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	<title>blogsgesang.de &#187; Sozialismus</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Mit Links gegen Rechts – ein unnat&#252;rliches B&#252;ndnis</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Dec 2011 22:04:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Als Gro&#223;britanniens Premierminister Winston Churchill im M&#228;rz 1946 im amerikanischen Fulton eine Rede hielt, die allgemein als der Beginn des »kalten Krieges« interpretiert wird, stellte er damit die Welt wieder vom Kopf auf die F&#252;&#223;e. Denn es war im Grunde ein zutiefst unnat&#252;rliches B&#252;ndnis, das einige Jahre zuvor als »Anti-Hitler-Koalition« in die Welt trat. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Als Gro&#223;britanniens Premierminister Winston Churchill im M&#228;rz 1946 im amerikanischen Fulton eine Rede hielt, die allgemein als der Beginn des »kalten Krieges« interpretiert wird, stellte er damit die Welt wieder vom Kopf auf die F&#252;&#223;e. Denn es war im Grunde ein zutiefst unnat&#252;rliches B&#252;ndnis, das einige Jahre zuvor als »Anti-Hitler-Koalition« in die Welt trat.<span id="more-3481"></span> Ein B&#252;ndnis, bei dem sich solch klassisch kapitalistische Staaten wie die USA und England, an die Seite ihres eigentlichen Todfeinds, der sozialistischen Sowjetunion, stellten – gegen Deutschland, trotz des irref&#252;hrenden Namens seiner Staatspartei einer der ihren, der den Kapitalismus sogar besonders effizient, wenn auch mitunter zu offen brutal zu verwalten verstand.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Daher brauchte es auch ziemlich lange zu diesem B&#252;ndnis, und auf dem Weg dahin mussten einige aus dem kapitalistischen Lager das Opfer der Unterwerfung unter den St&#228;rksten von ihnen bringen: &#214;sterreich, die Tschechoslowakei, Polen, sogar Frankreich. Diese Nachsicht gegen&#252;ber dem staastlichen Rechtsterrorismus im Herzen Europas beruhte auf einer so klaren wie zutreffenden Erkenntnis: Der Faschismus stellte f&#252;r das kapitalistische System keine Gefahr dar. Ganz im Gegenteil zur sozialistischen Linksdiktatur, die nicht verhehlte, ihn abschaffen zu wollen. Also schien ersterer n&#252;tzlich, um die zweite zu stoppen; man atmete auf, als sich die deutsche Kriegsmaschinereie endlich gen Osten wandte, die Grenzen des Sowjetreichs &#252;berschritt, und sie fand tausende Ausfl&#252;chte, weshalb man dem neuen Opfer nicht zu Hilfe kam.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Stattdessen fanden sofort nach dem deutschen &#220;berfall auf die Sowjetunion britisch-deutsche Geheimverhandlungen statt, denen sich sp&#228;ter auch die USA anschlossen. Lange wurde die Er&#246;ffnung einer zweiten Front im Westen hinausgez&#246;gert, und noch vor Kriegsende, im April 1945, gab Churchill seinem Oberbefehlshaber die Anweisung, deutsche Waffen sicherzustellen, »so dass sie leicht den deutschen Soldaten wiedergegeben werden k&#246;nnten, mit denen wir zusammenzuwirken h&#228;tten, wenn die Sowjets ihren Vormarsch &#252;ber die vereinbarte Demarkationslinie hinaus fortsetzen«.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Erst als sich also abzeichnete, dass die Sowjetunion es m&#246;glicherweise allein schaffen k&#246;nnte, die faschistische Bestie niederzuringen und dadurch territorial wie ideell betr&#228;chtlich an Macht gewinnen w&#252;rde, war aus Sicht des kapitalistischen Westens wirklich Gefahr im Verzuge. Im Sommer 1944 landeten die Westallierten an der franz&#246;sischen K&#252;ste, um europ&#228;isches Gebiet zu sichern und jene Zonen, die unter sowjetische Hrrschaft zu fallen drohten, &#252;berzogen sie mit einem zerst&#246;rerischen Bombardement. Wie ein Trittbrettfahrer verb&#252;ndete man sich jetzt mit dem absehbaren Sieger, um ihm nicht allein das Feld zu &#252;berlassen. Und wendete sich so schnell wie m&#246;glich wieder gegen den kurzzeitigen Verb&#252;ndeten, um ihn zu schw&#228;chen und den gerade noch gemeinsamen Gegner zu st&#228;rken – weil der eben Fleich von ihrem Fleische und Blut von ihrem Blute war.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die darauf folgende Geschichte der Bundesrepublik l&#228;sst sich unschwer als nahtlose Fortsetzung dieses Kurses lesen, ist sie doch gekennzeichnet einerseits vom schonenden Umgang mit Nazikriegsverbrechern und auf der anderen Seite von der w&#252;tenden Verfolgung jeglicher als links verstandener Bewegung. Von der Wiederverwendung eines Hans Globke und Tausender anderer seines Geistes beim Aufbau eines »demokratischen« Deutschland &#252;ber die Reinwaschung der NS-Justiz bis hin zur Kultivierung rechten Gedankenguts als ein Standbein des Adenauerschen Konservatismus reicht die Vers&#246;hnung des bundesdeutschen Kapitalismus mit seinem ungeb&#228;rden Nazi-Kind, das er zwar ein wenig eingehegt hat, ansonsten aber gew&#228;hren l&#228;sst.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ganz im Unterschied zu allem, was als links verd&#228;chtigt wird. Nicht nur wurden 1956 die KPD verboten und die T&#228;tigkeit ihrer Funktion&#228;re r&#252;ckwirkend ab 1951 f&#252;r strafbar erkl&#228;rt, was zu einer Vielzahl von Anklagen und Verurteilungen f&#252;hrte. Auch andere Kritiker der bundesrepublikanischen Entwicklung wurden dem antilinken Feindbild zugeordnet . So der CDU-Politiker Wilhelm Elfes, der Adenauers Politik offen kritisiert hatte und daraufhin als »Dissident« nicht einmal mehr einen Pass bekam, weil er »die innere oder die &#228;u&#223;ere Sicherheit oder sonstige erhebliche Belange der Bundesrepublik Deutschland« gef&#228;hrdete. So Mitglieder des »Westdeutschen Friedenskomitees«, die allein deshalb zu Haft- und Geldstrafen verurteilt wurden, weil in der Organisation auch KPD-Mitglieder mitgearbeitet hatten. Und so der sp&#228;tere Bundespr&#228;sident Gustav Heinemann, der als Innenminister 1950 aus dem Adenauer-Kabinett zur&#252;cktrat, 1952 auch die CDU verlie&#223; und die Gesamtdeutsche Volkspartei gr&#252;ndete und danach von Verfassungsschutz und BND observiert wurde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der <a href="http://www.dw-world.de/dw/article/0,,15596569,00.html" target="_blank"><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/db206dd9dae641d797c3525909ffde04" alt="" width="1" height="1" />gnadenvolle Blick nach rechts</a> und die grelle Ausleuchtung des linken Lagers haben die Zeitl&#228;ufte &#252;berstanden, was sich auch oder gerade nach der Vereinigung der deutschen Staaten nicht &#228;nderte. In diesem Sinne erzogene Politiker, Juristen, Sicherheitsexperten setzten nur fort, was ihre gel&#228;ufige Praxis war: Freiraum nach rechts zu schaffen und zugleich linke Gegenkr&#228;fte politisch, juristisch und polizeilich zu behindern. Sie taten und tun dies, weil sie eine Gefahr f&#252;r ihr Systems zu Recht von rechts nicht bef&#252;rchten, w&#228;hrend sie auf der Linken, wo man die bestehende Gesellschaftsordnung f&#252;r ver&#228;nderbar h&#228;lt und daf&#252;r streitet, die eigentliche Bedrohung ortet.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Minsker Bilder aus New York</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Nov 2011 20:14:31 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Bisher kannte man solche Bilder aus Wei&#223;russlands Hauptstadt Minsk, aus Chinas Gro&#223;st&#228;dten, gelegentlich aus Moskau. J&#252;ngst auch aus Syrien und anderen arabischen L&#228;ndern. Demonstrationen in Europa jedoch sahen lange friedlich aus – und in den USA erst recht. Damit ist es vorbei. Brutal pr&#252;gelnde Polizisten<span id="more-3351"></span> sieht man inzwischen in Athen, in Madrid, in Rom, dieser Tage vor allem in New York, von der<a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/polizei-raeumt-occupy-lager-ende-der-schonzeit-1.1189207-11" target="_blank"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/bbc93352e6fe4f08b76a8d37681c4e56" alt="" width="1" height="1" /> Vertreibung, der Occupy-Aktivisten</a>. Die Bilder aus den selbsternannten »Demokratien« &#228;hneln jenen aus diktatorischen Staaten immer mehr – mit einem Unterschied: Wurden sie bei anderen begeistert begr&#252;&#223;t und von Aufforderungen an deren Herrscher begleitet, solche gravierenden Menschenrechtsverletzungen sofort einzustellen, gar zur&#252;ckzutreten, werden die Demonstranten im eigenen Haus <a href="http://www.welt.de/politik/ausland/article13724334/Die-Occupy-Bewegung-ein-Scherbenhaufen.html?wtmc=google.editorspick" target="_blank">diffamiert, kriminalisier</a>t, in die N&#228;he von Terrorismus ger&#252;ckt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zwei Erkenntnisse sind daraus zu gewinnen. Erstens: Alle Machthaber sind sich gleich, wenn sie ihre Machtbasis bedroht sehen. Solange die Herrschaftsstrukturen funktionieren, kann man die Z&#252;gel locker lassen. Dann kann jeder sagen, was er will – ohne je eine Reaktion zu h&#246;ren. Dann kann er auch demonstrieren, in geh&#246;rigem Abstand zu den Machtzentralen. Und er kann alle vier Jahre seine Stimme der einen oder anderen Partei geben; danach bauen diese ihre Regierungen so zusammen, dass sich grunds&#228;tzlich nichts &#228;ndert. &#220;berschreitet jedoch der vorgeblich m&#252;ndige B&#252;rger Grenzen, die nicht er zog, sondern die Regierenden, ohne ihn nach seiner Meinung dazu zu fragen, bekommt er es schnell mit den Machtinstrumenten zu tun, der Polizei, den Geheimdiensten, der Justiz. Und zwar dann, wenn es ernst wird, &#252;berall in der gleichen brutalen Weise.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und zweitens: In diesem Ernstfall zeigt sich schnell, wo die wirkliche Macht sitzt. Es k&#246;nnen einzelne Usurpatoren sein, die – wie zum Beispiel in der arabischen Welt – nur das eigene Gesetz gelten lassen wollen und jede Abweichung davon als Bedrohung empfinden. Es k&#246;nnen – man erinnere sich an die L&#228;nder des »realen Sozialismus« – so genannte avantgardistische Parteien sein, die aus ihrer Ideologie einen absoluten Wahrheitsanspruch ableiten und jeden als Feind betrachten, der etwas anderes denkt und vielleicht sogar laut sagt. Beides findet man bei jenen, die sich zu den westlichen Demokratien z&#228;hlen, nur noch ausnahmsweise, und folglich gehen die Regierungen mit Widerspruch gegen das eigene Tun oft einigerma&#223;en tolerant um. Aber nerv&#246;s werden sie dann, wenn sich der Protest gegen die eigentlichen Herrscher in ihrer Welt richtet – gegen das Kapital, gegen entfesselte Banken und Unternehmen, die im Manchester-Kapitalismus ihr Leitbild sehen. Dann erf&#252;llt die Politik ihren Auftrag, <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/nach-raeumung-des-protestcamps-polizei-occupiert-die-boerse-1.1192727" target="_blank">diese Machtbastionen mit allen Mitteln zu sch&#252;tzen</a> – wie die Usurpatoren ihre pers&#246;nlichen Pfr&#252;nden und die Staatsparteien ihre diktatorischen F&#252;hrungsstrukturen. Dann ist sie in der Wahl ihrer Mittel so wenig w&#228;hlerisch wie jene, denen sie sich so gern haushoch &#252;berlegen f&#252;hlt. Dann sendet sie unger&#252;hrt aus New York Bilder, die sie in Minsk eben noch mit heiliger Emp&#246;rung bedacht hatte.</p>
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		<title>Kapitalismus vor dem »Mauerfall«</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Nov 2011 19:30:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Das Bild mag simpel sein, aber dennoch ist es nicht falsch: Wenn im Boxkampf der eine nach hartem Schlag pl&#246;tzlich zu Boden geht, kann es dem anderen passieren, dass er in seinem Eifer zu schwungvoll nachsetzt und dar&#252;ber selbst zu Fall kommt. Genau das passiert derzeit – im &#252;bertragenen Sinne – mit dem kapitalistischen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Das Bild mag simpel sein, aber dennoch ist es nicht falsch: Wenn im Boxkampf der eine nach hartem Schlag pl&#246;tzlich zu Boden geht, kann es dem anderen passieren, dass er in seinem Eifer zu schwungvoll nachsetzt und dar&#252;ber selbst zu Fall kommt. Genau das passiert derzeit – im &#252;bertragenen Sinne – mit dem kapitalistischen System, das sich schon so sehr als sicherer Sieger f&#252;hlte<span id="more-3339"></span> und jetzt erkennen muss, dass es ohne ebenb&#252;rtigen Gegner selbst ins Straucheln kommt.</p>
<p>In ihrem Feuilleton hat die Berliner Zeitung k&#252;rzlich <a href="http://www.berliner-zeitung.de/kultur/essay-wir-sind-zunaechst-am-ende,10809150,11103754.html" target="_blank">»die Finanzm&#228;rkte und die Neuen Medien, die globale Migration und die &#246;kologische Katastrophe«</a><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/8facae6fff9b4d23a04391d1f5d10ef9" alt="" width="1" height="1" /> als die gr&#246;&#223;ten Herausforderungen dieser zeit genannt, mit denen der Kapitalismus ganz allein fertig werden muss und Misserfolge nicht mehr auf das Wirken eines ideologischen Widerparts schieben kann. Dabei &#252;bersieht das Blatt freilich, dass sich das kapitalistische System diese Herausforderungen selbst erschaffen hat. Die Finanzm&#228;rkte entkoppelten sich von der Realwirtschaft, das ungebremste Profitstreben ist wesentliche Ursache sowohl der globalen Migration als auch der drohenden &#246;kologischen Katastrophe. Und beschleunigt wurden diese Prozesse durch eine im Grunde positive Errungenschaft des Kapitalismus – die neuen, schnellen, weltumspannenden Medien. Auf diese Entwicklungen in ihrer Komplexit&#228;t findet der Kapitalismus keine Antwort mehr. Vielmehr greift er nach L&#246;sungen aus anderen Gesellschaftssystemen, aus solchen, die er gerade noch vehement bek&#228;mpfte.</p>
<p>So wie China nach 1989 aus der Krise des Sozialismus fand, indem es ohne Aufgabe des autorit&#228;ren Staatssystems kapitalistische Wirtschaftsprinzipien anwandte, so versucht die Europ&#228;ische Union heute die Krise des Kapitalismus zu bew&#228;ltigen, indem sie, ohne die kapitalistische Wirtschaftsweise – auch in ihren zerst&#246;rerischen Auspr&#228;gungen, aufzugeben, autorit&#228;re Herrrschaftsformen einsetzt. Sie geriert sich als Zaubermeister, der der Wasserflut durch ein energisches »In die Ecke, Besen, Besen &#8230;« Herr zu werden vermag. In China konnte das Experiment im Sinne der dortigen F&#252;hrung gelingen, nicht zuletzt wegen der fehlenden demokratischen Tradition.</p>
<p>In Europa wird es gerade wegen dieser Tradition zum Scheitern verurteilt sein – ob nun die Europ&#228;er der autorit&#228;ren Zumutung widerstehen oder nicht. Denn Letzeres w&#228;re nichts anders als der »Mauerfall« des kapitalistischen Systems; es verl&#246;re seine letzte Bindekraft. Es w&#228;re ein Mauerfall nicht nur im &#252;bertragenen, sondern auch im direkten Sinn, fiele doch die Brandmauer, die den Kapitalismus mit den demokratischen Grunds&#228;tzen eingezogen wurde, um ihn vor einem &#220;bergang in die Diktatur zu bewahren, die in einem auf ungerecht verteiltem Eigentum beruhenden System immer angelegt ist. Ohne Demokratie mutiert Kapitalismus zwangsl&#228;ufig zur Diktatur, wie bereits schrecklich bewiesen wurde.</p>
