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	<title>blogsgesang.de &#187; Staatssicherheit</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Bundestrojaner, das IM-System des Internetzeitalters</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Oct 2011 19:17:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Als das Bundesverfassungsgericht vor gut dreieinhalb Jahren den Sicherheitsbeh&#246;rden die Online-Durchsuchung gestattete, sie aber durch allerlei Auflagen zur seltenen Ausnahme zu machen versuchte, war bereits klar dass damit dem Zugriff auf die Computer aller B&#252;rger T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet wurde. &#220;brigens auch dem Gericht selbst, das warnend den Zeigefinger hob: »Wird ein komplexes informationstechnisches [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Als das Bundesverfassungsgericht vor gut dreieinhalb Jahren den Sicherheitsbeh&#246;rden die Online-Durchsuchung gestattete, sie aber durch allerlei Auflagen zur seltenen Ausnahme zu machen versuchte, war bereits klar dass damit dem Zugriff auf die Computer aller B&#252;rger T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet wurde. <span id="more-3320"></span>&#220;brigens auch dem <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20080227_1bvr037007.html" target="_blank"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/3d0a65f64a4849779c6fcfb0f650c4f7" alt="" width="1" height="1" />Gericht selbst, das warnend den Zeigefinger hob</a>: »Wird ein komplexes informationstechnisches System zum Zweck der Telekommunikations&#252;berwachung technisch infiltriert (,Quellen-Telekommunikations&#252;berwachung‘), so ist mit der Infiltration die entscheidende H&#252;rde genommen, um das System insgesamt auszusp&#228;hen. Die dadurch bedingte Gef&#228;hrdung geht weit &#252;ber die hinaus, die mit einer blo&#223;en &#220;berwachung der laufenden Telekommunikation verbunden ist.« Es wusste also: Wenn eine T&#252;r auch nur einen Spalt weit ge&#246;ffnet wird, reicht das in aller Regel aus, um sie sukzessive immer weiter aufzusto&#223;en – bis hin zum sprichw&#246;rtlichen Scheunentor.</p>
<p>Dass sich die mit dem Verfassungsgerichtsurteil vom 27. Februar 2008 freigegebene Entwicklung in diesem Sinne vollzog, ist also keine &#220;berraschung; erstaunlich ist allenfalls, mit welcher Selbstverst&#228;ndlichkeit vor allem <a href="http://www.zdnet.de/news/41557123/vier-bundeslaender-geben-trojanernutzung-zu.htm" target="_blank">konservative Innenminister</a> und ihre Ermittler den Fu&#223; oder gleich den Polizeistiefel in den T&#252;rspalt schoben oder sie gar ganz auftraten. Sie erkannten offensichtlich sehr schnell, dass ihnen mit der Schn&#252;ffel-Software des Bundestrojaners ein Instrument nicht grunds&#228;tzlich verboten wurde, das in seinen M&#246;glichkeiten einem IM-System, wie es das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR noch m&#252;hsam aufbauen musste, nicht nur nahe kommt, sondern es teilweise &#252;bertrifft. Vor allem aber ist es hinsichtlich des Einsatzes von Mitteln und Personen wesentlich effizienter und weniger st&#246;ranf&#228;llig.</p>
<p>Der <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ein-amtlicher-trojaner-anatomie-eines-digitalen-ungeziefers-11486473.html" target="_blank">vom Chaos Computer Club enttarnte Bundestrojaner</a> erm&#246;glicht die l&#252;ckenlose &#220;berwachung der gesamten Online-Aktivit&#228;ten eines B&#252;rgers vor allem dadurch, dass er in schneller Folge Bildschirmfotos des Computers liefert, aus dem die jeweilige Aktivit&#228;t des Nutzers abgelesen werden kann. Bei f&#252;nf Eins&#228;tzen des Trojaners in Bayern wurden, so musste das Innenministerium zugeben, 29589 solche Bildschirmfotos (Screenshots) »geschossen«, bei Bedarf alle 30 Sekunden eins. »Wie bei einem Daumenkinoheftchen k&#246;nnen die &#220;berwacher dem Entstehen von Text gewordenen Gedanken, Kalkulationen, Notizen und E-Mails zuschauen – ein Bildschirmfoto nach dem anderen. Auch niemals versendete Nachrichten, die der Verfasser wieder gel&#246;scht hat, statt sie abzuschicken, landen so auf dem &#220;berwachungsserver. Viele Menschen haben es sich angew&#246;hnt, ihre Gedanken und Gef&#252;hlen digital festzuhalten, die sie dann aber nicht unbedingt verschicken &#8230; Nun landen sie mittels der Autorisierung einer einfachen Telekommunikations&#252;berwachung in den Handakten der Ermittler und Geheimdienste.«, stellt dazu die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« fest. Hinzu kommt, dass der Trojaner alle &#252;bers Internet gef&#252;hrten Telefongespr&#228;che aufzeichnen konnte, aber – nachdem er das am Computer angeschlossene Mikrofon aus der Ferne angeschaltet hatte – auch s&#228;mtliche sonstigen Gespr&#228;che in dessen Umfeld und sogar – nach Aktivierung der Webcam, wiederum auf Befehl aus den Wolken – alle Bilder aus dem Raum,also die Personen und ihre Verrichtungen.</p>
<p>Um ein solches Ergebnis zu erreichen, bedurfte es bei der Stasi eines ganzen Netzes dicht an der verd&#228;chtigen Person platzierter und aussagewilliger Lauscher, und selbst dann erfuhr sie nur ein Bruchteil dessen, was der infizierte Computer zu liefern vermag. Denn er vermerkt auch, was der/die Verd&#228;chtige allein tut, allein schreibt und auf der Festplatte abspeichert. Der Intimbereich jeden menschlichen Lebens ist somit entschl&#252;sselbar, der von den Verfassungsrichtern als unantastbar bezeichnete »Kernbereich privater Lebensgestaltung« liegt offen vor den staatlichen Ermittlern.</p>
<p>Und noch mehr. Der Bundestrojaner kann, so wie er Befehle erteilt, Computerinhalte an vorgegebene Adressen zu senden, auch veranlassen, dass Computerinhalte jeglicher Art auf dem infizierten Rechner abgelegt werden. Auch das ist von der Stasi bekannt. Wollte sie einen Verd&#228;chtigen aus dem Verkehr ziehen, wurden schon mal kompromittierende Belege in seinem Umfeld platziert, wozu sie auch auf IM zur&#252;ckgriff oder in die Wohnung einbrach. Jetzt gen&#252;gt ein Mausklick, um das Kompromat auf dem Computer unterzubringen – &#252;brigens auch, um es bei Bedarf wieder r&#252;ckstandsfrei zu entfernen.</p>
<p>Und so wie in der DDR das IM-System beinahe nach Gutd&#252;nken zum Einsatz kam, wird der Bundestrojaner auch heute schon beinahe als Standardmethode angewandt. Jedenfalls war in keinem der aus Bayern, Baden-W&#252;rttemberg, Niedersachsen, Hessen und Brandenburg bekannt gewordenen F&#228;lle ein »&#252;berragend wichtiges Rechtsgut« in Gefahr. Denn dies definiert das Bundesverfassungsgericht so: »&#220;berragend wichtig sind Leib, Leben und Freiheit der Person oder solche G&#252;ter der Allgemeinheit, deren Bedrohung die Grundlagen oder den Bestand des Staates oder die Grundlagen der Existenz der Menschen ber&#252;hrt.« Den <a href="http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article13657847/Der-Skandal-hinter-dem-Trojaner.html" target="_blank">bayerischen Beh&#246;rden</a> gen&#252;gte der Verdacht illegalen Handels mit Bet&#228;ubungsmitteln, um die Online-Total&#252;berwachung gegen einem Pharmah&#228;ndler einzusetzen; sogar das Landgericht Landshut befand das als unrechtrm&#228;&#223;ig.</p>
<p>Ganz anders freilich die zust&#228;ndigen Innenminister, die in keinem Fall einen Rechtsbruch sehen wollten – eine weitere Parallele zum Vorgehen in totalit&#228;ren Staaten, die den Schriftsteller <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ueberwachung-kontrolle-ausser-kontrolle-11487833.html" target="_blank">Dietmar Dath</a> bereits von einem »neuen Typ des Totalitarismus« sprechen lie&#223;. F&#252;r sie gen&#252;gt eine richterliche Best&#228;tigung, also das Plazet durch eine einzige Person, die in der Regel eng mit dem Ermittlungsapparat verbunden ist, um bedenkenlos alles das auszuforschen, was nur auszuforschen ist. Denn nat&#252;rlich kann – eine Grundregel jeglicher Polizeiarbeit – alles einmal von Bedeutung sein. Diese Informationsfetischisten empfanden das Urteil des Bundesverfassungsgerichts weniger als Grenzziehung denn als ein Niederrei&#223;en st&#246;render Schlagb&#228;ume.</p>
<p>Das Bundesverfassungsgericht w&#252;rde es allerdings wohl als ehrenr&#252;hrig empfinden, unterstellte man ihm, es sei von den Sicherheitsbeh&#246;rden &#252;bert&#246;lpelt worden. Tats&#228;chlich wurde es wohl auch in dieser Sache – und die genannte selbstkritische Warnung belegt es – im Sinne seines &#252;bergeordneten Auftrags t&#228;tig, <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/03/04/das-bundesverfassungsgericht-stabilisator-staatlicher-macht/" target="_blank">die Handlungsf&#228;higkeit des Staates jederzeit zu gew&#228;hrleisten</a> und mit genau diesem Ziel f&#252;r die jeweils erforderliche Interpretation des Grundgesetzes zu sorgen. Die Risiken und Nebenwirkungen eines solchen Vorgehens zugunsten der Staatssicherheit nahm es als eine Art Kollateralschaden in Kauf; inwieweit dessen Ausma&#223; nun vielleicht doch zu einigem Unbehagen bei den h&#246;chsten Verfassungsrichtern f&#252;hrt, wird abzuwarten sein.</p>
<p>Zwar muss nicht jeder B&#252;rger von vornherein damit rechnen, dass auf seinen Computer ein Bundestrojaner eingeschleust wird; schlie&#223;lich ist es schon die riesige Datenmenge, die Innenministern und Ermittlern Grenzen setzt. Dennoch sollte sich der »unbecholtene« B&#252;rger nicht allzu sicher f&#252;hlen, kann er doch – von wem und warum auch immer – »bescholten« werden. Und dann sein Leben in k&#252;rzester Zeit nackt und blo&#223; auf den Bildschirmen der Polizei bereitliegen.</p>
<p>Daher gibt es f&#252;r das Problem eigentlich nur eine L&#246;sung: das totale Verbot jeglicher Online-Durchsuchung, so wie in der Verfassung auch das Brief-, das Post- und Fernmeldegeheimnis f&#252;r unverletzlich erkl&#228;rt worden sind (Art. 10). Es gibt keinen Grund, in diesem Falle anders zu verfahren – erst recht nicht nach der Enttarnung des Bundestrojaners.</p>
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		<title>Wie Patricia Riekel zur Erbin Erich Mielkes wurde</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Mar 2010 17:29:40 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Es waren nicht irgendwelche unverbesserlich-ostalgischen Verharmloser des DDR-Regimes, die dieser Tage Patricia Riekel, die Chefredakteurin der Illustrierten »Bunte« in eine Reihe mit Ex-Stasi-Chef Erich Mielke stellten, sondern eine gro&#223;e Berliner Tageszeitung. Anspielend auf Riekels patzige Antwort auf ein Schreiben der Gr&#252;nen-Fraktionschefin Renate K&#252;nast an den Chef des Burda-Verlages, in dem sie die r&#252;den »Recherche«-Methoden der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es waren nicht irgendwelche unverbesserlich-ostalgischen Verharmloser des DDR-Regimes, die dieser Tage Patricia Riekel, die Chefredakteurin der Illustrierten »Bunte« in eine Reihe mit Ex-Stasi-Chef Erich Mielke stellten, sondern <span id="more-1529"></span>eine <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0306/meinung/0025/index.html" target="_blank"><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/d2d6a74c7e204a5fbccdb47d7646ad9a" alt="" width="1" height="1" />gro&#223;e Berliner Tageszeitung</a>. Anspielend auf Riekels patzige Antwort auf ein <a href="http://kress.de/alle/detail/beitrag/102814-kuenast-brief-zur-bunte-affaire-riekel-kontert-kuenast-forsch.html" target="_blank">Schreiben der Gr&#252;nen-Fraktionschefin Renate K&#252;nast an den Chef des Burda-Verlages</a>, in dem sie die r&#252;den »Recherche«-Methoden der »Bunten« gegen&#252;ber dem Privatleben von Politikern kritisierte, formulierte der Kommentator eine zeitgem&#228;&#223;e Definition dessen, was in der Stasi-Sprache unter »fl&#228;chendeckender Aufkl&#228;rung« einzelner Personen verstanden wurde: »Erst wenn alle Schlafzimmer aller Politiker beschn&#252;ffelt, erst wenn alle ihre Rendezvous fotografiert, erst wenn alle getuschelten Worte mitgeschnitten, erst wenn alle privaten Hauseing&#228;nge besetzt sind und alles Private ausgesp&#228;ht ist, erst dann l&#228;sst sich die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ermitteln, und erst dann hat die Presse ihren vom Grundgesetz verlangten Beitrag zur &#246;ffentlichen Meinungsbildung geliefert.« Und er schlie&#223;t daraus: »H&#228;tten die Mitarbeiter der Stasi einen Presseausweis getragen, dann h&#228;tten sie 40 Jahre lang den Auftrag des Grundgesetzes erf&#252;llt.«</p>
<p>Hintergrund solch harscher Polemik ist der ausgerechnet <a href="http://kress.de/uploads/media/Riekels_Antwort_auf_den_Kuenast-Brief.pdf" target="_blank">von der Boulevardpresse kommende Anspruch</a>, Politiker gewisserma&#223;en einem Reinlichkeitstest zu unterziehen. Als »Leitfiguren und Vorbilder unserer Gesellschaft« unterl&#228;gen sie dem Auftrag der Presse, »zu &#252;berpr&#252;fen und auch zu recherchieren, ob sie das Vertrauen verdienen, um das sie uns alle bitten«. Und dies ausdr&#252;cklich nicht in ihrer politischen Praxis (die sich auf den Seiten der »Bunten« so gut wie nicht widerspiegelt), sondern in ihrem Privatleben, was die Chefredakteurin sogleich mit einschl&#228;gigen Beispielen untermauert: »Wenn Spitzenpolitiker sich von ihrer 4. Frau scheiden lassen, wenn Spitzenpolitiker eine 40 Jahre j&#252;ngere Frau heiraten, wenn Spitzenpolitiker Freundinnen in h&#246;here &#196;mter bef&#246;rdern – auf Steuerkosten – wenn Spitzenpolitiker ein Alkoholproblem haben, wenn Spitzenpolitiker im Wahlkampf ihre angeblich intakte Familie vorweisen, w&#228;hrend sie gleichzeitig in einer langj&#228;hrigen Nebenbeziehung leben, dann liefern sie durch ihren Lebensstil gesellschaftlichen Diskussionsstoff. Es ist korrekter Journalismus, solchem und &#228;hnlichem Verhalten von Politikern nachzugehen.« Und zu solchen »Recherchen« sind offenbar alle Mittel Recht, immer &#246;fter auch Mittel, die gerade noch am Beispiel von DDR und Stasi mit dem Ausdruck tiefsten Ekels und gr&#246;&#223;ter Abscheu verteufelt  wurden.</p>
<p>Diese in Riekels Replik auf K&#252;nast zum Ausdruck kommende Selbstanma&#223;ung , die schl&#252;pfrige Berichterstattung der Boulevardmedien in den Rang der Demokratieverteidigung zu erheben und sich dabei keinerlei Grenzen aufzuerlegen, ist das eine, und man k&#246;nnte vielleicht &#252;ber solches Sendungsbewusstsein milde l&#228;cheln, wenn es nicht mit ganz &#228;hnlichen – und in der Regel weniger am&#252;santen – Vorg&#228;ngen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft einher ginge. Immer wieder wird die Republik durch Berichte dar&#252;ber ersch&#252;ttert, <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/12/01/spitzel-immerzu-und-ueberall/" target="_blank">wie gro&#223;e Wirtschaftsunternehmen mit ganz &#228;hnlichen Methoden ihre Mitarbeiter ausforschen</a>, »fl&#228;chendeckend aufkl&#228;ren«. Die Beispiele der Telekom, der Deutschen Bahn, von Lidl oder der Drogeriekette M&#252;ller, von Edeka , Airbus und gewiss weiterer Firmen sind noch in Erinnerung. Auch sie f&#252;hrten daf&#252;r hehre Begr&#252;ndungen ins Feld – das Wohl des Unternehmens, seine Konkurrenzf&#228;higkeit, die Abwehr von Korruption und feindlichen Angriffen; diese &#228;hnelten frappierend den Sprachregelungen, mit denen im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der Kampf gegen die »Feinde der DDR« organisiert wurde.</p>
<p>&#220;bertroffen aber wurden sie alle noch von staatlicher Bespitzelungspraxis. Wie gerade jetzt aus Anlass des Urteils des Bundesverfassungsgerichts noch einmal klargemacht wurde, war es durch Gesetze der j&#252;ngeren Zeit dem Staat m&#246;glich geworden, theoretisch faktisch jeden Schritt jedes seiner B&#252;rger detailliert nachzuvollziehen und oft auch noch tief in sein allt&#228;gliches Denken und Handeln einzudringen, also im wahrsten Sinne des Wortes eine »fl&#228;chendeckende Aufkl&#228;rung« zu betreiben, von der die Staatssicherheit der DDR schon wegen der damals noch technischen Begrenzungen nur tr&#228;umen konnte. Die Ausforschung ging so weit, dass die Verfassungsrichter gro&#223;e Teile dieser Gesetzgebung f&#252;r grundgesetzwidrig erkl&#228;rten und – wie jetzt im Falle der Vorratsdatenspeicherung – sogar anordneten, alle derart gespeicherten Daten unverz&#252;glich zu l&#246;schen. <a href="http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5iPHFSkwOCNZlYN9HULvnBMND62YQ" target="_blank">Bundesinnenminister de Maizière</a> jedoch, der sich eigentlich auch als Verfassungsminister verstehen sollte, erkl&#228;rte unverhohlen seine Unzufriedenheit &#252;ber das Karlsruher Urteil und will durch die Hintert&#252;r gro&#223;er Teile der Bespitzelungspraxis retten. Ausdr&#252;cklich und im Gegensatz nicht nur zur Verfassung, sondern auch zu der oft ins Feld gef&#252;hrten einschl&#228;gigen <a href="http://www.zeit.de/newsticker/2010/3/7/iptc-bdt-20100307-257-24135796xml" target="_blank">EU-Richtlinie </a>verlangt er eine Fortf&#228;hrung der Vorratsdatenspeicherung auch f&#252;r leichtere Straftaten.</p>
<p>Dass ein Bundesverfassungsgericht solch rechtswidriges Tun stoppen kann, ist der unverkennbare Unterschied zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Aber dass Regierungsmitglieder gleichzeitig sofort dar&#252;ber nachdenken, wie das Grundgesetz nun in anderer Weise doch noch ausgehebelt werden kann, dass Wirtschaftsunternehmen in ihren Hoheitszonen wie selbstverst&#228;ndlich auf Methoden totalit&#228;rer &#220;berwachung zur&#252;ckgreifen und dass Medien sich als Demokratiew&#228;chter aufspielen k&#246;nnen, denen alles erlaubt sein m&#252;sse, zeigt zugleich, dass auch in einer Ordnung, die sich Rechtsstaat nennt, der Schoss, aus dem das Unrecht kriecht, noch fruchtbar ist.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren – Die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage macht Probleme</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 15:21:12 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren, am 8. Februar, wollte das <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/164516.eine-vergangenheit-die-nie-vergeht.html" target="_blank">Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR seinen 40. Geburtstag</a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/d7b9621a2af741f8b68bb820e2281a5d" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; wie immer mit gro&#223;em Pomp &#8211; begehen. Es erlebte zwar diesen Tag noch, wenn auch inzwischen umbenannt, aber zum Feiern war kein Anlass. <span id="more-1477"></span>Denn der Geheimdienst befand sich bereits in Abwickllung. Das traf auch auf seinen Spionagedienst zu, die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hatte zwar lange gehofft, in einer reformierten DDR, wie in jedem Staat, ihren Platz zu haben, doch Anfang 1990 zeichnete sich immer st&#228;rker die kommende Vereinigung der beiden deutschen Staaten ab &#8211; und wer Realist war, wusste, dass diese Entwicklung auch die Geschichte der DDR-Aufkl&#228;rung besiegeln w&#252;rde.</p>
<p>Das zu begreifen, war das eine, die DDR-Spionage jedoch m&#246;glichst r&#252;ckstands- und f&#252;r ihrer Tausenden Mitarbeiter inner- und au&#223;erhalb der DDR auch folgenlos aus der Welt zu schaffen, war das andere. Das nat&#252;rlich nicht gelang. Jahrerlang waren politische, juristische uznd andere Gremien besch&#228;ftigt, die Hinterlassenschaft der DDR-Spionage zu bew&#228;ltigen; dass dabei vielf&#228;ltige ideologische, materielle und auch mentale Aspekte eine Rolle spielten, erleichterte die Angelegenheit nicht.</p>
<p>Einen gewiss begrenzten Einblick in diese Vorg&#228;nge vor 20 Jahren gibt folgender Text, der 1992 in dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde. Zwar ist heute das damalige Geschehen gr&#252;ndlicher erforscht; dennoch kann diese alte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen; aktuelle Entwickjlungen werden einigen F&#228;llen durch entsprechende Links angezeigt.</p>
<h3>Die vertrackte Hinterlassenschaft der DDR-Spionage</h3>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-1481" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/02/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />»Kluge« &#8211; so stellte sich der grobknochige Mann an jenem nasskalten Sp&#228;twintertag am Potsdamer Platz vor, und er kam sogleich zur Sache. Gesch&#228;ftsm&#228;&#223;ig fragte er sein Gegen&#252;ber aus, wollte die Namen von DDR-Spionen in der Bundesrepublik wissen, forschte nach den verbliebenen Strukturen der HVA, nach etwaigen Kontakten zum sowjetischen KGB. Er war ein Abwehrmann des Verfassungsschutzes – beauftragt, einem Offizier der sich in Aufl&#246;sung befindlichen Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des MfS, der dem einstigen Gegner ein vorsichtiges Angebot zu Kooperation gemacht hatte, auf den Zahn zu f&#252;hlen und so viel wie m&#246;glich aus ihm herauszuholen. Das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz – in der jahrzehntelangen Auseinanderesetzung mit der HVA nicht eben erfolgreich – gedachte die nun entstandene desolate Situation des DDR-Spionagedienstes zu nutzen, um einige sp&#228;te Siege zu erringen.</p>
<p>Aber jener »Kluge« hatte mit seinem Gespr&#228;chspartner weitaus mehr gemein, als man angesichts dieser Zielstellung vermuten k&#246;nnte. Er hie&#223; n&#228;mlich mit b&#252;rgerlichem Namen Klaus Kuron un d war &#8230; Mitarbeiter der BfV-Abteilung IV, zust&#228;ndig f&#252;r die F&#252;hrung von Doppelagenten, der bereits seit acht Jahren f&#252;r die HVA spionierte. Seine Stellung im Amt hatte ihm jetzt diese Aufgabe beschert, denn er war nat&#252;rlich pr&#228;destiniert f&#252;r die Betreuung der &#220;berl&#228;ufer aus der HVA. So redete er nicht lange drumherum, bot stattdessen »Kopfgelder« f&#252;r jede wichtige Quelle in f&#252;nfstelligen D-Mark-Betr&#228;gen. Er war eben ein Profi, der seinen Job verstand.</p>
<p>Hernach jedoch landeten seine Berichte nicht nur auf dem Schreibtisch seines Chefs in K&#246;ln, sondern noch bis weit ins Jahr 1990 hinein ebenfalls in Ostberliner Amtsstuben, konkret denen des HVA-Chefaufl&#246;sers Bernd Fischer und seiner Leute.</p>
<p>Seit dem Herbst 1989 war jedoch auch f&#252;r Klaus Kuron eine Wende eingetreten. Pl&#246;tzlich waren – wenn auch ohne eigenes Zutun – seine eigentlichen Dienstherren die Sieger, und sein Nebenjob stellte eine t&#246;dliche Gefahr dar.</p>
<p>Das Beispiel zeigt, wie vielf&#228;ltig und kompliziert die Hinterlassenschaft war, die nach dem Ende der HVA zur&#252;ckblieb. Auf der einen Seite Tausende Mitarbeiter in der Berliner Zentrale und ihren zahlreichen Au&#223;enstellen, in den Bezirksverwaltungen, wo jeweils die Abteilung XV f&#252;r die Spionage zust&#228;ndig war, und auch in den Kreisdienststellen. Andererseits eine bislang unbekannte Zahl von Aufkl&#228;rern und Sp&#228;hern im Operationsgebiet, dessen Schwerpunkt in der Bundesrepublik Deutschland lag, das sich aber allm&#228;hlich auf beinahe die ganze Welt ausgedehnt hatte.. Da es f&#252;r diese Personen keine zentrale Registratur gab, sondern jede Abteilung sie selbst&#228;ndig f&#252;hrte, wird ihre Zahl auch im nachhinein nicht mehr zu ermitteln sein.</p>
<p>Von den hauptamtlichen Mitarbeitern waren bis Mitte Januar erst etwas mehr als 15 Prozent entlassen, zum Teil auf eigenen Wunsch, zum Teil, um den immer dr&#228;ngenderen Forderungen nach Reduzierung des Personalbestandes Rechnung zu tragen. Was aber sollte mit den vielen Tausenden von inoffiziellen Mitarbeitern in der BRD, im Ausland und nicht zuletzt in der DDR geschehen?</p>
<p>Von den toten Gegenst&#228;nden hatte man sich noch relativ leicht trennen k&#246;nnen. Neben dem weitl&#228;ufigen Geb&#228;ude an der Ecke Frankfurter Allee/Ruschestra&#223;e verf&#252;gte die HVA allein in Berlin &#252;ber Hunderte Objekte verschiedenster Art, nicht gerechnet die etwa gleiche Zahl von »konspirativen Wohnungen«, in denen sich die F&#252;hrungsoffiziere mit ihren IM trafen und wo immer wieder die Verwandlung eines unauff&#228;lligen DDR-B&#252;rgers in einen »K&#228;mpfer an der unsichtbaren Front«, also einen Instrukteur, einen Werber, einen Kurier im weitl&#228;ufigen Operationsgebiet stattfand. Neben diesen Wohnungen, &#252;berall im Stadtgebiet verstreut, existierten etliche Villen im Berliner Umland, meist komfortabel ausgebaut, in denen h&#228;ufig Treffen mit den Quellen aus dem Operationsgebiet stattfanden, die nicht selten in Feiern endeten. Solche Objekte konnte man in Karolinenhof und Schildow, in Wandlitz und Zeuthen finden. Schlie&#223;lich hatten sich der Leiter der HVA, seine Stellvertreter und einige besonders ehrgeizige Abteilungsleiter exquisite H&#228;user in attraktiven Gegenden der DDR, zum Beispiel auf dem Wei&#223;en Hirsch in Dresden, in Radebeul, Saalburg und anderswo, ausbauen lassen. Hier empfingen sie Kundschafter oder hielten Beratungen mit ihren Kollegen aus dem Ausland ab.</p>
<p>Zur Ausstattung der HVA geh&#246;rten auch 700 Kraftfahrzeuge, davon 400 bis 500 Pkw, eine im Aufbau befindliche Computeranlage im Stadtbezirk Hohensch&#246;nhausen, ein gro&#223;es Fotolabor, technische Werkst&#228;tten zur Herstellung falscher Papiere, von »Containern« zum Materialtransport und anderer Spionagewerkzeuge. Sie verf&#252;gte &#252;ber Ferieneinrichtungen in und um Berlin sowie in allen Bezirken der DDR, die in der Regel zugleich als Ausweichobjekte f&#252;r den Ernstfall eines Krieges dienen sollten.</p>
<p>Vor allein aber befanden sich in der HVA ungeheuere Aktenbest&#228;nde. Sie setzten sich aus den &#252;ber fast vierzig Jahre beschafften Informationen, den Angaben &#252;ber Personen und Objekte und den zahlreichen Weisungen und administrativen Papieren zusammen, die in solch einem b&#252;rokratischen Apparat anfallen. Die Mehrzahl der Informationen war bereits in den Jahren zuvor auf Mikrofiches verfilmt worden; ihr Volumen hielt sich in Grenzen. In den Panzerschr&#228;nken der von der HVA-Mitarbeitern verlassenen Dienstr&#228;ume befand sich aber soviel Material, dass damit sp&#228;ter etwa 100..LKW beladen, werden konnten.</p>
<p>Ende Januar und den ganzen Februar 1990 &#252;ber sammelten mit Zustimmung des B&#252;rgerkomitees kleine Gruppen von HVA-Mitarbeitern das gesamte Schriftgut und konzentrierten es in wenigen R&#228;umen. Gleichzeitig begann die Vernichtung, wobei davon auszugehen ist, dass zuerst besonders brisante Akten in den Rei&#223;wolf kamen. Dazu geh&#246;rten die Unterlagen &#252;ber Spione im Operationsgebiet, dazu geh&#246;rten Weisungen und Befehle, aus denen auf Schwerpunkt-Standorte geschlossen werden konnte, dazu geh&#246;rten aber auch all jene Papiere, die Aufschluss &#252;ber die Zusammenarbeit von Aufkl&#228;rung und Abwehr gaben. Den ganzen Tag &#252;ber – und auch nachts bei verdunkelten Fenstern – wurde das Papier zerschnipselt, verkollert, in S&#228;cken eingelagert. Der Abtransport war damals noch nicht m&#246;glich, so dass schlie&#223;lich die Papiers&#228;cke bis zur Decke stapelten. Die Mikrofiches wurden verbrannt. Als weitaus schwieriger erwies sich, die personellen Probleme zu l&#246;sen. Ging es doch dabei nicht nur um die Bereinigung konspirativer Vorg&#228;nge in der DDR, sondern vor allem um die ger&#228;uschlose, unauff&#228;llige Aufl&#246;sung der vielf&#228;ltigen Verbindungen ins Operationsgebiet. Als erstes wurden die Karteikarten der HVA aus der zentralen Registratur der Abteilung XII des MfS abgezogen. In dieser Abteilung waren s&#228;mtliche Personen festgehalten, die in irgendeiner Weise mit dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit zu tun hatten – ob als T&#228;ter, wie auch immer, oder als Opfer. Die Abteilung XII gab auf der Basis der bei ihr gespeicherten Grunddaten einen ersten Hinweis, wie eine angefragte Person einzusch&#228;tzen sei &#8211; wie sich oftmals zeigte, zu undifferenziert und holzschnittartig. Heute verf&#252;gt die Gauck-Beh&#246;rde &#252;ber die Karteikarten der Abteilung XII und wertet oftmals auf der Grundlage dieser unzureichenden Daten &#8230;</p>
<p>Die Sicherstellung der Personaldaten war nur der Anfang; vieles andere war zu bedenken – und dieser komplizierte Prozess konnte mit dem schnellen Ablauf der Aufl&#246;sung nicht Schritt halten. Daher vereinbarten die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches und die Reste der HVA die Auslagerung der Materialien der Aufkl&#228;rung an einen anderen Ort. Die Arbeitsgruppe Sicherheit beschloss am 23. Februar 1990, dass die HVA-Unterlagen in der ersten M&#228;rzdekade in das Objekt Roedernstra&#223;e 30, wo sich bislang Werkst&#228;tten befunden hatten, gebracht und dort von etwa 200 Mitarbeitern endg&#252;ltig aufgel&#246;st werden. Bis zum 15. M&#228;rz war die Normannenstra&#223;e zu verlassen, zum gleichen Zeitraum auch die Schule der HVA, erst vor etwa anderthalb Jahren bezogen, zu r&#228;umen. Der Umzug verlief unter der wachsamen Kontrolle der B&#252;rgerbewegung und der Kirche. Jeder Transport wurde von zwei Kirchenvertretern begleitet, die auch Stichproben machten. Von der Roedernstra&#223;e aus wurde dann die totale Vernichtung der HVA-Akten organisiert. Das geschah ebenfalls unter den Augen der B&#252;rgerkomitees und ihrer Aufl&#246;sungsgremien; die dazu ihre volle Zustimmung gaben. Sie lie&#223;en sich davon &#252;berzeugen, dass sowohl das operative Netz in der Bundesrepublik als auch das Hilfs-Netz in der DDR vor unbefugtem Zugriff zu sch&#252;tzen seien. Sicher sind dabei auch Unterlagen vernichtet worden, die f&#252;r eine historisch wahrhaftige Aufarbeitung des Kapitels Staatssicherheit von Wert gewesen w&#228;ren, und mancher hat gewiss Papiere beiseite gebracht, die er ungern in den H&#228;nden der B&#252;rgerrechtler gesehen h&#228;tte, zum Beispiel sie betreffende Dossiers f&#252;r die Abwehr. Wie sich seit Anfang 1992 zeigte, ohne gro&#223;en Nutzen, denn nat&#252;rlich waren die von der HVA zum Beispiel an die Hauptabteilung XX gegangenen Berichte in deren Hinterlassenschaft aufzufinden. Das k&#246;nnte helfen, Umfang wie Sto&#223;richtung dieses Teils der T&#228;tigkeit der HVA weitgehend zu rekonstruieren.</p>
