen finden. Schlie&#223;lich hatten sich der Leiter der HVA, seine Stellvertreter und einige besonders ehrgeizige Abteilungsleiter exquisite H&#228;user in attraktiven Gegenden der DDR, zum Beispiel auf dem Wei&#223;en Hirsch in Dresden, in Radebeul, Saalburg und anderswo, ausbauen lassen. Hier empfingen sie Kundschafter oder hielten Beratungen mit ihren Kollegen aus dem Ausland ab.</p>
<p>Zur Ausstattung der HVA geh&#246;rten auch 700 Kraftfahrzeuge, davon 400 bis 500 Pkw, eine im Aufbau befindliche Computeranlage im Stadtbezirk Hohensch&#246;nhausen, ein gro&#223;es Fotolabor, technische Werkst&#228;tten zur Herstellung falscher Papiere, von »Containern« zum Materialtransport und anderer Spionagewerkzeuge. Sie verf&#252;gte &#252;ber Ferieneinrichtungen in und um Berlin sowie in allen Bezirken der DDR, die in der Regel zugleich als Ausweichobjekte f&#252;r den Ernstfall eines Krieges dienen sollten.</p>
<p>Vor allein aber befanden sich in der HVA ungeheuere Aktenbest&#228;nde. Sie setzten sich aus den &#252;ber fast vierzig Jahre beschafften Informationen, den Angaben &#252;ber Personen und Objekte und den zahlreichen Weisungen und administrativen Papieren zusammen, die in solch einem b&#252;rokratischen Apparat anfallen. Die Mehrzahl der Informationen war bereits in den Jahren zuvor auf Mikrofiches verfilmt worden; ihr Volumen hielt sich in Grenzen. In den Panzerschr&#228;nken der von der HVA-Mitarbeitern verlassenen Dienstr&#228;ume befand sich aber soviel Material, dass damit sp&#228;ter etwa 100..LKW beladen, werden konnten.</p>
<p>Ende Januar und den ganzen Februar 1990 &#252;ber sammelten mit Zustimmung des B&#252;rgerkomitees kleine Gruppen von HVA-Mitarbeitern das gesamte Schriftgut und konzentrierten es in wenigen R&#228;umen. Gleichzeitig begann die Vernichtung, wobei davon auszugehen ist, dass zuerst besonders brisante Akten in den Rei&#223;wolf kamen. Dazu geh&#246;rten die Unterlagen &#252;ber Spione im Operationsgebiet, dazu geh&#246;rten Weisungen und Befehle, aus denen auf Schwerpunkt-Standorte geschlossen werden konnte, dazu geh&#246;rten aber auch all jene Papiere, die Aufschluss &#252;ber die Zusammenarbeit von Aufkl&#228;rung und Abwehr gaben. Den ganzen Tag &#252;ber – und auch nachts bei verdunkelten Fenstern – wurde das Papier zerschnipselt, verkollert, in S&#228;cken eingelagert. Der Abtransport war damals noch nicht m&#246;glich, so dass schlie&#223;lich die Papiers&#228;cke bis zur Decke stapelten. Die Mikrofiches wurden verbrannt. Als weitaus schwieriger erwies sich, die personellen Probleme zu l&#246;sen. Ging es doch dabei nicht nur um die Bereinigung konspirativer Vorg&#228;nge in der DDR, sondern vor allem um die ger&#228;uschlose, unauff&#228;llige Aufl&#246;sung der vielf&#228;ltigen Verbindungen ins Operationsgebiet. Als erstes wurden die Karteikarten der HVA aus der zentralen Registratur der Abteilung XII des MfS abgezogen. In dieser Abteilung waren s&#228;mtliche Personen festgehalten, die in irgendeiner Weise mit dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit zu tun hatten – ob als T&#228;ter, wie auch immer, oder als Opfer. Die Abteilung XII gab auf der Basis der bei ihr gespeicherten Grunddaten einen ersten Hinweis, wie eine angefragte Person einzusch&#228;tzen sei &#8211; wie sich oftmals zeigte, zu undifferenziert und holzschnittartig. Heute verf&#252;gt die Gauck-Beh&#246;rde &#252;ber die Karteikarten der Abteilung XII und wertet oftmals auf der Grundlage dieser unzureichenden Daten &#8230;</p>
<p>Die Sicherstellung der Personaldaten war nur der Anfang; vieles andere war zu bedenken – und dieser komplizierte Prozess konnte mit dem schnellen Ablauf der Aufl&#246;sung nicht Schritt halten. Daher vereinbarten die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches und die Reste der HVA die Auslagerung der Materialien der Aufkl&#228;rung an einen anderen Ort. Die Arbeitsgruppe Sicherheit beschloss am 23. Februar 1990, dass die HVA-Unterlagen in der ersten M&#228;rzdekade in das Objekt Roedernstra&#223;e 30, wo sich bislang Werkst&#228;tten befunden hatten, gebracht und dort von etwa 200 Mitarbeitern endg&#252;ltig aufgel&#246;st werden. Bis zum 15. M&#228;rz war die Normannenstra&#223;e zu verlassen, zum gleichen Zeitraum auch die Schule der HVA, erst vor etwa anderthalb Jahren bezogen, zu r&#228;umen. Der Umzug verlief unter der wachsamen Kontrolle der B&#252;rgerbewegung und der Kirche. Jeder Transport wurde von zwei Kirchenvertretern begleitet, die auch Stichproben machten. Von der Roedernstra&#223;e aus wurde dann die totale Vernichtung der HVA-Akten organisiert. Das geschah ebenfalls unter den Augen der B&#252;rgerkomitees und ihrer Aufl&#246;sungsgremien; die dazu ihre volle Zustimmung gaben. Sie lie&#223;en sich davon &#252;berzeugen, dass sowohl das operative Netz in der Bundesrepublik als auch das Hilfs-Netz in der DDR vor unbefugtem Zugriff zu sch&#252;tzen seien. Sicher sind dabei auch Unterlagen vernichtet worden, die f&#252;r eine historisch wahrhaftige Aufarbeitung des Kapitels Staatssicherheit von Wert gewesen w&#228;ren, und mancher hat gewiss Papiere beiseite gebracht, die er ungern in den H&#228;nden der B&#252;rgerrechtler gesehen h&#228;tte, zum Beispiel sie betreffende Dossiers f&#252;r die Abwehr. Wie sich seit Anfang 1992 zeigte, ohne gro&#223;en Nutzen, denn nat&#252;rlich waren die von der HVA zum Beispiel an die Hauptabteilung XX gegangenen Berichte in deren Hinterlassenschaft aufzufinden. Das k&#246;nnte helfen, Umfang wie Sto&#223;richtung dieses Teils der T&#228;tigkeit der HVA weitgehend zu rekonstruieren.</p>
<p>Ungeachtet dessen d&#252;rfte aber die weitere Entwicklung auch gezeigt haben, wie richtig die Entscheidung zur Vernichtung der HVA-Akten im Grundsatz war. Denn es ist ziemlich sicher, dass diese hochbrisanten Papiere s&#228;mtlich – und wahrscheinlich ausschlie&#223;lich – den Geheimdiensten zug&#228;nglich gemacht worden w&#228;ren; das seit 1. Januar 1992 geltende Stasi-Akten-Gesetz bot daf&#252;r gen&#252;gend Handhabe. Jene Materialien jedenfalls, die die HVA-Aufl&#246;ser – dem Beschluss des Runden Tisches folgend – f&#252;r eine zentrale Archivierung zur Verf&#252;gung stellten und die im Juni 1990 von Vertretern des B&#252;rgerkomitees, darunter der damalige Sprecher der Gauck-Beh&#246;rde, David Gill, gesichtet wurden, sind bisher der &#214;ffentlichkeit nicht zug&#228;nglich.</p>
<p>Es handelt sich dabei um ganze Jahrg&#228;nge von Ausgangsinformationen der Auswertungsabteilung der HVA, die sich mit den politischen, milit&#228;rischen und &#246;konomischen Vorg&#228;ngen in der Bundesrepublik und anderen beobachteten L&#228;ndern befassten. Aus den Best&#228;nden der fr&#252;heren Abteilung IX wurden Analysen zur Struktur und Arbeitsweise des Bundesnachrichtendienstes, die komplette Kartei der hauptamtlichen BND-Mitarbeiter sowie Dossiers &#252;ber eine gr&#246;&#223;ere Anzahl von ihnen &#252;bergeben, weiter Materialsammlungen &#252;ber das Bundesamt und die Landes&#228;mter f&#252;r Verfassungsschutz sowie Dossiers &#252;ber deren Mitarbeiter, schlie&#223;lich eine Aufstellung der Bediensteten des Milit&#228;rischen Abschirmdienstes (MAD). Auch Unterlagen &#252;ber den CIA – so die wichtigsten zentralen Richtlinien f&#252;r die Organisierung einer weltweiten Spionage, f&#252;r die elektronische &#220;berwachung, eine Kartei mit Angaben &#252;ber alle Dienststellen des USA-Geheimdienstes in der damaligen Bundesrepublik und West-Berlin, aber auch die komplette Dokumentation des Vorgangs »Ronny« – befanden sich seitdem beim Aufl&#246;sungskomitee und sind jetzt wohl beim »Bundesbeauftragten f&#252;r die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik« archiviert. Gleiches gilt f&#252;r Analysen &#252;ber Struktur und Arbeitsweise der Geheimdienste aller anderen NATO-Staaten sowie weiterer europ&#228;ischer L&#228;nder.</p>
<p>Die genannten Materialien wurden in einer spektakul&#228;ren Aktion -. unter dem Begleitschutz mehrerer Funkstreifenwagen – in den Archivtrakt der Normannenstra&#223;e &#252;berf&#252;hrt. Wo sind sie jetzt?</p>
<p>Die restlose Beseitigung der &#252;brigen Unterlagen erwies sich als ein hartes St&#252;ck Arbeit. Fast unaufh&#246;rlich rollten die Lkw zur Papierm&#252;hle in der Orloppstra&#223;e. Im Westteil Berlins mussten gr&#246;&#223;ere Posten von Papier- und Plastes&#228;cken eingekauft werden; dazu B&#252;ro-Rei&#223;w&#246;lfe zur Zerkleinerung der Akten. Ein letztes Mal bereitete die »Tonnen-Ideologie«, die Manie, &#252;ber jedes Detail ein Papier anzulegen, den Aufkl&#228;rern Verdruss. Schon wenn erste Kontakte mit einem ins Auge gefassten IM sich als vielversprechend erwiesen und ihre Fortsetzung beschlossen wurde, bekam er einen Aktenvorgang, registriert mit einem Decknamen. Der »Kandidat« entwickelte sich mehr oder minder gut – aber auch dann, wenn sich aus ihm nichts machen lie&#223;, wurde der Vorgang archiviert. All diese Unterlagen fanden sich nun in den Stahlschr&#228;nken der Mitarbeiter, zum Teil vergilbte und staubige Schnellhefter mit Namen, deren Tr&#228;ger in der operativen Arbeit der HVA nie eine Rolle gespielt hatten. Dazu kamen massenhaft Weisungen, Ordnungen, Vorschriften, Dienst- und Belehrungsb&#252;cher aus Jahrzehnten, Parteimaterialien und all das Papier, das man sich nicht wegzuwerfen getraute, weil es vielleicht noch einmal zu brauchen war.</p>
<p>Au&#223;erhalb der HVA waren s&#228;mtliche »konspirativen Wohnungen« aufzul&#246;sen, musste ihr Personal entlassen werden. Die materiellen Werte gelangten teilweise zum Verkauf, teilweise wurden sie auch kostenlos weitergegeben, so an die Hohensch&#246;nhausener Pfarrgemeinden, die f&#252;r manches Verwendung fanden.</p>
<p>Von besonderer Brisanz war der Umgang mit den Finanzmitteln. Bereits im November 1989 war die Finanzplanung 1990 vorbereitet worden; dabei sollte das »Anlegen zentraler operative Finanzreserven« gepr&#252;ft werden. Ein Teil dieser Mittel wurde f&#252;r die Abwicklung der im Aufl&#246;sungsprozess unumg&#228;nglichen operativen Ma&#223;nahmen ben&#246;tigt; so gab Klaus Kuron im Prozess gegen ihn an, noch im Fr&#252;hjahr 1990 f&#252;r seine Informationen knapp 60.000 D-Mark erhalten zu haben. &#220;ber den Verbleib der restlichen Gelder ist bisher zuverl&#228;ssig nichts bekannt.</p>
<p>Parallel zur Vernichtung der Akten und der »Abwicklung« der materiellen und finanziellen G&#252;ter begann die Herausl&#246;sung der Menschen aus dem Apparat der HVA. Dabei war die Entlassung der hauptamtlichen Mitarbeiter noch die einfachere Aufgabe – ganz im Unterschied zur Trennung von den Spionen im Operationsgebiet. Diese hatten auf ihr weiteres Schicksal zumeist keinen Einfluss, fragten sich aber gerade deshalb wohl oft bange: »Wer wird wie mit mir verfahren?« Begonnen wurde mit den Meldeakten in der DDR. Die als Methode von der HVA angewandte »&#220;bersiedelung« von Agenten hatte es mit sich gebracht, dass einige fr&#252;here DDR-B&#252;rger &#252;ber eine Zweitidentit&#228;t in der Bundesrepublik verf&#252;gten, die nun ohne Gef&#228;hrdung der Betreffenden nicht mehr aufgegeben werden konnte. Daher war es notwendig, deren Daten aus den DDR-Speichern zu tilgen.</p>
<p>Vereinzelt kamen auch DDR-B&#252;rger zweimal in den Meldekarteien vor. Bei der Bereinigung dieser F&#228;lle zeigte sich das Ministerium des Innern sehr kooperativ – sowohl Minister Peter-Michael Diestel als auch Vertraute der HVA in den Datenspeichern und bei den Meldekarteien.</p>
<p>Bereits Ende 1989 waren alle unwichtigen Treffs abgesagt worden, wurden Quellen des Operationsgebietes, die von minderer Bedeutung waren, »abgeschaltet«. Sie erhielten auf den festgelegten Verbindungswegen, oft &#252;ber Funk, die Mitteilung, dass die Zusammenarbeit beendet wird und alle operativen Materialien r&#252;ckstandslos zu beseitigen sind. Dar&#252;ber bestand im damaligen Amt f&#252;r Nationale Sicherheit wie auch im sp&#228;teren Aufl&#246;sungskomitee Konsens. Unterschiedlich waren die Meinungen jedoch, wenn &#252;ber die Spitzenquellen der HVA nachgedacht wurde. Im Herbst 1989 waren viele Aufkl&#228;rer noch davon &#252;berzeugt, dass es ein »Leben nach dem Tode« geben k&#246;nne. In einem Dokument der HVA vom 22. November hie&#223; es: »Mit dem Ziel der langfristigen Sicherung der wichtigsten Quellen &#8230; sind Vorschl&#228;ge zur Beendigung der Zusammenarbeit, Konservierung, Ver&#228;nderung der operativen Aufgabenstellung sowie zur langfristigen Sicherung der Funktionsf&#228;higkeit zu unterbreiten.« F&#252;r alle IM-Kategorien wurden konkrete Anregungen unterbreitet, bis hin zum schnellen Einstellen auf die ver&#228;nderten Bedingungen: »Neue M&#246;glichkeiten, die sich aus den aktuellen gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen in der DDR ergeben, sind kurzfristig auf ihre Anwendbarkeit und Wirksamkeit zu pr&#252;fen.«</p>
<p>Im Januar und Februar 1990 waren solche Pl&#228;ne schon zur Illusion geworden. Dennoch wurde &#252;ber M&#246;glichkeiten nachgegr&#252;belt, wie das Faustpfand, das die verbliebene HVA-F&#252;hrung mit dem operativen Netz im Westen besa&#223;, genutzt werden k&#246;nne. Daf&#252;r gab es verschiedene Modelle. Solange die DDR bestand und mit ihr die Nationale Volksarmee, die auch unter der Regie von Minister Rainer Eppelmann zun&#228;chst &#252;ber die Fortsetzung der konspirativen Milit&#228;raufkl&#228;rung nachdachte, ehe diese sp&#228;ter ohne viel Aufsehen verschwand, war eine der M&#246;glichkeiten, dass zumindest geeignete Quellen an sie &#252;bergeben wurden. Doch die NVA f&#252;rchtete, dass der schlechte Ruf der HVA als eines Bestandteils der Stasi ihr schaden k&#246;nne; sie winkte beizeiten ab.</p>
<p>Dann war da nat&#252;rlich die naheliegende Variante, das HVA-Netz zur G&#228;nze oder zumindest in gro&#223;en Teilen dem Komitee f&#252;r Staatssicherheit der UdSSR zu &#252;bergeben. Markus Wolf selbst schien &#252;ber diese M&#246;glichkeit, bot sich – geht man von einigen seiner &#196;u&#223;erungen in jener Zeit aus – nachgedacht zu haben, und von seiner Vita her bot er sich als Vermittler geradezu an. Auch bei einzelnen Vertretern der HVA-Aufl&#246;sungsgruppe war eine entsprechende Bereitschaft vorhanden – und das traf sich mit den Absichten der KGB-Residentur in Berlin-Karlshorst. Diese erhoffte sich von der &#220;bernahme ehemaliger HVA-Quellen eine Verbesserung der eigenen M&#246;glichkeiten, hatte sie sich doch schon in der Vergangenheit ab und zu mit den fremden Federn ihrer »tschekistischen Kampfgef&#228;hrten« in der DDR geschm&#252;ckt.</p>
<p>Wenn es schlie&#223;lich doch nicht zu einer solchen &#220;bergabe kam, dann zum einen wegen der z&#246;gernden Haltung der KGB-Zentrale in Moskau und zum anderen, weil die Ex-Chefs der HVA eine gewisse Eigenst&#228;ndigkeit wahren wollten. Moskau war zur&#252;ckhaltend, weil es davon ausgehen musste, dass jede der &#252;bergebenen Quellen wenigstens einem halben Dutzend ehemaliger DDR-Aufkl&#228;rer bekannt war und damit als unzureichend konspiriert ein st&#228;ndiges Risiko darstellte. Au&#223;erdem d&#252;rfte die j&#228;he Wendung, die ihr Leben – und das gilt f&#252;r Spione wie f&#252;r ihre F&#252;hrungsoffiziere gleicherma&#223;en – durch den Zusammenbruch der DDR und des Sozialismus erfahren hatte, kaum ein Anreiz gewesen sein, auf diesem gef&#228;hrlichen Grund weiter zu agieren. Wolf hat insofern recht, wenn er das HVA-Netz »einen demotivierten, deprimierten Haufen« nennt, den ein weitsichtiger Geheimdienstchef kaum &#252;bernehmen w&#252;rde.</p>