<p>Un&#252;bersehbar sind einige Parallelen von heute <a href="http://www.berliner-zeitung.de/magazin/weimarer-republik-krise--schulden-und-ein-staatsbankrott,10809156,11099826.html" target="_blank">zu den 1930er Jahren</a>, als schon einmal eine verfehlte, auf Profitmaximierung ausgerichtete Wirtschaftspolitik der Humus f&#252;r autorit&#228;re L&#246;sungen wurde. Zwar fehlt heute eine diktatorisch gesinnte Partei, die zur Macht&#252;bernahme bereit steht, doch l&#228;sst sich Abkehr von der Demokratie auch als schleichender, vorgeblich alternativloser Prozess gestalten – in den Worten Angela Merkels als <a href="http://www.nachdenkseiten.de/?p=10611" target="_blank">»marktkonforme Demokratie«</a>.</p>
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		<title>Das Elend der Kapitalismus-Gl&#228;ubigen</title>
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		<pubDate>Sun, 30 Oct 2011 18:09:50 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[(pri) In Madrid wurden 300 000 gez&#228;hlt, in Rom 200 000. Tausende gingen auch in London, Berlin Lissabon und zahlreichen anderen St&#228;dten Europas auf die Stra&#223;en. In New York harren Tausende im Zuccotti-Park aus. Eine ungeahnte Welle antikapitalistischen Protestes rollt vor allem durch die westliche Welt. Und gleichzeitig kommen von dort immer &#246;fter Bilder, wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) In Madrid wurden 300 000 gez&#228;hlt, in Rom 200 000. Tausende gingen auch in London, Berlin Lissabon und zahlreichen anderen St&#228;dten Europas auf die Stra&#223;en. In New York harren Tausende im Zuccotti-Park aus. Eine ungeahnte Welle antikapitalistischen Protestes rollt vor allem durch die westliche Welt. Und gleichzeitig kommen von dort immer &#246;fter Bilder, wie sie bisher nur aus Minsk, Peking oder Moskau verbreitet wurden: Schwerbewaffnete Polizisten jagen junge Demonstranten, sto&#223;en sie zu Boden, verfrachten sie in Polizeiautos. Ein Demonstrant im US-amerikanischen Oakland wurde lebensgef&#228;hrlich verletzt. Eine friedliche Revolution – diesmal gegen ihn – will der Kapitalismus nicht zulassen.<span id="more-3329"></span></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zwar glauben Politiker wie ihre medialen Bataillone noch immer, sie k&#246;nnten den Protest mit erprobten Mitteln kanalisieren, indem sie ihn bagatellisieren und vereinnahmen. Wie stalinistische Betonkopfe halten die heutigen Systemapologeten an ihrem unverbr&#252;chlichen Glauben fest, dass der Kapitalismus gar nicht schlecht sein kann, sondern nur von einigen seiner Vertreter schlecht verwaltet wurde. »Es waren Dummheit und Gier, Inkompetenz, Kurzsichtigkeit und Arroganz, es waren Banker, denen man noch nicht einmal B&#246;sartigkeit unterstellen kann. Sie hatten nur keine Ahnung, was sie da taten«, kopiert die <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kapitalismus/legitimationsprobleme-der-banker-es-war-dummheit-11501646.html" target="_blank"><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/40180675e8f14e69bb624c9583467fa4" alt="" width="1" height="1" />»Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« (FASZ) </a>die unbelehrbaren Genossen des sp&#228;ten Sozialismus.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und wie diese vor den politisch-ideologischen Diversanten warnten, verteufelt sie die heute anders Denkenden. Man k&#246;nne »getrost das Parteiprogramm der Linken vergessen und sollte auch nicht zuh&#246;ren, wenn SPD und Gr&#252;ne nur ihre Ressentiments auf den neuesten Stand bringen«. Genau dies taten dann <a href=" http://www.n-tv.de/politik/Linke-bringt-Bundestag-um-den-Verstand-article4632566.html" target="_blank">Union und FDP im Bundestag</a> bez&#252;glich der Linkspartei – nur weil sie gerade ein Programm verabschiedet hatte, das zur gegenw&#228;rtigen Krisenlage mehr bereit h&#228;lt als nur das Prinzip Hoffnung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Kl&#252;gere heucheln Verst&#228;ndnis f&#252;r die Protestler, was freilich auf deren verst&#228;ndliche Skepsis st&#246;&#223;t. Die Demonstranten begreifen, dass hinter dem Schulterklopfen, der Umarmung gar die Absicht des Weiter-so steht, das man sich nicht st&#246;ren lassen will. Von »der Verw&#228;sserung der Protestbewegung« spricht <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/occupy-wall-street-streit-lasst-euch-nicht-umarmen-1.1174532" target="_blank">Slavoj Žižek in der »S&#252;ddeutschen Zeitung«</a>: »So, wie man uns Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol und Eiscreme ohne Fett vorsetzt, werden die M&#228;chtigen versuchen, die Proteste als harmlose, moralistische Bewegung abzutun.« Obamas Verweis auf die angebliche N&#228;he seiner Politik zu den Forderungen der Demonstranten, Merkels »Verst&#228;ndnis« f&#252;r ihre Unzufriedenheit, das pl&#246;tzliche Haut-die Banken all jener, die sie im gleichen Atemzug als »systemrelevant« bezeichnen (was insofern stimmt, als sie ihr vorgeblich alternativloses kapitalistisches System meinen) – all das zielt auf Entwaffnung einer Bewegung, die zugleich kompromisslos mit den Repressivwaffen des Systems bek&#228;mpft wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Mit faktengest&#252;tzten Argumenten kann der Kapitalismus l&#228;ngst nicht mehr &#252;berzeugen; schon gar nicht, wenn es um die Gestaltung der Zukunft geht. Denn Weitsicht und daraus resultierende Nachhaltigkeit sind seine Merkmale nicht. Er ist ganz und gar auf den schnellen und m&#246;glichst gro&#223;en Gewinn orientiert, dem ordnet er sein gesamtes Handeln unter. Folgerichtig l&#228;sst er sich auch nur durch harte Tatsachen bremsen. Indem er zum Beispiel gegen die Wand einer Realit&#228;t f&#228;hrt, die er einfach nicht einkalkulierte, weil sie in seinem System nicht vorgesehen ist. Dann ist der Crash unausweichlich, dessen Aufprall zwar inzwischen Airbags und Knautschzonen zu mildern verm&#246;gen, ohne ihn freilich kl&#252;ger und vorsichtiger zu machen, eher noch risikofreudiger.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die einzige Realit&#228;t, die dem Kapitalismus ein gewisses Ma&#223; an Vernunft aufzwang, war paradoxerweise der reale Sozialismus; mit seinem Verschwinden war die Bahn wieder frei f&#252;r die einfachen Instinkte, die schon Marx gekannt hatte: »Das <a href="http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/profit/profit.htm" target="_blank">Kapital hat einen horror vor Abwesenheit von Profit</a> oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital k&#252;hn. Zehn Prozent sicher, und man kann es &#252;berall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; f&#252;r 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fu&#223;; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&#196;hnlich irrational nat&#252;rlich auch der Kampf gegen all jene, die dieses unbedingte Profitprinzip in Frage stellen. So unausrottbar, wie im Sozialismus-System die Angst vor imperialistischer Konterbande war, so unausrottbar ist heute, nach einer kurzen Periode des Siegestaumels, in der man jede antikapitalistische Alternative schon auf dem M&#252;llhaufen der Geschichte w&#228;hnte, die neue Angst vor Andersdenkenden, die im Kapitalismus immer weniger das historische Nonplusultra sehen, sondern nach neuen gesellschaftlichen Entw&#252;rfen suchen und dabei auch fr&#252;here, gescheiterte Konzepte erneut auf den Pr&#252;fstand stellen, um zu sehen, woran es lag und was man daraus lernen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die treuen Gl&#228;ubigen des Kapitalismus haben dem nichts entgegenzusetzen als totale Verunsicherung. Und so finden sich in der schon genannten FASZ auf der gleichen Seite zum einen die Beschw&#246;rung, nicht etwa den Schluss zu ziehen, »dass man den Kapitalismus abschaffen m&#252;sse. Sondern dass er dringend gerettet werden sollte« und zwar mittels »einer einmaligen <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/staatsressource-privatvermoegen-sagt-die-wahrheit-11501648.html" target="_blank">Wohlstandsabgabe auf Verm&#246;gen und Immobilie</a>n irgendwo zwischen zwanzig und drei&#223;ig Prozent« und zum anderen das Eingest&#228;ndnis, dass sich Staaten und Finanzkapital »einander entsicherte Handgranaten zuspielen«. Mehr noch: »Was sich gegenw&#228;rtig Politik nennt, ist also nichts anderes als das Weiterreichen von Zeitbomben, deren Ausl&#246;sezeitpunkt niemand kennt. Es k&#246;nnte in Jahren sein oder heute Nachmittag.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Beides ein deutliches, wenngleich ungewolltes Pl&#228;doyer f&#252;r die Fortsetzung und Verst&#228;rkung des B&#252;rgerprotestes gegen solchen Wahnsinn.</p>
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		<title>Die Piraten k&#246;nnen den Kapitalismus herausfordern</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Sep 2011 20:18:39 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[(pri) Wieder einmal haben die gern hochgelobten »Qualit&#228;tsmedien« einen Trend verschlafen. Sie jedenfalls haben das Aufkommen einer neuen Partei, der »Piraten«, nicht kommen sehen, obwohl es seit Monaten daf&#252;r deutliche Anzeichen gab und zuletzt auch die Meinungsforscher f&#252;r die Berliner Wahlen ihren kometenhaften Aufstieg voraussagten. Dennoch dr&#228;ngten sich die Journalisten wie gehabt am Wahlabend bei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Wieder einmal haben die gern hochgelobten »Qualit&#228;tsmedien« einen Trend verschlafen. Sie jedenfalls haben das Aufkommen einer neuen Partei, der »Piraten«, nicht kommen sehen, obwohl es seit Monaten daf&#252;r deutliche Anzeichen gab und zuletzt auch die Meinungsforscher f&#252;r die Berliner Wahlen ihren kometenhaften Aufstieg voraussagten. <span id="more-3285"></span>Dennoch dr&#228;ngten sich die Journalisten wie gehabt am Wahlabend bei den Etablierten und beginnen nur langsam ein Ph&#228;nomen zu begreifen, das – mehr noch als einst die Gr&#252;nen – das Potenzial hat, diese Republik zu ver&#228;ndern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Alle, die jetzt die <a href="http://www.stern.de/politik/deutschland/berliner-wahlsieger-die-piraten-von-a-bis-z-1729619.html" target="_blank">Piraten</a><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/1464a833129d4a3d8293184b67cf9783" alt="" width="1" height="1" /> als Anf&#228;nger, pubert&#228;re Spinner, kindische Spa&#223;partei zu diffamieren versuchen, waren gestern &#252;brigens noch jene, die die derzeitige Regierungskoalition als unf&#228;hig, dilettantisch, konzeptionslos schm&#228;hten und verzweifelt nach neuen politischen Kr&#228;ften riefen und damit doch nur, wie sich jetzt zeigt, die alten meinten – weil sie sich gar nicht vorstellen k&#246;nnen, dass tats&#228;chlich eine neue Kraft die B&#252;hne zu betreten in der Lage ist. Sie haben einfach nicht begriffen, dass gerade die Unf&#228;higkeit der etablierten Politik, ihr Primat gegen&#252;ber der Wirtschaft, vor allem dem Finanzkapital, durchzusetzen, die W&#228;hler frustriert. Immer wieder wird ihnen nur eine Spielart des Kapitalismus angeboten, eine immer schlimmer als die andere; sie sehnen sich nach einer Alternative und w&#228;hlen, sofern sie nicht gleich zu Hause bleiben, unkonventionell, eine Partei, die alles anders zu machen verspricht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Vor diesem Hintergrund war es nur eine Frage der Zeit, dass nun auch f&#252;r das Prekariat – wie einst f&#252;r das Proletariat – eine Partei ins Rampenlicht tritt, die sich um seine Interessen k&#252;mmert. Und es verwundert nicht, dass intellektuelle Vordenker diese Aufgabe &#252;bernehmen; sie sind dem Prekariat nur zum Teil zuzurechnen, stehen dabei durchaus f&#252;r B&#252;rgerlichkeit, allerdings eine progressive B&#252;rgerlichkeit, die im verkrusteten Parteieinstaat l&#228;ngst verloren gegangen ist. Nicht zuf&#228;llig sagte <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0919/politik/0014/index.html" target="_blank">Gerhard Anger, Berlins Landesvorsitzender der Piraten</a>, am Wahlabend: »Wir sind jetzt die st&#228;rkste liberale Partei in Berlin.« Weil das so ist, denken sie zugleich sozial, emanzipatorisch, parit&#228;tisch, in Teilen sogar konservativ. Gerade das aber, die Inkompatibilit&#228;t der Partei mit der politischen Ges&#228;&#223;geografie, ist das Neue an den Piraten und mithin ihre St&#228;rke.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das meint freilich keine Beliebigkeit; es ist vielmehr ein sehr moderner, verantwortungsbewusster Freiheitsbegriff, von dem die Piraten ausgehen. Was die Linke bisher nicht zusammenbrachte, n&#228;mlich das Soziale und das Libert&#228;re, findet zur Einheit. Insofern muss es der Linkspartei schon zu denken geben, wie die Piraten gerade auch mit sozialen Forderungen bei den W&#228;hlern punkteten, die aus ihrem ureigenen Arsenal stammen, aber von ihr nicht durchgesetzt wurden, weil ihr der Machterhalt am Ende wichtiger war als die Interessen ihrer Klientel.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es sind soziale Forderungen, die auch die Kernfragen der sozialistischen Idee waren: Wie gerecht ist das Eigentum verteilt? Und darf der Besitzer von Eigentum den alleinigen Nutzen daraus ziehen oder ist er nicht angehalten, diesen Nutzen mit anderen zu teilen? Es sind also im Grunde »alte« Fragen, die der Kapitalismus mit seinem Entstehen aufwarf und die mit dem Untergang der sozialistischen Alternative nicht erledigt, da nicht beantwortet sind. Jetzt kommen sie wieder auf die Tagesordnung, und das unter den neuen technischen und technologischen Bedingungen, die auch ganz neue M&#246;glichkeiten einer gerechten Umverteilung des jetzt in den H&#228;nden weniger konzentrierten gesellschaftlichen Reichtums er&#246;ffnen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Weil das die Piraten – wie diffus vorerst auch immer – artikulierten, zogen sie von allen Parteien, die bei den W&#228;hlern irgendwie links verortet werden, <a href="http://www.morgenpost.de/printarchiv/politik/article1768259/Piraten-koennen-21-000-Nichtwaehler-mobilisieren.html" target="_blank">Stimmen ab und reaktivierten sogar einen Teil der Nichtw&#228;hler</a>, die sich von der Politik eigentlich schon abgewandt hatten. Welch ein Zeichen der Sehnsucht nach einem anderen Weg als dem des heutigen deformierten Kapitalismus! Auch er war als Gesellschaftsmodell einmal fortschrittlich, und auch er bediente sich mit dem Buchdruck einer neuen Kommunikationsform, die Massen zu mobilisieren vermochte. Jetzt ist es das Internet, das diesbez&#252;glich eine neue Qualit&#228;t schafft – vielleicht auch f&#252;r einen neuen Gesellschaftsentwurf.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Beschreiten die Piraten diesen Weg, sch&#228;rfen sie ihr bereits im Umrissen erkennbares diesbez&#252;gliches Profil, haben sie alle Chancen, als neue progressive politische Kraft zu re&#252;ssieren und damit sowohl die schon lange ins Establishment abdriftenden Sozialdemokraten und Gr&#252;nen als auch die ihnen auf diesem Weg folgende Linkspartei konzeptionell hinter sich zu lassen. Sie haben das Zeug zu einer unideologischen Bewegung, unbelastet von Vergangenheitsdebatten, praktisch vorangetrieben durch die sich rasant entwickelnden technischen M&#246;glichkeiten des Digital-Zeitalters und theoretisch fundiert durch eine daher auf immer neue Bereiche ausgreifende Netzkultur.</p>