<p>Ungeachtet dessen d&#252;rfte aber die weitere Entwicklung auch gezeigt haben, wie richtig die Entscheidung zur Vernichtung der HVA-Akten im Grundsatz war. Denn es ist ziemlich sicher, dass diese hochbrisanten Papiere s&#228;mtlich – und wahrscheinlich ausschlie&#223;lich – den Geheimdiensten zug&#228;nglich gemacht worden w&#228;ren; das seit 1. Januar 1992 geltende Stasi-Akten-Gesetz bot daf&#252;r gen&#252;gend Handhabe. Jene Materialien jedenfalls, die die HVA-Aufl&#246;ser – dem Beschluss des Runden Tisches folgend – f&#252;r eine zentrale Archivierung zur Verf&#252;gung stellten und die im Juni 1990 von Vertretern des B&#252;rgerkomitees, darunter der damalige Sprecher der Gauck-Beh&#246;rde, David Gill, gesichtet wurden, sind bisher der &#214;ffentlichkeit nicht zug&#228;nglich.</p>
<p>Es handelt sich dabei um ganze Jahrg&#228;nge von Ausgangsinformationen der Auswertungsabteilung der HVA, die sich mit den politischen, milit&#228;rischen und &#246;konomischen Vorg&#228;ngen in der Bundesrepublik und anderen beobachteten L&#228;ndern befassten. Aus den Best&#228;nden der fr&#252;heren Abteilung IX wurden Analysen zur Struktur und Arbeitsweise des Bundesnachrichtendienstes, die komplette Kartei der hauptamtlichen BND-Mitarbeiter sowie Dossiers &#252;ber eine gr&#246;&#223;ere Anzahl von ihnen &#252;bergeben, weiter Materialsammlungen &#252;ber das Bundesamt und die Landes&#228;mter f&#252;r Verfassungsschutz sowie Dossiers &#252;ber deren Mitarbeiter, schlie&#223;lich eine Aufstellung der Bediensteten des Milit&#228;rischen Abschirmdienstes (MAD). Auch Unterlagen &#252;ber den CIA – so die wichtigsten zentralen Richtlinien f&#252;r die Organisierung einer weltweiten Spionage, f&#252;r die elektronische &#220;berwachung, eine Kartei mit Angaben &#252;ber alle Dienststellen des USA-Geheimdienstes in der damaligen Bundesrepublik und West-Berlin, aber auch die komplette Dokumentation des Vorgangs »Ronny« – befanden sich seitdem beim Aufl&#246;sungskomitee und sind jetzt wohl beim »Bundesbeauftragten f&#252;r die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik« archiviert. Gleiches gilt f&#252;r Analysen &#252;ber Struktur und Arbeitsweise der Geheimdienste aller anderen NATO-Staaten sowie weiterer europ&#228;ischer L&#228;nder.</p>
<p>Die genannten Materialien wurden in einer spektakul&#228;ren Aktion -. unter dem Begleitschutz mehrerer Funkstreifenwagen – in den Archivtrakt der Normannenstra&#223;e &#252;berf&#252;hrt. Wo sind sie jetzt?</p>
<p>Die restlose Beseitigung der &#252;brigen Unterlagen erwies sich als ein hartes St&#252;ck Arbeit. Fast unaufh&#246;rlich rollten die Lkw zur Papierm&#252;hle in der Orloppstra&#223;e. Im Westteil Berlins mussten gr&#246;&#223;ere Posten von Papier- und Plastes&#228;cken eingekauft werden; dazu B&#252;ro-Rei&#223;w&#246;lfe zur Zerkleinerung der Akten. Ein letztes Mal bereitete die »Tonnen-Ideologie«, die Manie, &#252;ber jedes Detail ein Papier anzulegen, den Aufkl&#228;rern Verdruss. Schon wenn erste Kontakte mit einem ins Auge gefassten IM sich als vielversprechend erwiesen und ihre Fortsetzung beschlossen wurde, bekam er einen Aktenvorgang, registriert mit einem Decknamen. Der »Kandidat« entwickelte sich mehr oder minder gut – aber auch dann, wenn sich aus ihm nichts machen lie&#223;, wurde der Vorgang archiviert. All diese Unterlagen fanden sich nun in den Stahlschr&#228;nken der Mitarbeiter, zum Teil vergilbte und staubige Schnellhefter mit Namen, deren Tr&#228;ger in der operativen Arbeit der HVA nie eine Rolle gespielt hatten. Dazu kamen massenhaft Weisungen, Ordnungen, Vorschriften, Dienst- und Belehrungsb&#252;cher aus Jahrzehnten, Parteimaterialien und all das Papier, das man sich nicht wegzuwerfen getraute, weil es vielleicht noch einmal zu brauchen war.</p>
<p>Au&#223;erhalb der HVA waren s&#228;mtliche »konspirativen Wohnungen« aufzul&#246;sen, musste ihr Personal entlassen werden. Die materiellen Werte gelangten teilweise zum Verkauf, teilweise wurden sie auch kostenlos weitergegeben, so an die Hohensch&#246;nhausener Pfarrgemeinden, die f&#252;r manches Verwendung fanden.</p>
<p>Von besonderer Brisanz war der Umgang mit den Finanzmitteln. Bereits im November 1989 war die Finanzplanung 1990 vorbereitet worden; dabei sollte das »Anlegen zentraler operative Finanzreserven« gepr&#252;ft werden. Ein Teil dieser Mittel wurde f&#252;r die Abwicklung der im Aufl&#246;sungsprozess unumg&#228;nglichen operativen Ma&#223;nahmen ben&#246;tigt; so gab Klaus Kuron im Prozess gegen ihn an, noch im Fr&#252;hjahr 1990 f&#252;r seine Informationen knapp 60.000 D-Mark erhalten zu haben. &#220;ber den Verbleib der restlichen Gelder ist bisher zuverl&#228;ssig nichts bekannt.</p>
<p>Parallel zur Vernichtung der Akten und der »Abwicklung« der materiellen und finanziellen G&#252;ter begann die Herausl&#246;sung der Menschen aus dem Apparat der HVA. Dabei war die Entlassung der hauptamtlichen Mitarbeiter noch die einfachere Aufgabe – ganz im Unterschied zur Trennung von den Spionen im Operationsgebiet. Diese hatten auf ihr weiteres Schicksal zumeist keinen Einfluss, fragten sich aber gerade deshalb wohl oft bange: »Wer wird wie mit mir verfahren?« Begonnen wurde mit den Meldeakten in der DDR. Die als Methode von der HVA angewandte »&#220;bersiedelung« von Agenten hatte es mit sich gebracht, dass einige fr&#252;here DDR-B&#252;rger &#252;ber eine Zweitidentit&#228;t in der Bundesrepublik verf&#252;gten, die nun ohne Gef&#228;hrdung der Betreffenden nicht mehr aufgegeben werden konnte. Daher war es notwendig, deren Daten aus den DDR-Speichern zu tilgen.</p>
<p>Vereinzelt kamen auch DDR-B&#252;rger zweimal in den Meldekarteien vor. Bei der Bereinigung dieser F&#228;lle zeigte sich das Ministerium des Innern sehr kooperativ – sowohl Minister Peter-Michael Diestel als auch Vertraute der HVA in den Datenspeichern und bei den Meldekarteien.</p>
<p>Bereits Ende 1989 waren alle unwichtigen Treffs abgesagt worden, wurden Quellen des Operationsgebietes, die von minderer Bedeutung waren, »abgeschaltet«. Sie erhielten auf den festgelegten Verbindungswegen, oft &#252;ber Funk, die Mitteilung, dass die Zusammenarbeit beendet wird und alle operativen Materialien r&#252;ckstandslos zu beseitigen sind. Dar&#252;ber bestand im damaligen Amt f&#252;r Nationale Sicherheit wie auch im sp&#228;teren Aufl&#246;sungskomitee Konsens. Unterschiedlich waren die Meinungen jedoch, wenn &#252;ber die Spitzenquellen der HVA nachgedacht wurde. Im Herbst 1989 waren viele Aufkl&#228;rer noch davon &#252;berzeugt, dass es ein »Leben nach dem Tode« geben k&#246;nne. In einem Dokument der HVA vom 22. November hie&#223; es: »Mit dem Ziel der langfristigen Sicherung der wichtigsten Quellen &#8230; sind Vorschl&#228;ge zur Beendigung der Zusammenarbeit, Konservierung, Ver&#228;nderung der operativen Aufgabenstellung sowie zur langfristigen Sicherung der Funktionsf&#228;higkeit zu unterbreiten.« F&#252;r alle IM-Kategorien wurden konkrete Anregungen unterbreitet, bis hin zum schnellen Einstellen auf die ver&#228;nderten Bedingungen: »Neue M&#246;glichkeiten, die sich aus den aktuellen gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen in der DDR ergeben, sind kurzfristig auf ihre Anwendbarkeit und Wirksamkeit zu pr&#252;fen.«</p>
<p>Im Januar und Februar 1990 waren solche Pl&#228;ne schon zur Illusion geworden. Dennoch wurde &#252;ber M&#246;glichkeiten nachgegr&#252;belt, wie das Faustpfand, das die verbliebene HVA-F&#252;hrung mit dem operativen Netz im Westen besa&#223;, genutzt werden k&#246;nne. Daf&#252;r gab es verschiedene Modelle. Solange die DDR bestand und mit ihr die Nationale Volksarmee, die auch unter der Regie von Minister Rainer Eppelmann zun&#228;chst &#252;ber die Fortsetzung der konspirativen Milit&#228;raufkl&#228;rung nachdachte, ehe diese sp&#228;ter ohne viel Aufsehen verschwand, war eine der M&#246;glichkeiten, dass zumindest geeignete Quellen an sie &#252;bergeben wurden. Doch die NVA f&#252;rchtete, dass der schlechte Ruf der HVA als eines Bestandteils der Stasi ihr schaden k&#246;nne; sie winkte beizeiten ab.</p>
<p>Dann war da nat&#252;rlich die naheliegende Variante, das HVA-Netz zur G&#228;nze oder zumindest in gro&#223;en Teilen dem Komitee f&#252;r Staatssicherheit der UdSSR zu &#252;bergeben. Markus Wolf selbst schien &#252;ber diese M&#246;glichkeit, bot sich – geht man von einigen seiner &#196;u&#223;erungen in jener Zeit aus – nachgedacht zu haben, und von seiner Vita her bot er sich als Vermittler geradezu an. Auch bei einzelnen Vertretern der HVA-Aufl&#246;sungsgruppe war eine entsprechende Bereitschaft vorhanden – und das traf sich mit den Absichten der KGB-Residentur in Berlin-Karlshorst. Diese erhoffte sich von der &#220;bernahme ehemaliger HVA-Quellen eine Verbesserung der eigenen M&#246;glichkeiten, hatte sie sich doch schon in der Vergangenheit ab und zu mit den fremden Federn ihrer »tschekistischen Kampfgef&#228;hrten« in der DDR geschm&#252;ckt.</p>
<p>Wenn es schlie&#223;lich doch nicht zu einer solchen &#220;bergabe kam, dann zum einen wegen der z&#246;gernden Haltung der KGB-Zentrale in Moskau und zum anderen, weil die Ex-Chefs der HVA eine gewisse Eigenst&#228;ndigkeit wahren wollten. Moskau war zur&#252;ckhaltend, weil es davon ausgehen musste, dass jede der &#252;bergebenen Quellen wenigstens einem halben Dutzend ehemaliger DDR-Aufkl&#228;rer bekannt war und damit als unzureichend konspiriert ein st&#228;ndiges Risiko darstellte. Au&#223;erdem d&#252;rfte die j&#228;he Wendung, die ihr Leben – und das gilt f&#252;r Spione wie f&#252;r ihre F&#252;hrungsoffiziere gleicherma&#223;en – durch den Zusammenbruch der DDR und des Sozialismus erfahren hatte, kaum ein Anreiz gewesen sein, auf diesem gef&#228;hrlichen Grund weiter zu agieren. Wolf hat insofern recht, wenn er das HVA-Netz »einen demotivierten, deprimierten Haufen« nennt, den ein weitsichtiger Geheimdienstchef kaum &#252;bernehmen w&#252;rde.</p>
<p>Und dennoch hat es solche Bem&#252;hungen gegeben, die allerdings zus&#228;tzlich dadurch erschwert wurden, dass die HVA-F&#252;hrung sie unter Kontrolle halten wollte.Diese f&#252;hrte zwar mit ihren Spitzen-Aufkl&#228;rern im ersten Halbjahr 1990 letztmalige Treffs durch, bei denen Einzelheiten f&#252;r ihr »Untertauchen« er&#246;rtert wurden – einschlie&#223;lich der M&#246;glichkeit einer Reaktivierung zu gegebener Zeit. Die dabei getroffenen Festlegungen enthielten auch die in der Geheimdienstarbeit &#252;bliche Verhaltensma&#223;regel, auf Kontaktversuche anderer als der vereinbarten Personen nicht einzugehen. So war ein Verbindungsaufnahme seitens des KGB nur &#252;ber die Vertrauenspersonen der Quellen m&#246;glich – ein angesichts der Dekonspirierung aller HVA-Mitarbeiter &#228;u&#223;erst riskantes Unterfangen. Im Prozess gegen den Ingenieur Anton Steppan – eine Quelle, die auf dem R&#252;stungssektor der Bundesrepublik arbeitete – wurde mitgeteilt, dass Anfang Januar ein KGB-General versucht haben soll, Steppans F&#252;hrungsoffizier auf eine &#220;bergabe des Spions anzusprechen. Der HVA-Mitarbeiter informierte jedoch den Verfassungsschutz.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen ist eine erfolgversprechende Geheimdienstarbeit kaum zu leisten; die gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Warnungen vor einer &#220;bernahme von HVA-Kundschaftern durch den KGB in Gr&#246;&#223;enordnungen entlarven sich so als eine aktive Ma&#223;nahme zur Verunsicherung der eigenen Bev&#246;lkerung, als Versuch, auf diese Weise die Daseinsberechtigung bundesdeutscher Geheimdienste weit in die Zukunft hinein zu belegen. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, der selbst durch seine &#196;u&#223;erungen dabei mitwirkt, kann zwar kaum Beweise nennen, daf&#252;r aber umso mehr Vermutungen: »Das liegt doch sehr nahe, weil KGB und MfS sehr eng zusammengearbeitet haben, das MfS ein Kind des KGB ist und die internationale Solidarit&#228;t auch zur engeren Zusammenarbeit verpflichtet. Die Gefahr ist sehr deutlich.« Mehr hat er bis heute nicht ans Licht gebracht, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass es gewiss Einzelf&#228;lle gibt, wo der eine oder andere Kundschafter tats&#228;chlich einen neuen Herrn gesucht und gefunden hat . Doch nicht einmal diese werden genannt, vielleicht deshalb, weil sie – wie noch darzustellen sein wird – teilweise vom Verfassungsschutz provoziert wurden.</p>
<p>Eine dritte Variante des Umgangs mit dem brachliegenden Spionagenetz war der fr&#252;hzeitige &#220;bergang auf die andere Seite, die Kooperation mit dem bisherigen Gegner. Einige entschieden das f&#252;r sich pers&#246;nlich, andere wollten auf diese Weise die HVA als Ganzes &#252;bergeben &#8211; nicht zur Fortsetzung geheimdienstlicher Arbeit, sondern zu ihrer geregelten Beendigung. Die Vorstellung war, einerseits alle bisherigen HVA-Angeh&#246;rigen von ihrer gegen&#252;ber der DDR geleisteten Verpflichtung zu entbinden und gleichzeitig zu verpflichten, keinerlei riachrichtendienstliche Handlungen mehr zu unternehmen – ganz gleich f&#252;r wen. Die gleiche Verpflichtung sollten alle Quellen im Operationsgebiet gegen&#252;ber dem Aufl&#246;sungskomitee abgeben. Als Gegenleistung h&#228;tte die Bundesregierung einen Verzicht auf Strafverfolgung unter der Voraussetzung aussprechen sollen, dass sich die Aufkl&#228;rer in Ost wie West daran halten. Derart abgesichert, h&#228;tten den bundesdeutschen Organen die Namen der Ex-Spione offenbart werden k&#246;nnen, um ihr die Kontrolle der Vereinbarung zu erm&#246;glichen.</p>
<p>Diese &#220;berlegungen fanden auf beiden Seiten wenig Gegenliebe. Bei der Rest-Truppe der HVA spukte noch immer die Hoffnung auf Fortsetzung der Arbeit herum; nicht zuletzt deshalb wurde verf&#252;gt, dass ins Aufl&#246;sungskomitee niemand eingestellt werden d&#252;rfe, der f&#252;r diesen in der Zukunft liegenden Fall als F&#252;hrungsoffizier ins Operationsgebiet in Frage kam. Dies dr&#228;ngte hochkar&#228;tige Aufkl&#228;rer der HVA befristet in eine neue Konspiration, anstatt ihnen die M&#246;glichkeit zu geben, sich sofort von ihrem gescheiterten Spionage-Job zu trennen.</p>
<p>Aber auch auf der anderen Seite konnte man sich von den alten Feindbildern nicht l&#246;sen. Zwar bef&#252;rworteten weitsichtige Politiker wie der damalige Innenminister Sch&#228;uble, sein Kollege im Justizressort, Kinkel, damals aber auch noch Generalbundesanwalt von Stahl und der jetzige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Werthebach, seinerzeit Berater f&#252;r Geheimdienstfragen bei DDR-Innenminister Diestel, eine Amnestie f&#252;r die HVA-Mitarbeiter und eventuell auch f&#252;r ihre westlichen Quellen, wenn dadurch die innere Sicherheit der Bundesrepublik gef&#246;rdert werden k&#246;nne. In einem Gesetzentwurf der Bundesregierung vom Sommer 1990 hie&#223; es: »Mit dem Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten hat die gegenseitige nachrichtendienstliche Aufkl&#228;rung aufgeh&#246;rt. Sie war stark gepr&#228;gt von der Teilung Deutschlands und der Frontstellung der beiden deutschen Staaten. F&#252;r den Rechtsfrieden und damit f&#252;r die Zukunft des geteilten Deutschlands erscheint es sinnvoll, unter die damit verbundenen Straftaten einen befriedenden Schlussstrich zu ziehen und mit Wirksamwerden des Beitritts in begrenzter Weise Straffreiheit zu gew&#228;hren.«</p>
<p>Die Autoren dieses Entwurfs ber&#252;cksichtigten dabei, dass nat&#252;rlich auch seitens der Bundesrepublik Spionage gegen die DDR stattgefunden hatte. So f&#252;hrte der BND nach Presseberichten 500 Agenten im Osten Deutschlands, darunter hohe Offiziere der Staatssicherheit ebenso wie einen stellvertretenden Minister und andere f&#252;hrende Vertreter des Staatsapparates. Sie bleiben straflos, und Juristen – wie der Rechtanwalt Gunter Widmaier aus M&#252;nchen – monieren, »dass die selbstverst&#228;ndliche und rechtm&#228;&#223;ige Befreiung der Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes von jeder strafrechtlichen Behandlung wegen ihrer fr&#252;heren Spionaget&#228;tigkeit gegen die DDR nicht in derselben Weise auch auf die Mitarbeiter der HVA des MfS wegen deren fr&#252;herer Spionage gegen die Bundesrepublik ausgedehnt worden ist.«</p>
<p>Dies gelang damals, als daf&#252;r noch Zeit war, nicht weil sowohl die CSU als Koalitionspartner als auch die SPD-Opposition lehnten aus ideologischen Erw&#228;gungen eine solche faktische Amnestie ablehnten. Sie provozierten damit die betr&#228;chtlichen juristischen Probleme, die heute jedes der angestrengten Strafverfahren begleiten und auf die noch einzugehen sein wird. Seinerzeit f&#252;hrte das Verhalten der BRD-Beh&#246;rden zu einer Verunsicherung der kooperationswilligen Mitarbeiter der DDR-Aufkl&#228;rung. Sie wurden hingehalten und immer wieder aufgefordert, ihr Wissen ohne eine f&#246;rmliche Vereinbarung zu offenbaren. Lediglich sie selbst sollten nat&#252;rlich davon profitieren – sei es durch die Zusage von Straffreiheit, sei es durch betr&#228;chtliche Geldzuwendungen, Ein stellvertretender Abteilungsleiter der Milit&#228;raufkl&#228;rung bekam f&#252;r jede enttarnte Quelle 25.000 Mark geboten; dem Leiter der die USA bearbeitenden Abteilung wurden nach eigenen Angaben sogar eine Million Dollar in Aussicht gestellt, wenn er sein gesamtes Netz komplett &#252;berg&#228;be. Solche Angebote erfolgten nat&#252;rlich ohne Zeugen; dass es sie gab, beweisen jedoch die inzwischen namhaft gemachten &#220;berl&#228;ufer der HVA.</p>
<p>Bei ihrem Vorgehen zogen die westlichen Abwehrorgane die unterschiedlichen Positionen unter den ehemaligen HVA-Mitarbeitern ins Kalk&#252;l und versuchten, daraus maximalen Gewinn zu ziehen. Sie konfrontierten die Aussagen einzelner F&#252;hrungsoffiziere miteinander, pokerten mitunter auch mit Behauptungen, die Verunsicherung und Misstrauen schaffen sollten. Fakten und Erfindungen wurden gemischt, insbesondere Vorgesetzte immer wieder als angebliche Informanten genannt. Nat&#252;rlich hielten die Ermittler die Namen der &#220;berl&#228;ufer so lange wie m&#246;glich geheim. Das erm&#246;glichte ihnen, Enttarnungen nach Bedarf anderen HVA-Vertretern anzulasten. Erst allm&#228;hlich sickerte durch, wer jeweils dahinter steckte; dazu trug Kuron mit seinen Informationen bei. Dennoch setzten die Ermittlungsbeh&#246;rden diese Methode weiter ein und verd&#228;chtigten zum Beispiel noch nach dem Spuhler-Prozess den Gegenspionage-Chef Harry Sch&#252;tt der Kollaboration. So begr&#252;ndete Generalbundesanwalt von Stahl das relativ milde Bew&#228;hrungsurteil von zwei Jahren gegen Sch&#252;tt damit, dass er sich sehr kooperativ gezeigt und »in sehr gro&#223;em Umfang an der Schadensbegrenzung mitgewirkt h&#228;tte«.</p>
<p>Trotz aller Bem&#252;hungen blieb jedoch die Ausbeute solcher Operationen begrenzt. Gemessen an der gro&#223;en Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter der HVA ist die der Abtr&#252;nnigen gering, was nicht hei&#223;t, dass diese mit ihrem Wissen nicht wichtige Quellen enttarnen konnten.</p>
<p>Bisher betraf das vor allem Spione der Abteilung IX, an denen die bundesdeutschen Geheimdienste naturgem&#228;&#223; auch das gr&#246;&#223;te Interesse haben. Bereits 1989 lief ein Mitarbeiter der Fotostelle der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung zum BND &#252;ber. Er war wegen Sicherheitsbedenken, die in seiner Person lagen, aus dem MfS entlassen worden und hatte damals Kopien von den Original-Mikrofilmen aus dem BND und dem BfV mitgenommen. Sie enthielten weitaus mehr Hinweise auf die Quelle als die sp&#228;ter der Auswertung &#252;bergebenen, teilretuschierten Kopien. Die Sache wurde zwar bekannt, und der Mann wurde festgenommen, kam jedoch bei einer der ersten Amnestien nach der Wende wieder frei und offenbarte sich nun den Diensten der Bundesrepublik. So erhielt der Verfassungsschutz zum Beispiel erste Hinweise auf die Gebr&#252;der Spuhler. Durch weitere &#220;berl&#228;ufer konnten sie sp&#228;ter verifiziert werden. Zu ihnen geh&#246;rte der schon genannte Oberst Busch, aber auch Oberst Werner Roitsch, stellvertretender Leiter der f&#252;r die Beobachtung des Sicherheitsregimes im Operationsgebiet zust&#228;ndigen Abteilung VI, vor allem jedoch Oberst Karl Gro&#223;mann, stellvertretender Abteilungsleiter in der Spionageabwehr der HVA.</p>
<p>Roitsch hatte seinen Coup mit gr&#246;&#223;ter Vorsicht und streng konspirativ vorbereitet und mag sich gewundert haben, dass er schon nach kurzer Zeit von seinen Kollegen in der Aufl&#246;sungsgruppe enttarnt wurde. Verantwortlich daf&#252;r war auch hier niemand anderer als Kuron. Bei ihm war der Vorgang Roitsch gelandet, und er hatte sofort die Roedernstra&#223;e informiert. Diese entlie&#223; den Oberst »wegen Verrats« am 15. April 1990 fristlos. Da er vor seiner T&#228;tigkeit in der Abteilung VI Referatsleiter in der den Bonner Regierungsapparat bearbeitenden Abteilung I gewesen war, kannte er einige der von dort aus gef&#252;hrten Spione und trug zu deren Enttarnung bei.</p>
<p>Noch gravierender war der &#220;bertritt Gro&#223;manns. Im Jahre 1977 kam der Namensvetter des sp&#228;teren HVA-Chefs mit seinem G&#246;nner Harry Sch&#252;tt, als dieser zum Leiter der Spionageabwehr der HVA berufen worden war, in die Abteilung IX und stieg dort zum stellvertretenden Abteilungsleiter mit Zust&#228;ndigkeit f&#252;r die illegale Linie A (im Unterschied zu der die HVA-Leute in den DDR-Botschaften betreuenden Linie B) auf. Er hatte seine F&#228;higkeiten als &#228;u&#223;erst phantasievoll und mit hohem Risiko arbeitender Geheimdienstmann bewiesen, diese Eigenschaften jedoch nicht selten auch f&#252;r die Befriedigung pers&#246;nlicher Bed&#252;rfnisse eingesetzt. Das schuf ihm immer wieder Probleme, aber seine Erfolge als Agentenf&#252;hrer veranlassten seine Chefs stets zu Nachsicht. Erst als er mit dem Sohn von Alexander Schalck-Golodkowski zusammen einige anr&#252;chige Gesch&#228;fte gemacht hatte, verlor er seinen Leitungsposten, wurde jedoch zum »Sonderoffizier« ernannt und konnte im Prinzip ungest&#246;rt weiterarbeiten. Der BND, der ihn schon lange im Visier und bereits vor Jahren einen Konteragenten auf seine Frau angesetzt hatte, wusste durch eigene Recherchen, aber wohl auch durch Schalck um diese Schw&#228;chen und z&#246;gerte nicht, Gro&#223;mann »umzudrehen«. Dieser lieferte dann nicht nur die letzten Beweise f&#252;r die Enttarnung der Gebr&#252;der Spuhler, sondern er gab auch die entscheidenden Hinweise auf die Ende 1991 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilte Gabriele Gast, die aus dem Bundesnachrichtendienst wichtige Analysen sowie die regelm&#228;&#223;igen Lageeinsch&#228;tzungen f&#252;r den Bundeskanzler verraten hatte. Andere ehemalige DDR-Spione in den bundesdeutschen Abwehrbeh&#246;rden haben ihm ebenfalls ihre Festnahme zu verdanken.</p>
<p>Karl Gro&#223;manns Aussagebereitschaft besiegelte schlie&#223;lich auch das Schicksal des wohl kaltbl&#252;tigsten HVA-Maulwurfs <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Kuron" target="_blank">Klaus Kuron</a>. Als das Ende der HVA offenkundig geworden war, beschoss er, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen zu bleiben, sondern weiter mitzumischen. Das Verh&#228;ngnis, so es denn kam, sollte ihn nicht unvorbereitet treffen. Und zun&#228;chst ging tats&#228;chlich alles gut. Er empfing die HVA-&#220;berl&#228;ufer, forschte sie aus und pr&#252;fte vor allem die Gefahr f&#252;r sich selbst. Seine Chefs erfuhren nur, was ihm nicht schaden konnte. Zugleich meldete er die Abtr&#252;nnigen ihrem ehemaligen Arbeitgeber, damit dieser ihn vor deren Mitteilsamkeit sch&#252;tzte. So erfuhren die HVA-Aufl&#246;ser aus erster Hand, was das BfV gegen die HVA plante, welche Offiziere &#252;bergelaufen waren, was sie ausgesagt hatten und welche sonstigen Angebote an den Verfassungsschutz gemacht worden waren. Kurons fortgesetzte Spionaget&#228;tigkeit f&#252;r die HVA half dieser betr&#228;chtlich dabei, Quellen im »Operationsgebiet BRD« systematisch abzuschalten und viele von ihnen aus der Gefahrenzone zu bringen. Der Verfassungssch&#252;tzer best&#228;rkte aber auf diese Weise auch die alte HVA-F&#252;hrung, gegen&#252;ber den Beh&#246;rden der Bundesrepublik sehr reserviert aufzutreten und M&#246;glichkeiten einer fr&#252;hzeitigen Bereinigung des deutsch-deutschen Spionagekapitels ungenutzt zu lassen. Seine Informationen erm&#246;glichten &#252;ber lange Zeit die Verunsicherung und damit die Disziplinierung solcher HVA-Mitarbeiter, die einen endg&#252;ltigen, aber zugleich verantwortbaren Schlussstrich unter ihre Vergangenheit ziehen wollten.</p>
<p>Wenige Tage nach dem Vollzug der deutschen Einheit aber bekommt Kuron Wind von jenem hochrangigen DDR-&#220;berl&#228;ufer, der jedoch – im Unterschied zu allen vorherigen – ihn und seine langj&#228;hrige Doppelkonspiration kennt – Karl Gro&#223;mann. Und er kann sich ausrechnen, wann er nun selbst an der Reihe ist. Jetzt tut er das, was er schon lange ins Kalk&#252;l gezogen hat – er tritt die Flucht nach vorn an. Nachdem die HVA verschwunden ist, so glaubt er, bleibt ihm nur noch der KGB. Schon zuvor hatte er einige Male versucht, diese Karte ins Spiel zu bringen. Aktenkundig ist dies im Fall des schon genannten Ingenieurs Steppan. Dessen F&#252;hrungsoffizier wurde von Kuron aufgefordert, auf das sowjetische Angebot einzugehen und den Mitarbeiter der Friedrichshafener Firma Motoren- und Turbinen-Union (MTU) f&#252;r den KGB arbeiten zu lassen – nat&#252;rlich unter seinen Augen. Jetzt stellte Kuron &#252;ber seinen fr&#252;heren F&#252;hrungsoffizier Stefan Engelmann einen Kontakt zur Karlshorster Dependance des sowjetischen Geheimdienstes her und versuchte zugleich, den Ex-Aufkl&#228;rer der DDR mit auf die Reise zu nehmen. Engelmann lehnte ab, und auch die KGB-Leute blieben reserviert. Sie boten Kuron zwar dir Ausschleusung aus Deutschland an und ein Refugium im weiten Sowjetland; mehr aber versprachen sie nicht. Das war dein Geheimdienstler aus Passion zu wenig. Er pokerte zum letzten Mal, machte sich auf den Weg zur&#252;ck und rief von unterwegs, aus einer Telefonzelle in K&#246;nigslutter, den Verfassungsschutz an. Er bot seiner Dienststelle die Aussicht auf eine Doppelagenten-Operation gegen den KGB und verlangte im Gegenzug Nachsicht gegen&#252;ber dem eigenen Doppelspiel. K&#246;ln lehnte ab; soviel Chuzpe war nie Sache des Amtes.</p>
<p>Unmittelbar nach dem 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Einheit, gingen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden und Geheimdienste in breiter Front gegen die ehemaligen Widersacher aus der HVA vor. Dabei interessierten weder Strukturen noch Arbeitsweisen; an eine inhaltliche Aufarbeitung der HVA-T&#228;tigkeit war nicht gedacht – h&#228;tte sie doch die ganz &#228;hnlichen Praktiken der westlichen Dienste all zu sehr ins Blickfeld ger&#252;ckt. Allein Namen waren gefragt – Namen der Top-Spione der DDR-Aufkl&#228;rung vor allem, aber auch die Personalien der sogenannten kleinen Fische. Nach lange vorbereiteten Listen begannen die Befragungen der F&#252;hrungsoffiziere, jedoch auch des sonstigen Personals der HVA, vom Auswerter &#252;ber den Verwalter einer »konspirativen Wohnung«, die Sekret&#228;rin, den Kraftfahrer, bis hin zum Fotolaboranten, der &#252;bermittelte Mikrofilme im Original gesehen hatte. Jedes St&#252;ck Papier, jede noch greifbare Karteikarte wurden ausgewertet. Aus vielen kleinen Bausteinchen sollten die Mosaiks zusammengesetzt werden, die schlie&#223;lich zum unsichtbaren Kundschafter f&#252;hren w&#252;rden.</p>
<p>Mit begrenztem Erfolg, denn die meisten Mitarbeiter der HVA erwiesen sich denn doch nicht als so skrupellos, dass sie – um den eigenen Kopf zu retten – ihre Quellen unverz&#252;glich preisgaben. Die ersten, au&#223;erordentlich harten Urteile gegen Aufkl&#228;rer aus dem Operationsgebiet taten ein &#252;briges. Wenn auch oft unterstellt, ist es f&#252;r viele F&#252;hrungsoffiziere nicht einerlei, dass Leute, die ihnen &#252;ber eine lange Zeit hinweg vertraut hatten, nun vielleicht mit ihrer Hilfe f&#252;r zehn Jahre hinter Gitter wandern. Hinzu kommt, dass die Offenbarung einer Quelle in aller Regel auch unvorhersehbare Konsequenzen f&#252;r deren pers&#246;nliches Umfeld, f&#252;r Verwandte, Bekannte und Arbeitskollegen haben kann. »Ich halte die Preisgabe von Personen, die sich mir anvertraut haben, von uns angehalten wurden, nachrichtendienstlich t&#228;tig zu werden, f&#252;r absolut verwerflich«, hatte Markus Wolf immer wieder &#246;ffentlich betont, und er sprach damit f&#252;r die &#252;bergro&#223;e Mehrzahl seiner fr&#252;heren Mitarbeiter. Wolf selbst war mit solchen Angeboten ebenfalls konfrontiert worden: »Im Beisein meiner Frau malten freundliche Herren von der anderen Seite angesichts des mir drohenden Haftbefehls unsere Zukunft in den d&#252;stersten Farben. Voller Respekt und Verst&#228;ndnis zeigten sie danach einen passablen Ausweg mit gesichertem Schutz und Wohlstand, nat&#252;rlich bei entsprechender Gegenleistung.« Auf diese Weise hatten die Bundesbeh&#246;rden die Chance verpasst, durch einen seri&#246;sen und emotionslosen Umgang mit diesem das ganze Deutschland betreffenden Erbe eine sachdienliche L&#246;sung zu finden. Nun, da mehr als tausend Ermittlungsverfahren laufen und die ersten Urteile gesprochen sind, ist eine restlose Aufkl&#228;rung in weite Ferne ger&#252;ckt.</p>
<p>Zu dieser Entwicklung trugen aber auch die fr&#252;heren Chefs der HVA und ihre Vertreter im Aufl&#246;sungsstab durch den illusion&#228;ren Glauben an eine wie auch immer geartete Weiterarbeit bei. Nachdem sie – wie dargestellt – im ersten Halbjahr 1990 alle diesbez&#252;glichen Bem&#252;hungen blockiert hatten, begriffen sie nach der deutschen Vereinigung endlich, dass ihre Hoffnungen auf Sand gebaut waren. Am 17. Januar 1991 wandten sich f&#252;nf Stasi-Generale, darunter der letzte HVA-Chef Werner Gro&#223;mann, an Innenminister Sch&#228;uble, um ihm nun selbst das Angebot zu machen, das sie im Jahr zuvor noch torpediert hatten. Nun erkl&#228;rten sie pl&#246;tzlich ihre »Bereitschaft zum Offenlegen von noch nicht enttarnten Quellen des MfS im Gebiet der ehemaligen BRD sowie im NATO-Bereich; zur Offenlegung der tats&#228;chlichen Zusammenh&#228;nge zu dem Komplex ›&#220;bergabe von Quellen an das KGB der UdSSR im Zusammenhang mit der Aufl&#246;sung des MfS‹; mitzuwirken an der realen Bewertung des Handelns von IM in der ehemaligen DDR; Zusammenh&#228;nge von operativen Vorg&#228;ngen und Aktionen des MfS aufzudecken, sofern daf&#252;r insbesondere im Zusammenhang mit Ma&#223;nahmen der Strafverfolgungsbeh&#246;rden sowie zur Rehabilitierung Betroffener Handlungsbedarf besteht; auf F&#252;hrungsoffiziere und andere Angeh&#246;rige Einfluss zu nehmen, sich in diesen Prozess einzubringen; Einfluss geltend zu machen, dass von den ehemaligen Angeh&#246;rigen des MfS keine rechtswidrigen Handlungen gegen den Bestand der Bundesrepublik Deutschland begangen werden«. Als Gegenleistung sollte die Bundesregierung »auf der Grundlage entsprechender Rechtsvorschriften den Weg f&#252;r eine Selbststellung unter Zusicherung der Straffreiheit« ebnen. Die F&#252;hrungsoffiziere, die ein Jahr zuvor auf Weisung ihrer ehemaligen Leiter mit den Quellen noch Kontaktwege f&#252;r eine sp&#228;tere Reaktivierung vereinbaren mussten, sollten diese nun nutzen, um die Spione zur Selbststellung zu bewegen.</p>