<p>Und dennoch hat es solche Bem&#252;hungen gegeben, die allerdings zus&#228;tzlich dadurch erschwert wurden, dass die HVA-F&#252;hrung sie unter Kontrolle halten wollte.Diese f&#252;hrte zwar mit ihren Spitzen-Aufkl&#228;rern im ersten Halbjahr 1990 letztmalige Treffs durch, bei denen Einzelheiten f&#252;r ihr »Untertauchen« er&#246;rtert wurden – einschlie&#223;lich der M&#246;glichkeit einer Reaktivierung zu gegebener Zeit. Die dabei getroffenen Festlegungen enthielten auch die in der Geheimdienstarbeit &#252;bliche Verhaltensma&#223;regel, auf Kontaktversuche anderer als der vereinbarten Personen nicht einzugehen. So war ein Verbindungsaufnahme seitens des KGB nur &#252;ber die Vertrauenspersonen der Quellen m&#246;glich – ein angesichts der Dekonspirierung aller HVA-Mitarbeiter &#228;u&#223;erst riskantes Unterfangen. Im Prozess gegen den Ingenieur Anton Steppan – eine Quelle, die auf dem R&#252;stungssektor der Bundesrepublik arbeitete – wurde mitgeteilt, dass Anfang Januar ein KGB-General versucht haben soll, Steppans F&#252;hrungsoffizier auf eine &#220;bergabe des Spions anzusprechen. Der HVA-Mitarbeiter informierte jedoch den Verfassungsschutz.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen ist eine erfolgversprechende Geheimdienstarbeit kaum zu leisten; die gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Warnungen vor einer &#220;bernahme von HVA-Kundschaftern durch den KGB in Gr&#246;&#223;enordnungen entlarven sich so als eine aktive Ma&#223;nahme zur Verunsicherung der eigenen Bev&#246;lkerung, als Versuch, auf diese Weise die Daseinsberechtigung bundesdeutscher Geheimdienste weit in die Zukunft hinein zu belegen. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, der selbst durch seine &#196;u&#223;erungen dabei mitwirkt, kann zwar kaum Beweise nennen, daf&#252;r aber umso mehr Vermutungen: »Das liegt doch sehr nahe, weil KGB und MfS sehr eng zusammengearbeitet haben, das MfS ein Kind des KGB ist und die internationale Solidarit&#228;t auch zur engeren Zusammenarbeit verpflichtet. Die Gefahr ist sehr deutlich.« Mehr hat er bis heute nicht ans Licht gebracht, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass es gewiss Einzelf&#228;lle gibt, wo der eine oder andere Kundschafter tats&#228;chlich einen neuen Herrn gesucht und gefunden hat . Doch nicht einmal diese werden genannt, vielleicht deshalb, weil sie – wie noch darzustellen sein wird – teilweise vom Verfassungsschutz provoziert wurden.</p>
<p>Eine dritte Variante des Umgangs mit dem brachliegenden Spionagenetz war der fr&#252;hzeitige &#220;bergang auf die andere Seite, die Kooperation mit dem bisherigen Gegner. Einige entschieden das f&#252;r sich pers&#246;nlich, andere wollten auf diese Weise die HVA als Ganzes &#252;bergeben &#8211; nicht zur Fortsetzung geheimdienstlicher Arbeit, sondern zu ihrer geregelten Beendigung. Die Vorstellung war, einerseits alle bisherigen HVA-Angeh&#246;rigen von ihrer gegen&#252;ber der DDR geleisteten Verpflichtung zu entbinden und gleichzeitig zu verpflichten, keinerlei riachrichtendienstliche Handlungen mehr zu unternehmen – ganz gleich f&#252;r wen. Die gleiche Verpflichtung sollten alle Quellen im Operationsgebiet gegen&#252;ber dem Aufl&#246;sungskomitee abgeben. Als Gegenleistung h&#228;tte die Bundesregierung einen Verzicht auf Strafverfolgung unter der Voraussetzung aussprechen sollen, dass sich die Aufkl&#228;rer in Ost wie West daran halten. Derart abgesichert, h&#228;tten den bundesdeutschen Organen die Namen der Ex-Spione offenbart werden k&#246;nnen, um ihr die Kontrolle der Vereinbarung zu erm&#246;glichen.</p>
<p>Diese &#220;berlegungen fanden auf beiden Seiten wenig Gegenliebe. Bei der Rest-Truppe der HVA spukte noch immer die Hoffnung auf Fortsetzung der Arbeit herum; nicht zuletzt deshalb wurde verf&#252;gt, dass ins Aufl&#246;sungskomitee niemand eingestellt werden d&#252;rfe, der f&#252;r diesen in der Zukunft liegenden Fall als F&#252;hrungsoffizier ins Operationsgebiet in Frage kam. Dies dr&#228;ngte hochkar&#228;tige Aufkl&#228;rer der HVA befristet in eine neue Konspiration, anstatt ihnen die M&#246;glichkeit zu geben, sich sofort von ihrem gescheiterten Spionage-Job zu trennen.</p>
<p>Aber auch auf der anderen Seite konnte man sich von den alten Feindbildern nicht l&#246;sen. Zwar bef&#252;rworteten weitsichtige Politiker wie der damalige Innenminister Sch&#228;uble, sein Kollege im Justizressort, Kinkel, damals aber auch noch Generalbundesanwalt von Stahl und der jetzige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Werthebach, seinerzeit Berater f&#252;r Geheimdienstfragen bei DDR-Innenminister Diestel, eine Amnestie f&#252;r die HVA-Mitarbeiter und eventuell auch f&#252;r ihre westlichen Quellen, wenn dadurch die innere Sicherheit der Bundesrepublik gef&#246;rdert werden k&#246;nne. In einem Gesetzentwurf der Bundesregierung vom Sommer 1990 hie&#223; es: »Mit dem Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten hat die gegenseitige nachrichtendienstliche Aufkl&#228;rung aufgeh&#246;rt. Sie war stark gepr&#228;gt von der Teilung Deutschlands und der Frontstellung der beiden deutschen Staaten. F&#252;r den Rechtsfrieden und damit f&#252;r die Zukunft des geteilten Deutschlands erscheint es sinnvoll, unter die damit verbundenen Straftaten einen befriedenden Schlussstrich zu ziehen und mit Wirksamwerden des Beitritts in begrenzter Weise Straffreiheit zu gew&#228;hren.«</p>
<p>Die Autoren dieses Entwurfs ber&#252;cksichtigten dabei, dass nat&#252;rlich auch seitens der Bundesrepublik Spionage gegen die DDR stattgefunden hatte. So f&#252;hrte der BND nach Presseberichten 500 Agenten im Osten Deutschlands, darunter hohe Offiziere der Staatssicherheit ebenso wie einen stellvertretenden Minister und andere f&#252;hrende Vertreter des Staatsapparates. Sie bleiben straflos, und Juristen – wie der Rechtanwalt Gunter Widmaier aus M&#252;nchen – monieren, »dass die selbstverst&#228;ndliche und rechtm&#228;&#223;ige Befreiung der Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes von jeder strafrechtlichen Behandlung wegen ihrer fr&#252;heren Spionaget&#228;tigkeit gegen die DDR nicht in derselben Weise auch auf die Mitarbeiter der HVA des MfS wegen deren fr&#252;herer Spionage gegen die Bundesrepublik ausgedehnt worden ist.«</p>
<p>Dies gelang damals, als daf&#252;r noch Zeit war, nicht weil sowohl die CSU als Koalitionspartner als auch die SPD-Opposition lehnten aus ideologischen Erw&#228;gungen eine solche faktische Amnestie ablehnten. Sie provozierten damit die betr&#228;chtlichen juristischen Probleme, die heute jedes der angestrengten Strafverfahren begleiten und auf die noch einzugehen sein wird. Seinerzeit f&#252;hrte das Verhalten der BRD-Beh&#246;rden zu einer Verunsicherung der kooperationswilligen Mitarbeiter der DDR-Aufkl&#228;rung. Sie wurden hingehalten und immer wieder aufgefordert, ihr Wissen ohne eine f&#246;rmliche Vereinbarung zu offenbaren. Lediglich sie selbst sollten nat&#252;rlich davon profitieren – sei es durch die Zusage von Straffreiheit, sei es durch betr&#228;chtliche Geldzuwendungen, Ein stellvertretender Abteilungsleiter der Milit&#228;raufkl&#228;rung bekam f&#252;r jede enttarnte Quelle 25.000 Mark geboten; dem Leiter der die USA bearbeitenden Abteilung wurden nach eigenen Angaben sogar eine Million Dollar in Aussicht gestellt, wenn er sein gesamtes Netz komplett &#252;berg&#228;be. Solche Angebote erfolgten nat&#252;rlich ohne Zeugen; dass es sie gab, beweisen jedoch die inzwischen namhaft gemachten &#220;berl&#228;ufer der HVA.</p>
<p>Bei ihrem Vorgehen zogen die westlichen Abwehrorgane die unterschiedlichen Positionen unter den ehemaligen HVA-Mitarbeitern ins Kalk&#252;l und versuchten, daraus maximalen Gewinn zu ziehen. Sie konfrontierten die Aussagen einzelner F&#252;hrungsoffiziere miteinander, pokerten mitunter auch mit Behauptungen, die Verunsicherung und Misstrauen schaffen sollten. Fakten und Erfindungen wurden gemischt, insbesondere Vorgesetzte immer wieder als angebliche Informanten genannt. Nat&#252;rlich hielten die Ermittler die Namen der &#220;berl&#228;ufer so lange wie m&#246;glich geheim. Das erm&#246;glichte ihnen, Enttarnungen nach Bedarf anderen HVA-Vertretern anzulasten. Erst allm&#228;hlich sickerte durch, wer jeweils dahinter steckte; dazu trug Kuron mit seinen Informationen bei. Dennoch setzten die Ermittlungsbeh&#246;rden diese Methode weiter ein und verd&#228;chtigten zum Beispiel noch nach dem Spuhler-Prozess den Gegenspionage-Chef Harry Sch&#252;tt der Kollaboration. So begr&#252;ndete Generalbundesanwalt von Stahl das relativ milde Bew&#228;hrungsurteil von zwei Jahren gegen Sch&#252;tt damit, dass er sich sehr kooperativ gezeigt und »in sehr gro&#223;em Umfang an der Schadensbegrenzung mitgewirkt h&#228;tte«.</p>
<p>Trotz aller Bem&#252;hungen blieb jedoch die Ausbeute solcher Operationen begrenzt. Gemessen an der gro&#223;en Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter der HVA ist die der Abtr&#252;nnigen gering, was nicht hei&#223;t, dass diese mit ihrem Wissen nicht wichtige Quellen enttarnen konnten.</p>
<p>Bisher betraf das vor allem Spione der Abteilung IX, an denen die bundesdeutschen Geheimdienste naturgem&#228;&#223; auch das gr&#246;&#223;te Interesse haben. Bereits 1989 lief ein Mitarbeiter der Fotostelle der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung zum BND &#252;ber. Er war wegen Sicherheitsbedenken, die in seiner Person lagen, aus dem MfS entlassen worden und hatte damals Kopien von den Original-Mikrofilmen aus dem BND und dem BfV mitgenommen. Sie enthielten weitaus mehr Hinweise auf die Quelle als die sp&#228;ter der Auswertung &#252;bergebenen, teilretuschierten Kopien. Die Sache wurde zwar bekannt, und der Mann wurde festgenommen, kam jedoch bei einer der ersten Amnestien nach der Wende wieder frei und offenbarte sich nun den Diensten der Bundesrepublik. So erhielt der Verfassungsschutz zum Beispiel erste Hinweise auf die Gebr&#252;der Spuhler. Durch weitere &#220;berl&#228;ufer konnten sie sp&#228;ter verifiziert werden. Zu ihnen geh&#246;rte der schon genannte Oberst Busch, aber auch Oberst Werner Roitsch, stellvertretender Leiter der f&#252;r die Beobachtung des Sicherheitsregimes im Operationsgebiet zust&#228;ndigen Abteilung VI, vor allem jedoch Oberst Karl Gro&#223;mann, stellvertretender Abteilungsleiter in der Spionageabwehr der HVA.</p>
<p>Roitsch hatte seinen Coup mit gr&#246;&#223;ter Vorsicht und streng konspirativ vorbereitet und mag sich gewundert haben, dass er schon nach kurzer Zeit von seinen Kollegen in der Aufl&#246;sungsgruppe enttarnt wurde. Verantwortlich daf&#252;r war auch hier niemand anderer als Kuron. Bei ihm war der Vorgang Roitsch gelandet, und er hatte sofort die Roedernstra&#223;e informiert. Diese entlie&#223; den Oberst »wegen Verrats« am 15. April 1990 fristlos. Da er vor seiner T&#228;tigkeit in der Abteilung VI Referatsleiter in der den Bonner Regierungsapparat bearbeitenden Abteilung I gewesen war, kannte er einige der von dort aus gef&#252;hrten Spione und trug zu deren Enttarnung bei.</p>
<p>Noch gravierender war der &#220;bertritt Gro&#223;manns. Im Jahre 1977 kam der Namensvetter des sp&#228;teren HVA-Chefs mit seinem G&#246;nner Harry Sch&#252;tt, als dieser zum Leiter der Spionageabwehr der HVA berufen worden war, in die Abteilung IX und stieg dort zum stellvertretenden Abteilungsleiter mit Zust&#228;ndigkeit f&#252;r die illegale Linie A (im Unterschied zu der die HVA-Leute in den DDR-Botschaften betreuenden Linie B) auf. Er hatte seine F&#228;higkeiten als &#228;u&#223;erst phantasievoll und mit hohem Risiko arbeitender Geheimdienstmann bewiesen, diese Eigenschaften jedoch nicht selten auch f&#252;r die Befriedigung pers&#246;nlicher Bed&#252;rfnisse eingesetzt. Das schuf ihm immer wieder Probleme, aber seine Erfolge als Agentenf&#252;hrer veranlassten seine Chefs stets zu Nachsicht. Erst als er mit dem Sohn von Alexander Schalck-Golodkowski zusammen einige anr&#252;chige Gesch&#228;fte gemacht hatte, verlor er seinen Leitungsposten, wurde jedoch zum »Sonderoffizier« ernannt und konnte im Prinzip ungest&#246;rt weiterarbeiten. Der BND, der ihn schon lange im Visier und bereits vor Jahren einen Konteragenten auf seine Frau angesetzt hatte, wusste durch eigene Recherchen, aber wohl auch durch Schalck um diese Schw&#228;chen und z&#246;gerte nicht, Gro&#223;mann »umzudrehen«. Dieser lieferte dann nicht nur die letzten Beweise f&#252;r die Enttarnung der Gebr&#252;der Spuhler, sondern er gab auch die entscheidenden Hinweise auf die Ende 1991 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilte Gabriele Gast, die aus dem Bundesnachrichtendienst wichtige Analysen sowie die regelm&#228;&#223;igen Lageeinsch&#228;tzungen f&#252;r den Bundeskanzler verraten hatte. Andere ehemalige DDR-Spione in den bundesdeutschen Abwehrbeh&#246;rden haben ihm ebenfalls ihre Festnahme zu verdanken.</p>
<p>Karl Gro&#223;manns Aussagebereitschaft besiegelte schlie&#223;lich auch das Schicksal des wohl kaltbl&#252;tigsten HVA-Maulwurfs <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Kuron" target="_blank">Klaus Kuron</a>. Als das Ende der HVA offenkundig geworden war, beschoss er, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen zu bleiben, sondern weiter mitzumischen. Das Verh&#228;ngnis, so es denn kam, sollte ihn nicht unvorbereitet treffen. Und zun&#228;chst ging tats&#228;chlich alles gut. Er empfing die HVA-&#220;berl&#228;ufer, forschte sie aus und pr&#252;fte vor allem die Gefahr f&#252;r sich selbst. Seine Chefs erfuhren nur, was ihm nicht schaden konnte. Zugleich meldete er die Abtr&#252;nnigen ihrem ehemaligen Arbeitgeber, damit dieser ihn vor deren Mitteilsamkeit sch&#252;tzte. So erfuhren die HVA-Aufl&#246;ser aus erster Hand, was das BfV gegen die HVA plante, welche Offiziere &#252;bergelaufen waren, was sie ausgesagt hatten und welche sonstigen Angebote an den Verfassungsschutz gemacht worden waren. Kurons fortgesetzte Spionaget&#228;tigkeit f&#252;r die HVA half dieser betr&#228;chtlich dabei, Quellen im »Operationsgebiet BRD« systematisch abzuschalten und viele von ihnen aus der Gefahrenzone zu bringen. Der Verfassungssch&#252;tzer best&#228;rkte aber auf diese Weise auch die alte HVA-F&#252;hrung, gegen&#252;ber den Beh&#246;rden der Bundesrepublik sehr reserviert aufzutreten und M&#246;glichkeiten einer fr&#252;hzeitigen Bereinigung des deutsch-deutschen Spionagekapitels ungenutzt zu lassen. Seine Informationen erm&#246;glichten &#252;ber lange Zeit die Verunsicherung und damit die Disziplinierung solcher HVA-Mitarbeiter, die einen endg&#252;ltigen, aber zugleich verantwortbaren Schlussstrich unter ihre Vergangenheit ziehen wollten.</p>
<p>Wenige Tage nach dem Vollzug der deutschen Einheit aber bekommt Kuron Wind von jenem hochrangigen DDR-&#220;berl&#228;ufer, der jedoch – im Unterschied zu allen vorherigen – ihn und seine langj&#228;hrige Doppelkonspiration kennt – Karl Gro&#223;mann. Und er kann sich ausrechnen, wann er nun selbst an der Reihe ist. Jetzt tut er das, was er schon lange ins Kalk&#252;l gezogen hat – er tritt die Flucht nach vorn an. Nachdem die HVA verschwunden ist, so glaubt er, bleibt ihm nur noch der KGB. Schon zuvor hatte er einige Male versucht, diese Karte ins Spiel zu bringen. Aktenkundig ist dies im Fall des schon genannten Ingenieurs Steppan. Dessen F&#252;hrungsoffizier wurde von Kuron aufgefordert, auf das sowjetische Angebot einzugehen und den Mitarbeiter der Friedrichshafener Firma Motoren- und Turbinen-Union (MTU) f&#252;r den KGB arbeiten zu lassen – nat&#252;rlich unter seinen Augen. Jetzt stellte Kuron &#252;ber seinen fr&#252;heren F&#252;hrungsoffizier Stefan Engelmann einen Kontakt zur Karlshorster Dependance des sowjetischen Geheimdienstes her und versuchte zugleich, den Ex-Aufkl&#228;rer der DDR mit auf die Reise zu nehmen. Engelmann lehnte ab, und auch die KGB-Leute blieben reserviert. Sie boten Kuron zwar dir Ausschleusung aus Deutschland an und ein Refugium im weiten Sowjetland; mehr aber versprachen sie nicht. Das war dein Geheimdienstler aus Passion zu wenig. Er pokerte zum letzten Mal, machte sich auf den Weg zur&#252;ck und rief von unterwegs, aus einer Telefonzelle in K&#246;nigslutter, den Verfassungsschutz an. Er bot seiner Dienststelle die Aussicht auf eine Doppelagenten-Operation gegen den KGB und verlangte im Gegenzug Nachsicht gegen&#252;ber dem eigenen Doppelspiel. K&#246;ln lehnte ab; soviel Chuzpe war nie Sache des Amtes.</p>
