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	<title>blogsgesang.de &#187; Schäuble</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Angela Merkels Transformation vom Ossi zum  Wessi</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Dec 2011 22:03:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Eines Beweises bedarf es schon lange nicht mehr, dass Angela Merkel in der alten Bundesrepublik angekommen ist – und dennoch ist sie beinahe zwanghaft bem&#252;ht, ihn immer wieder neu zu f&#252;hren. Gleich dreimal legte sich zum Beispiel in den letzten zwei Wochen ihre Hand f&#252;r Christian Wulff ins Feuer<span id="more-3493"></span>, f&#252;r einen westdeutsch par exzellence Gepr&#228;gten also, weit entfernt von jedem ostdeutsch Sozialisierten.</p>
<p>Dabei hatte sie ganz bescheiden angefangen, und das auch lange durchgehalten. Noch Ende der 90er Jahre, gerade erst CDU-Generalsekret&#228;rin geworden, scheute sie sich nicht, das Unions-Denkmal Helmut Kohl ob seiner Verantwortung f&#252;r den Parteispendenskandal ins Abseits zu stellen und sich so mit fast dem gesamten CDU-Establishment anzulegen. Auch die sp&#228;ter bekannt gewordenen Verfehlungen Wolfgang Sch&#228;ubles ahndete sie, nun aber wohl schon die eigene Karriere im Blick.</p>
<p>Der Wandel ihrer moralischen &#220;berzeugungen zeichnete sich ab, als sie als Parteivorsitzende das Monument des Alt-Kanzlers zu restaurieren begann, obwohl dieser das Ehrenwort gegen&#252;ber seinen Geldgebern noch immer h&#246;her sch&#228;tzt als die Wahrheit &#252;ber illegale Gesch&#228;fte. Dieser Wandel wurde besonders augenscheinlich in der nassforschen Verteidigung des geistigen Betr&#252;gers Karl-Theodor zu Guttenberg. Und er ist jetzt best&#228;tigt worden, als sie den katzbuckelnden Empork&#246;mmling und Schn&#228;ppchenj&#228;ger Wulff nicht nur zum Staatsoberhaupt erkor, sondern den in seiner ersten wirklichen Bew&#228;hrungsprobe Scheiternden auch noch einen »guten Bundespr&#228;sidenten« nannte.</p>
<p>Einen »Treppenwitz der Geschichte« <a href="http://www.berliner-zeitung.de/meinung/leitartikel-merkel--wulff-und-andere-amigos,10808020,11341606.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/4788c5519c004885a370b6055ffc06da" alt="" width="1" height="1" />nannte eine Zeitung</a> diese Metamorphose; tats&#228;chlich jedoch bildet sie nur eine Gesetzm&#228;&#223;igkeit ab. In diesem, dem alten bundesrepublikanischen, spie&#223;b&#252;rgerlichen System, dessen Werte zuerst &#246;konomisch definiert werden, kann nur etwas werden, der sie akzeptiert und entsprechend handelt, auch wenn er – oder sie – sie nicht selbst lebt. Demgem&#228;&#223; war es nur eine Frage der Zeit, dass sich auch eine wie Angela Merkel den &#220;blichkeiten dieses Systems unterwarf, bis hin zu ihrer regierungsamtlichen Zertifizierung.</p>
<p>Sie beruft sich dabei wohl auf die <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/213909.geerkens-an-kredit-beteiligt.html" target="_blank">fast 80 Prozent der Bundesb&#252;rger</a>, die noch k&#252;rzlich einen R&#252;cktritt des Pr&#228;sidenten ablehnten, obwohl fast jeder Dritte konstatierte, er habe an Vertrauen verloren. Ein aufschlussreicher Befund, verr&#228;t er doch die Erkenntnis, dass kaum einer gefunden w&#252;rde, der nicht irgendwie angreifbar sei. L&#228;ngst wissen die Menschen, dass auch dieser Kaiser, der sich so gern mit dem Glanz der Reichen schm&#252;ckt, nackt ist. Jetzt hat er diese Nacktheit sogar <a href="http://www.focus.de/politik/deutschland/die-erklaerung-von-christian-wulff-im-wortlaut-das-war-nicht-gradlinig-und-es-tut-mir-leid_aid_696705.html" target="_blank">detailliert beschrieben</a>. Auch deshalb wohl mag ihm die Kanzlerin sch&#246;ne Kleider jetzt <a href="http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE7BL09720111223" target="_blank">nicht mehr bescheinigen</a>. Die Feiertage wird die Ziehmutter dieses Staatsoberhauptes noch verstreichen lassen, dann k&#246;nnten im Lichte der aktuellen Nachrichtenlage seine Tage endg&#252;ltig gez&#228;hlt sein &#8230;</p>
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		<title>Thomas de Maizière &#8211; ein Diener mit Defiziten</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Mar 2011 14:50:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Mit vielen Vorschusslorbeeren wird der neue Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) bedacht. Die Bilanz seines bisherigen politischen Wirkens ist jedoch allenfalls durchwachsen. Wieder ist ein Adliger ins Verteidigungsministerium am Berliner Bendlerblock eingezogen, freilich kein fr&#228;nkischer, sondern ein hugenottischer. Und denen werden seit ihrer erzwungenen &#220;bersiedlung in die preu&#223;ischen Lande Bildungsbeflissenheit, Kultur und gute Sitten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Mit vielen Vorschusslorbeeren wird der neue Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) bedacht. Die Bilanz seines bisherigen politischen Wirkens ist jedoch allenfalls durchwachsen.<span id="more-2533"></span></p>
<p>Wieder ist <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/192496.diener-mit-defiziten.html" target="_blank"><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/573fc41fa977462082489c4b24e7cd96" alt="" width="1" height="1" />ein Adliger ins Verteidigungsministerium am Berliner Bendlerblock eingezogen</a>, freilich kein fr&#228;nkischer, sondern ein hugenottischer. Und denen werden seit ihrer erzwungenen &#220;bersiedlung in die preu&#223;ischen Lande Bildungsbeflissenheit, Kultur und gute Sitten nachgesagt, vor allem aber absolute Loyalit&#228;t gegen&#252;ber staatlichen Autorit&#228;ten. Thomas de Maizières Familie kam im 17. Jahrhundert aus dem lothringischen Metz nach Brandenburg; einige ihrer Glieder haben sich seither hierzulande einen Namen gemacht. Der Vater war sechs Jahre lang Generalinspekteur der Bundeswehr, der Cousin Ministerpr&#228;sident der untergehenden DDR.</p>
<h4>Ausgleichen, wenn andere streiten</h4>
<p>Das gilt inzwischen auch f&#252;r den 1954 in Bonn geborenen neuen Verteidigungsminister und Oberkommandierenden der Bundeswehr selbst. Thomas de Maizières politische Karriere begann in den 80er Jahren in Richard von Weizs&#228;ckers, vor allem aber Eberhard Diepgens Westberliner Senatskanzlei und erfuhr mit der Wendezeit ab 1990 eine unerwartete Beschleunigung. Damals wurde er Staatssekret&#228;r bei seinem Verwandten Lothar de Maizière und nahm an den Verhandlungen zum Einigungsvertrag teil. Mit dem Ende der DDR wechselte der promovierte Jurist ins neu gegr&#252;ndete Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, zun&#228;chst als Staatssekret&#228;r im Kultusministerium und 1994 als Leiter der Staatskanzlei des damaligen Ministerpr&#228;sidenten Berndt Seite. Nach dessen Abwahl 1998 erreichte de Maizière ein Ruf Kurt Biedenkopfs aus Sachsen, der ihn 1999 zum Leiter seiner Staatskanzlei machte.</p>
<p>Der ger&#228;uschlos und zuverl&#228;ssig arbeitende einstige Jesuitenz&#246;gling musste beizeiten seine F&#228;higkeit zum Moderieren zwischen unterschiedlichen politischen Temperamenten, wenn nicht zum Streitschlichten unter Beweis stellen. Das begann bereits in Schwerin, wo er in der CDU/SPD-Koalition zwischen Seite und Harald Ringstorff vermittelte, und setzte sich in Dresden fort, als Biedenkopf und sein Finanzminister Georg Milbradt nicht mehr miteinander konnten. Von diesem &#252;bernahm er 2001 das Finanzministerium und diente ihm erst als Justiz- und dann als Innenminister.</p>
<p>Wohl auch wegen seiner unbestreitbaren F&#228;higkeit zum Ausgleichen unterschiedlicher Positionen holte Bundeskanzlerin Angela Merkel Thomas de Maizière 2005 in die mit der SPD gebildete Bundesregierung und machte ihn zum Chef des Kanzleramtes. Dort wurde er bald so unentbehrlich, dass er nachtr&#228;glich in die kleine Koalitionsrunde der Parteispitzen vorsto&#223;en konnte. Beinahe legend&#228;r war die damalige Taktfrequenz des SMS-Verkehrs mit der Kanzlerin. Er schaffte es, die Regierungsarbeit weitgehend ger&#228;uschlos zu organisieren, wobei ihm half, dass sowohl Union als auch SPD zur gro&#223;en Koalition keine Alternative sahen. Es ist wohl nicht nur Koketterie, wenn er bekundet, er sei dann gut in seiner Arbeit, wenn man von ihm nichts merke. Auf dem H&#246;hepunkt der schwarz-gelben Fingerhakeleien etwa vor Jahresfrist entfuhr ihm einmal: »In der Koalition wird zu viel herumgequatscht und zu wenig konstruktiv miteinander gearbeitet.«</p>
<p>Da aber war er schon Innenminister im zweiten Kabinett Merkel und musste beweisen, dass er nicht nur moderieren, sondern auch etwas durchsetzen kann – mit lautstarken Law-and-order-Leuten seiner Partei, vor allem aber der CSU im R&#252;cken und der die liberale Fahne hoch haltenden Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als Widerpart. Das ist ihm – gl&#252;cklicherweise – kaum gelungen, wozu beigetragen haben mag, dass auch er in Sicherheitsfragen eher gem&#228;&#223;igte Positionen vertrat und es sich beispielsweise weitgehend versagte, die Angst vor Terroranschl&#228;gen zum Abbau von B&#252;rgerrechten zu instrumentalisieren, wie es sein Vorg&#228;nger Wolfgang Sch&#228;uble noch gern getan hatte.</p>
<p>Erst als seine Deeskalationstaktik so weit ging, dass er nicht einmal seine Chefin &#252;ber einen Bombenfund auf dem K&#246;lner Flughafen informierte und diese vom britischen Premierminister davon erfuhr, schaltete er um und gab vor Weihnachten aufgrund sehr vager Hinweise eine drastische Terrorwarnung heraus. Da war er ganz der »Diener«, als der er sich als Minister versteht, und wollte den vermeintlichen Fehler schnell vergessen machen. Dennoch argw&#246;hnte die Union bei ihm immer, er vertr&#228;te ihre Positionen nicht entschlossen genug.</p>
<p>Tats&#228;chlich jedoch ist er kein St&#252;ck von all jenen Vorhaben abger&#252;ckt, die CDU und CSU schon seit langem verfolgen: Online-Durchsuchungen, Vorratsdatenspeicherung, Visa-Warndatei, Sperrung von Kinderpornoseiten im Internet, die sich schnell auf andere Themen ausweiten lie&#223;e, und die Verl&#228;ngerung der Terrorgesetze, auch nach der anstehenden &#220;berpr&#252;fung. Dass sich all das noch in der Warteschleife befindet, lag nicht an ihm, sondern am &#246;ffentlichen Widerstand, am Bundesverfassungsgericht und an seiner Kollegin aus dem Justizressort. Bei der ins Auge gefassten Zusammenlegung von Bundeskriminalamt und Bundespolizei stie&#223; er ebenfalls auf gro&#223;en Widerstand – au&#223;er bei der FDP auch bei der CSU und in den L&#228;ndern.</p>
<h4>Durchsetzen, was andere denken</h4>
<p>Durch besondere Kreativit&#228;t bei der Erarbeitung eigener politischer Konzepte ist Thomas de Maizière bislang nicht aufgefallen. Trat er &#246;ffentlich in Erscheinung, dann eher bei solcherart Verwaltungsakten wie der Erprobung von K&#246;rperscannern auf Flugh&#228;fen oder der Einf&#252;hrung des neuen Personalausweises – beides nicht gerade Erfolgsgeschichten. Oft verlie&#223; er sich auf externen Sachverstand, ganz wie er es aus seiner T&#228;tigkeit als Zuarbeiter f&#252;r die Regierungsspitze gewohnt ist. Sein Metier ist die effiziente Durchsetzung dessen, was andere gedacht haben. Auch kurzzeitig wirkende Entschl&#252;sse liegen ihm, also die Organisation des von Merkel bevorzugten Von-der-Hand-in-den-Mund-Regierens. Soll er selbst gestalten, fehlt ihm die sichere Hand. Besonders deutlich wurde das w&#228;hrend seiner Amtszeit in Sachsen, in die auch die Aff&#228;re um die konspirative Datensammlung des Landesverfassungsschutzes zu Kontakten von Politikern, Justiz und Polizei zur organisierten Kriminalit&#228;t fiel und die bis heute nicht sauber aufgekl&#228;rt ist.</p>
<p>Sp&#228;testens da musste er wohl erkennen, dass auch hugenottische Tugenden leicht in Widerspruch zu den vorgeblichen Zw&#228;ngen der Realpolitik geraten k&#246;nnen und dann letztere aus Staatsr&#228;son Priorit&#228;t haben; de Maizière unterwarf sich dem stets mit »preu&#223;ischem Pflichtbewusstsein«. So verfuhr er zum Beispiel in seiner Funktion als Geheimdienstkontrolleur, als 2006 die Bespitzelung von Journalisten durch den Bundesnachrichtendienst entlarvt wurde und er sich auf dessen Seite schlug. Auch die &#220;berwachung des E-Mail-Verkehrs einer deutschen Journalistin mit afghanischen Politikern durch den BND deckte der damalige Kanzleramtschef zwei Jahre sp&#228;ter. Und ganz aktuell, beim Plagiatsskandal seines Vorg&#228;ngers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), bescheinigte er diesem noch einen Tag vor seinem R&#252;cktritt, er habe »nach wie vor die notwendige Autorit&#228;t f&#252;r sein Amt«.</p>
<p>Mag sein, dass ihm das im Verteidigungsministerium ebenso zugute gehalten wird wie das Lob in seinem ersten Tagesbefehl, zu Guttenberg habe »die Besonderheiten des soldatischen Dienens, die mit den Auslandseins&#228;tzen verbundenen Gef&#228;hrdungen und die Bundeswehr insgesamt stark in das &#246;ffentliche Bewusstsein ger&#252;ckt«. In der Sache selbst h&#228;lt er offensichtlich wenig von dem, was ihm der Vorg&#228;nger hinterlie&#223;, sonst h&#228;tte er wohl kaum als erste Amtshandlung dessen Staatssekret&#228;r Walther Otremba entlassen, der das Konzept zur Bundeswehrreform entwarf. Das wiederum rief den CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer auf den Plan, der jegliche &#196;nderungen daran strikt ablehnt.</p>
<p>Ein unausgegorenes Reformwerk, ungekl&#228;rte Guttenberg-Aff&#228;ren, bayerische Wutpolitiker – schwieriger kann Thomas de Maizières Start kaum sein. Da ist vielleicht doch als erstes seine F&#228;higkeit zu moderieren gefragt.</p>
<address>Ver&#246;ffentlicht in: Neues Deutschland vom 07.03.2011</address>
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		<title>Wikileaks erzwingt Glasnost im Westen</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Nov 2010 17:43:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer erinnert sich noch das Wortes »Glasnost«, das vor 20 Jahren Hochkonjunktur hatte? Es kommt aus dem Russischen und hei&#223;t im politischen Sinne »Offenheit«. Damals war es auf die Sowjetunion als Vormacht des »sozialistischen Lagers« gem&#252;nzt und was sich dahinter verbarg, die Offenlegung jahrzehntelang betriebener sozialistischer Geheimniskr&#228;merei, wurde weltweit begeistert mit Beifall bedacht – am [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer erinnert sich noch das Wortes »Glasnost«, das vor 20 Jahren Hochkonjunktur hatte? Es kommt aus dem Russischen und hei&#223;t im politischen Sinne »Offenheit«. Damals war es auf die Sowjetunion als Vormacht des »sozialistischen Lagers« gem&#252;nzt und was sich dahinter verbarg, die Offenlegung jahrzehntelang betriebener sozialistischer Geheimniskr&#228;merei, wurde weltweit begeistert mit Beifall bedacht – am meisten von jenen, die heute Glasnost, politische Offenheit. Transparenz in &#246;ffentlichen Angelegenheiten mit dem Staatsanwalt verfolgen wollen. <span id="more-2085"></span>Solange die Offenlegung staatlicher Aktivit&#228;ten – nat&#252;rlich nur der Gegenseite – in der Systemauseinandersetzung von Nutzen war, hat man nicht genug davon haben k&#246;nnen. Nun aber, wo <a href="http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EA6253F73150B4E33ADE613D197B1EF9E~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/8422ccdbcb8f4f0a90c07b198ce23f9f" alt="" width="1" height="1" />die eigene Geheimpolitik </a>pl&#246;tzlich des sch&#252;tzenden Schleiers entzogen wird, macht man daraus gern ein kriminelles Vergehen. Ein <a href="http://www.zdnet.de/news/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_us_kongressabgeordneter__wikileaks_ist_eine_terrororganisation_story-39002364-41541356-1.htm" target="_blank">US-Abgeordneter </a>forderte gar, Wikileaks zur terroristischen Organisation zu erkl&#228;ren.</p>
<p>Dabei tut Wikileaks nichts anderes als die B&#252;rgerrechtler der sozialistischen L&#228;nder, die DDR eingeschlossen, vor 20 Jahren. Sie brachten damals in die &#214;ffentlichkeit, was die Herrschenden gern verschwiegen haben – und das waren nat&#252;rlich nicht ihre Wohltaten f&#252;rs Volk; die wurden in epischer Breite dargestellt. Doch all das, was Unzufriedenheit ausl&#246;sen konnte, was negativ war, was sich gegen das Volk richtete, bis hin zu Verbrechen, all das verschwand hinter einer Wand von Geheimhaltung, die durch offene Repression wie juristische Man&#246;ver undurchdringlich gemacht wurde. Heute ist es eine Internetplattform, die in die &#214;ffentlichkeit bringt, <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,731918,00.html" target="_blank">was die jetzigen Herrschenden gern verschwiegen h&#228;tten </a>– und auch das sind nat&#252;rlich nicht ihre Wohltaten, die sie wie eh und je unters Volk zu bringen versuchen – vielleicht nicht mehr in ellenlangen Reden, sondern in »Podcasts« oder vornehmen gestalteten Anzeigenseiten in den Zeitungen. Denn auch sie haben viel zu verbergen, negative Beschl&#252;sse, Kungeleien, Intrigen, Kriegsvorbereitungen und auch – wie fr&#252;here Ver&#246;ffentlichungen von Wikileaks zeigten – Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sie in der &#214;ffentlichkeit vorgeblich so hoch sch&#228;tzen. Das Internet gibt Glasnost nun auch in den sich so gern als unfehlbar darstellenden westlichen Demokratien eine Chance – und damit den B&#252;rgern, wie vor 20 Jahren im Osten, die M&#246;glichkeit, kompetent in den eigenen Angelegenheiten mitzureden.</p>
<p>Die Sturmgesch&#252;tze, die seitens der Regierenden gegen solche Transparenz, f&#252;r die sie eigentlich selbst sorgen m&#252;ssten, aufgestellt werden, sind entlarvend. Denn sie verweisen auf un&#252;bersehbare Parallelen im politischen Gesch&#228;ft zwischen undemokratischen Regimen und den so genannten westlichen Demokratien. Nicht zuf&#228;llig d&#252;rfte man <a href="http://www.ftd.de/politik/deutschland/:enthuellungen-bei-wikileaks-razzia-im-jugendklub-der-fdp/50200237.html" target="_blank">in der FDP den in ihren F&#252;hrungsgremien vermuteten »inoffiziellen Mitarbeiter«</a> der US-Botschaft mit dem DDR-Spion G&#252;nter Guillaume verglichen haben, und ebenso wenig zuf&#228;llig hat wohl auch <a href="http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-20594/wikileaks-veroeffentlichung-schaeuble-fuehlt-sich-an-stasi-erinnert_aid_576908.html" target="_blank">Wolfgang Sch&#228;uble </a>den Zusammenhang zwischen den jetzt ver&#246;ffentlichten US-Dokumenten mit Stasi-Akten hergestellt. Da wie dort diente und dient die Geheimhaltung der Beherrschung des Volkes. Es sollte und soll aus den Entscheidungen &#252;ber seine eigene Angelegenheiten herausgehalten werden. Nicht nur Wikileaks durchkreuzt eine solche Strategie; auch die <a href="http://www.focus.de/digital/internet/internet-enthuellungen-wikileaks-ist-erst-der-anfang_aid_577086.html" target="_blank">Demonstranten von Stuttgart </a>forderten als Erstes Information, die Offenlegung der geheimen Vorg&#228;nge, die mit dem dortigen Bahnhofsneubau zu tun haben.</p>