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		<title>Warum Nazi-Diplomaten die Bundesrepublik besser repr&#228;sentieren als SED-Funktion&#228;re</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Oct 2010 20:26:38 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>&#220;berraschend ist nicht, dass sich das deutsche Ausw&#228;rtige Amt vom Machtantritt Hitlers an uneingeschr&#228;nkt in die nationalsozialistische Politik einordnete – einschlie&#223;lich der Politik des Krieges und der Massenvernichtung ihrer Gegner, besonders der Juden. Eben sowenig erstaunt, dass all diese formellen oder informellen PGs nach dem Krieg ihr verbrecherisches Tun zu verschleiern suchten, um ihre Karriere im »demokratischen« Deutschland bruchlos fortsetzen zu k&#246;nnen. <span id="more-2021"></span>Was an der jetzt keineswegs erstmals bekannt gewordenen, doch endlich ins &#246;ffentliche Bewusstsein ger&#252;ckten aktiven <a href="http://www.faz.net/s/RubB8A1F85C9BA549618318CE82246337B9/Doc~E89357E0BDE7241F1896FBA8C64101185~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/20c1ca59fecb4ec2b0439daeba00a846" alt="" width="1" height="1" />Mitt&#228;terschaft deutscher Diplomaten an den nationalsozialistischen Verbrechen</a> allerdings verwundert, ist die Sch&#252;tzenhilfe, die die T&#228;ter jahrzehntelang in der Bundesrepublik genie&#223;en konnten, ist der Schutzschirm, den &#252;ber sie Politiker – gleich welcher Couleur – zuverl&#228;ssig aufspannten.</p>
<p>Es begann mit Adenauer, der das Wort pr&#228;gte, wer kein sauberes Wasser habe, werde das schmutzige nicht weg sch&#252;tten. Damit rechtfertigte er die Weiterverwendung von Tausenden NSDAP-Mitgliedern in &#246;ffentlichen &#196;mtern der jungen Bundesrepublik, das neu gegr&#252;ndete Ausw&#228;rtige Amt eingeschlossen. Die anf&#228;ngliche Verunsicherung der ihrer Verbrechen durchaus bewussten Nazi-Diplomenten legte sich schnell, als sie merkten, dass weder die neue deutsche Regierung noch die westlichen Alliierten ihnen am Zeuge flicken wollten; bald wurden sie sogar so dreist, dass sie eine »Zentrale Rechtsschutzstelle« gr&#252;ndeten, die vor allem eine Aufgabe hatte: belastete Nazis vor Verfolgung im Ausland zu sch&#252;tzen, darunter auch solche Massenm&#246;rder siw Klaus Barbie und Kurt Lischka. Alle folgenden Au&#223;enminister, der Sozialdemokrat Brandt wie etliche Freidemokraten, tolerierten solchen T&#228;terschutz; sie belie&#223;en die Belasteten nicht nur in ihren &#196;mtern, sondern erm&#246;glichten ihnen neue Karrieren und ehrten sie mit reinwaschenden Nachrufen.</p>
<p>Ganz anders verfuhren sie freilich mit Gegnern das Nazi-Regimes. Widerst&#228;ndler hatten weder in der 50er Jahren noch danach eine Chance, im diplomatischen Dienst dieses Landes Karriere zu machen. Sie wurden lange gar als Verr&#228;ter angesehen und aus allen wichtigen &#196;mtern ferngehalten. Hans-Dietrich Genscher, Au&#223;enminister von 1974 bis 1992, war zwar nach den Balkan-Kriegen einer der gl&#252;hendsten Verfechter der Jagd auf dortige Kriegsverbrecher und ihre Aburteilung durch internationale Gerichte, doch die riesigen Balken im eigenen Auge hatte er nie wahrhaben wollen. Genscher war es auch, der nach 1989 keinem einzigen DDR-Diplomaten die &#220;bernahme ins Ausw&#228;rtige Amt erm&#246;glichte, obwohl keiner von ihnen Blut an den H&#228;nden hatte – wie sehr wohl einige der von ihm zuvor ge- und bef&#246;rderten Nazi-Diplomaten. Man sprach damals davon, alte Fehler nicht wiederholen zu wollen, setzte sie aber in Wirklichkeit fort. Denn w&#228;hrend die DDR-Diplomaten wie SED-Funktion&#228;re generell ausgegrenzt wurden, blieben die Nazis, sofern sie nicht gestorben waren, auch jetzt noch auf ihren Posten, und die Verblichenen erhielten den ultimativen Persilschein in Form eines Nachrufs, der ihre »Verdienste um die Bundesrepublik« w&#252;rdigte. Das Wort eines hohen Repr&#228;sentanten des NS-Regimes, er sei auf seinem Posten geblieben, um das Schlimmste zu verhindern, wurde stets unhinterfragt akzeptiert, die analoge Rechtfertigung eines SED-Funktion&#228;rs in der DDR, ganz gleich auf welcher Ebene, hingegen hohnlachend zur&#252;ckgewiesen.</p>
<p>Es bedurfte erst eines gr&#252;nen Au&#223;enministers, der eher zuf&#228;llig auf die sorgf&#228;ltig gekn&#252;pfte Seilschaft stie&#223; und dann noch reichlich zu tun hatte, ihr engmaschiges Netz zu zerrei&#223;en. Er veranlasste eine historische Untersuchung der Vergangenheit des Ausw&#228;rtigen Amtes, deren Resultat nun als das Buch »Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik« vorliegt. Gleichwohl ist auch jetzt der Kampf noch nicht beendet. Zwar d&#252;rfte es den »Mumien«, wie die Alt-Nazis im AA genannt werden, schwer fallen, die unbestechlichen Fakten zu bestreiten, doch werden insofern Nebelkerzen geworfen, als man den Skandal auf ein »falsches Eliteverst&#228;ndnis« schiebt, auf das Versagen einiger weniger, w&#228;hrend ansonsten die Bundesrepublik die Lehren aus der Geschichte gelernt habe.</p>
<p>Tats&#228;chlich jedoch entbehrt der Vorgang nicht seiner Logik. Die Nationalsozialisten waren schlie&#223;lich keine Sozialisten. Sie wollten den Kapitalismus nie abschaffen, sondern bek&#228;mpften besonders brutal seine Gegner. Weil das so war, fanden die b&#252;rgerlichen Funktionseliten der Weimarer Zeit auch nichts dabei, das NS-Regime, das die drohende Gefahr eines kommunistischen Umsturzes und damit des Verlustes ihres Eigentums, ihrer Machtposition, wohl auch ihrer hervorgehobenen beruflichen Stellung abzuwenden versprach, umstandslos zu dienen, alle seine Befehle, einschlie&#223;lich jener des V&#246;lkermords, treu zu befolgen. Sie fanden sogar nichts dabei, wie <a href="http://www.faz.net/s/RubB8A1F85C9BA549618318CE82246337B9/Doc~EA94AE0BF2DA54254A788103BE40C4715~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung</a> schreibt, »sich aus eigenem Antrieb und nicht nur auf h&#246;heren Befehl in fast allen Abteilungen der Vernichtungspolitik Hitlers« anzuschlie&#223;en. Hintergrund war nicht nur, wie <a href="http://www.faz.net/s/RubB8A1F85C9BA549618318CE82246337B9/Doc~E8BEFFDFE47F74ABBB576EEB144EB257E~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Eckart Conze, einer der Autoren des Buches</a>, an gleicher Stelle vermerkt, die »Teilidentit&#228;t der Ziele zwischen Diplomatenkreisen und dem NS-Apparat« hinsichtlich der »Sprengung der Ketten von Versailles«, der »Wiederherstellung der Deutschen Reiches als Gro&#223;macht, ja als europ&#228;ische Hegemonialmacht«, also blanker Imperialismus. Hintergrund waren auch soziale Widerspr&#252;che, die Conze hier am »traditionellen Oberschichten-Antisemitismus« festmacht, »der sich nicht zuletzt auf Ostjuden bezog, der aber auch den hohen Anteil von Juden in bestimmten gesellschaftlichen F&#252;hrungspositionen, in den Medien, in Kunst und Kultur, im Finanzsektor, kritisierte«.</p>
<p>Sehr &#252;berzeugend arbeitet Schirrmacher die geistige Kontinuit&#228;t heraus, die den Beamtenapparat des faschistischen Deutschlands nahtlos in den Beamtenapparat der Bundesrepublik &#252;bergehen lie&#223;: »&#8230; das ist kein nationalsozialistisches Gedankengut, das da &#252;ber 1945 weitertransportiert wird, und auch keine Verschw&#246;rung, um Hitler oder Ribbentrop zu rehabilitieren. Darum ging es nie &#8230; Es ging im Kern nicht um Revision oder Restauration. Dieser Apparat hat bis zum Ableben einer ganzen Generation bis in die neunziger Jahre vergangenheitspolitisch nur den einen Antrieb: dass er nicht repariert werden muss, weil niemals etwas falsch gemacht wurde«.</p>
<p>Damit ist er tats&#228;chlich beim Kern: dass niemals etwas falsch gemacht wurde. Der Nationalsozialismus war eben Fleisch vom Fleische des kapitalistischen Systems, wenn auch besonders stinkendes, was aber seine Ausbreitung nicht verhinderte. Im Gegenteil. Klaglos machten sich Millionen Deutsche, und die b&#252;rgerlichen Eliten an erster Stelle, nicht nur zu Komplizen der Nationalsozialisten, sondern integrierten sich bewusst in das durch diese besonders effizient gemachte und damit zugleich pervertierte System. Und ebenso klaglos schwenkten sie 1945 um, um in ein neues System zu schl&#252;pfen, das wenigstens eins nicht wollte – das kapitalistische System beseitigen. Das war der Gr&#252;ndungskonsens der Bundesrepublik; daf&#252;r hatte sie das Plazet der westlichen Alliierten. Den Kollateralnutzen f&#252;r alte Nazis glaubte man dabei verschmerzen zu k&#246;nnen. Conze verschweigt das nicht: »Auch der Kalte Krieg spielt eine wichtige Rolle, der die Kontinuit&#228;t antikommunistischer &#220;berzeugungen erlaubte, ja verlangte, und zugleich den Hintergrund bildete f&#252;r eine zun&#228;chst politische, sp&#228;ter auch ideelle Westorientierung«.</p>
<p>So weitgehende Zusammenh&#228;nge sieht Schirrmacher freilich nicht, noch weniger jenen von der Bundesrepublik als systemkonformem Nachfolger des Nazi-Regimes. Dennoch gibt es da Vergleichbarkeit, die keine Gleichsetzung ist – ganz im Unterschied zum Umgang mit der DDR, bei der aus der Vergleichbarkeit diktatorischer Merkmale sogleich die Gleichsetzung abgeleitet wird. Nat&#252;rlich ist die Bundesrepublik in keinem seiner Wesensmerkmale und Erscheinungen ein faschistischer Staat – und doch geh&#246;rt zu ihr geradezu gesetzm&#228;&#223;ig, dass Nazi-Diplomaten sie allemal besser repr&#228;sentieren als SED-Funktion&#228;re. Was hier wie eine polemische Bemerkung klingen mag, ist in Wirklichkeit ihr eigenes Selbstverst&#228;ndnis, das nicht nur im Umgang mit den DDR-Eliten zum Ausdruck kam, sondern eben auch in den offenen Armen f&#252;r Verbrecher, wenn sie nur auf der richtigen Seite standen. Und eben auch in der Ausgrenzung nicht nur der systemkritischen Widerst&#228;ndler zum Nationalsozialismus, die sich – noch einmal Schirrmacher – darin zeigte, dass keiner von ihnen »an verantwortliche Stelle zur&#252;ckkehrte, ja viele um ihre Rentenanspr&#252;che k&#228;mpfen mussten«.</p>
<p>Dieser fatale Zusammenhang wird weiterhin verschleiert.Vorsorglich ruft Schirrmacher <a href="http://www.faz.net/s/RubB8A1F85C9BA549618318CE82246337B9/Doc~E571913A5840145A7959CF3D2FE0FBE5B~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Joschka Fischer zum Kronzeugen </a>daf&#252;r auf, dass es zwar eine Kontinuit&#228;t vom NS-Regime zur Bundesrepublik gegeben habe, die aber nicht ideologisch gewesen sei – und der tappt wohl nicht ungern in die Falle; schlie&#223;lich geh&#246;rt auch er mit den Gr&#252;nen inzwischen zweifellos zum b&#252;rgerlichen Establishment, das mit Systemver&#228;nderung nichts im Sinn hat. So erfolgt auf die Frage nach den wirklichen Ursachen f&#252;r die genannte Kontinuit&#228;t zwischen Nationalsozialismus und demokratischem Rechtsstaat eben nicht die klare Antwort, die erforderlich ist, wenn man – wie in Sonntagsreden immer wieder wortreich beschworen – <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1030/feuilleton/0011/index.html" target="_blank">den Anf&#228;ngen wehren will</a>.</p>
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		<title>B&#228;rbel Bohley: Ich setze darauf, dass die Menschen sich f&#252;r sich entscheiden lernen</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Sep 2010 16:18:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gestern fand in der Akademie der K&#252;nste in Berlin eine Gedenkveranstaltung f&#252;r die j&#252;ngst verstorbene B&#252;rgerrechtlerin B&#228;rbel Bohley statt. Heute treffen sich ihre Freunde in der Gethsemanekirche. Sie trauern um eine der wichtigsten Figuren der Wende in der DDR; schlie&#223;lich war sie es, die die bis dahin &#252;berwiegend im verborgenen agierenden Oppositionsgruppen zu einer Massenbewegung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gestern fand in der Akademie der K&#252;nste in Berlin eine Gedenkveranstaltung f&#252;r die j&#252;ngst verstorbene B&#252;rgerrechtlerin B&#228;rbel Bohley statt. Heute treffen sich ihre Freunde in der Gethsemanekirche. Sie trauern um eine der wichtigsten Figuren der Wende in der DDR; schlie&#223;lich war sie es, die die bis dahin &#252;berwiegend im verborgenen agierenden Oppositionsgruppen zu einer Massenbewegung machte, die die DDR untergehen lie&#223;. <span id="more-1930"></span>Zwar war sie nicht &#252;ber jede Entwicklung, die darauf folgte, froh, aber ihr <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/11/09/vor-20-jahren-buergerbewegung-scheitert-am-einheitsstreben/" target="_blank"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/f17e28896d8548158471345f692df397" alt="" width="1" height="1" />Respekt vor den Menschen</a>, deren Mutbeweisen wie Irrt&#252;mern, f&#252;hrte sie weder zu opportunistischer Anpassung noch zu Verbitterung, sondern gaben ihr immer wieder Hoffnung und Kraft, etwas f&#252;r sie zu tun.</p>
<p><a href="http://www.baerbelbohley.de/" target="_blank">Mit ihrer Meinung hielt sie bis zuletzt nicht hinter dem Berg</a>; unbequem war sie gegen&#252;ber Herrschenden, gleich welcher F&#228;rbung. Das kam auch in einem Gespr&#228;ch zum Ausdruck, das am 28. Juni 1990 in ihrer damaligen Berliner Wohnung in der Fehrbelliner Stra&#223;e stattfand und in dem Buch »Der Untergrund. Die Vorgeschichte der ostdeutschen Revolution« verarbeitet werden sollte. Leider ging das Projekt seinerzeit in den Wendewirren unter, wurde jedoch in gro&#223;en Teilen an dieser Stelle unter dem Rubrum »Vor 20 Jahren &#8230;« ver&#246;ffentlicht, auch jene Teile, die sich mit dem <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/09/05/vor-20-jahren-der-kurze-sieg-der-opposition/" target="_blank">Wirken B&#228;rbel Bohleys </a>besch&#228;ftigen. Als Zeitdokument d&#252;rfte jedoch dar&#252;ber hinaus die vollst&#228;ndige Mitschrift des damaligen Gespr&#228;chs von Interesse sein, das unter ein Wort gestellt werden soll, das durchaus  als ihr Credo verstanden werden k&#246;nnte:</p>
<h2 style="text-align: center;">Ich setze darauf, dass die Menschen sich f&#252;r sich entscheiden lernen</h2>
<p style="text-align: center;"> </p>
<address>Wie und warum kamen sie in der DDR zur Opposition?</address>
<p>Meine Auseinandersetzung mit der Staatsmacht begann mit einer Eingabe gegen das neue Wehrdienstgesetz der DDR, die sich vor allem gegen die Einbeziehung von Frauen in die Vorbereitung der Mobilmachung richtete. Diese Eingabe haben 150 Frauen au&#223;erhalb der Kirche unterschrieben. Nat&#252;rlich kamen wir da in Ber&#252;hrung mit der Stasi, haben aber dennoch eine Gruppe »Frauen f&#252;r den Frieden« gegr&#252;ndet. Das war zun&#228;chst nur eine kleine, ghettoisierte Gruppe. Wie auch Ulrike Poppe kam ich dann ins Gef&#228;ngnis, f&#252;r sechs Wochen. Wir wollten etwas f&#252;r die Menschenrechte tun.</p>
<address>Sie haben trotz der Haft weitergemacht &#8230;</address>
<p>Ich bin dann mit anderen, die &#228;hnliche Erfahrungen gemacht hatten, zur »Initiative Frieden und Menschenrechte« (IFM) gekommen. Auch das war damals nur eine kleine, ghettoisierte Gruppe. Die meisten Menschen hatten noch nicht den Mut, ihre Meinung zu &#228;u&#223;ern und sich in solchen Gruppen zu engagieren.</p>
<address>Nach der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">Liebknecht/Luxemburg-Demonstration 1988 </a>wurden sie erneut verhaftet und sind dann aus der DDR ausgereist, was hier viele nicht verstanden.</address>
<p>Die unbequemsten Geister sollten doch raus. F&#252;r mich stand die Frage der Ausreise &#252;berhaupt nicht. Ich wollte eine klare Entscheidung des Staates: Entweder richtig und offen rausgeschmissen oder hierbleiben. Der Staat wollte aber Ruhe – und die Kirche letztlich auch. F&#252;r die zugesagte R&#252;ckkehr nach einem halben Jahr hatten wir nichts Schriftliches, keinerlei Rechtssicherheit.</p>