<p>Unmittelbar nach dem 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Einheit, gingen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden und Geheimdienste in breiter Front gegen die ehemaligen Widersacher aus der HVA vor. Dabei interessierten weder Strukturen noch Arbeitsweisen; an eine inhaltliche Aufarbeitung der HVA-T&#228;tigkeit war nicht gedacht – h&#228;tte sie doch die ganz &#228;hnlichen Praktiken der westlichen Dienste all zu sehr ins Blickfeld ger&#252;ckt. Allein Namen waren gefragt – Namen der Top-Spione der DDR-Aufkl&#228;rung vor allem, aber auch die Personalien der sogenannten kleinen Fische. Nach lange vorbereiteten Listen begannen die Befragungen der F&#252;hrungsoffiziere, jedoch auch des sonstigen Personals der HVA, vom Auswerter &#252;ber den Verwalter einer »konspirativen Wohnung«, die Sekret&#228;rin, den Kraftfahrer, bis hin zum Fotolaboranten, der &#252;bermittelte Mikrofilme im Original gesehen hatte. Jedes St&#252;ck Papier, jede noch greifbare Karteikarte wurden ausgewertet. Aus vielen kleinen Bausteinchen sollten die Mosaiks zusammengesetzt werden, die schlie&#223;lich zum unsichtbaren Kundschafter f&#252;hren w&#252;rden.</p>
<p>Mit begrenztem Erfolg, denn die meisten Mitarbeiter der HVA erwiesen sich denn doch nicht als so skrupellos, dass sie – um den eigenen Kopf zu retten – ihre Quellen unverz&#252;glich preisgaben. Die ersten, au&#223;erordentlich harten Urteile gegen Aufkl&#228;rer aus dem Operationsgebiet taten ein &#252;briges. Wenn auch oft unterstellt, ist es f&#252;r viele F&#252;hrungsoffiziere nicht einerlei, dass Leute, die ihnen &#252;ber eine lange Zeit hinweg vertraut hatten, nun vielleicht mit ihrer Hilfe f&#252;r zehn Jahre hinter Gitter wandern. Hinzu kommt, dass die Offenbarung einer Quelle in aller Regel auch unvorhersehbare Konsequenzen f&#252;r deren pers&#246;nliches Umfeld, f&#252;r Verwandte, Bekannte und Arbeitskollegen haben kann. »Ich halte die Preisgabe von Personen, die sich mir anvertraut haben, von uns angehalten wurden, nachrichtendienstlich t&#228;tig zu werden, f&#252;r absolut verwerflich«, hatte Markus Wolf immer wieder &#246;ffentlich betont, und er sprach damit f&#252;r die &#252;bergro&#223;e Mehrzahl seiner fr&#252;heren Mitarbeiter. Wolf selbst war mit solchen Angeboten ebenfalls konfrontiert worden: »Im Beisein meiner Frau malten freundliche Herren von der anderen Seite angesichts des mir drohenden Haftbefehls unsere Zukunft in den d&#252;stersten Farben. Voller Respekt und Verst&#228;ndnis zeigten sie danach einen passablen Ausweg mit gesichertem Schutz und Wohlstand, nat&#252;rlich bei entsprechender Gegenleistung.« Auf diese Weise hatten die Bundesbeh&#246;rden die Chance verpasst, durch einen seri&#246;sen und emotionslosen Umgang mit diesem das ganze Deutschland betreffenden Erbe eine sachdienliche L&#246;sung zu finden. Nun, da mehr als tausend Ermittlungsverfahren laufen und die ersten Urteile gesprochen sind, ist eine restlose Aufkl&#228;rung in weite Ferne ger&#252;ckt.</p>
<p>Zu dieser Entwicklung trugen aber auch die fr&#252;heren Chefs der HVA und ihre Vertreter im Aufl&#246;sungsstab durch den illusion&#228;ren Glauben an eine wie auch immer geartete Weiterarbeit bei. Nachdem sie – wie dargestellt – im ersten Halbjahr 1990 alle diesbez&#252;glichen Bem&#252;hungen blockiert hatten, begriffen sie nach der deutschen Vereinigung endlich, dass ihre Hoffnungen auf Sand gebaut waren. Am 17. Januar 1991 wandten sich f&#252;nf Stasi-Generale, darunter der letzte HVA-Chef Werner Gro&#223;mann, an Innenminister Sch&#228;uble, um ihm nun selbst das Angebot zu machen, das sie im Jahr zuvor noch torpediert hatten. Nun erkl&#228;rten sie pl&#246;tzlich ihre »Bereitschaft zum Offenlegen von noch nicht enttarnten Quellen des MfS im Gebiet der ehemaligen BRD sowie im NATO-Bereich; zur Offenlegung der tats&#228;chlichen Zusammenh&#228;nge zu dem Komplex ›&#220;bergabe von Quellen an das KGB der UdSSR im Zusammenhang mit der Aufl&#246;sung des MfS‹; mitzuwirken an der realen Bewertung des Handelns von IM in der ehemaligen DDR; Zusammenh&#228;nge von operativen Vorg&#228;ngen und Aktionen des MfS aufzudecken, sofern daf&#252;r insbesondere im Zusammenhang mit Ma&#223;nahmen der Strafverfolgungsbeh&#246;rden sowie zur Rehabilitierung Betroffener Handlungsbedarf besteht; auf F&#252;hrungsoffiziere und andere Angeh&#246;rige Einfluss zu nehmen, sich in diesen Prozess einzubringen; Einfluss geltend zu machen, dass von den ehemaligen Angeh&#246;rigen des MfS keine rechtswidrigen Handlungen gegen den Bestand der Bundesrepublik Deutschland begangen werden«. Als Gegenleistung sollte die Bundesregierung »auf der Grundlage entsprechender Rechtsvorschriften den Weg f&#252;r eine Selbststellung unter Zusicherung der Straffreiheit« ebnen. Die F&#252;hrungsoffiziere, die ein Jahr zuvor auf Weisung ihrer ehemaligen Leiter mit den Quellen noch Kontaktwege f&#252;r eine sp&#228;tere Reaktivierung vereinbaren mussten, sollten diese nun nutzen, um die Spione zur Selbststellung zu bewegen.</p>
<p>Am 15. Februar 1991 fand dazu in Berlin ein geheimes Treffen statt, an dem der damalige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Boeden und sein designierter Nachfolger Werthebach teilnahmen. Im M&#228;rz, wurde der Vorgang &#246;ffentlich bekannt und sogleich als »Kuhhandel« abqualifiziert. W&#228;hrend sich das Innenministerium vorerst ausschwieg, dementierte HVA-Generaloberst Gro&#223;mann das Ganze, doch vier Wochen sp&#228;ter gab die Regierung die Begegnung zu. Die f&#252;nf Generale h&#228;tten ihre Vorstellungen und W&#252;nsche vorgetragen, die Verfassungssch&#252;tzer ihrerseits erneut auf bedingungslose Offenlegung der Quellen gedrungen. »Der Erwartungshaltung der ehemaligen Mitarbeiter des MfS konnte dabei nicht entsprochen werden«, hie&#223; es lakonisch aus dem Innenministerium. Dieser letzte und zu sp&#228;te Versuch, eine einvernehmliche L&#246;sung des Problems zu erreichen, war von vornherein zum Scheitern verurteiIt, denn die MfS-Generale hatten in v&#246;lliger Verkennung der Situation l&#228;ngst ihre Tr&#252;mpfe verspielt. Nun setzte die Bundesregierung auf die Ermittlungen des Staatsschutzes und auf die Gerichte; die ersten »Pilotverfahren« waren schon eingeleitet. Eine Koalition der Unvernunft – bestehend aus unbelehrbaren Stasi-F&#252;hrern auf der einen Seite und rachedurstigen Parteipolitikern andererseits – hatte Deutschland ein Problem beschert, das &#214;ffentlichkeit und Justiz noch einen langen Zeitraum besch&#228;ftigen wird, ohne je zu einem guten Ende zu kommen.</p>
<p>Zu den ersten, die das zu sp&#252;ren bekamen, geh&#246;rten diejenigen Spione, die in den vergangenen Jahren aus eigenem Antrieb oder auf Anraten der Zentrale aus dem Operationsgebiet in die DDR zur&#252;ckgekehrt waren, um sich dort der Strafverfolgung zu entziehen. In der DDR hatten sie vielf&#228;ltige Ehrungen erfahren und sich leidlich eingerichtet, wenn auch die wenigstens von ihnen gl&#252;cklich waren. Wer seine Strafe in der Bundesrepublik abgesessen hatte, wie die Guillaumes oder Lothar Lutze und Renate Wiegel, ging lediglich einiger Privilegien verlustig; wer jedoch f&#252;r die Strafverfolgsbeh&#246;rden ein noch ungekl&#228;rter Fall war, musste mit seiner Verhaftung rechnen. Das betraf von den bekannteren Kundschaftern <a href="http://www.spiegel.de/wikipedia/Hansjoachim_Tiedge.html" target="_blank">Hansjoachim Tiedge</a>, <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488895.html" target="_blank">Ursel Lorenzen </a>oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sonja_L%C3%BCneburg" target="_blank">Sonja L&#252;neburg</a>.</p>
<p>Tiedge setzte sich schon im Sommer 1990 in die Sowjetunion ab, muss aber f&#252;rchten, dass diese ihn irgendwann ausliefert. Ursel Lorenzen ist nach ihrer Verheiratung unter dem Namen ihres Mannes ebenfalls und wiederum auf der Flucht. Sie, die im NATO-Hauptquartier in Br&#252;ssel gearbeitet hatte, war 1979 in die DDR geflohen, da sie sich gef&#228;hrdet f&#252;hlte. Am 17. Januar 1980 pr&#228;sentierte sie auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin Dokumente, die die Bereitschaft der NATO zum Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg in Europa belegten. Die meisten der vorgelegten Geheimpapiere hatte sie gar nicht beschafft, sondern stammten aus anderen Quellen sowohl der HVA als auch des milit&#228;rischen Nachrichtendienstes der Nationalen Volksarmee, die bei der NATO t&#228;tig gewesen waren. Sie wurden vom damaligen Leiter des Instituts f&#252;r milit&#228;rpolitische Forschung bei der NVA, Oberst Charisius, pr&#228;sentiert, der sie zuvor mit dem f&#252;r die Auswertung der milit&#228;rpolitischen Informationen der HVA zust&#228;ndigen Oberst Busch ausgew&#228;hlt hatte. Nun aber wird Ursel Lorenzen durch ihr damaliges Auftreten schwer belastet; auf dieser Grundlage will ihr die Bundesanwaltschaft den Prozess machen. Sie irrt mit ihrem Mann durch diejenigen L&#228;nder Europas, die kein Auslieferungsabkommen mit der Bundesrepublik haben.</p>
<p>Noch schlimmer ist es Sonja L&#252;neburg ergangen. Die ehemalige Sekret&#228;rin des FDP-Bundestagsabgeordneten William Borm, die nach dessen Tod zum damaligen Generalsekret&#228;r der Liberalen, Martin Bangemann, &#252;berwechselte und diesem dann auch ins Wirtschaftsministerium folgte, hatte sich im August 1985 zu einer Wochenendreise abgemeldet und war nicht wieder aufgetaucht. Ermittlungen ergaben, dass sie unter einer Doppelg&#228;nger-Legende f&#252;r die HVA gearbeitet haben soll. Nach der Vereinigung Deutschlands wurde in einem &#246;stlichen Vorort Berlins die 64j&#228;hrige Johanna O. festgenommen, hinter der man Sonja L&#252;neburg vermutet.</p>
<p>Die Strafverfolgungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik konzentrieren gegenw&#228;rtig all ihre Kraft auf die juristische Abrechnung mit den ehemaligen Spionen der DDR. Sie bringen dazu nicht nur jene Agenten vor Gericht, die in j&#252;ngster Zeit enttarnt wurden, sondern eben auch sogenannte Altf&#228;lle, bei denen sich nach der Vereinigung pl&#246;tzlich doch noch die M&#246;glichkeit er&#246;ffnet, strafend t&#228;tig zu werden, auch wenn das offensichtlich keinen tieferen Sinn mehr hat. Au&#223;er Ursel Lorenzen und Sonja L&#252;neburg betrifft das auch Inge Goliath und andere. Bei einigen, die nach Verb&#252;&#223;ung ihrer Strafe in die DDR kamen und hier Vortr&#228;ge vor MfS-Angeh&#246;rigen hielten, schuf das einen neuen Straftatbestand der »Beihilfe zu geheimdienstlicher Agentent&#228;tigkeit«. Ihnen wurden zum Teil neue Verfahren angedroht, wie dem fr&#252;heren Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Grunert, der 1978 zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden und danach in die DDK &#252;bergesiedelt war. Von Anfang an wurden in die gerichtlichen Verfahren auch die F&#252;hrungsoffiziere einbezogen, die vom Gebiet der DDR aus die Kundschafter anwarben, steuerten und entlohnten. Dieses undifferenzierte Vorgehen l&#246;ste unverz&#252;glich eine intensive Debatte &#252;ber Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats aus, die durch diese Praxis offensichtlich verletzt werden.</p>
<p>Vom abstrakten Gerechtigkeitsempfinden her erscheint die weitgehend gleichartige Verfolgung der Aufkl&#228;rer – unabh&#228;ngig ob erst vor kurzem gefasst oder schon seit l&#228;ngerem bekannt, ob in der alten BRD t&#228;tig oder vom Territorium der fr&#252;heren DDR aus agierend – durchaus denkbar. Gerade deswegen gab es ja die Bem&#252;hungen um eine Amnestie oder einen &#228;hnlichen Schlussstrich unter die deutsch-deutsche Spionaget&#228;tigkeit, jenes zwangl&#228;ufige Kind der Spaltung und des mit ihr verbundenen Kalten Krieges. Denn die juristisch gebotene Differenzierung verletzt den Gerechtigkeitssinn, die aus dieser Sicht logische Gleichbehandlung aber kollidiert mit rechtsstaatlichen Grunds&#228;tzen. Der genannte Gesetzesentwurf der Bundesregierung sah deshalb vor, nicht nur die spionierenden DDR-B&#252;rger straffrei zu stellen, sondern Gnade auch gegen&#252;ber jenen bisher nicht erkannten Agenten auf dem fr&#252;heren Bundesgebiet walten zu lassen, die sich innerhalb eines Jahres offenbaren. Sein Scheitern zwang die Beh&#246;rden zum Handeln, als sich vom 3. Oktober 1990 an die juristische Gewalt der Bundesrepublik auch auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR erstreckte. Am Morgen des Wiedervereinigungstages klingelte an der Pforte der Hohensch&#246;nhausener Villa des Ex-Generalobersten Werner Gro&#223;mann in Berlin die Polizei und nahm den letzten HVA-Chef fest. Sie st&#252;tzte sich dabei auf einen Beschluss des 3. Senats des Bundesgerichtshofs, der Gro&#223;mann der geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit als dringend verd&#228;chtig ansah. Damit setzten die Karlsruher Richter eine Diskussion in Gang, die sich schon bald als &#228;u&#223;erst facettenreich erwies und zwangsl&#228;ufig zur Anrufung des Bundesverfassungsgerichts f&#252;hrte.</p>
<p>Ihr Ursprung liegt jedoch nicht bei jenem 3. Oktober 1990, sondern einige Monate zur&#252;ck. Ursache f&#252;r das nun eingetretene Dilemma war ein – zuf&#228;lliges oder gewolltes? – Vers&#228;umnis des Einigungsvertrages, der grunds&#228;tzlich von der &#220;bertragung des Bundesrechts auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR ausgeht, jedoch eine Reihe von Bestimmungen und Gesetzen der alten Bundesrepublik aufz&#228;hlt, die ausdr&#252;cklich nicht anzuwenden sind. In dieser Aufz&#228;hlung fehlen die Straftatbest&#228;nde der »geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit«; mithin – so folgerte der Bundesgerichtshof in einer ersten Stellungnahme zu dieser Problematik vom 30. Januar 1991 – »kann und muss die Strafverfolgung ihren Fortgang nehmen«. Die obersten Gesetzesh&#252;ter standen damit in &#220;bereinstimmung mit der Auffassung der Bundesregierung, die in ihrem – nicht weiterverfolgten – Gesetzentwurf vom 13. September 1990 zu einem Amnestiegesetz unmissverst&#228;ndlich feststelle: »Nach Wirksamwerden des Beitritts unterliegen die Angeh&#246;rigen und Agenten der Auslandsnachrichtendienste der Deutschen Demokratischen Republik uneingeschr&#228;nkt unserer Staatsgewalt. Ihre bisher in der Deutschen Demokratischen Republik legitime T&#228;tigkeit wird ohne &#196;nderung ihres Charakters auch dort strafbar.« (Der Einigungsvertrag hat &#252;brigens einen ganz &#228;hnlichen Mangel f&#252;r die Spione der alten BRD, die in der DDR rechtskr&#228;ftig verurteilt wurden. Indem er alle rechtskr&#228;ftigen Urteile der DDR-Gerichte in die neue gesamtdeutsche Rechtsordnung &#252;bernahm, bleiben sie zun&#228;chst vorbestraft; nur &#252;ber komplizierte Rehabilitierungsverfahren k&#246;nnte daran etwas ge&#228;ndert werden.)</p>
<p>Die Anwendung des BRD-Rechts zur Spionage auf fr&#252;here DDR-B&#252;rger, die von ihrem Staat ausdr&#252;cklich mit der Aussp&#228;hung der Bundesrepublik beauftragt waren, l&#246;ste in der juristischen Fachwelt Kritik aus. Sie wurde erstmals ausf&#252;hrlich vom Verteidiger Gro&#223;manns, Dr. Gunter Widmaier, im Dezember 1990 in der »Neuen Juristischen Wochenschrift« formuliert. Dieser nennt sowohl verfassungsrechtliche als auch v&#246;lkerrechtliche Argumente gegen die Bestrafung der DDR-Aufkl&#228;rer. Zum einen versto&#223;e ein solches Vorgehen gegen den Gleichheitssatz in Artikel 3 des Grundgesetzes, wenn – wie schon dargestellt – »aufgrund der rechtlichen Konstruktionen des Einigungsvertrages die in der DDR t&#228;tig gewesenen fr&#252;heren Mitarbeiter der HVA des MfS wegen damals begangener Spionage zum Nachteil der Bundesrepublik bestraft werden sollen, w&#228;hrend umgekehrt f&#252;r die Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes eine Strafbarkeit wegen ihrer fr&#252;heren Spionage zum Nachteil der DDR mit Selbstverst&#228;ndlichkeit nicht einmal zur Diskussion steht«. Widmaier r&#228;umt ein, dass die DDR beim Einigungsvertrag m&#246;glicherweise »schlecht verhandelt« habe, doch k&#246;nne die Geltungskraft des Artikels 3 »nicht von der G&#252;te und Sorgfalt staatsvertraglicher Verhandlungen abh&#228;ngen«.</p>