<p>Solche Transparenz, solche Offenheit auf der politischen B&#252;hne geht<a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-usa-wikileaks-und-der-schaden-fuer-die-weltsicherheit-1.1029897" target="_blank"> ans Selbstverst&#228;ndnis der Herrschaftseliten</a>. Deshalb bot Baden-W&#252;rttembergs Landesregierung im Stuttgarter Schlossgarten ihre gesamte repressive Macht gegen friedliche Demonstranten auf. Und deshalb geht die politische Klasse beinahe <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11271004/Nichts-kann-die-Wikileaks-Enthuellungen-rechtfertigen.html" target="_blank">weltweit gegenw&#228;rtig gegen Wikileaks mit Mitteln vor</a>, die fatal an die Zersetzungspraktiken der DDR-Staatssicherheit erinnern. Wer die Arbeit der Geheimdienste nur ein wenig kennt, wei&#223;, dass seit langem ganze Kompanien unterwegs sein d&#252;rften, um die Organisation von Innen her zu zerst&#246;ren. Sowohl die immer wieder, jedoch mit wenig Hintergrund gestreuten <a href="http://www.zeit.de/politik/2010-11/dokumente-des-zorns" target="_blank">Meldungen &#252;ber innere Streitigkeiten </a>als auch die Vergewaltigungsvorw&#252;rfe gegen <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11287482/Das-Netz-des-Anarchisten-Julian-Assange.html" target="_blank">Wikileaks-Sprecher Julian Assange </a>sprechen eine deutliche Sprache. Dazu kommen inzwischen Verd&#228;chtigungen, <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11284510/Wikileaks-Enthuellungen-bedrohen-unsere-Freiheit.html" target="_blank">die Freiheit zu bedrohen,</a> gar f&#252;r andere Geheimdienste zu arbeiten – auch das war Argumentation im Haus Mielke, wenn es B&#252;rgerrechtler auszuschalten galt.</p>
<p>So zeigt Wikileaks mit seinen Aktivit&#228;ten, wie sehr Informiertheit, Transparenz, eben Glasnost Voraussetzung f&#252;r Demokratie ist – unabh&#228;ngig vom jeweils herrschenden politischen System. Die Organisation steht in der Tradition auch derjenigen, die die politische Wende vor 20 Jahren ma&#223;geblich herbeif&#252;hrten. Sie legt offen, wie sehr das jetzt dominierende politische System diesbez&#252;glich Nachholbedarf hat. Und leistet zugleich ihren <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1130/meinung/0014/index.html" target="_blank">Beitrag, dessen demokratische Defizite zu verringern</a>. Eigentlich m&#252;ssten die Regierenden Wikileaks daf&#252;r dankbar sein.</p>
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		<title>Wulff oder Gauck – Jacke wie Hose</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jun 2010 13:01:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eigentlich ist es Jacke wie Hose, wer von den beiden Kandidaten der so genannten etablierten Parteien am Mittwoch zum Bundespr&#228;sidenten gew&#228;hlt wird. Beide sind von der gleichen politischen Couleur, was Joachim Gauck auch ausdr&#252;cklich betont. Und mehr noch: Er h&#228;tte eher das Angebot der Pr&#228;sidentschaftskandidatur von CDU/CSU und FDP erwartet; von dort erhofft er sich angeblich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eigentlich ist es Jacke wie Hose, wer von den beiden Kandidaten der so genannten etablierten Parteien am Mittwoch zum Bundespr&#228;sidenten gew&#228;hlt wird. Beide sind von der gleichen politischen Couleur, was Joachim Gauck auch ausdr&#252;cklich betont. Und mehr noch: Er h&#228;tte eher das Angebot der Pr&#228;sidentschaftskandidatur von CDU/CSU und FDP erwartet;<span id="more-1734"></span> von dort erhofft er sich angeblich auch die zum Sieg &#252;ber den Parteisoldaten Christian Wulff erforderlichen Stimmen.</p>
<p>Nat&#252;rlich wei&#223; Gauck ganz genau, dass er gegen <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/25/der-weichgespuelte-kandidat/" target="_blank">Wulff</a> keine Chance hat. Als Kandidat der Oppositionsparteien SPD und Gr&#252;ne wird er schon aus machtpolitischen Erw&#228;gungen der regierenden Koalition&#228;re nur eine Ausz&#228;hlung der Stimmen in der Bundesversammlung erleben; er dient seinen Erfindern und politischen Sponsoren vor allem dazu, ihre Zugeh&#246;rigkeit zum b&#252;rgerlichen Lager zu unterstreichen und doch zugleich die aus dem gleichen Dunstkreis kommende schwarz-gelbe Regierung ordentlich zu &#228;rgern. Und Gauck selbst konnte noch einmal seine universale Verwendungsf&#228;higkeit im b&#252;rgerlichen Machtsystem beweisen, demonstrieren, wie anpassungsf&#228;hig er auf Situationen nzu reagieren versteht, die vor allem ihm selbst pers&#246;nlichen Nutzen versprechen. Dabei nimmt er sogar billigend in Kauf, dass die von ihm durchaus begr&#252;&#223;te schwarz-gelbe Regierung &#246;ffentlich als zahnloser Papiertiger dargestellt werden kann – auch wenn die hochschie&#223;enden Spekulationen &#252;ber eine Gef&#228;hrdung der Merkel-Regierung nat&#252;rlich l&#228;cherlich sind. Mit zwei Kandidaten, zwischen die programmatisch kein Blatt Papier passt, kann die Kanzlerin leben; gef&#228;hrdet w&#228;re sie nur dann gewesen, h&#228;tten sich SPD und Gr&#252;ne der wirklich alternativen Kandidatin Luc Jochimsen zugewandt.</p>
<p>Es geht bei der vor allem medialen Gauckmania wohl – anders als der Kandidat gern darstellen will – in erster Linie darum, der Regierung auf einem nebens&#228;chlichen Kampffeld<a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0626/diekandidaten/0004/index.html" target="_blank"> die »rote Karte« zu zeigen</a><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/272dd02c1dc34e998df5ccbde2f89fed" alt="" width="1" height="1" />; sie ist insofern nur ein weiterer Ausdruck der Verdrossenheit des Volkes &#252;ber die amtierende Koalition, f&#252;r die ihr jeder Denkzettel recht ist – auch einer mit Namen Gauck.</p>
<p>Tats&#228;chlich jedoch w&#228;re von einem Bundespr&#228;sidenten Gauck ebenso wenig wie von Christian Wulff eine von der derzeitigen Regierungspolitik abweichende Position zu erwarten. Gauck hat noch immer gewusst – was ihm nicht vorzuwerfen ist, wie man sich unter wechselnden Verh&#228;ltnissen arrangieren kann und muss. Aufschlussreich war in diesem Zusammenhang eine Biografie, die bereits vor zehn Jahren der Journalist Norbert Robers &#252;ber ihn schrieb und die – bei aller sonstigen Beflissenheit – diesen Charakterzug seiner Protagonisten nicht auszublenden vermochte. Darauf machte eine Rezension des Buches aufmerksam, die 29. September 2000 in der Zeitung »Neues Deutschland« erschien.</p>
<blockquote>
<h3>Ein Leben hinter der Larve</h3>
<h4>Joachim Gauck lie&#223; sich eine Biografie fertigen &#8211; und ist nicht damit zufrieden</h4>
<address>Von Peter Richter</address>
<h5>Heute wird der Bundestag mit Marianne Birthler eine neue »Bundesbeauftragte f&#252;r die Unterlagen des Staatssicher­heitsdienstes der ehemaligen DDR« w&#228;hlen. Derweil k&#228;mpft der scheidende Amtsverwalter Joachim Gauck um ein makelloses Selbstbild f&#252;r die Nachwelt.</h5>
<p>Oft sind es beinahe nebens&#228;chliche Details, die am ehesten ein Schlag­licht auf einen Menschen werfen. In seinem Buch »Joachim Gauck. Die Biografie einer Institution« schildert der »Welt«-Journalist Norbert Robers den Auftritt seines Protagonisten in der Berli­ner Humboldt-Universit&#228;t, wo er die »Enttarnung« des Rektors Heinrich Fink als IM verk&#252;ndete: »Er trat ans Podium mit der Bemerkung: &gt;Gelassen und mit Freude erwarte ich die Proteste einer PDS-gesteuerten Universit&#228;ts&#246;ffentlichkeit.&lt; Er ballte die Hand zur Faust, um seine Ent­schlossenheit zu zeigen.« Die Szene verr&#228;t zweierlei: Zum einen Gaucks militanten Antikommunismus, zu dem er sich immer wieder bekennt. Und zum anderen seine Selbstgerechtigkeit, die totale &#220;berzeu­gung von sich und seiner Mission.</p>
<p>Seine antikommunistische Haltung be­gr&#252;ndet Joachim Gauck mit dem Schicksal seines Vaters, der 1951 unter falschen Beschuldigungen in die Sowjetunion ge­bracht wurde, wo er fast drei Jahre in ei­nem Gefangenenlager arbeiten musste. Folglich waren f&#252;r ihn die Russen »uner­w&#252;nschte Eroberer« und Adenauer, der die R&#252;ckkehr der Gefangenen ausgehan­delt hatte, »unser Held«. Auch in der Schule empfand der junge Gauck Pein &#8211; so sehr, »dass er eine bayerische Bekennt­nisschule des vorigen Jahrhunderts als einen Hort der Liberalit&#228;t feiern w&#252;rde«. Die Ablehnung der DDR und ihres Sys­tems hinderte Joachim Gauck indes nicht, in ihrer Gesellschaft seinen Platz zu finden &#8211; und ihn zu verteidigen. »Ich war nie ein Fundamental-Oppositioneller, aber nicht weil es an Mut mangelte, sondern weil ich es f&#252;r taktisch unklug hielt«, gesteht er ein. So verwundert es nicht, dass er weder als Landpfarrer im mecklenburgischen L&#252;ssow ab 1967 und lange auch sp&#228;ter nicht in Rostock-Evershagen, wo er in ei­nem Neubaugebiet eine evangelische Ge­meinde aufbaute, ins Visier der Staatssi­cherheit geriet. 1983 wurde schlie&#223;lich der operative Vorgang (0V) »Larve« an­gelegt, der bis Ende 1988 auf fast 200 Seiten anwuchs, ehe er geschlossen und archiviert wurde. Damals urteilte das MfS. »dass von ihm derzeit keine Aktivit&#228;ten ausgehen, die eine weitere Bearbeitung im 0V erforderlich machen«, Sein F&#252;h­rungsoffizier empfahl gar, einen IM-Vorlauf anzulegen, Gauck hatte sich beson­ders bei der Vorbereitung des Rostocker Kirchentages au&#223;erordentlich kooperativ gezeigt und erkl&#228;rte sich auch zu weiteren Gespr&#228;chen mit dem MfS bereit. Sein Bio­graf jedoch traut &#8211; anders als Gauck ge­w&#246;hnlich &#8211; den Akten nicht recht und be­wertet diese Aussagen als »eine Mischung aus Wunschdenken und politisch moti­vierter Verleumdung«.</p>
<p>Heute will der Aktenverwalter seine damals realistische und ihm nicht vor­werfbare Haltung nicht mehr wahrhaben. Er wollte unter den obwaltenden Verh&#228;lt­nissen etwas bewirken, wollte seine Auf­gabe als Kirchenmann erf&#252;llen &#8211; und musste dazu Kompromisse machen. Nicht anders etwa als Manfred Stolpe, wenn­gleich auf wesentlich niedrigerem Niveau. Doch w&#228;hrend er Stolpes MfS-Kontakte als Kollaboration mit dem Geheimdienst anprangerte, sieht er sich selbst »in er­bitterte K&#228;mpfe mit der Stasi verwickelt«. Jene Zivilcourage, die er bei anderen zu Recht lobt, ging ihm &#8211; jedenfalls in der ri­gorosen Konsequenz totaler Verweige­rung, die er offenbar allein gelten l&#228;sst &#8211; ab. Er verhielt sich normal und durchaus vern&#252;nftig &#8211; wie viele andere, denen er das heute vorwirft, weil er besser sein, sich &#252;ber sie erheben will.</p>
<p>Aus diesem Grunde auch f&#252;hrt er einen erbitterten Kampf gegen all jene, die seine Rolle in der DDR anders darstellen. Schon auf der zweiten Seite der Einleitung – die erste z&#228;hlt seine Medaillen und Auszeich­nungen auf &#8211; geht Robers auf Gaucks Stasiakte ein, auf seine juristischen Auseinandersetzungen mit Peter-Michael Diestel, Er konzentriert sich dabei auf jene Teile, die ihn als »Systemkritiker und Op­fer von Verfolgung« darstellen, w&#228;hrend all das. was &#252;ber »Beg&#252;nstigungen« sei­tens des MfS, wie es Diestel nennt (siehe auch ND vom 25.September 2000), aufge­zeichnet ist, weitgehend ausgeblendet wird. Aber auch sein Biograf kann nicht verschweigen, dass Gauck ausgerechnet in den Jahren 1988 und 1989 »seinen Wi­derstand gegen den Staat dem kirchlichen Amt untergeordnet hatte«.</p>
<p>Erst am 4. November 1989 sah er »die Zeit f&#252;r reif an, auch au&#223;erhalb der Kirche politisch aktiv zu werden« &#8211; nun aber mit aller Macht. Vieles gab er auf, seine Fami­lie, menschliche Bindungen, um sich ganz und gar als »politischer Missionar« zu bet&#228;tigen. Mit einem Rigorismus, der in erstaunlichem Widerspruch zu seiner Kompromissbereitschaft in der DDR stand, ging er schlie&#223;lich an die Auswer­tung der Stasi-Hinterlassenschaft. Er ver­trat die &#214;ffnung der Akten, allerdings in streng rechtsstaatlichen Grenzen, was das Scheitern bedeutet h&#228;tte. »Es handelt sich um einen Beitritt der DDR zur Bundesre­publik, nicht um die umgekehrte Veran­staltung. Ihr seid herzlich willkommen. Aber hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt«, hatte Wolf­gang Sch&#228;uble h&#246;hnisch den DDR-Unter­h&#228;ndlern entgegengehalten. Und folglich fehlte die Akten&#246;ffnung im Einigungsver­trag. Erst ein durch Gauck abgelehnter Hungerstreik der von ihm herzlich ver­achteten B&#252;rgerrechtler zwang die Bun­desregierung zu Einlenken und sicherte &#8211; Ironie der Geschichte &#8211; Joachim Gauck f&#252;r zehn Jahre sein hoch dotiertes Amt.</p>
<p>Obwohl sich Gaucks Biograf bem&#252;ht, dessen Weg »vom Aktenverwalter zur mo­ralischen Instanz« in bestem Gef&#228;lligkeitsjournalismus zu zeichnen, sind dem Auftraggeber einige unpassende Fakten und vorsichtig distanzierende Anmerkun­gen schon zu viel. Eine »sch&#246;ne« Larve will er zeigen, nicht sein wahres Gesicht. Ob es da die urspr&#252;nglich geplante »einzig autorisierte« Biografie sein wird, die in diesen Tagen auf den Markt kommt?</p>
<address>Norbert Robcrs: Joachim Gauck. Die Biografie einer Institution, Henschel Verlag Berlin. 240 Seiten, 38 DM.</address>
</blockquote>
<address></address>
<address></address>
<p>Eine gewisse Zeit hat Joachim Gauck gebraucht, aber im letzten Winter war dann tats&#228;chlich seine Autobiografie im Handel, in der er die eigene Sicht der Dinge ohne st&#246;rende Details darstellen konnte. Dass sie rechtzeitig vor seiner Pr&#228;sidentschaftskandidatur erschien, war Zufall, aber diese F&#252;gung passt recht gut zu einem Gauck und seinem Gesp&#252;r, jederzeit zu wissen, was pers&#246;nlich gerade opportun ist.</p>
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		<title>Kohl und sein Schreiber</title>
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		<pubDate>Thu, 06 May 2010 15:25:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es war wohl nur ein Zufall, aber ein sehr symbolischer. Am gleichen Tag, als Helmut Kohl in Ludwigshafen mit gro&#223;em Pomp seinen 80. Geburtstag nachfeierte, wurde im nicht allzu weit entfernten Augsburg Karlheinz Schreiber zu acht Jahren Haft verurteilt. Jener Schreiber also, der eines der Werkzeuge des Altkanzlers und seiner Partei beim Spendenskandal war, der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war wohl nur ein Zufall, aber ein sehr symbolischer. Am gleichen Tag, als Helmut Kohl in Ludwigshafen mit gro&#223;em Pomp seinen 80. Geburtstag nachfeierte, wurde im nicht allzu weit entfernten Augsburg Karlheinz Schreiber zu acht Jahren Haft verurteilt. Jener Schreiber also, <span id="more-1695"></span>der eines der Werkzeuge des Altkanzlers und seiner Partei beim Spendenskandal war, der die Republik schon bald nach Kohls Abwahl 1998 einige Jahre besch&#228;ftigen sollte. W&#228;hrend dem Chef vom Laudator, einem ehemaligen Bundespr&#228;sidenten, bescheinigt wurde, dass <a href="http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~EC7616036C4DF4BA7BC37D7448472DF47~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">sein »Charakterbild in der Geschichte« schwanke</a><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/c4291929195149c5ae90b4f0e6d0b3a2" alt="" width="1" height="1" /> – »und zwar auf die positive Seite«, bescheinigte das Augsburger Landgericht dem Gesellen f&#252;r die Schmutzarbeit, <a href="http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-05/schreiber-urteil" target="_blank">»gierig, skrupellos und nur auf den eigenen Vorteil bedacht«</a> gewesen zu sein. Vor zehn Jahren hatte das noch ganz anders geklungen. Da waren zwar Schreibers trickreiche Winkelz&#252;ge l&#228;ngst allbekannt, aber noch bewahrten ihn viele einflussreiche sch&#252;tzende H&#228;nde vor der verdienten Strafe.</p>
<p>Es mag deshalb aufschlussreich sein, wie eng dcr jetzt verurteilte Karlheinz Schreiber damals noch mit der CDU und vor allem der CSU verbandelt war. Der folgende Beitrag erschien im »Neuen Deutschland« vom 25. 01. 2000.</p>
<blockquote>
<h2>Die Katze auf der hei&#223;en M&#228;usekiste</h2>
<h3>Lange vor der CDU machte die CSU mit Karlheinz Schreiber Gesch&#228;fte und geht auch heute nur z&#246;gernd auf Distanz</h3>
<p> Von Peter Richter</p>
<h4>Der mit Haftbefehl gesuchte R&#252;stungslobbyist Karlheinz Schreiber, Schl&#252;sselfigur im CDU-Spendenskandal, ist seit 20 Jahren Mitglied der CSU und ihren F&#252;hrungsleuten aus gemeinsamen Gesch&#228;ften bestens bekannt.</h4>
<p>Merkw&#252;rdig leise agiert die bayerische Schwesterpartei der CDU im Spendenskandal. Nicht einmal die r&#252;den Angriffe ihres Parteimitgliedes Karlheinz Schreiber an die Adresse Wolfgang Sch&#228;ubles konnten die CSU zu klarer Stellungnahme veranlassen. Er nannte den CDU-Vorsitzenden einen L&#252;gner, der Quatsch erz&#228;hle. In ein tiefes Loch wolle er ihn fallen lassen. Und &#252;berhaupt: »Ich sitze wie die Katze auf der Kiste mit den M&#228;usen. Und &#252;berlege mir, welche ich als erste fresse.«</p>
<p>Dennoch – f&#252;r CSU-Generalsekret&#228;r Thomas Goppel ist Schreiber ein ehrenwerter Mann. Immerhin geh&#246;rt er l&#228;nger als zwei Jahrzehnte zum Kreisverband Landsberg, den Goppel leitet, ist dessen Duzfreund. »Warum«, so der Parteimanager, »soll ich dem die Freundschaft aufk&#252;ndigen?« Selbst f&#252;r des Waffenh&#228;ndlers Flucht nach Kanada zeigte Goppel j&#252;ngst in einer Talkshow vollstes Verst&#228;ndnis: »Wenn er sagt, ich gehe nicht hin und stelle mich freiwillig, weil dann mein Betrieb sofort in Pfand genommen wird und all mein Verm&#246;gen gepf&#228;ndet wird, dann ist das sein Recht.« Auch Max Strau&#223;, Sohn des Ex-CSU-Chefs Franz Josef Strau&#223;, nennt Schreiber einen »vern&#252;nftigen Mann«.</p>
<h4>Bei Strau&#223; und Co. immer mit am Tisch</h4>