<p>Am 15. Februar 1991 fand dazu in Berlin ein geheimes Treffen statt, an dem der damalige Verfassungsschutz-Pr&#228;sident Boeden und sein designierter Nachfolger Werthebach teilnahmen. Im M&#228;rz, wurde der Vorgang &#246;ffentlich bekannt und sogleich als »Kuhhandel« abqualifiziert. W&#228;hrend sich das Innenministerium vorerst ausschwieg, dementierte HVA-Generaloberst Gro&#223;mann das Ganze, doch vier Wochen sp&#228;ter gab die Regierung die Begegnung zu. Die f&#252;nf Generale h&#228;tten ihre Vorstellungen und W&#252;nsche vorgetragen, die Verfassungssch&#252;tzer ihrerseits erneut auf bedingungslose Offenlegung der Quellen gedrungen. »Der Erwartungshaltung der ehemaligen Mitarbeiter des MfS konnte dabei nicht entsprochen werden«, hie&#223; es lakonisch aus dem Innenministerium. Dieser letzte und zu sp&#228;te Versuch, eine einvernehmliche L&#246;sung des Problems zu erreichen, war von vornherein zum Scheitern verurteiIt, denn die MfS-Generale hatten in v&#246;lliger Verkennung der Situation l&#228;ngst ihre Tr&#252;mpfe verspielt. Nun setzte die Bundesregierung auf die Ermittlungen des Staatsschutzes und auf die Gerichte; die ersten »Pilotverfahren« waren schon eingeleitet. Eine Koalition der Unvernunft – bestehend aus unbelehrbaren Stasi-F&#252;hrern auf der einen Seite und rachedurstigen Parteipolitikern andererseits – hatte Deutschland ein Problem beschert, das &#214;ffentlichkeit und Justiz noch einen langen Zeitraum besch&#228;ftigen wird, ohne je zu einem guten Ende zu kommen.</p>
<p>Zu den ersten, die das zu sp&#252;ren bekamen, geh&#246;rten diejenigen Spione, die in den vergangenen Jahren aus eigenem Antrieb oder auf Anraten der Zentrale aus dem Operationsgebiet in die DDR zur&#252;ckgekehrt waren, um sich dort der Strafverfolgung zu entziehen. In der DDR hatten sie vielf&#228;ltige Ehrungen erfahren und sich leidlich eingerichtet, wenn auch die wenigstens von ihnen gl&#252;cklich waren. Wer seine Strafe in der Bundesrepublik abgesessen hatte, wie die Guillaumes oder Lothar Lutze und Renate Wiegel, ging lediglich einiger Privilegien verlustig; wer jedoch f&#252;r die Strafverfolgsbeh&#246;rden ein noch ungekl&#228;rter Fall war, musste mit seiner Verhaftung rechnen. Das betraf von den bekannteren Kundschaftern <a href="http://www.spiegel.de/wikipedia/Hansjoachim_Tiedge.html" target="_blank">Hansjoachim Tiedge</a>, <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488895.html" target="_blank">Ursel Lorenzen </a>oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sonja_L%C3%BCneburg" target="_blank">Sonja L&#252;neburg</a>.</p>
<p>Tiedge setzte sich schon im Sommer 1990 in die Sowjetunion ab, muss aber f&#252;rchten, dass diese ihn irgendwann ausliefert. Ursel Lorenzen ist nach ihrer Verheiratung unter dem Namen ihres Mannes ebenfalls und wiederum auf der Flucht. Sie, die im NATO-Hauptquartier in Br&#252;ssel gearbeitet hatte, war 1979 in die DDR geflohen, da sie sich gef&#228;hrdet f&#252;hlte. Am 17. Januar 1980 pr&#228;sentierte sie auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin Dokumente, die die Bereitschaft der NATO zum Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg in Europa belegten. Die meisten der vorgelegten Geheimpapiere hatte sie gar nicht beschafft, sondern stammten aus anderen Quellen sowohl der HVA als auch des milit&#228;rischen Nachrichtendienstes der Nationalen Volksarmee, die bei der NATO t&#228;tig gewesen waren. Sie wurden vom damaligen Leiter des Instituts f&#252;r milit&#228;rpolitische Forschung bei der NVA, Oberst Charisius, pr&#228;sentiert, der sie zuvor mit dem f&#252;r die Auswertung der milit&#228;rpolitischen Informationen der HVA zust&#228;ndigen Oberst Busch ausgew&#228;hlt hatte. Nun aber wird Ursel Lorenzen durch ihr damaliges Auftreten schwer belastet; auf dieser Grundlage will ihr die Bundesanwaltschaft den Prozess machen. Sie irrt mit ihrem Mann durch diejenigen L&#228;nder Europas, die kein Auslieferungsabkommen mit der Bundesrepublik haben.</p>
<p>Noch schlimmer ist es Sonja L&#252;neburg ergangen. Die ehemalige Sekret&#228;rin des FDP-Bundestagsabgeordneten William Borm, die nach dessen Tod zum damaligen Generalsekret&#228;r der Liberalen, Martin Bangemann, &#252;berwechselte und diesem dann auch ins Wirtschaftsministerium folgte, hatte sich im August 1985 zu einer Wochenendreise abgemeldet und war nicht wieder aufgetaucht. Ermittlungen ergaben, dass sie unter einer Doppelg&#228;nger-Legende f&#252;r die HVA gearbeitet haben soll. Nach der Vereinigung Deutschlands wurde in einem &#246;stlichen Vorort Berlins die 64j&#228;hrige Johanna O. festgenommen, hinter der man Sonja L&#252;neburg vermutet.</p>
<p>Die Strafverfolgungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik konzentrieren gegenw&#228;rtig all ihre Kraft auf die juristische Abrechnung mit den ehemaligen Spionen der DDR. Sie bringen dazu nicht nur jene Agenten vor Gericht, die in j&#252;ngster Zeit enttarnt wurden, sondern eben auch sogenannte Altf&#228;lle, bei denen sich nach der Vereinigung pl&#246;tzlich doch noch die M&#246;glichkeit er&#246;ffnet, strafend t&#228;tig zu werden, auch wenn das offensichtlich keinen tieferen Sinn mehr hat. Au&#223;er Ursel Lorenzen und Sonja L&#252;neburg betrifft das auch Inge Goliath und andere. Bei einigen, die nach Verb&#252;&#223;ung ihrer Strafe in die DDR kamen und hier Vortr&#228;ge vor MfS-Angeh&#246;rigen hielten, schuf das einen neuen Straftatbestand der »Beihilfe zu geheimdienstlicher Agentent&#228;tigkeit«. Ihnen wurden zum Teil neue Verfahren angedroht, wie dem fr&#252;heren Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Grunert, der 1978 zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden und danach in die DDK &#252;bergesiedelt war. Von Anfang an wurden in die gerichtlichen Verfahren auch die F&#252;hrungsoffiziere einbezogen, die vom Gebiet der DDR aus die Kundschafter anwarben, steuerten und entlohnten. Dieses undifferenzierte Vorgehen l&#246;ste unverz&#252;glich eine intensive Debatte &#252;ber Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats aus, die durch diese Praxis offensichtlich verletzt werden.</p>
<p>Vom abstrakten Gerechtigkeitsempfinden her erscheint die weitgehend gleichartige Verfolgung der Aufkl&#228;rer – unabh&#228;ngig ob erst vor kurzem gefasst oder schon seit l&#228;ngerem bekannt, ob in der alten BRD t&#228;tig oder vom Territorium der fr&#252;heren DDR aus agierend – durchaus denkbar. Gerade deswegen gab es ja die Bem&#252;hungen um eine Amnestie oder einen &#228;hnlichen Schlussstrich unter die deutsch-deutsche Spionaget&#228;tigkeit, jenes zwangl&#228;ufige Kind der Spaltung und des mit ihr verbundenen Kalten Krieges. Denn die juristisch gebotene Differenzierung verletzt den Gerechtigkeitssinn, die aus dieser Sicht logische Gleichbehandlung aber kollidiert mit rechtsstaatlichen Grunds&#228;tzen. Der genannte Gesetzesentwurf der Bundesregierung sah deshalb vor, nicht nur die spionierenden DDR-B&#252;rger straffrei zu stellen, sondern Gnade auch gegen&#252;ber jenen bisher nicht erkannten Agenten auf dem fr&#252;heren Bundesgebiet walten zu lassen, die sich innerhalb eines Jahres offenbaren. Sein Scheitern zwang die Beh&#246;rden zum Handeln, als sich vom 3. Oktober 1990 an die juristische Gewalt der Bundesrepublik auch auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR erstreckte. Am Morgen des Wiedervereinigungstages klingelte an der Pforte der Hohensch&#246;nhausener Villa des Ex-Generalobersten Werner Gro&#223;mann in Berlin die Polizei und nahm den letzten HVA-Chef fest. Sie st&#252;tzte sich dabei auf einen Beschluss des 3. Senats des Bundesgerichtshofs, der Gro&#223;mann der geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit als dringend verd&#228;chtig ansah. Damit setzten die Karlsruher Richter eine Diskussion in Gang, die sich schon bald als &#228;u&#223;erst facettenreich erwies und zwangsl&#228;ufig zur Anrufung des Bundesverfassungsgerichts f&#252;hrte.</p>
<p>Ihr Ursprung liegt jedoch nicht bei jenem 3. Oktober 1990, sondern einige Monate zur&#252;ck. Ursache f&#252;r das nun eingetretene Dilemma war ein – zuf&#228;lliges oder gewolltes? – Vers&#228;umnis des Einigungsvertrages, der grunds&#228;tzlich von der &#220;bertragung des Bundesrechts auf das Gebiet der fr&#252;heren DDR ausgeht, jedoch eine Reihe von Bestimmungen und Gesetzen der alten Bundesrepublik aufz&#228;hlt, die ausdr&#252;cklich nicht anzuwenden sind. In dieser Aufz&#228;hlung fehlen die Straftatbest&#228;nde der »geheimdienstlichen Agentent&#228;tigkeit«; mithin – so folgerte der Bundesgerichtshof in einer ersten Stellungnahme zu dieser Problematik vom 30. Januar 1991 – »kann und muss die Strafverfolgung ihren Fortgang nehmen«. Die obersten Gesetzesh&#252;ter standen damit in &#220;bereinstimmung mit der Auffassung der Bundesregierung, die in ihrem – nicht weiterverfolgten – Gesetzentwurf vom 13. September 1990 zu einem Amnestiegesetz unmissverst&#228;ndlich feststelle: »Nach Wirksamwerden des Beitritts unterliegen die Angeh&#246;rigen und Agenten der Auslandsnachrichtendienste der Deutschen Demokratischen Republik uneingeschr&#228;nkt unserer Staatsgewalt. Ihre bisher in der Deutschen Demokratischen Republik legitime T&#228;tigkeit wird ohne &#196;nderung ihres Charakters auch dort strafbar.« (Der Einigungsvertrag hat &#252;brigens einen ganz &#228;hnlichen Mangel f&#252;r die Spione der alten BRD, die in der DDR rechtskr&#228;ftig verurteilt wurden. Indem er alle rechtskr&#228;ftigen Urteile der DDR-Gerichte in die neue gesamtdeutsche Rechtsordnung &#252;bernahm, bleiben sie zun&#228;chst vorbestraft; nur &#252;ber komplizierte Rehabilitierungsverfahren k&#246;nnte daran etwas ge&#228;ndert werden.)</p>
<p>Die Anwendung des BRD-Rechts zur Spionage auf fr&#252;here DDR-B&#252;rger, die von ihrem Staat ausdr&#252;cklich mit der Aussp&#228;hung der Bundesrepublik beauftragt waren, l&#246;ste in der juristischen Fachwelt Kritik aus. Sie wurde erstmals ausf&#252;hrlich vom Verteidiger Gro&#223;manns, Dr. Gunter Widmaier, im Dezember 1990 in der »Neuen Juristischen Wochenschrift« formuliert. Dieser nennt sowohl verfassungsrechtliche als auch v&#246;lkerrechtliche Argumente gegen die Bestrafung der DDR-Aufkl&#228;rer. Zum einen versto&#223;e ein solches Vorgehen gegen den Gleichheitssatz in Artikel 3 des Grundgesetzes, wenn – wie schon dargestellt – »aufgrund der rechtlichen Konstruktionen des Einigungsvertrages die in der DDR t&#228;tig gewesenen fr&#252;heren Mitarbeiter der HVA des MfS wegen damals begangener Spionage zum Nachteil der Bundesrepublik bestraft werden sollen, w&#228;hrend umgekehrt f&#252;r die Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes eine Strafbarkeit wegen ihrer fr&#252;heren Spionage zum Nachteil der DDR mit Selbstverst&#228;ndlichkeit nicht einmal zur Diskussion steht«. Widmaier r&#228;umt ein, dass die DDR beim Einigungsvertrag m&#246;glicherweise »schlecht verhandelt« habe, doch k&#246;nne die Geltungskraft des Artikels 3 »nicht von der G&#252;te und Sorgfalt staatsvertraglicher Verhandlungen abh&#228;ngen«.</p>
<p>Hinsichtlich des V&#246;lkerrechts verweist Widmaier auf die Haager Landkriegsordnung vom 18. 10. 1907, die folgende Bestimmung enth&#228;lt: »Ein Spion, welcher zu dem Heere, dem er angeh&#246;rt, zur&#252;ckgekehrt ist und sp&#228;ter vom Feinde gefangen genommen wird, ist als Kriegsgefangener zu behandeln und kann f&#252;r fr&#252;her begangene Spionage nicht verantwortlich gemacht werden.« Was im Kriege gelte, m&#252;sse im Frieden erst recht zuerkannt werden: »W&#228;re – eine schlimme Vorstellung – die Wiedervereinigung Deutschlands mit milit&#228;rischen Mitteln und durch eine Annexion der DDR herbeigef&#252;hrt worden, so st&#252;nde die Straflosigkeit der im Auslandsnachrichtendienst der DDR t&#228;tigen DDR-B&#252;rger kraft geschriebenen V&#246;lkerrechts ohne weiteres fest. Es ist undenkbar. nach der Wiedervereinigung in Frieden, in Freiheit und gleichberechtigter Br&#252;derlichkeit zu anderen Ergebnissen zu kommen.</p>
<p>Beiden Argumentationen wollte der Bundesgerichtshof nicht folgen. In der schon genannten Stellungnahme vom 30. 1. 1991 hebt er zun&#228;chst darauf ab, dass eine Gleichbehandlung der Spione beider Seiten offensichtlich von den Verhandlungspartnern des Einigungsvertrages »nicht gewollt oder nicht durchsetzbar war«. Zugleich bringt er aber damals noch sein Unbehagen &#252;ber diese Entwicklung zum Ausdruck, denn die Mitarbeiter der HVA h&#228;tten »aus ihrer Sicht eine legitime T&#228;tigkeit ausge&#252;bt, die auch v&#246;lkerrechtlich nicht anst&#246;&#223;ig zu bewerten war«. Daher k&#246;nne »der bisherige Rechtszustand kaum zu einem befriedigendem Interessenausgleich beitragen«; eine sachgerechte L&#246;sung erscheine »deshalb nur durch ein Straffreiheitsgesetz m&#246;glich«.</p>
<p>Um aber den eigenen Spruch – es ging um die Fortdauer des Haftbefehls gegen Gro&#223;mann – einigerma&#223;en st&#252;tzen zu k&#246;nnen, begibt sich der BGH im weiteren auf das Feld der Spekulation. Zwischen den Spionen von DDR und BRD m&#252;ssten doch Unterschiede gemacht werden, weil »die &#228;u&#223;ere Sicherheit der BRD durch das fr&#252;here Tun dieser nachrichtendienstlich t&#228;tigen Personen m&#246;glicherweise weiterhin betroffen wird, da die Auswirkungen dieser T&#228;tigkeit durch den Eintritt der DDR in die BRD nicht weggefallen sind. Es ist allgemein bekannt, dass die Erkenntnisse der Spionagebeh&#246;rden der DDR wegen deren Einbindung in den Warschauer Pakt und wegen des engen Kontakts zu den sowjetischen Geheimdiensten, vor allem zum KGB, weitergegeben worden sind an Dienststellen au&#223;erhalb der DDR. Es ist nicht auszuschlie&#223;en, dass auch ›Quellen‹ nicht nur f&#252;r den Geheimdienst der DDR, sondern gleichzeitig auch f&#252;r andere Staaten des Warschauer Pakts t&#228;tig gewesen sind. M&#246;glicherweise sind auch fr&#252;here ›Quellen‹ der Geheimdienste der DDR von Geheimdiensten der anderen Staaten des Warschauer Pakts, vor allem der UdSSR, &#252;bernommen worden.« Und die logische Schlussfolgerung: »Eine Gleichstellung der Spione der BRD und der DDR&lt; ist schon aus diesem Grund nicht ohne weiteres gerechtfertigt.« Generalbundesanwalt von Stahl bringt den Pragmatismus, der hier waltet, auf den Punkt: »Im Staatsschutzrecht gibt es eine Mischung aus Gerechtigkeit, Zweckm&#228;&#223;igkeit und Staatsinteresse. Alle drei Punkte sind hier wohl ber&#252;hrt.«</p>
<p>So ermutigt, wird der Bundesgerichtshof in seiner n&#228;chsten &#196;u&#223;erung zum Sachverhalt noch weitaus deutlicher. In der Sache Harry Sch&#252;tt best&#228;tigt er am 29. Mai die Er&#246;ffnung der Hauptverhandlung wie den damals noch bestehenden Haftbefehl mit dem Argument: »Nur bei ausschlie&#223;lich formaler Betrachtung lassen sich die T&#228;tigkeiten der Nachrichtendienste der Bundesrepublik und der fr&#252;heren DDR einander gleichsetzen, nicht aber vom legitimen Standpunkt der ihrer Identit&#228;t nach fortbestehenden Bundesrepublik aus. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Nachrichtendienste der Bundesrepublik, auch wenn sie operative Auslandsaufkl&#228;rung betreiben, letztlich zu deren Schutz t&#228;tig wurden und werden, w&#228;hrend die gegen die Bundesrepublik gerichtete T&#228;tigkeit der Nachrichtendienste der DDR zur konkreten oder doch abstrakten Gef&#228;hrdung der &#228;u&#223;eren Sicherheit dieses Staates f&#252;hrte mit unter Umst&#228;nden bis in die Gegenwart reichenden, im einzelnen jedoch nicht fassbaren und absch&#228;tzbaren Folgen, die sich aus der Weitergabe von nachrichtendienstlichen Informationen und Informanten an andere Staaten des fr&#252;heren ›Ostblocks‹ ergeben k&#246;nnen.« Was im Januar noch im Konjunktiv stand, die Gef&#228;hrdung durch Weitergabe an eine dritte Macht, ist nun ohne Einschr&#228;nkung vorausgesetzt – wenn auch die Definition dieser »dritten Macht« (Sowjetunion, Ostblock, KGB?) jetzt schwerer f&#228;llt als je zuvor. Schon am 31. Juli 1991 sah der Sprecher der Bundesregierung in der Spionage der DDR nachtr&#228;glich keine Gefahr mehr f&#252;r die Sicherheit der Bundesrepublik. Vor Journalisten bewertete er einen m&#246;glichen Schaden als gering, zumal Geheimdienstaktivit&#228;ten immer mehr zur&#252;ckgingen und an Bedeutung verl&#246;ren.</p>
<p>Neben solcher Gelassenheit der Politiker steht die Skepsis von Juristen hinsichtlich der Position des BGH. Das Berliner Kammergericht, zu dem die Anklage gegen Gro&#223;mann und andere abverf&#252;gt worden war, setzte am 22. Juli 1991 sogar das Verfahren aus und rief das Bundesverfassungsgericht an. Es stellte dazu auch den gravierenden Mangel des Einigungsvertrages fest, »dass die gegen die Bundesrepublik Deutschland ausge&#252;bten nachrichtendienstlichen T&#228;tigkeiten strafbar bleiben; die Angeh&#246;rigen und Agenten der Aufkl&#228;rungsdienste der Bundesrepublik Deutschland sind dagegen straflos«. Dies sei eine Ungleichbehandlung, denn: »Die Bewertung, ob eine Spionaget&#228;tigkeit ›offensiv‹ oder ›defensiv‹ ausge&#252;bt worden ist, l&#228;&#223;t sich rechtlich nicht fassen.« Das Kammergericht stellt die T&#228;tigkeit beider Spionageapparate ausdr&#252;cklich gleich und differenziert zudem zwischen der DDR-Spionage und dem Stasi-Unterdr&#252;ckungsapparat: »Dass die Angeschuldigten als Angeh&#246;rige des MfS in Bereiche eingebunden gewesen w&#228;ren, in denen es zu Menschenrechtsverletzungen oder zu &#228;hnlich schwerwiegenden strafbaren Handlungen gekommen ist, oder dass sie durch die Weiterleitung von Erkenntnissen an den Inlandsapparat des MfS dessen Unterdr&#252;ckungsma&#223;nahmen strafrechtlich zu verantworten h&#228;tten, haben die Ermittlungen nicht ergeben.«</p>
<p>Mit dem Zitieren dieser Feststellung soll keineswegs das zur&#252;ckgenommen werden, was hier bereits &#252;ber die Verquickung von Aufkl&#228;rung und Abwehr, ihr gegenseitiges Geben und Nehmen ausgef&#252;hrt worden ist. Hier kam es zu einer Kooperation, die gewiss noch weiterer Ermittlungen bedarf und bei der nicht ausgeschlossen werden kann, dass – zu denken ist zum Beispiel an Briefkontrolle oder Telefon&#252;berwachung – auch strafbare Handlungen vorliegen. Insgesamt jedoch zeigt sich, dass gerade die Verletzung von Menschenrechten zwar einer starken moralischen &#196;chtung unterliegt, strafrechtlich aber kaum aufzuarbeiten ist. So unbefriedigend das sein mag: In dieser Hinsicht ist der Rechtsstaat unge&#252;bt und unsicher; nicht immer erfahren die Opfer die von ihnen erwartete Genugtuung.</p>
<p>Das belegten die ersten Prozesse gegen fr&#252;here DDR-Gr&#246;&#223;en, das kommt aber auch in hilflosen &#196;u&#223;erungen von Justizminister Kinkel oder des Generalbundesanwalts zum Ausdruck. Auf die Frage, wie die Bespitzelung des Volkes durch die Stasi geahndet werden k&#246;nne, sagte Alexander von Stahl: »Das ist strafrechtlich nur sehr schwer zu fassen.« Konkret fiel ihm nur der Tatbestand der »politischen Verd&#228;chtigung« ein. Und es ist Tatsache, dass die Chefs der Abwehr – Mielkes Stellvertreter Mittig und Schwanitz oder der Leiter der »Untergrundt&#228;tigkeit« bek&#228;mpfenden Hauptabteilung XX, Generalmajor Kienberg, sowie viele andere – bisher juristisch nicht belangt wurden. Kinkel, der es als ehemaliger Chef des Bundesnachrichtendienstes wissen muss, stellt resignierend fest: »Jeder Nachrichtendienst zahlt und arbeitet irgendwie mit Erpressungsmethoden.« Und Markus Wolfs Verteidiger verweist sogar darauf, dass mit den ehemals nationalsozialistischen Offizieren Reinhard Gehlen und Gerhard Wessel jahrelang Leute bundesdeutschen Geheimdiensten vorstanden, die bis 1945 in »ein Unrechtsregime eingebunden waren«.</p>
<p>Diese grunds&#228;tzliche Expertise zur Spionaget&#228;tigkeit vervollst&#228;ndigt das Berliner Kammergericht mit einer ebenfalls von der Sicht der Karlsruher Bundesrichter abweichenden Interpretation der Haager Landkriegsordnung. Hatten diese den entsprechenden Artikel als »eine kriegsrechtliche Sondernorm« bezeichnet, aus der eine Anwendung in Friedenszeiten nicht abzuleiten sei, so erkennt jenes darin einen &#252;bergeordneten Gedanken, der generell dann greift, wenn »sich der Spion ohne sein Zutun in einem anderen Hoheitsverh&#228;ltnis wiederfindet, auf dessen Entwicklung er keinen Einfluss gehabt hat, und nunmehr dem Zugriff des anderen Staates ausgesetzt ist«.</p>
<p>Schlie&#223;lich argumentiert das Berliner Kammergericht auch mit dem R&#252;ckwirkungsverbot. Demnach kann eine Tat nicht r&#252;ckwirkend verfolgt werden, wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Begehung. nicht unter Strafe gestellt war. Formalrechtlich ist dies zwar der Fall gewesen, aber das Gericht sieht eine sogenannte unechte R&#252;ckwirkung. Sie liege dann vor, »wenn ein Gesetz auf gegenw&#228;rtige, noch nicht abgeschlossene Rechtsbeziehungen f&#252;r die Zukunft einwirkt und damit zugleich betroffene Rechtspositionen nachtr&#228;glich &#228;ndert«. Da die DDR-Aufkl&#228;rer mit den eingetretenen Wandlungen nicht rechnen konnten, erg&#228;ben sich durch ihre Bestrafung verfassungsrechtliche Probleme.</p>
<p>Inzwischen hat sich die hessische Staatsanwaltschaft derartigen Bedenken angeschlossen. Eine Anklageerhebung gegen f&#252;nfzehn ehemalige Spione der HVA wurde ausgesetzt, um das Urteil der Karlsruher Verfassungsrichter abzuwarten.</p>
<p>Als einer der pragmatischen Gr&#252;nde f&#252;r die Verfolgung der ehemaligen HVA-Mitarbeiter gilt die Erwartung, dass sie unter dem Druck der Strafandrohung zur Aussage &#252;ber ihre fr&#252;here T&#228;tigkeit bereit seien und vor allem die untergetauchten Quellen im Operationsgebiet offenbaren k&#246;nnten. F&#252;r Alexander von Stahl z&#228;hlt nur die Frage: »Kriegen wir die Leute, die hier gearbeitet haben und potentiell wieder f&#252;r andere arbeiten k&#246;nnen?« Es erweist sich jedoch, dass er auf diese Weise seinem Ziel nicht n&#228;her kommt. Selbst das Berliner Kammergericht hielt ihm vor: »Ein derartiges Aufkl&#228;rungsinteresse ist zwar berechtigt; die Durchf&#252;hrung eines Strafverfahrens ist aber nicht geeignet, dieses Interesse durchzusetzen. Denn der Beschuldigte braucht sich nicht zu &#228;u&#223;ern (&#8230;). Von diesem Recht, die Angaben zur Sache zu verweigern, haben die Angeschuldigten weitgehend Gebrauch gemacht. Sie waren insbesondere nicht bereit, Namen und Erkenntnisse zu offenbaren, an denen die Strafverfolgungsbeh&#246;rden gerade interessiert sind.«</p>
<p>Die mangelnde Bereitschaft zu einer f&#252;r beide Seiten bindenden Vereinbarung veranla&#223;t viele F&#252;hrungsoffiziere, gegen die selbst ermittelt wird, zu einer solchen Verweigerungshaltung. Und auch jene, die lediglich als Zeugen verh&#246;rt werden, sind angesichts der bereits ausgesprochenen drakonischen Strafen gegen ihre fr&#252;heren Informanten kaum bereit, zu einer solchen Art von »Rachejustiz« ihre Hand zu leihen. Sie k&#246;nnen in &#252;berlangen Haftstrafen keinen Sinn sehen, droht doch bei den T&#228;tern weder der R&#252;ckfall noch ist Abschreckung auf andere vonn&#246;ten. Die Sozialisierungsfunktion der Strafe wird dabei v&#246;llig missachtet.</p>
<p>Ungeachtet dessen gehen die Ermittlungen und die Einleitung von Strafverfahren gegen fr&#252;here Spione und ihre Hinterm&#228;nner in der HVA weiter. Mit Stand von Ende November 1991 waren 1691 Ermittlungsverfahren wegen Spionage eingeleitet, von denen jedoch die meisten nur sehr schleppend vorankommen. Lediglich in 89 F&#228;llen konnte bisher Haftbefehl erlassen werden: nur vereinzelt ist Anklage erhoben oder gar die gerichtliche Hauptverhandlung er&#246;ffnet; wenige Verfahren sind abgeschlossen – und auch da ist vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Generalbundesanwalt will aber noch mehr. Er k&#252;ndigte insgesamt etwa 5000 Ermittlungsverfahren an und sprach von 400 weiteren Spionen, deren er noch habhaft werden will.</p>
<p>Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt das Dilemma, in das die Rechtsprechung durch die Vers&#228;umnisse der Verhandlungspartner des Einigungsvertrages, aber auch durch die starre Uneinsichtigkeit sowohl der fr&#252;heren HVA-F&#252;hrung als auch ideologisch und populistisch denkender politischer Kr&#228;fte der Bundesrepublik geraten ist. Anfang 1991 schien dies auch dem Bundesgerichtshof noch bewusst, als er empfahl, im vorliegenden Fall des Beitritts eines Staates bei v&#246;lliger Aufgabe der staatlichen Souver&#228;nit&#228;t den nach seiner Auffassung legitimen Strafanspruch des &#252;bernehmenden Staates nicht in allen F&#228;llen durchzusetzen. »Das ist aber«, so res&#252;mierte er, »eine politische Entscheidung, die die Gesetzgebungsorgane zu treffen haben«.. Die Entwicklung nahm eine andere Richtung, und es bleibt abzuwarten, ob eine f&#252;r alle Seiten befriedigende L&#246;sung noch gefunden werden kann.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Sturm auf die Stasi-Zentrale</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jan 2010 15:56:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Eins der wenigen gewaltt&#228;tigen Ereignisse der Wendezeit 1989/90 fand heute vor 20 Jahren in der Berliner Normannenstra&#223;e statt. Hier residierte die geheimnisumwitterte Zentrale der DDR-Staatssicherheit, in der die Arbeit anscheinend unbeeindruckt vom Geschehen des letzten Vierteljahres auf den Stra&#223;en weiterzugehen schien. <span id="more-1444"></span>In den Bezirken der DDR waren die MfS-Verwaltungen bereits B&#252;rgerkomitees &#252;bergeben worden; nur in der Hauptstadt schien sich diesbez&#252;glich nichts zu tun. Das weckte zunehmendes Unverst&#228;ndnis, gepaart mit Ungeduld. F&#252;r den 15. Januar 1990 war zu einer Demonstration vor dem Hauptangang der MfS-Zentrale aufgerufen worden. Ausdr&#252;cklich sollten dazu auch Steine mitgebracht werden; man wollte die Tore des Stasi-Ministeriums symbolisch zumauern, um seine weitere Arbeit zu unterbinden. Bald zeigte sich jedoch, dass Steine auch anderweitig verwendbar waren. Die Masse vor dem Tor nahm eine immer bedrohlichere Haltung ein. Irgendwann beschlossen die verbliebenen Verantwortlichen der Staatssicherheit gemeinsam mit B&#252;rgerrechtlern, die sich l&#228;ngst im Inneren des Komplexes befanden, die &#214;ffnung der Tore.</p>
<p>Was dann geschah, ist dieser Tage immer wieder <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0113/berlin/0012/index.html" target="_blank">ausf&#252;hrlich beschrieben </a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/efa3aa9b3aaa41d79fa60eef50776f50" alt="" width="1" height="1" />worden. Nur wenig beachtet wurde dabei jedoch, dass eine gro&#223;e Diensteinheit des MfS, die sich »Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung« nennende Spionageabteilung, vom Sturm auf die Zentrale fast v&#246;llig verschont blieb. Folgender Text, der in den Jahren 1991/92 entstand und – hier geringf&#252;gig ver&#228;ndert – in dem Buch »Wolfs Westspione. Ein Insider-Report« ver&#246;ffentlicht wurde, wandte sich gerade diesem Ph&#228;nomen zu, beschrieb es, suchte also eine Antwort auf die Frage:</p>
<h3>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung &#8211; eine Insel im Sturm?</h3>
<p>Der 15. Januar 1990 ist ein k&#252;hler und regenfeuchter Tag. Noch vor 16 Uhr bricht die D&#228;mmerung herein, und eine Stunde sp&#228;ter ist es stockdunkel. Vor dem riesigen Geb&#228;udekomplex zwischen Frankfurter Allee und Normannenstra&#223;e im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg stehen jedoch tausende Demonstranten im glei&#223;enden Licht der Scheinwerfer und Lampen, die stets unbehinderte Sicht auf die Au&#223;enmauern des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit gew&#228;hrleisten sollten. Noch vor einigen Wochen h&#228;tten sich die Menschen nicht gewagt, hier l&#228;nger als irgend n&#246;tig zu verweilen – und wenn, sie w&#228;ren schnell durch die aufmerksamen Wachtruppen zum Weitergehen aufgefordert worden.</p>
<p>Heute ist es anders. Der Umbruch des Herbstes 1989 hatte dazu gef&#252;hrt, dass bereits im Dezember die &#246;rtlichen Verwaltungen des MfS in allen Bezirksst&#228;dten der DDR besetzt und anschlie&#223;end von Polizeikr&#228;ften gesichert wurden, um den Spielraum der Staatssicherheit einzuschr&#228;nken. Da war es nach Auffassung aller Beobachter nur eine Frage der Zeit, wann die Berliner Zentrale dieses Schicksal teilen w&#252;rde. F&#252;r diesen 15. Januar hatte das Neue Forum hatte zu einer Demonstration aufgerufen, zu der Steine mitgebracht werden sollten, um damit symbolisch die Zug&#228;nge zum Ministerium zuzumauern und so seine Weiterarbeit zu unterbinden.</p>
<p>Das Geschehen entwickelte sich jedoch in ganz anderer Weise, denn wie in den Bezirksst&#228;dten verlangten die Demonstranten Zugang zu den Dienstr&#228;umen, wollten sie die verhasste Unterdr&#252;ckungszentrale endlich von innen sehen, vielleicht ihre Akte suchen und die MfS-Mitarbeiter zur Rede stellen. Das Wachpersonal, bestehend aus Volkspolizisten, gibt diesem Druck bald nach. Auch die im Innern befindlichen Vertreter der B&#252;rgerrechtsgruppen – sie hatten seit Wochen Zugang zu allen Diensteinheiten des Ministeriums – sehen keinen Grund, den Demonstranten den Zutritt zu verweigern, und das umso mehr, als vor dem Tor allm&#228;hlich eine bedrohliche Situation entsteht.</p>