<p>Hinsichtlich des V&#246;lkerrechts verweist Widmaier auf die Haager Landkriegsordnung vom 18. 10. 1907, die folgende Bestimmung enth&#228;lt: »Ein Spion, welcher zu dem Heere, dem er angeh&#246;rt, zur&#252;ckgekehrt ist und sp&#228;ter vom Feinde gefangen genommen wird, ist als Kriegsgefangener zu behandeln und kann f&#252;r fr&#252;her begangene Spionage nicht verantwortlich gemacht werden.« Was im Kriege gelte, m&#252;sse im Frieden erst recht zuerkannt werden: »W&#228;re – eine schlimme Vorstellung – die Wiedervereinigung Deutschlands mit milit&#228;rischen Mitteln und durch eine Annexion der DDR herbeigef&#252;hrt worden, so st&#252;nde die Straflosigkeit der im Auslandsnachrichtendienst der DDR t&#228;tigen DDR-B&#252;rger kraft geschriebenen V&#246;lkerrechts ohne weiteres fest. Es ist undenkbar. nach der Wiedervereinigung in Frieden, in Freiheit und gleichberechtigter Br&#252;derlichkeit zu anderen Ergebnissen zu kommen.</p>
<p>Beiden Argumentationen wollte der Bundesgerichtshof nicht folgen. In der schon genannten Stellungnahme vom 30. 1. 1991 hebt er zun&#228;chst darauf ab, dass eine Gleichbehandlung der Spione beider Seiten offensichtlich von den Verhandlungspartnern des Einigungsvertrages »nicht gewollt oder nicht durchsetzbar war«. Zugleich bringt er aber damals noch sein Unbehagen &#252;ber diese Entwicklung zum Ausdruck, denn die Mitarbeiter der HVA h&#228;tten »aus ihrer Sicht eine legitime T&#228;tigkeit ausge&#252;bt, die auch v&#246;lkerrechtlich nicht anst&#246;&#223;ig zu bewerten war«. Daher k&#246;nne »der bisherige Rechtszustand kaum zu einem befriedigendem Interessenausgleich beitragen«; eine sachgerechte L&#246;sung erscheine »deshalb nur durch ein Straffreiheitsgesetz m&#246;glich«.</p>
<p>Um aber den eigenen Spruch – es ging um die Fortdauer des Haftbefehls gegen Gro&#223;mann – einigerma&#223;en st&#252;tzen zu k&#246;nnen, begibt sich der BGH im weiteren auf das Feld der Spekulation. Zwischen den Spionen von DDR und BRD m&#252;ssten doch Unterschiede gemacht werden, weil »die &#228;u&#223;ere Sicherheit der BRD durch das fr&#252;here Tun dieser nachrichtendienstlich t&#228;tigen Personen m&#246;glicherweise weiterhin betroffen wird, da die Auswirkungen dieser T&#228;tigkeit durch den Eintritt der DDR in die BRD nicht weggefallen sind. Es ist allgemein bekannt, dass die Erkenntnisse der Spionagebeh&#246;rden der DDR wegen deren Einbindung in den Warschauer Pakt und wegen des engen Kontakts zu den sowjetischen Geheimdiensten, vor allem zum KGB, weitergegeben worden sind an Dienststellen au&#223;erhalb der DDR. Es ist nicht auszuschlie&#223;en, dass auch ›Quellen‹ nicht nur f&#252;r den Geheimdienst der DDR, sondern gleichzeitig auch f&#252;r andere Staaten des Warschauer Pakts t&#228;tig gewesen sind. M&#246;glicherweise sind auch fr&#252;here ›Quellen‹ der Geheimdienste der DDR von Geheimdiensten der anderen Staaten des Warschauer Pakts, vor allem der UdSSR, &#252;bernommen worden.« Und die logische Schlussfolgerung: »Eine Gleichstellung der Spione der BRD und der DDR&lt; ist schon aus diesem Grund nicht ohne weiteres gerechtfertigt.« Generalbundesanwalt von Stahl bringt den Pragmatismus, der hier waltet, auf den Punkt: »Im Staatsschutzrecht gibt es eine Mischung aus Gerechtigkeit, Zweckm&#228;&#223;igkeit und Staatsinteresse. Alle drei Punkte sind hier wohl ber&#252;hrt.«</p>
<p>So ermutigt, wird der Bundesgerichtshof in seiner n&#228;chsten &#196;u&#223;erung zum Sachverhalt noch weitaus deutlicher. In der Sache Harry Sch&#252;tt best&#228;tigt er am 29. Mai die Er&#246;ffnung der Hauptverhandlung wie den damals noch bestehenden Haftbefehl mit dem Argument: »Nur bei ausschlie&#223;lich formaler Betrachtung lassen sich die T&#228;tigkeiten der Nachrichtendienste der Bundesrepublik und der fr&#252;heren DDR einander gleichsetzen, nicht aber vom legitimen Standpunkt der ihrer Identit&#228;t nach fortbestehenden Bundesrepublik aus. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Nachrichtendienste der Bundesrepublik, auch wenn sie operative Auslandsaufkl&#228;rung betreiben, letztlich zu deren Schutz t&#228;tig wurden und werden, w&#228;hrend die gegen die Bundesrepublik gerichtete T&#228;tigkeit der Nachrichtendienste der DDR zur konkreten oder doch abstrakten Gef&#228;hrdung der &#228;u&#223;eren Sicherheit dieses Staates f&#252;hrte mit unter Umst&#228;nden bis in die Gegenwart reichenden, im einzelnen jedoch nicht fassbaren und absch&#228;tzbaren Folgen, die sich aus der Weitergabe von nachrichtendienstlichen Informationen und Informanten an andere Staaten des fr&#252;heren ›Ostblocks‹ ergeben k&#246;nnen.« Was im Januar noch im Konjunktiv stand, die Gef&#228;hrdung durch Weitergabe an eine dritte Macht, ist nun ohne Einschr&#228;nkung vorausgesetzt – wenn auch die Definition dieser »dritten Macht« (Sowjetunion, Ostblock, KGB?) jetzt schwerer f&#228;llt als je zuvor. Schon am 31. Juli 1991 sah der Sprecher der Bundesregierung in der Spionage der DDR nachtr&#228;glich keine Gefahr mehr f&#252;r die Sicherheit der Bundesrepublik. Vor Journalisten bewertete er einen m&#246;glichen Schaden als gering, zumal Geheimdienstaktivit&#228;ten immer mehr zur&#252;ckgingen und an Bedeutung verl&#246;ren.</p>
<p>Neben solcher Gelassenheit der Politiker steht die Skepsis von Juristen hinsichtlich der Position des BGH. Das Berliner Kammergericht, zu dem die Anklage gegen Gro&#223;mann und andere abverf&#252;gt worden war, setzte am 22. Juli 1991 sogar das Verfahren aus und rief das Bundesverfassungsgericht an. Es stellte dazu auch den gravierenden Mangel des Einigungsvertrages fest, »dass die gegen die Bundesrepublik Deutschland ausge&#252;bten nachrichtendienstlichen T&#228;tigkeiten strafbar bleiben; die Angeh&#246;rigen und Agenten der Aufkl&#228;rungsdienste der Bundesrepublik Deutschland sind dagegen straflos«. Dies sei eine Ungleichbehandlung, denn: »Die Bewertung, ob eine Spionaget&#228;tigkeit ›offensiv‹ oder ›defensiv‹ ausge&#252;bt worden ist, l&#228;&#223;t sich rechtlich nicht fassen.« Das Kammergericht stellt die T&#228;tigkeit beider Spionageapparate ausdr&#252;cklich gleich und differenziert zudem zwischen der DDR-Spionage und dem Stasi-Unterdr&#252;ckungsapparat: »Dass die Angeschuldigten als Angeh&#246;rige des MfS in Bereiche eingebunden gewesen w&#228;ren, in denen es zu Menschenrechtsverletzungen oder zu &#228;hnlich schwerwiegenden strafbaren Handlungen gekommen ist, oder dass sie durch die Weiterleitung von Erkenntnissen an den Inlandsapparat des MfS dessen Unterdr&#252;ckungsma&#223;nahmen strafrechtlich zu verantworten h&#228;tten, haben die Ermittlungen nicht ergeben.«</p>
<p>Mit dem Zitieren dieser Feststellung soll keineswegs das zur&#252;ckgenommen werden, was hier bereits &#252;ber die Verquickung von Aufkl&#228;rung und Abwehr, ihr gegenseitiges Geben und Nehmen ausgef&#252;hrt worden ist. Hier kam es zu einer Kooperation, die gewiss noch weiterer Ermittlungen bedarf und bei der nicht ausgeschlossen werden kann, dass – zu denken ist zum Beispiel an Briefkontrolle oder Telefon&#252;berwachung – auch strafbare Handlungen vorliegen. Insgesamt jedoch zeigt sich, dass gerade die Verletzung von Menschenrechten zwar einer starken moralischen &#196;chtung unterliegt, strafrechtlich aber kaum aufzuarbeiten ist. So unbefriedigend das sein mag: In dieser Hinsicht ist der Rechtsstaat unge&#252;bt und unsicher; nicht immer erfahren die Opfer die von ihnen erwartete Genugtuung.</p>
<p>Das belegten die ersten Prozesse gegen fr&#252;here DDR-Gr&#246;&#223;en, das kommt aber auch in hilflosen &#196;u&#223;erungen von Justizminister Kinkel oder des Generalbundesanwalts zum Ausdruck. Auf die Frage, wie die Bespitzelung des Volkes durch die Stasi geahndet werden k&#246;nne, sagte Alexander von Stahl: »Das ist strafrechtlich nur sehr schwer zu fassen.« Konkret fiel ihm nur der Tatbestand der »politischen Verd&#228;chtigung« ein. Und es ist Tatsache, dass die Chefs der Abwehr – Mielkes Stellvertreter Mittig und Schwanitz oder der Leiter der »Untergrundt&#228;tigkeit« bek&#228;mpfenden Hauptabteilung XX, Generalmajor Kienberg, sowie viele andere – bisher juristisch nicht belangt wurden. Kinkel, der es als ehemaliger Chef des Bundesnachrichtendienstes wissen muss, stellt resignierend fest: »Jeder Nachrichtendienst zahlt und arbeitet irgendwie mit Erpressungsmethoden.« Und Markus Wolfs Verteidiger verweist sogar darauf, dass mit den ehemals nationalsozialistischen Offizieren Reinhard Gehlen und Gerhard Wessel jahrelang Leute bundesdeutschen Geheimdiensten vorstanden, die bis 1945 in »ein Unrechtsregime eingebunden waren«.</p>
<p>Diese grunds&#228;tzliche Expertise zur Spionaget&#228;tigkeit vervollst&#228;ndigt das Berliner Kammergericht mit einer ebenfalls von der Sicht der Karlsruher Bundesrichter abweichenden Interpretation der Haager Landkriegsordnung. Hatten diese den entsprechenden Artikel als »eine kriegsrechtliche Sondernorm« bezeichnet, aus der eine Anwendung in Friedenszeiten nicht abzuleiten sei, so erkennt jenes darin einen &#252;bergeordneten Gedanken, der generell dann greift, wenn »sich der Spion ohne sein Zutun in einem anderen Hoheitsverh&#228;ltnis wiederfindet, auf dessen Entwicklung er keinen Einfluss gehabt hat, und nunmehr dem Zugriff des anderen Staates ausgesetzt ist«.</p>
<p>Schlie&#223;lich argumentiert das Berliner Kammergericht auch mit dem R&#252;ckwirkungsverbot. Demnach kann eine Tat nicht r&#252;ckwirkend verfolgt werden, wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Begehung. nicht unter Strafe gestellt war. Formalrechtlich ist dies zwar der Fall gewesen, aber das Gericht sieht eine sogenannte unechte R&#252;ckwirkung. Sie liege dann vor, »wenn ein Gesetz auf gegenw&#228;rtige, noch nicht abgeschlossene Rechtsbeziehungen f&#252;r die Zukunft einwirkt und damit zugleich betroffene Rechtspositionen nachtr&#228;glich &#228;ndert«. Da die DDR-Aufkl&#228;rer mit den eingetretenen Wandlungen nicht rechnen konnten, erg&#228;ben sich durch ihre Bestrafung verfassungsrechtliche Probleme.</p>
<p>Inzwischen hat sich die hessische Staatsanwaltschaft derartigen Bedenken angeschlossen. Eine Anklageerhebung gegen f&#252;nfzehn ehemalige Spione der HVA wurde ausgesetzt, um das Urteil der Karlsruher Verfassungsrichter abzuwarten.</p>
<p>Als einer der pragmatischen Gr&#252;nde f&#252;r die Verfolgung der ehemaligen HVA-Mitarbeiter gilt die Erwartung, dass sie unter dem Druck der Strafandrohung zur Aussage &#252;ber ihre fr&#252;here T&#228;tigkeit bereit seien und vor allem die untergetauchten Quellen im Operationsgebiet offenbaren k&#246;nnten. F&#252;r Alexander von Stahl z&#228;hlt nur die Frage: »Kriegen wir die Leute, die hier gearbeitet haben und potentiell wieder f&#252;r andere arbeiten k&#246;nnen?« Es erweist sich jedoch, dass er auf diese Weise seinem Ziel nicht n&#228;her kommt. Selbst das Berliner Kammergericht hielt ihm vor: »Ein derartiges Aufkl&#228;rungsinteresse ist zwar berechtigt; die Durchf&#252;hrung eines Strafverfahrens ist aber nicht geeignet, dieses Interesse durchzusetzen. Denn der Beschuldigte braucht sich nicht zu &#228;u&#223;ern (&#8230;). Von diesem Recht, die Angaben zur Sache zu verweigern, haben die Angeschuldigten weitgehend Gebrauch gemacht. Sie waren insbesondere nicht bereit, Namen und Erkenntnisse zu offenbaren, an denen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden gerade interessiert sind.«</p>
<p>Die mangelnde Bereitschaft zu einer f&#252;r beide Seiten bindenden Vereinbarung veranla&#223;t viele F&#252;hrungsoffiziere, gegen die selbst ermittelt wird, zu einer solchen Verweigerungshaltung. Und auch jene, die lediglich als Zeugen verh&#246;rt werden, sind angesichts der bereits ausgesprochenen drakonischen Strafen gegen ihre fr&#252;heren Informanten kaum bereit, zu einer solchen Art von »Rachejustiz« ihre Hand zu leihen. Sie k&#246;nnen in &#252;berlangen Haftstrafen keinen Sinn sehen, droht doch bei den T&#228;tern weder der R&#252;ckfall noch ist Abschreckung auf andere vonn&#246;ten. Die Sozialisierungsfunktion der Strafe wird dabei v&#246;llig missachtet.</p>
<p>Ungeachtet dessen gehen die Ermittlungen und die Einleitung von Strafverfahren gegen fr&#252;here Spione und ihre Hinterm&#228;nner in der HVA weiter. Mit Stand von Ende November 1991 waren 1691 Ermittlungsverfahren wegen Spionage eingeleitet, von denen jedoch die meisten nur sehr schleppend vorankommen. Lediglich in 89 F&#228;llen konnte bisher Haftbefehl erlassen werden: nur vereinzelt ist Anklage erhoben oder gar die gerichtliche Hauptverhandlung er&#246;ffnet; wenige Verfahren sind abgeschlossen – und auch da ist vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Generalbundesanwalt will aber noch mehr. Er k&#252;ndigte insgesamt etwa 5000 Ermittlungsverfahren an und sprach von 400 weiteren Spionen, deren er noch habhaft werden will.</p>
<p>Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt das Dilemma, in das die Rechtsprechung durch die Vers&#228;umnisse der Verhandlungspartner des Einigungsvertrages, aber auch durch die starre Uneinsichtigkeit sowohl der fr&#252;heren HVA-F&#252;hrung als auch ideologisch und populistisch denkender politischer Kr&#228;fte der Bundesrepublik geraten ist. Anfang 1991 schien dies auch dem Bundesgerichtshof noch bewusst, als er empfahl, im vorliegenden Fall des Beitritts eines Staates bei v&#246;lliger Aufgabe der staatlichen Souver&#228;nit&#228;t den nach seiner Auffassung legitimen Strafanspruch des &#252;bernehmenden Staates nicht in allen F&#228;llen durchzusetzen. »Das ist aber«, so res&#252;mierte er, »eine politische Entscheidung, die die Gesetzgebungsorgane zu treffen haben«.. Die Entwicklung nahm eine andere Richtung, und es bleibt abzuwarten, ob eine f&#252;r alle Seiten befriedigende L&#246;sung noch gefunden werden kann.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Sturm auf die Stasi-Zentrale</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jan 2010 15:56:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Eins der wenigen gewaltt&#228;tigen Ereignisse der Wendezeit 1989/90 fand heute vor 20 Jahren in der Berliner Normannenstra&#223;e statt. Hier residierte die geheimnisumwitterte Zentrale der DDR-Staatssicherheit, in der die Arbeit anscheinend unbeeindruckt vom Geschehen des letzten Vierteljahres auf den Stra&#223;en weiterzugehen schien. <span id="more-1444"></span>In den Bezirken der DDR waren die MfS-Verwaltungen bereits B&#252;rgerkomitees &#252;bergeben worden; nur in der Hauptstadt schien sich diesbez&#252;glich nichts zu tun. Das weckte zunehmendes Unverst&#228;ndnis, gepaart mit Ungeduld. F&#252;r den 15. Januar 1990 war zu einer Demonstration vor dem Hauptangang der MfS-Zentrale aufgerufen worden. Ausdr&#252;cklich sollten dazu auch Steine mitgebracht werden; man wollte die Tore des Stasi-Ministeriums symbolisch zumauern, um seine weitere Arbeit zu unterbinden. Bald zeigte sich jedoch, dass Steine auch anderweitig verwendbar waren. Die Masse vor dem Tor nahm eine immer bedrohlichere Haltung ein. Irgendwann beschlossen die verbliebenen Verantwortlichen der Staatssicherheit gemeinsam mit B&#252;rgerrechtlern, die sich l&#228;ngst im Inneren des Komplexes befanden, die &#214;ffnung der Tore.</p>