<address>Welche Rolle spielte die Kirche?</address>
<p>Auch die Kirche war da sehr indifferent. Sie versuchte, dem Staat aus der Klemme zu helfen. Wir sollten weg. Die Kirche und Rechtsanwalt Schnur verhandelten dar&#252;ber. Wir hatten dabei gar nichts zu sagen. Auch wenn die Kirche vielleicht f&#252;r uns das Beste wollte, letztlich hat sie uns entm&#252;ndigt.</p>
<address>Viele Oppositionelle suchten das Dach der Kirche. Vielleicht f&#252;rchtete sie um ihre Stellung in der DDR?</address>
<p>Auch das Argument, dass die Kirche an ihre eigenen Arbeitsm&#246;glichkeiten dachte, sticht nicht. Sie h&#228;tte sich aus der Sache leicht heraushalten k&#246;nnen. Die Demonstration war keine kirchliche Veranstaltung, wir haben auch Bischof Forck nicht einbezogen. Mit ihren Mahnwachen und Andachten hat die Kirche durchaus auch einen gewissen Druck gemacht, aber wenn der ihr zu gro&#223; wurde, hat sie gebremst. Und bei diesem Man&#246;ver bin ich irgendwo dazwischengeraten und dann rausgefallen.</p>
<address>Sie mussten ausreisen. Viele DDR-B&#252;rger wollten ausreisen, weshalb nicht wenige von ihnen den Kontakt zur B&#252;rgerbewegung suchten, ohne deren Intention, etwas in der DDR zu ver&#228;ndern, zu teilen.</address>
<p>Wenn ich f&#252;r das Recht eintrete, ist mir egal, was die Menschen damit anfangen wollen, ob sie ausreisen wollen oder hierbleiben, um die Gesellschaft zu ver&#228;ndern. Zu ihrem Recht muss man ihnen verhelfen, aber man darf sie nat&#252;rlich nicht benutzen, um eigene politische Ziele durchzusetzen. Das galt irgendwie auch f&#252;r die Ausreisewilligen. Wenn das ihr Ziel war, mussten sie es schon irgendwie selbst bewerkstelligen. Wir hatten genug andere wichtige, wohl auch wichtigere Dinge zu tun. Deshalb war ich dagegen, dass sie uns benutzten, um schneller raus zu kommen.</p>
<address>Zu diesen wichtigeren Dingen geh&#246;rte gewiss die Gr&#252;ndung der »Neuen Forum«. Wie kam es dazu?</address>
<p>Als wir nach einem halben Jahr in die DDR zur&#252;ckkehrten, war mir klar, dass man so wie bisher nicht weitermachen kann. Wir sp&#252;rten, dass wir uns f&#252;r einen viel gr&#246;&#223;eren Kreis &#246;ffnen und die zahlreichen einzelnen Gr&#252;ppchen zusammenf&#252;hren mussten. Das erreichten wir 1989 mit dem »Neuen Forum«, von dem am 10. September der erste Aufruf kam. Sp&#228;ter, als immer mehr mitmachten, setzte eine Differenzierung ein; das hing mit den unterschiedlichen Zielen der einzelnen Gruppen zusammen. So ist »Demokratie jetzt« keine B&#252;rgerbewegung, die »Initiative Frieden und Menschenrechte« besch&#228;ftigt sich mit einem ganz bestimmten Thema usw. Jeder hatte sein Thema. Das »Neue Forum« wollte die Diskussion in diesem Land. Es versuchte, das gesamte Spannungsfeld zu erfassen, ohne eine L&#246;sung vorzugeben. Wir waren in diesem Sinne eine Provokation und wollten so auch wirken.</p>
<address>Gab es Vorstellungen, wodurch der DDR-Sozialismus ersetzt werden k&#246;nnte?</address>
<p>In unserem Aufruf fehlt das Wort Sozialismus, aber nicht weil wir den Sozialismus nicht wollten, sondern weil wir erkannten, dass man mit diesem Wort keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken konnte. Wir wollten aber durchaus etwas erreichen, was unserer Vorstellung vom Sozialismus entsprach. Und auch viele andere wollten einen besseren Sozialismus, auch wenn sie das anders nannten. Alle sie wollten wir sammeln, DDR-weit, in allen Altersstufen.</p>
<address> Hat nicht gerade diese Breite der Bewegung die schnelle Differenzierung zur Folge gehabt, gewisserma&#223;en zwangsl&#228;ufig?</address>
<p>Die Differenzierung ergab sich vor allem daraus, dass anfangs, als das DDR-System noch bestand, eine Diskussion &#252;ber das Zusammengehen nicht m&#246;glich war. Das verhinderte der Stasi-Druck. Ich habe etwa 30 Leute angesprochen, von denen ich wusste, dass man mit ihnen etwas machen kann, das ganz legal sein sollte. Bei unseren vielen Diskussionen zuvor hatten wir die Erfahrung gemacht, dass oft ewig geredet, alles aufgebauscht wurde, sich einige wichtig machten und zum Schluss der Stasi alles bekannt war und sie es leicht verhindern konnte. Es ging aber nicht um lange Diskussionen, durch die wir der Stasi nur aufgefallen w&#228;ren, sondern um schnelles Handeln. Bei den 30, so denke ich, war keiner dabei, der so etwas mitmachte, und daher konnte das auch nicht zuvor abgeblockt werden. Genau darum ging es, dass etwas entsteht und nicht vorher abgeblockt wird. Man musste den Ring, den die Stasi um uns gelegt hatte, durchbrechen. Deshalb war es nicht m&#246;glich, alles bis ins Einzelne auszudiskutieren; man musste handeln. Daher haben wir unseren Aufruf schnell in die &#214;ffentlichkeit gebracht und uns selbst offiziell angemeldet. Ich wollte etwas machen, was ganz legal sein sollte. »Demokratie jetzt«, die IFM und die SDP haben das nicht gemacht. Nur wir haben uns angemeldet.</p>
<address>Aber auch jetzt, wo das Stasi-Druck weg ist, findet die B&#252;rgerbewegung nicht zusammen &#8230;</address>
<p>Es gibt auch jetzt keine Einheit, aber wir wollen ja auch keine Einheitspartei. Der Hauptgrund aber ist, dass Einhelligkeit bei uns eigentlich nur in der Frage bestand: Es muss jetzt hier anders werden. Nie haben wir uns dar&#252;ber verst&#228;ndigt, wie es werden muss. Das war ein Nachteil aller unserer Bewegungen in den letzten Jahren. Sie haben stets mehr eine Anti-Position entwickelt als eine Position f&#252;r etwas. Dar&#252;ber gab es viel zu wenig Auseinandersetzung, wegen des Drucks des Staates, sp&#228;ter auch der ungen&#252;genden Zeit. Das sehe ich als den gro&#223;en Knackpunkt an. Wir sahen die Zukunftsaufgaben nur allgemein in Reformen, mehr nicht. Wir strebten keine Differenzierung an, sondern verstanden uns als offen f&#252;r alle, f&#252;r SED-Mitglieder und f&#252;r Parteilose, f&#252;r jeden, der unseren Aufruf unterschreiben wollte. Deshalb haben wir auch der SED einen Brief geschrieben; wir wollten alle einbeziehen, keinen ausschlie&#223;en. Wir wollten auch den Staat nicht zu Fall bringen. Wir wollten ihn verbessern. Die Entwicklung, die das ausl&#246;ste, konnten wir nicht erwarten.</p>
<address>Dennoch werden jetzt auch vom »Neuen Forum« Konzepte f&#252;r die Zukunft erwartet. Hat es ein Programm f&#252;r die Umgestaltung der DDR. Setzt es der SED-Ideologie eine eigene entgegen?</address>
<p>Das Ziel unseres Wirkens ist der m&#252;ndige Mensch. Das schlie&#223;t in unserer gesamten politischen Arbeit ein, dass man die Meinung des anderen respektiert. Uns geht es darum, dass alle sich zu Rebellen entwickeln, nicht zu Revolution&#228;ren. Sich zu wehren ist f&#252;r mich das Gr&#246;&#223;te. Wenn die Menschen ermutigt werden, sich zu wehren, wenn sie es lernen, sich zu wehren.</p>
<p>Was bisher erreicht wurde, haben die B&#252;rgerbewegungen gemacht – und zwar ganz ohne Ideologie. Wozu sollten wir Ideologie in Zukunft brauchen? Wir haben praktische Arbeit gemacht, ohne Ideologie – na, und? Das »Neue Forum« hat keine Ideologie., sondern ist in seinen Meinungen so breit, dass sich einige auch &#252;ber die gegenw&#228;rtige Entwicklung freuen, ich allerdings nicht. Dass das »Neue Forum« keine Ideologie hat, ist seine St&#228;rke, aber auch seine Schw&#228;che.</p>
<address>Sie sind unzufrieden mit der gegenw&#228;rtigen Entwicklung?</address>
<p>Was wir jetzt haben, muss uns nicht deprimieren. So schwierig und f&#252;r manchen unbefriedigend das hier jetzt ist, so hat es doch auch eine gro&#223;e Chance in sich. Auch die alte Bundesrepublik wird sich ver&#228;ndern. Sie denkt vielleicht, sie k&#246;nnte einfach so expandieren, aber 16 Millionen DDR-B&#252;rger sind nicht so einfach zu vernaschen. Insofern ist dieser Aufbruch eben auch eine gro&#223;e Chance. Wenn man ehrlich ist und wirklich an den m&#252;ndigen Menschen glaubt, dann muss man ihn auch in den Augenblicken seiner Unm&#252;ndigkeit ernst nehmen, muss man auch akzeptieren, wenn er nicht so reagiert, wie man es vielleicht m&#246;chte, wenn er vielleicht nichts weiter als aus der Schei&#223;e raus will. Das bedeutet f&#252;r mich eigentlich nur, dass man sich jetzt in einen Lernprozess begibt, aus dem jeder garantiert anders rauskommt als er reingegangen ist. Ich setze darauf, dass die Menschen lernen, dass sie sich f&#252;r sich entscheiden lernen.</p>
<address>Daraus klingt Entt&#228;uschung. Sind Sie mit Ihren Zielen gescheitert?</address>
<p>Zu sagen, die Leute sind zu bl&#246;d, ist mir zu einfach. Vielleicht k&#246;nnte man uns sagen: Ihr wart zu bl&#246;d, die Leute zu lenken. Aber auch das w&#228;re zu einfach, weil wir das gar nicht wollten. Ich w&#252;rde nicht von Scheitern sprechen. Wir haben hier in der DDR die Chance gehabt, ein Experiment zu machen, aber ein selbstgewolltes und selbstbestimmtes Experiment, nicht eins, das das »Neue Forum« diktierte – oder die IFM oder die SDP, die PDS oder sonstwer. Ein Experiment zu machen: Wir wollen zusammen rauskriegen, was wir eigentlich wollen. Was wir jetzt erleben, ist die Demokratie der Mehrheit, die westliche Demokratie. Das ist f&#252;r mich keine Demokratie im eigentlichen Sinne. Mir geht es um Verantwortung – und die hat die Minderheit ebenso wie die Mehrheit, und deshalb w&#252;nschte ich mir, dass man der Minderheit die gleichen Chancen einr&#228;umt wie der Mehrheit.</p>
<address>Die aktuelle Entwicklung l&#228;uft jedoch in eine ganz andere Richtung &#8230;</address>
<p>Das was jetzt hier l&#228;uft, wird sich noch als Fehlinvestition erweisen. Das westliche Parteiensystem ist am Ende. Das sieht man an der gro&#223;en Parteienm&#252;digkeit in Westdeutschland; viele wollen dort von keiner Partei mehr etwas wissen. Die Parteien dort rei&#223;en kaum noch jemanden vom Hocker. Sie werden noch gew&#228;hlt, aber das Unbehagen ist gro&#223;. Warum also soll nicht das, was sich hier ereignete, auch in einem anderen System passieren? Es wird anders laufen, aber es ist schon so eine Tendenz &#8230; Letztlich wird es dem Kapitalismus so ergehen wie dem Sozialismus. Der Sozialismus hat sich selber aufgefressen, und auch der Kapitalismus wird sich selber fressen. Den Sozialismus haben die angeblichen Sozialisten auf dem Gewissen. Und auch im Kapitalismus k&#246;nnen Dinge geschehen, an die wir noch gar nicht denken, die wir in unsere &#220;berlegungen bisher gar nicht einbeziehen. Wer h&#228;tte denn gedacht, dass dieses ganze stalinistische System innerhalb von sechs Wochen kippt. Da kann es Sachen geben, mein Gott, das werden andere Sachen sein – ein Atomungl&#252;ck in Cattenom so wie in Tschernobyl; da w&#252;rde der Kriegszustand ausgerufen. Oder Entwicklungen in der Dritten Welt &#8230;</p>
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		<title>Die Wohlt&#228;tigkeit der Diebe</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Aug 2010 14:43:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Was da jetzt als honorige Spendenbereitschaft amerikanischer Superreicher daherkommt, entpuppt sich bei n&#228;herem Hinsehen auch nur als Resultat der systemimmanenten Ungerechtigkeit des Kapitalismus. Statt nach den angeblich altruistischen Motiven der Milliard&#228;re zu fragen, die immer noch genug ihres unermesslichen Verm&#246;gens, das weder durch reiner H&#228;nde Arbeit noch durch noch so kluge Ideen glaubw&#252;rdig »verdient« werden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was da jetzt als honorige Spendenbereitschaft amerikanischer Superreicher daherkommt, entpuppt sich bei n&#228;herem Hinsehen auch nur als Resultat der systemimmanenten Ungerechtigkeit des Kapitalismus. Statt nach den angeblich altruistischen Motiven der Milliard&#228;re zu fragen<span id="more-1837"></span>, die immer noch genug ihres unermesslichen Verm&#246;gens, das weder durch reiner H&#228;nde Arbeit noch durch noch so kluge Ideen glaubw&#252;rdig »verdient« werden kann, behalten, w&#228;re viel wichtiger zu untersuchen, wie es &#252;berhaupt sein kann, dass eine kleine Minderheit derartige Gewinne aus der Arbeit der Mehrheit zu ziehen vermag. Zehn Prozent der Bev&#246;lkerung weltweit verf&#252;gen &#252;ber 60 Prozent des Verm&#246;gens. Die Antwort auf diese Frage f&#252;hrt uns direkt zum <a href=" http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0806/meinung/0013/index.html" target="_blank"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/2ec54036855f48fba2f291d200bcaaa4" alt="" width="1" height="1" />Kern- und Angelpunkt jeden kapitalistischen Wirtschaftens</a>, zur Ausbeutung jener 90 Prozent, die – zudem noch sehr unterschiedlich – mit den verbleibenden 40 Prozent des Verm&#246;gens zufrieden sein m&#252;ssen, durch die zehn Prozent Reichen.</p>
<p>Begonnen hatte es damit, dass sich mit dem Aufkommen des Kapitalismus die Eigent&#252;mer der Produktionsmittel die Ertr&#228;ge der damit Arbeitenden aneigneten – bis auf den kleinen Rest, der den auf diese Weise abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten zur erforderlichen Reproduktion ihrer Arbeitskraft gelassen wurde. Vereinfacht gesprochen, war das nichts anderes als Diebstahl dessen, was andere erwirtschafteten; als Rechtfertigung nahm der Kapitalist daf&#252;r die Tatsache, dass er Maschinen, Fabrikhallen und &#228;hnliches bereitstellte, das zur Produktion ben&#246;tigt wurde. Er lie&#223; den Produzenten jedoch so wenig, dass diese das nicht lange ertragen mochten. Es kam zu sozialen Auseinandersetzungen, die st&#228;ndig zunahmen und die Kapitalisten schlie&#223;lich im eigenen Interesse nach langen und harten K&#228;mpfen dazu veranlassten, die »Arbeitnehmer« am Ertrag der Produktion wenigstens so weit zu beteiligen, dass eine gewisse soziale Befriedung eintrat.</p>
<p>Ganz wesentlich trug zu diesem widerwilligen Einlenken gewiss auch bei, dass sich im 20. Jahrhundert eine politische Alternative zum Kapitalismus entwickelt hatte, die letzterer lange ins Kalk&#252;l ziehen musste. Die in ihrem Wesen entfesselte Marktwirtschaft zog sich selbst mit dem Zusatz »sozial« gewisse Grenzen. Der &#220;bergang ins 21. Jahrhundert ver&#228;nderte diese Situation in zweierlei Hinsicht. Zum einen verschoben sich die Gewichte zwischen den beiden Elementen der Produktion, der menschlichen Arbeitskraft und den materiellen Produktionsmitteln. Letztere entwickelten sich derart st&#252;rmisch, dass ihre Besitzer immer weniger auf die Arbeitskraft angewiesen waren; sie konnten immer gr&#246;&#223;ere Supergewinne mit immer weniger Menschen erwirtschaften. Vor allem aber verabschiedete sich die politische Alternative, wozu neben vielem anderen nicht zuletzt auch die technische und technologische Entwicklung beitrug, die der Kapitalismus viel besser f&#252;r sich auszunutzen verstand als der Sozialismus. Einlenken gegen&#252;ber Arbeitermassen war nun nicht mehr n&#246;tig, der Kapitalismus warf die ihm zeitweilig aufgezwungenen Fesseln ab und konnte sich nun wieder entsprechend seinem ureigenen Wesen entwickeln.</p>