<p>Die Angeh&#246;rigen des fr&#252;heren MfS bzw. des Am<img class="alignright size-medium wp-image-1447" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/01/Westspione-199x300.GIF" alt="Westspione" width="199" height="300" />tes f&#252;r Nationale Sicherheit, wie es seit Amtsantritt der Modrow-Regierung hei&#223;t, befinden sich nur noch in geringer Zahl in den Arbeitsr&#228;umen. Sind sind seit langem entwaffnet und seit dem Wochenende zuvor bis auf einen kleinen Rest beurlaubt. Am Freitag und Sonnabend hatten sie ihren meist langj&#228;hrigen Arbeitsplatz f&#252;r immer verlassen, die letzten pers&#246;nlichen Gegenst&#228;nde – B&#252;cher, Bilder, Blumen usw. &#8211; mitgenommen. Nun war ein Kapitel ihrer Biografie abgeschlossen. Die meisten verfolgten das Geschehen des Montags am Fernsehapparat – und wer es bis dahin nicht wahrhaben wollte, wusste nun, dass es kein Zur&#252;ck mehr gab.</p>
<p>Die Besetzung der MfS-Zentrale Normannenstra&#223;e war zu erwarten gewesen; daher tut niemand etwas, um sie zu verhindern. Das Wachregiment war schon vor einiger Zeit abgezogen worden; die wenigen in den Dienstobjekten verbliebenen Mitarbeiter schreiten nicht ein. Die Demonstranten wenden sich dem protzigsten Bau auf dem Gel&#228;nde zu, ( / dem erst vor einigen Jahren fertiggestellten Versorgungstrakt. Einige jedoch erweisen sich als erstaunlich ortskundig und marschieren zielstrebig zum Geb&#228;ude der inneren Spionageabwehr. Deren bisher streng gesicherte Arbeitsr&#228;ume sind pl&#246;tzlich auf den TV-Schirmen zu sehen, wie sie ganz offensichtlich gezielt durchst&#246;bert werden. Der stellvertretende Leiter dieser Hauptabteilung II, Oberst Wiegand, hatte sich bereits im Dezember 1989 in Obhut des Bundesnachrichtendienstes begeben. Ausgestattet vielleicht mit seinen Lageskizzen d&#252;rften die BND-Agenten mehr gefunden haben als Parteitagsbrosch&#252;ren, Konservenb&#252;chsen und leere Dienstformulare.</p>
<p>All das verl&#228;uft ohne nennenswerte Gewalt, ohne Blutvergie&#223;en, beinahe friedlich. Ein Geheimdienst, der fast vierzig Jahre lang Angst und Schrecken verbreitet hatte, f&#228;llt zusammen wie ein Kartenhaus. Es zeigte sich, dass er bereits seit langem ein Koloss auf t&#246;nernen F&#252;&#223;en war, der weder eine Basis in der Bev&#246;lkerung noch den erwarteten R&#252;ckhalt in den eigenen Reihen besa&#223;. Wer Augen hatte zu sehen und Ohren, um zu h&#246;ren, der begriff, dass es dieses System nicht mehr wert war, verteidigt zu werden – zu zerr&#252;ttet war die Wirtschaft, zu unzufrieden war das Volk, zu starr und unbelehrbar die F&#252;hrung von SED und Staat. Radikale &#196;nderungen waren dringend vonn&#246;ten, und das Volk war in seltener Einm&#252;tigkeit entschlossen, diese herbeizuf&#252;hren.</p>
<p>Dem konnten viele Mitarbeiter der Staatssicherheit durchaus zustimmen. Bis auf fanatische Hardliner, die entweder das Gespenst der Konterrevolution an die Wand malten oder die Ereignisse engstirnig nur als tempor&#228;re Erscheinungen verstanden, sahen sie in der gro&#223;en Mehrheit keinen Anlass mehr, die dringend n&#246;tige Katharsis zu verhindern. Sie hatten zwar durch ihre Arbeit dem Regime zu seinem langen zerst&#246;rerischen Leben verholfen, doch jetzt war ihre Bereitschaft, es weiter gewaltsam zu sch&#252;tzen, verloren gegangen. Daraus erkl&#228;rt sich nicht zum geringsten der friedliche Verlauf der kommenden Ereignisse. Selbst jenes Organ, das von SED-und DDR-Staat zur eigenen Machtsicherung herangez&#252;chtet worden und zu einem gigantischen Apparat gewuchert war, versagte faktisch seinen Befehlsgebern die Gefolgschaft. Zwar konnte es sich nicht zu eigenem aktiven Handeln entschlie&#223;en, aber es griff dem Rad der Geschichte auch nicht in die Speichen.</p>
<p>Und mehr noch: Mit einer Reihe von Personen, mit denen das Ministerium seit langem – wenn auch auf sehr ungleicher Basis – zusammengearbeitet hatte, wurden stillschweigende &#220;bereink&#252;nfte gefunden, die die Gewaltlosigkeit von beiden Seiten sicherstellten. Nat&#252;rlich spielte dabei lange auch die Hoffnung eine Rolle, das Ministerium – in welcher Form auch immer – zu erhalten, denn so weit ging die Selbstverleugnung seiner Mitarbeiter nicht, dass sie ohne weiteres bereit waren, die eigene Dienst- und Arbeitsstelle zu opfern. Nun aber spielte selbst das keine Rolle mehr; dazu war die Entwicklung zu weit fortgeschritten. W&#228;hrend auf der einen Seite ein bewusstes Sch&#252;ren des »Volkszorns« vermieden wurde, sorgte das AfNS daf&#252;r, dass Hunderttausende offizielle und inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums ihre T&#228;tigkeit ohne nennenswerten Widerstand f&#252;r immer beendeten. Dieses Handeln, das sich in beiden Lagern heute mit dem Vorwurf des Verrats auseinander zu setzen hat, war wesentlich f&#252;r den friedlichen Verlauf des Wendeprozesses.</p>
<p>Ein Beispiel f&#252;r dieses insgeheime und zum Teil sicher auch unbewusste Einverst&#228;ndnis war der Umgang zwischen B&#252;rgerbewegung und Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung an diesem 15. Januar 1990. Zwar verirren sich auch einige Gr&#252;ppchen der Demonstranten in den 16-st&#246;ckigen Eckbau an Frankfurter Allee und Ruschestra&#223;e; sie ziehen sich jedoch zur&#252;ck, als sie erfahren, dass es sich hier um den Spionagedienst der DDR handelt. Die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung bleibt eine Insel im Sturm auf die Stasi-Zentrale an der Normannenstra&#223;e.</p>
<p>Warum diese Vorzugsbehandlung? Und war eine solche R&#252;cksichtnahme berechtigt?</p>
<p>Das Verhalten der B&#252;rgerrechtler entsprach den Vereinbarungen zwischen ihnen und der Leitung der HVA, das auch von der Anfang Januar 1990 gebildeten Arbeitsgruppe Sicherheit des Zentralen Runden Tisches getragen wurde. Die B&#252;rgerrechtler hatten bereits im Dezember Gespr&#228;che mit Vertretern der Aufkl&#228;rung aufgenommen. Sie trafen dabei auf einen Mann, der vom ersten Moment an einen gewinnenden Eindruck machte, beredsam war und offensichtlich ohne Einschr&#228;nkung Auskunft geben wollte. Es war der stellvertretende Leiter der Auswertungsabteilung der HVA, Oberst Dr. Heinz Busch. Aufgrund genannter Eigenschaften hatte ihn die Generalit&#228;t, die – in der Hoffnung auf eine nahtlose Weiterarbeit im angestrebten und von der Modrow-Regierung auf Empfehlung ihres Beraters Markus Wolf, des fr&#252;heren Chefs der DDR-Spionage, zugesagten »neuen« Auslandsnachrichtendienst – im Hintergrund bleiben wollte, f&#252;r diese heikle Aufgabe ausgew&#228;hlt. Busch entledigte sich ihrer mit Bravour. Er trat den B&#252;rgerrechtlern offensichtlich unbefangen entgegen, mit ausgesuchtem Zuvorkommen und ohne jene Feindseligkeit, die andere MfS-Offiziere im Umgang mit ihren einstigen »operativen Vorg&#228;ngen« nur schwer verbergen konnten. Er erl&#228;uterte, dass die HVA keinerlei Anteil an den Verbrechen des MfS habe, dass ihre Arbeit immer auf die Erhaltung des Friedens gerichtet gewesen sei und dass es nun gelte, die derart verdienstvollen Quellen vor dem Zugriff der anderen Seite zu sch&#252;tzen. Das verstanden die B&#252;rgerrechtler. Ihre humanistische Grundhaltung und wohl auch der Respekt vor den Kunbdschaftern in den westlichen L&#228;ndern veranlassten sie, die HVA weitgehende Handlungsfreiheit zu lassen. Sie glaubten auch, dass die Aufkl&#228;rung in das Unterdr&#252;ckungssystem nicht integriert gewesen sei.</p>
<p>Busch beeindruckte seine Gespr&#228;chspartner – wohl auch deshalb, weil er vieles von dem, was er sagte, ehrlich meinte. Er hoffte zwar auf eine Fortsetzung der nachrichtendienstlichen Arbeit, wollte sie aber auf eine andere Grundlage gestellt sehen. Eine Sicht, die seine Chefs nicht teilten. F&#252;r vorgeschoben, geeignet f&#252;r den Zweck des Zeitgewinns und wohl auch der T&#228;uschung. Busch erkannte das zu sp&#228;t, begriff aber im Januar, dass der Glaube an die Schaffung eines »neuen« Auslandsnachrichtendienstes Illusion war.</p>
<p>Er zog <em>seine</em> Konsequenz. Als er am 15. Januar vor dem Runden Tisch erneut die Interessen der HVA vertreten und sich auf diese Weise nun vor der gesamten Republik dekonspirieren sollte, wechselte er die Seite. Jetzt ist er ein Betreuungsfall des Bundesnachrichtendienstes. Seinen Part vor dem Runden Tisch &#252;bernahm daraufhin Oberst Ralf Devaux, ein Stellvertreter des Wolf-Nachfolgers Werner Gro&#223;mann. Er war f&#252;r die Dienste der Bundesrepublik ebenfalls kein Unbekannter, hatte er doch jahrelang die »legale Residentur« der HVA bei der St&#228;ndigen Vertretung der DDR in Bonn gef&#252;hrt. Devaux kam nicht mehr zu Wort vor dem Runden Tisch. Die Ereignisse an der Normannenstra&#223;e eskalierten und f&#252;hrten zur Unterbrechung der Beratungen. Und danach war das Schicksal des MfS besiegelt – und damit auch seines Spionagedienstes, der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung.</p>
<p>Aus heutiger Sicht waren alle &#220;berlegungen des Herbstes 1989, noch etwas von der DDR-Aufkl&#228;rung zu retten, lediglich Wunschtr&#228;ume. Zu sehr war die HVA in den zur&#252;ckliegenden Jahren in den Verband der MfS-Diensteinheiten mit ihrer auf die Bespitzelung des »inneren Feindes« gerichteten Hauptaufgabe integriert worden, als dass sie sich guten Gewissens ganz und gar vom Gesamtministerium distanzieren konnte. Seit sie Mitte der 50er Jahre zur Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung <em>im</em> Ministerium f&#252;r Staatssicherheit wurde, war sie mit dessen Schicksal auf Gedeih und Verderb verbunden.</p>
<p>Die HVA profitierte von dem, was die Bereiche der Abwehr taten. Sie hatte Zugang zu den Erkenntnissen der Abwehr-Dienteinheiten und nutzte nat&#252;rlich diese M&#246;glichkeit f&#252;r ihre operative Arbeit. Un d sie revanchierte sich daf&#252;r, indem sie geeignete Informationen der Abwehr &#252;bergab. In der HVA war die von Mielke und der Abwehr praktizierte »fl&#228;chendeckende &#220;berwachung« nahezu des gesamten Volkes gewiss nicht sonderlich gesch&#228;tzt und wurde von ihr schon gar nicht forciert. Denn nicht selten behinderte sie dieses Misstrauen gegen jeden und alles in ihrer eigenen Arbeit, die sich ganz anderer Methoden bedienen musste, wollte sie erfolgreich sein. Aber die HVA hatte sich der falschen Sicherheitsdoktrin auch nie entgegengestellt, sondern von ihren Resultaten genommen, was ihr n&#252;tzte. In dem Bestreben, die eigene – f&#252;r notwendig und n&#252;tzlich erachtete – Arbeit m&#246;glichst effektiv tun zu k&#246;nnen, hat sie Kompromisse geschlossen und Zugest&#228;ndnisse gemacht, die im Endeffekt dazu f&#252;hrten, dass sie sp&#228;ter neben andere Diensteinheiten des MfS auf die Anklagebank gesetzt wurde.</p>
<p>Und doch ist Differenzierung vonn&#246;ten! Denn die Grundaufgaben der HVA waren nat&#252;rlich andere als die der Abwehrbereiche. Es ging tats&#228;chlich um eine T&#228;tigkeit, die in nahezu allen Staaten dieser Erde nichts Besonderes darstellt, obwohl sie stets und in jedem Falle gegen die Interessen eines anderes Landes verst&#246;&#223;t, mit dem man in der Regel normalen, wenn nicht gar freundschaftlichen Kontakt pflegt. Dass sich die Staaten in dieser Weise ausforschen, wird von allen augenzwinkernd akzeptiert; ungem&#252;tlich verspricht es nur f&#252;r die daran beteiligten Staatsb&#252;rger des jeweils eigenen Landes zu werden, sobald man ihrer habhaft wird. Diese geheimdienstliche T&#228;tigkeit richtet sich nach au&#223;en und hat – sofern der Dienst konsequent ist (was man in den meisten F&#228;llen aber nicht voraussetzen kann) – nichts mit der Spitzelt&#228;tigkeit nach innen zu tun. Die HVA konnte sich vom unmittelbaren Mittun tats&#228;chlich weitgehend fernhalten, gab es doch im MfS Bereiche, die sich dieser spezifischen Aufgabe eigenverantwortlich – und auch eifers&#252;chtig gegen&#252;ber jeder Kompetenzeinschr&#228;nkung – widmeten. Dazu jedoch hatte die HVA Amtshilfe geleistet, ohne Scheu kooperiert und vieles stillschweigend akzeptiert – weil sich so die Arbeit bequemer machen lie&#223;.</p>
<p>Die HVA war keine Insel im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit; dazu gab es zu viele Br&#252;cken und &#220;berg&#228;nge zwischen ihr und den Abwehrbereichen. Insofern fragten sp&#228;ter viele, ob sie es »verdient« hatte, dass die Sturmwellen des Protestes sie damals verschonten. Und sie gaben auch die Antwort, indem sie den Spionageapparat letztlich auch &#228;chteten – als einen voll mithaftenden Bestandteil der Stasi.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren – Der Zusammenbruch des DDR-Spionageapparates</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Nov 2009 18:03:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren hat Erich Mielke in der DDR-Volkskammer eine Rede gehalten, mit der er das Organ, das er 32 Jahre f&#252;hrte, der L&#228;cherlichkeit preisgab. Es war dies der gleiche Erich Mielke, der in seiner Amtszeit aus dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit einen schlagkr&#228;ftigen Apparat gemacht hatte, von dem man kaum erwarten konnte, dass er binnen weniger Wochen total zusammenbricht. Noch heute r&#228;tseln viele<span id="more-1353"></span>, warum die Stasi, die jahrzehntelang in der DDR Furcht und Schrecken verbreitet hatte, fast ohne jede Gegenwehr von der Bildfl&#228;che verschwand – und das, obwohl sie unter den zu erwartenden neuen Verh&#228;ltnissen mit Nachsicht nicht rechnen konnte. »Dass die ersch&#246;pften Fu&#223;truppen des Systems von der totalen Sinnlosigkeit staatlicher Gewaltma&#223;nahmen durchdrungen waren«, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung k&#252;rzlich schrieb, geh&#246;rt gewiss zu den Gr&#252;nden des &#252;berraschenden Verhaltens der »bewaffneten Organe der DDR«, erkl&#228;rt es aber kaum hinreichend. Viel wahrscheinlicher ist schon, dass auch viele Stasileute – wie Polizei, Armee, Kampfgruppen usw. – das Vertrauen in ihre F&#252;hrung verloren hatten und – weniger offen als insgeheim – mit den Demonstranten auf den Stra&#223;en sympathisierten.</p>
<p>Einen gewiss begrenzten Einblick in die Entwicklungen vor 20 Jahren gibt folgender Text, der 1992 in der Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« erschien. Zwar ist heute das damalige Geschehen gr&#252;ndlicher erforscht; dennoch kann diese alte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h3>Der Zusammenbruch des DDR-Spionageapparates</h3>
<p>An zwei Tagen des Jahres herrschte im Ministeri<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/736b3518dbec4068a144013b772ddefc" alt="" width="1" height="1" /><img class="alignright size-medium wp-image-1355" title="Titel287" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2009/11/Titel2871-199x300.GIF" alt="Titel287" width="199" height="300" />um f&#252;r Staatssicherheit eine besondere Gesch&#228;ftigkeit – um den 7. Oktober, den Tag der DDR-Gr&#252;ndung, und den 8. Februar, den Jahrestag der Bildung des MfS. Aus diesen Anl&#228;ssen fanden in allen Abteilungen und Arbeitsgruppen Dienstversammlungen statt, bei denen Orden, Medaillen und andere Auszeichnungen verliehen wurden. Wie vieles im Ministerium verlief auch dieser Tag nach Ritual. Die Anzugsordnung war exakt vorgeschrieben: Gedeckter Anzug mit Parteiabzeichen und kleiner Ordensspange. Die Damen hatten etwas mehr Freiheit. Ein Beauftragter des Abteilungsleiters hielt eine Rede, f&#252;r die es eine Reihe von Sprachregelungen gab, so dass sich die meisten das Manuskript des Vorjahres heraussuchen lie&#223;en und meist nicht viel mehr als Daten und konkrete Bez&#252;ge &#228;nderten. Der Abteilungsleiter &#252;berreichte die Ehrungen, der Parteisekret&#228;r gratulierte, und danach wurde gefeiert. So lief das Jahr f&#252;r Jahr ab – auch im Oktober 1989.</p>
<p>Zu diesem Zeitpunkt waren auch schon die Vorbereitungen auf den 8. Februar 1990 in vollem Gange. Immerhin war das der 40. Gr&#252;ndungstag des MfS und sollte geb&#252;hrend begangen werden. Die Diensteinheiten hatten bereits ihre Auszeichnungskandidaten gemeldet, Kommissionen bereiteten die Feierlichkeiten vor. Es schien undenkbar, dass an jenem Tag nicht gefeiert w&#252;rde! Und doch kam es so. Das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit &#8211; in vier Jahrzehnten entstanden und zu einem Machtfaktor ersten Ranges geworden, brach in weniger als vier Monaten zusammen. Geschichte im Zeitraffer.</p>
<p>Um den 7. Oktober 1989 waren »Schild und Schwert der Partei« noch kampfbereit. Die Demonstranten der Montage wurden mit brutalen Mitteln auseinandergetrieben. Zu den dabei agierenden »Sicherheitskr&#228;ften« geh&#246;rten auch Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, das Spionageapparates der DDR – denn damals wurde alles mobilisiert, um den 40. Jahrestag der Gr&#252;ndung der DDR st&#246;rungsfrei ablaufen zu lassen. Generalleutnant Wolfgang Schwanitz, viele Jahre Leiter der MfS-Bezirksverwaltung Berlin, danach als stellvertretender Minister f&#252;r den Bereich »Operativ-technische Sicherstellung« (OTS) zust&#228;ndig und von manchem als denkbarer Nachfolger des greisen Erich Mielke gehandelt, &#252;bernahm die Leitung des Einsatzes zur Absicherung der Jubelfeiern zum 7. Oktober.</p>
<p>Angesichts der in der Bev&#246;lkerung seit Monaten grassierenden Unruhe und der gewachsenen Konfliktbereitschaft von immer mehr Menschen sah er nur eine M&#246;glichkeit, wenigstens f&#252;r diese Tage eine gewisse »Beruhigung« zu schaffen – die Isolierung der Unzufriedenen und die Abschreckung vor weiteren demonstrativen Handlungen. Darauf beruhte die Orientierung, alle Demonstranten »zuzuf&#252;hren« und dabei nicht zimperlich vorzugehen. Ob es nun stimmt, dass Erich Mielke – wie verschiedentlich behauptet – am 7. Oktober kurzzeitig den Einsatz inspizierte und dabei zu noch mehr H&#228;rte aufrief, ist unerheblich; auf jeden Fall gingen seine internen Weisungen genau in diese Richtung und wurden ausgef&#252;hrt.</p>
<p>Die Mitarbeiter der HVA, aber auch viele MfS-Angeh&#246;rige aus der Verwaltung und andere administrativen Bereichen, wurden erstmals in dieser Weise mit der Bev&#246;lkerung konfrontiert. Nicht wenige empfanden Unbehagen, verhielten sich passiv, soweit es ihnen m&#246;glich erschien, wichen auf Einsatzorte aus, die nicht im Zentrum des Geschehens lagen. Dies verst&#228;rkte sich noch, als aus Berichten der westlichen Medien der Umfang und die Unerbittlichkeit der Aktionen gegen friedliche Demonstranten bekannt wurden. In der HVA gingen zu diesem Zeitpunkt bereits emp&#246;rte Berichte von inoffiziellen Mitarbeitern ein, die aus eigenem Anschauen oder durch ihre Kinder Kenntnis vom Geschehen auf den Berliner Stra&#223;en erhalten hatten und ihre Ablehnung zum Ausdruck brachten.</p>
<p>Dies beschleunigte auch im MfS, das bis dahin im Prinzip wie ein Mann zur »Partei-und Staatsf&#252;hrung« gestanden hatte, ein Differenzierungsprozess. F&#252;r viele »an der unsichtbaren Front« wurde erkennbar, dass die betriebene Politik letztlich nur scheitern konnte. Erstmals standen sie vor der Frage, ob sie sich mit in den Untergang rei&#223;en lassen wollten oder die Kraft finden w&#252;rden, auf Ver&#228;nderungen hinzuarbeiten. Die meisten waren angesichts dieser Alternative wie gel&#228;hmt – weder f&#228;hig zu echtem Widerstand noch bereit, das zerbrechende Regime zu retten.</p>
<p>Die Ereignisse der folgenden Tage – Absetzung Honeckers, Mittags und Herrmanns, Versuche der SED, mit halbherzigen Ma&#223;nahmen wieder in die Offensive zu kommen – f&#246;rderten diese Passivit&#228;t. Die meisten warteten ab, wie sich die Dinge entwickeln w&#252;rden. Dies zeigte sich sowohl in der dienstlichen Leitung, die in totaler Sprachlosigkeit verharrte, als auch in der SED-Parteiorganisation, die im milit&#228;rischen Organ MfS der einzige Ort f&#252;r eine gewisse Selbst&#228;ndigkeit h&#228;tte sein k&#246;nnen. Letztere jedoch hatte sich durch ihre strenge Orientierung an den Auffassungen der dienstlichen Leitung, was zuletzt gar die Verurteilung ihres fr&#252;heren Chefs <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf </a>einschloss, restlos diskreditiert. Wolf hatte auch in seiner fr&#252;heren Wirkungsst&#228;tte aus seinem Buch »Die Troika« gelesen und &#252;ber Diskussionen dar&#252;ber berichtet. Der kritische Geist solcher Veranstaltungen missbehagte manchem, und als er dann auch noch in einem westlichen Fernsehsender das Verbot des Vertriebs der sowjetischen Zeitschrift »Sputnik« in der DDR kritisierte, war das Anlass zu offener Ma&#223;regelung. Der Parteisekret&#228;r der Aufkl&#228;rung, Generalmajor Otto Ledermann, hielt ihm vor, es k&#228;men Anrufe vom Zentralkomitee, der zentralen Parteikontrollkommission und vielen anderen, im Sekretariat der Kreisleitung m&#252;sse etwas gesagt werden, auch vor der Kreisleitung selbst. So berichtete Wolf sp&#228;ter selbst dar&#252;ber und verschwieg dabei nicht, dass er letztlich teilweise einlenkte. »Wenn es euch hilft«, so empfahl er Ledermann, »dann sagt einfach, ich w&#228;re der Meinung, dass die Frage zum ›Sputnik‹ besser nicht gestellt worden w&#228;re.«</p>
<p>Derselbe Ledermann klebte lange an seinem Sekret&#228;rsessel. Und als er ihn dann verlie&#223;, folgte er damit auch wieder nur einem Befehl von oben, der aber diesmal durch die Proteste von unten erzwungen wurde. Als sein Nachfolger war der schon lange f&#252;r diese Funktion Auserkorene, Generalmajor Tauchert vorgesehen, aber die HVA-Mitarbeiter lehnten diesen Vertreter der gescheiterten alten Linie sofort ab – und auch er selbst hatte schlie&#223;lich wenig Neigung, die undankbare Funktion zu &#252;bernehmen. Ein junger Oberstleutnant wurde zum Sekret&#228;r der SED-Organisation gew&#228;hlt. Gegen den verkn&#246;cherten Apparat jedoch kam er nicht an, zumal nicht einmal die Parteif&#252;hrung wusste, wie es weitergehen sollte. Das neue, f&#252;r Sicherheitsfragen zust&#228;ndige Politb&#252;romitglied Wolfgang Herger konnte bei seinem Antrittsbesuch Ende Oktober 1989 auch nur mit Achselzucken auf die vielen Fragen der Aufkl&#228;rer antworten. Die Lethargie des Apparates war vollst&#228;ndig.</p>
<p>Inzwischen aber handelte das Volk. Die Proteste gingen weiter, verst&#228;rkten sich. Forderungen an die F&#252;hrung wurden immer unmissverst&#228;ndlicher und dringender formuliert. Am 4. November versammelten sich in Berlin 500 000 oder mehr und zeigten, wer zum Souver&#228;n in der DDR geworden war. Die vier Wochen zuvor noch so aktiven »Sicherheitskr&#228;fte« erwiesen sich nun schon als machtlos. Sie verfolgten die Massendemonstration am Fernsehger&#228;t, denn der noch amtierende Minister f&#252;r Staatssicherheit hatte f&#252;r alle Mitarbeiter Anwesenheit in den Dienstr&#228;umen befohlen, verbunden mit »erh&#246;hter Einsatzbereitschaft«. Dabei wollten viele – zumindest aus heimlicher Sympathie – auf dem Alexanderplatz dabeisein.</p>
<p> Manche hatten damals noch die Hoffnung, es k&#246;nne zumindest f&#252;r die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung eine Zukunft geben. Immerhin geh&#246;rte ihr langj&#228;hriger Chef Markus Wolf zu den Rednern auf dem Alexanderplatz, war die Aufkl&#228;rung erstmals aus ihrer Konspiration getreten und hatte sich der &#214;ffentlichkeit gestellt. Am 17. November gab die Regierung Modrow dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit einen neuen Namen – Amt f&#252;r Nationale Sicherheit (AfNS) – und einen neuen Chef – eben jenen Wolfgang Schwanitz, der sich in den Oktobertagen einschl&#228;gig ausgezeichnet hatte. F&#252;r die Leitung des fortbestehenden Apparates und damit auch der HVA war das Grund, an eine nahtlose Fortsetzung der bisherigen Arbeit zu glauben. Das aber stand in scharfem Widerspruch zu den Erwartungen des Volkes, aber auch vieler Mitarbeiter und ihrer inoffiziellen Partner. Nicht zuletzt aus dem Operationsgebiet trafen auf verschiedenen Wegen dringende Anfragen ein, die Zweifel und Unverst&#228;ndnis ausdr&#252;ckten – und zugleich Forderungen nach radikaler Kurs&#228;nderung. So schrieb ein Kundschafter, er sei 1970 aus politischer &#220;berzeugung bereit gewesen, f&#252;r die HVA zu arbeiten. Er habe das Ideal einer anderen, besseren Gesellschaft und wollte daf&#252;r etwas tun. Die Unterst&#252;tzung der Politik der DDR sei f&#252;r ihn eine solche M&#246;glichkeit gewesen; jetzt aber f&#252;rchte er, einem riesigen Irrtum aufgesessen zu sein. Er wolle nicht, dass sein Ideal zerbricht. Er flehe darum, dass die HVA mit ihren Mitte!n etwas tut, damit die Alternative auf deutschem Boden nicht untergeht. Das war eine legitime Erwartung; zugleich aber wurden die M&#246;glichkeiten der HVA in tragischer Weise &#252;bersch&#228;tzt.</p>
<p>Viele Mitarbeiter aber f&#252;hlten sich davon angesprochen und formierten einen vorsichtigen Widerstand, der sich jedoch vor allem gegen Missst&#228;nde im eigenen Haus richtete. Mit ihrer Kritik an den seit langem missbilligten Privilegien der Leiter hatten sie sogar Erfolg. Die Sonderl&#228;den zur besseren Versorgung der »Nomenklatur-Kader« wurden schnell abgeschafft, die dienstlichen West-PKW (Volvo und Fiat) gegen Lada-Modelle ausgewechselt, die medizinische Sonderbetreuung aufgehoben. Pl&#246;tzlich a&#223;en alle MfS-Angeh&#246;rigen – ungeachtet des Dienstgrades – im gleichen Saal zu Mittag. &#220;ber diesen l&#228;cherlichen Erfolgen verschwand beinahe das Hauptanliegen, die &#196;nderung der Politik. Doch die ersten Erkl&#228;rungen ihres neuen Amtschefs wie auch der letzte Auftritt ihres fr&#252;heren Ministers holten sie schnell in die Wirklichkeit zur&#252;ck – und die lautete f&#252;r die MfS-F&#252;hrungsriege: Kleine Zugest&#228;ndnisse machen und damit das gro&#223;e Ganze retten!</p>
<p>W&#228;hrend Mielke am 13. November, in seiner ersten und letzten Rede vor der Volkskammer, vehement und zugleich grotesk seine Arbeit verteidigte, bei der »die Vertretung der Interessen der Werkt&#228;tigen stets oberster Auftrag« gewesen sei, tat Schwanitz so, als beginne er beim Punkte Null. Mielke habe ihm nur zwei leere Stahlschr&#228;nke hinterlassen. Zugleich aber strapazierte er die alten Schlagw&#246;rter von der unverzichtbaren staatlichen Sicherheit. Tats&#228;chlich neue Ideen waren nirgends zu entdecken.</p>
<p>Die Mitarbeiter der HVA reagierten mit einer Demonstration auf ihrem Dienstgel&#228;nde. Nach Feierabend, in der Dunkelheit, versammelten sich einige Mutige gegen den dringenden Rat der meisten ihrer Vorgesetzten und stellten die Frage, ob der neue Name nur die Beibehaltung der alten Inhalte kaschieren sollte. Denn in ihren Augen versuchte das AfNS, seine alten Machtpositionen zu erhalten; auch die Richtung seiner Arbeit – die Opposition, welche mittlerweile das gesamte Volk erfasste – blieb, von einigen kosmetischen Korrekturen abgesehen, unver&#228;ndert. Weder wurde offen und selbstkritisch zu den Gesetzesverletzungen der ferneren und j&#252;ngsten Vergangenheit Stellung genommen, noch fand &#252;berhaupt eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des MfS statt. Mit Pauschalverweisen auf eine »falsche Sicherheitsdoktrin«, die das Politb&#252;ro und namentlich Mielke zu verantworten h&#228;tten, schien es manchem getan. Auch f&#252;r die »internen Demonstranten« gab es keine Antworten. Schwanitz versicherte lediglich, Tag und Nacht zu arbeiten. Als er ausgepfiffen wurde, zog er sich zur&#252;ck.</p>
<p>Seine wie auch die Arbeit vieler anderer Gener&#228;le lief offensichtlich darauf hinaus, die alten Strukturen m&#246;glichst unver&#228;ndert in die neue Zeit hin&#252;berzuretten. Auch in der HVA wurden derartige Pl&#228;ne geschmiedet. Und sie schienen sogar nicht chancenlos, akzeptierte doch die B&#252;rgerbewegung die Aufkl&#228;rung als besonderen Teil des MfS, der weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Doch auch diese – objektiv wohl schon damals unrealistische – Chance wurde nicht genutzt.</p>
<p>Inzwischen waren die Mitarbeiter immer aufs&#228;ssiger geworden. Als Ende November der SED-Sonderparteitag n&#228;her r&#252;ckte und &#252;berall die Delegierten f&#252;r die Vorbereitungskonferenzen der verschiedenen Ebenen gew&#228;hlt wurden, geschah es erstmals, dass die Regie von oben nicht klappte. Statt sorgsam ausgesiebter Delegierter – wie in den Vorjahren – w&#228;hlten die Parteimitglieder weitgehend ihre eigenen Kandidaten. Das Abonnement der hohen Dienstgrade auf einen solchen »Ehrenplatz« war vorbei. Das galt auch f&#252;r den Parteitag. Hier konnte zwar Gro&#223;mann noch knapp &#252;ber die H&#252;rde kommen, aber sein Vorg&#228;nger Wolf bekam bedeutend mehr Stimmen als er. Doch Konzepte, wie es weitergehen sollte, waren noch immer nicht zu vernehmen. Selbst der »Hoffnungstr&#228;ger« aller Aufkl&#228;rer, Markus Wolf, hielt sich bedeckt. »Ich habe dem ZK meine Vorstellungen schriftlich vorgelegt«, beschied er Frager.</p>
<p>Tats&#228;chlich br&#252;teten zu jener Zeit Leiter der HVA intensiv &#252;ber ihre Zukunft. Dabei konnten sie sich aber von alten Doktrinen nicht befreien, und f&#252;r die neuen Herausforderungen wussten sie keine praktikablen Antworten. Sie dachten weiter in den alten, zementierten Bahnen der Vergangenheit. Die Ausgangs&#252;berlegung war: Ein Nachrichtendienst wird immer gebraucht. Er m&#252;sste von allem ideologischen Ballast befreit werden und sollte gewisserma&#223;en als professionelles Dienstleistungsunternehmen fungieren. Schon beim Dienstherr aber schieden sich die Geister. Die einen – sie glaubten damals noch an ein &#220;berleben der DDR – sahen deren Regierung in dieser Funktion; ihr wurde Interesse an internen Informationen aus dem Ausland a priori unterstellt. Andere aber ahnten die kommende Entwicklung und wollten aufs richtige Pferd setzen. Sie dachten vor allem an die erkleckliche Mitgift, die die HVA in Form von Personen und konspirativem Wissen in jede Ehe einbringen konnte und planten, die Positionen im Ausland dem Bundesnachrichtendienst &#252;bergeben; die Quellen im Westen Deutschlands sollten nat&#252;rlich stillgelegt und amnestiert werden. Einige wenige setzten diese Variante auf eigene Faust sofort selbst um.</p>