<p>Was dann geschah, ist dieser Tage immer wieder <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0113/berlin/0012/index.html" target="_blank">ausf&#252;hrlich beschrieben </a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/efa3aa9b3aaa41d79fa60eef50776f50" alt="" width="1" height="1" />worden. Nur wenig beachtet wurde dabei jedoch, dass eine gro&#223;e Diensteinheit des MfS, die sich »Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung« nennende Spionageabteilung, vom Sturm auf die Zentrale fast v&#246;llig verschont blieb. Folgender Text, der in den Jahren 1991/92 entstand und – hier geringf&#252;gig ver&#228;ndert – in dem Buch »Wolfs Westspione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde, wandte sich gerade diesem Ph&#228;nomen zu, beschrieb es, suchte also eine Antwort auf die Frage:</p>
<h3>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung &#8211; eine Insel im Sturm?</h3>
<p>Der 15. Januar 1990 ist ein k&#252;hler und regenfeuchter Tag. Noch vor 16 Uhr bricht die D&#228;mmerung herein, und eine Stunde sp&#228;ter ist es stockdunkel. Vor dem riesigen Geb&#228;udekomplex zwischen Frankfurter Allee und Normannenstra&#223;e im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg stehen jedoch tausende Demonstranten im glei&#223;enden Licht der Scheinwerfer und Lampen, die stets unbehinderte Sicht auf die Au&#223;enmauern des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit gew&#228;hrleisten sollten. Noch vor einigen Wochen h&#228;tten sich die Menschen nicht gewagt, hier l&#228;nger als irgend n&#246;tig zu verweilen – und wenn, sie w&#228;ren schnell durch die aufmerksamen Wachtruppen zum Weitergehen aufgefordert worden.</p>
<p>Heute ist es anders. Der Umbruch des Herbstes 1989 hatte dazu gef&#252;hrt, dass bereits im Dezember die &#246;rtlichen Verwaltungen des MfS in allen Bezirksst&#228;dten der DDR besetzt und anschlie&#223;end von Polizeikr&#228;ften gesichert wurden, um den Spielraum der Staatssicherheit einzuschr&#228;nken. Da war es nach Auffassung aller Beobachter nur eine Frage der Zeit, wann die Berliner Zentrale dieses Schicksal teilen w&#252;rde. F&#252;r diesen 15. Januar hatte das Neue Forum hatte zu einer Demonstration aufgerufen, zu der Steine mitgebracht werden sollten, um damit symbolisch die Zug&#228;nge zum Ministerium zuzumauern und so seine Weiterarbeit zu unterbinden.</p>
<p>Das Geschehen entwickelte sich jedoch in ganz anderer Weise, denn wie in den Bezirksst&#228;dten verlangten die Demonstranten Zugang zu den Dienstr&#228;umen, wollten sie die verhasste Unterdr&#252;ckungszentrale endlich von innen sehen, vielleicht ihre Akte suchen und die MfS-Mitarbeiter zur Rede stellen. Das Wachpersonal, bestehend aus Volkspolizisten, gibt diesem Druck bald nach. Auch die im Innern befindlichen Vertreter der B&#252;rgerrechtsgruppen – sie hatten seit Wochen Zugang zu allen Diensteinheiten des Ministeriums – sehen keinen Grund, den Demonstranten den Zutritt zu verweigern, und das umso mehr, als vor dem Tor allm&#228;hlich eine bedrohliche Situation entsteht.</p>
<p>Die Angeh&#246;rigen des fr&#252;heren MfS bzw. des Am<img class="alignright size-medium wp-image-1447" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/01/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />tes f&#252;r Nationale Sicherheit, wie es seit Amtsantritt der Modrow-Regierung hei&#223;t, befinden sich nur noch in geringer Zahl in den Arbeitsr&#228;umen. Sind sind seit langem entwaffnet und seit dem Wochenende zuvor bis auf einen kleinen Rest beurlaubt. Am Freitag und Sonnabend hatten sie ihren meist langj&#228;hrigen Arbeitsplatz f&#252;r immer verlassen, die letzten pers&#246;nlichen Gegenst&#228;nde – B&#252;cher, Bilder, Blumen usw. &#8211; mitgenommen. Nun war ein Kapitel ihrer Biografie abgeschlossen. Die meisten verfolgten das Geschehen des Montags am Fernsehapparat – und wer es bis dahin nicht wahrhaben wollte, wusste nun, dass es kein Zur&#252;ck mehr gab.</p>
<p>Die Besetzung der MfS-Zentrale Normannenstra&#223;e war zu erwarten gewesen; daher tut niemand etwas, um sie zu verhindern. Das Wachregiment war schon vor einiger Zeit abgezogen worden; die wenigen in den Dienstobjekten verbliebenen Mitarbeiter schreiten nicht ein. Die Demonstranten wenden sich dem protzigsten Bau auf dem Gel&#228;nde zu, ( / dem erst vor einigen Jahren fertiggestellten Versorgungstrakt. Einige jedoch erweisen sich als erstaunlich ortskundig und marschieren zielstrebig zum Geb&#228;ude der inneren Spionageabwehr. Deren bisher streng gesicherte Arbeitsr&#228;ume sind pl&#246;tzlich auf den TV-Schirmen zu sehen, wie sie ganz offensichtlich gezielt durchst&#246;bert werden. Der stellvertretende Leiter dieser Hauptabteilung II, Oberst Wiegand, hatte sich bereits im Dezember 1989 in Obhut des Bundesnachrichtendienstes begeben. Ausgestattet vielleicht mit seinen Lageskizzen d&#252;rften die BND-Agenten mehr gefunden haben als Parteitagsbrosch&#252;ren, Konservenb&#252;chsen und leere Dienstformulare.</p>
<p>All das verl&#228;uft ohne nennenswerte Gewalt, ohne Blutvergie&#223;en, beinahe friedlich. Ein Geheimdienst, der fast vierzig Jahre lang Angst und Schrecken verbreitet hatte, f&#228;llt zusammen wie ein Kartenhaus. Es zeigte sich, dass er bereits seit langem ein Koloss auf t&#246;nernen F&#252;&#223;en war, der weder eine Basis in der Bev&#246;lkerung noch den erwarteten R&#252;ckhalt in den eigenen Reihen besa&#223;. Wer Augen hatte zu sehen und Ohren, um zu h&#246;ren, der begriff, dass es dieses System nicht mehr wert war, verteidigt zu werden – zu zerr&#252;ttet war die Wirtschaft, zu unzufrieden war das Volk, zu starr und unbelehrbar die F&#252;hrung von SED und Staat. Radikale &#196;nderungen waren dringend vonn&#246;ten, und das Volk war in seltener Einm&#252;tigkeit entschlossen, diese herbeizuf&#252;hren.</p>
<p>Dem konnten viele Mitarbeiter der Staatssicherheit durchaus zustimmen. Bis auf fanatische Hardliner, die entweder das Gespenst der Konterrevolution an die Wand malten oder die Ereignisse engstirnig nur als tempor&#228;re Erscheinungen verstanden, sahen sie in der gro&#223;en Mehrheit keinen Anlass mehr, die dringend n&#246;tige Katharsis zu verhindern. Sie hatten zwar durch ihre Arbeit dem Regime zu seinem langen zerst&#246;rerischen Leben verholfen, doch jetzt war ihre Bereitschaft, es weiter gewaltsam zu sch&#252;tzen, verloren gegangen. Daraus erkl&#228;rt sich nicht zum geringsten der friedliche Verlauf der kommenden Ereignisse. Selbst jenes Organ, das von SED-und DDR-Staat zur eigenen Machtsicherung herangez&#252;chtet worden und zu einem gigantischen Apparat gewuchert war, versagte faktisch seinen Befehlsgebern die Gefolgschaft. Zwar konnte es sich nicht zu eigenem aktiven Handeln entschlie&#223;en, aber es griff dem Rad der Geschichte auch nicht in die Speichen.</p>
<p>Und mehr noch: Mit einer Reihe von Personen, mit denen das Ministerium seit langem – wenn auch auf sehr ungleicher Basis – zusammengearbeitet hatte, wurden stillschweigende &#220;bereink&#252;nfte gefunden, die die Gewaltlosigkeit von beiden Seiten sicherstellten. Nat&#252;rlich spielte dabei lange auch die Hoffnung eine Rolle, das Ministerium – in welcher Form auch immer – zu erhalten, denn so weit ging die Selbstverleugnung seiner Mitarbeiter nicht, dass sie ohne weiteres bereit waren, die eigene Dienst- und Arbeitsstelle zu opfern. Nun aber spielte selbst das keine Rolle mehr; dazu war die Entwicklung zu weit fortgeschritten. W&#228;hrend auf der einen Seite ein bewusstes Sch&#252;ren des »Volkszorns« vermieden wurde, sorgte das AfNS daf&#252;r, dass Hunderttausende offizielle und inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums ihre T&#228;tigkeit ohne nennenswerten Widerstand f&#252;r immer beendeten. Dieses Handeln, das sich in beiden Lagern heute mit dem Vorwurf des Verrats auseinander zu setzen hat, war wesentlich f&#252;r den friedlichen Verlauf des Wendeprozesses.</p>
<p>Ein Beispiel f&#252;r dieses insgeheime und zum Teil sicher auch unbewusste Einverst&#228;ndnis war der Umgang zwischen B&#252;rgerbewegung und Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung an diesem 15. Januar 1990. Zwar verirren sich auch einige Gr&#252;ppchen der Demonstranten in den 16-st&#246;ckigen Eckbau an Frankfurter Allee und Ruschestra&#223;e; sie ziehen sich jedoch zur&#252;ck, als sie erfahren, dass es sich hier um den Spionagedienst der DDR handelt. Die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung bleibt eine Insel im Sturm auf die Stasi-Zentrale an der Normannenstra&#223;e.</p>
<p>Warum diese Vorzugsbehandlung? Und war eine solche R&#252;cksichtnahme berechtigt?</p>
<p>Das Verhalten der B&#252;rgerrechtler entsprach den Vereinbarungen zwischen ihnen und der Leitung der HVA, das auch von der Anfang Januar 1990 gebildeten Arbeitsgruppe Sicherheit des Zentralen Runden Tisches getragen wurde. Die B&#252;rgerrechtler hatten bereits im Dezember Gespr&#228;che mit Vertretern der Aufkl&#228;rung aufgenommen. Sie trafen dabei auf einen Mann, der vom ersten Moment an einen gewinnenden Eindruck machte, beredsam war und offensichtlich ohne Einschr&#228;nkung Auskunft geben wollte. Es war der stellvertretende Leiter der Auswertungsabteilung der HVA, Oberst Dr. Heinz Busch. Aufgrund genannter Eigenschaften hatte ihn die Generalit&#228;t, die – in der Hoffnung auf eine nahtlose Weiterarbeit im angestrebten und von der Modrow-Regierung auf Empfehlung ihres Beraters Markus Wolf, des fr&#252;heren Chefs der DDR-Spionage, zugesagten »neuen« Auslandsnachrichtendienst – im Hintergrund bleiben wollte, f&#252;r diese heikle Aufgabe ausgew&#228;hlt. Busch entledigte sich ihrer mit Bravour. Er trat den B&#252;rgerrechtlern offensichtlich unbefangen entgegen, mit ausgesuchtem Zuvorkommen und ohne jene Feindseligkeit, die andere MfS-Offiziere im Umgang mit ihren einstigen »operativen Vorg&#228;ngen« nur schwer verbergen konnten. Er erl&#228;uterte, dass die HVA keinerlei Anteil an den Verbrechen des MfS habe, dass ihre Arbeit immer auf die Erhaltung des Friedens gerichtet gewesen sei und dass es nun gelte, die derart verdienstvollen Quellen vor dem Zugriff der anderen Seite zu sch&#252;tzen. Das verstanden die B&#252;rgerrechtler. Ihre humanistische Grundhaltung und wohl auch der Respekt vor den Kunbdschaftern in den westlichen L&#228;ndern veranlassten sie, die HVA weitgehende Handlungsfreiheit zu lassen. Sie glaubten auch, dass die Aufkl&#228;rung in das Unterdr&#252;ckungssystem nicht integriert gewesen sei.</p>
<p>Busch beeindruckte seine Gespr&#228;chspartner – wohl auch deshalb, weil er vieles von dem, was er sagte, ehrlich meinte. Er hoffte zwar auf eine Fortsetzung der nachrichtendienstlichen Arbeit, wollte sie aber auf eine andere Grundlage gestellt sehen. Eine Sicht, die seine Chefs nicht teilten. F&#252;r vorgeschoben, geeignet f&#252;r den Zweck des Zeitgewinns und wohl auch der T&#228;uschung. Busch erkannte das zu sp&#228;t, begriff aber im Januar, dass der Glaube an die Schaffung eines »neuen« Auslandsnachrichtendienstes Illusion war.</p>
<p>Er zog <em>seine</em> Konsequenz. Als er am 15. Januar vor dem Runden Tisch erneut die Interessen der HVA vertreten und sich auf diese Weise nun vor der gesamten Republik dekonspirieren sollte, wechselte er die Seite. Jetzt ist er ein Betreuungsfall des Bundesnachrichtendienstes. Seinen Part vor dem Runden Tisch &#252;bernahm daraufhin Oberst Ralf Devaux, ein Stellvertreter des Wolf-Nachfolgers Werner Gro&#223;mann. Er war f&#252;r die Dienste der Bundesrepublik ebenfalls kein Unbekannter, hatte er doch jahrelang die »legale Residentur« der HVA bei der St&#228;ndigen Vertretung der DDR in Bonn gef&#252;hrt. Devaux kam nicht mehr zu Wort vor dem Runden Tisch. Die Ereignisse an der Normannenstra&#223;e eskalierten und f&#252;hrten zur Unterbrechung der Beratungen. Und danach war das Schicksal des MfS besiegelt – und damit auch seines Spionagedienstes, der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Aus heutiger Sicht waren alle &#220;berlegungen des Herbstes 1989, noch etwas von der DDR-Aufkl&#228;rung zu retten, lediglich Wunschtr&#228;ume. Zu sehr war die HVA in den zur&#252;ckliegenden Jahren in den Verband der MfS-Diensteinheiten mit ihrer auf die Bespitzelung des »inneren Feindes« gerichteten Hauptaufgabe integriert worden, als dass sie sich guten Gewissens ganz und gar vom Gesamtministerium distanzieren konnte. Seit sie Mitte der 50er Jahre zur Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung <em>im</em> Ministerium f&#252;r Staatssicherheit wurde, war sie mit dessen Schicksal auf Gedeih und Verderb verbunden.</p>
<p>Die HVA profitierte von dem, was die Bereiche der Abwehr taten. Sie hatte Zugang zu den Erkenntnissen der Abwehr-Dienteinheiten und nutzte nat&#252;rlich diese M&#246;glichkeit f&#252;r ihre operative Arbeit. Un d sie revanchierte sich daf&#252;r, indem sie geeignete Informationen der Abwehr &#252;bergab. In der HVA war die von Mielke und der Abwehr praktizierte »fl&#228;chendeckende &#220;berwachung« nahezu des gesamten Volkes gewiss nicht sonderlich gesch&#228;tzt und wurde von ihr schon gar nicht forciert. Denn nicht selten behinderte sie dieses Misstrauen gegen jeden und alles in ihrer eigenen Arbeit, die sich ganz anderer Methoden bedienen musste, wollte sie erfolgreich sein. Aber die HVA hatte sich der falschen Sicherheitsdoktrin auch nie entgegengestellt, sondern von ihren Resultaten genommen, was ihr n&#252;tzte. In dem Bestreben, die eigene – f&#252;r notwendig und n&#252;tzlich erachtete – Arbeit m&#246;glichst effektiv tun zu k&#246;nnen, hat sie Kompromisse geschlossen und Zugest&#228;ndnisse gemacht, die im Endeffekt dazu f&#252;hrten, dass sie sp&#228;ter neben andere Diensteinheiten des MfS auf die Anklagebank gesetzt wurde.</p>
<p>Und doch ist Differenzierung vonn&#246;ten! Denn die Grundaufgaben der HVA waren nat&#252;rlich andere als die der Abwehrbereiche. Es ging tats&#228;chlich um eine T&#228;tigkeit, die in nahezu allen Staaten dieser Erde nichts Besonderes darstellt, obwohl sie stets und in jedem Falle gegen die Interessen eines anderes Landes verst&#246;&#223;t, mit dem man in der Regel normalen, wenn nicht gar freundschaftlichen Kontakt pflegt. Dass sich die Staaten in dieser Weise ausforschen, wird von allen augenzwinkernd akzeptiert; ungem&#252;tlich verspricht es nur f&#252;r die daran beteiligten Staatsb&#252;rger des jeweils eigenen Landes zu werden, sobald man ihrer habhaft wird. Diese geheimdienstliche T&#228;tigkeit richtet sich nach au&#223;en und hat – sofern der Dienst konsequent ist (was man in den meisten F&#228;llen aber nicht voraussetzen kann) – nichts mit der Spitzelt&#228;tigkeit nach innen zu tun. Die HVA konnte sich vom unmittelbaren Mittun tats&#228;chlich weitgehend fernhalten, gab es doch im MfS Bereiche, die sich dieser spezifischen Aufgabe eigenverantwortlich – und auch eifers&#252;chtig gegen&#252;ber jeder Kompetenzeinschr&#228;nkung – widmeten. Dazu jedoch hatte die HVA Amtshilfe geleistet, ohne Scheu kooperiert und vieles stillschweigend akzeptiert – weil sich so die Arbeit bequemer machen lie&#223;.</p>
<p>Die HVA war keine Insel im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit; dazu gab es zu viele Br&#252;cken und &#220;berg&#228;nge zwischen ihr und den Abwehrbereichen. Insofern fragten sp&#228;ter viele, ob sie es »verdient« hatte, dass die Sturmwellen des Protestes sie damals verschonten. Und sie gaben auch die Antwort, indem sie den Spionageapparat letztlich auch &#228;chteten – als einen voll mithaftenden Bestandteil der Stasi.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren – Der Runde Tisch will eine erneuerte DDR organisieren</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Dec 2009 22:26:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bundesrepublik]]></category>