<p>Die verheerenden Folgen konnten wir in den letzten Jahren beobachten. Auf der Seite der Reichen h&#228;ufte sich immer mehr Geld an, das sie immer weniger mit dem Rest der Welt teilen mochten. Das Schwinden der Arbeitspl&#228;tze f&#252;hrte weltweit zu wachsender Armut, doch die Beg&#252;nstigten dieser Entwicklung dachten gar nicht daran, f&#252;r einen angemessenen sozialen Ausgleich zu sorgen. Sie taten und tun alles, um den Profit allein in die eigenen Taschen zu stecken. Zugleich aber wissen sie &#252;berhaupt nicht, was sie mit diesem Geldsegen anfangen sollen. Sie investierten und investieren es nicht in die Realwirtschaft, weil ihnen das angesichts der – von ihnen verursachten – weltweiten Verarmung zu wenig Gewinn verspricht. Sie legten es vielmehr in gewagten Finanzoperationen an, zockten wie im Casino – nur mit dem Geld, das andere erwirtschaftet hatten, und f&#252;hlten und f&#252;hlen sich f&#252;r die Folgen nicht verantwortlich.</p>
<p>Der Imageschaden, den der Kapitalismus dadurch erlitt, macht die Kl&#252;gsten seiner Vertreter inzwischen wieder besorgt. Nat&#252;rlich denken sie nicht im entferntesten daran, etwas an diesem System und seinen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten zu &#228;ndern. Eine gerechte Verteilung der – auch durch den technischen und technologischen Fortschritt – st&#228;ndig wachsenden Werte kommt f&#252;r sie nicht in Frage, den alleinigen Zugriff darauf wollen sie nicht aus der Hand geben. Statt dessen bieten sie nun »freiwillige« Spenden an, sind bereit, ein wenig von ihrem Reichtum abzugeben, um den L&#246;wenanteil behalten zu k&#246;nnen. Es ist ein wenig so, als r&#252;cke der Dieb ein paar St&#252;cke seiner Beute heraus – und erwarte daf&#252;r noch die Dankbarkeit des Bestohlenen.</p>
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		<title>R&#252;ckblick in die Zukunft? (Teil 2)</title>
		<link>http://www.blogsgesang.de/2009/08/19/rueckblick-in-die-zukunft-teil-2/</link>
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		<pubDate>Wed, 19 Aug 2009 13:05:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zu neuen und weniger neuen B&#252;chern, mit denen die Unf&#228;hig­keit der Deutschen belegt wird, tolerant mit ihrer j&#252;ngeren Ge­schichte umzugehen Von Rudolf Hempel In dem am 18. Juli ver&#246;ffentlichten und unter Kulturbuch abgelegten Teil 1 des R&#252;ck- und Ausblicks sind – unter Bezugnahme auf Stefan Heym und Erwin Strittmatter – sechs Neuerscheinungen kommentiert. In deren Mittelpunkt Christoph [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zu neuen und weniger neuen B&#252;chern, mit denen die Unf&#228;hig­keit der Deutschen belegt wird, tolerant mit ihrer j&#252;ngeren Ge­schichte umzugehen<span id="more-1188"></span></h3>
<h5>Von Rudolf Hempel</h5>
<p>In dem am 18. Juli ver&#246;ffentlichten und unter Kulturbuch abgelegten<a href="http://www.blogsgesang.de/2009/07/18/rueckblick-in-die-zukunft/" target="_blank"> Teil 1 des R&#252;ck- und Ausblicks</a> sind – unter Bezugnahme auf Stefan Heym und Erwin Strittmatter – sechs Neuerscheinungen kommentiert. In deren Mittelpunkt Christoph Links` Analyse der DDR-Verlage, Egon Krenz und sein Gef&#228;ngnisaufenthalt, Ralph Hartmanns Unrechtsstaat-Betrachtung, Bilanz-&#220;berlegungen von »Filmminister« Horst Pehnert, Wolfgang Wippermanns Streitschrift zum Vergleich DDR &#8211; Drittes Reich und Franziska Kleiners Fundst&#252;cke stehen.</p>
<p>Diesmal meldet sich mit Hans Bentzien ein Ex-Kulturminister, Verlagschef, Fernsehmann und Publizist bei seiner Enkeltochter Sophie. Mit Daniel Dahn hebt eine Streiterin f&#252;r Ost-Belange die Hand zum Verliererschwur, mit Klaus Huhn pr&#228;­sen­tiert sich ein Spotless-Verleger und L&#252;gen-Detektor. Karl Nolle bl&#228;st die Block­fl&#246;te und Manfred Uhlenhut zeigt als Wende-Fotograf seine bewegende Bilder-Sicht auf den Mauerfall, ein &#252;beraus gl&#252;cklicher Guido Knopp schrieb dazu das Vorwort.</p>
<p>Auch Bezug genommen wird wieder. Auf den Weltb&#252;rger J&#252;rgen Kuczynski. Dieser ist nicht nur als international bekannter Geistes- und Sozialwissenschaftler in der Ge­schichte. Sondern auch als »linientreuer Dissident«, der nunmehr sogar als »quasi-Vorl&#228;ufer« von Hans Bentzien gelten darf. F&#252;hrte er doch mit seinem Urenkel Robert schon in den 80er Jahren einen Dialog. Den er glaubte, nach &#252;ber einem Jahr­zehnt &#8211; unter v&#246;llig umgekehrten Verh&#228;ltnissen &#8211; fortsetzen zu m&#252;s­sen.</p>
<h4>Das Schicksal einer Abiturvorbereitung</h4>
<p><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/a48071188f984b3798ab38c8f0520f1e" alt="" width="1" height="1" /><br />
<img class="alignleft size-medium wp-image-1197" title="Bentzien - Sophie" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/08/Bentzien-Sophie-176x300.jpg" alt="Bentzien - Sophie" width="176" height="300" />Ob das Buch »Warum noch &#252;ber die DDR reden?«, vergleichbar dem von Christoph Links &#252;ber die DDR-Ver­lage, &#252;berf&#228;llig war, sei dahin gestellt. Hans Bent­zien war unschl&#252;ssig, ob er sich mit seiner Wortmeldung in die Abiturvorbereitungen seiner Enkeltochter Sophie einmischen solle. Hat es dann aber doch getan. Herausge­kommen ist eine mit zahlreichen pers&#246;nlichen und gewichtigen Details versehene Ge­schichtsbetrachtung, in der Vergangenheit und Gegenwart in einen unl&#246;sbaren Zu­sammenhang gestellt sind. Ein Kompendium, dem sich vor allem j&#252;ngere Leser zu­wenden sollten, solche wie Sophie und ihre in Gesellschaftskunde noch unerfahrene Generation.</p>
<p>Der Autor ruft in Erinnerung, wie es einem Manne ergehen konnte, dessen Verst&#228;ndnis von k&#252;nstlerischer Freiheit mehrfach denunziert, als »Sabotage« bewertet und entsprechend geahndet wurde. F&#252;r jene Leser, die wie der Kulturbuch-Blogs&#228;n­ger, einen entscheidenden Teil ihres bewussten Lebens nicht von dem verlorenen Land abtrennen lassen wollen, k&#246;nnte der ebenso informative wie unterhaltsam Dia­logtext alles in allem eine Best&#228;tigung ihrer eigenen Erfahrungen bieten. Hin und wieder werden Vermutungen oder Ahnungen – beispielsweise die &#252;ber das wirkliche und brisante Verh&#228;ltnis zwischen der DDR und dem »gro&#223;en Bruder« – mit Fakten best&#228;tigt, denen Neuigkeitswert nicht abzusprechen ist.</p>
<p>Wenn es aber um die Frage nach den tiefen Gr&#252;nden geht, an denen das sozi­alistische Experiment gescheitert ist, hilft letztendlich auch Bentzien nicht weiter. Sein Denkansatz &#252;ber die objektiven wie subjektiven Untergangs-Aspekte ist allemal redlich, ihm fehlt es aber an Gewicht und Sch&#228;rfe. Das betrifft ebenso sein Credo, man k&#246;nne den Sozialisten von heute »eine mangelnde Selbstkritik nicht vorwerfen«. Subjektiv integer pr&#228;sentiert sich der Autor, wenn er schreibt: »Ich habe nichts zu be­reuen, und meine Arbeit kann ich vorweisen«. Allein dieser Satz darf aber auch als Provokation f&#252;r alle gelten, die bereits sind, &#252;ber ihre Mitverantwortung am Scheitern eines Staates nachzudenken.</p>
<address>Hans Bentzien. Warum noch &#252;ber die DDR reden? Sophies Fragen. Verlag Das Neue Berlin. 192 Seiten, brosch., 12,90 €., ISBN 978-3-360-01964-6.</address>
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<h4>Das Schicksal eines Siegers</h4>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-1199" title="Dahn - Sieger" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/08/Dahn-Sieger-205x300.jpg" alt="Dahn - Sieger" width="205" height="300" />Ohne Zweifel geh&#246;rt Daniela Dahn zu den au&#223;ergew&#246;hn- lichen Frauen in Deutschland. Deutlich wird das beim Blick auf ihre Biografie. Im Oktober 1949 als Tochter des Journalisten Karl-Heinz Gerstner und der Modejournalistin Sibylle Bo­den-Gerstner in Berlin geboren, studierte sie an der Karl-Marx-Universit&#228;t Leipzig Journalistik, arbeitete dann beim Fernsehen und machte sich 1981 &#8211; f&#252;r DDR-Verh&#228;ltnisse ein seltener Vorgang – freischaffend. Sp&#228;testens als ihr Buch »Prenzlauer Berg-Tour« 1987 auf den Markt kam, wusste der Leser, hier ist eine am Werk, die pr&#228;zise recherchieren und treffend formulieren kann. In ihrem Blickwinkel lagen schon damals das reale Leben, die Menschengeschichten mit ihren sozialen Konflikten.</p>
<p>Dieser Einstellung ist sie nach dem Anschluss der DDR an die BRD treu geblieben. Sie mischte sich ein, als der Demokratische Aufbruch gegr&#252;ndet wurde, die Wochenzeitung »Freitag« Herausgeber suchte, auch als die sich rasant &#228;ndernden gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse einer kritischen publizistischen Betrachtung bedurften. Das Internet informiert &#252;ber B&#252;cher, bei denen schon der provokative Titel die Denk­richtung der Autorin vorzeichnet: »Wir bleiben hier oder Wem geh&#246;rt der Osten«, »Westw&#228;rts und nicht vergessen – Vom Unbehagen in der Einheit«, »Vertreibung ins Paradies – Unzeitgem&#228;&#223;e Texte zur Zeit«, »In guter Verfassung. Wieviel Kritik braucht die Demokratie?«, »Wenn und Aber &#8211; Anstiftungen zum Widerspruch« oder »Demokratischer Abbruch &#8211; Von Tr&#252;mmern und Tabus«.</p>
<p>Daniela Dahn bel&#228;sst es aber nicht beim Buch. Streitbar, originell und voller Sendungsbewusstsein will sie mit dem Lesepublikum auch &#252;ber ihre politische Bilanz nach 20 Jahren Mauerfall und deutsche Einheit diskutieren. Sie ist &#252;berzeugt: Damit die gro&#223;e Krise nicht auch die Demokratie in den freien Fall zieht, muss der Kapita­lismus aufh&#246;ren, er selbst zu sein. Die Zuh&#246;rer in Neustrelitz (21.08.), Berlin (09.09.), Magdeburg (10.09.), Esslingen (18.09.), Kleinmachnow (23.09.), Los An­geles (19.10. – 31.10.), Wien (07.11.), Leipzig (23.11.), Halle (24.11.) und Chemnitz (25.11.) d&#252;rfen gespannt sein, was die Frau, deren ausgezeichneten Namen man mit Fontane, Kurt-Tucholsky und Ludwig B&#246;rne in Verbindung setzen darf, zu sagen hat.</p>
<p>Jorge Semprun hat es (uns) &#252;ber sie schon gesagt: »In Daniela Dahns Schriften vollzieht sich die mitrei&#223;ende, kritische Zeremonie der Negativit&#228;t, die sich an der Wirklichkeit abarbeitet, bis die Wirklichkeit unter der F&#252;lle der Erkl&#228;rungen allm&#228;h­lich nachgibt und eine andere wird.« Auf wohl keines ihrer Sachb&#252;cher trifft diese Einsch&#228;tzung so zu, wie auf das im Mai erschienene. Dort verk&#252;ndet Dahn den f&#252;r man­chen &#252;berraschenden, scheinbar paradoxen, weil gegen alle offizielle Verk&#252;ndigung gestellten, pr&#228;zise recherchierten Befund: Mehr noch als der Osten ist der Westen zum Verlierer der Einheit geworden.</p>
<p>Das Schl&#252;sselwort zu dieser Diagnose hei&#223;t Systemkonkurrenz. D.D. ist nicht der erste Heilpraktiker, vielleicht aber der in seiner Denkrichtung konsequenteste, wenn sie sachlich aufhellt, dass sowohl die BRD wie die DDR &#252;ber ein positives Erbe verf&#252;gen. Das aber wird im Zuge der Einheit, zus&#228;tzlich unter dem Diktat der welt­umspannenden Finanz- und Wirtschaftskrise, zunehmend verspielt. </p>
<p>Ihren abschlie­&#223;enden »Wehe dem Sieger«-Mitteilungeist ein gewisses Ma&#223; vorsichtiger Pro­phetie nicht abzusprechen. »Nicht wenige bef&#252;rchten, die Herrschaft des Finanzkapi­tals, wie des Kapitals &#252;berhaupt, sei durch keinerlei Umgestaltungen auf dem Gebiet der politischen Demokratie zu beseitigen. Die Bedenkentr&#228;ger zu widerlegen k&#246;nnte die Aufgabe des angebrochenen Jahrhunderts werden.«</p>
<address>Daniela Dahn. Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen. Rowohlt Verlag. 304 Seiten. 18,90 €, ISBN 978-3-498-01329-5</address>
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<h4>Das Schicksal einer Wende im Bild</h4>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-1200" title="Uhlenhut - Mauer" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/08/Uhlenhut-Mauer-234x300.GIF" alt="Uhlenhut - Mauer" width="234" height="300" />Nat&#252;rlich k&#246;nnte man fragen: War ein weiterer Band &#252;ber den Fall der Mauer wirklich n&#246;tig? Haben wir die Bilder der friedlichen Revolution nicht schon &#252;ber die zwei Jahrzehnte hundert Mal gesehen. Im Fernsehen, im Film, in B&#252;chern, auf Pri­vatfotos. In der Erinnerung in unserem Kopf, werden manche sagen, die selbst am Mauerfall auf die eine oder andere Art beteiligt waren.</p>
<p>Die Antwort des Rezensenten hei&#223;t: Ja. Ein solcher Band, mit Fotos dieser Strahlkraft und den &#252;berlegt ausgesuchten aufschlussreichen, pers&#246;nlich gehaltenen Statements und Zitaten Prominenter kann durchaus als Jubil&#228;umsbeitrag anerkannt werden. Manfred Uhlenhut, zu DDR-Zeiten langj&#228;hrig auch mit dem milit&#228;rischen Sujet befasst, zeigt sich hier als genauer Beobachter. Als ein Mann mit dem Blick f&#252;r das Wesentliche. F&#252;r Atmosph&#228;re, Stimmung, Proportionen, Effekte und den ent­scheidenden Augenblick in des Wortsinns doppelter Bedeutung. Oft sind es auch die scheinbar unbedeutenden Details, die sich am Ende zu einer &#252;berraschend stimmigen Komposition zusammen f&#252;gen.</p>
<p> Manfred Stolpe res&#252;miert &#252;ber »eine dramatische Nacht und einen wunderbaren Morgen«, Gregor Gysi fragt »Was fehlte der DDR?«, der Journalist Heiko Engelkes macht sich dar&#252;ber Gedanken, ob Berichterstattung Menschen gef&#228;hrden kann. Wenn in Walter Mompers biografischem Bericht »Heute Nacht sind wir Deutschen die gl&#252;cklichsten Menschen auf der Welt« vorkommt, dann ist ein solches Zitat aus dem Augenblickserlebnis einer historischen Umw&#228;lzung durchaus verst&#228;ndlich und auch nachvollziehbar.</p>
<p>Anders sieht es da schon mit dem Vorwort von Guido Knopp, dem selbster­nannten ZDF-Historienpabst aus. Dieser Beitrag strotzt nur so von Gl&#252;ck: gl&#252;ckli­che Zeit, gl&#252;ckliche Menschen, sein Gl&#252;ck in Berlin zu sein, gl&#252;cklichstes Volk, das Gl&#252;ck des T&#252;chtigen, ein weiterer Gl&#252;cksfall, schlie&#223;lich des Satz »Dabei haben wir allen Grund, uns immer noch gl&#252;cklich zu sch&#228;tzen.« Ob das die Leser dieses Bild­bandes heute auch so sehen, ist eher zu bezweifeln. Einige wenige vielleicht. Gro&#223;e Schichten des Volkes der Ex-DDR wohl kaum. Zu stark sind auf die Einheit folgende soziale Verwerfungen ausgefallen. Die Mischung von kritischer Distanz, Selbstbe­wusstsein, aber auch Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft in den Gesichtern des Fotos »WIR sind das VOLK &#8211; 1989/1990« bleibt dem Betrachter als Mahnung f&#252;r die Zukunft.</p>
<address>Manfred Uhlenhut. Als die Mauer fiel. Mit einem Vorwort von Guido Knopp. Knesebeck Verlag. 95 Seiten, mit zahlreichen, z.T. farbigen Fotos. 19.95 €. ISBN 3-86873-026-5</address>
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<h4>Das Schicksal der gro&#223;en L&#252;gen</h4>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1203" title="Huhn - DDR-L&#252;gen" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/08/Huhn-DDR-L&#252;gen-195x300.GIF" alt="Huhn - DDR-L&#252;gen" width="195" height="300" />Klein, aber oho! Das darf man ohne jedwede &#220;bertreibung vom einer editori­schen Einrichtung sagen, die noch vor der Wende – auf Anregung des damaligen Ministerpr&#228;sidenten Hand Modrow – von Klaus Huhn gegr&#252;ndet wurde. Unter dem Pseudonym Klaus Ullrich hatte der Sportchef des »Neuen Deutschland« 42 Jahre den DDR-Sport etabliert, propagiert, kommentiert, kritisiert, instrumentalisiert, vor allem aber als weltweit f&#252;hrend inthronisiert. Von einem dabei &#252;ber die Dezennien entstan­denen Netzwerk aus Sachkunde, Hintergrundwissen und Standpunkt profitieren denn auch jene Autoren aus der DDR, die – wie es Wikipedia kundtut – »nach der Wende wegen allzu gro&#223;er Partein&#228;he ohne Besch&#228;ftigung waren« und nennt die Namen G&#252;nter G&#246;rlich, Eberhard Panitz, Harry Th&#252;rk, Gerhardt Holtz-Baumert, Erich K&#246;h­ler und Walter Flegel.</p>