<p>Es sind nicht nur die 143OOO Mark, die Schreiber der CSU von Ende der 80er Jahre bis 1995 zukommen lie&#223; und von denen Goppel 50000 Mark selbst direkt in Empfang nahm, die ihm einen guten Leumund bei den Christsozialen bescheren. Auch Max Strau&#223; mag nicht allein an die 5,2 Millionen Mark denken, die er angeblich Schreiber verdankt. Mehr noch d&#252;rfte es das Wissen des R&#252;stungslobbyisten sein, das die CSU beunruhigt – hat er doch seit langem bei den Spitzen der Partei immer mit am Tisch gesessen und manches dunkle Gesch&#228;ft mit ihnen und f&#252;r sie abgewickelt. Als der heute 65-J&#228;hrige in den 70er Jahren in seinem Heimatort Kauferingen ein Unternehmen f&#252;r Stra&#223;enmarkierungen leitete, war das nur noch der Nebenjob. Sein haupts&#228;chliches T&#228;tigkeitsfeld war l&#228;ngst der Lobbyismus f&#252;r Waffenkonzerne oder – wie er es selbst nennt – »Landschaftspflege«.</p>
<p>Und die betrieb Schreiber bevorzugt bei CSU-Gr&#246;&#223;en, die zudem am florierenden Waffengesch&#228;ft vor allem bayerischer Firmen interessiert waren. Die »S&#252;ddeutsche Zeitung« berichtete unl&#228;ngst von einem Deal mit Saudi-Arabien aus dem Jahr 1980, als Strau&#223; Kanzler werden wollte. Gegen g&#252;nstige &#214;lkontrakte, die Millionen in CSU-Parteikassen sp&#252;len sollten, w&#252;rde ein Bundeskanzler Strau&#223; die Lieferung von Leopard-Panzern an das W&#252;stenland durchsetzen. Schreiber zog hinter den Kulissen die F&#228;den, ebnete die Wege – da scheiterte Strau&#223; an den W&#228;hlern, und das Gesch&#228;ft fiel ins Wasser.</p>
<p>Doch bei Strau&#223; stand er weiter in hoher Gunst, und als dieser starb, waren Schreibers Kontakte bereits so vielf&#228;ltig, dass er selbstst&#228;ndig weitermachen konnte. Er vermittelte f&#252;r MBB den Verkauf von zw&#246;lf Hubschraubern, makelte f&#252;r Airbus die Lieferung von Gro&#223;-Flugzeugen und setzte 1991 f&#252;r Thyssen jenes Panzergesch&#228;ft mit Saudi-Arabien durch, das f&#252;r die Augsburger Staatsanw&#228;lte den Hintergrund f&#252;r die Millionenspende an die CDU auf dem Parkplatz im schweizerischen St. Margrethen abgibt. Obwohl damals in der Bundesregierung die Bedenken gegen das Gesch&#228;ft &#252;berwogen, setzte Helmut Kohl die Lieferung von 36 »Fuchs«-Sp&#252;rpanzern durch.</p>
<p>Bevorzugter Partner Schreibers in all diesen Gesch&#228;ften war ein alter Bekannter aus Strau&#223;&#8217; Zeiten: dessen einstiger B&#252;roleiter Holger Pfahls, 1985 auf Empfehlung seines Ziehvaters zum Chef des Bundesamtes f&#252;r Verfassungsschutz und zwei Jahre sp&#228;ter zum Staatssekret&#228;r im Verteidigungsministerium avanciert. Bis 1992 war er hier nicht zuletzt f&#252;r R&#252;stungsexporte zust&#228;ndig; ihm soll Schreiber allein 3.8 Millionen Mark Schmiergeld gezahlt haben. Inzwischen ist das CSU-Mitglied Pfahls – wie Schreiber – fl&#252;chtig.</p>
<p>Doch nicht nur Pfahls geh&#246;rte zu den Ansprechpartnern Schreibers, die er vor allem im Verteidigungsministerium fand. Er spendete f&#252;r den Wahlkampf von Michaela Geiger, die dort seit 1993 Staatssekret&#228;rin war. Erich Riedl, ebenfalls langj&#228;hrig in dieser Funktion, soll von Schreiber eine halbe Million bekommen haben. Mit Monika Hohlmeier, Kultusministerin im Kabinett Stoiber, betrieb er mehrere Jahre eine gemeinsame Firma in Kanada. Er hatte Kontakte zum bayerischen Wirtschaftsminister Wiesheu, zum bayerischen Finanzminister Faltlhauser und zur Hanns-Seidel-Stiftung der CSU, f&#252;r die er gar in Costa Rica eine Au&#223;enstelle einrichten sollte.</p>
<h4>Solange Schreiber &#252;ber die CSU schweigt &#8230;</h4>
<p>All dies schuf gegenseitige Abh&#228;ngigkeiten, die die CSU jetzt zum Wohlverhalten gegen&#252;ber Schreiber zwingen. Solange er schweigt, ist die Botschaft der Verteidigungsreden von Goppel und Strau&#223; junior, hat er von uns nichts zu bef&#252;rchten – und da st&#246;rt auch nicht, dass Schreiber immerhin der Steuerhinterziehung, der Bestechung, der Beihilfe zu Betrug und Untreue bezichtigt wird. Auf 38 Seiten hat die Staatsanwaltschaft in Augsburg Schreibers S&#252;ndenregister aufgelistet; allein die Steuerschuld soll sich auf 23,5 Millionen Mark belaufen. Und ihm r&#228;t Goppel zwar angeblich am Telefon – denn beide plauschen hin und wieder &#252;ber den Atlantik hinweg – sich zu stellen, doch zugleich signalisiert er ihm Verst&#228;ndnis f&#252;r sein Wegbleiben, »weil er von der Gesellschaft verurteilt« worden ist.</p>
<p>T&#252;ckisch allerdings wird die CSU. wenn Schreiber doch plaudert. K&#252;rzlich warf er seiner Partei vor, Spenden &#252;ber 20000 Mark zu st&#252;ckeln, was unzul&#228;ssig ist. und die Namen der fiktiven Spender aus Todesanzeigen entnommen zu haben. Das erkl&#228;rte die CSU sofort zu L&#252;gen, weigerte sich allerdings, ihre Kassen von unabh&#228;ngigen Pr&#252;fern untersuchen zu lassen. Goppel r&#252;gte nun gar seinen Duzfreund, er habe ein &#246;ffentliches Klima von Verd&#228;chtigungen und Diffamierungen erzeugt. Schreiber deshalb aus der CSU auszuschlie&#223;en, erw&#228;gt die Partei dennoch nicht, allenfalls werde sein Kreisverband dar&#252;ber nachdenken. Den Stein der Weisen fand schlie&#223;lich Goppel: Eigentlich ruhe Schreibers Mitgliedschaft ja schon. Schlie&#223;lich lebe er seit Jahren im Ausland und k&#246;nne seine Mitgliedsrechte gar nicht wahrnehmen. Noch Tage vorher hatte der Generalsekret&#228;r darin keine Beeintr&#228;chtigung gesehen, denn Schreiber entrichte p&#252;nktlich seine Beitr&#228;ge.</p>
<p>So sitzt die Katze weiter auf der Kiste, will zwar – wie Schreiber inzwischen richtig stellte – die M&#228;use nicht mehr fressen, ihnen aber beim Spielen zusehen. Und bleibt damit selbst auch im Spiel&#8230;</p></blockquote>
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		<title>Vor 20 Jahren – Die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage macht Probleme</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 15:21:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/164516.eine-vergangenheit-die-nie-vergeht.html" target="_blank">Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag</a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/d7b9621a2af741f8b68bb820e2281a5d" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. <span id="more-1477"></span>Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst zu, die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hatte zwar lange gehofft, in einer reformierten DDR, wie in jedem Staat, ihren Platz zu haben, doch Anfang 1990 zeichnete sich immer st&#228;rker die kommende Vereinigung der beiden deutschen Staaten ab &#8211; und wer Realist war, wusste, dass diese Entwicklung auch die Geschichte der DDR-Aufkl&#228;rung besiegeln w&#252;rde.</p>
<p>Das zu begreifen, war das eine, die DDR-Spionage jedoch m&#246;glichst r&#252;ckstands- und f&#252;r ihrer Tausenden Mitarbeiter inner- und au&#223;erhalb der DDR auch folgenlos aus der Welt zu schaffen, war das andere. Das nat&#252;rlich nicht gelang. Jahrerlang waren politische, juristische uznd andere Gremien besch&#228;ftigt, die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage zu bew&#228;ltigen; dass dabei vielf&#228;ltige ideologische, materielle und auch mentale Aspekte eine Rolle spielten, erleichterte die Angelegenheit nicht.</p>
<p>Einen gewiss begrenzten Einblick in diese Vorg&#228;nge vor 20 Jahren gibt folgender Text, der 1992 in dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde. Zwar ist heute das damalige Geschehen gr&#252;ndlicher erforscht; dennoch kann diese alte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen; aktuelle Entwickjlungen werden einigen F&#228;llen durch entsprechende Links angezeigt.</p>
<h3>Die vertrackte Hinterlassenschaft der DDR-Spionage</h3>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-1481" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/02/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />»Kluge« &#8211; so stellte sich der grobknochige Mann an jenem nasskalten Sp&#228;twintertag am Potsdamer Platz vor, und er kam sogleich zur Sache. Gesch&#228;ftsm&#228;&#223;ig fragte er sein Gegen&#252;ber aus, wollte die Namen von DDR-Spionen in der Bundesrepublik wissen, forschte nach den verbliebenen Strukturen der HVA, nach etwaigen Kontakten zum sowjetischen KGB. Er war ein Abwehrmann des Verfassungsschutzes – beauftragt, einem Offizier der sich in Aufl&#246;sung befindlichen Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des MfS, der dem einstigen Gegner ein vorsichtiges Angebot zu Kooperation gemacht hatte, auf den Zahn zu f&#252;hlen und so viel wie m&#246;glich aus ihm herauszuholen. Das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz – in der jahrzehntelangen Auseinanderesetzung mit der HVA nicht eben erfolgreich – gedachte die nun entstandene desolate Situation des DDR-Spionagedienstes zu nutzen, um einige sp&#228;te Siege zu erringen.</p>
<p>Aber jener »Kluge« hatte mit seinem Gespr&#228;chspartner weitaus mehr gemein, als man angesichts dieser Zielstellung vermuten k&#246;nnte. Er hie&#223; n&#228;mlich mit b&#252;rgerlichem Namen Klaus Kuron un d war &#8230; Mitarbeiter der BfV-Abteilung IV, zust&#228;ndig f&#252;r die F&#252;hrung von Doppelagenten, der bereits seit acht Jahren f&#252;r die HVA spionierte. Seine Stellung im Amt hatte ihm jetzt diese Aufgabe beschert, denn er war nat&#252;rlich pr&#228;destiniert f&#252;r die Betreuung der &#220;berl&#228;ufer aus der HVA. So redete er nicht lange drumherum, bot stattdessen »Kopfgelder« f&#252;r jede wichtige Quelle in f&#252;nfstelligen D-Mark-Betr&#228;gen. Er war eben ein Profi, der seinen Job verstand.</p>
<p>Hernach jedoch landeten seine Berichte nicht nur auf dem Schreibtisch seines Chefs in K&#246;ln, sondern noch bis weit ins Jahr 1990 hinein ebenfalls in Ostberliner Amtsstuben, konkret denen des HVA-Chefaufl&#246;sers Bernd Fischer und seiner Leute.</p>
<p>Seit dem Herbst 1989 war jedoch auch f&#252;r Klaus Kuron eine Wende eingetreten. Pl&#246;tzlich waren – wenn auch ohne eigenes Zutun – seine eigentlichen Dienstherren die Sieger, und sein Nebenjob stellte eine t&#246;dliche Gefahr dar.</p>
<p>Das Beispiel zeigt, wie vielf&#228;ltig und kompliziert die Hinterlassenschaft war, die nach dem Ende der HVA zur&#252;ckblieb. Auf der einen Seite Tausende Mitarbeiter in der Berliner Zentrale und ihren zahlreichen Au&#223;enstellen, in den Bezirksverwaltungen, wo jeweils die Abteilung XV f&#252;r die Spionage zust&#228;ndig war, und auch in den Kreisdienststellen. Andererseits eine bislang unbekannte Zahl von Aufkl&#228;rern und Sp&#228;hern im Operationsgebiet, dessen Schwerpunkt in der Bundesrepublik Deutschland lag, das sich aber allm&#228;hlich auf beinahe die ganze Welt ausgedehnt hatte.. Da es f&#252;r diese Personen keine zentrale Registratur gab, sondern jede Abteilung sie selbst&#228;ndig f&#252;hrte, wird ihre Zahl auch im nachhinein nicht mehr zu ermitteln sein.</p>
<p>Von den hauptamtlichen Mitarbeitern waren bis Mitte Januar erst etwas mehr als 15 Prozent entlassen, zum Teil auf eigenen Wunsch, zum Teil, um den immer dr&#228;ngenderen Forderungen nach Reduzierung des Personalbestandes Rechnung zu tragen. Was aber sollte mit den vielen Tausenden von inoffiziellen Mitarbeitern in der BRD, im Ausland und nicht zuletzt in der DDR geschehen?</p>
<p>Von den toten Gegenst&#228;nden hatte man sich noch relativ leicht trennen k&#246;nnen. Neben dem weitl&#228;ufigen Geb&#228;ude an der Ecke Frankfurter Allee/Ruschestra&#223;e verf&#252;gte die HVA allein in Berlin &#252;ber Hunderte Objekte verschiedenster Art, nicht gerechnet die etwa gleiche Zahl von »konspirativen Wohnungen«, in denen sich die F&#252;hrungsoffiziere mit ihren IM trafen und wo immer wieder die Verwandlung eines unauff&#228;lligen DDR-B&#252;rgers in einen »K&#228;mpfer an der unsichtbaren Front«, also einen Instrukteur, einen Werber, einen Kurier im weitl&#228;ufigen Operationsgebiet stattfand. Neben diesen Wohnungen, &#252;berall im Stadtgebiet verstreut, existierten etliche Villen im Berliner Umland, meist komfortabel ausgebaut, in denen h&#228;ufig Treffen mit den Quellen aus dem Operationsgebiet stattfanden, die nicht selten in Feiern endeten. Solche Objekte konnte man in Karolinenhof und Schildow, in Wandlitz und Zeuthen finden. Schlie&#223;lich hatten sich der Leiter der HVA, seine Stellvertreter und einige besonders ehrgeizige Abteilungsleiter exquisite H&#228;user in attraktiven Gegenden der DDR, zum Beispiel auf dem Wei&#223;en Hirsch in Dresden, in Radebeul, Saalburg und anderswo, ausbauen lassen. Hier empfingen sie Kundschafter oder hielten Beratungen mit ihren Kollegen aus dem Ausland ab.</p>
<p>Zur Ausstattung der HVA geh&#246;rten auch 700 Kraftfahrzeuge, davon 400 bis 500 Pkw, eine im Aufbau befindliche Computeranlage im Stadtbezirk Hohensch&#246;nhausen, ein gro&#223;es Fotolabor, technische Werkst&#228;tten zur Herstellung falscher Papiere, von »Containern« zum Materialtransport und anderer Spionagewerkzeuge. Sie verf&#252;gte &#252;ber Ferieneinrichtungen in und um Berlin sowie in allen Bezirken der DDR, die in der Regel zugleich als Ausweichobjekte f&#252;r den Ernstfall eines Krieges dienen sollten.</p>
<p>Vor allein aber befanden sich in der HVA ungeheuere Aktenbest&#228;nde. Sie setzten sich aus den &#252;ber fast vierzig Jahre beschafften Informationen, den Angaben &#252;ber Personen und Objekte und den zahlreichen Weisungen und administrativen Papieren zusammen, die in solch einem b&#252;rokratischen Apparat anfallen. Die Mehrzahl der Informationen war bereits in den Jahren zuvor auf Mikrofiches verfilmt worden; ihr Volumen hielt sich in Grenzen. In den Panzerschr&#228;nken der von der HVA-Mitarbeitern verlassenen Dienstr&#228;ume befand sich aber soviel Material, dass damit sp&#228;ter etwa 100..LKW beladen, werden konnten.</p>
<p>Ende Januar und den ganzen Februar 1990 &#252;ber sammelten mit Zustimmung des B&#252;rgerkomitees kleine Gruppen von HVA-Mitarbeitern das gesamte Schriftgut und konzentrierten es in wenigen R&#228;umen. Gleichzeitig begann die Vernichtung, wobei davon auszugehen ist, dass zuerst besonders brisante Akten in den Rei&#223;wolf kamen. Dazu geh&#246;rten die Unterlagen &#252;ber Spione im Operationsgebiet, dazu geh&#246;rten Weisungen und Befehle, aus denen auf Schwerpunkt-Standorte geschlossen werden konnte, dazu geh&#246;rten aber auch all jene Papiere, die Aufschluss &#252;ber die Zusammenarbeit von Aufkl&#228;rung und Abwehr gaben. Den ganzen Tag &#252;ber – und auch nachts bei verdunkelten Fenstern – wurde das Papier zerschnipselt, verkollert, in S&#228;cken eingelagert. Der Abtransport war damals noch nicht m&#246;glich, so dass schlie&#223;lich die Papiers&#228;cke bis zur Decke stapelten. Die Mikrofiches wurden verbrannt. Als weitaus schwieriger erwies sich, die personellen Probleme zu l&#246;sen. Ging es doch dabei nicht nur um die Bereinigung konspirativer Vorg&#228;nge in der DDR, sondern vor allem um die ger&#228;uschlose, unauff&#228;llige Aufl&#246;sung der vielf&#228;ltigen Verbindungen ins Operationsgebiet. Als erstes wurden die Karteikarten der HVA aus der zentralen Registratur der Abteilung XII des MfS abgezogen. In dieser Abteilung waren s&#228;mtliche Personen festgehalten, die in irgendeiner Weise mit dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit zu tun hatten – ob als T&#228;ter, wie auch immer, oder als Opfer. Die Abteilung XII gab auf der Basis der bei ihr gespeicherten Grunddaten einen ersten Hinweis, wie eine angefragte Person einzusch&#228;tzen sei &#8211; wie sich oftmals zeigte, zu undifferenziert und holzschnittartig. Heute verf&#252;gt die Gauck-Beh&#246;rde &#252;ber die Karteikarten der Abteilung XII und wertet oftmals auf der Grundlage dieser unzureichenden Daten &#8230;</p>
<p>Die Sicherstellung der Personaldaten war nur der Anfang; vieles andere war zu bedenken – und dieser komplizierte Prozess konnte mit dem schnellen Ablauf der Aufl&#246;sung nicht Schritt halten. Daher vereinbarten die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches und die Reste der HVA die Auslagerung der Materialien der Aufkl&#228;rung an einen anderen Ort. Die Arbeitsgruppe Sicherheit beschloss am 23. Februar 1990, dass die HVA-Unterlagen in der ersten M&#228;rzdekade in das Objekt Roedernstra&#223;e 30, wo sich bislang Werkst&#228;tten befunden hatten, gebracht und dort von etwa 200 Mitarbeitern endg&#252;ltig aufgel&#246;st werden. Bis zum 15. M&#228;rz war die Normannenstra&#223;e zu verlassen, zum gleichen Zeitraum auch die Schule der HVA, erst vor etwa anderthalb Jahren bezogen, zu r&#228;umen. Der Umzug verlief unter der wachsamen Kontrolle der B&#252;rgerbewegung und der Kirche. Jeder Transport wurde von zwei Kirchenvertretern begleitet, die auch Stichproben machten. Von der Roedernstra&#223;e aus wurde dann die totale Vernichtung der HVA-Akten organisiert. Das geschah ebenfalls unter den Augen der B&#252;rgerkomitees und ihrer Aufl&#246;sungsgremien; die dazu ihre volle Zustimmung gaben. Sie lie&#223;en sich davon &#252;berzeugen, dass sowohl das operative Netz in der Bundesrepublik als auch das Hilfs-Netz in der DDR vor unbefugtem Zugriff zu sch&#252;tzen seien. Sicher sind dabei auch Unterlagen vernichtet worden, die f&#252;r eine historisch wahrhaftige Aufarbeitung des Kapitels Staatssicherheit von Wert gewesen w&#228;ren, und mancher hat gewiss Papiere beiseite gebracht, die er ungern in den H&#228;nden der B&#252;rgerrechtler gesehen h&#228;tte, zum Beispiel sie betreffende Dossiers f&#252;r die Abwehr. Wie sich seit Anfang 1992 zeigte, ohne gro&#223;en Nutzen, denn nat&#252;rlich waren die von der HVA zum Beispiel an die Hauptabteilung XX gegangenen Berichte in deren Hinterlassenschaft aufzufinden. Das k&#246;nnte helfen, Umfang wie Sto&#223;richtung dieses Teils der T&#228;tigkeit der HVA weitgehend zu rekonstruieren.</p>
<p>Ungeachtet dessen d&#252;rfte aber die weitere Entwicklung auch gezeigt haben, wie richtig die Entscheidung zur Vernichtung der HVA-Akten im Grundsatz war. Denn es ist ziemlich sicher, dass diese hochbrisanten Papiere s&#228;mtlich – und wahrscheinlich ausschlie&#223;lich – den Geheimdiensten zug&#228;nglich gemacht worden w&#228;ren; das seit 1. Januar 1992 geltende Stasi-Akten-Gesetz bot daf&#252;r gen&#252;gend Handhabe. Jene Materialien jedenfalls, die die HVA-Aufl&#246;ser – dem Beschluss des Runden Tisches folgend – f&#252;r eine zentrale Archivierung zur Verf&#252;gung stellten und die im Juni 1990 von Vertretern des B&#252;rgerkomitees, darunter der damalige Sprecher der Gauck-Beh&#246;rde, David Gill, gesichtet wurden, sind bisher der &#214;ffentlichkeit nicht zug&#228;nglich.</p>