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		<description><![CDATA[Als sich heute vor 20 Jahren in Berlin der Runde Tisch konstituierte, verstand er sich als ein endlich demokratisches Organ der Deutschen Demokratischen Republik. Er wollte Ma&#223;nahmen ergreifen, die dem Volk, das sich gerade so nachdr&#252;cklich zu Wort gemeldet hatte, eine echte Mitsprache erm&#246;glichten – in freien Parteien, durch freie Wahlen, in einer freien Gesellschaft. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als sich heute vor 20 Jahren in Berlin der Runde Tisch konstituierte, verstand er sich als ein endlich demokratisches Organ der Deutschen Demokratischen Republik. Er wollte Ma&#223;nahmen ergreifen, die dem Volk, das sich gerade so nachdr&#252;cklich zu Wort gemeldet hatte, eine echte Mitsprache erm&#246;glichten <span id="more-1416"></span>– in freien Parteien, durch freie Wahlen, in einer freien Gesellschaft.</p>
<p>An eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten m&#246;gen einige der Teilnehmer der <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1083376/" target="_blank">Runden Tisches</a> durchaus gedacht haben, doch als dringende Aufgabe sahen sie das nicht. Ihnen ging es um einen emanzipatorischen Akt; zun&#228;chst <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1082994/" target="_blank">wollten sie sich ihrer selbst vergewissern</a><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/1ed433494b4948d68472b800bdbae2cb" alt="" width="1" height="1" /> – und dann entscheiden, wie es mit ihrem geteilten Land weitergehen soll. Andere, vor allem in der Bundesrepublik, sahen solches Selbstbewusstsein mit gemischten Gef&#252;hlen. Die einen wollten die schnelle Einheit aus tiefer &#220;berzeugung, andere – mit &#246;konomischem Hintergrund – dachten schon an die Gewinne, die angesichts der Rezession im Westen aus einem neuen Absatzgebiet zu ziehen seien. Und es gab auch jene, die die neue, origin&#228;r demokratische Entwicklung im Osten mit Sorge verfolgten. Entwickelte sich hier doch noch jene gesellschaftspolitische Alternative zum bundesrepublikanischen System, die die DDR schon lange nicht mehr war und das man nat&#252;rlich mit gro&#223;em Misstrauen betrachtete? Es wurde zwar begr&#252;&#223;t, dass eine B&#252;rgerbewegung das DDR-Regime hinwegfegte, aber f&#252;r den Westteil des Landes mochte man eine vergleichebare Unruhe nicht.</p>
<p>Einen interessanten Einblick in das durchaus differenzierte Meinungsbild in der Bundesrepublik &#252;ber den Umgang mit den neuen politischen Kr&#228;ften in der DDR und die Konsequenzen f&#252;r den Bonner Staat, gibt eine Korrespondenz, die am 21. November 1989 in der inzwischen eingegangenen Zeitschrift <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Weltb%C3%BChne" target="_blank">»Die Weltb&#252;hne«</a> erschien.</p>
<blockquote>
<h3>Komplimente f&#252;r die Konkurrenz?</h3>
<address>von Ulrike Forster (Bonn)</address>
<address></address>
<p>Die Welt schaut in diesen Tagen fasziniert auf die DDR. Was sich dort seit wenigen Wochen ereignet, wie sich die politische Landschaft von Grund auf ver&#228;ndert, hat wahrlich historische Di­mensionen. Dar&#252;ber kam sogar die oft provinzielle, auf sich selbst und ihre satte Selbstzufriedenheit fixierte bundesrepublikanische Gesellschaft in Bewegung.</p>
<p>Sie spart nicht einmal mehr mit Komplimenten. Pl&#246;tzlich ist das DDR-Fernsehen interessant. Die Einschaltquoten stiegen sprung­haft, und allenthalben ist das Urteil zu h&#246;ren, die Sendungen aus Adlershof seien kompetenter, authentischer, einfach richtiger als die Beitr&#228;ge der jahrelang nochgelobten Korrespondenten von ARD und ZDF. Nun sollen die DDR-Programme in unsere Kabel­netze eingespeist werden, und der mit dem ZDF liierte Privatsen­der 3 S&#228;t sendet schon t&#228;glich eine Aufzeichnung der „Aktuellen Kamera&#8221;. DDR-B&#252;rger aller Couleur sind gefragte Gespr&#228;chspart­ner von Zeitungen, Sendern, Politikern. Im ARD-Presseclub am vorletzten Sonntag waren gleich drei DDR-Journalisten vertreten. Der jahrelang &#252;bel beleumdete „Trabi&#8221; wird fast zu einem Kult­fahrzeug. Die Hamburger Dayidswache auf der Reeperbahn mel­dete am ersten Tag nach der &#214;ffnung der Mauer bereits den Dieb­stahl eines solchen Gef&#228;hrts, und das K&#246;lner Stadtmuseum kaufte einen der in Zwickau gebauten Kleinwagen, um ihn als „Doku­ment deutscher Geschichte&#8221; in seine Sammlung aufzunehmen.</p>
<p>Vor allem aber begeistert alle jene hier, die daf&#252;r noch ein Ge­sp&#252;r haben, das Selbstbewu&#223;tsein, die Kompromi&#223;losigkeit und zugleich die Besonnenheit, mit denen die DDR-B&#252;rger ihre Rechte einfordern, mit der sie das ihnen jahrzehntelang theoretisch ver­mittelte sozialistische Ideal zur Realit&#228;t werden lassen wollen.</p>
<p>Antje Vollmer von den Gr&#252;nen nannte das, was in der DDR ent­steht, „die erste selbsterk&#228;mpfte Demokratie auf deutschem Bo­den&#8221;, und der Westberliner Regierende B&#252;rgermeister Momper be­zeichnete die Entwicklung, die in der Gew&#228;hrung eines freien Rei­severkehrs ihren ersten H&#246;hepunkt fand, als eine „friedliche demo­kratische Revolution&#8221;.</p>
<p>Zugleich melden sich hier jedoch auch diejenigen zu Wort, die sich nun einer Wiedervereinigung ganz nahe w&#228;hnen, die — wie die „Frankfurter Rundschau&#8221; bereits im September schrieb — „aus den Reformbewegungen im Osten die illusion&#228;re Hoffnung sch&#246;pfen, doch noch den kalten Krieg der f&#252;nfziger Jahre gewinnen und den politischen wie territorialen Sieg &#252;ber den Sozialismus feiern zu k&#246;nnen&#8221;. Sie reichen von ganz rechts, von den Republikanern, &#252;ber die CSU (deren Europa-Abgeordneter Otto von Habsburg forderte, eine „ganz konkrete Strategie f&#252;r die Wiedervereinigung Deutschlands&#8221; zu entwerfen) bis ins Regierungszentrum und h&#246;rt auch bei der SPD nicht auf. So sieht Bundeskanzler Kohl weniger denn je Grund, sich „mit der Zweistaatlichkeit Deutschlands abzu­finden&#8221;, wie er am 8. November im Bundestag erkl&#228;rte. Bei den Sozialdemokraten gibt es eine Str&#246;mung, die das in Arbeit befind­liche SPD-Grundsatzprogramm in puncto „deutsche Frage&#8221; erg&#228;n­zen will.</p>
<p>DDR-Staatsratsvorsitzender Egon Krenz hat dazu bei seinen Te­lefongespr&#228;chen mit Helmut Kohl erkl&#228;rt, „was der Kanzler denke und sage, sei dessen Sache&#8221;; f&#252;r ihn, Krenz, sei Wiedervereinigung „kein Thema, das auf der Tagesordnung steht&#8221;. Er befindet sich damit wohl auch in &#220;bereinstimmung mit der Mehrheit der Bun­desb&#252;rger, die das kurzschl&#252;ssige Denken der Union, Selbstbestim­mung der DDR-B&#252;rger w&#228;re identisch mit deren Wunsch nach schneller Vereinigung mit der Bundesrepublik, f&#252;r wenig reali­stisch halten. Die Pfiffe, die der Kanzler am 10. November vor dem Sch&#246;neberger Rathaus in Westberlin — ganz im Gegensatz zu Willy Brandt, Momper und Genscher — zu h&#246;ren bekam und die sich noch steigerten, als dort die bundesdeutsche Hymne ange­stimmt wurde, sollten ihn eines Besseren belehrt haben.</p>
<p>Sogar austseiner eigenen Partei kommen andere Stimmen, so die des baden-w&#252;rttembergischen Ministerpr&#228;sidenten Lothar Sp&#228;th, der &#252;berzeugt ist, da&#223; die Mehrheit der DDR-B&#252;rger eine Wieder­vereinigung im Sinne eines „reinen Anschlusses&#8221; an die Bundesre­publik nicht w&#252;nscht. Und nach Meinung des CDU-Vorstandsmit­gliedes Biedenkopf m&#252;sse „aus grunds&#228;tzlichen Erw&#228;gungen der Selbstbestimmung&#8221; das Recht der DDR-B&#252;rger gesichert sein, „den nach vierzigj&#228;hriger Unfreiheit gewonnenen Gestaltungs­raum nach eigenem politischen Willen und Ermessen auszuf&#252;l­len&#8221;!</p>
<p>Diese DDR-B&#252;rger halten offensichtlich wenig von einer R&#252;ck­kehr in den Scho&#223; eines „gro&#223;deutschen Reiches&#8221;. Dazu mu&#223; man nicht Krenz und die SED zitieren. Die Opposition denkt in diesem Punkt ebenso. B&#228;rbel Bohley vom Neuen Forum sagte dem Pariser „Figaro&#8221;: „Nach 40 Jahren gibt es zwei verschiedene Gesellschaften. Die westdeutsche Lebensweise ist uns ganz und gar fremd. Wir sprechen die gleiche Sprache, das ist alles. Die gl&#228;nzenden Jahre Deutschlands sind nicht die, in denen es vereint war.&#8221; Ulrike Poppe von der Gruppe „Demokratie jetzt&#8221; antwortete der „Stutt­garter Zeitung&#8221; ganz &#228;hnlich: „Eine Wiedervereinigung, bei der wir an die Bundesrepublik angegliedert werden, w&#252;rde wieder Fremdbestimmung bedeuten. Wir m&#252;ssen unsere Reformen erst einmal allein machen.&#8221;</p>
<p>Nachdenklichere Politiker hierzulande reflektieren in diesem Sinne bereits ernsthaft dar&#252;ber, was eine attraktive DDR f&#252;r die Bundesrepublik bedeuten k&#246;nnte. Der schon zitierte Biedenkopf jedenfalls h&#228;lt es angesichts mancher hiesiger Fehlentwicklungen f&#252;r wichtig, „auch die M&#246;glichkeit einer Entwicklung freiheitlicher Alternativen zu Gestaltungsformen und Institutionen offenzuhal­ten, wie sie in der Bundesrepublik entstanden sind&#8221;. Andere gehen noch weiter und sch&#228;tzen die Aussichten des westlichen deutschen Staates in einem solchen Wettbewerb langfristig durchaus nicht ro­sig ein. „Sollte in der DDR aber tats&#228;chlich aus dem Sozialismus Stalinscher Pr&#228;gung eine Art demokratischer Sozialismus werden, stellen sich f&#252;r die Gesellschaft der Bundesrepublik ganz andere Fragen&#8221;, sinnierte die „Frankfurter Rundschau&#8221; am 4. November und fuhr dann fort: „Was aber, wenn dieser Sozialismus mit menschlichem Antlitz die bundesdeutsche Gesellschaft von der DDR aus herausfordert?&#8221;</p>
<p>Die meisten Linken in der Bundesrepublik jedenfalls hoffen auf eine solche Alternative. Sie stellen schon jetzt die Frage, ob es in Bonn denn m&#246;glich w&#228;re, Losungen an das Bundeskanzleramt zu kleben (wie in der DDR-Hauptstadt an Staatsrat oder Volkskam­mer), ob hier Massendemonstrationen den Sturz der Regierung oder das Auswechseln f&#252;hrender Parteigr&#246;&#223;en bewirken k&#246;nnten, ob die Bundesregierung Forderungen des Volkes &#252;berhaupt so ernst nehmen w&#252;rde, wie es die neue DDR-F&#252;hrung tut. In der DDR schallte Egon Krenz nicht selten der Ruf von der „Konkur­renz&#8221; entgegen. Kann es sein, da&#223; diese DDR dereinst zur Kon­kurrenz f&#252;r das bundesrepublikanische Gesellschaftsmodell wird?</p></blockquote>
<p>Eine solche Konkurrenz galt es schnell zu verhindern. Das war zumindest eines der Ziele, das die bundesrepubilkanische Politik seit dem Herbst 1989 verfolgte. Helmut Kohl begr&#252;ndete seine Eile hernach stets mit den au&#223;enpolitischen Konstellationen, die nur f&#252;r kurze Zeit das »Fenster der Gelegenheit« &#246;ffneten. Da ist gewiss etwas dran, aber genauso wichtig d&#252;rfte ihm gewesen sein, die unheimliche Bewegung in der DDR unter Kontrolle zu bringen – und das ging nat&#252;rlich am besten dadurch, dass man das unruhige Nachbarland so schnell wie m&#246;glich an die etablierte Bundesrepublik anschloss. Er konnte dabei freilich – auch dass geh&#246;rt zur historischen Wahrheit – auf die Sehnsucht einer Mehrheit der DDR-B&#252;rger nach Einlass in den »goldenen Westen« bauen. Und der Kanzler mag geahnt haben, dass auch diesbez&#252;glich das »Fenster der Gelegenheit« nicht ewig w&#252;rde ge&#246;ffnet sein.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren – Der Zusammenbruch des DDR-Spionageapparates</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Nov 2009 18:03:00 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren hat Erich Mielke in der DDR-Volkskammer eine Rede gehalten, mit der er das Organ, das er 32 Jahre f&#252;hrte, der L&#228;cherlichkeit preisgab. Es war dies der gleiche Erich Mielke, der in seiner Amtszeit aus dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit einen schlagkr&#228;ftigen Apparat gemacht hatte, von dem man kaum erwarten konnte, dass er binnen weniger Wochen total zusammenbricht. Noch heute r&#228;tseln viele<span id="more-1353"></span>, warum die Stasi, die jahrzehntelang in der DDR Furcht und Schrecken verbreitet hatte, fast ohne jede Gegenwehr von der Bildfl&#228;che verschwand – und das, obwohl sie unter den zu erwartenden neuen Verh&#228;ltnissen mit Nachsicht nicht rechnen konnte. »Dass die ersch&#246;pften Fu&#223;truppen des Systems von der totalen Sinnlosigkeit staatlicher Gewaltma&#223;nahmen durchdrungen waren«, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung k&#252;rzlich schrieb, geh&#246;rt gewiss zu den Gr&#252;nden des &#252;berraschenden Verhaltens der »bewaffneten Organe der DDR«, erkl&#228;rt es aber kaum hinreichend. Viel wahrscheinlicher ist schon, dass auch viele Stasileute – wie Polizei, Armee, Kampfgruppen usw. – das Vertrauen in ihre F&#252;hrung verloren hatten und – weniger offen als insgeheim – mit den Demonstranten auf den Stra&#223;en sympathisierten.</p>
<p>Einen gewiss begrenzten Einblick in die Entwicklungen vor 20 Jahren gibt folgender Text, der 1992 in der Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« erschien. Zwar ist heute das damalige Geschehen gr&#252;ndlicher erforscht; dennoch kann diese alte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h3>Der Zusammenbruch des DDR-Spionageapparates</h3>
<p>An zwei Tagen des Jahres herrschte im Ministeri<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/736b3518dbec4068a144013b772ddefc" alt="" width="1" height="1" /><img class="alignright size-medium wp-image-1355" title="Titel287" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/11/Titel2871-199x300.GIF" alt="Titel287" width="199" height="300" />um f&#252;r Staatssicherheit eine besondere Gesch&#228;ftigkeit – um den 7. Oktober, den Tag der DDR-Gr&#252;ndung, und den 8. Februar, den Jahrestag der Bildung des MfS. Aus diesen Anl&#228;ssen fanden in allen Abteilungen und Arbeitsgruppen Dienstversammlungen statt, bei denen Orden, Medaillen und andere Auszeichnungen verliehen wurden. Wie vieles im Ministerium verlief auch dieser Tag nach Ritual. Die Anzugsordnung war exakt vorgeschrieben: Gedeckter Anzug mit Parteiabzeichen und kleiner Ordensspange. Die Damen hatten etwas mehr Freiheit. Ein Beauftragter des Abteilungsleiters hielt eine Rede, f&#252;r die es eine Reihe von Sprachregelungen gab, so dass sich die meisten das Manuskript des Vorjahres heraussuchen lie&#223;en und meist nicht viel mehr als Daten und konkrete Bez&#252;ge &#228;nderten. Der Abteilungsleiter &#252;berreichte die Ehrungen, der Parteisekret&#228;r gratulierte, und danach wurde gefeiert. So lief das Jahr f&#252;r Jahr ab – auch im Oktober 1989.</p>
<p>Zu diesem Zeitpunkt waren auch schon die Vorbereitungen auf den 8. Februar 1990 in vollem Gange. Immerhin war das der 40. Gr&#252;ndungstag des MfS und sollte geb&#252;hrend begangen werden. Die Diensteinheiten hatten bereits ihre Auszeichnungskandidaten gemeldet, Kommissionen bereiteten die Feierlichkeiten vor. Es schien undenkbar, dass an jenem Tag nicht gefeiert w&#252;rde! Und doch kam es so. Das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit &#8211; in vier Jahrzehnten entstanden und zu einem Machtfaktor ersten Ranges geworden, brach in weniger als vier Monaten zusammen. Geschichte im Zeitraffer.</p>
<p>Um den 7. Oktober 1989 waren »Schild und Schwert der Partei« noch kampfbereit. Die Demonstranten der Montage wurden mit brutalen Mitteln auseinandergetrieben. Zu den dabei agierenden »Sicherheitskr&#228;ften« geh&#246;rten auch Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, das Spionageapparates der DDR – denn damals wurde alles mobilisiert, um den 40. Jahrestag der Gr&#252;ndung der DDR st&#246;rungsfrei ablaufen zu lassen. Generalleutnant Wolfgang Schwanitz, viele Jahre Leiter der MfS-Bezirksverwaltung Berlin, danach als stellvertretender Minister f&#252;r den Bereich »Operativ-technische Sicherstellung« (OTS) zust&#228;ndig und von manchem als denkbarer Nachfolger des greisen Erich Mielke gehandelt, &#252;bernahm die Leitung des Einsatzes zur Absicherung der Jubelfeiern zum 7. Oktober.</p>