<p>Einen Namen findet der Leser bei Wikipedia allerdings nicht aufgef&#252;hrt: Klaus Huhn. Erstaunlich, wie oft der 1926 geborene Halbbruder von Ex-Politb&#252;ro­mitglied Werner Eberlein unter den bisher erschienenen weit &#252;ber 200 Spotless-B&#228;n­den seines kleinen, aber feinen Verlages mit linkem Profil die Autorenschaft f&#252;r sich beanspruchen kann. Das &#228;nderte sich auch nicht, nachdem Spotless als Periodikum in der edition ost der Eulenspiegel Verlagsgruppe Aufnahme fand. Eher im Gegenteil.</p>
<p>In kurzer Folge erschienen mit »Nebenzeuge in Sachen ND« eine handfeste polemische Replik auf das Buch von Ciesla/K&#252;low »Zwischen den Zeilen &#8211; Ge­schichte der Zeitung Neues Deutschland«, mit »Raubzug Ost &#8211; Wie die Treuhand die DDR pl&#252;nderte« die Huhn-Bilanz einer weltweit beispiellosen »Abwicklung« und mit »Kleines Handbuch der gro&#223;en L&#252;gen &#252;ber die DDR« eine Sammlung von zwei Dut­zend dreister Verleumdungen. &#220;ber ein Land, dem der Autor lange Zeit redlich diente und wohl gedenkt, auch weiterhin zu dienen. Selbst wenn es »nur« darum geht, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen.</p>
<p>Zu lesen ist von »Auftragsmorden«, »Zwangsschulen«, »Nazigr&#246;&#223;en in der DDR«, von »Dressierten Kindern«, dem »Dopingland«, vom »Anstieg der Suizide« und nat&#252;rlich auch von »Bl&#252;henden Landschaften«. Interessant, welche Quellen Klaus Huhn bem&#252;ht, um seinem Grundanliegen Geltung zu verschaffen. Von BILD &#252;ber FOCUS, SPIEGEL und QUICK bis zur BERLINER ZEITUNG reicht die Palette der Printmedien, in denen verbreitet wurde, was den Autor zur kommentierenden Gegen­&#252;ber- und Richtigstellung veranlasste. Nicht neu, aber immer wieder lesenwert – der Briefwechsel zwischen der Schauspielerin K&#228;the Reichel, die im »abgewickelten« Kalischacht Bischofferode an einem Hungerstreik teilnahm, und Treuhandchefin Birgit Breuel, die die »Sehr geehrte Frau Reichel« bittet, »mit dazu beizutragen, dass keine Legenden entstehen«.</p>
<p>&#220;brigens: Auch das »Neue Deutschland« darf nicht fehlen. Der Textbeitrag be­fasst sich mit dem Prozess gegen Markus Wolf vor dem Oberlandesgericht D&#252;ssel­dorf und einem omin&#246;sen »Killerkommando«. Und ein weiteres Mal wird zum ND ein Bezug hergestellt: Der aber ist wohl eher unbeabsichtigt. »DIE DDR HAT´S NIE GEGEBEN« – eine Provokation, von der Buchautor und Zeitungsmacher glei­cherma&#223;en inspiriert zu sein scheinen. Die auf Mauerreste im Zentrum Berlins ge­malte Losung findet sich sowohl als Covermotiv des spotless-Buches wie auch als Logo der mont&#228;glichen Jubil&#228;um-20-Beitr&#228;ge im ND. Alles h&#228;ngt mit allem zusam­men, schreibt Hermann Kant 1991 im »Abspann«. Eine Binsenwahrheit, die immer g&#252;ltig ist und auch hier zutrifft.</p>
<address>Klaus Huhn. Kleines Handbuch der gro&#223;en L&#252;gen &#252;ber die DDR. Spotless, edi­tion ost im Verlag Das Neue Berlin. 96 Seiten, kostenlose Sonderausgabe. www.edition-ost.de.Tel. 01805-309999</address>
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<h4>Das Schicksal der Blockfl&#246;ten</h4>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1210" title="blog09-cover-blockfl&#246;ten" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/08/blog09-cover-blockfl&#246;ten-195x300.jpg" alt="blog09-cover-blockfl&#246;ten" width="195" height="300" />Wohl selten hat ein Buch schon vor seinem Erscheinen f&#252;r so viel Wirbel im bundesdeutschen Bl&#228;tterwald gesorgt wie das von Karl Nolle. Der aus dem Hessi­schen stammende gelernte Elektromechaniker &#8211; Studium von Geschichte, Politik, So­ziologie und Psychologie, dann Druckereigesch&#228;ft, zieht im Februar 1990 Richtung Dresden, um dort als Berater und in Treuhandangelegenheiten t&#228;tig zu werden. So &#252;bernimmt er das Druckhaus Dresden. Umsiedlung 1995. Seit 1999 Abgeordneter einer Partei, in die er 1963 eintrat, 1986 ausgeschlossen wurde und 1998 wieder ein­getreten ist: Ihr Name SPD.</p>
<p>In dieser Eigenschaft beschert er der Christlich-Demokratischen Union jetzt mit der »Sonate f&#252;r Blockfl&#246;ten und Schalmeien« das Musikst&#252;ck, in dem mit mehre­ren Instrumenten unter dem Pseudonym »Aufkl&#228;rungsschrift« ein auch ins Wahl­kampfget&#246;se passender Generalangriff gegen die CDU in ihrer s&#228;chsischen wie bun­desdeutschen Auspr&#228;gung gef&#252;hrt wird. Nolle steht am Pult und gibt den Takt an.</p>
<p>Im Orchester sitzen Co-Autoren – darunter Cornelius Weiss, Michael L&#252;hmann, Michael Bartsch, Konrad Weiss, Gerhard Ruden, Manfred Bauer, Hermann von Strauch und Christian F&#252;hrer – die, jeder mit eigenem schrillt&#246;nenden Instrument, die Grundme­lodie vom Unrechtsstaat DDR, ihrer SED und deren Parteivasallen in Variationen in­tonieren, die vor einem zuk&#252;nftigen Urteil der Geschichte kaum Bestand haben wir­d.</p>
<p> Der Schriftsatz lautet »Die verdr&#228;ngte Geschichte der DDR-CDU und die Doppelmoral ihrer bundesdeutschen Vor- und Nachl&#228;uferin«. Nolle selbst steuert eine Vorbemerkung, die Dokumentation »Zur Geschichte der Blockpartei CDU« und ein ausf&#252;hrliches Blockfl&#246;ten-Register bei, in dem alle Fr&#252;heren und Heutigen versam­melt sind. Auch die Medien d&#252;rfen nicht fehlen, wenn der gro&#223;e Dirigent zum musi­kalischen Rundumschlag ausholt: Bild, Spiegel, Die Welt, ddp, Die Zeit, LVZ, SZ, DNN, diverse online-Magazine&#8230;</p>
<p>In einem der Intermezzi kommt Nolle auf Leute wie Ex-Innenminister Heinz Eggert, den »Mann mit vielen Dimensionen«, Ludwig G&#252;ttler, den »Musiker und Blechbl&#228;ser« sowie Hans Joachim Meyer, den »Mann mit der besonders scheinheili­gen Wendekarriere« zur&#252;ck. In seitenlangen Dossiers strapaziert der sendungsbe­wusste Musikus noch einmal, was in den zur&#252;ckliegenden knapp 20 Jahren schon einmal oder mehrfach und &#252;berwiegend &#246;ffentlich behandelt wurde.</p>
<p>Auch Landesgrenzen k&#246;nnen Nolles Lied von der »brutalstm&#246;glichen« Auf­kl&#228;rung nicht stoppen. In Th&#252;ringen soll es Ministerpr&#228;sident Dieter Althaus, in Brandenburg Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns, in Sachsen-Anhalt Klaus Schmotz, Oberb&#252;rgermeister von Stendal (Ex-SED-Genosse und Oberstleutnant der Grenztruppen, gew&#228;hlt mit Unterst&#252;tzung der CDU), in den Ohren klingen.</p>
<p>Zwei weitere Intermezzi haben die verwerfliche CDU-Kooperation mit »ver­n&#252;nftigen Linken« im Bereich der Neuen L&#228;nder und den unter dem Motto »Geteilt – Vereint &#8211; Gemeinsam« stehenden Bundesparteitag seiner »Hasspartei« im Dezember 2008 in Stuttgart zum Inhalt. Dort verbreitete sich der einschl&#228;gig bekannte Fritz Niederges&#228;&#223; (CDU Treptow/K&#246;penick) im Denkstil eines Hubertus Knabe &#252;ber den Dirigenten – laut Tonaufzeichnung &#8211; mit den Worten: »Und wenn heute Leute wie Nolle in Sachsen, aus meiner Sicht der &#252;belste Schmierfink, der aus dem Westen hier r&#252;ber gekommen ist in die neuen Bundesl&#228;nder, wenn diese Typen uns jetzt hier f&#252;r `ne Sache verantwortlich machen wollen, f&#252;r die wirklich keiner verantwortlich ist, dann k&#246;nnen wir uns dagegen nur ganz energisch gegen aussprechen.«</p>
<p>Das Wort an Niederges&#228;&#223; erteilt hatte mit Tagungsleiter Stanislaw Tillich ge­nau jener Mann, der f&#252;r Nolle Pr&#228;ludium, Intermezzo und Schlussakkord seiner Ent­h&#252;llungsoper ist. F&#252;r ihn hat unser SPD-Abgeordneter den Titelpart reserviert. An dem Angriff auf die Person des Ex-CDU-Nomenklaturkaders, Sorben, Mitglied ei­ner »stinknormalen DDR-Familie« und nunmehrigen s&#228;chsischen CDU-Ministerpr&#228;­sidenten ist Tillich selbst nicht ganz schuldlos. Hat er sich doch in den »Wirren der Jahre nach der Wende« in diversen Erkl&#228;rungen zu seinem Lebenslauf nur »ungenau« ge&#228;u&#223;ert. Die Quittung f&#252;r dieses vom damaligen Zeitgeist, Parteiarroganz, Mangel an Courage sowie politischer Beschr&#228;nkung diktierte Verhalten bekommt Tillich samt seiner F&#252;hrungscrew und zzgl. der kompletten Familie jetzt mit einer stark politisch eingef&#228;rb­ten musikalischen Provinzposse. Ausf&#252;hrliche Partituren dazu sollen dem Leser hier erspart bleiben.</p>
<p>Es reichen Satzanf&#228;nge wie Kollaboration, T&#228;ter, Mitl&#228;ufer, Opfer. Verhal­tensmuster, Unrechtsstaat, Systemvergleich, Heuchelei, Pharis&#228;ertum, Ein&#228;ugigkeit, Selbstbeweihr&#228;ucherung und Verstrickung. Wie Widerstandsk&#228;mpfer, Schizophrenie, Opposition, Verantwortung, Persilschein, Vertrauen und Vergessen.</p>
<p>Bleibt zum Schluss die Frage: Sollte man eine solche »Blockfl&#246;ten-Sonate« le­sen? L&#228;uft das Musikst&#252;ck, konsequent bis ans Ende eines (noch) nicht komponierten Teils gedacht, doch darauf hinaus, dass es im Interesse von Verfasser und Adressaten gleicherma&#223;en besser gewesen w&#228;re, wenn es die DDR nicht gegeben h&#228;tte.</p>
<p>Unter dieser historischen Pr&#228;misse k&#246;nnte Brecht dem potentiellen Leser eine »lyrische Antwort« auf die Frage geben. In seinem Zyklus »Buckower Elegien«, der im Sommer 1953 in seinem Wohnsitz am Scharm&#252;tzelsee entstand, findet sich das Ge­dicht</p>
<blockquote><p>D i e L &#246; s u n g</p>
<p>Nach dem Aufstand des 17. Juni</p>
<p>Lie&#223; der Sekret&#228;r des Schriftstellerverbands</p>
<p>In der Stalinallee Flugbl&#228;tter verteilen</p>
<p>Auf denen zu lesen war, da&#223; das Volk</p>
<p>Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe</p>
<p>Und es nur durch verdoppelte Arbeit</p>
<p>zur&#252;ckerobern k&#246;nne. W&#228;re es da</p>
<p>Nicht doch einfacher, die Regierung</p>
<p>L&#246;ste das Volk auf und</p>
<p>W&#228;hlte ein anderes?</p>
<address></address>
</blockquote>
<address>Karl Nolle. Sonate f&#252;r Blockfl&#246;ten und Schallmeien. S&#228;chsische Hefte Nr. 7, 336 Seiten, 9.80 €, ISBN 978-3-00-028962-7</address>
<address></address>
<h4>Das Schicksal eines Dialogs</h4>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1204" title="Kuczynski - Urenkel" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/08/Kuczynski-Urenkel-182x300.jpg" alt="Kuczynski - Urenkel" width="182" height="300" />Das Bentzien-Buch, mit dem Teil 2 des R&#252;ckblicks in die Zukunft er&#246;ffnet wurde, setzt beim aufmerksamen Leser vor allem der &#228;lteren Generation, auch Assozi­ationen frei zu J&#252;rgen Kuczynski. Der lie&#223; auf den 1977 beendeten, erst 1983 er­schienenen, sofort umstrittenen, dann verbotenen und schlie&#223;lich durch Honecker zur 2. Auflage freigegebenen »Dialog mit meinem Urenkel« ein Dutzend Jahre sp&#228;ter als Unverbesserlicher den »Fortgesetzten Dialog mit meinem Urenkel« folgen. In einem Land nunmehr, das ihn nicht besondern mochte, aber tolerierte und duldete. Eine ver­gleichende Betrachtung ergibt: In beiden B&#252;chern wird das »Problem DDR« auf ganz unterschiedliche Weise provokativ und selbstkritisch thematisiert.</p>
<p>Kuczynski, ausgestattet mit der Lebenserfahrung von neun Jahrzehnten, bleibt im Dialog 2 weiterhin streitbar und scharfsinnig, nat&#252;rlich nicht ohne die Mitteilung an den Leser, dass er – immer dem Urteil seines Vaters folgend – sich »stets als ein first rate second class Wissenschaftler eingestuft hat, erster Rang in der zweiten Klasse«. Das schlie&#223;t seine weltumspannenden Kontakte mit ihm gem&#228;&#223;en wissen­schaftlichen, kulturellen und politischen Ber&#252;hmtheiten ein. Was er den Urenkeln Robert und Renè (und damit dem Leser) zu sagen hat, ist von hohem Gewicht.</p>
<p>Marx und Engels stehen f&#252;r ihn v&#246;llig au&#223;er jeder Kritik. Auf Lenin l&#228;sst er nichts kommen. Stalin ist f&#252;r ihn »der wahre Totengr&#228;ber, nicht des Sozialismus, aber der ersten Anf&#228;nge auf dem Weg zum Sozialismus«. Der Autor schildert selbstbe­wusst und kenntnisreich seine geradezu au&#223;ergew&#246;hnlichen Beziehungen zu den Rep­r&#228;sentanten von »Oben«. Gespannt ist seine Beziehung zu Ulbricht, mehr als ambi­valent ist sein Verh&#228;ltnis zu Honecker.</p>
<p>Schlie&#223;lich h&#228;lt er – die Frage bezieht sich auf die Nachwende-Gerichtsver­fahren – »alle, mit Ausnahme von Wilhelm Pieck, f&#252;r Verbrecher. Mein Urteil &#252;ber sie hat sich grundlegend ge&#228;ndert. Ich halte sie aus ganz anderen Gr&#252;nden f&#252;r Verbre­cher als das Gericht, weil sie sich n&#228;mlich f&#252;r allwissende, keine Fehler machende G&#246;tter hielten, voller Verachtung f&#252;r die Meinungen einfacher Menschen, voller Ver­achtung f&#252;r die Intelligenz &#8230; Es fehlte ihnen Oben jedes Solidarit&#228;tsgef&#252;hl mit den Menschen der Gesellschaft, in der sie Befehlsfunktionen einnahmen.«</p>
<p>Dieses Zitat vertieft provokant die Beitr&#228;ge von Hans Bentzien, Daniela Dahn und Klaus Huhn. Auf andere Weise auch den von Karl Nolle. Fotograf Manfred Uh­lenhut kann hier nicht als Kronzeuge zitiert werden, sein gl&#252;cklicher Vorwortschrei­ben Guido Knopp schon gar nicht. Dar&#252;ber hinaus m&#246;ge der Leser entscheiden, ob er sich dem Urteil des Jahrhundertzeugen Kuczynski &#252;ber Personen, die Zeitgeschichte mitgeschrieben haben, anschlie&#223;en will oder kann.</p>
<p>Die vielschichtige, widerspr&#252;chliche Realit&#228;t der neueren deutschen Ge­schichte scheint sich einer gerechten Bewertung durch das betroffene Volk – auch das teilen die B&#252;cher mit – zu entziehen. Die Unf&#228;higkeit der Deutschen zu trauern, wie wir sie von Alexander und Margarete Mitscherlich schon vor &#252;ber 40 Jahren in ihren Untersuchungen zu den Grundlagen kollektiven Verhaltens mitgeteilt bekamen, gilt weiterhin. Damit fehlt dem Verm&#246;gen, aus Vergangenem einen brauchbaren Zu­kunftsentwurf abzuleiten eine wichtige Voraussetzung.</p>
<p>F&#252;r die Protagonisten und Nutznie&#223;er des Kapitals mit ihrer Rechtfertigungs­logik ist das nicht verwunderlich. F&#252;r Sozialisten, die unbeirrt eine Abl&#246;sung der Verh&#228;ltnisse auf ihre Fahne schreiben, schon eher. Marx, teilt Kuczynski mit, schrieb im 18. Brumaire, „da&#223; n&#228;mlich die proletarischen Revolutionen des 19. Jahrhunderts best&#228;ndig sich selbst kritisieren. Sie unterbrechen sich fortw&#228;hrend in ihrem eigenen Lauf, sie kommen auf das scheinbar Vollbrachte zur&#252;ck, um es wieder<img class="alignright size-medium wp-image-1206" title="Wir sind das Volk" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/08/Wir-sind-das-Volk-200x300.GIF" alt="Wir sind das Volk" width="200" height="300" /> von Neuem anzufangen, verh&#246;hnen grausam gr&#252;ndlich die Halbheiten, Schw&#228;chen und Erb&#228;rm­lichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kr&#228;fte aus der Erde sauge und sich riesenhaft ihnen gegen&#252;ber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zur&#252;ck vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer ei­genen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unm&#246;glich macht.« Bis zu »dieser Situation« ist noch ein weiter Weg. Ob jene, die sich im Herbst `89 mit dem Schild »WIR sind das VOLK – 1989/1990« auf denselben machten, eine solche Zeitenwende noch erleben, ist mehr als fraglich.</p>