<p>Nicht ganz klar war bei beiden Modellen, gegen wen sich k&#252;nftig die Spionage richten sollte. Bei der zu erwartenden engen Zusammenarbeit mit der BRD war eine Fortf&#252;hrung ihrer Aussp&#228;hung, zumal in der bisherigen Gr&#246;&#223;enordnung, undenkbar. Sie w&#252;rde also eingestellt werden; an ihre Stelle sollte eine verst&#228;rkte Geheimdienst-T&#228;tigkeit in der dritten Welt und in den wichtigsten westlichen Staaten treten. Bei der Variante eines Zusammengehens mit dem BND waren auch diese Vorstellungen nur begrenzt realisierbar, denn der bundesdeutsche Nachrichtendienst brauchte vor allem Quellen im Osten. Die der HVA sa&#223;en jedoch ausschlie&#223;lich im Westen, allenfalls noch in Dritte-Welt-Staaten.</p>
<p>&#220;ber diesem Pl&#228;neschmieden ging die Entwicklung au&#223;erhalb der Normannenstra&#223;e st&#252;rmisch weiter. Am 3. Dezember wurde als erste MfS-Bezirksverwaltung die in Erfurt besetzt. In der Nacht auf den 4. Dezember begann auch in Leipzig – nach einer der ber&#252;hmten Montags-Demos – die Sicherung der dortigen Stasi-Unterlagen. Weitere Bezirksst&#228;dte folgten. Der zentrale Runde Tisch, der sich am 7. Dezember konstituierte, musste sich gleich in seiner ersten Sitzung mit dieser Entwicklung befassen. Er verlangte als erstes die Sicherung aller Unterlagen und forderte dazu die Abl&#246;sung der Objektbewachung, soweit sie noch in der Verantwortung des Wachregiments »Feliks Dzierzynski« lag, durch Kr&#228;fte des Ministeriums des Innern. Die zweite Forderung betraf die Aufl&#246;sung des Amtes f&#252;r Nationale Sicherheit unter ziviler Kontrolle. W&#228;hrend die Bewachung durch die Deutsche Volkspolizei unmittelbar einsetzte, folgte die Regierung Modrow dem Verlangen nach Aufl&#246;sung des Geheimdienstes am 14. Dezember nur z&#246;gernd. Denn zugleich wurde der Aufbau zweier neuer Dienste bekanntgegeben – eines Verfassungsschutzes und eines Auslandsnachrichtendienstes. Die Trennung der HVA vom Abwehrapparat, die auch im Herbst 1989 trotz zahlreicher entsprechender Vorschl&#228;ge der Aufkl&#228;rer nicht zustande gekommen war, sollten nun vollzogen werden.</p>
<p>Die Leitung der HVA und auch eine Reihe von Mitarbeitern sch&#246;pften neuen Mut. Als am 21. Dezember Ministerpr&#228;sident Modrow mit den Vertretern der Armee, des Innenministeriums und des in Aufl&#246;sung befindlichen AfNS das weitere Vorgehen beriet, forderte Gro&#223;mann f&#252;r den k&#252;nftigen Auslandsnachrichtendienst mit 4000 Mann kaum weniger, als er zu jenem Zeitpunkt offiziell umfasste. In der gesamten vorherigen Diskussion hatte sich niemand zu radikalen K&#252;rzungen des Personalbestandes durchringen k&#246;nnen. Noch aber hatte die HVA eine Gnadenfrist. Die Arbeitsgruppe Sicherheit des Runden Tisches sprach sich zwar am 27. Dezember gegen einen Verfassungsschutz aus, &#228;u&#223;erte aber zu dem geplanten Spionagedienst keine Meinung. F&#252;r die Sitzung des Runden Tisches am 15. Januar bereitete man ein Konzept vor, das das &#220;berleben der HVA faktisch sicherstellen sollte.</p>
<p>Wolf, Gro&#223;mann und andere f&#252;hrende Vertreter der Leitung hofften, dass die unsichere Haltung der B&#252;rgerrechtler, wie die Aufkl&#228;rung zu bewerten und zu behandeln sei, ihnen ein Comeback erm&#246;glichen w&#252;rde. Sie hatten ein leidliches Verh&#228;ltnis zu den Vertretern der B&#252;rgerbewegung hergestellt, das seitens letzterer gewiss aus dem Respekt vor den Aufkl&#228;rern im Operationsgebiet herr&#252;hrte, aber wohl auch aus der Unkenntnis &#252;ber die Verstrickung der HVA in den Gesamtorganisrnus des MfS. Je mehr dar&#252;ber bekannt wurde, desto kritischer wurde auch die Haltung der B&#252;rgerrechtler gegen&#252;ber dem Spionagebereich des Ministeriums. Und insofern war die Hoffnung auf ein Weiterbestehen von vornherein Illusion; sie basierte darauf, dass die eigenen S&#252;nden verschwiegen werden k&#246;nnten oder aber eine differenzierte Betrachtung des Gesamtph&#228;nomens Staatssicherheit Platz greift. Beides war kaum zu erwarten, das Ende der DDR-Aufkl&#228;rung somit vorprogrammiert.</p>
<p>Heute wird von ehemaligen Mitarbeitern der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung oft dar&#252;ber spekuliert, ob ein kl&#252;geres, die kommende Entwicklung weitsichtiger einbeziehendes Vorgehen den Zusammenbruch der DDR-Spionage h&#228;tte verhindern k&#246;nnen – ein angesichts der Gesamtentwicklung wohl m&#252;&#223;iges Unterfangen. Sinnvoller ist da schon die Frage, inwieweit mehr Offenheit, mehr Schonungslosigkeit gegen&#252;ber der eigenen Vergangenheit und weniger Taktieren im Umgang mit der B&#252;rgerbewegung und der Modrow-Regierung zwar nicht den ohnehin obsoleten Apparat h&#228;tte retten, aber vielleicht den Mitarbeitern der Aufkl&#228;rung einen besseren Abgang h&#228;tte verschaffen k&#246;nnen. Das Z&#246;gern und Zaudern, die nutzlose Suche nach einem Ausweg, der einem die radikale Selbstbefragung erspart – all das hat wohl nicht ganz zu Unrecht das ohnehin latent vorhandene Misstrauen gegen&#252;ber der HVA anwachsen lassen. Und auf der anderen Seite wurde vers&#228;umt, vorurteilsfrei auf die Aufkl&#228;rung zu blicken, sie differenziert mit ihren Verstrickungen in den MfS-Apparat , aber auch ihren Unterschieden von diesem zu betrachten. All das hat schlie&#223;lich den Zusammenbruch und eine chaotische Hinterlassenschaft des DDR-Spionageapparates bewirkt.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Wahlmanipulation und Ausreisewelle bef&#246;rdern die Erosion eines Staates (Teil 2)</title>
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		<pubDate>Sun, 17 May 2009 17:00:10 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Mai vor 20 Jahren, als die Ungarn schrittweise die Grenze zu &#214;sterreich &#246;ffneten und damit vor allem DDR-B&#252;rgern eine  unerwartete M&#246;glichkeit zur Flucht in den Westen boten, war die DDR schon nicht mehr in der Lage, dagegen wirksam vorzugehen. So lesen sich die Durchhalteparolen der SED und der Stasi aus heutiger Sicht wie Belege der Hilflosigkeit, gepaart von permanenter Negierung der Realit&#228;t im Lande. Eine eher l&#228;cherliche Rolle spielten dabei Medien der DDR, insbesondere das SED-Zentralorgan &#8220;Neues Deutschland&#8221;. <span id="more-976"></span>Die immer w&#252;tenderen Gegenma&#223;nahmen propapandistischer wie auch repressiver Art verpufften in dem Ma&#223;e, wie nicht nur Oppositionelle, sondern auch immer mehr einfache DDR-B&#252;rger an Selbstbewusstsein gewannen.</p>
<p>&#220;ber diese Vorg&#228;nge entstand ein gutes Jahr sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h3>Wahlmanipulation und Ausreisewelle &#8211; die Erosion eines Staates (Teil 2)</h3>
<p><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/173f51aed75243fc9f51687371409777" alt="" width="1" height="1" /><br />
Im 1. Halbjahr 1989  nahmen die »Antr&#228;ge auf st&#228;ndige Ausreise von B&#252;rgern der DDR«, wie es im Amtsdeutsch hie&#223;, und zugleich das »ungesetzliche Verlassen der DDR« schnell zu. In einer umfassenden Analyse dieser Entwicklung stellte das MfS im Juli 1989 fest: »Die politisch-operative Lage zur Zur&#252;ckdr&#228;ngung von Antragstellern auf st&#228;ndige Ausreise nach der BRD und Westberlin ist vor allem gekennzeichnet durch eine unver&#228;ndert hohe Zahl diesbez&#252;glicher Antr&#228;ge &#8211; obwohl eine erhebliche Anzahl st&#228;ndiger Ausreisen realisiert wurde. Trotz vielf&#228;ltiger Aktivit&#228;ten konnte die angestrebte Wirksamkeit im Zur&#252;ckdr&#228;ngungsproze&#223; nicht erreicht werden. Das zeigt sich u.a. in der sehr geringen Zahl von Abstandnahmen (1,1 % im Verh&#228;ltnis zu den Antragstellungen) &#8230; Seit Inkrafttreten der Reiseverordnung ist eine deutliche Zunahme des aggressiven, fordernden und verleumderischen Verhaltens und Auftretens sowie eine sinkende Hemmschwelle zur Androhung und Durchf&#252;hrung von feindlich-negativen Aktivit&#228;ten festzustellen. Es w&#228;chst die Zahl der Antragsteller, die staatliche Regelungen oder Verfahrensweisen sowie Entscheidungen nicht akzeptieren. Beispielhaft daf&#252;r sind Versuche, mit &#246;ffentlichkeitswirksamen Demonstrativhandlungen Druck auf die staatlichen Organe auszu&#252;ben und sie zu erpressen &#8230; Beim ungesetzlichen Verlassen der DDR ist &#8211; im Verh&#228;ltnis zum 1. Halbjahr 1988 &#8211; eine z. T. erhebliche Zunahme festzustellen. Das resultiert nach wie vor insbesondere aus dem weiteren Anstieg der Nichtr&#252;ckkehr von Privatreisen nach dem nichtsozialistischen Ausland, wobei auch in fast allen anderen Begehungsweisen ebenfalls ein Anstieg festzustellen ist.«</p>
<p>Empfehlungen, wie dem Herr zu werden sei, konnte das MfS zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr geben, und ebenso ratlos war die Partei- und Staatsf&#252;hrung. Sie sah allerdings &#8211; suggeriert auch durch die Stasi-Berichte &#8211; die Ursache f&#252;r all die genannten Abwicklungen in den »subversiven Angriffen des Imperialismus«. Und darauf konnte es entsprechend den schon dargestellten Weisungen Mielkes nur eine Antwort geben: unnachgiebige H&#228;rte, den Einsatz des gesamten Machtapparates. Die internationale Einbindung der DDR lie&#223; zwar ein Vorgehen, das au&#223;enpolitische Proteste und Verwicklungen h&#228;tte ausl&#246;sen k&#246;nnen, als wenig geraten erscheinen &#8211; eine Gratwanderung, die lange versucht wurde, letztlich aber auch nicht mehr durchzuhalten war. Deshalb kam es im Fr&#252;hjahr und Sommer des Jahres 1989 immer &#246;fter zu Ma&#223;nahmen, deren restriktiver Charakter f&#252;r jedermann offensichtlich war und die der DDR auch international gro&#223;en Schaden zuf&#252;gten. Aber das nahm man in Kauf, denn die eigene Philosophie stellte die Machtfrage h&#246;her als alles andere; sie war f&#252;r die stalinistische F&#252;hrung ein Wert an sich.</p>
<p>Eine besonders unr&#252;hmliche Rolle spielte dabei der Medienapparat der fr&#252;heren DDR. Bereitwillig stellte er sich f&#252;r Kampagnen gegen Oppositionelle zur Verf&#252;gung und unterst&#252;tzte aktiv die Repressivma&#223;nahmen der Staatssicherheit. Diese gab daf&#252;r auch die Linie vor, die &#252;ber das SED-Zentralkomitee an die Medien &#252;bermittelt wurde: »Es wird als zweckm&#228;&#223;ig angesehen, im Rahmen der Medien- und sonstigen &#214;ffentlichkeitsarbeit den Nachweis zu f&#252;hren, dass die von personellen Zusammenschl&#252;ssen in Konzeptionen, ›Offenen Briefen‹, Eingaben, Forderungskatalogen u. dgl. propagierten feindlichen und oppositionellen Auffassungen in &#220;bereinstimmung stehen mit entsprechenden ideologischen Angriffen des Gegners, und auf dieser Grundlage die offensive politisch-ideologische Auseinandersetzung zu f&#252;hren.« Und so wurde gehandelt &#8211; ob bei der Diffamierung der B&#252;rgerrechtler nach der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">Liebknecht/Luxemburg-Demonstration</a>, ob bei der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/03/06/vor-zwanzig-jahren-pastoren-am-pranger/" target="_blank">Verunglimpfung f&#252;hrender Kirchenleute</a> oder sp&#228;ter bei der Ver&#228;chtlichmachung Ausreisewilliger.</p>
<p> <br />
Der seinerzeitige Chefredakteur des damaligen SED-Zentralorgans »Neues Deutschland« (ND), Herbert Naumann, schilderte in der Wendezeit, wie die Berichterstattung &#252;ber die Liebknecht/Luxemburg-Demonstration zentral gesteuert wurde: »Von uns hatte die Aktivit&#228;ten der Gruppen an diesem Tag keiner beobachtet. Wir h&#246;rten von ihnen nur &#252;ber westliche Medien. Jeder Versuch der Redaktion, unsere Leser auch nur ann&#228;hernd dar&#252;ber zu informieren, scheiterte. Auf regelrechten Befehl unseres Herausgebers mussten wir erst einmal acht Tage &#252;ber die Sache schweigen. Was wir dann &#252;ber Hergang, Verhaftungen und Verurteilungen bringen durften, kam von ADN, und dieser Agentur ist der fertige Text daf&#252;r von der Abteilung Agitation des ZK &#252;bergeben worden. Etwas anderes als das zu ver&#246;ffentlichen w&#228;re das Ende der journalistischen T&#228;tigkeit des Betreffenden gewesen. Sp&#228;ter erhielten wir dann so genannte Meinungs&#228;u&#223;erungen, die wir abdrucken mussten.«</p>
<p>Die erste solche Meinungs&#228;u&#223;erung stammte aus der DKP-Zeitung »Unsere Zeit« und besch&#228;ftigte sich mit dem vor Jahren gewaltsam aus der DDR abgeschobenen B&#252;rgerrechtler Roland Jahn. Dieser am 23. Januar 1988 erschienene Artikel wurde am 26.1.1988 im »Neuen Deutschland« nachgedruckt., und es folgten schnell aufeinander weitere &#228;hnliche Beitr&#228;ge, Korrespondenzen und »emp&#246;rte Stimmen aus der Bev&#246;lkerung«, mit denen eine westliche Einmischung und Steuerung der Opposition in der DDR suggeriert werden sollte. Gleichzeitig ver&#246;ffentlichte das ND den vom ZK gelieferten Kommentar des damaligen PEN-Pr&#228;sidenten Professor Dr. Heinz Kamnitzer, der die Aktionen der B&#252;rgerrechtler mit einer »Gottesl&#228;sterung« verglich und so gewisserma&#223;en die moralische Rechtfertigung f&#252;r deren Verhaftung und sp&#228;tere Ausweisung liefern sollte. Dies wurde unterst&#252;tzt durch den »Volkszorn«, der sich angebliche in »Gespr&#228;chen und Meinungs&#228;u&#223;erungen« widerspiegelte und deren »Kern« die Verfertiger der Stimmen im ND gleich selbst wie folgt zusammenfa&#223;ten: »Emp&#246;rt und voller<br />
Entschiedenheit verurteilen Werkt&#228;tige aller Klassen und Schichten der Bev&#246;lkerung der DDR den Versuch einer kleinen Gruppe bestellter Provokateure, das revolution&#228;re Verm&#228;chtnis von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu besudeln und es gegen Sozialismus und Frieden zu missbrauchen. Gro&#223;e Entr&#252;stung ruft hervor, dass sich solche Personen von westlichen Geheimdiensten sowie bestimmten politischen Kr&#228;ften in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) aushalten lassen und f&#252;r Zwecke zur Verf&#252;gung stellen, die den Interessen aller B&#252;rger der DDR und auch aller friedliebenden Menschen in der Welt zuwiderlaufen.«</p>
<p>Naumann sagte dazu, dass derartige »Stimmen aus dem Volke« direkt vom ZK an das ND gegeben wurden. Man vertraute offensichtlich nicht einmal mehr den Redakteuren, dass sie Stellungnahmen mit der gew&#252;nschten politischen Aussage bringen w&#252;rden. Dabei glaubte der Ex-Chefredakteur nicht, dass diese »Stimmen« gef&#228;lscht wurden. »Es gab gen&#252;gend Leute, die damals solche &#196;u&#223;erungen machten. Die Adressen waren au&#223;erdem f&#252;r jeden leicht nachpr&#252;fbar, und bei uns hat sich nie einer beschwert, wir h&#228;tten ihn falsch zitiert«, sagte Naumann 1991 und vermutete als Quelle die Berichte, die die Parteiorganisationen regelm&#228;&#223;ig ans ZK schicken mussten.</p>
<p>Wie immer bei solchen Gelegenheiten erfolgte parallel zur Diffamierung der Opposition im eigenen Land der Hinweis auf »massive Menschenrechtsverletzungen« in der Bundesrepublik Deutschland. Berufsverbote, Verfassungsschutzaktivit&#228;ten, Arbeitslosigkeit und andere durchaus vorhandene Missst&#228;nde wurden breit dargestellt, um von der Kritik an den eigenen Repressalien gegen Andersdenkende abzulenken. So hie&#223; es zum Beispiel &#252;ber den Bundesgrenzschutz: »Das machen die an ihren Grenzen: 13 607 Festnahmen, 65 189 Ausreiseverbote, 7047 Abschiebungen, 128 715 Zur&#252;ckweisungen.«</p>
<p>Schlie&#223;lich wurden die westlichen Journalisten, die durch ihre Berichterstattung &#8211; vor allem in Fernsehen und Rundfunk &#8211; die Desinformationskampagnen der SED wirksam durchkreuzten, gezielt mit Geheimdiensten der Bundesrepublik in Verbindung gebracht. Ein im ND am 3.2.1988 erschienener, nur mit N. N. gezeichneter »Dokumentarbericht« stellte fest: »Mit dem Ziel, eine DDR-innere Opposition zu schaffen, sind auch einige von den BRD-Geheimdiensten bestellte und bestallte Journalisten ma&#223;geblich mit daran beteiligt, daf&#252;r geeignete Personen in unserem Lande ausfindig zu machen, sie mit entsprechenden Mitteln zu unterst&#252;tzen und auszur&#252;sten, sie ideologisch auszurichten und &#8211; wie man so sch&#246;n sagt &#8211; ›aufzubauen‹ und zu gegen den sozialistischen Staat gerichteten Handlungen anzustiften.« Einige Tage sp&#228;ter wurde noch eins drauf gesetzt und so getan, als ob es klare Beweise f&#252;r geheimdienstliche Aktivit&#228;ten der westlichen Korrespondenten gebe: »Die Aufdeckung und Untersuchung gegen die DDR gerichteter staatsfeindlicher Handlungen best&#228;tigen Erkenntnisse und erbrachten neue &#252;berzeugende Beweise daf&#252;r, dass imperialistische Geheimdienste und andere mit ihnen im Bunde stehende antisozialistische Zentren und Kr&#228;fte in der BRD und in Westberlin intensiv darum bem&#252;ht sind, im Innern der DDR gegen deren gesellschaftliche Ordnung gerichtete Kr&#228;fte zu formieren, eine sogenannte innere Opposition au organisieren,« Derartige »Berichte« wurden direkt im MfS formuliert. Unter Federf&#252;hrung von deren Zentraler Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) arbeiteten die mit »Untergrundt&#228;tigkeit« befasste Hauptabteilung XX, die f&#252;r Desinformation zust&#228;ndige Abteilung X der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung und die jeweiligen Bezirksverwaltungen bei der Fabrikation solcher Elaborate zusammen. &#220;ber die Abteilung Agitation des ZK &#8211; zwischen dessen Propagandasekret&#228;r Joachim Herrmann und der ZAIG existierte ein st&#228;ndiger unmittelbarer Kontakt &#8211; wurden diese dann ADN zugeleitet, und f&#252;r derartige ADN-&#220;bermittlungen bestand bei den DDR-Zeitungen Ver&#246;ffentlichungspflicht. Ex-Chefredakteur Naumann: »Die Abteilung Agitation teilte uns t&#228;glich mit, was ADN sendet und was wir davon wo zu platzieren hatten. &#220;berhaupt musste die Redaktion t&#228;glich eine Skizze der Zeitungsseiten 1 und 2 in der Abteilung Agitation des ZK vorlegen, &#252;ber die dann meist Honecker selbst mit Herrmann entschied, wie sie endg&#252;ltig auszusehen hatte.«</p>
<p>Solcherart Kampagnen wiederholten sich immer dann, wenn die B&#252;rgerrechtler im Lande st&#228;rker in Erscheinung traten und Repressivma&#223;nahmen gegen sie motiviert werden sollten. Nicht selten richteten sie sich auch gegen die Kirche bzw. einzelne von deren Repr&#228;sentanten. Besonders bekannt geworden ist ein ADN-Kommentar vorn 10.1.1989 (»Herr Stolpe und der Idealfall«), den angeblich Honecker selbst diktiert hatte, weil ihm &#196;u&#223;erungen des Konsistorialpr&#228;sidenten zu den Gr&#252;nden f&#252;r die gro&#223;e Zahl von Ausreiseantr&#228;gen missfallen hatten. Dieser Kommentar soll selbst im MfS Stirnrunzeln ausgel&#246;st haben, da er das dort kunstvoll errichtete Differenzierungsgeb&#228;ude gegen&#252;ber der Kirche erheblich ins Wanken brachte. »Die Angriffe gegen Stolpe, der die Dinge eigentlich nicht anheizen wollte, schadeten unserer Arbeit«, sagte Kurt Zeiseweis, stellvertretender Leiter der Berliner MfS-Bezirksverwaltung sp&#228;ter dazu, »Das verstanden wir nicht«.</p>
<p>Aber die damalige DDR-F&#252;hrung lie&#223; sich von ihrem falschen Weg nicht mehr abbringen. Sie ging ihn konsequent zu Ende bis in die L&#228;cherlichkeit. Am 21.9. 1989 erschien auf Seite 1 des ND ein Interview mit dein Mitropa-Koch Hartmut Ferworn, in dem er detailliert berichtete, wie er bei einer Fahrt nach Budapest mittels einer Menthol-Zigarette angeblich bewusstlos gemacht wurde und dann mit einem Bus nach Wien »verschleppt« worden sei. Er sagte unter anderem w&#246;rtlich: »Offensichtlich hat man mir ein Bet&#228;ubungsmittel gegeben, wie ich jetzt erfahren habe, eine beliebte Methode westlicher Geheimdienste und ihrer Handlanger.«</p>
<p>Wo er das »erfahren« hatte, ist heute bekannt: beim MfS. Ex- ND-Chefredakteur Naumann berichtete nach der Wende: »Diese Story und den Interviewpartner n&#246;tigte uns die Abteilung Agitation des ZK auf. Ich habe sie leider zun&#228;chst geglaubt, denn nat&#252;rlich gab es in Ungarn auch Abwerbung, und der Mann versicherte immer wieder auf Tonband, da&#223; die Sache stimmt. ZK-Abteilung und Staatssicherheit b&#252;rgten f&#252;r die Wahrheit. Gegenrecherchiert haben wir deshalb nicht.« Schnell erfuhr Naumann aber, dass Ferworn gelogen hatte. Die Eltern des im Interview als »Abwerber« bezeichneten jungen Mannes beschwerten sich beim ND , und besonders im Heimatort dieser Familie erregte der Fall viel Aufsehen. »Da kam pl&#246;tzlich jemand von der MfS-Pressestelle zu uns«, erinnerte sich Naumann, »und verlangte, dass wir der Familie drohen sollten, es gebe noch mehr Beweise, und sie sollten sich ruhig verhalten. Das lehnten wir ab. Wir empfahlen der Familie gerichtliche Schritte, und tats&#228;chlich gestand Ferworn schlie&#223;lich ein, dass ihn das MfS zu der erlogenen Aussage gebracht hatte, wir haben daraufhin eine Richtigstellung gedruckt und uns f&#252;r das Leid, das dieser Familie durch eine solche, von ›Medienzaren‹ verordnete Kampagne erwuchs, entschuldigt.«</p>
<p>Das aber war dann schon mitten in der Wendezeit; zuvor hatte es solche Dementis nie gegeben, und wenn auch der Druck des Parteiapparates auf die Medien unstrittig gewesen ist, so haben nicht wenige Journalisten doch eifrig und mit eigenem Engagement dazu beigetragen, dass die &#214;ffentlichkeit &#252;ber die B&#252;rgerbewegung wie &#252;ber viele andere Vorg&#228;nge desinformiert wurde. Angaben aus dem ZK bzw. dem MfS wurden a priori als wahr angesehen und ungepr&#252;ft ver&#246;ffentlicht. Und das MfS ergriff dar&#252;ber hinaus vielfaltige Ma&#223;nahmen, um auch den akkreditierten ausl&#228;ndischen Journalisten eine wahrheitsgetreue Berichterstattung zu erschweren. Typisch daf&#252;r ist eine Anweisung des MfS aus dem Jahre 1988, in der ausdr&#252;cklich als notwendig bezeichnet wurde:<br />
»1. Die Durchsetzung von Ordnung, Sicherheit und Disziplin hinsichtlich der Einhaltung der Melde- und Genehmigungspflicht von Kontakten zu bevorrechteten Personen und Korrespondenten durch die Leiter und Mitarbeiter der Kombinate, Betriebe, staatlichen Institutionen, Organen und anderen Einrichtungen der Hauptstadt, einschlie&#223;lich der Genehmigungspflicht zur Wahrnehmung von durch Botschaften und Korresponderenb&#252;ros des nichtsozialistischen Auslands erfolgten Einladungen zu Veranstaltungen wie Empf&#228;ngen, Partys u. a. Unsere gemeinsame Aufgabe muss darin bestehen, durch Einschr&#228;nkung des Kontakt-Kreises auf das notwendige Ma&#223;, durch Einbeziehung von B&#252;rgern, die die DDR w&#252;rdig vertreten und durch &#220;berschaubarkeit solcher Kontakte eine weitere Ausbreitung zu durchkreuzen.<br />
2. Um den Bestrebungen bevorrechteter Personen und Journalisten des nichtsozialistischen Auslands zur Absch&#246;pfung vertraulicher bzw. geheimzuhaltender Informationen entgegenzuwirken und negative Einflussm&#246;glichkeiten einzuschr&#228;nken, ist die politisch-ideologische Erziehung von B&#252;rgern, die solche Kontakte dienstlicherseits usw. unterhalten, zu politischer Wachsamkeit und Geheimhaltung st&#228;rker als in der Vergangenheit zu aktivieren.«</p>
<p>Ziel der offiziellen Informationspolitik war also nicht die Wahrheit, sondern das gesch&#246;nte Bild, das die Partei- und Staatsf&#252;hrung von der DDR vermitteln wollte. Am deutlichsten brachte das der langj&#228;hrige Chefredakteur der FDJ-Zeitung »Junge Welt«, Dieter Langguth in einem Vortrag vor Jenenser Jura-Studenten zum Ausdruck, nachdem er zum stellvertretenden Leiter der ZK-Abteilung Agitation aufgestiegen war: »Die DDR-Medien sind Parteimedien und sind Mittel zur Propagierung der Erfolge des Sozialismus. Keine Presse in der Welt druckt alles, und auch wir drucken nur, was uns passt &#8230; Die Medien sind nicht Plattform des Gegners. Jede Form von Pluralismus und Meinungsverschiedenheit schaden dem Sozialismus und bringen die Anarchie &#8230; Der Sozialismus hat drei Gegner: 1. den Imperialismus, 2. Intellektuelle, K&#252;nstler, Journalisten aus dem Osten, die von der Linie abweichen, 3. Gegner von innen &#8230;«</p>
<p>In den letzten Monaten vor dem Herbst 1989 wurde dieser Kurs drakonisch durchgepeitscht. Es gab aber zugleich verzweifelte Versuche, wenigstens an einer der selbstgeschaffenen Fronten Befriedung zu erreichen: gegen&#252;ber der Kirche. Deutlichstes Beispiel daf&#252;r war die Wiedereinweihung des Greifswalder Domes am 11. Juni 1989, zu der auch hochstehende staatliche Vertreter eingeladen wurden. Bereits im April lie&#223; Honecker mitteilen, dass er pers&#246;nlich kommen wolle. Das schien zwar durch die Vorg&#228;nge um die Kommunalwahlen und das starke Engagement der evangelischen Kirche in dieser und anderen Auseinandersetzungen immer wieder in Frage gestellt, aber Honecker kam trotzdem. Er h&#228;tte &#8211; auch nach der Stimmung in der Greifswalder Kirchenleitung &#8211; durchaus noch einmal die Chance zu einem Schritt der Vers&#246;hnung gehabt, entschied sich jedoch f&#252;r den Versuch der Differenzierung, der angesichts des durch die Ausreisewelle und die zunehmende Unzufriedenheit allerorts angeschlagenen Staates<br />
nicht erfolgreich sein konnte.</p>
<p>Honecker verlangte, dass an einem Empfang im Greifswalder Rathaus nach dem Gottesdienst der Bischof der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg nicht teilnehmen solle. Dieses Ansinnen hatte eine den Absichten von Partei und Staat diametral entgegenstehende Wirkung. »Es war urspr&#252;nglich der Versuch, eine bestimmte Landeskirche f&#252;r die Zusammenarbeit mit dem Staat zu gewinnen«, bewertete sp&#228;ter der Berliner Probst Dr. Furian das damalige Geschehen, »Dass man daf&#252;r ausgerechnet auf Greifswald verfiel, zeigt die Fehleinsch&#228;tzung Honeckers sowohl &#252;ber die Rolle der Greifswalder Kirche in unserem Bund, als auch &#252;ber den Einfluss, den er selbst auf den Greifswalder Bischof Gienke zu haben glaubte. Vielleicht hat die Taktik des Staates einige zun&#228;chst verunsichert, aber mit der Ausladung von Bischof Forck gab der Staat selbst das Gegensignal, stellte er die Dinge selbst wieder richtig.« Und Stolpe mutma&#223;te, dass dieser so gar nicht in die Zeit passende Schritt auch in der DDR-F&#252;hrung umstritten gewesen sein d&#252;rfte. »Es war wohl ein Alleingang Honeckers, der aber keinen 3rfolg haben konnte, da er in keiner Welse der Realit&#228;t im Lande entsprach.«</p>
<p>Tats&#228;chlich war auch das Vorgehen gegen die Kirche in diesen Wochen von H&#228;rte und Unnachgiebigkeit gekennzeichnet; die Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht und Opposition nahmen immer offenere Formen an und erhielten seitens des Staates immer brutalere Z&#252;ge. Und auch innerhalb der Partei sah sich die F&#252;hrung gen&#246;tigt, zunehmend h&#228;ufiger gegen Kritik vorzugehen, &#246;fter und &#246;fter mit Ma&#223;nahmen der Disziplinierung zu reagieren. Was f&#252;r alle offensichtlich war, wollte die F&#252;hrung nicht sehen. »Wir haben die Lage weitgehend gekannt, haben &#252;ber die Stimmung im Lande berichtet, haben vor allem die Probleme in der Wirtschaftspolitik benannt«, klagte MfS-General Felber, der an der Spitze der Stasi-Parteiorganisation stand, sp&#228;ter. »Ich hoffte, dass sich im Zentralkomitee, wo ich selbst Mitglied war, das widerspiegelt. Aber nichts geschah. Nicht eine von diesen Analysen wurde dort behandelt.« Allerdings hatte wohl auch Felber darauf nicht gedrungen.</p>
<p>Den Grund daf&#252;r nannte Honecker in einem langen Interview zu Anfang des Jahres 1990 selbst: »Ich selbst habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.« Und was in westlichen Medien stand, so fuhr er fort, war unter dem Aspekt des Klassenkampfes zu betrachten. Faktisch gestand er damit ein, dass er den Berichten seines eigenen Geheimdienstes misstraute, weil sie mit seinem Wunschbild so wenig &#252;bereinstimmten. Dieses Wunschbild hatte Joachim Herrmann noch auf der 8. Tagung des ZK der SED am 22. Juni 1989 farbenfroh ausgemalt: »Die gro&#223;e Demonstration der Werkt&#228;tigen am 1. Mai, das Votum f&#252;r unsere Politik bei den Kommunalwahlen, das Bekenntnis der jungen Generation zum Sozialismus in der DDR w&#228;hrend des Pfingsttreffens der FDJ, die in die Zukunft weisenden Beratungen auf dem IX. P&#228;dagogischen Kongress &#8211; all diese Ereignisse in der Berichtsperiode bringen zum Ausdruck, wie fest die Werte des Sozialismus im Volk verankert sind. Die Einheit von Wirtschafts~ und Sozialpolitik wurde konsequent verwirklicht, was neue Initiativen der Werkt&#228;tigen ausl&#246;ste.«</p>
<p>Dieses Kopf-in-den-Sand-stecken wurde immer weniger begriffen, l&#246;ste Unruhe auch in der Partei aus. Das MfS notierte am 11.9.1989: »Vorliegenden Informationen zufolge sind zahlreiche, vor allem langj&#228;hrige Parteimitglieder, von tiefer Sorge erf&#252;llt &#252;ber die gegenw&#228;rtige allgemeine Stimmungslage unter gro&#223;en Teilen der Werkt&#228;tigen, besonders in den Betrieben, teilweise verbunden mit ernsten Bef&#252;rchtungen hinsichtlich der weiteren Erhaltung der politischen Stabilit&#228;t der DDR. Sie begr&#252;nden diese Haltung insbesondere mit solchen pers&#246;nlich getroffenen Feststellungen im Arbeits-, Wohn-und Freizeitbereich wie<br />
- der erheblichen Zunahme von durch Unwillen und Unzufriedenheit gekennzeichneten, in immer aggressiverem Ton gef&#252;hrten Diskussionen im Zusammenhang mit der Versorgungslage und der Lage im Dienstleistungsbereich, der Lohn-Preis-Politik, der materiell-technischen Sicherstellung der Produktion,<br />
- zunehmenden Erscheinungen von Passivit&#228;t und Gleichg&#252;ltigkeit unter Werkt&#228;tigen gegen&#252;ber dem politischen und gesellschaftlichen Leben in der DDR insgesamt und im Territorium,<br />
- dem weiteren R&#252;ckgang von Arbeitsdisziplin und Leistungsbereitschaft,<br />
der erheblichen Zunahme von Erscheinungen des Spekulantentums und der Korruption.<br />
Die Praxis zeige, dass auch zahlreiche Parteimitglieder mit derartigen Auffassungen und Verhaltensweisen in Erscheinung treten und sich damit kaum noch von Parteilosen unterscheiden.«</p>