<p>Es handelt sich dabei um ganze Jahrg&#228;nge von Ausgangsinformationen der Auswertungsabteilung der HVA, die sich mit den politischen, milit&#228;rischen und &#246;konomischen Vorg&#228;ngen in der Bundesrepublik und anderen beobachteten L&#228;ndern befassten. Aus den Best&#228;nden der fr&#252;heren Abteilung IX wurden Analysen zur Struktur und Arbeitsweise des Bundesnachrichtendienstes, die komplette Kartei der hauptamtlichen BND-Mitarbeiter sowie Dossiers &#252;ber eine gr&#246;&#223;ere Anzahl von ihnen &#252;bergeben, weiter Materialsammlungen &#252;ber das Bundesamt und die Landes&#228;mter f&#252;r Verfassungsschutz sowie Dossiers &#252;ber deren Mitarbeiter, schlie&#223;lich eine Aufstellung der Bediensteten des Milit&#228;rischen Abschirmdienstes (MAD). Auch Unterlagen &#252;ber den CIA – so die wichtigsten zentralen Richtlinien f&#252;r die Organisierung einer weltweiten Spionage, f&#252;r die elektronische &#220;berwachung, eine Kartei mit Angaben &#252;ber alle Dienststellen des USA-Geheimdienstes in der damaligen Bundesrepublik und West-Berlin, aber auch die komplette Dokumentation des Vorgangs »Ronny« – befanden sich seitdem beim Aufl&#246;sungskomitee und sind jetzt wohl beim »Bundesbeauftragten f&#252;r die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik« archiviert. Gleiches gilt f&#252;r Analysen &#252;ber Struktur und Arbeitsweise der Geheimdienste aller anderen NATO-Staaten sowie weiterer europ&#228;ischer L&#228;nder.</p>
<p>Die genannten Materialien wurden in einer spektakul&#228;ren Aktion -. unter dem Begleitschutz mehrerer Funkstreifenwagen – in den Archivtrakt der Normannenstra&#223;e &#252;berf&#252;hrt. Wo sind sie jetzt?</p>
<p>Die restlose Beseitigung der &#252;brigen Unterlagen erwies sich als ein hartes St&#252;ck Arbeit. Fast unaufh&#246;rlich rollten die Lkw zur Papierm&#252;hle in der Orloppstra&#223;e. Im Westteil Berlins mussten gr&#246;&#223;ere Posten von Papier- und Plastes&#228;cken eingekauft werden; dazu B&#252;ro-Rei&#223;w&#246;lfe zur Zerkleinerung der Akten. Ein letztes Mal bereitete die »Tonnen-Ideologie«, die Manie, &#252;ber jedes Detail ein Papier anzulegen, den Aufkl&#228;rern Verdruss. Schon wenn erste Kontakte mit einem ins Auge gefassten IM sich als vielversprechend erwiesen und ihre Fortsetzung beschlossen wurde, bekam er einen Aktenvorgang, registriert mit einem Decknamen. Der »Kandidat« entwickelte sich mehr oder minder gut – aber auch dann, wenn sich aus ihm nichts machen lie&#223;, wurde der Vorgang archiviert. All diese Unterlagen fanden sich nun in den Stahlschr&#228;nken der Mitarbeiter, zum Teil vergilbte und staubige Schnellhefter mit Namen, deren Tr&#228;ger in der operativen Arbeit der HVA nie eine Rolle gespielt hatten. Dazu kamen massenhaft Weisungen, Ordnungen, Vorschriften, Dienst- und Belehrungsb&#252;cher aus Jahrzehnten, Parteimaterialien und all das Papier, das man sich nicht wegzuwerfen getraute, weil es vielleicht noch einmal zu brauchen war.</p>
<p>Au&#223;erhalb der HVA waren s&#228;mtliche »konspirativen Wohnungen« aufzul&#246;sen, musste ihr Personal entlassen werden. Die materiellen Werte gelangten teilweise zum Verkauf, teilweise wurden sie auch kostenlos weitergegeben, so an die Hohensch&#246;nhausener Pfarrgemeinden, die f&#252;r manches Verwendung fanden.</p>
<p>Von besonderer Brisanz war der Umgang mit den Finanzmitteln. Bereits im November 1989 war die Finanzplanung 1990 vorbereitet worden; dabei sollte das »Anlegen zentraler operative Finanzreserven« gepr&#252;ft werden. Ein Teil dieser Mittel wurde f&#252;r die Abwicklung der im Aufl&#246;sungsprozess unumg&#228;nglichen operativen Ma&#223;nahmen ben&#246;tigt; so gab Klaus Kuron im Prozess gegen ihn an, noch im Fr&#252;hjahr 1990 f&#252;r seine Informationen knapp 60.000 D-Mark erhalten zu haben. &#220;ber den Verbleib der restlichen Gelder ist bisher zuverl&#228;ssig nichts bekannt.</p>
<p>Parallel zur Vernichtung der Akten und der »Abwicklung« der materiellen und finanziellen G&#252;ter begann die Herausl&#246;sung der Menschen aus dem Apparat der HVA. Dabei war die Entlassung der hauptamtlichen Mitarbeiter noch die einfachere Aufgabe – ganz im Unterschied zur Trennung von den Spionen im Operationsgebiet. Diese hatten auf ihr weiteres Schicksal zumeist keinen Einfluss, fragten sich aber gerade deshalb wohl oft bange: »Wer wird wie mit mir verfahren?« Begonnen wurde mit den Meldeakten in der DDR. Die als Methode von der HVA angewandte »&#220;bersiedelung« von Agenten hatte es mit sich gebracht, dass einige fr&#252;here DDR-B&#252;rger &#252;ber eine Zweitidentit&#228;t in der Bundesrepublik verf&#252;gten, die nun ohne Gef&#228;hrdung der Betreffenden nicht mehr aufgegeben werden konnte. Daher war es notwendig, deren Daten aus den DDR-Speichern zu tilgen.</p>
<p>Vereinzelt kamen auch DDR-B&#252;rger zweimal in den Meldekarteien vor. Bei der Bereinigung dieser F&#228;lle zeigte sich das Ministerium des Innern sehr kooperativ – sowohl Minister Peter-Michael Diestel als auch Vertraute der HVA in den Datenspeichern und bei den Meldekarteien.</p>
<p>Bereits Ende 1989 waren alle unwichtigen Treffs abgesagt worden, wurden Quellen des Operationsgebietes, die von minderer Bedeutung waren, »abgeschaltet«. Sie erhielten auf den festgelegten Verbindungswegen, oft &#252;ber Funk, die Mitteilung, dass die Zusammenarbeit beendet wird und alle operativen Materialien r&#252;ckstandslos zu beseitigen sind. Dar&#252;ber bestand im damaligen Amt f&#252;r Nationale Sicherheit wie auch im sp&#228;teren Aufl&#246;sungskomitee Konsens. Unterschiedlich waren die Meinungen jedoch, wenn &#252;ber die Spitzenquellen der HVA nachgedacht wurde. Im Herbst 1989 waren viele Aufkl&#228;rer noch davon &#252;berzeugt, dass es ein »Leben nach dem Tode« geben k&#246;nne. In einem Dokument der HVA vom 22. November hie&#223; es: »Mit dem Ziel der langfristigen Sicherung der wichtigsten Quellen &#8230; sind Vorschl&#228;ge zur Beendigung der Zusammenarbeit, Konservierung, Ver&#228;nderung der operativen Aufgabenstellung sowie zur langfristigen Sicherung der Funktionsf&#228;higkeit zu unterbreiten.« F&#252;r alle IM-Kategorien wurden konkrete Anregungen unterbreitet, bis hin zum schnellen Einstellen auf die ver&#228;nderten Bedingungen: »Neue M&#246;glichkeiten, die sich aus den aktuellen gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen in der DDR ergeben, sind kurzfristig auf ihre Anwendbarkeit und Wirksamkeit zu pr&#252;fen.«</p>
<p>Im Januar und Februar 1990 waren solche Pl&#228;ne schon zur Illusion geworden. Dennoch wurde &#252;ber M&#246;glichkeiten nachgegr&#252;belt, wie das Faustpfand, das die verbliebene HVA-F&#252;hrung mit dem operativen Netz im Westen besa&#223;, genutzt werden k&#246;nne. Daf&#252;r gab es verschiedene Modelle. Solange die DDR bestand und mit ihr die Nationale Volksarmee, die auch unter der Regie von Minister Rainer Eppelmann zun&#228;chst &#252;ber die Fortsetzung der konspirativen Milit&#228;raufkl&#228;rung nachdachte, ehe diese sp&#228;ter ohne viel Aufsehen verschwand, war eine der M&#246;glichkeiten, dass zumindest geeignete Quellen an sie &#252;bergeben wurden. Doch die NVA f&#252;rchtete, dass der schlechte Ruf der HVA als eines Bestandteils der Stasi ihr schaden k&#246;nne; sie winkte beizeiten ab.</p>
<p>Dann war da nat&#252;rlich die naheliegende Variante, das HVA-Netz zur G&#228;nze oder zumindest in gro&#223;en Teilen dem Komitee f&#252;r Staatssicherheit der UdSSR zu &#252;bergeben. Markus Wolf selbst schien &#252;ber diese M&#246;glichkeit, bot sich – geht man von einigen seiner &#196;u&#223;erungen in jener Zeit aus – nachgedacht zu haben, und von seiner Vita her bot er sich als Vermittler geradezu an. Auch bei einzelnen Vertretern der HVA-Aufl&#246;sungsgruppe war eine entsprechende Bereitschaft vorhanden – und das traf sich mit den Absichten der KGB-Residentur in Berlin-Karlshorst. Diese erhoffte sich von der &#220;bernahme ehemaliger HVA-Quellen eine Verbesserung der eigenen M&#246;glichkeiten, hatte sie sich doch schon in der Vergangenheit ab und zu mit den fremden Federn ihrer »tschekistischen Kampfgef&#228;hrten« in der DDR geschm&#252;ckt.</p>
<p>Wenn es schlie&#223;lich doch nicht zu einer solchen &#220;bergabe kam, dann zum einen wegen der z&#246;gernden Haltung der KGB-Zentrale in Moskau und zum anderen, weil die Ex-Chefs der HVA eine gewisse Eigenst&#228;ndigkeit wahren wollten. Moskau war zur&#252;ckhaltend, weil es davon ausgehen musste, dass jede der &#252;bergebenen Quellen wenigstens einem halben Dutzend ehemaliger DDR-Aufkl&#228;rer bekannt war und damit als unzureichend konspiriert ein st&#228;ndiges Risiko darstellte. Au&#223;erdem d&#252;rfte die j&#228;he Wendung, die ihr Leben – und das gilt f&#252;r Spione wie f&#252;r ihre F&#252;hrungsoffiziere gleicherma&#223;en – durch den Zusammenbruch der DDR und des Sozialismus erfahren hatte, kaum ein Anreiz gewesen sein, auf diesem gef&#228;hrlichen Grund weiter zu agieren. Wolf hat insofern recht, wenn er das HVA-Netz »einen demotivierten, deprimierten Haufen« nennt, den ein weitsichtiger Geheimdienstchef kaum &#252;bernehmen w&#252;rde.</p>
<p>Und dennoch hat es solche Bem&#252;hungen gegeben, die allerdings zus&#228;tzlich dadurch erschwert wurden, dass die HVA-F&#252;hrung sie unter Kontrolle halten wollte.Diese f&#252;hrte zwar mit ihren Spitzen-Aufkl&#228;rern im ersten Halbjahr 1990 letztmalige Treffs durch, bei denen Einzelheiten f&#252;r ihr »Untertauchen« er&#246;rtert wurden – einschlie&#223;lich der M&#246;glichkeit einer Reaktivierung zu gegebener Zeit. Die dabei getroffenen Festlegungen enthielten auch die in der Geheimdienstarbeit &#252;bliche Verhaltensma&#223;regel, auf Kontaktversuche anderer als der vereinbarten Personen nicht einzugehen. So war ein Verbindungsaufnahme seitens des KGB nur &#252;ber die Vertrauenspersonen der Quellen m&#246;glich – ein angesichts der Dekonspirierung aller HVA-Mitarbeiter &#228;u&#223;erst riskantes Unterfangen. Im Prozess gegen den Ingenieur Anton Steppan – eine Quelle, die auf dem R&#252;stungssektor der Bundesrepublik arbeitete – wurde mitgeteilt, dass Anfang Januar ein KGB-General versucht haben soll, Steppans F&#252;hrungsoffizier auf eine &#220;bergabe des Spions anzusprechen. Der HVA-Mitarbeiter informierte jedoch den Verfassungsschutz.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen ist eine erfolgversprechende Geheimdienstarbeit kaum zu leisten; die gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Warnungen vor einer &#220;bernahme von HVA-Kundschaftern durch den KGB in Gr&#246;&#223;enordnungen entlarven sich so als eine aktive Ma&#223;nahme zur Verunsicherung der eigenen Bev&#246;lkerung, als Versuch, auf diese Weise die Daseinsberechtigung bundesdeutscher Geheimdienste weit in die Zukunft hinein zu belegen. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, der selbst durch seine &#196;u&#223;erungen dabei mitwirkt, kann zwar kaum Beweise nennen, daf&#252;r aber umso mehr Vermutungen: »Das liegt doch sehr nahe, weil KGB und MfS sehr eng zusammengearbeitet haben, das MfS ein Kind des KGB ist und die internationale Solidarit&#228;t auch zur engeren Zusammenarbeit verpflichtet. Die Gefahr ist sehr deutlich.« Mehr hat er bis heute nicht ans Licht gebracht, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass es gewiss Einzelf&#228;lle gibt, wo der eine oder andere Kundschafter tats&#228;chlich einen neuen Herrn gesucht und gefunden hat . Doch nicht einmal diese werden genannt, vielleicht deshalb, weil sie – wie noch darzustellen sein wird – teilweise vom Verfassungsschutz provoziert wurden.</p>
<p>Eine dritte Variante des Umgangs mit dem brachliegenden Spionagenetz war der fr&#252;hzeitige &#220;bergang auf die andere Seite, die Kooperation mit dem bisherigen Gegner. Einige entschieden das f&#252;r sich pers&#246;nlich, andere wollten auf diese Weise die HVA als Ganzes &#252;bergeben &#8211; nicht zur Fortsetzung geheimdienstlicher Arbeit, sondern zu ihrer geregelten Beendigung. Die Vorstellung war, einerseits alle bisherigen HVA-Angeh&#246;rigen von ihrer gegen&#252;ber der DDR geleisteten Verpflichtung zu entbinden und gleichzeitig zu verpflichten, keinerlei riachrichtendienstliche Handlungen mehr zu unternehmen – ganz gleich f&#252;r wen. Die gleiche Verpflichtung sollten alle Quellen im Operationsgebiet gegen&#252;ber dem Aufl&#246;sungskomitee abgeben. Als Gegenleistung h&#228;tte die Bundesregierung einen Verzicht auf Strafverfolgung unter der Voraussetzung aussprechen sollen, dass sich die Aufkl&#228;rer in Ost wie West daran halten. Derart abgesichert, h&#228;tten den bundesdeutschen Organen die Namen der Ex-Spione offenbart werden k&#246;nnen, um ihr die Kontrolle der Vereinbarung zu erm&#246;glichen.</p>
<p>Diese &#220;berlegungen fanden auf beiden Seiten wenig Gegenliebe. Bei der Rest-Truppe der HVA spukte noch immer die Hoffnung auf Fortsetzung der Arbeit herum; nicht zuletzt deshalb wurde verf&#252;gt, dass ins Aufl&#246;sungskomitee niemand eingestellt werden d&#252;rfe, der f&#252;r diesen in der Zukunft liegenden Fall als F&#252;hrungsoffizier ins Operationsgebiet in Frage kam. Dies dr&#228;ngte hochkar&#228;tige Aufkl&#228;rer der HVA befristet in eine neue Konspiration, anstatt ihnen die M&#246;glichkeit zu geben, sich sofort von ihrem gescheiterten Spionage-Job zu trennen.</p>
<p>Aber auch auf der anderen Seite konnte man sich von den alten Feindbildern nicht l&#246;sen. Zwar bef&#252;rworteten weitsichtige Politiker wie der damalige Innenminister Sch&#228;uble, sein Kollege im Justizressort, Kinkel, damals aber auch noch Generalbundesanwalt von Stahl und der jetzige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Werthebach, seinerzeit Berater f&#252;r Geheimdienstfragen bei DDR-Innenminister Diestel, eine Amnestie f&#252;r die HVA-Mitarbeiter und eventuell auch f&#252;r ihre westlichen Quellen, wenn dadurch die innere Sicherheit der Bundesrepublik gef&#246;rdert werden k&#246;nne. In einem Gesetzentwurf der Bundesregierung vom Sommer 1990 hie&#223; es: »Mit dem Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten hat die gegenseitige nachrichtendienstliche Aufkl&#228;rung aufgeh&#246;rt. Sie war stark gepr&#228;gt von der Teilung Deutschlands und der Frontstellung der beiden deutschen Staaten. F&#252;r den Rechtsfrieden und damit f&#252;r die Zukunft des geteilten Deutschlands erscheint es sinnvoll, unter die damit verbundenen Straftaten einen befriedenden Schlussstrich zu ziehen und mit Wirksamwerden des Beitritts in begrenzter Weise Straffreiheit zu gew&#228;hren.«</p>
<p>Die Autoren dieses Entwurfs ber&#252;cksichtigten dabei, dass nat&#252;rlich auch seitens der Bundesrepublik Spionage gegen die DDR stattgefunden hatte. So f&#252;hrte der BND nach Presseberichten 500 Agenten im Osten Deutschlands, darunter hohe Offiziere der Staatssicherheit ebenso wie einen stellvertretenden Minister und andere f&#252;hrende Vertreter des Staatsapparates. Sie bleiben straflos, und Juristen – wie der Rechtanwalt Gunter Widmaier aus M&#252;nchen – monieren, »dass die selbstverst&#228;ndliche und rechtm&#228;&#223;ige Befreiung der Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes von jeder strafrechtlichen Behandlung wegen ihrer fr&#252;heren Spionaget&#228;tigkeit gegen die DDR nicht in derselben Weise auch auf die Mitarbeiter der HVA des MfS wegen deren fr&#252;herer Spionage gegen die Bundesrepublik ausgedehnt worden ist.«</p>
<p>Dies gelang damals, als daf&#252;r noch Zeit war, nicht weil sowohl die CSU als Koalitionspartner als auch die SPD-Opposition lehnten aus ideologischen Erw&#228;gungen eine solche faktische Amnestie ablehnten. Sie provozierten damit die betr&#228;chtlichen juristischen Probleme, die heute jedes der angestrengten Strafverfahren begleiten und auf die noch einzugehen sein wird. Seinerzeit f&#252;hrte das Verhalten der BRD-Beh&#246;rden zu einer Verunsicherung der kooperationswilligen Mitarbeiter der DDR-Aufkl&#228;rung. Sie wurden hingehalten und immer wieder aufgefordert, ihr Wissen ohne eine f&#246;rmliche Vereinbarung zu offenbaren. Lediglich sie selbst sollten nat&#252;rlich davon profitieren – sei es durch die Zusage von Straffreiheit, sei es durch betr&#228;chtliche Geldzuwendungen, Ein stellvertretender Abteilungsleiter der Milit&#228;raufkl&#228;rung bekam f&#252;r jede enttarnte Quelle 25.000 Mark geboten; dem Leiter der die USA bearbeitenden Abteilung wurden nach eigenen Angaben sogar eine Million Dollar in Aussicht gestellt, wenn er sein gesamtes Netz komplett &#252;berg&#228;be. Solche Angebote erfolgten nat&#252;rlich ohne Zeugen; dass es sie gab, beweisen jedoch die inzwischen namhaft gemachten &#220;berl&#228;ufer der HVA.</p>
<p>Bei ihrem Vorgehen zogen die westlichen Abwehrorgane die unterschiedlichen Positionen unter den ehemaligen HVA-Mitarbeitern ins Kalk&#252;l und versuchten, daraus maximalen Gewinn zu ziehen. Sie konfrontierten die Aussagen einzelner F&#252;hrungsoffiziere miteinander, pokerten mitunter auch mit Behauptungen, die Verunsicherung und Misstrauen schaffen sollten. Fakten und Erfindungen wurden gemischt, insbesondere Vorgesetzte immer wieder als angebliche Informanten genannt. Nat&#252;rlich hielten die Ermittler die Namen der &#220;berl&#228;ufer so lange wie m&#246;glich geheim. Das erm&#246;glichte ihnen, Enttarnungen nach Bedarf anderen HVA-Vertretern anzulasten. Erst allm&#228;hlich sickerte durch, wer jeweils dahinter steckte; dazu trug Kuron mit seinen Informationen bei. Dennoch setzten die Ermittlungsbeh&#246;rden diese Methode weiter ein und verd&#228;chtigten zum Beispiel noch nach dem Spuhler-Prozess den Gegenspionage-Chef Harry Sch&#252;tt der Kollaboration. So begr&#252;ndete Generalbundesanwalt von Stahl das relativ milde Bew&#228;hrungsurteil von zwei Jahren gegen Sch&#252;tt damit, dass er sich sehr kooperativ gezeigt und »in sehr gro&#223;em Umfang an der Schadensbegrenzung mitgewirkt h&#228;tte«.</p>
<p>Trotz aller Bem&#252;hungen blieb jedoch die Ausbeute solcher Operationen begrenzt. Gemessen an der gro&#223;en Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter der HVA ist die der Abtr&#252;nnigen gering, was nicht hei&#223;t, dass diese mit ihrem Wissen nicht wichtige Quellen enttarnen konnten.</p>