<address>J&#252;rgen Kuczynski. Fortgesetzter Dialog mit meinem Urenkel. F&#252;nfzig Fragen an einen unverbesserlichen Urgro&#223;vater. Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf 1996, brosch. 256 Seiten, ISBN 3-89602-064-1.</address>
<address></address>
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		<title>R&#252;ckblick in die Zukunft?</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Jul 2009 12:29:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner Rahn</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zu neuen B&#252;chern, die die Unf&#228;higkeit der Deutschen belegen, tolerant mit ihrer j&#252;ngeren Geschichte umzugehen (Teil 1) Von Rudolf Hempel Von Stefan Heym, der vor der Wende mit Werken wie „Collin“, „F&#252;nf Tage im Juni“, „Ahasver“, aber nach dem Anschluss auch mit seiner Alterspr&#228;sidentenrede vor dem Deutschen Bundestag einen system&#252;bergreifenden kritischen literarisch-po­litischen Beitrag zur deutschenKultur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zu neuen B&#252;chern, die die Unf&#228;higkeit der Deutschen belegen, tolerant mit ihrer j&#252;ngeren Geschichte umzugehen (Teil 1)<span id="more-1115"></span></h3>
<h5>Von Rudolf Hempel</h5>
<p>Von Stefan Heym, der vor der Wende mit Werken wie „Collin“, „F&#252;nf Tage im Juni“, „Ahasver“, aber nach dem Anschluss auch mit seiner Alterspr&#228;sidentenrede vor dem Deutschen Bundestag einen system&#252;bergreifenden kritischen literarisch-po­litischen Beitrag zur deutschenKultur leistete, wird die Vermutung verbreitet, sie, die DDR, w&#252;rde wohl als „Fu&#223;note in die Geschichte“ eingehen.</p>
<p>Im Jubil&#228;umsjahr „20“ will nun die Flut der Neuerscheinungenauf dem deut­schen Buchmarkt nicht abrei&#223;en, in denen &#8211; aus der Sicht von Schriftstellern, Verle­gern, Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten – der (R&#252;ck)-Blick auf eine ver­blichene sozialistische Republik erfolgt. Das „Fu&#223;notenprojekt DDR“, vor zwei Jahr­zehntenin der Tat &#8211; aus guten und/oder schlechtenGr&#252;nden &#8211; gescheitert, hinterl&#228;sst beim Leser, der &#8211; wie die Autoren-, vorurteilsfrei nach Ursachen forscht, eine Gewis­sensfrage: Was bleibt? Und &#8211; was geh&#246;rt, nicht nur den Deutschenaus dem Osten, zur bewahrenswerten Hinterlassenschaft?</p>
<p>Die Autoren eint das Bem&#252;hen &#8211; bei allen Unterschieden in Ansicht, Absicht und Verm&#246;gen, die untergegangene Republik zu verteidigen. Obvors&#228;tzlich oder nicht: &#8211; sie wenden sich gegen die Denk-Vorgabe einer politischen Klasse, die den ahistorischenBegriff „Unrechtsstaat“ einf&#252;hrte. Die sich dessen Wirkung bei den (meisten) Deutschenim Westen sicher sein kann und auf seine  Wirkung bei den Deutschen im Osten hofft.</p>
<p>Die Autoren dagegen pl&#228;dieren mit ihren Texten f&#252;r das Faktische. Manche hoffen auch auf den Glauben ihrer Leserschaft an die dauerhafte Wirkung einer soziale Idee. Die von Marx kommt. Wieder auferstanden ist nicht nur dessen „Kapital“. &#220;bergreifendes verbindet: Hoffen wir gemeinsam, indem wir f&#252;r Recht und Gerechtigkeit, f&#252;r Augenma&#223; und Toleranz und also f&#252;r die historische Wahrheit pl&#228;dieren.</p>
<p>Unter dieser Pr&#228;misse erforscht der Verleger Christoph Links das Schicksal von 78 DDR-Verlagen, Ex-Funktion&#228;r Egon Krenz ver&#246;ffentlicht Gef&#228;ngnisno­tizen. Ralph Hartmann, Autor des Bestsellers „Liquidatoren“, kommentiert die Vor­gaben Unrechtstaat, Schie&#223;befehl und marode Wirtschaft. Horst Pehnert, fr&#252;her als Politiker ma&#223;geblich f&#252;r Filme zust&#228;ndig, erhellt, was einst gedreht und dann nicht gezeigt werden durfte.</p>
<p>Der Historiker Wolfgang Wippermann tritt mit seiner neuen Streitschrift f&#252;r einen gerechteren Umgang mit der DDR ein. Und schlie&#223;t damit an seine Polemik gegen die umstrittenen Thesen der Ex-TV-ModeratorinEva Herman an &#8211; &#252;ber positive Aspekte im Dritten Reich: Autobahn und Mutterkreuz. Schlie&#223;lich brachte die Jour­nalistin Franziska Kleiner manch sch&#246;nes Fundst&#252;ck zu Papier. Sie hatte in den M&#252;ll­halden der Geschichte gekramt.</p>
<h4>Das Schicksal einer Branche</h4>
<p><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/b2de7bf3b36f4c41bff67cb492506438" alt="" width="1" height="1" alt=""><img class="alignleft size-medium wp-image-1126" title="Buchtitel Links" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/07/Buchtitel-Links-195x300.jpg" alt="Buchtitel Links" width="195" height="300" />Das Schicksals-Buch war &#252;berf&#228;llig. Christoph Links, der sich als Redakteur, Rezensent und Verleger &#252;ber Jahrzehnte einen Namen gemacht hat, nennt es im Un­tertitel „Die Privatisierung und ihre Konsequenzen“. Das klingt sachlich und in ge­wissem Sinne „neutral“. Was sich allerdings auf dem Buchmarkt der DDR nach der Wende wirklich abspielte, war alles andere als „neutral“. Der Autor dieses Blog­beitrages, selbst lange Zeit als Literaturredakteur einer Berliner Wochenzeitung und nach der Wende als Freier Journalist t&#228;tig, kann davon mehr als ein Lied singen.</p>
<p>Freilich d&#252;rfen einige objektive Faktorennicht au&#223;er acht gelassen werden, die eine Bewahrung der Verlagsbranche mit sozialistischem Anspruch wenigstens auf l&#228;ngere Zeit erschwerten. Dazu z&#228;hltenihr Mangel an Eigenkapital, die hohe Zahl der Besch&#228;ftigten, unklare Eigentumsverh&#228;ltnisse, die geringe technische Ausstattung, die W&#228;hrungsunion, fehlende Markterfahrung und eine mit der Grenz&#246;ffnung&#252;ber Nacht pr&#228;sente schier &#252;berm&#228;chtigeKonkurrenz. Der damit verbundenen immensen Heraus­forderung w&#252;rde die Mehrzahl der 78 DDR-Verlagenicht gewachsen sein.</p>
<p>Allerdings ist damit weder zu erkl&#228;rennoch zu entschuldigen, dass in den ersten Nachwendejahren Literatur unterschiedlichster Sachgebiete &#8211; von Kinderb&#252;­chern &#252;ber Bildb&#228;nde bis zu Klassiker-Ausgaben deutscher und ausl&#228;ndischer Auto­ren &#8211; tonnenweise aus Buchhandlungen, Verlagen, B&#252;chereien, Betrieben und Institutionen in Container und Tagebaue &#252;berf&#252;hrt und damit unersetzbares Kulturgut vernichtet wurde.</p>
<p>Vornehmlich nachdem Birgit Breuel als Nachfolgerin des ermordeten Detlev Rohwedder im Fr&#252;hjahr 1991 die Gesch&#228;fte der Treuhand &#252;bernahm und im D-Zug-Tempo weiterf&#252;hrte, erfuhr die &#252;bereilte und &#8211; von Ausnahmen abgesehen – unpro­fessionelle Abwicklung von editorischem Verm&#246;gen auch seine staatlich Sanktion. So verschwanden durch dubiose Verk&#228;ufe H&#228;user von der Bildfl&#228;che, die nicht nur auf eine achtbare Vergangenheit verweisen konnten, sondern auch mit ihrem Angebot als kulturbestimmenderFaktor im Lande und &#252;ber die Grenzen der Republik hinaus aus­gewiesen waren. Dazu z&#228;hlen, um nur einige Beispiele zu nennen, der Verlag Volk und Welt, der Buchverlag der Morgen, der Kinderbuchverlag, der Verlag der Nation. Von den „Ehemaligen“ haben bis heute weniger als ein Dutzend &#252;berlebt.</p>
<p>Christoph Links hat mit seiner Dissertation, von einer linken Tageszeitung zu Recht als „Ein Protokoll des Niedergangs“ bezeichnet, eine immense Recherchearbeit geleistet. Archive, Unterlagen des B&#246;rsenvereins, Gespr&#228;che mit „Zeitzeugen von der literarischen Front“ lieferten den Stoff, aus dem die Substanz eines unverzichtbaren Nachschlagewerkes wurde. Gewiss eingeflossen in das Kompendium sind aber auch seine Kontakte mit Autoren, Lektorenund Rezensenten im Umfeld des von ihm in der Wende gegr&#252;ndeten Verlages. Der seinen Namen tr&#228;gt und mit Erfolg die The­men Politik und Zeitgeschichte auf seine Fahnen geschrieben hat.</p>
<p>Im Epilog der Analyse wird darauf verwiesen, dass sich die sinkende Tendenz auf dem ostdeutschen Buchmarkt auch in den Jahren 2008/2009 fortsetzt. Die Hiobs­botschaften rei&#223;en nicht ab. Sie betreffen nun den Traditionsverlag Brockhaus und den Insel Verlag, jeweils in Leipzig, partiell auch den Aufbau-Verlag. Christoph Links zieht ein bitteres, aber realistisches Res&#252;mee: „Das Zusammengehen beider deutscher Nachkriegsstaaten kann im politischen Bereich als weitgehend gegl&#252;ckt gelten, auf wirtschaftlichem Gebiet ist es eher missraten. Die Verlagsbranche steht daf&#252;r gera­dezu symptomatisch&#8230;“</p>
<address>Christoph Links, Das Schicksal der DDR-Verlage &#8211; Die Privatisierung und ihre Konsequenzen, Ch. Links Verlag, 352 Seiten, geb. 24,90 €, ISBN 978-3-86153-523-2</address>
<address></address>
<h4>Das Schicksal eines Funktion&#228;rs</h4>
<p style="padding-left: 30px;">Peter Hacks beschrieb vor einigen Jahren: „Diesem Land ist weggenommen worden ein schlechter Sozialismus und gegeben worden ein schlechter Kapitalis­mus“. Er glaube, dass die Leute lernen, dass der „schlechteste Sozialismus immer noch besser ist als der beste Kapitalismus.“ Hacks vertraut darauf, dass die Men­schen lernf&#228;hig sind. Er hat Recht behalten. &#220;berdies habendie Ostdeutschen einen gro&#223;en Vorteil: Sie haben zwei gesellschaftliche Systeme erlebt. Sie k&#246;nnen verglei­chen.</p>
<p>Diese provokante Passage findet sich in den „Gef&#228;ngnis-Notizen“. Aufge­<img class="alignright size-medium wp-image-1130" title="Buchtitel Krenz" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/07/Buchtitel-Krenz1-179x300.jpg" alt="Buchtitel Krenz" width="179" height="300" />schrieben von einem Mann mit sozialistischer „Bilderbuchkarriere“: NVA, KPdSU-Parteihochschule, Chef der Pionierorganisation, dann des FDJ-Zentralrates, Mitglied des Politb&#252;ros, erst Kronprinz, dann Honeckernachfolger in allen &#196;mtern. Es war eine Karriere, die in den Wirren der Wende zum Ausschluss aus der damaligen SED-PDS und nach dem Anschluss des Landes geradezu folgerichtig vor Gericht f&#252;hren musste: 1997 zur Verurteilung und nach der Jahrtausendwende in die JustizVoll­zugsAnstalt (JVA) der Bundesrepublik. Von sechseinhalb sa&#223; Krenz vier Jahre ab. Honecker hatte die bundesdeutsche Justiz nicht belangen k&#246;nnen. Krenz als Nachfol­ger repr&#228;sentierte f&#252;r die bundesdeutsche Justiz in gewisser Weise stellvertretend die komplette politische F&#252;hrung der damaligen DDR.</p>
<p>Der „Delinquent“ f&#252;hrt Tagebuch. Ein politischer H&#228;ftling unter Kriminellen diverser Schattierung notiert Allt&#228;gliches, Besonderes und Absur­des. Kombiniert ak­tuelle Vorg&#228;nge mit R&#252;ckblenden. Reflektiert auf der Basis seiner unver&#228;nderlichen Grund&#252;berzeugung, flankiert von Erinnerungen und Dokumenten, oft h&#246;chst brisante und komplexe historische Vorg&#228;nge. Darunter solche &#252;ber das Verh&#228;ltnis der Bundes­republik zu ihren fr&#252;heren Gespr&#228;chspartnern, auch jene, in denen einstige Mitstreiter ein seltsames Ma&#223; an Opportunismus offenbaren.</p>
<p>Sein Vertrauen auf wissenschaftliche Ana­lyse und die Forderung nach politi­schem Anstand kollidieren, so seine Sicht der Dinge, grunds&#228;tzlich mit dem neuen Souver&#228;n. Der mit der Logik des Sie­gers eine Deutungshoheit &#252;ber die Geschichte f&#252;r sich beansprucht. Der Autor erm&#246;glicht dem Leser aber auch einen R&#252;ckblick hinter die politischen Kulissen von damals. Interessante Details &#252;ber gravierende Kontroversen zwi­schen der DDR-F&#252;hrung und der des „gro&#223;en Bruders“ erhellen im Nachhinein, wie kompliziert das Verh&#228;ltnis der Verb&#252;ndeten wirklich war. Und – im Kontext dazu – welche in die Irre f&#252;hrenden Nebelschleier die auch von Krenz selbst mit zu verant­wortende offizielle Agitation und Propaganda jahrelang &#252;ber „unsere Menschen“ ausbreitete.</p>
<p>Egon Krenz, der ein­r&#228;umt, er „geh&#246;rt zu den Gescheiterten“, wei&#223; aber auch, „dass die Welt ohne Sozia­lismus keine Zukunft haben wird“. Gleichwohl vermeidet er Prognosen in eine von ihm erhoffte Richtung. Daran vor allem l&#228;sst sich wohl festmachen, dass auch ein Mann wie Krenz lernf&#228;hig ist. Sein neues Buch kann ebenso wie dessen Vor­g&#228;nger „Herbst `89“ und „Widerworte“ insofern als Dokument der Zeitgeschichte gelten. Dem Anerkennung auch von seinen alten und neuen politi­schen Gegnern zu w&#252;nschen w&#228;re.</p>
<address>Egon Krenz, Gef&#228;ngnis-Notizen, edition ost im Verlag Das Neue Berlin, 240 Sei­ten, brosch. 14,90 €, ISBN 978-3-360-01801-4</address>
<h4>Das Schicksal von Legenden</h4>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1133" title="Buchtitel Hartmann" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/07/Buchtitel-Hartmann-180x300.jpg" alt="Buchtitel Hartmann" width="180" height="300" />Inhaltsangaben sind manchmal mehr als nur formale Angaben &#252;ber die Struk­tur eines Buches. Auf die in f&#252;nf Kapitel gegliederten „DDR Legenden“ trifft das zu. Als Kostprobe hier einige Titel der insgesamt rund 60 Kurzbeitr&#228;ge: Die Mauer; Die „ma­rode“ Wirtschaft; Stolz auf den Aufbau Ost; Rote Socken &#8211; liederlich gestopft; Stasi-Kn&#252;ppel aus dem Sack; F&#252;rstliche Beutez&#252;ge; Feindliches Verm&#246;gen; Die Kommu­nisten sind schuld; Der Feldzug gegen die Abzocker.</p>
<p>W&#228;hrend die Wirtschaftskonjunktur am Boden liegt, rauchen die Schlote der Erinnerungsindustrie. Heerscharen gut bezahlter Publizisten, Fern­sehjournalisten, Politikwissenschaftler, Museumsp&#228;dagogen, K&#252;nstler, aber auch weniger gut bezahlter Leserbriefschreiber arbeiten an der bundesoffiziellen Darstel­lung von DDR-Vergangenheit. Einseitig die Sichten, unerw&#252;nscht die Abweichun­gen. Anderslautende Meinungen werden von den Medien kaum akzeptiert, manchmal diffamiert. Die De­nunziation geht um. Sie nennt sich „Geschichtsrevisionismus“.</p>
<p>Hartmanns Beitr&#228;ge zeichnen sich durch K&#252;rze, Faktenreichtum und Ironie aus. Die Texte vermitteln in ihrer Gesamtheit ein dunkles Bild von einem nach wie vor zerris­senen Land, das auch durch die permanente Verk&#252;ndigung einer Heilslehre von der gelungenen deutschen Einheit nicht heller wird.</p>
<p>Hinterfragt wird von ihm der Sinn von Kampagnen, wie die der R&#252;ckgabe vor Entsch&#228;digung, polemisiert wird gegen Einseitigkeit und Vorurteil, pl&#228;diert wird f&#252;r Toleranz und Akzeptanz im Umgang mit der deutschen Geschichte. Dabei begegnen dem Leser immer wieder Namen wie Joachim Gauck, Rainer Eckert, Hubertus Knabe, Marianne Birthler, Wolfgang Clement, wie Florian Henkel von Donnersmark, Rainer Eppel­mann, Ronald Pofalla, Arnold Vaatz. Sie alle eint, was Ralph Hartmann kritisiert: Die Bildung von Legenden. Die der Leser als Provokation, als Herausforde­rung oder auch als Best&#228;tigung seiner vagen Vermutungen &#252;bersetzen kann.</p>
<p>DenRezensenten &#252;berrascht, in solch einem Kompendium auch Beitr&#228;ge wie „Nachdenken &#252;ber einen Vordenker“ zu finden. Hier geht es um Andrè Brie. Der zahlreiche ND-Leser erboste, weil er in einem Spiegel-Interview „&#252;ber den Populis­mus seiner Partei und den R&#252;ckfall in bolschewistische Machtpolitik“ res&#252;mierte. Hartmann verteidigt Brie. M&#246;chte die zahlreichenAngriffe gegen den „verdienstvol­len Europaabgeordneten“ zur&#252;ckweisen. Der seinerseits auf die SPD zugehen will, der bez&#252;glich Kuba eine andere als die „offizielle“ Meinung hat, der eine Opposition gegen Oskar Lafontaine fordert, der schlie&#223;lich „ein eigenes erneuertes sozialistisches Profil statt platter Rufe nach System&#252;ber­windung“ verlangt. Einem Vordenker zu wi­dersprechen, sei unfassbar und abenteu­erlich, schreibt Hartmann. „Es ist einfach un­geh&#246;rig. So etwas tut man nicht“. Ob das Hartmann wirklich denkt?</p>