<p>So st&#252;tzte sich die F&#252;hrung letztlich fast nur noch auf die Staatssicherheit, die bald permanent im Einsatz war. Alle MfS-Diensteinheiten mussten »neue Anstrengungen« unternehmen, um »die Lage zu beherrschen«. In einem Grundsatzpapier der Bezirksverwaltung Berlin des MfS &#252;ber »zu beachtende Aspekte des aktuellen Wirksamwerdens innerer feindlicher, oppositioneller und anderer negativer Kr&#228;fte in personellen Zusammenschl&#252;ssen« wurde gefordert, dass »durch ein noch einheitlicheres und konzeptionell gesichertes politisch-ideologisches und operatives Zusammenwirken und Vorgehen aller zust&#228;ndigen staatlichen Organe und einzubeziehenden gesellschaftlichen Organisationen und Kr&#228;fte der weiteren Profilierung bestehender und der Bildung neuer derartiger personeller Zusammenschl&#252;sse konsequent entgegengewirkt und Ma&#223;nahmen der Sicherheitsorgane zur Zersetzung und Aufl&#246;sung derselben und zur Paralysierung von diesen ausgehender antisozialistischer Aktivit&#228;ten differenziert wirkungsvoll unterst&#252;tzt werden«. Der Begriff solcher »antisozialistischer Aktivit&#228;ten« wurde sehr weit gefasst. Kurt Zeiseweis von der BV Berlin merkte zwar an, dass eigentlich das Strafgesetzbuch als Kriterium f&#252;r die Strafrechtswidrigkeit zu Rate gesogen werden sollte, dieses in praxi aber sehr weit ausgelegt wurde: »Im Grunde ist von uns jede oppositionelle Handlung zumindest am Rande der politischen Untergrundt&#228;tigkeit eingeordnet worden.« Und daraus wurden die entsprechenden Konsequenzen gezogen. Noch einmal aus dem eben zitierten Grundsatzdokument, das aus dem Juni 1989 stammt: »In Wahrung und Durchsetzung der sozialistischen Gesetzlichkeit sollten gegen&#252;ber Personen, die durch fortgesetzte und &#246;ffentlichkeitswirksame, sicherheitspolitisch besonders bedeutsame Handlungen gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung in Erscheinung treten und damit in erheblichem Ma&#223;e Strafrechts- und ordnungsrechtliche Normen verletzen, differenziert konsequent geeignete Sanktionen Anwendung finden. Um die damit beabsichtigte disziplinierende Wirkung zu erh&#246;hen und m&#246;gliche Reaktionen anderer feindlicher und oppositioneller Kr&#228;fte darauf vorbeugend einzuschr&#228;nken, w&#228;re es zweckm&#228;&#223;ig, dieses Vorgehen durch entsprechende offensive politische und ideologische Ma&#223;nahmen zu erg&#228;nzen.«</p>
<p>Und dies erfolgte ohne Verzug. Bekannt geworden ist die Bildung einer »Soforteinsatzgruppe operative Beobachtung« der MfS-Fahndungsabteilung VIII, der Stasi-Minister Mielke die Aufgabe stellte, »angesichts der aktuellen Entwicklung der politisch-operativen Lage und der besonderen sowie sicherheitspolitischen Bedeutung von feindlich-negativen, besonders &#246;ffentlichkeitswirksamen Handlungen in der Hauptstadt der DDR, Berlin, durch die qualifizierte Nutzung der weitreichenden M&#246;glichkeiten der operativen Beobachtungen einen noch gr&#246;&#223;eren Beitrag zur Beherrschung der Lage unter allen Bedingungen zu leisten.« Hier entstanden jene Video-Aufnahmen, die sp&#228;ter um die Welt gingen und veranschaulichten, was die »fl&#228;chendeckende« &#220;berwachung eines ganzen Volkes bedeutete. Damit aber waren die Aufgaben dieser »Sofortbeobachtungskr&#228;fte« nicht ersch&#246;pft, sondern: &#8220;Wenn es w&#228;hrend des Einsatzes unumg&#228;nglich ist, werden die eingesetzten Kr&#228;fte bei Sicherung der Konspiration bem&#252;ht sein, &#246;ffentlichkeitswirksamen Provokationen offensiv zu begegnen und im Ausnahmefall auch Zuf&#252;hrungen bzw. Festnahmen durchzuf&#252;hren.«</p>
<p>Diese st&#228;ndige Ausweitung der Aufgaben war auch im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit nicht unumstritten, zumal die politische Motivierung f&#252;r solche Eins&#228;tze mehr und mehr verloren ging. »Viele sp&#252;rten, dass sie Auswirkungen der Perestroika bei uns bek&#228;mpfen sollten«, sagt Ex-Generalmajor Felber. »Aber sie waren oft selbst Perestroika-Anh&#228;nger, wenn sie das meist auch nur im kleinen Kreis zugaben. Wer es &#246;ffentlich sagte, wurde wieder auf Linie gebracht. Mielke war gegen die Perestroika; er verunglimpfte sie sogar.« Felber verga&#223; dabei, dass die Aufgabe, aufm&#252;pfige Tschekisten wieder auf Vordermann zu bringen, ihm und seiner Parteiorganisation oblag und er das bis zur letzten Minute der Honecker-Herrschaft und noch ein paar Tage dar&#252;ber hinaus auch praktizierte. Parteiverfahren gegen einzelne Angeh&#246;rige des MfS fanden noch im Oktober und November 1989 statt, und. bis in den Dezember hinein verteidigte das von Felber gef&#252;hrte Sekretariat der SED-Kreisleitung im Ministerium hartn&#228;ckig die alte Linie. Es musste schlie&#223;lich von j&#252;ngeren Funktion&#228;ren und einfachen Parteimitgliedern im MfS f&#246;rmlich davongejagt werden; erst nach dem Sturz von Egon Krenz l&#246;ste es sich endg&#252;ltig auf. Diese Entwicklung best&#228;tigt allerdings des Ex-Generals sp&#228;te Aussage, dass die allgemeine Unzufriedenheit partiell auch auf das MfS &#252;bergriff &#8211; eine wichtige Gr&#246;&#223;e bei den weiteren Ereignissen und ihrem nahezu unblutigen Verlauf.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Wahlmanipulation und Ausreisewelle bef&#246;rdern die Erosion eines Staates (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Thu, 07 May 2009 11:39:26 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[F&#252;r viele gilt der 7. Mai als ein Datum, an dem der Beginn der letzten Etappe der »alten« DDR festgemacht werden kann. An diesem Tag fanden Kommunalwahlen, letztmalig nach dem alten Muster des so genannten Zettelfaltens, statt, aber immer weniger DDR-B&#252;rger zeigten sich bereit, das einfach so hinzunehmen. Dennoch verlief die Wahl weitgehend nach den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>F&#252;r viele gilt der 7. Mai als ein Datum, an dem der Beginn der letzten Etappe der »alten« DDR festgemacht werden kann. An diesem Tag fanden Kommunalwahlen, letztmalig nach dem alten Muster des so genannten Zettelfaltens, statt, aber immer weniger DDR-B&#252;rger zeigten sich bereit, das einfach so hinzunehmen. <span id="more-927"></span>Dennoch verlief die Wahl weitgehend nach den Vorgaben aus der Partei- und Staatsf&#252;hrung, doch als diese auch noch die Ergebnisse &#8211; entgegen der Realit&#228;t &#8211; bestimmen wollte, wuchs der Unmut in einem Ma&#223;e, das weder die SED noch ihr Sicherheitsorgan Stasi erwartet hatten. Aus dem Protest gegen die Wahlf&#228;lschung entwickelte sich allm&#228;hlich eine Bewegung f&#252;r mehr wirkliche Demokratie, der sich zunehmend auch Leute anschlossen, die bisher den offenen Konflikt mit der Staatsmacht gemieden hatten.</p>
<p>Parallel dazu gewann eine andere, schon seit l&#228;ngerem st&#228;ndig wachsende Bewegung Schritt f&#252;r Schritt Massenzulauf &#8211; die Ausreisewelle aus der DDR. Ihr schlossen sich all jene an, die die Hoffnung auf Ver&#228;nderungen im Land l&#228;ngst verloren hatten und ihr Heil nur in einem Neuanfang jenseits der Grenzen sahen. Sie stellten mit ihren Aktionen im In- wie Ausland die Staatsorgane vor immer neue Probleme, die diese letztlich nicht mehr beherrschen konnten. Beides gemeinsam f&#252;hrte zur immer schnelleren Erosion des Staates DDR und damit letztlich zu seinem Untergang.</p>
<p>&#220;ber diese Vorg&#228;nge entstand ein gutes Jahr sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<p> </p>
<h3>Wahlmanipulation und Ausreisewelle &#8211; die Erosion eines Staates (Teil 1)</h3>
<p><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/bb576eea053a4c80973c2a519c10ce58" alt="" width="1" height="1" /><br />
In den vergangenen 20 Jahren wurde oft versucht, den Eindruck zu erwecken, als w&#228;ren die Ereignisse des Jahres 1989 wie ein Blitz aus heiterem Himmel &#252;ber die damalige DDR gekommen.. Besonders Vertreter der ehemaligen Partei- und Staatsf&#252;hrung argumentieren gern, die .Entwicklung w&#228;re nicht vorauszusehen gewesen; f&#252;r sie habe sich die Lage bis fast zuletzt als relativ stabil dargestellt, Die un&#252;bersehbaren Signale einer sich rapide beschleunigenden Erosion nicht wahrzunehmen &#8211; das resultierte aus der Lebensferne der Honecker &amp; Co., die alle Warnungen und Bedenken in den Wind schlugen. Im Gef&#252;hl, letztlich k&#246;nne ihnen nichts passieren, organisierten sie eine Rundum-Verteidigung gegen die zahlreichen Einzelaktionen der B&#252;rgerrechtler, versuchten sie, jede f&#252;r sich zu bek&#228;mpfen, ohne den Zusammenhang &#8211; die allgemeine Unzufriedenheit &#8211; zu erkennen. So konnte zwar mit Hilfe des Repressionsapparates da und dort die Kritik einged&#228;mmt, mundtot gemacht werden; an der versch&#228;rften Gesamtlage &#228;nderte das nichts &#8211; im Gegenteil, sie spitzte sich weiter zu. </p>
<p>Die erste umfassende »Information &#252;ber Aktivit&#228;ten feindlicher Personenkreise im Zusammenhang mit den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989« legte die Bezirksverwaltung Berlin des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit (MfS) bereits am 15.2.1989 vor. »Nach den der Bezirksverwaltung f&#252;r Staatssicherheit Berlin vorliegenden Informationen«, hie&#223; es da, »besch&#228;ftigen sich feindliche Personenkreise aus der Hauptstadt der DDR, Berlin, seit Ende 1988 intensiv mit verschiedenen Problemen, die die Vorbereitung und Durchf&#252;hrung der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 betreffen.« Und dann wurde detailliert &#252;ber diese Aktivit&#228;ten berichtet, zum Beispiel so: !«Insbesondere F&#252;hrungskr&#228;fte des politischen Untergrundes, unter Mitwirkung von Antragstellern auf st&#228;ndige Ausreise, befassen sich verst&#228;rkt mit Fragen der sozialistischen Demokratie, darin eingeschlossen das Wahlgesetz der DDR &#8230; Diese Personenkreise haben die Absicht, unter der Behauptung der Mitwirkung an der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR mit staatlichen Organen und gesellschaftlichen Organisationen einen Dialog zu f&#252;hren und Forderungen feindlicher Kr&#228;fte nach destabilisierenden Ver&#228;nderungen unter Missbrauch demokratischer Wirkungsm&#246;glichkeiten einzubringen. In mehreren internen Treffen berieten diese Personenkreise konkrete Vorgehenweisen unter Missbrauch des Wahlgesetzes der DDR. So wurden mehrere Schriften mit dem Ziel verfasst und verteilt, das Wahlgesetz der DDR in ihrem Sinne zu erl&#228;utern, vor allem, um dessen M&#246;glichkeiten f&#252;r feindliche Zwecke auszusch&#246;pfen &#8230; Weiterhin beabsichtigen diese Personenkreise, ›unabh&#228;ngige Kandidaten‹ f&#252;r die Wahlen vorzuschlagen &#8230; Weitere Vorhaben feindlicher Personenkreise beinhalten die Teilnahme an Wahlversammlungen, wo sie ihre Ziele &#246;ffentlich verbreiten wollen &#8230; Von feindlichen Personen dar&#252;ber hinaus geplante Aktivit&#228;ten umfassen die Durchf&#252;hrung eigener Veranstaltungen mit thematischen Bez&#252;gen zur Wahl sowie die Beteiligung an der Arbeit der Wahlkommissionen und die &#220;berwachung der Stimmenausz&#228;hlung, um ›F&#228;lschungen und Manipulationen‹ des Wahlergebnisses zu verhindern.«</p>
<p>Dass diese Information zur Kenntnis genommen und durchaus im Sinne des Absenders bewertet wurde, zeigte eine bereits am 6. M&#228;rz 1 989 erarbeitete »Konzeption zur Gew&#228;hrleistung von Ordnung und Sicherheit im Zeitraum der Vorbereitung und Durchf&#252;hrung der Kommunalwahlen im Mai 1989«. Sie belegt schon im ersten Abschnitt die ganze Absurdit&#228;t des Vorgehens der damaligen DDR- F&#252;hrung: »Die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 verk&#246;rpern im vierzigsten Gr&#252;ndungsjahr der DDR das wichtigste gesellschaftspolitische Ereignis. Diese Wertung ist Anlass, im Wohnbezirk ein Kontrollsystem durch gesellschaftliche Kr&#228;fte zu organisieren, welches St&#246;rungen der &#246;ffentlichen Ordnung und Sicherheit vorbeugen und subversive und kriminelle Handlungen gegen einen ordnungsgem&#228;&#223;en Wahlablauf verhindern soll.« Sodann folgen detaillierte Festlegungen an die Hausgemeinschaftsleitungen (HGL) zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit im Wohngebiet, u. a. zum »rechtzeitigen Erkennen von Schmierereien mit staatsfeindlichem, antisozialistischem und def&#228;tistischem Inhalt« und zur Organisierung einer entsprechenden Streifent&#228;tigkeit. Dazu hei&#223;t es w&#246;rtlich: »Im Zeitraum vom 5. Mai 1989, 19 Uhr, bis 7. Mai 1989, 19 Uhr, wird der Wohnbezirk durchg&#228;ngig mit jeweils zwei Mitgliedern der Kommission gesichert. Der Einsatz erfolgt im 6-Stunden-Rhythmus. Die Sicherung erfolgt durch Streifen- und Beobachtungst&#228;tigkeit.«</p>
<p>Auf berechtigte Anliegen, der B&#252;rger und alternativen Bewegungen reagierte der Staat also einmal mehr mit einem Festerzurren der Sicherheitsz&#252;gel. Dabei hatten sich die B&#252;rgerrechtler zun&#228;chst um eine konstruktive Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen bei der Wahlvorbereitung bem&#252;ht. So wandte sich eine Initiativgruppe der Berliner Bartholom&#228;usgemeinde bereits zu Pfingsten 1988 mit einem »Brief an Christen in der DDR und ihre Gemeindevertretungen« und benannte Wahlsystem und Wahlverfahren ausdr&#252;cklich als wichtige Bestandteile einer Demokratiserung der Gesellschaft. Die Autoren &#8211; unter ihnen Ibrahim B&#246;hme, Wolfgang Ullmann, Hans-J&#252;rgen Fischbeck und Almuth Berger &#8211; formulierten die Erw&#228;gung, ob nicht auch kirchliche Gruppen das Recht zur Kandidatennominierung einfordern sollten. Dies bekr&#228;ftigte der Initiativkreis im Januar 1989 mit der konkreten Anfrage: »Sollte nicht, was f&#252;r Kleing&#228;rtner, Sportler oder Feuerwehrleute gilt, auch f&#252;r Friedens- und Umweltgruppen gelten?«</p>
<p>In einem Aufruf des Friedenskreises der Berliner Erl&#246;sergemeinde vom Januar 1989 hie&#223; es, man sehe sich »in einer Meinung mit dem ZK der SED, auf dessen 7. Tagung Erich Honecker mitteilte: ›Wir reden nicht nur von Demokratie, wir entfalten sie auf sozialistischer Grundlage.‹ Zeichen der Zeit in unserem Land mahnen uns, Erich Honecker beim Wort zu nehmen und ihn tatkr&#228;ftig zu unterst&#252;tzen.« Bei aller hintersinnigen Ironie dieses Begehrens enthielten die folgenden praktischen Vorschl&#228;ge doch diskutierbare Anregungen auch f&#252;r Leute mit einem DDR-sozialistischen Demokratieverst&#228;ndnis.</p>
<p>Sie stie&#223;en aber auf strikte Ablehnung und die B&#252;rgerrechtler auf eine massive Behinderung ihrer Aktivit&#228;ten. Das zeigte sich besonders bei den Bem&#252;hungen, an &#246;ffentlichen Wahlversammlungen teilzunehmen und dort mit eigenen &#8211; inhaltlichen wie personellen &#8211; Vorschl&#228;gen aufzutreten. Wie sich so etwas im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg abspielte, schilderte ein Augenzeuge in den Umweltbl&#228;ttern: »Nur mit M&#252;he (. . . ) waren Termin und Ort der Veranstaltung f&#252;r den Stadtbezirk Prenzlauer Berg zu erfahren. Trotzdem waren am 29.3.89 zeitig (ungef&#228;hr 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn) ca. 150 B&#252;rger vor dem Geb&#228;ude des Rates des Stadtbezirks in der Fr&#246;belstr. versammelt. In dieser Zeit kamen nur noch einige B&#252;rger in das Geb&#228;ude hinein, die &#252;ber gedruckte Einladungen verf&#252;gten. Die T&#252;r des Geb&#228;udes wurde von drei Herren abgesperrt, denen eine zun&#228;chst erstaunte, dann aber zunehmend ver&#228;rgerte Menge gegen&#252;berstand. Die stoische Antwort auf das Einlassbegehren von B&#252;rgern (unter denen sich auch Abgeordnete und Besitzer von Einlasskarten befanden) war &#8211; der Saal w&#228;re voll, im Nebengeb&#228;ude w&#252;rde die Veranstaltung &#252;ber Lautsprecher &#252;bertragen.«</p>
<p>Im Saal selbst setzte sich dann die Manipulation fort: »Im Verlauf der Versammlung kam zur Diskussion, dass in drei F&#228;llen Ver&#228;nderungen an den Kandidatenlisten beschlossen worden waren, in den Listen f&#252;r den Stadtbezirk jedoch die urspr&#252;ngliche Form unver&#228;ndert vorliegt. Erst auf die Frage, weshalb die Beschl&#252;sse auf der Wahlkreisebene ignoriert worden w&#228;ren, kam eine Erkl&#228;rung: In zwei F&#228;llen h&#228;tten sich durch die Ver&#228;nderung der Listen auch Ver&#228;nderungen in der Anzahl der Mandatstr&#228;ger ergeben, was nat&#252;rlich nicht ginge.. Im dritten Fall handele es sich um Dr. Adler von der Akademie der Wissenschaften, mit dem der Redner am gleichen Tag telefoniert h&#228;tte. Dr. Adler w&#228;re ganz zufrieden damit, wieder auf die Reservepl&#228;tze zur&#252;ckzurutschen, weil er in der Gewerkschaft so engagiert w&#228;re, dass er eigentlich keine Zeit habe. Dr. Adler war es auch nicht gelungen, in den Hauptversammlungsraum zu gelangen; es war deutlich, dass es ein Telefongespr&#228;ch dieses Inhalts nicht gegeben hat. Es ist Dr. Adler nicht gelungen, pers&#246;nlich oder &#252;ber den &#8216;Telefonapparat im Lautsprechersaal eine Richtigstellung vorzutragen.«</p>
<p>Bei einigen kirchlichen und B&#252;rgerrechtsgruppen f&#252;hrte dieses Verhalten staatlicher Stellen zur Schlussfolgerung, dass man nur durch einen Boykott der Wahlen sein Gesicht wahren k&#246;nne. Solche Erw&#228;gungen stellte zum Beispiel die s&#228;chsische Synode im April 1989 an, und sie finden sich auch in einer Erkl&#228;rung von vier Dutzend B&#252;rgerrechtlern aus dem gleichen Monat. Sie kritisieren darin Wahlsystem und Wahlverfahren und res&#252;mieren: »Die Ergebnisse der Wahlen in der DDR dienen dazu, die tats&#228;chlichen Verh&#228;ltnisse zu verschleiern und ein Einverst&#228;ndnis innerhalb der Bev&#246;lkerung mit der Politik der DDR-Regierung vorzut&#228;uschen, das immer weniger gegeben ist. Die Offenlegung tats&#228;chlich vorhandener Meinungs- und Mehrheitsverh&#228;ltnisse bedeutet eine notwendige Voraussetzung f&#252;r den breiten innergesellschaftlichen Dialog, den wir anstreben. Aus diesen Gr&#252;nden erkl&#228;ren wir, dass wir an den Kommunalwahlen am 7. 5. 89 nicht teilnehmen werden.«</p>
<p>Andere wiederum wollten nicht auf diese Weise resignieren und planten, die Wahl bis zu ihrem Abschluss kritisch zu begleiten. Ihnen ging es vor allem darum, die Exaktheit der Ausz&#228;hlung zu kontrollieren, weil nach den Erfahrungen der Vorwahlzeit zu bef&#252;rchten stand, dass auch hier zu Manipulationen gegriffen w&#252;rde. Jochen Wiegend, Ex-Oberst im MfS, berichtete sp&#228;ter, dass dar&#252;ber exakte Kenntnisse vorlagen. Pfarrer Eppelmann zum Beispiel hatte an Gemeindemitglieder, die sich an der Kontrolle der Ausz&#228;hlung beteiligen wollten, Zettel ausgegeben, in die Ergebnisse der einzelnen Wahllokale eingetragen v/erden sollten. Sie liefen dann noch am Abend des 7. Mai bei ihm zusammen, wurden, in den Computer gegeben, und so hatte die Kirche schnell einen &#220;berblick &#252;ber das Ausma&#223; der Manipulation. Das damalige Politb&#252;ro-Mitglied Werner Jarowinsky, das &#252;ber die Vorhaben der Kirche fr&#252;hzeitig informiert war, ignorierte die Warnungen. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte!</p>
<p>Die Pr&#252;fungsaktion beschr&#228;nkte sich aber nicht auf B&#252;rgerrechtler und Kirchenleute, sondern gingen weit dar&#252;ber hinaus; auch viele SED-Mitglieder waren beteiligt. Sie, die beipielsweise zum Teil deswegen zur Ausz&#228;hlung der Stimmen gingen, um die Richtigkeit des Wahlergebnisses gegen die ihnen als St&#246;renfriede suggerierten B&#252;rgerrechtler zu bezeugen, stellten mit Entsetzen fest, dass tats&#228;chlich get&#228;uscht und verf&#228;lscht wurde. Sie machten Eingaben an ihre Parteisekret&#228;re, ihre Leitungen, sogar ans Zentralkomitee, erhielten aber keine oder nur ausweichende Antworten. Einige wurden beschworen, angesichts der komplizierten Lage stillzuhalten, andere erlebten, dass sich die Staatssicherheit intensiv f&#252;r sie zu interessieren begann. F&#252;r viele der bisher gegen&#252;ber der Partei Gl&#228;ubigen war dies eine Initialz&#252;ndung, die sie zu grunds&#228;tzlichem Zweifel veranlasste und .auch die B&#252;rgerbewegung in einem anderen Licht sehen lie&#223;.</p>
<p>F&#252;r die Staatssicherheit waren nat&#252;rlich all diese demokratischen Bekundungen nichts anderes als »provokatorisch-demonstrative Aktivit&#228;ten«, und die im Wahlgesetz ausdr&#252;cklich festgelegte &#246;ffentliche Ausz&#228;hlung der W&#228;hlerstimmen wurde von ihr faktisch kriminalisiert. In ihrem Bericht an die Partei- und Staatsf&#252;hrung hie&#223; es: »Internen Hinweisen aus allen Bezirken der DDR zufolge wurden insbesondere Mitglieder sogenannter kirchlicher Basisgruppen und Antragsteller auf st&#228;ndige Ausreise erkannt, die sich zur ›Kontrolle‹ bzw. ›&#220;berwachung‹ der Wahlhandlung und Stimmenausz&#228;hlung in Wahllokalen befanden.«</p>
<p>Diese Gruppen stellten Wahlmanipulationen in betr&#228;chtlichem Ausma&#223;e fest. In Berlin dokumentierten sie diese f&#252;r die Stadtbezirke Wei&#223;ensee, Friedrichshain und Prenzlauer Berg und formulierten eine Eingabe gegen die G&#252;ltigkeit der Kommunalwahlen. Obwohl sie die in Sonderwahllokalen bereits vor dem Wahltag abgegebenen Stimmen nicht erfassen konnten (sie machten allein in Wei&#223;ensee etwa ein Drittel aus) und au&#223;erdem auch nicht in allen Wahllokalen pr&#228;sent waren, ermittelten sie durchweg eine h&#246;here Gesamtzahl von Nein-Stimmen bei ihren Beobachtungen als bei der offiziellen Verk&#252;ndigung des Wahlergebnisses f&#252;r den gesamten Stadtbezirk genannt wurden So z&#228;hlten sie in Wei&#223;ensee (ohne Sonderwahllokale) 2224 Gegenstimmen, w&#228;hrend nur 1011 ver&#246;ffentlicht wurden. In Friedrichshain betrug die Differenz gar 4919 zu 1611, und selbst in Prenzlauer Berg, wo nur in einem Drittel der Wahllokale kontrolliert worden war, ermittelten die B&#252;rgerrechtler 2659 Gegenstimmen, w&#228;hrend es im gesamten Stadtbezirk &#8211; nach offizieller Darstellung &#8211; nur 1998 gewesen sein sollen.</p>
<p>&#196;hnliche Diskrepanzen gab es im ganzen Land; sie wurden nicht mehr hingenommen. Insgesamt 800 Eingaben und Einspr&#252;che wurden an die Verantwortlichen f&#252;r die Wahl gesandt, nat&#252;rlich ohne jeden Erfolg. Denn schon unmittelbar nach der Wahl hatte Mielke angewiesen, wie zu reagieren sei. »Die Partei verlangt von uns«, so erinnerte sich Wiegand an seine Worte, »gegen diese feindlichen Aktivit&#228;ten entschlossen vorzugehen«. Und der Befehl wurde &#8211; wie stets &#8211; widerspruchslos erf&#252;llt. Am 19. Mai gab das MfS detaillierte Hinweise heraus, wie gegen die Eingaben, aus seiner Sicht »provokative rechtswidrige Handlungen«, vorzugehen sei: »1. Wird festgestellt, dass Personen die Ergebnisse der Kommunalwahlen in der &#214;ffentlichkeit herabw&#252;rdigen, sind entsprechende Pr&#252;fungshandlungen einzuleiten &#8230; 2. Sachlich gehaltene Eingaben, andere Schreiben oder Erkl&#228;rungen zum Wahlergebnis an staatliche Organe sind den &#246;rtlichen Wahlkommissionen zu &#252;bergeben. Die Sekret&#228;re der Wahlkommissionen werden wie folgt antworten: ›Die Wahlkommission hat anhand der von den Wahlvorst&#228;nden entsprechend § 39 Absatz 1 des Wahlgesetzes exakt gefertigten Niederschriften die ordnungsgem&#228;&#223;e Durchf&#252;hrung der Wahlen gepr&#252;ft, das Wahlergebnis festgestellt und ver&#246;ffentlicht. Dem ist nichts hinzuzuf&#252;gen.‹ Auf jeden Fall ist zu vermeiden, dass zur Sache selbst oder zu den angeblichen Fakten argumentiert wird. Schreiben, die vorher den westlichen Medien &#252;bermittelt worden sind, werden nicht bearbeitet &#8230; Anzeigen, die nach § 211 Strafgesetzbuch erstattet werden, sind ohne Kommentar entgegenzunehmen. Nach Ablauf der vorgesehenen Fristen f&#252;r die Anzeigenbearbeitung ist von dem jeweils zust&#228;ndigen Organ zu antworten, dass keine Anhaltspunkte f&#252;r den Verdacht einer Straftat vorliegen. Au&#223;erdem ist auf die offizielle Verlautbarung &#252;ber die ordnungsgem&#228;&#223;e Durchf&#252;hrung der Wahlen zu verweisen. Beschwerden gegen die getroffenen Entscheidungen sind gem&#228;&#223; § 91 StPO zu bearbeiten und abschl&#228;gig zu entscheiden.« Und dazu kamen die speziellen »Ma&#223;nahmen« der Sicherheitsorgane selbst: »Die Leiter der operativen Diensteinheiten haben zu sichern, dass die gr&#252;ndliche operative Durchdringung feindlicher, oppositioneller und anderer negativer Personenkreise vor allem mit dem Ziel erfolgt, weitere beabsichtigte Aktivit&#228;ten zur Diskreditierung der Ergebnisse der Kommunalwahlen t rechtzeitig zu erkennen und vorbeugend zu verhindern. Bei Vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen sind operative Personenkontrollen durchzuf&#252;hren bzw. diese Personen in operativen Vorg&#228;ngen zu bearbeiten.«</p>
<p>Dabei wusste das MfS ganz genau, dass die Wahlresultate gesch&#246;nt waren, denn seiner l&#252;ckenlosen Beobachtung war die Zunahme der Gegenstimmen nicht entgangen. In einem Bericht beschrieb es das so: »Feindliche, oppositionelle Kr&#228;fte, die im Verh&#228;ltnis zu vorangegangenen analogen Anl&#228;ssen in gr&#246;&#223;erer Zahl an den Wahlen teilnahmen, und ein erheblicher Anteil von Antragstellern auf st&#228;ndige Ausreise, die im Zusammenhang mit der Wahlhandlung als solche erkannt wurden, suchten die Wahlkabinen auf und nahmen Streichungen einzelner bzw. aller Kandidaten vor.« Und auch Egon Krenz best&#228;tigte in einem Gespr&#228;ch nach der Wende faktisch, dass es am 7. Mai 1989 zu Wahlf&#228;lschungen kam. Zwar blieb er bei seiner Behauptung, er habe niemals Anweisung dazu gegeben, das Wahlergebnis zu manipulieren und das der zentralen Wahlkommission &#252;bermittelte Resultat exakt feststellen lassen, aber auf dem Weg dahin h&#228;lt er manches f&#252;r m&#246;glich: »Seit 1950 hatten sich Mechanismen herausgebildet, da&#223; das Wahlergebnis jeweils mindestens so gut wie vorher sein sollte. Dazu brauchte man keine zentralen Beschl&#252;sse; das war Bestandteil der Zahlenhascherei, die es ja auf vielen Gebieten gab.« Er r&#228;umte jedoch ein, dass &#8211; auch durch ihn &#8211; die Hartn&#228;ckigkeit der oppositionellen Gruppen bei der &#220;berpr&#252;fung der Wahlergebnisse untersch&#228;tzt worden sei und man deshalb falsch reagiert habe.</p>
<p>Die B&#252;rgerrechtler jedenfalls lie&#223;en sich durch die Zur&#252;ckweisung ihrer Kritik nicht beirren. Sie sp&#252;rten die Zunahme des Unmuts auch in der Bev&#246;lkerung, der schon am Wahltag deutlich zum Ausdruck gekommen war. So stellte die Staatssicherheit in ihrem Rapport &#252;ber den Wahlablauf fest<br />
» &#8211; verst&#228;rkte Nutzung der Sonderwahllokale f&#252;r die Durchf&#252;hrung der Wahlhandlung,<br />
- eine Zunahme der Zahl von Personen, die zur Durchf&#252;hrung der Wahlhandlung die Wahlkabinen aufsuchten, darunter ein erheblicher Anteil von Personen bis 25 Jahre sowie religios gebundene Kr&#228;fte,<br />
- eine Zunahme der Zahl von Personen, die ung&#252;ltige Stimmzettel abgaben bzw. gegen die Kandidaten der Nationalen Front stimmten und mehrfach Wahlscheine mit zus&#228;tzlichen Texten versahen.«</p>
<p>Angesichts der wachsenden Unzufriedenheit beschlossen die Oppositionellen, durch weitere Aktionen wieder und wieder den Wahlbetrug anzuprangern, auch wenn das noch immer gef&#228;hrlich war. Besonders j&#252;ngere, neu zur Opposition gesto&#223;ene Unzufriedene wollten sich auf keine Kompromisse mehr einlassen. »Von diesen neuen Leuten, die sich hier engagierten, hatte ich hohen Respekt«, sagte Manfred Stolpe, damals Konsistorialpr&#228;sident der evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg, sp&#228;ter dazu, »Das waren. auch aus dem kirchlichen Bereich solche, die &#252;ber die Vorstellungen der etablierten Gruppen hinausgingen. Diese waren zum Teil schon oder noch zu vorsichtig und wurden daf&#252;r kritisiert.«</p>
<p>Im ganzen Land kam es zu Protesten. In Leipzig artikulierten sie sich schon bei einem Gottesdienst in der Nikolaikirche am 8. Mai. Auch in anderen St&#228;dten wurden offene Aufragen an den Staat gerichtet. Am 7. Juni, genau einen Monat nach der Wahl, trafen sich Berliner Oppositionelle vor dem Konsistorium der Evangelischen Kirche in der Neuen Gr&#252;nstra&#223;e. Sie planten einen Schweigemarsch zum Staatsratsgeb&#228;ude, wo sie eine Eingabe gegen die Wahlmanipulation abgeben wollten. Doch die Staatssicherheit war rechtzeitig zur Stelle. Sie hatte schon am Tage zuvor sogenannte Vorbeugungsgespr&#228;che mit 18 Organisatoren des Marsches gef&#252;hrt, »in denen ihnen die Auflage erteilt wurde, sich an dem geplanten Vorhaben nicht zu beteiligen«. Am 7. Juni kontrollierte das MfS permanent die Umgebung des Konsistoriums und hatte ein besonderes Auge auf ca. 160 B&#252;rgerrechtler, die bereits auf der schwarzen Liste des Ministeriums standen. 48 von ihnen wurden festgenommen, weil sie »zum f&#252;r die Provokation vorgesehen Zeitpunkt versuchten, in die Neue Gr&#252;nstra&#223;e zu gelangen und die entsprechende Weisung der Einsatzkr&#228;fte zur Umkehr negierten«.</p>
<p>Als die Organistoren merkten, dass der Protestmarsch nicht stattfinden konnte, setzten sie f&#252;r den Abend eine Informationsveranstaltung in der Sophienkirche an. Dort berichteten zwei Pastoren &#252;ber das Geschehen am Konsistorium und stie&#223;en dabei auf zunehmende Ungeduld der Versammelten. Sie wollten nicht l&#228;nger &#8211; abgeschlossen in kirchlichen R&#228;umen &#8211; ihre Wunden lecken, sondern ihrer Stimme &#246;ffentlich Geh&#246;r verschaffen. Trotz Warnungen der Kirchenleute setzte sich bald die erste Gruppe der 150 bis 200 Anwesenden zu einem Demonstrationszug in Bewegung, der nat&#252;rlich sofort auf massiven Polizei-Widerstand traf. Wurde erst noch versucht zu verhandeln und die Genehmigung eines friedlichen Aufmarsches zu erreichen, so zeigte der Staat bald seine geballte Faust. Die Umweltbl&#228;tter schilderten die Vorg&#228;nge: »W&#228;hrenddessen waren auf der linken Seite 5 LOs und ein Toniwagen der Polizei vorgefahren, und auf der den Demonstranten gegen&#252;berliegenden Stra&#223;enseite ballten sich 150 &#8211; 200 Stasi-Leute. Von der Polizei war das Kommando ›Absitzen! Gummikn&#252;ppel! Einsatz!‹ zu h&#246;ren. Nach der offiziellen Aufforderung, den Platz zu verlassen, dr&#228;ngen sofort 10 bis 20 Polizisten auf der linken Seite der sitzenden Menschentraube ein, w&#228;hrend die gesamte Masse der Stasi-Leute, ebenfalls mit Gummikn&#252;ppeln ausger&#252;stet, in der Mitte einen tiefen, dicht gestaffelten Keil bildeten. Unter ihnen waren viele, die die Gummikn&#252;ppel benutzten, und an den Haaren wurden die Sitzenden hochgezerrt und in drei rechts stehende Stasi-Busse geschleppt. Auch die Polizei war von unerh&#246;rter Brutalit&#228;t. Die gr&#246;&#223;te Masse der Demonstranten blieb sitzen und wehrte sich nicht. Nur wenige lie&#223;en sich von den brutalen Exzessen der Sicherheitskr&#228;fte provozieren. Ihr Einsatz war eindeutig MfS-geleitet und wurde von dessen Offensive gekennzeichnet. Der Stasi-Keil wurde bis zum Tor des Sophiengel&#228;ndes vorgetrieben. Alle, die sich bis dahin nicht auf das Gel&#228;nde zur&#252;ckgezogen hatten, etwa 75 bis 80 Leute, wurden abtransportiert. Beobachtet wurde die Abfahrt von zwei gef&#252;llten Stasi-Bussen, so dass man mit der Festnahme von etwa 150 Leuten rechnen muss. Nach diesen Festnahmen zogen sich die Stasi-Leute wieder auf die gegen&#252;berliegende Stra&#223;enseite zur&#252;ck. Verhandlungen der Pfarrer &#252;ber die Freilassung der Festgenommenen erwiesen sich als fruchtlos. Es kam zu gegenseitigen Beschimpfungen. Ein Stasi-Mann in gelbem Blouson: ›Ihr paar Leute. Wir holen noch eine Hundertschaft ran, und dann hauen wir euch richtig!‹«</p>