<p>Bisher betraf das vor allem Spione der Abteilung IX, an denen die bundesdeutschen Geheimdienste naturgem&#228;&#223; auch das gr&#246;&#223;te Interesse haben. Bereits 1989 lief ein Mitarbeiter der Fotostelle der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung zum BND &#252;ber. Er war wegen Sicherheitsbedenken, die in seiner Person lagen, aus dem MfS entlassen worden und hatte damals Kopien von den Original-Mikrofilmen aus dem BND und dem BfV mitgenommen. Sie enthielten weitaus mehr Hinweise auf die Quelle als die sp&#228;ter der Auswertung &#252;bergebenen, teilretuschierten Kopien. Die Sache wurde zwar bekannt, und der Mann wurde festgenommen, kam jedoch bei einer der ersten Amnestien nach der Wende wieder frei und offenbarte sich nun den Diensten der Bundesrepublik. So erhielt der Verfassungsschutz zum Beispiel erste Hinweise auf die Gebr&#252;der Spuhler. Durch weitere &#220;berl&#228;ufer konnten sie sp&#228;ter verifiziert werden. Zu ihnen geh&#246;rte der schon genannte Oberst Busch, aber auch Oberst Werner Roitsch, stellvertretender Leiter der f&#252;r die Beobachtung des Sicherheitsregimes im Operationsgebiet zust&#228;ndigen Abteilung VI, vor allem jedoch Oberst Karl Gro&#223;mann, stellvertretender Abteilungsleiter in der Spionageabwehr der HVA.</p>
<p>Roitsch hatte seinen Coup mit gr&#246;&#223;ter Vorsicht und streng konspirativ vorbereitet und mag sich gewundert haben, dass er schon nach kurzer Zeit von seinen Kollegen in der Aufl&#246;sungsgruppe enttarnt wurde. Verantwortlich daf&#252;r war auch hier niemand anderer als Kuron. Bei ihm war der Vorgang Roitsch gelandet, und er hatte sofort die Roedernstra&#223;e informiert. Diese entlie&#223; den Oberst »wegen Verrats« am 15. April 1990 fristlos. Da er vor seiner T&#228;tigkeit in der Abteilung VI Referatsleiter in der den Bonner Regierungsapparat bearbeitenden Abteilung I gewesen war, kannte er einige der von dort aus gef&#252;hrten Spione und trug zu deren Enttarnung bei.</p>
<p>Noch gravierender war der &#220;bertritt Gro&#223;manns. Im Jahre 1977 kam der Namensvetter des sp&#228;teren HVA-Chefs mit seinem G&#246;nner Harry Sch&#252;tt, als dieser zum Leiter der Spionageabwehr der HVA berufen worden war, in die Abteilung IX und stieg dort zum stellvertretenden Abteilungsleiter mit Zust&#228;ndigkeit f&#252;r die illegale Linie A (im Unterschied zu der die HVA-Leute in den DDR-Botschaften betreuenden Linie B) auf. Er hatte seine F&#228;higkeiten als &#228;u&#223;erst phantasievoll und mit hohem Risiko arbeitender Geheimdienstmann bewiesen, diese Eigenschaften jedoch nicht selten auch f&#252;r die Befriedigung pers&#246;nlicher Bed&#252;rfnisse eingesetzt. Das schuf ihm immer wieder Probleme, aber seine Erfolge als Agentenf&#252;hrer veranlassten seine Chefs stets zu Nachsicht. Erst als er mit dem Sohn von Alexander Schalck-Golodkowski zusammen einige anr&#252;chige Gesch&#228;fte gemacht hatte, verlor er seinen Leitungsposten, wurde jedoch zum »Sonderoffizier« ernannt und konnte im Prinzip ungest&#246;rt weiterarbeiten. Der BND, der ihn schon lange im Visier und bereits vor Jahren einen Konteragenten auf seine Frau angesetzt hatte, wusste durch eigene Recherchen, aber wohl auch durch Schalck um diese Schw&#228;chen und z&#246;gerte nicht, Gro&#223;mann »umzudrehen«. Dieser lieferte dann nicht nur die letzten Beweise f&#252;r die Enttarnung der Gebr&#252;der Spuhler, sondern er gab auch die entscheidenden Hinweise auf die Ende 1991 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilte Gabriele Gast, die aus dem Bundesnachrichtendienst wichtige Analysen sowie die regelm&#228;&#223;igen Lageeinsch&#228;tzungen f&#252;r den Bundeskanzler verraten hatte. Andere ehemalige DDR-Spione in den bundesdeutschen Abwehrbeh&#246;rden haben ihm ebenfalls ihre Festnahme zu verdanken.</p>
<p>Karl Gro&#223;manns Aussagebereitschaft besiegelte schlie&#223;lich auch das Schicksal des wohl kaltbl&#252;tigsten HVA-Maulwurfs <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Kuron" target="_blank">Klaus Kuron</a>. Als das Ende der HVA offenkundig geworden war, beschoss er, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen zu bleiben, sondern weiter mitzumischen. Das Verh&#228;ngnis, so es denn kam, sollte ihn nicht unvorbereitet treffen. Und zun&#228;chst ging tats&#228;chlich alles gut. Er empfing die HVA-&#220;berl&#228;ufer, forschte sie aus und pr&#252;fte vor allem die Gefahr f&#252;r sich selbst. Seine Chefs erfuhren nur, was ihm nicht schaden konnte. Zugleich meldete er die Abtr&#252;nnigen ihrem ehemaligen Arbeitgeber, damit dieser ihn vor deren Mitteilsamkeit sch&#252;tzte. So erfuhren die HVA-Aufl&#246;ser aus erster Hand, was das BfV gegen die HVA plante, welche Offiziere &#252;bergelaufen waren, was sie ausgesagt hatten und welche sonstigen Angebote an den Verfassungsschutz gemacht worden waren. Kurons fortgesetzte Spionaget&#228;tigkeit f&#252;r die HVA half dieser betr&#228;chtlich dabei, Quellen im »Operationsgebiet BRD« systematisch abzuschalten und viele von ihnen aus der Gefahrenzone zu bringen. Der Verfassungssch&#252;tzer best&#228;rkte aber auf diese Weise auch die alte HVA-F&#252;hrung, gegen&#252;ber den Beh&#246;rden der Bundesrepublik sehr reserviert aufzutreten und M&#246;glichkeiten einer fr&#252;hzeitigen Bereinigung des deutsch-deutschen Spionagekapitels ungenutzt zu lassen. Seine Informationen erm&#246;glichten &#252;ber lange Zeit die Verunsicherung und damit die Disziplinierung solcher HVA-Mitarbeiter, die einen endg&#252;ltigen, aber zugleich verantwortbaren Schlussstrich unter ihre Vergangenheit ziehen wollten.</p>
<p>Wenige Tage nach dem Vollzug der deutschen Einheit aber bekommt Kuron Wind von jenem hochrangigen DDR-&#220;berl&#228;ufer, der jedoch – im Unterschied zu allen vorherigen – ihn und seine langj&#228;hrige Doppelkonspiration kennt – Karl Gro&#223;mann. Und er kann sich ausrechnen, wann er nun selbst an der Reihe ist. Jetzt tut er das, was er schon lange ins Kalk&#252;l gezogen hat – er tritt die Flucht nach vorn an. Nachdem die HVA verschwunden ist, so glaubt er, bleibt ihm nur noch der KGB. Schon zuvor hatte er einige Male versucht, diese Karte ins Spiel zu bringen. Aktenkundig ist dies im Fall des schon genannten Ingenieurs Steppan. Dessen F&#252;hrungsoffizier wurde von Kuron aufgefordert, auf das sowjetische Angebot einzugehen und den Mitarbeiter der Friedrichshafener Firma Motoren- und Turbinen-Union (MTU) f&#252;r den KGB arbeiten zu lassen – nat&#252;rlich unter seinen Augen. Jetzt stellte Kuron &#252;ber seinen fr&#252;heren F&#252;hrungsoffizier Stefan Engelmann einen Kontakt zur Karlshorster Dependance des sowjetischen Geheimdienstes her und versuchte zugleich, den Ex-Aufkl&#228;rer der DDR mit auf die Reise zu nehmen. Engelmann lehnte ab, und auch die KGB-Leute blieben reserviert. Sie boten Kuron zwar dir Ausschleusung aus Deutschland an und ein Refugium im weiten Sowjetland; mehr aber versprachen sie nicht. Das war dein Geheimdienstler aus Passion zu wenig. Er pokerte zum letzten Mal, machte sich auf den Weg zur&#252;ck und rief von unterwegs, aus einer Telefonzelle in K&#246;nigslutter, den Verfassungsschutz an. Er bot seiner Dienststelle die Aussicht auf eine Doppelagenten-Operation gegen den KGB und verlangte im Gegenzug Nachsicht gegen&#252;ber dem eigenen Doppelspiel. K&#246;ln lehnte ab; soviel Chuzpe war nie Sache des Amtes.</p>
<p>Unmittelbar nach dem 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Einheit, gingen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden und Geheimdienste in breiter Front gegen die ehemaligen Widersacher aus der HVA vor. Dabei interessierten weder Strukturen noch Arbeitsweisen; an eine inhaltliche Aufarbeitung der HVA-T&#228;tigkeit war nicht gedacht – h&#228;tte sie doch die ganz &#228;hnlichen Praktiken der westlichen Dienste all zu sehr ins Blickfeld ger&#252;ckt. Allein Namen waren gefragt – Namen der Top-Spione der DDR-Aufkl&#228;rung vor allem, aber auch die Personalien der sogenannten kleinen Fische. Nach lange vorbereiteten Listen begannen die Befragungen der F&#252;hrungsoffiziere, jedoch auch des sonstigen Personals der HVA, vom Auswerter &#252;ber den Verwalter einer »konspirativen Wohnung«, die Sekret&#228;rin, den Kraftfahrer, bis hin zum Fotolaboranten, der &#252;bermittelte Mikrofilme im Original gesehen hatte. Jedes St&#252;ck Papier, jede noch greifbare Karteikarte wurden ausgewertet. Aus vielen kleinen Bausteinchen sollten die Mosaiks zusammengesetzt werden, die schlie&#223;lich zum unsichtbaren Kundschafter f&#252;hren w&#252;rden.</p>
<p>Mit begrenztem Erfolg, denn die meisten Mitarbeiter der HVA erwiesen sich denn doch nicht als so skrupellos, dass sie – um den eigenen Kopf zu retten – ihre Quellen unverz&#252;glich preisgaben. Die ersten, au&#223;erordentlich harten Urteile gegen Aufkl&#228;rer aus dem Operationsgebiet taten ein &#252;briges. Wenn auch oft unterstellt, ist es f&#252;r viele F&#252;hrungsoffiziere nicht einerlei, dass Leute, die ihnen &#252;ber eine lange Zeit hinweg vertraut hatten, nun vielleicht mit ihrer Hilfe f&#252;r zehn Jahre hinter Gitter wandern. Hinzu kommt, dass die Offenbarung einer Quelle in aller Regel auch unvorhersehbare Konsequenzen f&#252;r deren pers&#246;nliches Umfeld, f&#252;r Verwandte, Bekannte und Arbeitskollegen haben kann. »Ich halte die Preisgabe von Personen, die sich mir anvertraut haben, von uns angehalten wurden, nachrichtendienstlich t&#228;tig zu werden, f&#252;r absolut verwerflich«, hatte Markus Wolf immer wieder &#246;ffentlich betont, und er sprach damit f&#252;r die &#252;bergro&#223;e Mehrzahl seiner fr&#252;heren Mitarbeiter. Wolf selbst war mit solchen Angeboten ebenfalls konfrontiert worden: »Im Beisein meiner Frau malten freundliche Herren von der anderen Seite angesichts des mir drohenden Haftbefehls unsere Zukunft in den d&#252;stersten Farben. Voller Respekt und Verst&#228;ndnis zeigten sie danach einen passablen Ausweg mit gesichertem Schutz und Wohlstand, nat&#252;rlich bei entsprechender Gegenleistung.« Auf diese Weise hatten die Bundesbeh&#246;rden die Chance verpasst, durch einen seri&#246;sen und emotionslosen Umgang mit diesem das ganze Deutschland betreffenden Erbe eine sachdienliche L&#246;sung zu finden. Nun, da mehr als tausend Ermittlungsverfahren laufen und die ersten Urteile gesprochen sind, ist eine restlose Aufkl&#228;rung in weite Ferne ger&#252;ckt.</p>
<p>Zu dieser Entwicklung trugen aber auch die fr&#252;heren Chefs der HVA und ihre Vertreter im Aufl&#246;sungsstab durch den illusion&#228;ren Glauben an eine wie auch immer geartete Weiterarbeit bei. Nachdem sie – wie dargestellt – im ersten Halbjahr 1990 alle diesbez&#252;glichen Bem&#252;hungen blockiert hatten, begriffen sie nach der deutschen Vereinigung endlich, dass ihre Hoffnungen auf Sand gebaut waren. Am 17. Januar 1991 wandten sich f&#252;nf Stasi-Generale, darunter der letzte HVA-Chef Werner Gro&#223;mann, an Innenminister Sch&#228;uble, um ihm nun selbst das Angebot zu machen, das sie im Jahr zuvor noch torpediert hatten. Nun erkl&#228;rten sie pl&#246;tzlich ihre »Bereitschaft zum Offenlegen von noch nicht enttarnten Quellen des MfS im Gebiet der ehemaligen BRD sowie im NATO-Bereich; zur Offenlegung der tats&#228;chlichen Zusammenh&#228;nge zu dem Komplex ›&#220;bergabe von Quellen an das KGB der UdSSR im Zusammenhang mit der Aufl&#246;sung des MfS‹; mitzuwirken an der realen Bewertung des Handelns von IM in der ehemaligen DDR; Zusammenh&#228;nge von operativen Vorg&#228;ngen und Aktionen des MfS aufzudecken, sofern daf&#252;r insbesondere im Zusammenhang mit Ma&#223;nahmen der Strafverfolgungsbeh&#246;rden sowie zur Rehabilitierung Betroffener Handlungsbedarf besteht; auf F&#252;hrungsoffiziere und andere Angeh&#246;rige Einfluss zu nehmen, sich in diesen Prozess einzubringen; Einfluss geltend zu machen, dass von den ehemaligen Angeh&#246;rigen des MfS keine rechtswidrigen Handlungen gegen den Bestand der Bundesrepublik Deutschland begangen werden«. Als Gegenleistung sollte die Bundesregierung »auf der Grundlage entsprechender Rechtsvorschriften den Weg f&#252;r eine Selbststellung unter Zusicherung der Straffreiheit« ebnen. Die F&#252;hrungsoffiziere, die ein Jahr zuvor auf Weisung ihrer ehemaligen Leiter mit den Quellen noch Kontaktwege f&#252;r eine sp&#228;tere Reaktivierung vereinbaren mussten, sollten diese nun nutzen, um die Spione zur Selbststellung zu bewegen.</p>
<p>Am 15. Februar 1991 fand dazu in Berlin ein geheimes Treffen statt, an dem der damalige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Boeden und sein designierter Nachfolger Werthebach teilnahmen. Im M&#228;rz, wurde der Vorgang &#246;ffentlich bekannt und sogleich als »Kuhhandel« abqualifiziert. W&#228;hrend sich das Innenministerium vorerst ausschwieg, dementierte HVA-Generaloberst Gro&#223;mann das Ganze, doch vier Wochen sp&#228;ter gab die Regierung die Begegnung zu. Die f&#252;nf Generale h&#228;tten ihre Vorstellungen und W&#252;nsche vorgetragen, die Verfassungssch&#252;tzer ihrerseits erneut auf bedingungslose Offenlegung der Quellen gedrungen. »Der Erwartungshaltung der ehemaligen Mitarbeiter des MfS konnte dabei nicht entsprochen werden«, hie&#223; es lakonisch aus dem Innenministerium. Dieser letzte und zu sp&#228;te Versuch, eine einvernehmliche L&#246;sung des Problems zu erreichen, war von vornherein zum Scheitern verurteiIt, denn die MfS-Generale hatten in v&#246;lliger Verkennung der Situation l&#228;ngst ihre Tr&#252;mpfe verspielt. Nun setzte die Bundesregierung auf die Ermittlungen des Staatsschutzes und auf die Gerichte; die ersten »Pilotverfahren« waren schon eingeleitet. Eine Koalition der Unvernunft – bestehend aus unbelehrbaren Stasi-F&#252;hrern auf der einen Seite und rachedurstigen Parteipolitikern andererseits – hatte Deutschland ein Problem beschert, das &#214;ffentlichkeit und Justiz noch einen langen Zeitraum besch&#228;ftigen wird, ohne je zu einem guten Ende zu kommen.</p>
<p>Zu den ersten, die das zu sp&#252;ren bekamen, geh&#246;rten diejenigen Spione, die in den vergangenen Jahren aus eigenem Antrieb oder auf Anraten der Zentrale aus dem Operationsgebiet in die DDR zur&#252;ckgekehrt waren, um sich dort der Strafverfolgung zu entziehen. In der DDR hatten sie vielf&#228;ltige Ehrungen erfahren und sich leidlich eingerichtet, wenn auch die wenigstens von ihnen gl&#252;cklich waren. Wer seine Strafe in der Bundesrepublik abgesessen hatte, wie die Guillaumes oder Lothar Lutze und Renate Wiegel, ging lediglich einiger Privilegien verlustig; wer jedoch f&#252;r die Strafverfolgsbeh&#246;rden ein noch ungekl&#228;rter Fall war, musste mit seiner Verhaftung rechnen. Das betraf von den bekannteren Kundschaftern <a href="http://www.spiegel.de/wikipedia/Hansjoachim_Tiedge.html" target="_blank">Hansjoachim Tiedge</a>, <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488895.html" target="_blank">Ursel Lorenzen </a>oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sonja_L%C3%BCneburg" target="_blank">Sonja L&#252;neburg</a>.</p>
<p>Tiedge setzte sich schon im Sommer 1990 in die Sowjetunion ab, muss aber f&#252;rchten, dass diese ihn irgendwann ausliefert. Ursel Lorenzen ist nach ihrer Verheiratung unter dem Namen ihres Mannes ebenfalls und wiederum auf der Flucht. Sie, die im NATO-Hauptquartier in Br&#252;ssel gearbeitet hatte, war 1979 in die DDR geflohen, da sie sich gef&#228;hrdet f&#252;hlte. Am 17. Januar 1980 pr&#228;sentierte sie auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin Dokumente, die die Bereitschaft der NATO zum Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg in Europa belegten. Die meisten der vorgelegten Geheimpapiere hatte sie gar nicht beschafft, sondern stammten aus anderen Quellen sowohl der HVA als auch des milit&#228;rischen Nachrichtendienstes der Nationalen Volksarmee, die bei der NATO t&#228;tig gewesen waren. Sie wurden vom damaligen Leiter des Instituts f&#252;r milit&#228;rpolitische Forschung bei der NVA, Oberst Charisius, pr&#228;sentiert, der sie zuvor mit dem f&#252;r die Auswertung der milit&#228;rpolitischen Informationen der HVA zust&#228;ndigen Oberst Busch ausgew&#228;hlt hatte. Nun aber wird Ursel Lorenzen durch ihr damaliges Auftreten schwer belastet; auf dieser Grundlage will ihr die Bundesanwaltschaft den Prozess machen. Sie irrt mit ihrem Mann durch diejenigen L&#228;nder Europas, die kein Auslieferungsabkommen mit der Bundesrepublik haben.</p>
<p>Noch schlimmer ist es Sonja L&#252;neburg ergangen. Die ehemalige Sekret&#228;rin des FDP-Bundestagsabgeordneten William Borm, die nach dessen Tod zum damaligen Generalsekret&#228;r der Liberalen, Martin Bangemann, &#252;berwechselte und diesem dann auch ins Wirtschaftsministerium folgte, hatte sich im August 1985 zu einer Wochenendreise abgemeldet und war nicht wieder aufgetaucht. Ermittlungen ergaben, dass sie unter einer Doppelg&#228;nger-Legende f&#252;r die HVA gearbeitet haben soll. Nach der Vereinigung Deutschlands wurde in einem &#246;stlichen Vorort Berlins die 64j&#228;hrige Johanna O. festgenommen, hinter der man Sonja L&#252;neburg vermutet.</p>
<p>Die Strafverfolgungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik konzentrieren gegenw&#228;rtig all ihre Kraft auf die juristische Abrechnung mit den ehemaligen Spionen der DDR. Sie bringen dazu nicht nur jene Agenten vor Gericht, die in j&#252;ngster Zeit enttarnt wurden, sondern eben auch sogenannte Altf&#228;lle, bei denen sich nach der Vereinigung pl&#246;tzlich doch noch die M&#246;glichkeit er&#246;ffnet, strafend t&#228;tig zu werden, auch wenn das offensichtlich keinen tieferen Sinn mehr hat. Au&#223;er Ursel Lorenzen und Sonja L&#252;neburg betrifft das auch Inge Goliath und andere. Bei einigen, die nach Verb&#252;&#223;ung ihrer Strafe in die DDR kamen und hier Vortr&#228;ge vor MfS-Angeh&#246;rigen hielten, schuf das einen neuen Straftatbestand der »Beihilfe zu geheimdienstlicher Agentent&#228;tigkeit«. Ihnen wurden zum Teil neue Verfahren angedroht, wie dem fr&#252;heren Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Grunert, der 1978 zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden und danach in die DDK &#252;bergesiedelt war. Von Anfang an wurden in die gerichtlichen Verfahren auch die F&#252;hrungsoffiziere einbezogen, die vom Gebiet der DDR aus die Kundschafter anwarben, steuerten und entlohnten. Dieses undifferenzierte Vorgehen l&#246;ste unverz&#252;glich eine intensive Debatte &#252;ber Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats aus, die durch diese Praxis offensichtlich verletzt werden.</p>