<p>Angesichts der in der Bev&#246;lkerung seit Monaten grassierenden Unruhe und der gewachsenen Konfliktbereitschaft von immer mehr Menschen sah er nur eine M&#246;glichkeit, wenigstens f&#252;r diese Tage eine gewisse »Beruhigung« zu schaffen – die Isolierung der Unzufriedenen und die Abschreckung vor weiteren demonstrativen Handlungen. Darauf beruhte die Orientierung, alle Demonstranten »zuzuf&#252;hren« und dabei nicht zimperlich vorzugehen. Ob es nun stimmt, dass Erich Mielke – wie verschiedentlich behauptet – am 7. Oktober kurzzeitig den Einsatz inspizierte und dabei zu noch mehr H&#228;rte aufrief, ist unerheblich; auf jeden Fall gingen seine internen Weisungen genau in diese Richtung und wurden ausgef&#252;hrt.</p>
<p>Die Mitarbeiter der HVA, aber auch viele MfS-Angeh&#246;rige aus der Verwaltung und andere administrativen Bereichen, wurden erstmals in dieser Weise mit der Bev&#246;lkerung konfrontiert. Nicht wenige empfanden Unbehagen, verhielten sich passiv, soweit es ihnen m&#246;glich erschien, wichen auf Einsatzorte aus, die nicht im Zentrum des Geschehens lagen. Dies verst&#228;rkte sich noch, als aus Berichten der westlichen Medien der Umfang und die Unerbittlichkeit der Aktionen gegen friedliche Demonstranten bekannt wurden. In der HVA gingen zu diesem Zeitpunkt bereits emp&#246;rte Berichte von inoffiziellen Mitarbeitern ein, die aus eigenem Anschauen oder durch ihre Kinder Kenntnis vom Geschehen auf den Berliner Stra&#223;en erhalten hatten und ihre Ablehnung zum Ausdruck brachten.</p>
<p>Dies beschleunigte auch im MfS, das bis dahin im Prinzip wie ein Mann zur »Partei-und Staatsf&#252;hrung« gestanden hatte, ein Differenzierungsprozess. F&#252;r viele »an der unsichtbaren Front« wurde erkennbar, dass die betriebene Politik letztlich nur scheitern konnte. Erstmals standen sie vor der Frage, ob sie sich mit in den Untergang rei&#223;en lassen wollten oder die Kraft finden w&#252;rden, auf Ver&#228;nderungen hinzuarbeiten. Die meisten waren angesichts dieser Alternative wie gel&#228;hmt – weder f&#228;hig zu echtem Widerstand noch bereit, das zerbrechende Regime zu retten.</p>
<p>Die Ereignisse der folgenden Tage – Absetzung Honeckers, Mittags und Herrmanns, Versuche der SED, mit halbherzigen Ma&#223;nahmen wieder in die Offensive zu kommen – f&#246;rderten diese Passivit&#228;t. Die meisten warteten ab, wie sich die Dinge entwickeln w&#252;rden. Dies zeigte sich sowohl in der dienstlichen Leitung, die in totaler Sprachlosigkeit verharrte, als auch in der SED-Parteiorganisation, die im milit&#228;rischen Organ MfS der einzige Ort f&#252;r eine gewisse Selbst&#228;ndigkeit h&#228;tte sein k&#246;nnen. Letztere jedoch hatte sich durch ihre strenge Orientierung an den Auffassungen der dienstlichen Leitung, was zuletzt gar die Verurteilung ihres fr&#252;heren Chefs <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf </a>einschloss, restlos diskreditiert. Wolf hatte auch in seiner fr&#252;heren Wirkungsst&#228;tte aus seinem Buch »Die Troika« gelesen und &#252;ber Diskussionen dar&#252;ber berichtet. Der kritische Geist solcher Veranstaltungen missbehagte manchem, und als er dann auch noch in einem westlichen Fernsehsender das Verbot des Vertriebs der sowjetischen Zeitschrift »Sputnik« in der DDR kritisierte, war das Anlass zu offener Ma&#223;regelung. Der Parteisekret&#228;r der Aufkl&#228;rung, Generalmajor Otto Ledermann, hielt ihm vor, es k&#228;men Anrufe vom Zentralkomitee, der zentralen Parteikontrollkommission und vielen anderen, im Sekretariat der Kreisleitung m&#252;sse etwas gesagt werden, auch vor der Kreisleitung selbst. So berichtete Wolf sp&#228;ter selbst dar&#252;ber und verschwieg dabei nicht, dass er letztlich teilweise einlenkte. »Wenn es euch hilft«, so empfahl er Ledermann, »dann sagt einfach, ich w&#228;re der Meinung, dass die Frage zum ›Sputnik‹ besser nicht gestellt worden w&#228;re.«</p>
<p>Derselbe Ledermann klebte lange an seinem Sekret&#228;rsessel. Und als er ihn dann verlie&#223;, folgte er damit auch wieder nur einem Befehl von oben, der aber diesmal durch die Proteste von unten erzwungen wurde. Als sein Nachfolger war der schon lange f&#252;r diese Funktion Auserkorene, Generalmajor Tauchert vorgesehen, aber die HVA-Mitarbeiter lehnten diesen Vertreter der gescheiterten alten Linie sofort ab – und auch er selbst hatte schlie&#223;lich wenig Neigung, die undankbare Funktion zu &#252;bernehmen. Ein junger Oberstleutnant wurde zum Sekret&#228;r der SED-Organisation gew&#228;hlt. Gegen den verkn&#246;cherten Apparat jedoch kam er nicht an, zumal nicht einmal die Parteif&#252;hrung wusste, wie es weitergehen sollte. Das neue, f&#252;r Sicherheitsfragen zust&#228;ndige Politb&#252;romitglied Wolfgang Herger konnte bei seinem Antrittsbesuch Ende Oktober 1989 auch nur mit Achselzucken auf die vielen Fragen der Aufkl&#228;rer antworten. Die Lethargie des Apparates war vollst&#228;ndig.</p>
<p>Inzwischen aber handelte das Volk. Die Proteste gingen weiter, verst&#228;rkten sich. Forderungen an die F&#252;hrung wurden immer unmissverst&#228;ndlicher und dringender formuliert. Am 4. November versammelten sich in Berlin 500 000 oder mehr und zeigten, wer zum Souver&#228;n in der DDR geworden war. Die vier Wochen zuvor noch so aktiven »Sicherheitskr&#228;fte« erwiesen sich nun schon als machtlos. Sie verfolgten die Massendemonstration am Fernsehger&#228;t, denn der noch amtierende Minister f&#252;r Staatssicherheit hatte f&#252;r alle Mitarbeiter Anwesenheit in den Dienstr&#228;umen befohlen, verbunden mit »erh&#246;hter Einsatzbereitschaft«. Dabei wollten viele – zumindest aus heimlicher Sympathie – auf dem Alexanderplatz dabeisein.</p>
<p> Manche hatten damals noch die Hoffnung, es k&#246;nne zumindest f&#252;r die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung eine Zukunft geben. Immerhin geh&#246;rte ihr langj&#228;hriger Chef Markus Wolf zu den Rednern auf dem Alexanderplatz, war die Aufkl&#228;rung erstmals aus ihrer Konspiration getreten und hatte sich der &#214;ffentlichkeit gestellt. Am 17. November gab die Regierung Modrow dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit einen neuen Namen – Amt f&#252;r Nationale Sicherheit (AfNS) – und einen neuen Chef – eben jenen Wolfgang Schwanitz, der sich in den Oktobertagen einschl&#228;gig ausgezeichnet hatte. F&#252;r die Leitung des fortbestehenden Apparates und damit auch der HVA war das Grund, an eine nahtlose Fortsetzung der bisherigen Arbeit zu glauben. Das aber stand in scharfem Widerspruch zu den Erwartungen des Volkes, aber auch vieler Mitarbeiter und ihrer inoffiziellen Partner. Nicht zuletzt aus dem Operationsgebiet trafen auf verschiedenen Wegen dringende Anfragen ein, die Zweifel und Unverst&#228;ndnis ausdr&#252;ckten – und zugleich Forderungen nach radikaler Kurs&#228;nderung. So schrieb ein Kundschafter, er sei 1970 aus politischer &#220;berzeugung bereit gewesen, f&#252;r die HVA zu arbeiten. Er habe das Ideal einer anderen, besseren Gesellschaft und wollte daf&#252;r etwas tun. Die Unterst&#252;tzung der Politik der DDR sei f&#252;r ihn eine solche M&#246;glichkeit gewesen; jetzt aber f&#252;rchte er, einem riesigen Irrtum aufgesessen zu sein. Er wolle nicht, dass sein Ideal zerbricht. Er flehe darum, dass die HVA mit ihren Mitte!n etwas tut, damit die Alternative auf deutschem Boden nicht untergeht. Das war eine legitime Erwartung; zugleich aber wurden die M&#246;glichkeiten der HVA in tragischer Weise &#252;bersch&#228;tzt.</p>
<p>Viele Mitarbeiter aber f&#252;hlten sich davon angesprochen und formierten einen vorsichtigen Widerstand, der sich jedoch vor allem gegen Missst&#228;nde im eigenen Haus richtete. Mit ihrer Kritik an den seit langem missbilligten Privilegien der Leiter hatten sie sogar Erfolg. Die Sonderl&#228;den zur besseren Versorgung der »Nomenklatur-Kader« wurden schnell abgeschafft, die dienstlichen West-PKW (Volvo und Fiat) gegen Lada-Modelle ausgewechselt, die medizinische Sonderbetreuung aufgehoben. Pl&#246;tzlich a&#223;en alle MfS-Angeh&#246;rigen – ungeachtet des Dienstgrades – im gleichen Saal zu Mittag. &#220;ber diesen l&#228;cherlichen Erfolgen verschwand beinahe das Hauptanliegen, die &#196;nderung der Politik. Doch die ersten Erkl&#228;rungen ihres neuen Amtschefs wie auch der letzte Auftritt ihres fr&#252;heren Ministers holten sie schnell in die Wirklichkeit zur&#252;ck – und die lautete f&#252;r die MfS-F&#252;hrungsriege: Kleine Zugest&#228;ndnisse machen und damit das gro&#223;e Ganze retten!</p>
<p>W&#228;hrend Mielke am 13. November, in seiner ersten und letzten Rede vor der Volkskammer, vehement und zugleich grotesk seine Arbeit verteidigte, bei der »die Vertretung der Interessen der Werkt&#228;tigen stets oberster Auftrag« gewesen sei, tat Schwanitz so, als beginne er beim Punkte Null. Mielke habe ihm nur zwei leere Stahlschr&#228;nke hinterlassen. Zugleich aber strapazierte er die alten Schlagw&#246;rter von der unverzichtbaren staatlichen Sicherheit. Tats&#228;chlich neue Ideen waren nirgends zu entdecken.</p>
<p>Die Mitarbeiter der HVA reagierten mit einer Demonstration auf ihrem Dienstgel&#228;nde. Nach Feierabend, in der Dunkelheit, versammelten sich einige Mutige gegen den dringenden Rat der meisten ihrer Vorgesetzten und stellten die Frage, ob der neue Name nur die Beibehaltung der alten Inhalte kaschieren sollte. Denn in ihren Augen versuchte das AfNS, seine alten Machtpositionen zu erhalten; auch die Richtung seiner Arbeit – die Opposition, welche mittlerweile das gesamte Volk erfasste – blieb, von einigen kosmetischen Korrekturen abgesehen, unver&#228;ndert. Weder wurde offen und selbstkritisch zu den Gesetzesverletzungen der ferneren und j&#252;ngsten Vergangenheit Stellung genommen, noch fand &#252;berhaupt eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des MfS statt. Mit Pauschalverweisen auf eine »falsche Sicherheitsdoktrin«, die das Politb&#252;ro und namentlich Mielke zu verantworten h&#228;tten, schien es manchem getan. Auch f&#252;r die »internen Demonstranten« gab es keine Antworten. Schwanitz versicherte lediglich, Tag und Nacht zu arbeiten. Als er ausgepfiffen wurde, zog er sich zur&#252;ck.</p>
<p>Seine wie auch die Arbeit vieler anderer Gener&#228;le lief offensichtlich darauf hinaus, die alten Strukturen m&#246;glichst unver&#228;ndert in die neue Zeit hin&#252;berzuretten. Auch in der HVA wurden derartige Pl&#228;ne geschmiedet. Und sie schienen sogar nicht chancenlos, akzeptierte doch die B&#252;rgerbewegung die Aufkl&#228;rung als besonderen Teil des MfS, der weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Doch auch diese – objektiv wohl schon damals unrealistische – Chance wurde nicht genutzt.</p>
<p>Inzwischen waren die Mitarbeiter immer aufs&#228;ssiger geworden. Als Ende November der SED-Sonderparteitag n&#228;her r&#252;ckte und &#252;berall die Delegierten f&#252;r die Vorbereitungskonferenzen der verschiedenen Ebenen gew&#228;hlt wurden, geschah es erstmals, dass die Regie von oben nicht klappte. Statt sorgsam ausgesiebter Delegierter – wie in den Vorjahren – w&#228;hlten die Parteimitglieder weitgehend ihre eigenen Kandidaten. Das Abonnement der hohen Dienstgrade auf einen solchen »Ehrenplatz« war vorbei. Das galt auch f&#252;r den Parteitag. Hier konnte zwar Gro&#223;mann noch knapp &#252;ber die H&#252;rde kommen, aber sein Vorg&#228;nger Wolf bekam bedeutend mehr Stimmen als er. Doch Konzepte, wie es weitergehen sollte, waren noch immer nicht zu vernehmen. Selbst der »Hoffnungstr&#228;ger« aller Aufkl&#228;rer, Markus Wolf, hielt sich bedeckt. »Ich habe dem ZK meine Vorstellungen schriftlich vorgelegt«, beschied er Frager.</p>
<p>Tats&#228;chlich br&#252;teten zu jener Zeit Leiter der HVA intensiv &#252;ber ihre Zukunft. Dabei konnten sie sich aber von alten Doktrinen nicht befreien, und f&#252;r die neuen Herausforderungen wussten sie keine praktikablen Antworten. Sie dachten weiter in den alten, zementierten Bahnen der Vergangenheit. Die Ausgangs&#252;berlegung war: Ein Nachrichtendienst wird immer gebraucht. Er m&#252;sste von allem ideologischen Ballast befreit werden und sollte gewisserma&#223;en als professionelles Dienstleistungsunternehmen fungieren. Schon beim Dienstherr aber schieden sich die Geister. Die einen – sie glaubten damals noch an ein &#220;berleben der DDR – sahen deren Regierung in dieser Funktion; ihr wurde Interesse an internen Informationen aus dem Ausland a priori unterstellt. Andere aber ahnten die kommende Entwicklung und wollten aufs richtige Pferd setzen. Sie dachten vor allem an die erkleckliche Mitgift, die die HVA in Form von Personen und konspirativem Wissen in jede Ehe einbringen konnte und planten, die Positionen im Ausland dem Bundesnachrichtendienst &#252;bergeben; die Quellen im Westen Deutschlands sollten nat&#252;rlich stillgelegt und amnestiert werden. Einige wenige setzten diese Variante auf eigene Faust sofort selbst um.</p>
<p>Nicht ganz klar war bei beiden Modellen, gegen wen sich k&#252;nftig die Spionage richten sollte. Bei der zu erwartenden engen Zusammenarbeit mit der BRD war eine Fortf&#252;hrung ihrer Aussp&#228;hung, zumal in der bisherigen Gr&#246;&#223;enordnung, undenkbar. Sie w&#252;rde also eingestellt werden; an ihre Stelle sollte eine verst&#228;rkte Geheimdienst-T&#228;tigkeit in der dritten Welt und in den wichtigsten westlichen Staaten treten. Bei der Variante eines Zusammengehens mit dem BND waren auch diese Vorstellungen nur begrenzt realisierbar, denn der bundesdeutsche Nachrichtendienst brauchte vor allem Quellen im Osten. Die der HVA sa&#223;en jedoch ausschlie&#223;lich im Westen, allenfalls noch in Dritte-Welt-Staaten.</p>
<p>&#220;ber diesem Pl&#228;neschmieden ging die Entwicklung au&#223;erhalb der Normannenstra&#223;e st&#252;rmisch weiter. Am 3. Dezember wurde als erste MfS-Bezirksverwaltung die in Erfurt besetzt. In der Nacht auf den 4. Dezember begann auch in Leipzig – nach einer der ber&#252;hmten Montags-Demos – die Sicherung der dortigen Stasi-Unterlagen. Weitere Bezirksst&#228;dte folgten. Der zentrale Runde Tisch, der sich am 7. Dezember konstituierte, musste sich gleich in seiner ersten Sitzung mit dieser Entwicklung befassen. Er verlangte als erstes die Sicherung aller Unterlagen und forderte dazu die Abl&#246;sung der Objektbewachung, soweit sie noch in der Verantwortung des Wachregiments »Feliks Dzierzynski« lag, durch Kr&#228;fte des Ministeriums des Innern. Die zweite Forderung betraf die Aufl&#246;sung des Amtes f&#252;r Nationale Sicherheit unter ziviler Kontrolle. W&#228;hrend die Bewachung durch die Deutsche Volkspolizei unmittelbar einsetzte, folgte die Regierung Modrow dem Verlangen nach Aufl&#246;sung des Geheimdienstes am 14. Dezember nur z&#246;gernd. Denn zugleich wurde der Aufbau zweier neuer Dienste bekanntgegeben – eines Verfassungsschutzes und eines Auslandsnachrichtendienstes. Die Trennung der HVA vom Abwehrapparat, die auch im Herbst 1989 trotz zahlreicher entsprechender Vorschl&#228;ge der Aufkl&#228;rer nicht zustande gekommen war, sollten nun vollzogen werden.</p>
<p>Die Leitung der HVA und auch eine Reihe von Mitarbeitern sch&#246;pften neuen Mut. Als am 21. Dezember Ministerpr&#228;sident Modrow mit den Vertretern der Armee, des Innenministeriums und des in Aufl&#246;sung befindlichen AfNS das weitere Vorgehen beriet, forderte Gro&#223;mann f&#252;r den k&#252;nftigen Auslandsnachrichtendienst mit 4000 Mann kaum weniger, als er zu jenem Zeitpunkt offiziell umfasste. In der gesamten vorherigen Diskussion hatte sich niemand zu radikalen K&#252;rzungen des Personalbestandes durchringen k&#246;nnen. Noch aber hatte die HVA eine Gnadenfrist. Die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches sprach sich zwar am 27. Dezember gegen einen Verfassungsschutz aus, &#228;u&#223;erte aber zu dem geplanten Spionagedienst keine Meinung. F&#252;r die Sitzung des Runden Tisches am 15. Januar bereitete man ein Konzept vor, das das &#220;berleben der HVA faktisch sicherstellen sollte.</p>