<p>Dennoch kam es einen Monat sp&#228;ter, am 7. Juli, erneut zu Aktionen, und diese wiederholten sich an jedem folgenden 7. des Monats &#8211; bis in den Herbst hinein, wo sie in die gro&#223;en Massendemonstrationen m&#252;ndeten, die die V/ende herbeif&#252;hrten. Aber auch zwischendurch war die Kritik am Wahlbetrug nie verstummt; er erwies sich als jener ber&#252;hmte Tropfen, der das Fass zum &#220;berlaufen brachte und vielen im Lande endg&#252;ltig die Augen &#246;ffnete, mit welcherart F&#252;hrung sie .es zu tun hatten. Auch der damalige Berliner evangelische Bischof Dr. Forck sah in den Auseinandersetzungen um die Kommunalwahlen den Beginn einer neuen Qualit&#228;t des Protestes gegen die offizielle Politik: »H&#228;tte der Staat eine vern&#252;nftige Wahl zugelassen und echte Ergebnisse mitgeteilt, w&#228;ren vielleicht nur eine achtzigprozentige Teilnahme und etwa zehn Prozent Gegenstimmen herausgekommen. Indem er aber in alter Weise verfuhr und alle Einspr&#252;che abwehrte, jede Unregelm&#228;&#223;igkeit abstritt und die Kritiker verleumdete, indem er sich so stur verhielt, l&#246;ste er neue Proteste, neue Aktionen aus.«</p>
<p>Forck stellt diese Ereignisse in eine Reihe mit den Protesten gegen die offizielle DDR-Haltung zur Niederschlagung von Studentendemonstrationen in China Anfang Juni des gleichen Jahres. »Auch hier«, so sagte er, »h&#228;tte der Staat eine ma&#223;volle Stellungnahme abgeben k&#246;nnen, mit dem Ausdruck des Bedauerns, aber die eindeutige Erkl&#228;rung f&#252;r die chinesische F&#252;hrung und die Darstellung der Ereignisse in Form einer Gr&#228;uelpropaganda l&#246;sten bei vielen Menschen die Frage aus: Wo leben wir eigentlich?«</p>
<p>Doch der Staat war zu gem&#228;&#223;igter Reaktion schon lange nicht mehr in der Lage. Jede &#196;u&#223;erung von Unmut und Protest wurde mit drakonischen Ma&#223;nahmen beantwortet. Das mussten auch die jungen Leute erfahren, die auf das Massaker in China mit einem sogenannten Trommelfasten und Klagegottesdiensten als Zeichen ihrer Trauer reagierten. Der Staat intervenierte massiv bei<br />
der Kirche, diese Aktionen sofort zu unterbinden und drohte unverh&#252;llt Zwangsma&#223;nahmen an. Er erreichte jedoch nur, dass die Au&#223;enwirkung dieser Demonstrationen begrenzt blieb; sie selbst konnte er nicht unterbinden. Wie die Staatssicherheit in ihren Berichten feststellte, »&#8230; waren beide Veranstaltungen geeignet und darauf ausgerichtet, die Politik der DDR, insbesondere die Informationspolitik, zu verunglimpfen, feindliche, oppositionelle Kr&#228;fte und deren Sympathisanten/Mitl&#228;ufer politisch negativ zu beeinflussen sowie den in j&#252;ngster Zeit feststellbaren zunehmenden Aktionismus derartiger Kr&#228;fte weiter zu f&#246;rdern«.</p>
<p>Tats&#228;chlich gingen die Trommelaktionen mit Kundgebungen vor allem vor der chinesischen Botschaft in Pankow einher, gegen die die Staatssicherheit in der schon gewohnten Weise einschritt. Auch hier wieder ein Bericht der Umweltbl&#228;tter : »Im Zusammenhang mit dem Terror gegen Studenten und Bev&#246;lkerung in China kam es in Berlin zu zahlreichen Demonstrationen mit dem Ziel der chinesischen Botschaft. Ziel war jeweils die &#220;berreichung von Protesterkl&#228;rungen gegen den Terror der Sicherheitsorgane &#8230; Gemeinsam ist, dass jeweils bis zu 50 Passanten an unterschiedlichen Punkten der Strecke zur Botschaft festgenommen wurden. Besonders brutal war das Vorgehen der Sicherheitsorgane am Donnerstag, den 22. Juni, als etwa ein weiterer Zug von der Pankower Kirche in Richtung chinesische Botschaft aufbrach. W&#228;hrend fr&#252;her Pfarrer und kirchliche Angestellte v&#246;llig unbehelligt blieben, wollten die Sicherheitsorgane diesmal offenbar ein Exempel statuieren. Zwei engagierte Diakone wurden verletzt, der eine, w&#228;hrend er festgenommen wurde und bewusst mit dem Kopf auf den Boden geschlagen wurde. Die Kopfwunden und eine Gehirnersch&#252;tterung ›infolge polizeilicher Einwirkung‹ wurden von einem Arzt best&#228;tigt. Der andere wurde w&#228;hrend der Vernehmung nackt ausgezogen und zusammengeschlagen, und zwar in der bewussten ›geschickten‹ Art, die h&#246;chstens als blaue Flecken resp.. sp&#228;terer Leberschaden sichtbar ist.«</p>
<p>Aus diesen versch&#228;rften Repressionsma&#223;nahmen wird die wachsender Nervosit&#228;t der Partei- und Staatsorgane sowie ihrer Sicherheitskr&#228;fte erkennbar. Denn nicht nur gegen die« offenen Proteste gegen die Politik der F&#252;hrung war diese zunehmend machtlos, sondern mehr noch gegen eine andere Form der Verweigerung &#8211; die sprunghaft steigenden Ausreiseantr&#228;ge. Schon im Oktober 1988 hatte Manfred Stolpe auf die Zuspitzung dieses Problems aufmerksam gemacht: »Man hat in der Gesellschaft verkannt, dass die &#228;u&#223;ere Anpassung an die Verh&#228;ltnisse dennoch innere Abwendung erm&#246;glicht. Das ist offenbar in nicht wenigen F&#228;llen geschehen, dass Menschen sich &#228;u&#223;erlich total angepasst haben bis hin zum Kirchenaustritt. Und aus diesem Kreis kommt die Masse der Antragsteller. Diese Menschen haben sich innerlich abgewendet und ihr Herz bereits &#252;ber die Mauer geworfen. Das ist meines Erachtens eine ganz zentrale Frage an die Gesellschaft: Was wurde falsch gemacht, dass Menschen zu solchen Haltungen kommen, dass sie zu solcher Anpassung erzogen und verbogen wurden? Jetzt r&#228;cht sich das.«</p>
<p>(Zur Ausreisewelle aus der DDR und zur Widerspiegelung der sich beschleunigenden Erosionsprozesse in ihren Medien folgt demn&#228;chst ein zweiter Teil.)</p>
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		<title>Vor 20 Jahren &#8211; Der Countdown in der DDR l&#228;uft</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Jan 2009 15:08:42 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 20 Jahren bot wieder einmal das Gedenken an Karl Liebknecht und Rosa Luxermburg der Opposition in der DDR die M&#246;glichkeit, sich gegen den Druck der Staatsmacht Geh&#246;r zu verschaffen. Und sichtbarer als je zuvor wurde, dass sich der Widerstand gegen das Regime in der DDR immer weiter ausbreitete &#8211; sowohl r&#228;umlich in vielen Teilen der DDR als auch organisatorisch, indem immer neue Bereiche, gesellschaftliche Gruppen Kritik artikulierten und sich zu vernetzen begannen.<span id="more-699"></span><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/89f78554be624a3db9c0817353d48552" width="1" height="1" alt=""/></p>
<p>Der Protest am 15. januar 1989 war da nur eine Art Auftakt f&#252;r viele Aktivit&#228;ten der folgenden Wochen und Monate, die selbst vom Ministerium f&#252;r Staatssicherheit immer weniger beherrschbar waren und bei der SED-Parteif&#252;hrung wachsende Hilflosigkeit ausl&#246;sten. Immer mehr lie&#223;en sich immer weniger einsch&#252;chtern.</p>
<p>Dar&#252;ber entstand ein gutes Jahr sp&#228;ter, im Sommer 1990, nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h2>DDR 1989 &#8211; Der Countdown l&#228;uft</h2>
<p>Sah es lange so aus, als sei die Oppositionsbewegung in der DDR auf die Hauptstadt beschr&#228;nkt, so &#228;nderte sich das sp&#228;testens im Jahre 1989 gr&#252;ndlich. Dabei hatte dieser Eindruck stets getrogen, gab es immer auch Aktivit&#228;ten &#252;berall im Lande; sie fanden aber in der Regel keine so weite Verbreitung wie Berliner Vorkommnisse, die von den dort ans&#228;ssigen ausl&#228;ndischen Medien nat&#252;rlich vorrangig wahrgenommen wurden. Das erstaunt jedoch auch deshalb, weil die Oppositionsbewegung gerade in der nicht der Zentrale zugetanen »Provinz« oft noch elementarer, noch radikaler auftrat als in Berlin. Besonders kennzeichnend daf&#252;r waren die Ereignisse in Leipzig und Dresden zu Anfang 1989.</p>
<p>Die Leipziger B&#252;rgerrechtsaktivisten, die schon bei den Solidarit&#228;tsaktionen f&#252;r die in Berlin im Januar 1988 Verhafteten sehr engagiert in Erscheinung traten, hatten das ganze Jahr &#252;ber die Staatsmacht mit ihren Aktionen besch&#228;ftigt. Das Zentrum ihres Widerstandes war die Nikolai-Kirche, aber sie hatten &#8211; zum Beispiel mit einem Plei&#223;e-Gedenkmarsch oder mit Aktivit&#228;ten zur Dokumentarfilmwoche im November 1988 &#8211; ihren Handlungsradius bald auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt. Wenige Tage vor der traditionellen Liebknecht/Luxemburg- Ehrung hatten sie Flugbl&#228;tter verteilt, die zu einer Alternativaktion aufriefen. »Der Tag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht«, hie&#223; es da, »soll uns Anlass sein, weiter f&#252;r eine Demokratisierung unseres sozialistischen Staates einzutreten. Es ist an der Zeit, ruhig und offen unsere Meinung zu sagen: Schluss mit der uns l&#228;hmenden Teilnahmslosigkeit und Gleichg&#252;ltigkeit. Lassen Sie uns gemeinsam eintreten<br />
- f&#252;r das Recht auf freie Meinungs&#228;u&#223;erung,<br />
- f&#252;r die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit,<br />
- f&#252;r die Pressefreiheit und gegen das Verbot der Zeitschrift ›Sputnik‹ (deutschsprachige Zeitschrift, die Beitr&#228;ge aus der aktuellen sowjetischen Presse enthielt &#8211; d. Verf.) und kritischer sowjetischer Filme.«</p>
<p>Dazu sollten am Nachmittag des 15. Januar 1989 ein Schweigemarsch vom Leipziger Markt zur Braustra&#223;e, wo sich das Geburtshaus Karl Liebknechts befindet, stattfinden. Diese Aktion beschrieb das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit sp&#228;ter so: »Am 15. Januar 1989, nach 16.00 Uhr rotteten sich ca. 150 &#8211; 200 Personen vor dem Untergrundmessehaus im Stadtzentrum von Leipzig zusammen. Durch eine m&#228;nnliche Person wurde ein vorbereiteter Text verlesen, in dem zur Teilnahme an dem in den Hetzflugbl&#228;ttern angek&#252;ndigten Schweigemarsch aufgerufen wurde. Danach setzte sich diese Personengruppierung in Richtung Neues Rathaus in Bewegung. Es wurden keine .Symbole mitgef&#252;hrt. Da die Teilnehmer den wiederholten Aufforderungen der Deutschen Volkspolizei nach Aufl&#246;sung des Marsches nicht Folge leisteten, erfolgte durch die Schutz- und Sicherheitsorgane die Zuf&#252;hrung von insgesamt 53 Personen. Die erfolgten Befragungen der Zugef&#252;hrten ergaben, dass 24 in Kenntnis des Inhaltes des Hetzflugblattes und weitere 23 entsprechend der Aufforderung der m&#228;nnlichen Person an dieser provokatorisch-demonstrativen Aktion teilnahmen. 5 waren durch Bekannte zur Teilnahme aufgefordert worden und 1 Person befand sich unter starkem- Alkoholeinflu&#223;. Alle zugef&#252;hrten Personen wurden auf der Grundlage des VP-Gesetzes belehrt und zeitlich versetzt nach Abschluss der Verdachtspr&#252;fungshandlungen bis 22.00 Uhr entlassen.«</p>
<p>Diese Aktion war eine der ersten in Leipzig, bei der Polizei so massiv eingesetzt wurde &#8211; auch f&#252;r die jungen Bereitschaftspolizisten eine neue Erfahrung. Einer von ihnen schilderte sp&#228;ter in den »Umweltbl&#228;ttern« seine Empfindungen: »Spekulationen und Ger&#252;chte kursierten um die geplante Demonstration. Keiner wusste Genaues; unsere Vorgesetzten schwiegen sich aus. Um die Mittagszeit kam der Befehl zur Einsatzvorbereitung. Kurze Zeit sp&#228;ter bekamen wir die Schlagst&#246;cke ausgeteilt. So ungef&#228;hr um 14.00 Uhr traten wir auf dem Exerzierplatz an. Erst jetzt wurde uns der Einsatz anl&#228;sslich einer nicht genehmigten Demonstration zur ›Aufrechterhaltung der &#246;ffentlichen Ordnung und Sicherheit‹ angek&#252;ndigt. Es folgten Belehrungen &#252;ber Disziplin, Verantwortungsbewusstsein etc. sowie &#252;ber die Handhabung des Schlagstocks (nur auf Weichteile), Abf&#252;hrgriffe etc. . . Wir . . . wurden zur Gedenkst&#228;tte gefahren. Die Stra&#223;e wurde von uns oben und unten mit ca. 15 Mann abgeriegelt. Ich beobachtete Stasi-Leute, die aufgeregt innerhalb und au&#223;erhalb der Stra&#223;e hin- und hergingen. Wahrscheinlich erhielten sie von einem Vorgesetzten innerhalb der Absperrung Anweisungen. Andere Stasi-Leute waren damit besch&#228;ftigt, die Ausweise von Passanten zu kontrollieren, die sich der Stra&#223;e n&#228;herten. Nur Anwohner wurden durchgelassen. Es kamen mehrere Gr&#252;ppchen, die stehen blieben und dem Treiben zusahen. Ich hatte beklemmende Gef&#252;hle. Tr&#228;nen standen mir in den Augen (War es der Wind, oder. . .). Mein Freund neben mir starrte stumpf vor sich hin. Ich stehe hier als Polizist, muss als Grundwehrdienstleistender Dinge tun, die ich mit meinem Gewissen, nicht vertreten kann. Ein Gl&#252;ck, dass wir mit den eigentlichen Demonstranten nicht in Ber&#252;hrung kamen. . . Als wir die Sperrkette in der Stra&#223;e aufzogen, schaute eine junge Frau aus dem Fenster. Nach einiger Zeit schloss sie das Fenster, z&#252;ndete im Zimmer Kerzen an und spielte Geige.«</p>
<p>Der MfS-Bericht erwies sich &#252;brigens als unvollst&#228;ndig. Zwar wurden die »Zugef&#252;hrten« in der Nacht zum Montag freigelassen, doch schon in den n&#228;chsten Tagen wieder in Gewahrsam genommen. Fred Kowasch, der erst nicht exakt definierte Redner an der Untergrundmessehalle, wurde&#8217; am Montag, 13 Uhr, verhaftet; am Mittwoch lud die Polizei alle, die sich als Kontaktadressen der Arbeitsgruppe f&#252;r Menschenrechtsfragen zur Verf&#252;gung gestellt hatten, zu Verh&#246;ren. Dabei wurde angestrebt, Leipzig als Ausgangspunkt dieser Arbeitsgruppe zu<br />
bestimmen &#8211; exaktes Schubkastendenken bestimmte die Arbeitsmethoden des MfS. Doch aus den eingangs dargestellten Ermittlungen lie&#223; sich offensichtlich wenig machen. Am Freitag darauf entlie&#223; man Kowasch wieder aus der Haft, und in der folgenden Woche wurden auch die Ermittlungsverfahren eingestellt. Die Leipziger B&#252;rgerrechtler brachten diese f&#252;r sie &#252;berraschende Entwicklung mit dem Abschluss der Wiener KSZE-Folgekonferenz in Zusammenhang &#8211; ein Faktor, der sich f&#252;r die Wirkungsm&#246;glichkeiten der oppositionellen Gruppen in den n&#228;chsten Wochen positiv bemerkbar machen sollte.</p>
<p>In Dresden kam es &#8211; auch schon traditionell &#8211; am 13. Februar 1989 zu Aktionen in und vor der Kreuzkirche sowie der zerst&#246;rten Frauenkirche, wo ein Nachtgebet stattfand. Polizei und Staatssicherheit machten hier Jagd auf unliebsame Losungen, darunter auf ein Schild, mit der Aufschrift »KSZE an Elbe und Spree«. Die Dresdener Oppositionellen spielten damit auf die erfolgreich abgeschlossene KSZE- Konferenz an, die ein Dokument verabschiedet hatte, das viele B&#252;rgerrechtsaktionen faktisch legalisierte und damit eine gro&#223;e Ermutigung f&#252;r die Gruppen war.<br />
Dr. Hans Vo&#223;, stellvertretender Leiter der DDR-Delegation in Wien, schilderte nach der Wende, wie im Verlauf der dort vom 4. November 1986 bis 19. Januar 1989 tagenden Folgekonferenz die Position der DDR immer unhaltbarer wurde: »Die Forderungen des Westens, die in vielem mit den Auffassungen der Gruppen konform gingen, stie&#223;en am Anfang auf eine einhellige Gegenposition der sozialistischen L&#228;nder. Doch mit den Jahren, vor allem mit der Demokratiebewegung in der UdSSR, aber auch in Ungarn und Polen, &#228;nderte sich das. Es kam dann sogar so weit, dass Druck auf jene Staaten ausge&#252;bt wurde, die sich str&#228;ubten, den Forderungen des Westens entgegenzukommen.«</p>
<p>Vo&#223; hob hervor, dass die DDR- Delegation die Entwicklung richtig prognostizierte: »Wir informierten, wie sich die Dinge wahrscheinlich gestalten w&#252;rden, wir verwiesen auf die vor allem f&#252;r die Sowjetunion ge&#228;nderten Umst&#228;nde und entwickelten eigene Vorstellungen zum weiteren Vorgehen. Einiges wurde beachtet, zumindest in der ersten Zeit; daf&#252;r sprachen .ja auch bestimmte Entscheidungen, z. B. &#252;ber die Verwaltungsgerichtsbarkeit.« Aber sp&#228;ter war die F&#252;hrung der damaligen DDR dann immer weniger zu Zugest&#228;ndnissen bereit. »Man trug uns auf, dieses oder jenes zu vermeiden, was aber kaum noch gelang«, schilderte Vo&#223; das Dilemma. »Nicht einmal die fr&#252;heren Verb&#252;ndeten zogen mit, was unsere F&#252;hrung nicht verstand. Sie lebte in einer irrealen Welt, auch was diese Prozesse betraf.«</p>
<p>Dieser Irrationalismus hatte sich zuvor schon in der Haltung zur sowjetischen Informationspolitik gezeigt, die im »Sputnik«-Verbot kulminierte. Das MfS reflektierte die in der DDR-Bev&#246;lkerung weithin positiven Auffassungen &#252;ber Perestroika und Glasnost, f&#252;hlte sich jedoch gehalten, sie letztlich zu bagatellisieren und das eigene Wunschdenken als Bev&#246;lkerungsmeinung auszugeben. Zitat: »W&#228;hrend in zur&#252;ckliegender Zeit die Auffassung dominierte, das offene und kritische Aufzeigen von Fehlern und Schw&#228;chen in der bisherigen gesellschaftlichen Entwicklung der UdSSR und die in breiter Form dazu gef&#252;hrte &#246;ffentliche Auseinandersetzung damit seien Ausdruck der St&#228;rke der KPdSU, nehmen jetzt Auffassungen an Umfang und Intensit&#228;t zu, dass die Entfaltung der sozialistischen Demokratie und die Entwicklung einer Atmosph&#228;re der Offenheit nicht dazu f&#252;hren d&#252;rfen, in der &#214;ffentlichkeit hemmungslos subjektivistische Meinungen und Beurteilungen von Menschen und Prozessen kundtun, Halbwahrheiten, Spekulationen und b&#252;rgerliche Auffassungen verbreiten zu k&#246;nnen.« Die unrealistische Sicht auf den geistigen Zustand der Bev&#246;lkerung zeigte sich sp&#228;ter auch in der Bewertung der Ausreisewelle, was sich besonders verh&#228;ngnisvoll auswirken sollte.</p>
<p>F&#252;r die B&#252;rgerrechtler war Wien eine Ermutigung. »Die Beschl&#252;sse waren &#8211; wenn auch formal nicht verbindlich, so doch moralisch von erheblicher Wirkung &#8211; und damit«, sagte Dr. Vo&#223;, »geeignet, bei den Beh&#246;rden die Rechte einzuklagen und bei Nichtgew&#228;hrung immer wieder nachzusto&#223;en. Dabei erhielten die Gruppen auch die Unterst&#252;tzung westlicher Staaten, die immer<br />
wieder Fragen an uns richteten. Wir wollten darauf schon eine Antwort geben &#8211; schlie&#223;lich waren wir dazu verpflichtet, aber von der Zentrale wurde das immer wieder abgeblockt. Man empfahl uns, diese Dinge nicht zu ernst zu nehmen, sondern zu ignorieren .«</p>
<p>Als die Wiener Konferenz zu Ende war, verst&#228;rkte sich diese wirklichkeitsfremde Haltung der F&#252;hrung noch. »Von Wien aus«, so Vo&#223;, »konnten wir noch Einfluss nehmen, auf Zw&#228;nge verweisen, denen wir international ausgesetzt waren. Nun aber zog das nicht mehr, und mehr und mehr waren wir gehalten zu versuchen, unseren Verpflichtungen auszuweichen.«</p>
<p>So hatte zwar die Partei- und Staatsf&#252;hrung alles getan, um eine positive Wirkung des KSZE-Prozesses auf die innere Entwicklung zu verhindern; dennoch aber wirkte er sowohl bei mancher zentralen Entscheidung &#8211; zu erinnern sei nur an die m&#252;hsamen und letztlich halbherzigen Schritte vorw&#228;rts in Reisefragen &#8211; als auch auf den unteren Ebenen. Mit den Festlegungen von Wien im Hinterkopf versuchte anfangs noch mancher Funktion&#228;r, ein allzu spektakul&#228;res Vorgehen gegen Andersdenkende zu vermeiden. Klaus Gysi berichtete sogar davon, dass es in dieser Zeit gelang, Vertreter des Au&#223;enministeriums zu Gespr&#228;chen mit Kirchenleuten &#252;ber die KSZE-Problematik zu gewinnen. Damit erweiterten sich die Wirkungsm&#246;glichkeiten der Opposition, und diese war bem&#252;ht, im Fr&#252;hjahr 1989 neben der quantitativen Erweiterung auch sine neue Qualit&#228;t zu erreichen. Die »Initiative Frieden und Menschenrechte« (IFM) trat am 11. M&#228;rz nach langer Konsolidierungs-Phase wieder mit einem Grundsatzdokument an die &#214;ffentlichkeit.</p>
<p>Der Weg dahin war nicht einfach gewesen, denn trotz der Erweiterung der oppositionellen Massenbasis war es der Initiative den gesamten Winter &#252;ber nicht gelungen, die von <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/09/22/vor-20-jahren-iwf-tagung-als-begrenzter-freiraum-der-ddr-opposition/" target="_blank">Werner Fischer </a>beklagten inneren Zwistigkeiten zu &#252;berwinden. Hinzu kam, dass die Initiative im Januar 1989 schwer von der Nachricht getroffen wurde, dass zwei ihrer Mitglieder als Spitzel f&#252;r die Staatssicherheit arbeiteten. Sie hatten sich selbst gestellt, wobei ein Schachzug des Mf&#8217;S zur weiteren Verunsicherung der Opposition nicht ausgeschlossen wurde. Oberst Zeiseweis, stellvertretende Leiter der Bezirksverwaltung&#8217; Berlin glaubte aber im Nachhinein nicht an eine gezielte Aktion, obwohl solches Vorgehen durchaus praktiziert wurde. Wie auch immer &#8211; das Ergebnis war wachsendes Misstrauen innerhalb der IFM und damit eine Erschwerung ihrer Arbeit. Dennoch brachte sie den Aufruf vom 11. M&#228;rz in die &#214;ffentlichkeit, womit sie eine wesentliche Erweiterung ihrer Aktivit&#228;ten beabsichtigte, eine Verbreiterung ihrer Basis anstrebte. »Wir hatten uns bis dahin &#252;berwiegend auf thematische Arbeit konzentriert, zu Wirtschaftsfragen, zur Justizreform, auch zur Entwicklung au&#223;erhalb der DDR«, berichtete Gerd Poppe sp&#228;ter. »Das aber gef&#252;gte nun offensichtlich nicht mehr. Wir mussten unsere M&#246;glichkeiten erweitern, zumal wir ja bewusst nicht unter das Dach der Kirche wollten. Der M&#228;rz-Aufruf sollte auch erm&#246;glichen, uns weitgehend von der Kirche zu l&#246;sen und eine selbst&#228;ndige Arbeit zwischen den Gruppen zustande zu bringen.«</p>
<p>Nach einer kurzen Charakterisierung der internationalen Entwicklung, vor allem der Reformkr&#228;fte in sozialistischen L&#228;ndern, und der zugespitzten Situation in der damaligen DDR kommt der Aufruf zu dein Schluss: »Die bisher auf einen relativ abgeschlossenen Kreis und auf den Berliner Raum orientierte ›Initiative Frieden und Menschenrechte‹ will der neuen Situation dadurch Rechnung tragen, dass sie sich von nun an als offen f&#252;r all diejenigen Menschen in der DDR erkl&#228;rt, die sich den nachfolgend angef&#252;hrten Arbeitsgrundlagen und Zielvorstellungen anschlie&#223;en k&#246;nnen und wollen.« Dann stellte das Papier die offene Arbeitsmethode der IFM dar (»Die ›Initiative Frieden und Menschenrechte‹ ist weder eine Organisation noch eine Partei.Um sich ihr anzuschlie&#223;en, bedarf es keiner eingeschriebenen Mitgliedschaft.«) und umriss ihre wichtigsten inhaltlichen Ziele: »Wie der N&#228;me ›Initiative Frieden und Menschenrechte‹ nahe legt, betrachtet sie Frieden und Menschenrechte als voneinander untrennbar. Sie h&#228;lt es f&#252;r gef&#228;hrlich, eins gegen das andere auszuspielen. Die Menschenrechte sind unteilbar. Mit dem Hinweis auf die Verwirklichung sozialer Rechte und Pflichten d&#252;rfen nicht die politischen Rechte und Pflichten gering gesch&#228;tzt werden &#8211; und umgekehrt. Zu den unver&#228;u&#223;erlichen Menschenrechten geh&#246;ren das Recht auf Freiz&#252;gigkeit und das Recht auf freie Meinungs&#228;u&#223;erung. Es ist notwendig, den tats&#228;chlich vorhandenen Pluralismus der Meinungen zu akzeptieren und die gesellschaftlichen Probleme offenzulegen. Die IFM wird stets f&#252;r freie und ungehinderte Information und Kommunikation eintreten und alle eigenen M&#246;glichkeiten (z.B. unabh&#228;ngige Publikation, Ausstellungen, Seminare) daf&#252;r nutzen. Mit ihrem Handeln werden die der IFM verbundenen Menschen sich in erster Linie ihrem Gewissen verpflichtet f&#252;hlen, was unter anderem hei&#223;t, das Recht auf Meinungsfreiheit ungeachtet staatlicher Restriktionen wahrzunehmen. Ihre Bereitschaft zum Dialog erstreckt sich auf alle gesellschaftlichen Kr&#228;fte &#8211; ungeachtet der Weltanschauung, Religion, ethnischen oder sozialen Zugeh&#246;rigkeit &#8211; innerhalb des eigenen Landes wie auch &#252;ber die Landesgrenzen hinweg.« Sie werden dann im einzelnen pr&#228;zisiert; das Dokument schlie&#223;t mit den Worten: »Durch pers&#246;nliche Kontakte und Zusammenarbeit &#252;ber alle Grenzen hinweg will die ›Initiative Frieden und Menschenrechte‹ dazu beitragen, den Entspannungsprozess ›von unten‹ zu f&#246;rdern.«</p>
<p>Das Echo war zun&#228;chst gering. Die IFM konnte ihren Ruf als verschworener Verein mit hohem theoretischen Anspruch nicht so schnell &#252;berwinden; viele scheuten sich offensichtlich deshalb davor, sich ihr anzuschlie&#223;en, Hinzu kamen Anzeichen eines Sektierertums, das zwischen »alten« und »neuen« Mitgliedern fein differenzierte. Werner Fischer: »Viele dachten wohl, sie w&#252;rden einmal gefragt werden: Wart ihr schon vor dem Aufruf in der IFM, oder habt ihr erst danach den Mut dazu besessen?« So entstand die paradoxe Situation, dass der vorhandene Drang zum Zusammenschluss zun&#228;chst der &#228;ltesten B&#252;rgerrechtsgruppe nicht zugute kam. Vielmehr profitierte davon die Kirche, die mehr und mehr aus der bisherigen Deckung heraustrat.</p>
<p>Bereits im Oktober 1988 hatte das MfS &#8211; vor allein unter dem Eindruck der Proteste gegen die Zensierung der Kirchenzeitungen &#8211; in einer Analyse festgestellt: »Die Mehrzahl der Aktivit&#228;ten der Kr&#228;fte des politischen Untergrundes vollzieht sich unter dem Dach der evangelischen Kirche und des reaktion&#228;ren Teils des Klerus. Dabei hat die Berlin-Brandenburgische Kirche unter Forck eine gewisse Vorreiterrolle gespielt.« Danach versch&#228;rfte ach die Gangart des Staates gegen&#252;ber der Kirche weiter und zwang diese f&#246;rmlich in eine ausdr&#252;ckliche O&#252;oositionsrolle. Bischof Gottfried Forck sprach in diesem Zusammenhang von »N&#246;tigung« der evangelischen Kirche, »weil sie pl&#246;tzlich herausgefordert war«. Und er fuhr fort: »Sie hat das gar nicht unbedingt gerne getan, hat sich oft &#252;ber die Gruppen f&#252;rchterlich ge&#228;rgert, wenn sie durch diese in etwas hineingerissen wurde, aber mehr und mehr wuchs doch die Einsicht, dass das, was die Gruppen betrieben, sie selber eigentlich «ich betreiben musste. Der Beitrag der Kirche zur Wende wurde wesentlich angesto&#223;en durch die Gruppen, die sich unter dem Dach der Kirche gesammelt und sie t&#252;chtig vorw&#228;rtsgetrieben haben.«</p>
<p>Ein deutliches &#228;u&#223;eres Zeichen war neben vielen Einzelaktionen das Friedensseminar von Basisgruppen evangelischer Kirchen. das vom 24. bis 26. Februar 1989 in Greifswald stattfand. Vertreter oppositioneller Gruppierungen aus der gesamten DDR trafen sich, um unter dem Motto »Unser europ&#228;isches Haus &#8211; wie stellen wir es uns vor und wie k&#246;nnen wir daran mitwirken?« zu diskutieren. Es ging den Organisatoren dabei vor allem um Letzteres, n&#228;mlich die Verst&#228;rkung ihrer Mitsprache in wichtigen gesellschaftlichen Angelegenheiten und die Schaffung der daf&#252;r erforderlichen organisatorischen Strukturen.</p>
<p>Das gelang auf dieser Veranstaltung noch nicht, doch die Tendenz war unverkennbar. Pur das MfS bedeutete es schon einen Erfolg, dass die weitere Zusammenarbeit noch nicht auf eine neue Basis gestellt werden konnte. Es berichtete: »Die von den Organisatoren . . . angestrebte weitere Vernetzung und inhaltliche Profilierung der kirchlichen Basisgruppenarbeit fand keine erkennbare unmittelbare Fortsetzung. . .« Das MfS stellte gleichzeitig fest, dass etwa ein Drittel der ca. 200 Teilnehmer der Veranstaltung erstmals vertreten war und gerade diese »Neulinge«&#8221; sich besonders daf&#252;r interessierten, nutzbare Informationen und Anregungen f&#252;r ihre Arbeit zu erhalten. Die damit verbundene Erweiterung des oppositionellen Potentials wurde offensichtlich nicht gesehen; der Staatssicherheit gen&#252;gte in ihrer zunehmenden Bedr&#228;ngnis, dass die Schaffung schlagkr&#228;ftiger Organisationsformen der Opposition noch ausblieb. Und so stellte sie befriedigt fest: »Nicht die Zustimmung des Plenums fanden Vorschl&#228;ge, dem ›Friedensseminar‹ eine festere Struktur im Sinne einer Vereinigung, die k&#252;nftig die Gruppen gegen&#252;ber dem Staat vertreten solle, zu geben sowie ein Adressenverzeichnis aller ›Basisgruppen‹ zu erarbeiten und den Gruppen zur Verf&#252;gung zu stellen.«</p>
<p>Dennoch ging die organisatorische Zusammenf&#252;hrung der Oppositionellen in schnellem Tempo weiter, auch wenn dies von der Kirche &#8211; entsprechend deren von Forck dargelegter unentschiedener Haltung &#8211; nicht immer mit Freude gesehen wurde. Die Gruppen bedienten sich dazu in wachsendem Ma&#223;e eines Mittels, das stets in revolution&#228;ren Prozessen als organisatorische Klammer gedient hatte &#8211; der Presse. Im Fr&#252;hjahr 1989 nahm die »Herstellung und Verbreitung nichtgenehmigter Druck- und Vervielf&#228;ltigungserzeugnisse antisozialistischen Inhalts und Charakters«, wie es in der Sprache der Staatssicherheit hie&#223;, sprunghaft zu. Das MfS berichtete im Juni 1989: »Insgesamt ist aktuell eine steigende Tendenz hinsichtlich der Profilierung existierender und der Herausgabe neuer sogenannter Informationsbl&#228;tter zu beobachten.« Allein in Berlin identifizierte es sieben solcher Publikationen. Die Darstellung von deren Zielen durch das Ministerium l&#228;sst klar erkennen, dass die Opposition damit einen Zuwachs an Koordination zwischen den Gruppen und letztlich ihre bessere Organisierung erreichen wollte: »Die damit von feindlichen, oppositionellen Kr&#228;ften verfolgte Zielstellung besteht nicht nur in der Gew&#228;hrleistung der Kommunikation vorgenannter personeller Zusammenschl&#252;sse untereinander und mit gleichgelagerten Gruppen. Vielmehr geht es diesen Kr&#228;ften darum,  kontinuierlich weitere konzeptionelle Grundlagen f&#252;r das Wirksamwerden feindlicher, oppositioneller und anderer negativer Kr&#228;fte in der DDR zu entwickeln, ihre politischen Auffassungen und Forderungen republikweit &#246;ffentlichkeitswirksam zu propagieren und zur Diskussion zu stellen &#8211; gewisserma&#223;en eine breit gef&#228;cherte ›publizistische Gegen&#246;ffentlichkeit‹ herzustellen &#8211; und auf dieser Basis Gleichgesinnte, Sympathisanten und weitere Personen f&#252;r die feindlich-negativen Ziele zu gewinnen und bei diesen antisozialistische Bewu&#223;tseins- und Handlungsbereitschaften herauszubilden bzw. zu erzeugen, den jeweiligen personellen Zusammenschluss und dessen politische Ziele &#246;ffentlich aufzuwerten (auch international) und den gegebenen Handlungsrahmen missbrauchend, gezielt auf eine Legalisierung hinzuwirken, den Solidarisierungseffekt mit Gleichgesinnten im In- und Ausland auszupr&#228;gen sowie ›DDR-weite‹ Informationsbeziehungen f&#252;r feindliche, oppositionelle Kr&#228;fte aufzubauen.«</p>