<p>Vom abstrakten Gerechtigkeitsempfinden her erscheint die weitgehend gleichartige Verfolgung der Aufkl&#228;rer – unabh&#228;ngig ob erst vor kurzem gefasst oder schon seit l&#228;ngerem bekannt, ob in der alten BRD t&#228;tig oder vom Territorium der fr&#252;heren DDR aus agierend – durchaus denkbar. Gerade deswegen gab es ja die Bem&#252;hungen um eine Amnestie oder einen &#228;hnlichen Schlussstrich unter die deutsch-deutsche Spionaget&#228;tigkeit, jenes zwangl&#228;ufige Kind der Spaltung und des mit ihr verbundenen Kalten Krieges. Denn die juristisch gebotene Differenzierung verletzt den Gerechtigkeitssinn, die aus dieser Sicht logische Gleichbehandlung aber kollidiert mit rechtsstaatlichen Grunds&#228;tzen. Der genannte Gesetzesentwurf der Bundesregierung sah deshalb vor, nicht nur die spionierenden DDR-B&#252;rger straffrei zu stellen, sondern Gnade auch gegen&#252;ber jenen bisher nicht erkannten Agenten auf dem fr&#252;heren Bundesgebiet walten zu lassen, die sich innerhalb eines Jahres offenbaren. Sein Scheitern zwang die Beh&#246;rden zum Handeln, als sich vom 3. Oktober 1990 an die juristische Gewalt der Bundesrepublik auch auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR erstreckte. Am Morgen des Wiedervereinigungstages klingelte an der Pforte der Hohensch&#246;nhausener Villa des Ex-Generalobersten Werner Gro&#223;mann in Berlin die Polizei und nahm den letzten HVA-Chef fest. Sie st&#252;tzte sich dabei auf einen Beschluss des 3. Senats des Bundesgerichtshofs, der Gro&#223;mann der geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit als dringend verd&#228;chtig ansah. Damit setzten die Karlsruher Richter eine Diskussion in Gang, die sich schon bald als &#228;u&#223;erst facettenreich erwies und zwangsl&#228;ufig zur Anrufung des Bundesverfassungsgerichts f&#252;hrte.</p>
<p>Ihr Ursprung liegt jedoch nicht bei jenem 3. Oktober 1990, sondern einige Monate zur&#252;ck. Ursache f&#252;r das nun eingetretene Dilemma war ein – zuf&#228;lliges oder gewolltes? – Vers&#228;umnis des Einigungsvertrages, der grunds&#228;tzlich von der &#220;bertragung des Bundesrechts auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR ausgeht, jedoch eine Reihe von Bestimmungen und Gesetzen der alten Bundesrepublik aufz&#228;hlt, die ausdr&#252;cklich nicht anzuwenden sind. In dieser Aufz&#228;hlung fehlen die Straftatbest&#228;nde der »geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit«; mithin – so folgerte der Bundesgerichtshof in einer ersten Stellungnahme zu dieser Problematik vom 30. Januar 1991 – »kann und muss die Strafverfolgung ihren Fortgang nehmen«. Die obersten Gesetzesh&#252;ter standen damit in &#220;bereinstimmung mit der Auffassung der Bundesregierung, die in ihrem – nicht weiterverfolgten – Gesetzentwurf vom 13. September 1990 zu einem Amnestiegesetz unmissverst&#228;ndlich feststelle: »Nach Wirksamwerden des Beitritts unterliegen die Angeh&#246;rigen und Agenten der Auslandsnachrichtendienste der Deutschen Demokratischen Republik uneingeschr&#228;nkt unserer Staatsgewalt. Ihre bisher in der Deutschen Demokratischen Republik legitime T&#228;tigkeit wird ohne &#196;nderung ihres Charakters auch dort strafbar.« (Der Einigungsvertrag hat &#252;brigens einen ganz &#228;hnlichen Mangel f&#252;r die Spione der alten BRD, die in der DDR rechtskr&#228;ftig verurteilt wurden. Indem er alle rechtskr&#228;ftigen Urteile der DDR-Gerichte in die neue gesamtdeutsche Rechtsordnung &#252;bernahm, bleiben sie zun&#228;chst vorbestraft; nur &#252;ber komplizierte Rehabilitierungsverfahren k&#246;nnte daran etwas ge&#228;ndert werden.)</p>
<p>Die Anwendung des BRD-Rechts zur Spionage auf fr&#252;here DDR-B&#252;rger, die von ihrem Staat ausdr&#252;cklich mit der Aussp&#228;hung der Bundesrepublik beauftragt waren, l&#246;ste in der juristischen Fachwelt Kritik aus. Sie wurde erstmals ausf&#252;hrlich vom Verteidiger Gro&#223;manns, Dr. Gunter Widmaier, im Dezember 1990 in der »Neuen Juristischen Wochenschrift« formuliert. Dieser nennt sowohl verfassungsrechtliche als auch v&#246;lkerrechtliche Argumente gegen die Bestrafung der DDR-Aufkl&#228;rer. Zum einen versto&#223;e ein solches Vorgehen gegen den Gleichheitssatz in Artikel 3 des Grundgesetzes, wenn – wie schon dargestellt – »aufgrund der rechtlichen Konstruktionen des Einigungsvertrages die in der DDR t&#228;tig gewesenen fr&#252;heren Mitarbeiter der HVA des MfS wegen damals begangener Spionage zum Nachteil der Bundesrepublik bestraft werden sollen, w&#228;hrend umgekehrt f&#252;r die Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes eine Strafbarkeit wegen ihrer fr&#252;heren Spionage zum Nachteil der DDR mit Selbstverst&#228;ndlichkeit nicht einmal zur Diskussion steht«. Widmaier r&#228;umt ein, dass die DDR beim Einigungsvertrag m&#246;glicherweise »schlecht verhandelt« habe, doch k&#246;nne die Geltungskraft des Artikels 3 »nicht von der G&#252;te und Sorgfalt staatsvertraglicher Verhandlungen abh&#228;ngen«.</p>
<p>Hinsichtlich des V&#246;lkerrechts verweist Widmaier auf die Haager Landkriegsordnung vom 18. 10. 1907, die folgende Bestimmung enth&#228;lt: »Ein Spion, welcher zu dem Heere, dem er angeh&#246;rt, zur&#252;ckgekehrt ist und sp&#228;ter vom Feinde gefangen genommen wird, ist als Kriegsgefangener zu behandeln und kann f&#252;r fr&#252;her begangene Spionage nicht verantwortlich gemacht werden.« Was im Kriege gelte, m&#252;sse im Frieden erst recht zuerkannt werden: »W&#228;re – eine schlimme Vorstellung – die Wiedervereinigung Deutschlands mit milit&#228;rischen Mitteln und durch eine Annexion der DDR herbeigef&#252;hrt worden, so st&#252;nde die Straflosigkeit der im Auslandsnachrichtendienst der DDR t&#228;tigen DDR-B&#252;rger kraft geschriebenen V&#246;lkerrechts ohne weiteres fest. Es ist undenkbar. nach der Wiedervereinigung in Frieden, in Freiheit und gleichberechtigter Br&#252;derlichkeit zu anderen Ergebnissen zu kommen.</p>
<p>Beiden Argumentationen wollte der Bundesgerichtshof nicht folgen. In der schon genannten Stellungnahme vom 30. 1. 1991 hebt er zun&#228;chst darauf ab, dass eine Gleichbehandlung der Spione beider Seiten offensichtlich von den Verhandlungspartnern des Einigungsvertrages »nicht gewollt oder nicht durchsetzbar war«. Zugleich bringt er aber damals noch sein Unbehagen &#252;ber diese Entwicklung zum Ausdruck, denn die Mitarbeiter der HVA h&#228;tten »aus ihrer Sicht eine legitime T&#228;tigkeit ausge&#252;bt, die auch v&#246;lkerrechtlich nicht anst&#246;&#223;ig zu bewerten war«. Daher k&#246;nne »der bisherige Rechtszustand kaum zu einem befriedigendem Interessenausgleich beitragen«; eine sachgerechte L&#246;sung erscheine »deshalb nur durch ein Straffreiheitsgesetz m&#246;glich«.</p>
<p>Um aber den eigenen Spruch – es ging um die Fortdauer des Haftbefehls gegen Gro&#223;mann – einigerma&#223;en st&#252;tzen zu k&#246;nnen, begibt sich der BGH im weiteren auf das Feld der Spekulation. Zwischen den Spionen von DDR und BRD m&#252;ssten doch Unterschiede gemacht werden, weil »die &#228;u&#223;ere Sicherheit der BRD durch das fr&#252;here Tun dieser nachrichtendienstlich t&#228;tigen Personen m&#246;glicherweise weiterhin betroffen wird, da die Auswirkungen dieser T&#228;tigkeit durch den Eintritt der DDR in die BRD nicht weggefallen sind. Es ist allgemein bekannt, dass die Erkenntnisse der Spionagebeh&#246;rden der DDR wegen deren Einbindung in den Warschauer Pakt und wegen des engen Kontakts zu den sowjetischen Geheimdiensten, vor allem zum KGB, weitergegeben worden sind an Dienststellen au&#223;erhalb der DDR. Es ist nicht auszuschlie&#223;en, dass auch ›Quellen‹ nicht nur f&#252;r den Geheimdienst der DDR, sondern gleichzeitig auch f&#252;r andere Staaten des Warschauer Pakts t&#228;tig gewesen sind. M&#246;glicherweise sind auch fr&#252;here ›Quellen‹ der Geheimdienste der DDR von Geheimdiensten der anderen Staaten des Warschauer Pakts, vor allem der UdSSR, &#252;bernommen worden.« Und die logische Schlussfolgerung: »Eine Gleichstellung der Spione der BRD und der DDR&lt; ist schon aus diesem Grund nicht ohne weiteres gerechtfertigt.« Generalbundesanwalt von Stahl bringt den Pragmatismus, der hier waltet, auf den Punkt: »Im Staatsschutzrecht gibt es eine Mischung aus Gerechtigkeit, Zweckm&#228;&#223;igkeit und Staatsinteresse. Alle drei Punkte sind hier wohl ber&#252;hrt.«</p>
<p>So ermutigt, wird der Bundesgerichtshof in seiner n&#228;chsten &#196;u&#223;erung zum Sachverhalt noch weitaus deutlicher. In der Sache Harry Sch&#252;tt best&#228;tigt er am 29. Mai die Er&#246;ffnung der Hauptverhandlung wie den damals noch bestehenden Haftbefehl mit dem Argument: »Nur bei ausschlie&#223;lich formaler Betrachtung lassen sich die T&#228;tigkeiten der Nachrichtendienste der Bundesrepublik und der fr&#252;heren DDR einander gleichsetzen, nicht aber vom legitimen Standpunkt der ihrer Identit&#228;t nach fortbestehenden Bundesrepublik aus. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Nachrichtendienste der Bundesrepublik, auch wenn sie operative Auslandsaufkl&#228;rung betreiben, letztlich zu deren Schutz t&#228;tig wurden und werden, w&#228;hrend die gegen die Bundesrepublik gerichtete T&#228;tigkeit der Nachrichtendienste der DDR zur konkreten oder doch abstrakten Gef&#228;hrdung der &#228;u&#223;eren Sicherheit dieses Staates f&#252;hrte mit unter Umst&#228;nden bis in die Gegenwart reichenden, im einzelnen jedoch nicht fassbaren und absch&#228;tzbaren Folgen, die sich aus der Weitergabe von nachrichtendienstlichen Informationen und Informanten an andere Staaten des fr&#252;heren ›Ostblocks‹ ergeben k&#246;nnen.« Was im Januar noch im Konjunktiv stand, die Gef&#228;hrdung durch Weitergabe an eine dritte Macht, ist nun ohne Einschr&#228;nkung vorausgesetzt – wenn auch die Definition dieser »dritten Macht« (Sowjetunion, Ostblock, KGB?) jetzt schwerer f&#228;llt als je zuvor. Schon am 31. Juli 1991 sah der Sprecher der Bundesregierung in der Spionage der DDR nachtr&#228;glich keine Gefahr mehr f&#252;r die Sicherheit der Bundesrepublik. Vor Journalisten bewertete er einen m&#246;glichen Schaden als gering, zumal Geheimdienstaktivit&#228;ten immer mehr zur&#252;ckgingen und an Bedeutung verl&#246;ren.</p>
<p>Neben solcher Gelassenheit der Politiker steht die Skepsis von Juristen hinsichtlich der Position des BGH. Das Berliner Kammergericht, zu dem die Anklage gegen Gro&#223;mann und andere abverf&#252;gt worden war, setzte am 22. Juli 1991 sogar das Verfahren aus und rief das Bundesverfassungsgericht an. Es stellte dazu auch den gravierenden Mangel des Einigungsvertrages fest, »dass die gegen die Bundesrepublik Deutschland ausge&#252;bten nachrichtendienstlichen T&#228;tigkeiten strafbar bleiben; die Angeh&#246;rigen und Agenten der Aufkl&#228;rungsdienste der Bundesrepublik Deutschland sind dagegen straflos«. Dies sei eine Ungleichbehandlung, denn: »Die Bewertung, ob eine Spionaget&#228;tigkeit ›offensiv‹ oder ›defensiv‹ ausge&#252;bt worden ist, l&#228;&#223;t sich rechtlich nicht fassen.« Das Kammergericht stellt die T&#228;tigkeit beider Spionageapparate ausdr&#252;cklich gleich und differenziert zudem zwischen der DDR-Spionage und dem Stasi-Unterdr&#252;ckungsapparat: »Dass die Angeschuldigten als Angeh&#246;rige des MfS in Bereiche eingebunden gewesen w&#228;ren, in denen es zu Menschenrechtsverletzungen oder zu &#228;hnlich schwerwiegenden strafbaren Handlungen gekommen ist, oder dass sie durch die Weiterleitung von Erkenntnissen an den Inlandsapparat des MfS dessen Unterdr&#252;ckungsma&#223;nahmen strafrechtlich zu verantworten h&#228;tten, haben die Ermittlungen nicht ergeben.«</p>
<p>Mit dem Zitieren dieser Feststellung soll keineswegs das zur&#252;ckgenommen werden, was hier bereits &#252;ber die Verquickung von Aufkl&#228;rung und Abwehr, ihr gegenseitiges Geben und Nehmen ausgef&#252;hrt worden ist. Hier kam es zu einer Kooperation, die gewiss noch weiterer Ermittlungen bedarf und bei der nicht ausgeschlossen werden kann, dass – zu denken ist zum Beispiel an Briefkontrolle oder Telefon&#252;berwachung – auch strafbare Handlungen vorliegen. Insgesamt jedoch zeigt sich, dass gerade die Verletzung von Menschenrechten zwar einer starken moralischen &#196;chtung unterliegt, strafrechtlich aber kaum aufzuarbeiten ist. So unbefriedigend das sein mag: In dieser Hinsicht ist der Rechtsstaat unge&#252;bt und unsicher; nicht immer erfahren die Opfer die von ihnen erwartete Genugtuung.</p>
<p>Das belegten die ersten Prozesse gegen fr&#252;here DDR-Gr&#246;&#223;en, das kommt aber auch in hilflosen &#196;u&#223;erungen von Justizminister Kinkel oder des Generalbundesanwalts zum Ausdruck. Auf die Frage, wie die Bespitzelung des Volkes durch die Stasi geahndet werden k&#246;nne, sagte Alexander von Stahl: »Das ist strafrechtlich nur sehr schwer zu fassen.« Konkret fiel ihm nur der Tatbestand der »politischen Verd&#228;chtigung« ein. Und es ist Tatsache, dass die Chefs der Abwehr – Mielkes Stellvertreter Mittig und Schwanitz oder der Leiter der »Untergrundt&#228;tigkeit« bek&#228;mpfenden Hauptabteilung XX, Generalmajor Kienberg, sowie viele andere – bisher juristisch nicht belangt wurden. Kinkel, der es als ehemaliger Chef des Bundesnachrichtendienstes wissen muss, stellt resignierend fest: »Jeder Nachrichtendienst zahlt und arbeitet irgendwie mit Erpressungsmethoden.« Und Markus Wolfs Verteidiger verweist sogar darauf, dass mit den ehemals nationalsozialistischen Offizieren Reinhard Gehlen und Gerhard Wessel jahrelang Leute bundesdeutschen Geheimdiensten vorstanden, die bis 1945 in »ein Unrechtsregime eingebunden waren«.</p>
<p>Diese grunds&#228;tzliche Expertise zur Spionaget&#228;tigkeit vervollst&#228;ndigt das Berliner Kammergericht mit einer ebenfalls von der Sicht der Karlsruher Bundesrichter abweichenden Interpretation der Haager Landkriegsordnung. Hatten diese den entsprechenden Artikel als »eine kriegsrechtliche Sondernorm« bezeichnet, aus der eine Anwendung in Friedenszeiten nicht abzuleiten sei, so erkennt jenes darin einen &#252;bergeordneten Gedanken, der generell dann greift, wenn »sich der Spion ohne sein Zutun in einem anderen Hoheitsverh&#228;ltnis wiederfindet, auf dessen Entwicklung er keinen Einfluss gehabt hat, und nunmehr dem Zugriff des anderen Staates ausgesetzt ist«.</p>
<p>Schlie&#223;lich argumentiert das Berliner Kammergericht auch mit dem R&#252;ckwirkungsverbot. Demnach kann eine Tat nicht r&#252;ckwirkend verfolgt werden, wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Begehung. nicht unter Strafe gestellt war. Formalrechtlich ist dies zwar der Fall gewesen, aber das Gericht sieht eine sogenannte unechte R&#252;ckwirkung. Sie liege dann vor, »wenn ein Gesetz auf gegenw&#228;rtige, noch nicht abgeschlossene Rechtsbeziehungen f&#252;r die Zukunft einwirkt und damit zugleich betroffene Rechtspositionen nachtr&#228;glich &#228;ndert«. Da die DDR-Aufkl&#228;rer mit den eingetretenen Wandlungen nicht rechnen konnten, erg&#228;ben sich durch ihre Bestrafung verfassungsrechtliche Probleme.</p>
<p>Inzwischen hat sich die hessische Staatsanwaltschaft derartigen Bedenken angeschlossen. Eine Anklageerhebung gegen f&#252;nfzehn ehemalige Spione der HVA wurde ausgesetzt, um das Urteil der Karlsruher Verfassungsrichter abzuwarten.</p>
<p>Als einer der pragmatischen Gr&#252;nde f&#252;r die Verfolgung der ehemaligen HVA-Mitarbeiter gilt die Erwartung, dass sie unter dem Druck der Strafandrohung zur Aussage &#252;ber ihre fr&#252;here T&#228;tigkeit bereit seien und vor allem die untergetauchten Quellen im Operationsgebiet offenbaren k&#246;nnten. F&#252;r Alexander von Stahl z&#228;hlt nur die Frage: »Kriegen wir die Leute, die hier gearbeitet haben und potentiell wieder f&#252;r andere arbeiten k&#246;nnen?« Es erweist sich jedoch, dass er auf diese Weise seinem Ziel nicht n&#228;her kommt. Selbst das Berliner Kammergericht hielt ihm vor: »Ein derartiges Aufkl&#228;rungsinteresse ist zwar berechtigt; die Durchf&#252;hrung eines Strafverfahrens ist aber nicht geeignet, dieses Interesse durchzusetzen. Denn der Beschuldigte braucht sich nicht zu &#228;u&#223;ern (&#8230;). Von diesem Recht, die Angaben zur Sache zu verweigern, haben die Angeschuldigten weitgehend Gebrauch gemacht. Sie waren insbesondere nicht bereit, Namen und Erkenntnisse zu offenbaren, an denen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden gerade interessiert sind.«</p>
<p>Die mangelnde Bereitschaft zu einer f&#252;r beide Seiten bindenden Vereinbarung veranla&#223;t viele F&#252;hrungsoffiziere, gegen die selbst ermittelt wird, zu einer solchen Verweigerungshaltung. Und auch jene, die lediglich als Zeugen verh&#246;rt werden, sind angesichts der bereits ausgesprochenen drakonischen Strafen gegen ihre fr&#252;heren Informanten kaum bereit, zu einer solchen Art von »Rachejustiz« ihre Hand zu leihen. Sie k&#246;nnen in &#252;berlangen Haftstrafen keinen Sinn sehen, droht doch bei den T&#228;tern weder der R&#252;ckfall noch ist Abschreckung auf andere vonn&#246;ten. Die Sozialisierungsfunktion der Strafe wird dabei v&#246;llig missachtet.</p>
<p>Ungeachtet dessen gehen die Ermittlungen und die Einleitung von Strafverfahren gegen fr&#252;here Spione und ihre Hinterm&#228;nner in der HVA weiter. Mit Stand von Ende November 1991 waren 1691 Ermittlungsverfahren wegen Spionage eingeleitet, von denen jedoch die meisten nur sehr schleppend vorankommen. Lediglich in 89 F&#228;llen konnte bisher Haftbefehl erlassen werden: nur vereinzelt ist Anklage erhoben oder gar die gerichtliche Hauptverhandlung er&#246;ffnet; wenige Verfahren sind abgeschlossen – und auch da ist vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Generalbundesanwalt will aber noch mehr. Er k&#252;ndigte insgesamt etwa 5000 Ermittlungsverfahren an und sprach von 400 weiteren Spionen, deren er noch habhaft werden will.</p>
<p>Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt das Dilemma, in das die Rechtsprechung durch die Vers&#228;umnisse der Verhandlungspartner des Einigungsvertrages, aber auch durch die starre Uneinsichtigkeit sowohl der fr&#252;heren HVA-F&#252;hrung als auch ideologisch und populistisch denkender politischer Kr&#228;fte der Bundesrepublik geraten ist. Anfang 1991 schien dies auch dem Bundesgerichtshof noch bewusst, als er empfahl, im vorliegenden Fall des Beitritts eines Staates bei v&#246;lliger Aufgabe der staatlichen Souver&#228;nit&#228;t den nach seiner Auffassung legitimen Strafanspruch des &#252;bernehmenden Staates nicht in allen F&#228;llen durchzusetzen. »Das ist aber«, so res&#252;mierte er, »eine politische Entscheidung, die die Gesetzgebungsorgane zu treffen haben«.. Die Entwicklung nahm eine andere Richtung, und es bleibt abzuwarten, ob eine f&#252;r alle Seiten befriedigende L&#246;sung noch gefunden werden kann.</p>