<p>Wolf, Gro&#223;mann und andere f&#252;hrende Vertreter der Leitung hofften, dass die unsichere Haltung der B&#252;rgerrechtler, wie die Aufkl&#228;rung zu bewerten und zu behandeln sei, ihnen ein Comeback erm&#246;glichen w&#252;rde. Sie hatten ein leidliches Verh&#228;ltnis zu den Vertretern der B&#252;rgerbewegung hergestellt, das seitens letzterer gewiss aus dem Respekt vor den Aufkl&#228;rern im Operationsgebiet herr&#252;hrte, aber wohl auch aus der Unkenntnis &#252;ber die Verstrickung der HVA in den Gesamtorganisrnus des MfS. Je mehr dar&#252;ber bekannt wurde, desto kritischer wurde auch die Haltung der B&#252;rgerrechtler gegen&#252;ber dem Spionagebereich des Ministeriums. Und insofern war die Hoffnung auf ein Weiterbestehen von vornherein Illusion; sie basierte darauf, dass die eigenen S&#252;nden verschwiegen werden k&#246;nnten oder aber eine differenzierte Betrachtung des Gesamtph&#228;nomens Staatssicherheit Platz greift. Beides war kaum zu erwarten, das Ende der DDR-Aufkl&#228;rung somit vorprogrammiert.</p>
<p>Heute wird von ehemaligen Mitarbeitern der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung oft dar&#252;ber spekuliert, ob ein kl&#252;geres, die kommende Entwicklung weitsichtiger einbeziehendes Vorgehen den Zusammenbruch der DDR-Spionage h&#228;tte verhindern k&#246;nnen – ein angesichts der Gesamtentwicklung wohl m&#252;&#223;iges Unterfangen. Sinnvoller ist da schon die Frage, inwieweit mehr Offenheit, mehr Schonungslosigkeit gegen&#252;ber der eigenen Vergangenheit und weniger Taktieren im Umgang mit der B&#252;rgerbewegung und der Modrow-Regierung zwar nicht den ohnehin obsoleten Apparat h&#228;tte retten, aber vielleicht den Mitarbeitern der Aufkl&#228;rung einen besseren Abgang h&#228;tte verschaffen k&#246;nnen. Das Z&#246;gern und Zaudern, die nutzlose Suche nach einem Ausweg, der einem die radikale Selbstbefragung erspart – all das hat wohl nicht ganz zu Unrecht das ohnehin latent vorhandene Misstrauen gegen&#252;ber der HVA anwachsen lassen. Und auf der anderen Seite wurde vers&#228;umt, vorurteilsfrei auf die Aufkl&#228;rung zu blicken, sie differenziert mit ihren Verstrickungen in den MfS-Apparat , aber auch ihren Unterschieden von diesem zu betrachten. All das hat schlie&#223;lich den Zusammenbruch und eine chaotische Hinterlassenschaft des DDR-Spionageapparates bewirkt.</p>
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		<title>Kommunalwahlen in sieben Bundesl&#228;ndern: Wendeh&#228;lse im Anflug?</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 16:55:27 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[So wie 20 Jahre nach dem Ende der DDR manches aus ihrer allt&#228;glichen Praxis heute Renaissance feiert &#8211; Polikliniken als &#196;rzteh&#228;user, LPG als Agrargenossenschaften, Polytechnische Oberschulen als Gemeinschaftsschulen &#8211; so k&#246;nnte auch eine Idee der Wendezeit, die sich damals gegen das offenbar noch immer g&#252;ltige uralte Adenauer-Konzept »Keine Experimente« nicht durchzusetzen vermochte, eine &#252;berraschende Neuauflage [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So wie 20 Jahre nach dem Ende der DDR manches aus ihrer allt&#228;glichen Praxis heute Renaissance feiert &#8211; Polikliniken als &#196;rzteh&#228;user, LPG als Agrargenossenschaften, Polytechnische Oberschulen als Gemeinschaftsschulen &#8211; so k&#246;nnte auch eine Idee der Wendezeit, die sich damals gegen das offenbar noch immer g&#252;ltige uralte Adenauer-Konzept »Keine Experimente« nicht durchzusetzen vermochte, <span id="more-1007"></span>eine &#252;berraschende Neuauflage erleben: die Idee des Runden Tisches. Zwar noch nicht in seiner klassischen Form des Probleml&#246;sungsdiskurses &#252;ber alle Parteibindungen hinweg, aber immerhin schon im &#220;berschreiten der Parteigrenzen &#8211; und das im ganz buchst&#228;blichen Sinne. Denn j&#252;ngst geh&#228;ufte Parteiwechsel verdeutlichen wachsende Bindungslosigkeit, was &#8211; positiv bewertet &#8211; neue Freiheit bedeutet. Und damit auch neue Offenheit f&#252;r die Realit&#228;t, was der L&#246;sung entstehender Probleme nur dienlich sein kann.</p>
<p>Das politische Establishment sieht das oft anders und diffamiert solcherlei Standortwechsel mit dem Begriff des »Wendehalses«, abgeleitet von jenem auch bei uns verbreiteten Vogel aus der Familie der Spechte, der &#8211; besonders bei Gefahr &#8211; dazu neigt, seinen Kopf ruckartig mal in diese, mal in jene Richtung zu wenden, sogar fast v&#246;llig zu drehen, um immer alles im Blick und damit vielleicht auch im Griff zu haben &#8211; in der Natur ein v&#246;llig normales und in der Regel existenzsicherndes Verhalten. 1988 in Deutschland zum Vogel des Jahres erkl&#228;rt, wurde der Wendehals ein Jahr sp&#228;ter zumindest in der DDR auch im &#252;bertragenen Sinne zu einem »Vogel des Jahres«, der jedoch in den letzten 20 Jahren durchaus seine (&#220;ber-)Lebensf&#228;higkeit nachgewiesen hat.</p>
<p>Gewisserma&#223;en ein Prototyp daf&#252;r ist seit langem auch ein Mann, der als B&#252;rgermeister der mecklenburgischen Reuterstadt Stavenhagen fungiert. Seit langem deshalb, weil Bernd Mahnke bereits seit 1985 die Geschicke der Stadt im Landkreis Demmin bestimmt. Und Prototyp, weil er dazu &#8211; ganz wendehalsig &#8211; B&#252;ndnisse von links nach rechts und dann zur&#252;ck nach links schloss, die ihm allein dazu dienten, das jeweils Sinnvolle mit jenen durchzusetzen, die sich aktuell dazu bereit zeigten. Kunde gab es dar&#252;ber bereits 1994; sie sei hier noch einmal rekapituliert:<br />
<img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/6134bceb2ccf43e5a4b420f8e500dccd" alt="" width="1" height="1" /></p>
<blockquote><p><span style="text-decoration: underline;"><strong>Verteidigung eines Wendehalses</strong></span></p></blockquote>
<blockquote>
<h5> Die Reuterstadt Stavenhagen hat seit 1985 den gleichen B&#252;rgermeister &#8211; erst SED-Mitglied, dann parteilos, jetzt in der CDU &#8211; und ist zufrieden damit</h5>
<p> Ginge es nach Bernd Mahnkes Landesparteichefin, d&#252;rfte es ihn auf diesem Posten gar nicht geben. Angela Merkel, zugleich Stellvertreterin des CDU-Bundesvorsitzenden Helmut Kohl, beklagte, es s&#228;&#223;en in ostdeutschen Parlamenten noch immer CDU-Abgeordnete, »die von ihrer Vergangenheit eigentlich nicht dorthin geh&#246;rten«. Mahnke ist nun gar B&#252;rgermeister eines mecklenburgischen St&#228;dtchens mit 8400 Einwohnern, und CDU-Mitglied ist er erst seit 1991. Zuvor war er &#8211; einige Monate Parteilosigkeit ausgenommen &#8211; mehr als 15 Jahre in der SED gewesen und hatte im Dezember 1989 an jenem Parteitag teilgenommen, auf dem die Nachfolgepartei der Einheitssozialisten gegr&#252;ndet wurde. Was f&#252;r eine Vergangenheit f&#252;r einen Mandatstr&#228;ger der CDU!</p>
<p>Der gro&#223;en Mehrheit der B&#252;rger der Reuterstadt Stavenhagen ist Angela Merkels Urteil offensichtlich dennoch schnuppe. Sie gaben der CDU-Liste, angef&#252;hrt von Bernd Mahnke, am 12. Juni die sonst in Mecklenburg-Vorpommern nur noch selten erreichte Zahl von 57, 8 Prozent der Stimmen, und die Stadtverordneten w&#228;hlten ihn wieder zum B&#252;rgermeister. Vor vier Jahren, bei der ersten Kommunalwahl nach der Wende, war Mahnke noch als parteiloser Einzelbewerber angetreten &#8211; auf Platz 96 der W&#228;hlerliste. Und hatte 18 Prozent der Stimmen erreicht. Die CDU, mit 28 Prozent zwar Wahlgewinner, aber ohne kompetenten Bewerber f&#252;r die B&#252;rgermeister-Posten, fragte den Ex-SED-Genossen, ob er mit ihrer Hilfe regieren wolle. Mahnke sagte zu.</p>
<p>*</p>
<p>Der Arbeitersohn hatte zu diesem Zeitpunkt eine typische DDR-Karriere hinter sich: Abitur, 18 Monate Wehrdienst bei der NVA. Danach wollte er eigentlich Maschinenbau studieren, hatte auch schon einen Studienplatz in Halle, doch die Liebe und der Fu&#223;ballsport hielten ihn in Mecklenburg. Er wurde Mitarbeiter f&#252;r Volksbildung beim Rat der Stadt Anklam; von dort delegierte man den aufgeweckten Burschen zum Studium an der Akademie f&#252;r Staats- und Rechtswissenschaften »Walter Ulbricht« in Potsdam-Babelsberg. 1975 trat er in die SED ein.</p>
<p>Als Diplom-Staatswissenschaftler kam Mahnke 1985 nach Stavenhagen und wurde dort als B&#252;rgermeister eingesetzt. 1989 schlug er sich in der SED auf die Seite der Reformer. Dass sich die Partei nur umbenannte und nicht aufl&#246;ste, zeigte ihm, dass ihre schnelle und aufrichtige Erneuerung nicht m&#246;glich sein w&#252;rde. Er konzentrierte sich ganz auf die Entwicklung in seiner Stadt, geh&#246;rte zu den Organisatoren des Runden Tisches, arbeitete dort ehrlich und vorbehaltlos &#8211; auch wenn ihn manches schmerzte, was er dabei h&#246;rte. Schlie&#223;lich trat er aus der SED/PDS aus. »Das habe ich mir nicht leicht gemacht«, urteilt er heute. »Aber ich sp&#252;rte, dass die Leute mich als Menschen akzeptierten. Mit meiner Parteimitgliedschaft hatten sie jedoch Schwierigkeiten. Und ich hatte auch selbst Erlebnisse, die mich umdenken lie&#223;en. Viele, die fr&#252;her den Ton angaben, liefen weg, stellten sich nicht.«</p>
<p>Als die Kommunalwahlen des Jahres 1990 heranr&#252;ckten, bot ihm die CDU an, auf ihrer Liste zu kandidieren. »Das nahm ich nicht an, denn ich merkte, dass diese Wahl vor allem Helmut Kohl gewinnen w&#252;rde. Ich wollte aber wissen, wie die Menschen zu mir stehen.« Er sammelte Unterschriften f&#252;r seine Kandidatur, blieb schlie&#223;lich B&#252;rgermeister und leitete die Geschicke der Stadt anderthalb Jahre als Parteiloser, allerdings mit Unterst&#252;tzung von CDU und FDP, die gemeinsam die Mehrheit im Stadtrat hatten. »Dann wollte ich klare Verh&#228;ltnisse schaffen. Ich brauchte eine sichere Mehrheit f&#252;r meine Arbeit. Deshalb trat ich in die CDU ein.</p>
<p>*</p>
<p>Ein Wendehals? Bernd Mahnkes Biografie kennzeichnet ihn als Prototypen solcher schlecht beleumdeten Produkte des DDR-Zusammenbruchs. Er jedoch hat keine Probleme mit dem Begriff: »Zuerst haben sich die Umst&#228;nde um 180 Grad ge&#228;ndert«, stellt er fest, »und dann eben auch die Menschen. W&#252;rde ich heute noch denken wie fr&#252;her, nennte man mich einen Betonkopf. Daher ist &#8216;Wendehals&#8217; f&#252;r mich kein Schimpfwort.&#8221; Peter Ritter, PDS-Vorsitzender des Gro&#223;kreises Demmin und in Stavenhagen ans&#228;ssig, kann Mahnkes Schritt zwar nicht nachvollziehen, aber er hegt keinen Groll: »Dass Bernd Mahnke hier B&#252;rgermeister blieb, hat der Stadt gewiss gut getan. Und wenn er so weiterarbeitet wie bisher, ist noch manches Positive m&#246;glich.«</p>
<p>Die Stavenhagener d&#252;rften &#228;hnlich denken. Haben doch Stadtrat und B&#252;rgermeister in den letzten Jahren manches auf den Weg gebracht. Die marode Altstadt wird einem komplexen Sanierungsprogramm unterzogen: Stra&#223;en und Gehwege werden erneuert, die Be- und Entw&#228;sserung instandgesetzt. Schon im September soll der Marktplatz in neuem Glanz erstrahlen. Auch die Hausbesitzer sind einbezogen, denn jeder, der renoviert, bekommt Zusch&#252;sse von der Stadt. So wurden bereits zehn D&#228;cher auf st&#228;dtische Kosten gedeckt, um einen Anreiz zum Weitermachen zu geben. 22 Hausbesitzer bestellten die Bauarbeiter.</p>
<p>Vor den Toren &#8211; dort wo der niederdeutsche Dichter Fritz Reuter vor bald 150 Jahren f&#252;r seinen Vater, der fast vier Jahrzehnte lang Stavenhagens B&#252;rgermeister war, eine Eiche pflanzte &#8211; ist ein Gewerbegebiet entstanden, mit 322 Arbeitspl&#228;tzen. Ein Industriegebiet mit zehn produzierenden Unternehmen ist im Aufbau. Der Mittelstand in der Stadt erlebte einen Aufschwung &#8211; gab es vor vier Jahren 137 Gewerbeanmeldungen, so waren es 1993 bereits 318. Selbst Peter Ritter von der PDS r&#228;umt ein, dass die n&#228;chstgelegenen St&#228;dte wie Malchin und Altentreptow nicht ohne Neid auf Stavenhagen schauen.</p>
<p>Er kann das umso unbefangener, als die PDS aus der Opposition heraus konstruktiv zu diesen Resultaten beitrug, ihre Mitwirkung sogar gefragt war. Denn in der Reuterstadt gab es keine Hexenjagden. »W&#228;hrend andere ihre Rath&#228;user leerfegten, arbeiteten wir mit allen, die sich nichts hatten zu Schulden kommen lassen, kontinuierlich weiter«, schildert Bernd Mahnke das Herangehen in Stavenhagen. So lag bereits im Sommer 1990 ein handhabbarer Fl&#228;chennutzungsplan vor, konnte dieser in Schwerin pr&#228;sentiert werden, als sich dort gerade erst die Landesregierung konstituiert hatte. Und mit diesem Zeitvorsprung warb Mahnke um Investoren, unterzog sie einer gr&#252;ndlichen Pr&#252;fung und legte sie auf klare Vertr&#228;ge fest. Aber er ebnete ihnen auch Wege, verschaffte ihnen Vorteile &#8211; so kostete der Quadratmeter Boden an der Reutereiche nur 50 Pfennige, den Erbauern eines Krankenhauses sind 32 Hektar sogar geschenkt worden &#8211; und ist st&#228;ndig f&#252;r sie da: »Wenn mich der Gesch&#228;ftsf&#252;her des Pfanni-Werks, eines wichtigen Arbeitgebers der Stadt, anruft und Hilfe braucht, muss alles andere warten«, beschreibt Mahnke seinen Umgang mit Investoren.</p>
<p>*</p>
<p>Die Stadtverordneten unterst&#252;tzten in ihrer Mehrheit eine solche Politik. »Ein stures Nein bringt auf kommunaler Ebene gar nichts«, sagt Ritter. »Wir arbeiten konstruktiv mit &#8211; vor allem, um Schlimmeres zu verh&#252;ten.« Denn nat&#252;rlich sind die PDS-Vertreter in manchem anderer Meinung als Mahnke. Sie sehen die kommunale Selbstverwaltung nicht ausreichend gew&#228;hrleistet und w&#252;rden manche Mittel anders einsetzen. Insgesamt jedoch unterst&#252;tzten sie den B&#252;rgermeister, der seinerseits die vern&#252;nftige sachbezogene Zusammenarbeit hervorhebt. Auch damit erregt er gewiss den Unwillen der CDU-Landesvorsitzenden, den Angela Merkel gab erst k&#252;rzlich bek&#252;mmert zu Protokoll: »Ich kann leider nicht f&#252;r jeden einzelnen CDU-Kommunalpolitiker garantieren, aber wer mit der PDS zusammenarbeitet, verst&#246;&#223;t gegen geltende Parteibeschl&#252;sse.«</p>
<p>Nat&#252;rlich sieht Mahnke, dass seine Partei in Bund und Land viel weniger angesehen ist als in der Reuterstadt. »Wir m&#252;ssen uns hier als CDU nicht verstecken«, sagt er, f&#252;gt aber gleich hinzu, dass es in der Kommunalpolitik eben viel weniger um Parteien gehe als um Menschen. Und dennoch: »Ich w&#252;nsche mir manchmal, dass auch im Gro&#223;en praktiziert w&#252;rde, was wir hier im Kleinen machen &#8211; sich weniger um des Streitens willen zu streiten, sondern sich an einen gro&#223;en runden Tische zu setzen und die Probleme anzugehen.«</p>
<p>Solche Einsichten finden Mehrheiten &#8211; auch oder vielleicht gerade, wenn sie von einem »Wendehals« kommen.</p>
<p><em>Peter Richter</em></p>
<pre>(erschienen im »Freitag« vom 05.08.1994)</pre>
</blockquote>
<p><em></em> </p>
<p> 15 Jahre hatte Mahnke auf solche Weise regiert, doch nun mag die CDU das fremde Gew&#228;chs aus dem DDR-Garten nicht mehr. Es wurde ihr zu eigenst&#228;ndig, sie empfand es als Wildwuchs; immer h&#228;ufiger kam es zu Differenzen &#8211; und ein »Parteisoldat«, ein »<a href="http://www.faz.net/s/Rub5925252BCC9C45B880812B358AC3FFA4/Doc~E051E89438C984CB29CBFEB0E258302AB~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Befehlsempf&#228;nger« gar der CDU</a>, wie Mahnke es nannte, wollte er nicht sein. Also trat er jetzt &#8211; just vor den anstehenden Kommunalwahlen, denen er sich als direkt bis 2012 gew&#228;hlter B&#252;rgermeister aber nicht stellen muss  - wieder aus und bleibt <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/148655.der-kleine-koenig-macht-sich-selbststaendig.html?sstr=Mahnke" target="_blank">als Parteiloser Stadtoberhaupt von Stavenhagen</a>. Seine Bilanz kann sich sehen lassen &#8211; und die CDU sollte sie ihm wohl nicht verderben. Vielleicht ein »Wendehals« mit Charakter, von denen das Land durchaus mehr gebrauchen k&#246;nnte!</p>
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