<address>Ralph Hartmann, DDR Legenden, Der Unrechtsstaat, der Schie&#223;befehl und die marode Wirtschaft, edition ost im Verlag Das Neue Berlin, 224 Seiten, brosch. 14.90 €, ISBN 978-3-360-01804-5</address>
<h4>Das Schicksal einer Denunziation</h4>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-1135" title="Buchtitel Pehnert" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/07/Buchtitel-Pehnert-179x300.jpg" alt="Buchtitel Pehnert" width="179" height="300" />Als Horst Pehnert Ende 1976 berufen wurde, hatte er als Chef der Hauptver­waltung Film beim Ministerium f&#252;r Kultur zw&#246;lf Vorg&#228;nger. Pehnert war die Num­mer 13. Und blieb 13 Jahre. Als Minister Hoffmanns Stellvertreter und damit als Be­auftragter f&#252;r die Durchsetzung der Parteilinie in der Filmpolitik. Kein leichtes Amt. Noch dazu begonnen in dem Jahr, als Wolf Biermann ausgeb&#252;rgert worden war. Und nachfolgend eine Reihe von DDR-K&#252;nstlern, auch aus der Filmbranche, sich f&#252;r den Liedermacher in einer Petition einsetzen.</p>
<p>Der Autor legt einen Rechenschaftsbericht vor. Sich selbst und der &#214;ffent­lichkeit. Der Klappentext informiert: „Freim&#252;tig gibt er Auskunft &#252;ber seine Kon­fliktlagen, Mutproben und Momente der Feigheit vor der Macht. Und weist nach, dass die DEFA trotz zensierender Eingriffe ein gro&#223;es Kapitel deutscher Filmge­schichte geschrieben hat.“</p>
<p>Pehnert, der beim nun schon legend&#228;ren (Leipziger Stu­dentenkabarett) Rat der Sp&#246;tter, sp&#228;ter rund zwei Jahrzehnte als Journalist der Jungen Welt seinen Zuh&#246;rern und Lesern von sich Mitteilung zu machen wusste, w&#228;hlt diesmal einen bunten Info-Mix: Kein Sachbuch &#252;ber Film in der DDR, sondern eigene Erin­nerungen und Erfah­rungen, Artikel, Reden, Zuschriften kombiniert mit Leserbriefen und einigen auf­schlussreichen K&#252;nstler-Kurzport­r&#228;ts. Dazu eine nicht ohne Hintersinn ausgew&#228;hlte Foto-Sammlung.</p>
<p>Mit Hilfe des Buches nachvollziehbar wird, dass &#8211; entgegen manch aktuellem Vorurteil - auch in der damaligen DDR Kunst m&#246;glich gewesen ist. Das Potential da­f&#252;r war beachtlich. Regisseure wie Kurt Maetzig, Konrad Wolf, Karl Gass, Herrmann Zschoche, Rainer Simon, G&#252;nter Reisch, Frank Beyer und Heiner Carow verarbeite­ten Stoffe von gesellschaftlicher Relevanz, nicht selten auch von einiger Brisanz. Schauspieler wie Erwin Geschonneck, Armin M&#252;ller-Stahl, Manfred Krug, Rolf Hoppe, Angelika Domr&#246;se, Jutta Hoffmann und Hilmar Thate zeigten k&#252;nstlerisches Profil, das wohl jedem, auch internationalen Vergleich gewachsen war.</p>
<p>Aber es gab auch „Verluste“. Die in ihrer k&#252;nstlerischen und politischen Di­mension vom Autor allerdings nur ungen&#252;gend nachvollziehbar vermittelt werden. Zwar wird an „In­sel der Schw&#228;ne“ sowie an „Jadup und Boel“ und deren &#252;ber die Parteiinstanzen organi­sierte und von Zeitungen wie „Neues Deutschland“ und „JungeWelt“ exekutierte Hin­richtung erinnert. Vor dem Hintergrund der verbotenen Ple­num-Filme und der nam­haften K&#252;nstler, die „ihr“ Land in Richtung Westen verlassen mussten, h&#228;tte ein Mann vom Format Horst Pehnerts durchaus den Teufelskreis von Machtanspruch und Machtmissbrauch einer zuverl&#228;ssigeren Analyse unterziehen k&#246;nnen.</p>
<p>Als ein Silberstreif am Horizont der Pehnertschen R&#252;cksicht auf den Film der DDR kann die Passage „Ein Briefwechsel“ gelten. Eine Ursula Z., wohnhaft in Ber­lin, Marchwitzastra&#223;e, &#228;u&#223;ert in einem Brief an das Ministerium f&#252;r Kultur, Haupt­verwaltung Film, vom 16.06.1980 ihre Emp&#246;rung &#252;ber den Film „Solo Sunny“ von Konrad Wolf. Dessen „Milieu sowie die Handlungsweisen der Hauptpersonen in den meistenSzenen gr&#246;blichst unserer sozialistischen Wirklichkeit widersprechen&#8230; Kein vern&#252;nftiger Mensch in unserem Land lebt so.“ Der Brief denunziert in erschrecken­der wie zugleich erhellender Weise seine Sch&#246;pfer, die &#252;bergro&#223;e Mehrzahl der Zu­schauer und auch die Jury, die den Streifen auszeichnete. Was und wie realit&#228;tsnah Briefempf&#228;nger Pehnert darauf antwortet, das allein schon macht das Buch lesens­wert.</p>
<p>Unbestritten: Wir haben es hier mit einer wichtigen Neuerscheinung zu tun. Die – alles in allem &#8211; aber unter ihren M&#246;glichkeiten bleibt, der st&#228;rkerer Tiefgang zu w&#252;nschen ge­wesen w&#228;re. Das Fehlen von Sach, -Literatur -und Personenre­gister sei hier nur am Rande erw&#228;hnt.</p>
<p>Dem DDR-Filmwesen einen ihm geb&#252;hrenden Platz in der Erinnerungskultur unseres Landes zu geben, dazu hat Horst Pehnert nur seinen ihm m&#246;glichen Beitrag leisten k&#246;nnen. Vielleicht ging es ihm als ehe­maligem „Filmminister“ so wie Egon Krenz als Ex-SED-Chef. Beide arbeitetenviele Jahre rund um die Uhr im guten Glauben f&#252;r eine gute Sache. In den historischen Be­schr&#228;nkungen des von ihnen ma&#223;geblich mitgestalteten politischen Systems. Damit bewegen sich auch ihre publi­zistischen Nachbetrachtungen letztendlich in den glei­chen Grenzen.</p>
<address>Horst Pehnert, Kino, K&#252;nstler und Konflikte – Filmproduktion und Filmpolitik in der DDR, Verlag Das Neue Berlin, brosch. , 224 Seiten, 12,90 €. ISBN 978-3-360-01959-2</address>
<h4>Das Schicksal falscher Gleichsetzung</h4>
<p style="padding-left: 30px;">Die DDR war unzweifelhaft eine Diktatur und mit Sicherheit kein Rechtsstaat. Doch ebenso wenig war sie eine totalit&#228;re und mit dem nationalsozialistischen Un­rechtsstaat zu vergleichende „zweite Diktatur“: Honecker gleich Hitler, Stasi gleich Gestapo, Bautzen gleich Buchenwald. Dies k&#228;me einer D&#228;monisierung der DDR gleich, die wiederum mit einer Relativierung des Dritten Reiches verbunden w&#228;re.</p>
<p>Wolfgang Wippermann, Professor f&#252;r Neuere Geschichte an der Freien Uni­versit&#228;t Berlin, ist ein streitbarer Wissenschaftler und Publizist. Was er, samt aus­f&#252;hrlichen Anmerkungen und Literaturverzeichnis, detailgetreu zur Diskussion stellt, soll zu einem „gerechteren Umgang mit der DDR“ anregen. In seine tiefgr&#252;ndigen, von strategischem Gestus gepr&#228;gten &#220;berlegungen bezieht er auch „Historiker-Kolle­gen“ wie Ernst Nolte, J&#252;rgen Habermas, Hermann Weber und Eberhard J&#228;ckel ein. Wissenschaftler, die in einer Art nachgelagertem Historikerstreit die indirekte Relati­vierung des Dritten Reiches durch die D&#228;monisierung der DDR entweder zustimmend bef&#246;rdern (Nolte), schweigend tolerieren (Habermas) oder scharf ablehnen (Weber, J&#228;ckel).</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1137" title="Buchtitel Wippermann" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/07/Buchtitel-Wippermann-174x300.jpg" alt="Buchtitel Wippermann" width="174" height="300" />Wippermann selbst z&#228;hlt zu denen, die eine Gleichsetzung zweier historisch aufeinander folgender, im sozialgeschichtlichen Denkansatz aber v&#246;llig unterschiedli­cher deutscher Gesellschaftssysteme strikt ablehnen. Sein Buch zeigt dar&#252;ber hinaus, dass es keinen Sinn macht, bei einer durch wissenschaftliches Argument fundierten Ablehnung stehen zu bleiben. Er wendet sich deshalb im Kapitel 3 „Institutionen und Personen“ dem Forschungsverbund SED-Staat an der FU zu. Dem es, so Wipper­mann, weniger um Forschung und Wissenschaft in der deklarierten Richtung als um Ideologie und Politik, de facto also um die „Errichtung einer Diktatur des Verdachts“ gehe.</p>
<p>Auch das Amt des Bundesbeauftragten f&#252;r die Unterlagen des Staatssicher­heitsdienstes der ehemaligen DDR (mehr als 3000 Mitarbeiter, &#252;ber 100 Mio. € Kosten j&#228;hrlich) erf&#228;hrt eine W&#252;rdigung besonderer Art. Nachfolgend der von seinem ersten Leiter, dem Rostocker Pfarrer Gauck, postulierten Zielrichtung gehe es wohl um eine Institution, die gro&#223;e &#196;hnlichkeit mit dem „Wahrheitsministerium“ habe, das in Orwells prophetischem Buch „1984“ einen zentralen Raum einnimmt.</p>
<p>Wo der BStU t&#228;tig, ist der „Gro&#223;inquisitor“ nicht weit. Sein Name: Hubertus Knabe. Wer den Leiter der Stasi-Gedenkst&#228;tte Hohensch&#246;nhausen schon einmal er­lebte, wird kaum eine treffendere Bezeichnung als die von Wippermann gew&#228;hlte finden: die Sprache betont leise, der Vortrag reich an Kunstpausen, der Gestus dezent. Das alles aber steht im krassen Gegen­satz zum geradezu fanatischen Eifer eines ehe­maligen BStU-Mitarbeiters. Der sich, wo auch immer er selbst es f&#252;r notwendig h&#228;lt oder es von interessierten politischen Kreisen f&#252;r sinnvoll betrachtet wird, zu Wort oder Schrift meldet. Zweifellos sind Knabes andauernde missionarische Bem&#252;hungen auch von seinem pers&#246;nlichenSchicksal gepr&#228;gt, dessen Einzelheiten Wippermann erw&#228;hnt.</p>
<p>Zwischenzeitlich hat sich der „Gro&#223;inquisitor“ zu einer Art selbsternannter heiliger Instanz in Sachen Delegitimierung der DDR entwickelt und kann somit als einer von Kinkels Haupterben gelten. Er sorgt, auch mit immer neuen B&#252;chern, daf&#252;r, dass seine Erscheinung auf Dauer im hellen Glanze einer Verschw&#246;rungsideologie er­strahlt. Nach „West-Arbeit des MfS“, „Die unterwanderte Republik“ und „Der dis­krete Charme der DDR“ ist seit der Leipziger Buchmesse mit „Honeckers Erben – Die Wahrheit &#252;ber DIE LINKE“ endlich jener Titel pr&#228;sent, „der jeden angeht, der sich um die politische Zukunft Deutschlands Sorgen macht“.</p>
<p>Sorgen macht sich auch Wolfgang Wippermann. Die sind allerdings nicht von Knabeschem Kaliber. Ganz im Gegenteil. Es geht ihm nicht um selbstgerechte An­ma&#223;ung, missionarische Abrechnung, &#252;ble Denunziation und primitive Diffamierung, schon gar nicht um unhaltbare Geschichtsklitterung. Er liefert kein „Schwarzbuch“ und keine Schm&#228;hschrift.</p>
<p>Er hat eine Streitschrift verfasst, in der es um die gerechte Bewertung von deutscher Geschichte geht. Sein Appell betrifft dabei auch jene, die noch immer nicht verstan­den haben oder verstehen wollen, dass am Untergang „ihres“ Systems auch sie als Zeitgenossen ihren Anteil haben. Weil sie an dessen Entstehung, Auspr&#228;gung, Le­bens­dauer und Scheitern nicht nur schlechthin, sondern oft auch wesentlich mitbetei­ligt waren.</p>
<address> Wolfgang Wippermann, D&#228;monisierung durch Vergleich: DDR und Drittes Reich, Rotbuch Verlag , 160 Seiten, brosch., 9,90 €, ISBN 978-3-86789-060-1</address>
<h4>Das Schicksal der M&#252;llhalden</h4>
<p><img class="size-medium wp-image-1139 alignright" title="Buchtitel Kleiner" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/07/Buchtitel-Kleiner-104x300.jpg" alt="Buchtitel Kleiner" width="104" height="300" />Franziska Kleiner, die schon im „DDR-Sammelsurium“ allerlei aus den M&#252;llhalden der Geschichte hervorgekramte, ging wieder auf Spurensuche. Sie hat eif­rig gesammelt und &#252;bersichtlich geordnet, was seit mehr als sechs Jahrzehnte an geistigen, moralischen, kulturellen, materiellen und politischern Werten zwischen R&#252;gen und Rh&#246;n entstanden war. Wie sich heraus stellt ist das weit mehr als nur Gr&#252;ner Pfeil, Club Cola, Spreewaldgurke, Gartenzwerg, Spee und „Dauerbrenner“ Sandm&#228;nnchen.</p>
<p>Eine, wenn auch geringe Zahl von DDR-Produkten haben der &#252;berm&#228;chtigen Konkurrenz aus dem Land der einst sozialen, jetzt zunehmend global scheiternden Marktwirtschaft, bis heute widerstanden &#8211; Rotk&#228;ppchen Sekt, Florena-Creme, R&#246;st­fein-Kaffee, Halloren-Kugeln, Bautzner Senf. Preise und Kunstinstitutionen behiel­ten, ungeachtet mancher Anfeindungen, ihren Namen: K&#228;the Kollwitz, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Hanns Eisler, Ernst Busch, Konrad Wolf. Auch Stra&#223;en und Pl&#228;tze k&#252;nden trotz regionalpolitisch unterschiedlich ausgepr&#228;gter Umbenen­nungshysterie heute noch von Personen der Zeitgeschichte: Marx, Engels, Liebknecht, Th&#228;lmann, Pieck und Grotewohl. St&#228;dtepartnerschaften als Symbole von Weltoffen­heit, von denen es schon zu DDR-Zeiten mehr gab als allgemein bekannt, werden weitergef&#252;hrt: Insgesamt &#252;ber 200 von mehr als 40 St&#228;dten. Von A wie Apolda bis Z wie Zwickau. Auch Lieder sind nicht totzukriegen – ob „Alt wie ein Baum“ von den Puhdys oder „&#220;ber sieben Br&#252;­cken musst Du gehen“ von Karat.</p>
<p>&#220;ber wie viele „fiktive Br&#252;cken“ die verblichene DDR noch gehen muss und was am Ende wirklich von ihr bleiben wird, das liegt letztendlich auch im Ermessen jener Zeitgenossen, die B&#252;cher lesen, in denen die Unf&#228;higkeit der Deutschen belegt wird, tolerant mit ihrer j&#252;ngeren Geschichte umzugehen.</p>
<address>Franziska Kleiner, Was von der DDR blieb, Eulenspiegel Verlag, 192 Seiten, 14.90 €, brosch., ISBN 978-3-359-02225-1 </address>
<address></address>
<p style="text-align: center;">***</p>
<p>Erwin Strittmatter z&#228;hlt auf andere Weise als Stefan Heym zu den pr&#228;genden Autoren seiner Zeit. Zu „Ole Bienkopp“ gab es in den 60er Jahrenin der DDR eine Literaturdiskussion, die ihresgleichen deutschlandweit bis heute sucht. Vielen, auch den j&#252;ngeren Literaturfreunden, noch gut in Erinnerung ist sein monumentales Werk „Der Laden“. Beeinflusst von Brecht schuf Strittmatter als sein wohl wichtigstes lite­rarisches Ver­m&#228;chtnis, den „Wundert&#228;ter“. In dem uns – &#252;ber drei B&#228;nde – mit Sta­nislaus B&#252;dner ein einfacher „Held“ aus dem gemeinen Volke begegnet.</p>
<p>&#220;ber das 3. Buch hatte es vor seiner Ver&#246;ffentlichung 1980 &#8211; hinter den politi­schen Kulissen &#8211; einen geradezu exemplarischen politisch-literarischen Streit gege­ben. Der betraf weniger den Autor, mehr eine noch unvollkommene Gesellschaft. De­ren sch&#246;pferische Kr&#228;fte nicht selten mit den dogmatischen Vorgaben einer Parteif&#252;h­rung kollidierten. Diese entwickelte, von scheinbar guten Gr&#252;nden inspiriert, mit stei­gender Intensit&#228;t eine fal­sches Selbstverst&#228;ndnis. Das zunehmend, und mit dem heute offenkundigen Ergebnis, den Lauf der neuen Welt in eine falsche Richtung lenkte. Genau davor hat der Autor mit den ihm gem&#228;&#223;en k&#252;nstlerischen Mitteln gewarnt.</p>
<p>An Strittmatters Bedeutung f&#252;r die deutsche Literatur kann auch die schon vor der Wende beginnende verletzende Distanz des bundesdeutschen Feuilletons nichts &#228;ndern. Genauso wenig wie die vor &#252;ber einem Jahr &#8211; nach dem Beitrag von Werner Liersch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung „Erwin Strittmatters unbekannter Krieg“ – einsetzende und bis heute anhaltende Diskussion um seine tats&#228;chliche Mitgliedschaft in einer bestimmten milit&#228;rischen Formation des Dritten Reiches. Wenngleich oder gerade weil sie typisch deutsch ist, geht sie am Autor Strittmatter letztendlich vorbei. Als Beweis daf&#252;r und ganz allgemein auch f&#252;r die Frage „Was bleibt?“ kann gelten, was Stanislaus B&#252;dner im „Wundert&#228;ter 3“ &#8211; nach ei­ner langen, nervenden Auseinandersetzung mit dogmatischen Agitatoren &#252;ber Recht oder Un­recht &#8211; lapidar formuliert: „Es ist noch nicht aller Tage Abend.“</p>
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