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		<title>Dieter Althaus duldet kein Hindernis auf seinem Weg</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Apr 2009 21:15:54 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist nicht der allt&#228;gliche politische Betrieb, der Einblick in den Mechanismus der Macht und die Antriebe der M&#228;chtigen gestattet, sondern der Sonderfall, die Ausnahme, das Unvorhergesehe, das auf den Boden des politischen Systems, in die Tiefe der Seele seiner Akteure schauen l&#228;sst. So auch beim Th&#252;ringer Ministerpr&#228;sidenten Dieter Althaus.<span id="more-919"></span></p>
<p>Seit der einstige Mathematik- und Physiklehrer aus der DDR auf der Leiter der Macht immer h&#246;her kletterte, hat sich bei ihm &#8211; wie mehr oder weniger wohl bei jedem Politiker &#8211; als Grundhaltung herausgebildet, jedes, aber auch jedes Hindernis schleunigst aus dem Weg zu r&#228;umen. Helmut Kohl hat das verstanden, der sich gegen Barzel und Franz Josef Strau&#223; durchsetzte, sp&#228;ter Gei&#223;ler und Sp&#228;th ausbootete und Wolfgang Sch&#228;uble auf langen Arm f&#246;rmlich verhungern lie&#223;. Angela Merkel hat von ihm gelernt. Sie stellte erst Kohl in Frage, beerbte dann Sch&#228;uble, schlug den Konkurrenten Merz aus dem Feld und nutzte am Ende geschickt die Chance, Edmund Stoiber beim Kampf um die Kanzlerschaft den Rang abzulaufen.</p>
<p>Aber nicht nur die Union kann solche Machtmenschen vorweisen, sondern auch andere. Man denke nur an die SPD, wo ein Oskar Lafontaine Rudolf Scharping die Macht entrang, um sp&#228;ter von Gerhard Schr&#246;der kalt gestellt zu werden. Willy Brandt scheiterte nicht zuletzt an Herbert Wehner &#8211; und Kurt Beck j&#252;ngst an Franz M&#252;ntefering. Althaus steht angesichts solch blutiger politischer B&#252;hne, auf der er sich nun ausdr&#252;cklich zur&#252;ckmeldete, so schlecht nicht da, denn er war bis zur Selbstverleugnung loyal gegen&#252;ber seinem Ziehvater Bernhard Vogel und harrte dessen altersbedingten Abgangs, sicherte seine Macht auch nach dem Sprung an die Spitze relativ ger&#228;uschlos, sorgte weitsichtig daf&#252;r, dass ernsthafte Konkurrenten gar nicht erst entstehen konnten (was seiner Partei aber durch den Skiunfall ihres Vormannes m&#246;glicherweise noch zum Verh&#228;ngnis werden k&#246;nnte).</p>
<p>Und dennoch: Auch er hat nie einen Zweifel gelassen, dass er Hindernisse bei der Durchsetzung seiner Ziele rigoros zu &#252;berwinden versteht. War er als stellvertretender Leiter der polytechnischen Oberschule im th&#252;ringischen Geismar so angepasst gewesen, dass man ihn noch 1989 der »Medaille f&#252;r hervorragende Leistungen bei der kommunistischen Erziehung in der Pionierorganisation Ernst Th&#228;lmann« in Gold f&#252;r w&#252;rdig hielt und zum letzten P&#228;dagogischen Kongress der DDR delegierte, vollzog er nach der Wende eine eigene um 180 Grad. Zum Kreisschulrat und sp&#228;ter zum zust&#228;ndigen Dezernenten in Heiligenstadt geworden, verbot er die FDJ, die Pioniere, die Jugendweihe und das Fach Staatsb&#252;rgerkunde in seinem Verantwortungsbereich. Zugleich entlie&#223; er all jene aus den Schulleitungen, die er aus DDR-Zeiten f&#252;r belastet hielt &#8211; gewisserma&#223;en seine »Leichen« auf dem Weg nach oben.</p>
<p>Dieter Althaus h&#228;lt sich f&#252;r unentbehrlich f&#252;r das Gedeihen Th&#252;ringens, wie er es versteht. Und nimmt daf&#252;r schon mal auch in Kauf, am Rande der Landesverfassung zu wandeln. Mehrfach musste das Verfassungsgericht seine Pl&#228;ne stoppen; Unrechtsbewusstsein entwickelte er daraus aber nicht, sondern sch&#252;ttelte die h&#246;chstrichterlichen R&#252;gen mit einem Achselzucken ab. Ganz so wie jetzt nach dem Unfall vom Neujahrstag jedes Nachdenken &#252;ber dessen Ursache und Folgen. Althaus kann daran <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0421/seite3/0005/index.html" target="_blank"><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/466f419db97f4edcab2208a3bbe16f3f" alt="" width="1" height="1" />eine eigene Schuld nicht erkennen</a>, leugnete sie erst gar und zieht sich nun auf das offizielle Gutachten zur&#252;ck, aus dem sich ergibt, »dass ich Schuld trage« &#8211; wobei un&#252;berh&#246;rbar seine andere Auffassung mitschwingt.</p>
<p>F&#252;r ihn war die an den Folgen des Zusammensto&#223;es gestorbene Beata Christandl vermutlich auch nicht mehr als ein Hindernis, dass an die Stelle der Skipiste, auf der er unterwegs war, nicht hingeh&#246;rte. Und Hindernisse auf seinem Weg duldet Dieter Althaus nicht.</p>
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		<title>Angela Merkel: Aufhaltsamer Aufstieg zur Westpolitikerin</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Dec 2008 16:19:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Politische Charakterbildung im Transformationsprozess &#8211; das Beispiel Angela Merkel (»Neues Deutschland« vom 24. November 2001)   Als die deutsche Fu&#223;ball-Nationalmannschaft unl&#228;ngst in letzter Minute gegen die Ukraine die Tickets f&#252;r die WM 2002 buchte, machte der s&#228;chsische PDS-Fraktionschef Peter Porsch eine &#252;berraschende Rechnung auf.: »Zu Beginn des Spieles standen in der deutschen Mannschaft mehr Spieler auf dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5>Politische Charakterbildung im Transformationsprozess &#8211; das Beispiel Angela Merkel</h5>
<address>(»Neues Deutschland« vom 24. November 2001)</address>
<address></address>
<p> <span id="more-633"></span></p>
<p>Als die deutsche Fu&#223;ball-Nationalmannschaft unl&#228;ngst in letzter Minute gegen die Ukraine die Tickets f&#252;r die WM 2002 buchte, machte der s&#228;chsische PDS-Fraktionschef Peter Porsch eine &#252;berraschende Rechnung auf.: »Zu Beginn des Spieles standen in der deutschen Mannschaft mehr Spieler auf dem Platz, die aus dem Osten kamen, als solche aus dem Westen.« Um dann aber sogleich auf den wunden Punkt zu zeigen: »Der Westen lebt gut &#8211; mit Hilfe der abgewanderten ehemaligen Leistungstr&#228;ger oder der Zukunftshoffnungen des Ostens.«<br />
Auch die CDU lebte &#8211; wenn schon nicht gut, so doch ertr&#228;glich &#8211; mit Hilfe einer »abgewanderten Leistungstr&#228;gerin oder auch Zukunftshoffnung aus dem Osten«, als ihr Spendenskandal vor knapp zwei Jahren auf den H&#246;hepunkt zusteuerte. Damals griff Angela Merkel, noch gar nicht lange Generalsekret&#228;rin der Christdemokraten, mit einem Artikel in der »Frankfurter Allgemeinen« in die Debatte um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihrer Partei ein. »Das war mutig. Das war weitsichtig. Niemand sonst in der CDU hatte zu diesem Zeitpunkt die innere Unabh&#228;ngigkeit, so etwas zu denken, zu formulieren &#8230;«, schreibt Evelyn Roll in ihrem Buch »Das M&#228;dchen und die Macht«, und Jacqueline Boysen, eine andere Beobachterin, erg&#228;nzt in »Angela Merkel. Eine deutsch-deutsche Biographie«: »Sie &#8230; wagte, die &#252;blichen Pfade der Parteidisziplin zu verlassen.«<br />
Angela Merkel konnte das, weil sie aus anderen »Zusammenh&#228;ngen« kam als das angestammte CDU-Establishment. Sie hatte zehn Jahre zuvor eine Gesellschaftskrise erlebt, schon damals an ihrer Bew&#228;ltigung mitgewirkt und besann sich der dabei gesammelten Erfahrungen: Schnell</p>
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»Die Partei muss also laufen lernen &#8230;, sie muss sich wie jemand in der Pubert&#228;t von zu Hause l&#246;sen, eigene Wege gehen &#8230;«<br />
(Angela Merkel, 1999)<br />
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<p>und entschlossen handeln, sich vor »Autorit&#228;ten« nicht f&#252;rchten, Risiken eingehen, neue Verb&#252;ndete suchen, auf »das Volk« setzen. Sie nutzte dieses »Know-how«, um die tief verunsicherte Partei wieder aufzurichten und zugleich eine eigene Machtbasis zu schaffen. »Die Generalsekret&#228;rin«, so schreibt Boysen, »hatte rascher als ihre m&#246;glichen Konkurrenten gemerkt, dass nur sie einen bis dahin stets missachteten, bisher nie direkt befragten Verb&#252;ndeten finden k&#246;nnte: die Basis«. &#220;ber die Regionalkonferenzen des Winters 2000 gelangte sie bis an die Spitze ihrer Partei: als Ostdeutsche, als Frau, mit 45 damals vergleichsweise jung.<br />
Dies liegt noch keine 20 Monate zur&#252;ck, und heute ist weder vom Glanz des Essener Parteitages noch von den F&#228;higkeiten Angela Merkels zum Krisenmanagement viel geblieben. »Eine Vorsitzende, die keine Leadership in Sachfragen entwickelt, die weder Vision noch Strategie liefert, besch&#228;digt ihr Amt durch den Machtanspruch, dem sie nicht gewachsen ist« schrieb ihr die gewiss nicht CDU-kritische »Welt« dieser Tage ins Stammbuch und ist damit nur eine Stimme unter vielen. War sie im April 2000 der Hoffnungstr&#228;ger ihrer Partei, so empfinden sie heute viele in der CDU als Belastung.<br />
Dabei spielt zum einen eine Rolle, dass nicht wenige Christdemokraten schon bald zu dem Schluss gekommen sind, »der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen«, wie Schiller Fiescos schwarzen Diener Muley Hassan bitter sagen l&#228;sst, als dieser die Verschw&#246;rung organisiert hatte. »In einer Zeit, da die Partei nach Neuem verlangte, erf&#252;llte Angela Merkels vergleichsweise locker definierte, offene politische Haltung haargenau die Anforderungen an eine zupackende, optimistische Aufr&#228;umerin«, schreibt Boysen. »Aber nach ihren ersten einhundert Tagen im Amt hatte sich gezeigt, dass es eine Diskrepanz gab zwischen Unionsmitgliedern und erneuerter F&#252;hrungsmannschaft.« Denn l&#228;ngst hat sich die Partei &#8211; auch die Mehrheit ihrer Basis, die die Vorsitzende heute erneut mit Regionalkonferenzen zu mobilisieren versucht &#8211; darauf verst&#228;ndigt, doch wieder in die alten Muster zur&#252;ckzufallen.<br />
Die Aufkl&#228;rung des Spendenskandals, ohnehin nie sonderlich enthusiastisch betrieben, brach nach dem Essener Parteitag abrupt ab und machte erst einer Alles-nicht-so-schlimm- und dann einer Schlussstrich-Mentalit&#228;t Platz. Auch die zun&#228;chst vollmundig angek&#252;ndigte Parteireform, die st&#228;rkere Mitsprache der Parteimitglieder bei Sach- und Personalfragen, eine Reduzierung von &#196;mterh&#228;ufung, Empfehlungen f&#252;r Amtszeitbegrenzungen vorsah, ist auf die lange Bank geschoben. »Niemand wollte sich tats&#228;chlich vom F&#252;hrerprinzip verabschieden«, hei&#223;t es bei Evelyn Roll. »Sie w&#228;hlten nur eine neue Vorsitzende: Mach es schnell wieder heile, glaubw&#252;rdige Angela. Auf dass sonst alles so bleiben kann, wie es ist.«</p>
<p>Und Angela Merkel folgte diesem Rat &#8211; sicher zum Teil wegen des Druckes der alten Parteigranden und eines gro&#223;en Teils der Basis, der sich nach einer Autorit&#228;tsperson zur&#252;cksehnte. Aber wohl auch aus eigenem Antrieb, denn nun, da sie oben war, ging es nicht mehr in erster Linie um Ver&#228;nderung, sondern um Erhaltung des Status quo, in dessen Zentrum man jetzt schlie&#223;lich selbst stand. Immer gehen Innovationen eher von jenen aus, die noch auf dem Weg sind, w&#228;hrend zu konservativem Denken neigt, wer sein Ziel erreicht hat. Damit jedoch ist die individuelle »Transformation«, die Angela Merkel als Parteivorsitzende vollzog, noch nicht ausreichend beschrieben. Denn kaum an der Spitze der Partei, verga&#223; sie die »Tugenden« der Wendezeit, des Umbruchs 1989/ 90, die sie nach oben gebracht hatten. Mehr noch, sie besann sich wohl auch einiger der »Untugenden« ihrer eigenen Funktion&#228;rst&#228;tigkeit in der FDJ und verband diese mit den Machtsicherungsmethoden, die sie in der CDU hatte beobachten k&#246;nnen, besonders bei ihrem einstigen F&#246;rderer Helmut Kohl.<br />
Angela Merkel ruft zwar immer wieder nach breiter, offener Diskussion &#252;ber alle Fragen, fordert die Einbeziehung m&#246;glichst vieler in die Entscheidungen: tats&#228;chlich jedoch f&#252;hrt sie die Partei mit einem kleinen K&#252;chenkabinett engster Vertrauter, bereitet dort die Beschl&#252;sse vor, die sie dann den Gremien pr&#228;sentiert, in denen sie gleichwohl Zustimmung erwartet. Das erinnert mitunter an Entscheidungen in der SED-F&#252;hrung, die &#228;hnlich vorbereitet und eingebracht wurden. Zentralkomitee und sogar Politb&#252;ro hatten dann nur noch abzunicken. Und sie taten es, w&#228;hrend Angela Merkel damit rechnen muss, nicht nur zunehmend auf Widerstand zu sto&#223;en, sondern diesen auch noch in den Medien nachlesen zu k&#246;nnen.<br />
Die Autorinnen der beiden genannten B&#252;cher sehen einen wesentlichen Grund f&#252;r diesen F&#252;hrungsstil Merkels in ihremMisstrauen gegen&#252;ber der Umwelt und machen als eine Ursache ihre DDR-Sozialisation aus. »In der DDR war Misstrauen eine notwendige &#220;berlebensbedingung, in jeder Beziehung«, schreibt Roll, will aber bei Angela Merkel nicht zuerst das Ost-Manko sehen; vielmehr habe sie »die Misstrauen-Lektion in den Lehrjahren bei Helmut Kohl vertieft«. Und daraus eine Haltung gemacht, die CDU-Insider so beschreiben: »Was das Misstrauen angeht, sei sie tats&#228;chlich das M&#228;dchen von Helmut Kohl geblieben.« Oder vielleicht erst geworden?<br />
Mit dem Misstrauen einher geht eine Attit&#252;de eigener Unfehlbarkeit &#8211; ein aus der DDR-F&#252;hrungspraxis wie von Helmut Kohl vertrautes Verhaltensmuster. »Sie ist sich ihrer Sache inzwischen oft ma&#223;los sicher, glaubt &#8230; auf Ratschl&#228;ge verzichten zu k&#246;nnen«, urteilt Boysen. Die Folge sind eklatante Fehlentscheidungen wie bei der</p>
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»Ich war schon immer sehr misstrauisch, und das hilft mir auch heute im Westen.«<br />
(Angela Merkel, 1991)<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-</h6>
<p>Bundesrats-Abstimmung zur Steuerreform, bei der Auswahl ihrer Generalsekret&#228;re Polenz und Meyer, bei der Terminplanung f&#252;r die Kanzlerkandidatur.<br />
Noch wichtiger als solche Mentalit&#228;tsfragen aber sind die inhaltlichen Defizite ihrer Partei, die auch sie nicht beheben kann. Was die CDU nach oft langen, qu&#228;lenden Debatten auf den Gebieten der Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Familienpolitik, der inneren Sicherheit, der Einwanderung als »neue« Konzepte anbietet, erweist sich zumeist als schlecht kaschierte Fortschreibung der gescheiterten Linie der Kohl-CDU &#8211; lediglich angereichert durch einige CSU-Versch&#228;rfungen. Merkel klagt gern, dass die konzeptionellen Bem&#252;hungen der CDU von den Medien nicht zur Kenntnis genommen werden, doch sie &#252;bersieht dabei, dass deren Neuigkeitswert eine intensivere Besch&#228;ftigung damit kaum rechtfertigt. Und wenn, dann allenfalls aus kritischer Sicht, deuten sie doch, wie Jacqueline Boysen zum Wirtschaftskonzept feststellt, »auf einen neoliberalen Kurs hin, beispielsweise wenn der Wettbewerb auch in den sozialen Sicherungssystemen gefordert wird«. Und an anderer Stelle r&#252;gt sie Merkels zunehmenden Hang zur grobschl&#228;chtigen Agitation, mit dem sie offensichtlich der bayerischen Schwesterpartei den Rang abzulaufen versucht: »Plump attackiert sie die Bundesregierung, denn der Feind steht links, und es scheint ihr Spa&#223; zu machen, auf weitere Differenzierungen dieser Botschaft verzichten zu k&#246;nnen.«<br />
So klaffen Anspruch und Realit&#228;t bei Angela Merkel immer mehr auseinander; ihr Einschwenken auf das Diskussionsniveau der alten CDU macht sie aber zugleich anf&#228;llig f&#252;r die Angriffe ihrer Gegner, die jenes Draufhauen viel besser als sie beherrschen. Da ist es dann kein Wunder, dass das Meinungsforschungsinstitut Infratest-Dimap vor zwei Wochen feststellte, 56 Prozent der Unions-Anh&#228;nger w&#252;rden sich f&#252;r Stoiber als Kanzlerkandidaten entscheiden, 24 Prozent f&#252;r den ehemaligen CDU-Vorsitzenden Wolfgang Sch&#228;uble und nur zw&#246;lf Prozent f&#252;r Ange-</p>
<h6>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<br />
»Die CDU ist weit vorangekommen im Generationenumbruch. Wir haben einen Erneuerungsprozess durchlaufen, ohne den eine gro&#223;e Volkspartei nicht funktioniert.«<br />
(Angela Merkel, 2001)<br />
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<p>la Merkel. Anders als die Ballack und Rehmer, die Jancker und Schneider, »Ost-Spieler«, die inzwischen zur Zierde des deutschen Fu&#223;balls geworden sind, hat es Angela Merkel nicht vermocht, der CDU ihren Stil aufzupr&#228;gen, Eigenes einzubringen. Sie hat sich einfach angepasst. Evelyn Roll zitiert den entt&#228;uschten Lothar de Maizière: »Sie ist eine Westpolitikerin geworden.«<br />
Und damit austauschbar, was sie jedoch nicht wahrhaben will. Merkels beide Biografinnen berichten von ihrer »Bergabphobie«, die sie selbst so beschreibt: »Meine geduldigen Eltern mussten mir immer sagen, wie man einen Berg hinuntergeht. Rein technisch. Was ein normaler Mensch ganz von selbst kann, musste ich erst geistig verarbeiten und m&#252;hsam &#252;ben.« Politisch scheint dies ein verbreiteter Defekt zu sein &#8211; bei Politb&#252;rokraten wie Westdemokraten. Angela Merkel f&#252;gt ihnen lediglich eine originelle Erkl&#228;rung hinzu.</p>
<address>Jacqueline Boysen: Angela Merkel. Eine deutsch-deutsche Biographie. Econ Ullstein List Verlag, M&#252;nchen 2001, 240 Seiten, 16,90 Mark<br />
Evelyn Roll: Das M&#228;dchen und die Macht. Angela Merkels demokratischer Aufbruch. Rowohlt, Berlin 2001, 304 Seiten, 38,92 Mark.</address>
<address></address>
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		<title>Angela Merkel: Aus der Katastrophe an die Spitze der Karawane</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Dec 2008 16:15:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach ihrer gro&#223;en Entt&#228;uschung &#252;ber den Patriarchen versucht es die CDU jetzt mit dem Matriarchat   Gestern wurde Angela Merkel als k&#252;nfti­ge Parteivorsitzende der westgepr&#228;gten CDU nominiert. Zum zweiten Mal nutzte sie eine Chance, die sich aus dem Chaos ergab. (»Neues Deutschland« vom 21. M&#228;rz 2000)   Im Herbst 1989 sa&#223; Angela Merkel scheinbar uninteressiert im [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5>Nach ihrer gro&#223;en Entt&#228;uschung &#252;ber den Patriarchen versucht es die CDU jetzt mit dem Matriarchat</h5>
<p> </p>
<h6>Gestern wurde Angela Merkel als k&#252;nfti­ge Parteivorsitzende der westgepr&#228;gten CDU nominiert. Zum zweiten Mal nutzte sie eine Chance, die sich aus dem Chaos ergab.</h6>
<address>(»Neues Deutschland« vom 21. M&#228;rz 2000)</address>
<address><span id="more-629"></span></address>
<p> </p>
<p>Im Herbst 1989 sa&#223; Angela Merkel scheinbar uninteressiert im Institut f&#252;r Physikalische Chemie der Berliner Akademie der Wissenschaften &#252;ber einem wissenschaftlichen Bericht. Ein Kollege fragte, so Alexander Osang im »Spiegel-Reporter«, warum sie nicht auf der Stra&#223;e sei. »Das bringt ja doch nichts«, soll sie ge­sagt haben. Sie war ein Kind der DDR und hatte wohl resigniert, weil sie nicht mehr an Ver&#228;nderungen glaubte. Sie hatte ihr bisschen Frieden mit dem System ge­macht und eine bescheidene wissen­schaftliche Laufbahn einschlagen k&#246;nnen. Nach Abitur und Physikstudium promo­vierte sie und machte nun diszipliniert ih­re Arbeit. Eine Karriere, auch das hatte sie »rfahren, hing am wenigstens von ihr selbst ab &#8211; zumal sie sich den bestehenden Verh&#228;ltnissen nicht ausliefern wollte. &#220;ber pers&#246;nliche Entwicklungen ent­schied oft Herkunft mehr als Leistung, marxistische Zitatenfestigkeit mehr als geistige Kreativit&#228;t.</p>
<h6>Karriere in Umbruchzeiten</h6>
<p>Angela Merkel kam aus einem kirchlichen Elternhaus. Zwar geh&#246;rte ihr Vater Horst Kasner nicht zu zu den besonders auf­m&#252;pfigen Pfarrern; einen Werbeversuch des MfS hatte er aber stolz abgelehnt. Auch die Tochter zog es nicht in oppositio­nelle Zusammenh&#228;nge, sie war FDJ-Mit-glied und an der Akademie sogar Funktio­n&#228;rin &#8211; Sekret&#228;r f&#252;r Agitation und Propa­ganda. Dennoch konnte sie mit solchem Hintergrund nicht aufsteigen &#8211; und wollte es wohl auch nicht. Nicht einmal ans na­hende Ende der DDR mochte sie glauben. Dann aber schaute sie doch beim Demo­kratischen Aufbruch mit seinem als Dissi­dentenanwalt bekannten Vorsitzenden Wolfgang Schnur vorbei und wurde -vielleicht nun gerade, weil sie die Tochter eines Templlner Pfarrers war &#8211; die Presse­sprecherin von dessen Minipartei. Die war kein halbes Jahr sp&#228;ter &#8211; und inzwischen ohne Schnur &#8211; zusammen mit der Ost-CDU und der DSU Regierungspartei, und Angela Merkel stieg zur stellvertretenden Regierungssprecherin auf.<br />
Pl&#246;tzlich waren Spielr&#228;ume da gewe­sen, die sie hatte nutzen k&#246;nnen. DasChaos war auch f&#252;r sie die sch&#246;nste Zeit, weil Autorit&#228;ten nichts mehr galten. Aus der Bedeutungslosigkeit sprang sie ins Rampenlicht &#8211; und musste dazu kaum mehr tun, als ihre F&#228;higkeiten ausspielen &#8211; die schnelle Auffassungsgabe, pr&#228;zises Den­ken, eine sichere Urteilsf&#228;higkeit und eine Portion Misstrauen, die sie vor &#252;bereilten Entscheidungen bewahrte. Schlie&#223;lich ei­ne »konstruktive« Bereitschaft zur Resig­nation, wenn sie an allzu hohe Grenzen stie&#223;.<br />
Gerade letztere brauchte sie bald wie­der. Die DDR ging zu Ende, die CDU-Ost trat jener der alten Bundesrepublik bei; wer weiter dabeibleiben wollte, durfte nicht so eigensinnig sein wie ein Lothar de Maiziere, nicht so offenherzig wie ein Peter-Michael Diestel, nicht so leichtsinnig wie ein G&#252;nther Krause. Er musste seinen Frieden mit den neuen Verh&#228;ltnissen schlie&#223;en, wollte er eine mehr oder min­der bescheidene politische Laufbahn ein­schlagen. Angela Merkel wurde Bundes­ministerin f&#252;r Frauen und Jugend von Helmut Kohls Gnaden, dann Stellvertrete­rin des gro&#223;en Vorsitzenden in der Partei, schlie&#223;lich Umweltministerin.<br />
Eine neue Chance bot sich, als eine neue, zun&#228;chst kleine Krise nahte. 1998 verlor die Union die Bundestagswahlen. Der neue Vorsitzende Wolfgang Sch&#228;uble suchte eine Managerin mit jenen F&#228;higkeiten, die Kohls »M&#228;dchen« mitbrachte -selbst&#228;ndig, aber nicht zu eigenst&#228;ndig, schnell von Begriff, ohne allzu viel Neues zu erfinden, loyal, und doch nicht unter­w&#252;rfig. Die CDU konnte zwar im folgenden Jahr die Schlappe verwinden, sogar Wahlerfolg auf Wahlerfolg feiern, aber in­haltliche Innovationen gab es kaum, halb­herzige Versuche dazu blieben im Ansatz stecken.</p>
<h6>Sehnsucht nach neuer Identifikationsfigur</h6>
<p>Dann kam im letzten Herbst die gro&#223;e Kri­se, die Beinahe-Katastrophe der CDU. Und schnell sah Angela Merkel vertraute Situationen wieder, erkannte in Abl&#228;ufen schon einmal Erlebtes, begann, zun&#228;chst wohl instinktiv, so zu handeln, wie zehn Jahre zuvor. Sie wusste, dass in solcher Lage nichts zu erzwingen war und be­schr&#228;nkte sich aufs Reagieren zum pas­senden Zeitpunkt, an der richtigen Stelle, mit dem rechten Ma&#223;. Gestern, nach ihrer »Pr&#228;sentation« als Kandidatin, bezeich­nete sie sich als »realistischen Men­schen«. Ihr Handeln ergebe sich aus den Fakten. Und so setzte sie auch jetzt Ak­zente, wo es sinnvoll schien und sie gleichwohl nicht gef&#228;hrdete. Am 30. No­vember 1999 veranlasste sie Kohl zum Gest&#228;ndnis, dass es in seiner Amtszeit Schwarzkonten gab. Am 8. Dezember schickte sie allen Beteiligten einen Frage­bogen &#252;ber ihr Wissen. Am 22. Dezember forderte sie ihre Partei in einem Zei­tungartikel auf, sich von Kohl zu l&#246;sen. Dann legte sie eine Pause ein, lie&#223; der Partei, die ja &#8211; anders als das DDR-System &#8211; nicht zerst&#246;rt werden sollte, Luft zum Atemholen und trieb gleichzeitig mit ih­rem Vertrauten Willi Hausmann die Kl&#228;­rung der Tatsachen voran.<br />
Zu jenem Zeitpunkt war der Vorsitzende Wolfgang Sch&#228;uble bereits angeschlagen, musste sich mit seiner eigenen Aff&#228;re be­sch&#228;ftigen. So hatte Angela Merkel wieder jene Spielr&#228;ume, die sie nutzen konnte. Erneut war da ein St&#252;ck Chaos, fehlten die Autorit&#228;ten. Und sie konnte eine Erfah­rung der Wendezeit aktualisieren, indem sie auf die Basis ihrer Partei zuging. Sie wusste um die Verunsicherung, die die Menschen in Umbruchsituationen er­greift, kannte ihre Sehnsucht nach Orien­tierung, zumindest aber nach Trost und Hoffnung &#8211; und bot den »Dialog« an. Im Februar, schon bevor Sch&#228;uble aufgab, wurden jene Regionalkonferenzen be­schlossen, die Angela Merkel vor allen an­deren ins Rampenlicht stellten. Den einfa­chen Parteimitgliedern, die nach dem Ab­sturz Helmut Kohls ihre Leitfigur verloren hatten, bot sie neue Identifikation. Wenn die CDU schon keinen Papi mehr habe, sagt sie dann beispielsweise der »S&#252;d­deutschen Zeitung«, dann wolle sie jetzt eben eine Mami. Nach ihrer gro&#223;en Ent­t&#228;uschung mit dem Patriarchen fl&#252;chtet sich die CDU ins Matriarchat.<br />
Nicht nur der emotionale Zustand der Partei half ihr. auch die taktischen Fehler ihrer Kontrahenten ebneten den Weg. Die R&#252;he und R&#252;ttgers verstanden nicht, dass angesichts der tiefgreifenden Diskreditie­rung der gesamten F&#252;hrung kaum noch etwas nach den alten Ritualen verlief. R&#252;ttgers glaubte viel zu lange an den Nim­bus Helmut Kohls. R&#252;hes Wort, dass nicht das Gef&#252;hl der Mitglieder, sondern die Vernunft der Leitungen zu entscheiden habe, warf auch ihn endg&#252;ltig aus dem Rennen. Und Stoibers ungeschickte In­szenierungen hinter den Kulissen liefen ins Leere, weil sie nach bayerischem Kun­gelmuster ablaufen sollten und die Stim­mung der CDU-Basis negierten.<br />
Nat&#252;rlich hatte Angela Merkel auch Gl&#252;ck. Wolfgang Sch&#228;ubles Verstrickung in das Kohlsche Spendenwesen, seine Tricksereien bei ihrer Aufkl&#228;rung nahmen ihm jede Glaubw&#252;rdigkeit und lie&#223;en die unbelastete Ostdeutsche umso heller strahlen. Und dass Roland Koch in Hessen bis heute mit dem R&#252;cken an der Wand steht, verhinderte die Konkurrenz des »brutalstm&#246;glichen« Strebers in Macht­positionen. Angela Merkel setzte auf die »Macht des Faktischen«, musste nicht Fakten schaffen, um nach der Macht greifen zu k&#246;nnen.</p>
<h6>Inhaltliche Unverbindlichkeit</h6>
<p>Solch ein Coup gelingt nur in Umbruch­situationen. Jetzt strebt die CDU danach, zur Normalit&#228;t zur&#252;ckzukehren &#8211; f&#252;r An­gela Merkel ohne Zweifel die schwierigere Etappe. Sie wei&#223;, dass sie nun bald an der Spitze der Karawane, die Helmut Kohl so gern trotz allen Hundegebells weiterzie­hen lie&#223;, marschieren wird und damit die Pfeile der politischen Gegner wie &#8211; oft schlimmer noch &#8211; politischer »Freunde« auf sich zieht. Sie wird auch die Richtung angeben m&#252;ssen, wo sie doch in der Ver­gangenheit Orientierungen folgte, allen­falls eine geordnete Marschformation or­ganisierte. Auch gestern blieb sie im In­haltlichen vage, unverbindlich &#8211; so etwa auf die Frage, was f&#252;r sie konservativ sei: »Zu bewahren, was bewahrenswert ist.«<br />
Auch stolze Siege begr&#252;nden keine dau­erhafte Siegesserie. Stefan Heym hat An­gela Merkel vor einigen Wochen einmal mit Jeanne d&#8217;Arc verglichen &#8211; jener auf so wundersame Weise an die Spitze des fran­z&#246;sischen Heeres gelangten Jungfrau, die Sieg auf Sieg errang und sogar zur Heili­gen erkl&#228;rt wurde. Das aber verhinderte nicht, dass sie am Ende doch auf dem Scheiterhaufen starb.</p>
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		<title>Angela Merkel: Die Minimalsekret&#228;rin</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Dec 2008 16:14:38 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Angela Merkel hat bereits f&#252;nf Monate in der Parteispitze &#252;berstanden Am 25. April beginnt in Erfurt der dies­j&#228;hrige Bundesparteitag der CDU. Mit Angela Merkel ist erstmals eine Gene­ralsekret&#228;rin aus dem Osten wesentlich f&#252;r die Vorbereitung verantwortlich. (»Neues Deutschland« vom 21. April 1999) Als Angela Merkel am letzten Silve­stertag heiratete, konnte sie es kaum fassen, da&#223; ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5>Angela Merkel hat bereits f&#252;nf Monate in der Parteispitze &#252;berstanden</h5>
<h6>Am 25. April beginnt in Erfurt der dies­j&#228;hrige Bundesparteitag der CDU. Mit Angela Merkel ist erstmals eine Gene­ralsekret&#228;rin aus dem Osten wesentlich f&#252;r die Vorbereitung verantwortlich.</h6>
<address>(»Neues Deutschland« vom 21. April 1999)<span id="more-625"></span><br />
</address>
<p>Als Angela Merkel am letzten Silve­stertag heiratete, konnte sie es kaum fassen, da&#223; ein Br&#228;utigam, der vor oder nach ihr an der Reihe war, seine Videokamera weniger auf die eige­ne Braut als auf sie richtete &#8211; und das Ergebnis sodann dem Fernsehen zur Ver­marktung anbot. »Mitten im Leben« &#8211; so sagt der aktuelle Parteislogan &#8211; will die CDU stehen, und vielleicht zeigt das un­gl&#228;ubige Staunen ihrer Generalsekret&#228;rin &#252;ber soviel Profitkalk&#252;l besser als man­ches andere, wie weit der Weg dahin noch ist. Denn wie fast alle in der christ­demokratischen F&#252;hrung hatte sie sich willig vom &#220;bervater Helmut Kohl in eine k&#252;nstliche Welt f&#252;hren lassen, einen ste­rilen Raum, in dem das von ihrem Vor­g&#228;nger Peter Hintze konfliktfrei ausge­staltete Idealbild durch krude Realit&#228;t nicht verzerrt werden sollte.<br />
Sogar in der t&#228;glichen Presse&#252;bersicht wurde fast alles Negative und Kritische ausgespart, damit der CDU-Vorsitzende nichts Unerfreuliches &#252;ber sich und die Partei lesen mu&#223;te; auch Erich Honeckers Apparat hatte in seiner Endphase dem Chef solch nackte Wahrheiten nicht mehr zumuten m&#246;gen. Da war es kein Wunder, da&#223; auch Angela Merkel bis zum Wahltag mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen rechne­te: »Auf eine klare Niederlage war ich nicht vorbereitet.«</p>
<h6>F&#252;r die DDR im Blick auf sp&#228;tere Einheit gerackert?</h6>
<p>Nun, nach dem Unerwarteten, ist sie aus­erkoren, zusammen mit dem neuen Vor­sitzenden Wolfgang Sch&#228;uble, vier Stell­vertretern, von denen zwei, Volker Ruhe und Norbert Bl&#252;m, ebenso wie Schatz­meister Matthias Wissmann und sie selbst zu Kohls einstiger Ministerriege ge­h&#246;rten, die in 16 Jahren zum Kanzler­wahlverein verengte CDU zu erneuern. Schon das Personal zeigt, da&#223; dabei nicht mehr als ein Schonwaschgang heraus­kommen kann, will man sich selbst nicht &#252;ber Geb&#252;hr na&#223; machen. Entsprechend betonte die neue Generalsekret&#228;rin in ih­ren ersten Stellungnahmen, sie wolle »Zuversicht, Fr&#246;hlichkeit und auch Spa&#223;« vermitteln, eher zusammenf&#252;hren als spalten, Br&#252;cken schlagen. Da&#223; sie Hintzes Rote-Socken-Plakat abh&#228;ngte und sei­ne schwarze Ledersitzgruppe aus dem B&#252;ro entfernte, lie&#223; sie als beinahe revo­lution&#228;ren Umbruch feiern.<br />
Weder f&#252;r Helmut Kohl &#8211; er leitete 1991 mit der Berufung des »M&#228;dchens« zur Ministerin f&#252;r Frauen und Jugend die bundesdeutsche Karriere Angela Mer­kels ein &#8211; noch jetzt f&#252;r Wolfgang Sch&#228;uble waren nur ihre »Quoten«-Eigenschaften ausschlaggebend. Nat&#252;rlich empfanden es beide als hilfreich, f&#252;r wichtige &#196;mter eine Frau aus dem Osten, zudem f&#252;r das Politikgeseh&#228;ft noch relativ jung, pr&#228;sentieren zu k&#246;nnen, doch wich­tiger waren die eher verborgenen Eigen­schaften der promovierten Physikerin.<br />
1954 in Hamburg geboren, wuchs sie im brandenburgischen Templin auf, da ihr Vater eine Stelle als evangelischer Pfarrer in Quitzow annahm. Sie machte das Abitur und studierte in Leipzig Phy­sik. Seit 1978 arbeitete sie als wissen­schaftliche Mitarbeiterin am Zentralin­stitut f&#252;r Physikalische Chemie der Aka­demie der Wissenschaften in Berlin, wur­de dort 1986 auch Frau Doktor.<br />
Weder sie noch ihre Familie fielen durch besondere Distanz zur DDR auf. Von organi­sierter Opposition hielt sich Angela Merkel fern. Pflicht­bewu&#223;t tat sie ihre Arbeit, »rackerte« sogar f&#252;r die DDR, wie sie sp&#228;ter ein­r&#228;umte, nicht ohne eine hellsichtige Be­gr&#252;ndung anzuf&#252;­gen: »Wenn wir nicht rackern, ver­dummen wir, und wenn eines Tages doch die Einheit kommt, dann k&#246;n­nen wir nicht mit­halten.« Erst 1989 stie&#223; sie zum De­mokratischen Auf­bruch, k&#252;mmerte sich um dessen &#214;f­fentlichkeitsarbeit und wurde nach der Bildung der Regie­rung de Maiziere stellvertretende Re­gierungsspreche­rin. Im August 1990 trat sie der CDU bei und orientierte sich nun immer mehr auf G&#252;nter Krause, der ihr als CDU-Vor­sitzender in Mecklenburg-Vorpommern dort einen sicheren Wahlkreis verschaff­te. Sie kam in den Bundestag und ins erste gesamtdeutsche Kabinett.<br />
Helmut Kohl hatte mit sicherem In­stinkt erkannt, da&#223; Angela Merkel Auto­rit&#228;ten loyal zu dienen verstand, ohne zugleich durch &#252;bertriebene Autorit&#228;ts­gl&#228;ubigkeit selbst&#228;ndiger Arbeit ent­w&#246;hnt zu sein. Und er sch&#228;tzte ihre F&#228;­higkeit zum Ausgleich, zur Moderation gegens&#228;tzlicher Ansichten und zum Kom­promi&#223; auf kleinstem Nenner. Er machte sie erst an de Maizieres Stelle zu seiner ersten Stellvertreterin im Parteivorsitz, schickte sie dann in Krauses Nachfolge an die Spitze des mecklenburg-vorpommerschen Landesverbandes und er­nannte sie schlie&#223;lich 1994 zur Umwelt­ministerin. In dieser Funktion entwickel­te sie sich schnell zur Interessenvertre­terin der Industrie, der sie zumeist nur freiwillige Selbstverpflichtungen abver­langte statt &#246;kologische Notwendigkeiten durchzusetzen.<br />
Auch f&#252;r Wolfgang Sch&#228;uble, der kaum etwas anders, dies allerdings besser als Helmut Kohl machen m&#246;chte, ist Angela Merkel die ideale Exekutorin des eigenen Willens. Er will jegliche Unruhe, schon gar radikale Umbr&#252;che in der CDU ver­hindern, die ohnehin kaum noch bewe­gungsf&#228;higen Parteifl&#252;gel auch weiterhin ruhig halten und die nach der Wahlnie­derlage unvermeidliche inhaltliche De­batte unter Kontrolle bringen. Eine Ge­neralsekret&#228;rin, die in der Partei nach eigenem Bekunden eine Familie sieht, der sie vor allem Zusammengeh&#246;rig­keitsgef&#252;hl vermitteln will, ist da ganz nach seinem Geschmack.<br />
Und sie soll ihre Rolle als Vertreterin des Ostens spielen, den die Partei nach den herben Einbr&#252;chen der letzten Jahre unbedingt zur&#252;ckgewinnen mu&#223;, will sie wieder in die N&#228;he der Macht gelangen. Dazu l&#246;ste sich Angela Merkel auch von der arroganten Anti-PDS-Polemik Hintzes, ohne jedoch ein wirksameres Rezept gegen die ostdeutsche Konkurrenz zu fin­den. Sie versprach »eine Orientierung an Sachargumenten in einer harten politi­schen Auseinandersetzung mit der PDS« und bellt doch reflexartig los, wenn sie meint, es sei angesagt. Zwar klingen ihre Verbalinjurien immer ein wenig nach l&#228;­stiger Pflicht&#252;bung, nach »Rackern« zur hundertprozentigen Erf&#252;llung der Er­wartungen einer weiterhin westgepr&#228;g­ten und mithin das Ph&#228;nomen PDS nicht begreifenden Partei, aber ein neues Kon­zept zum Umgang mit der PDS verraten sie nicht.</p>
<h6>Weder Auftrag noch Neigung, Wind zu machen</h6>
<p>Da k&#246;nnte sich die Prophezeiung des Vor­g&#228;ngers vorfristig bewahrheiten. »Nach einem Jahr Merkel werden sie merken, wie gut ich war«, wurde Hintze nach sei­nem Abgang zitiert. Und tats&#228;chlich er­weist sich die Generalsekret&#228;rin eher als »Minimalsekret&#228;rin«, als jemand, der sich vor allem Sorgen darum macht, da&#223; nichts aus dem Ruder l&#228;uft und dabei mi&#223;trauisch darauf achtet, nicht selbst ins Abseits zu geraten. Wie von Sch&#228;uble gew&#252;nscht, verzichtet die CDU auf eine schonungslose Aufarbeitung der Gr&#252;nde f&#252;r den Machtverlust und ersetzt kon­zeptionelle Diskussionen durch aufge­regte Kampagnen wie die Unterschrif­tenaktion gegen die doppelte Staatsb&#252;r­gerschaft oder eine Postkartenaktion ge­gen &#196;nderungen am 630-Mark-Gesetz, die Angela Merkel mit kindlichem Stolz unters Parteivolk tr&#228;gt. Erwartungen, sie w&#252;rde neue Akzente setzen, notwendige Debatten provozieren und nachdr&#228;ngen­de Kr&#228;fte f&#246;rdern, erf&#252;llten sich bisher nicht. Vor dem Erfurter Parteitag erinnert die CDU allzusehr an »Wandrers Nacht­lied«, das Goethe im nahen Ilmenau in den Sinn kam: &#220;ber allen Wipfeln ist Ruh&#8230;<br />
Kein Wunder bei einer Generalsekre­t&#228;rin, die weder den Auftrag noch selbst die Neigung hat, Wind zu machen.</p>
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