<p>W&#228;hrend die Kirche diesen Aktivit&#228;ten noch reserviert gegen&#252;berstand, engagierte sie sich auf einem anderen Feld weit st&#228;rker; hier stand sie unter besonderem Druck ihrer eigenen, nicht auf Jugendliche beschr&#228;nkten Basis, Es ging um die Reformierung des Bildungssystems in der damaligen DDR, die nach den <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/09/12/vor-20-jahren-ossietzky-schueler-als-antisozialistische-plattform-im-blauhemd/" target="_blank">Vorg&#228;ngen an der EOS »Carl von Ossietzky«</a> besondere Aufmerksamkeit fand. Teilnehmer der f&#252;nften Tagung der 9. Synode der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg vom 31.3. bis 4.4.1989 forderten energisch eine Umorientierung des Bildungswesens. In einem Beschluss verlangten sie von allen Bildungseinrichtungen<br />
»- die Entwicklung von F&#228;higkeiten zum Dialog und zur Toleranz, die Erziehung zur Friedensf&#228;higkeit (z. B. Konfliktl&#246;sungen mit friedlichen Mitteln; Abbau der milit&#228;rischen Elemente im Unterricht),<br />
- Raum f&#252;r Spontaneit&#228;t, Anerkennung eigener Interessen und pers&#246;nlicher F&#228;higkeiten (z.B. in der musischen Erziehung und durch Wahlf&#228;cher in der Oberstufe),<br />
- die Anerkennung des Beitrages christlicher Sch&#252;ler und christlicher Eltern«.</p>
<p>Die bis dahin schon erheblichen Aktivit&#228;ten nahmen nun schnell weiter zu. Bereits am 15. April 1989 fand in Potsdam eine »P&#228;dagogische Werkstatt« statt. Vom 26. bis 28.Mai veranstaltete der Friedenskreis Wei&#223;ensee ein »Forum zu Volksbildungsfragen«, an. dem bekannte B&#252;rgerrechtler wie Jens Reich, Frank-Herbert Mi&#223;litz und der Liedermacher Karl-Heinz Bomberg teilnahmen, aber auch relegierte Sch&#252;ler der EOS »Carl von Ossietzky« und die Direktorin einer Marzahner Oberschule. Am 2. Juni wurde die Diskussion in der Samariter-Gemeinde Berlin-Friedrichshain fortgesetzt, und vom 9. bis 11. Juni sollte in Friedrichsfelde ein »P&#228;dagogischer Kongress von unten« stattfinden, auf dem der Eisenh&#252;ttenst&#228;dter Rechtsanwalt Rolf Henrich, sp&#228;ter einer der Mitbegr&#252;nder des Neuen Forum, auftreten wollte. Diese Veranstaltung konnte das MfS weitgehend verhindern. An dieser konkreten, f&#252;r viele Menschen der damaligen DDR wichtigen Frage zeigte sich, wie schnell das oppositionelle Potential wuchs, in welchem Umfang immer mehr Menschen den Weg zur B&#252;rgerrechtsbewegung fanden.</p>
<p>Im Fr&#252;hjahr 1989 gab es jedoch eine Reihe weiterer Ereignisse, die die Entwicklung der Opposition beschleunigten. Erinnert sei nur an die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989, die Geschehnisse in China im Juni und ihre offizielle Widerspiegelung durch die DDR und vor allem die seit Mai in immer schnellerem Tempo zunehmende Ausreisewelle, gegen die die Partei- und Staatsf&#252;hrung keinerlei Gegenmittel fand. Diese Vorg&#228;nge setzten einen Prozess in Gang, der bis zum Herbst st&#228;ndig eskalierte.</p>
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		<title>Vor 21 Jahren – Streit um die Hoheit &#252;ber Menschenrechte</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Dec 2008 18:32:07 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Heute vor 60 Jahren wurde von der UNO-Vollversammlung die Allgemeine Erkl&#228;rung der Menschenrechte verk&#252;ndet. In der Endphase der DDR entwickelte sich auch dieses Dokument mehr und mehr zu einem Gegenstand der inneren Auseinandersetzung zwischen Staatsmacht und aufkeimender Oppositionsbewegung. Sowohl in ihren internen Debatte, seit 1987 aber auch in &#246;ffentlichen Aktionen nahmen oppositionelle Gruppen immer &#246;fter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor 60 Jahren wurde von der UNO-Vollversammlung die Allgemeine Erkl&#228;rung der Menschenrechte verk&#252;ndet. In der Endphase der DDR entwickelte sich auch dieses Dokument mehr und mehr zu einem Gegenstand der inneren Auseinandersetzung zwischen Staatsmacht und aufkeimender Oppositionsbewegung. <span id="more-618"></span>Sowohl in ihren internen Debatte, seit 1987 aber auch in &#246;ffentlichen Aktionen nahmen oppositionelle Gruppen immer &#246;fter Bezug auf die Menschenrechte &#8211; und gerieten damit schnell in Konflikt mit dem Staat und der Staatspartei SED, die die alleinige Deutungshoheit &#252;ber die Menschenrechtsfrage f&#252;r sich beanspruchten.</p>
<p>Ein deutlicher Ausdruck f&#252;r diesen zun&#228;chst ziemlich ungleichen Streit war eine Aktion, die heute vor 21 Jahren im Zentrum der damaligen DDR-Hauptstadt stattfinden sollte. B&#252;rgerrechtler versuchten am 10. Dezember 1987, dem DDR-offiziellen Komitee f&#252;r Menschenrechte eine Petition zu &#252;bergeben und wollten dies mit einer kleinen Demonstration zu dessen Sitz verbinden. Das rief nat&#252;rlich die Staatssicherheit auf den Plan, die nat&#252;rlich zeitig von der Aktion wusste und sie &#8211; nachdem weniger drakonische Ma&#223;nahmen nicht geholfen hatten &#8211; durch prophylaktische Verhaftung der Organisatoren faktisch verhinderte.</p>
<p>&#220;ber dieses Ereignis berichtet nachfolgender Terxt, der im Sommer 1990 entstand und die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 21 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<p> </p>
<h3> Aufkl&#228;rer unter Kontrolle</h3>
<p> </p>
<p>Die Bildung der »Initiative Frieden und Menschenrechte« (IFM) Ende 1985 war in Inhalt wie Form ein Akt der Emanzipation oppositioneller Kr&#228;fte von der Kirche. Denn bis dahin hatte das Engagement gegen die staatliche Politik fast ausschlie&#223;lich unter dem Dach der Kirche stattgefunden. Die Aktivit&#228;ten Anfang der 80er Jahre waren zum Beispiel mit dem auf einen Bibelspruch zur&#252;ckgehenden Symbol »Schwerter zur Pflugscharen« verbunden. Sie vollzogen sich in Friedenskreisen, die sich an den Berliner Kirchen wie auch in zahlreichen St&#228;dten der DDR bildeten. Einer der aktivsten war schon seit Oktober 1981 der Friedenskreis der Evangelischen Kirchgemeinde Alt-Pankow unter Leitung des Vikars der Sophiengemeinde, Dr. Hans-J&#252;rgen Misselwitz. Seit 1981 gab es auch den Friedenskreis der Samaritergemeinde unter Leitung des Pfarrers Rainer Eppelmann. Anfang 1982 bildete sich an der Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg der »Arbeitskreis f&#252;r christliches Friedenszeugnis«. 1984 gr&#252;ndete Reinhard Schult den Friedenskreis Berlin-Friedrichsfelde, der in die Kirchengemeinde Berlin-Friedrichsfelde-Ost eingebunden wurde und seit M&#228;rz 1987 den hektografierten »Friedrichsfelder Feuermelder« herausgab. Im evangelischen Gemeindezentrum Berlin-Hohensch&#246;nhausen entstand 1986 unter Leitung des Jugenddiakons Schatta der Friedenskreis Wei&#223;ensee. &#196;hnliche Gruppierungen formierten sich sp&#228;ter an der Bekenntniskirche in Berlin-Treptow, bei der Bartholom&#228;usgemeinde in Berlin-Friedrichshain, an der Christus-Kirche in Berlin-Sch&#246;neweide und anderen. Auch nicht zuv&#246;rderst aus christlicher Motivation entstehende Gruppen wie der Arbeitskreis »&#196;rzte f&#252;r den Frieden« oder der »Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer« begaben sich unter das Dach der Kirche. »Wir sahen uns als Kirche auch in einer Stellvertreterfunktion, weil es ja offiziell keine Arbeitsm&#246;glichkeiten f&#252;r eine politische Opposition gab«, erl&#228;uterte Probst Dr. Furian die Haltung zu diesen Initiativen, die oftmals nur &#228;u&#223;erst geringe Bindungen an religi&#246;ses Gedankengut hatten. Damit bot ihnen,die evangelische Kirche Wirkungsm&#246;glichkeiten unter ihrem Schutz; dies aber war mit der – ehr oder minder konsequent durchgesetzten – Auflage verbunden, die Interessen der Kirche zu wahren und deren Arbeitsbedingungen nicht zu beeintr&#228;chtigen.</p>
<p>Auch die in der sp&#228;teren IFM zusammengeschlossenen Oppositionellen nutzten die Kirchen als Wirkungsst&#228;tten. So. bereiteten sie im Herbst 1985 ein Seminar zu Menschenrechtsfragen vor. Zun&#228;chst aus der unabh&#228;ngigen Friedensbewegung der DDR hervorgegangen, sahen sie immer deutlicher, dass das Friedensengagement vom Staat in eng begrenztem Rahmen gehalten werden sollte. Immer wenn Aktivit&#228;ten einzelner &#252;ber diese Grenzen – sie waren im Prinzip vom au&#223;enpolitischen Kalk&#252;l bestimmt, und deshalb sollte sich alles nur auf internationaler Ebene abspielen – hinausgingen, setzte staatliche Repression ein. Daraus wuchs ganz zwangsl&#228;ufig die Erkenntnis, dass gerade die vorgeschriebene einseitige Orientierung auf internationale Abr&#252;stungsfragen in diesem Land nicht ausreichte, sondern dass innenpolitische, grundlegende gesellschaftliche Fragen ebenso eine Rolle spielen mussten, »Wir haben den Zusammenhang von innerem und &#228;u&#223;erem Frieden von Anfang an ziemlich stark pers&#246;nlich erlebt und dementsprechend auch thematisiert&#8221;, beschreib Gerd Poppe sp&#228;ter die damalige Situation. Das genannte Seminar sollte den erreichten Erkenntnisstand artikulieren und n&#228;chste Schritte beim Kampf um Menschenrechte in der DDR diskutieren. Staatliche Organe, die von der Sache Wind bekamen, &#252;bten starken Druck auf die Kirche aus, daf&#252;r keine R&#228;ume zur Verf&#252;gung au stellen, da es weit &#252;ber religi&#246;se T&#228;tigkeit hinausginge. Und die Kirche folgte diesem Argument – teilweise wohl auch aus eigener &#220;berzeugung, denn die Menschenrechtsaktivisten hatten stets ihre Unabh&#228;ngigkeit von der Kirche betont.</p>
<p>Gerd Poppe, B&#228;rbel Bohley, Werner Fischer, Wolfgang Templin, Peter Grimm, Ralf Hirsch und aridere aber blieben an der Sache dran, diskutierten in kleineren Gruppen und fanden so immer st&#228;rker zusammen, Ihre Gedanken formulierten sie in einem Papier, das im Januar 1986 – auch durch Vermittlung westlicher Medien – in die &#214;ffentlichkeit gelangte. Ein Vierteljahr sp&#228;ter traten sie mit einer »Eingabe an den <span lang="EN">XI. </span>Parteitag der SED« erneut hervor; sie forderten hier erstmals in aller Deutlichkeit einen &#246;ffentlichen Dialog zwischen SED und oppositionellen Kr&#228;ften. Ab Sommer 1986 erschien dann der »Grenzfall« als Publikation der IFM, der zugleich das Ziel der Sammlung der noch weitgehend zersplitterten Opposition verfolgte. Damit hatte sich erstmals in der DDR eine Gruppe etabliert, die zwar Wirkungsm&#246;glichkeiten in Gottesh&#228;usern auch weiterhin nutzte, jedoch v&#246;llig klar machte, dass sie au&#223;erhalb der Kirche stehen und sich deren Auflagen nicht unterwerfen werde.</p>
<p>Das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit erkannte aus seiner Sicht in den oppositionellen Gruppen fr&#252;hzeitig eine Gefahr. In seinen »Planvorgaben« f&#252;r die Jahre 1986 bis 1990, den letzten, die er erstellen lie&#223;, forderte Minister Mielke, die Aufkl&#228;rungs- und Abwehrt&#228;tigkeit vor allem gegen die »Forcierung der Menschenrechtsdemagogie und entsprechende Angriffe gegen die sozialistischen Staaten, Inspirierung oppositioneller und anderer feindlich-negativer Kr&#228;fte in sozialistischen Staaten zu antisozialistischen Handlungen und &#246;ffentlichkeitswirksamen Aktivit&#228;ten, insbesondere unter Bezugnahme auf Fragen der Menschenrechte und Grundfreiheiten, sog. menschlichen Erleichterungen und Begegnungen sowie weitere ›humanit&#228;re‹ Probleme« zu richten. Schwerpunktm&#228;&#223;ig sollten »Feindaktivit&#228;ten«, n&#228;mlich »Inspirierung, F&#246;rderung, Unterst&#252;tzung und Steuerung einer sog. inneren Opposition und politischer Untergrundt&#228;tigkeit im Sinne konterrevolution&#228;rer Entwicklungen (Strategie und Taktik, Mittel und Methoden, Steuerung durch Geheimdienste, Zentren der politisch-ideologischen Diversion und andere feindliche Stellen und Kr&#228;fte)«, unterbunden werden.</p>
<p>Mit der Bek&#228;mpfung so bezeichneter und damit kriminalisierter Handlungen war ein Auftrag erteilt, der in den n&#228;chsten Jahren in erheblichem Ma&#223;e das Potential der Staatssicherheit binden sollte und dar&#252;ber hinaus zum st&#228;ndigen Ausbau des geheimen Unferdr&#252;ckungsapparates f&#252;hrte. Der Irrglaube an die eigene Unfehlbarkeit in der Partei- und Staatsf&#252;hrung der DDR verweigerte anders lautenden Gedanken und Meinungen jegliche Existenzberechtigung; keimten sie dennoch auf, konnte das nur die Saat konterrevolution&#228;rer Feinde sein, die entsprechend bek&#228;mpft werden mussten. Die hartn&#228;ckigen Aufkl&#228;rer in den oppositionellen Gruppen, die angetreten waren, neben dem Frieden auch die Freiheit zu propagieren, die Demokratie, Menschenrechte, Umweltschutz nicht nur als blo&#223;e Lippenbekenntnisse gelten lassen, sondern zu gesellschaftlicher Realit&#228;t machen wollten, sahen sich von Anfang an drakonischer Verfolgung ausgesetzt. Das Ziel Mielkes war es, so er sie schon nicht zerschlagen konnte, diese Gruppen unter strikter Kontrolle zu halten und alle Regungen, die aus seiner Sicht die staatliche Macht gef&#228;hrden konnten, im Keime zu ersticken. Er &#252;bersah dabei v&#246;llig, dass das Entstehen der »Initiative Frieden und Menschanrechte« – ebenso wie der kirchlichen und anderer Zusammenschl&#252;sse zuvor und danach – ein objektiver Prozess war, der sich aus den wachsenden Widerspr&#252;chen in der DDR-Gesellschaft ergab. Und mehr noch – auch sie waren Reflex .auf die sich in. den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern ank&#252;ndigenden gewaltigen Umbruchprozesse, von denen die ersten Erdst&#246;&#223;e schon 1956 in Ungarn und 1968 in der CSSR zu erleben waren und die Mitte der 80er Jahre mit der Perestroika in der Sowjetunion ein politisches Erdbeben einleiteten.</p>
<p>Nicht zuf&#228;llig wies Gerd Poppe darauf hin, dass die IFM von Anfang an st&#228;rker nach dem Osten als nach Westeuropa orientiert war. Die Friedenskreise an den Kirchen entstanden zumeist als Reaktion auf die Aktivit&#228;ten der westlichen Friedensbewegung gegen die Nuklearaufr&#252;stung. Die IFM – mit Gorbatschow konfrontiert, aber auch mit Vaclav Havel und Gy&#246;rgy Konrad, mit. »Solidarnosc« und den Nachfolgern der »Charta 77« – richtete ihre Blicke nach Osteuropa. Hier fand sie &#228;hnliche Probleme wie im eigenen Land und ganz verwandte Losungsansatze, die zu durchdenken und auszudiskutieren waren. »Aus den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern kamen st&#228;rkere Impulse, die innergesellschaftlichen Probleme mit den au&#223;enpolitischen in Zusammenhang zu bringen – viel st&#228;rker als aus dem Westen«, so Poppe.</p>
<p>F&#252;r Mielke waren diese Vorg&#228;nge nichts als imperialistische Machenschaften, die gegen den von ihm und seinesgleichen zu bestimmenden Gang der Geschichte standen. Daher sah er schon 1986 als eine Hauptaufgabe »die gr&#252;ndliche Aufkl&#228;rung und vorbeugende Verhinderung der gesamten subversiven T&#228;tigkeit, der konkreten Absichten und Aktivit&#228;ten f&#252;r das weitere Vorgehen gegen den Sozialismus, der dabei zum Einsatz gelangenden Mittel und Methoden sowie der damit beabsichtigten Wirkungen seitens des Imperialismus, besonders seiner Geheimdienste, der Zentren der politisch-ideologischen Diversion und weiterer feindlicher Stellen und Kr&#228;fte. Es sind verst&#228;rkte Anstrengungen zur Entlarvung und Vereitelung der Pl&#228;ne, Absichten und Machenschaften zu unternehmen, die auf die Unterminierung der Einheit und Geschlossenheit, die Spaltung und Schw&#228;chung der sozialistischen Staatengemeinschaft gerichtet sind.«</p>
<p>Mielkes Berliner Statthalter, Generalmajor H&#228;hnel, scheute sich nicht das auszusprechen, was Mielke noch schamhaft verschwieg, n&#228;mlich die inspirierende Kraft des »neuen Denkens« in der UdSSR f&#252;r die oppositionellen Gruppen: »Gegenw&#228;rtig registrieren wir Bestrebungen des harten Kerns der Organisatoren politischer Untergrundt&#228;tigkeit, inspiriert durch feindliche Kr&#228;fte aus westlichen Staaten, die Forderungen der KPdSU nach einem neuen politischen Denken und. Handeln bei der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft in der UdSSR auf die Innenpolitik der DDR zu &#252;bertragen. Mit Eingaben, Positionspapieren, provokatorischen Schreiben an Repr&#228;sentanten unserer &#8216;Regierung, aber auch ausl&#228;ndischer Regierungen, wird versucht, sich als eine politische Kraft darzustellen und den Dialog mit offiziellen Vertretern von Partei und Regierung zu erzwingen. Vor allem durch Angeh&#246;rige der feindlichen Gruppe ›Frieden und Menschenrechte‹ (Templin, Poppe, Bohley, Fischer) wurden die Begriffe ›Neues Denken‹, ›Umgestaltung‹ und ›Transparenz‹ &#252;bernommen und gleichzeitig versucht, einen Gegensatz zwischen UdSSR und DDR, KPdSU und SED zu konstruieren«, sagte er vor der Berliner Bezirkseinsatzleitung im September 1987.</p>
<p>Doch weder die gebetsm&#252;hlenartige Wiederholung lebensfremder. Thesen noch die faktische Gleichstellung sowjetischen Gedankenguts mit konterrevolution&#228;ren Ideen konnten etwas daran &#228;ndern, dass sich nach der IFM weitere Gruppen bildeten, die neben den kirchlichen Kreisen Oppositionst&#228;tigkeit leisteten. Vera Wollenberger gr&#252;ndete im Februar 1987 die Gruppe »Gegenstimmen«. Im Grundsatz mit der IFM einig, verfolgte sie jedoch ein klarer umrissenes Ziel, strebte sie nach definierten gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen, w&#228;hrend sich die IFM auf die Kritik der bestehenden Verh&#228;ltnisse konzentrierte. Dieses Gesellschaftskonzept der »Gegenstimmen« war prononciert links und hatte so Ber&#252;hrungspunkte mit entsprechenden westeurop&#228;ischen Gruppen, Die . »Gegenstimmen« leisteten eine umfangreiche theoretische Arbeit, deren Quintessenz nach einer Analyse der MfS-Bezirksverwaltung Berlin darauf hinauslief, »dass grundlegende gesellschaftliche Entwicklungen in der DDR nicht in &#220;bereinstimmung mit der marxistisch-leninistischen Theorie st&#252;nden«, Dieser letztlich ideologisch gepr&#228;gte Ansatz unterschied der »Gegenstimmen« in der Hauptsache von der IFM.</p>
<p>Vera Wollanberger geh&#246;rte auch zu den Initiatoren der »Kirche von unten« , die sich 1987 im Zusammenhang mit dem Evangelischen Kirchentag in Berlin herausbildete. Diese Gruppierung verstand sich prim&#228;r als Opposition zum staatlichen System in der DDR, zugleich aber auch als Opposition zur etablierten Kirchenleitung. »Es waren dies junge Leute«, so Bischof Forck, »die meinten, die offizielle Kirche w&#252;rde die wirklichen Probleme verschleiern? um niemandem weh zu tun.« Aus seiner Sicht war es in Wirklichkeit eine nichtkirchliche Institution, »denn viele von ihnen vertraten auch die Meinung, wenn sie die M&#246;glichkeit zur Opposition in diesem Lande h&#228;tten, brauchten sie die Kirche nicht. Diese war also f&#252;r nicht wenige nur das Dach f&#252;r ihre Aktivit&#228;ten in der Gesellschaft, f&#252;r ihre Kritik am Staat«. Lange tat sich die Kirche schwer mit diesen Gruppen, aber – wie schon dargestellt – lie&#223;en ihr schlie&#223;lich die Repressalien des Staates gegen die solcherart, aufm&#252;pfige Opposition keine andere Wahl als die Parteinahme. Am 22, April 1988 wurde die »Kirche von unten« als Personalgemeinde von der Leitung der Evangelischen Kirche zu Berlin-Brandenburg genehmigt und registriert.</p>
<p>F&#252;r die MfS war nat&#252;rlich auch die »Kirche von unten« nichts als ein Hort der Konterrevolution. Die Bezirksverwaltung Berlin berichtete &#252;ber sie: »Sie ist ein organisatorisches Sammelbecken f&#252;r feindlich-negative Personen, Irregeleitete .und andere von ihnen beeinflusster Kr&#228;fte, die besonders offizielle Kirchentage auch au&#223;erhalb der Kirche in Berlin-Brandenburg in Anspruch nehmen, um mit ihren Aktivit&#228;ten &#246;ffentlichkeitswirksam auf ihre Ziele aufmerksam zu machen.« All diese Organisationen waren f&#252;r das MfS Bestandteile der »politischen Untergrundt&#228;tigkeit« (PUT) und damit Ziele seiner operativen Bearbeitung. Wie diese ablief, zeigte das Beispiel der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/11/25/vor-21-jahren-sturm-auf-die-umweltbibliothek/" target="_blank">Umweltbibliothek</a>. Es war aber nur der Auftakt einer langen Reihe &#228;hnlicher Repressivma&#223;nahmen gegen Andersdenkende.</p>
<p>Der n&#228;chste Sto&#223;, nur 14 Tage nach dem Angriff auf die Bibliothek, richtete sich gegen die »&#8217;Initiative Frieden und Menschenrechte« direkt. Sie wollte aus Anlass des »Tages der Menschenrechte« am 10. Dezember 1987 im staatlich gelenkte Komitee f&#252;r Menschenrechte in der damaligen Berliner Otto-Grotewohl-Stra&#223;e eine Petition abgeben, und dieses Anliegen sollte durch Transparente und Sprechch&#246;re auch &#246;ffentlichkeitswirksam gemacht werden. Zun&#228;chst taten staatliche Organe alles, um &#252;ber kirchliche Stellen diesen Protest zu verhindern. .Als sich letztere f&#252;r unzust&#228;ndig erkl&#228;rten, erfolgten zun&#228;chst eine »Belehrung« derjenigen, die als Initiatoren bekannt geworden .waren, dann die prophylaktische »Zuf&#252;hrung« von acht »Exponenten politischer Untergrundt&#228;tigkeit« und schlie&#223;lich die totale Absicherung des Orten durch Polizeikr&#228;fte. Das MfS konnte nun vermelden: »Im Ergebnis der durchgef&#252;hrten Sicherungsma&#223;nahmen kann eingesch&#228;tzt werden, dass die von Mitgliedern der ›Initiative f&#252;r Frieden und Menschenrechte‹ geplante &#246;ffentlichkeitswirksame Provokation verhindert werden konnte.«</p>
<p>F&#252;r Gerd Poppe jedoch war die Aktion mehr als die routinem&#228;&#223;ige Verhinderung einer »Provokation«. Immerhin hatte die IFM am Abend des 10. Dezember in der Gethsemanekirche vor ca. 500 Besuchern noch einmal ihre Ziele in konzentrierter Form vorgestellt. Sie erkl&#228;rte dabei, dass Friedensarbeit f&#252;r sie auch immer ein Prozess notwendiger gesellschaftlicher Ver&#228;nderungen sei: »Diese innergesellschaftlichen Ver&#228;nderungen sind nicht Bedrohung, sondern Vorbedingung f&#252;r einen stabilen Frieden. Es muss eine breite &#214;ffentlichkeit entstehen, die eine wirksame Kontrolle aus&#252;ben kann. Die Entstehung einer solchen kritischen &#214;ffentlichkeit ist abh&#228;ngig von der Garantie der Menschen- und B&#252;rgerrechte. Die etablierte Macht ist an solchen Ver&#228;nderungen nicht interessiert oder nur insoweit, wie sie f&#252;r die Machterhaltung. nothwendig sind. Die Garantie politischer Freiheitsrechte, die wir als unver&#228;u&#223;erlich ansehen, kann deshalb nicht von den Herrschenden erwartet werden, sondern muss gegen sie durchgesetzt werden.«</p>
<p>Die IFM sah, wie es in dem Text weiter hie&#223;, zwei gro&#223;e Aufgabenkomplexe in der Gesellschaft:</p>
<p>»1. Herstellung von Rechtsstaatlichkeit, 2. Demokratisierung. Rechtsstaatlichkeit ist f&#252;r uns nicht identisch mit Einhaltung machtpolitisch motivierter Gesetze, sondern bedeutet, sich gegen jegliche Willk&#252;r der M&#228;chtigen zu wenden. Auch ein Teil der sogenannten ›positiven‹ Rechtsvorschriften .erm&#246;glicht Willk&#252;rakte, wie das Polizeigesetz, das Ordnungswidrigkeitengesetz usw. Rechtsstaatlichkeit ist. nicht zu trennen:</p>
<p>- von der Garantie der Meinungsfreiheit, Presse- und Medienfreiheit,</p>
<p>- von der damit verbundenen Aus&#252;bung einer wirksamen demokratischen Kontrolle,</p>
<p>- von der Abschaffung von Einschr&#228;nkungen garantierter Rechte,</p>
<p>- von der Abschaffung von Paragraphen des Strafgesetzbuches, die die &#246;ffentliche Meinungs&#228;u&#223;erung unter Strafe stellen k&#246;nnen.</p>
<p>Rechtsstaatlichkeit ist weiter nicht zu trennen von der Existenz unabh&#228;ngiger Gerichte, von der Einf&#252;hrung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit, von der Beendigung der Verletzung der Privasph&#228;re: Telefon- und Post&#252;berwachung ohne richterlichen Beschluss, Abh&#246;ren von Wohnungen, pr&#228;ventive Festnahmen usw. Rechtsstaatlichkeit muss das Streikrecht garantieren und nicht zuletzt die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Die Herstellung von Rechtsstaatlichkeit in diesem Sinne, also politische Grundrechte f&#252;r alle, ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Demokratie.«</p>
<p>Diene Forderungen – zwei Jahre sp&#228;ter im revolution&#228;ren Aufbruch des Herbstes 1989 /verwirklicht – waren damals eine erneute offene Herausforderung das Staates, und daher wertete Gerd Poppe die Tatsache, dass sieben Aktivisten der IFM, Wolfgang Templin, Ralf Hirsch, Peter Grimm, Martin B&#246;ttger, Reiner Dietrich, Wolfgang Wolf und er selbst, sowie Vera Wollenberger von den »Gegenstimmen« auch noch den ganzen 11. Dezember in Haft blieben, dort intensiv verh&#246;rt wurden und unter Drohungen zum Stellen eines Ausreiseantrages veranlasst v/erden sollten, als den Versuch, die Gruppe erheblich zu verunsichern, wenn nicht gar au zerschlagen. »Wir hatten angenommen, dass der Staat nach seinen Erfahrungen mit der Umweltbibliothek, vor allem nach der starken Solidarisierung und den &#246;ffentlichen Protesten, erst einmal Zur&#252;ckhaltung &#252;ben w&#252;rde«, sagte Poppe dazu. »Aber das erwies sich als Fehlkalkulation. Das MfS sah darin wohl eine dem&#252;tigende Niederlage, die schnell vergessen gemacht werden sollte.«</p>
<p>Wenn es daf&#252;r in den zug&#228;nglichen Unterlagen des MfS bisher auch keine dokumentarische Best&#228;tigung gibt, so spricht doch viel f&#252;r die Richtigkeit dieser Einsch&#228;tzung. Denn die n&#228;chsten Wochen zeigten deutlich, dass der Staat offensichtlich nur auf eine <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">neue Gelegenheit </a>wartete, mit seinen Opponenten abzurechnen.</p>
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		<title>Vor 21 Jahren &#8211; Sturm auf die Umweltbibliothek</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Nov 2008 15:05:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ende der 80er Jahre gab es in der DDR viele Gr&#252;nde, nicht nur mit den Verh&#228;ltnissen unzufrieden zu sein, sondern auch immer &#246;fter und immer nachdr&#252;cklicher deren Ver&#228;nderung zu fordern. Weltweit schien der Entspannungsprozess &#8211; nicht zuletzt durch die neue Offenheit eines Michail Gorbatschow &#8211; schrittweise voranzukommen. Die &#246;konomischen Probleme der sozialistischen L&#228;nder verlangten nach [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ende der 80er Jahre gab es in der DDR viele Gr&#252;nde, nicht nur mit den Verh&#228;ltnissen unzufrieden zu sein, sondern auch immer &#246;fter und immer nachdr&#252;cklicher deren Ver&#228;nderung zu fordern. Weltweit schien der Entspannungsprozess &#8211; nicht zuletzt durch die neue Offenheit eines Michail Gorbatschow &#8211; schrittweise voranzukommen. Die &#246;konomischen Probleme der sozialistischen L&#228;nder verlangten nach besseren als den bisherigen Antworten. <span id="more-598"></span>Und selbst in den regierenden Parteien des Ostens verst&#228;rkte sich das Nachdenken dar&#252;ber, wie auf k&#252;nftige Herausforderungen zu reagieren sei. Dazu trugen nicht zuletzt Denkanst&#246;&#223;e oppositioneller Gruppen bei, die zwar von den Herrschenden argw&#246;hnisch beobachtet und oft auch unterdr&#252;ckt wurden, in der Bev&#246;lkerung aber auch wachsende Resonanz stie&#223;en.</p>
<p>Zu diesen nur mit einfachsten Mitteln arbeitenden Oppositionellen geh&#246;rte auch der Kreis um die Umweltbibliothek an der Berliner Zionskirche, der das &#246;kologische Thema aus der Stiefm&#252;tterlichkeit, mit der es in der DDR behandelt wurde, herausholen wollte, sich dar&#252;ber hinaus aber sehr schnell zu einem Zentrum entwickelte, das mehr und mehr auch grunds&#228;tzliche Fragen gesellschaftlicher Entwicklung aufwarf. Damit jedoch r&#252;ckte die Umweltbibliothek auch sehr schnell in den Focus der Aufmerksamkeit des Ministeriums f&#252;r Staatsicherheit, und sp&#228;testens in der zweiten H&#228;lfte 1987 geh&#246;rte sie zu den mit am meisten &#252;berwachten Institutionen der damaligen DDR-Hauptstadt. &#214;ffentlich wurde dies vor allem heute vor 21 Jahren, am 25. November 1987, als das MfS versuchte, mit einer Polizeiaktion Beweise f&#252;r die vermeintlich staatsfeindliche T&#228;tigkeit der Umweltbibliothekl zu sichern, um gegen sie auch formaljuristisch vorgehen zu k&#246;nnen. Dies schlug jedoch weitgehend fehl, wurde zu einer faktischen Niederlage der Staatsmacht und damit zu einer Ermutigung vieler Unzufriedener in der DDR, die in den folgenden zwei Jahren die Erosion des DDR-Systems immer weiter vorantrieb.</p>
<p>&#220;ber die Aktion gegen die Umweltbebliothek und ihre Folgen entstand im Sommer 1990 nachfolgender Text, der die damaligen Ereignisse rekapituliert und in einen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang zu stellen versucht. Zwar ist heute das Geschehen vor 20 Jahren gr&#252;ndlicher erforscht als damals, nur Monate danach; dennoch kann diese bislang unver&#246;ffentlichte Darstellung neben ihrem dokumentarischen Teil einiges zur seinerzeitigen Atmosph&#228;re am Ende einer Epoche aussagen.</p>
<h2>Sturm auf die Umweltbibliothek</h2>
<p> Wann die Vorbereitungen auf die Aktion »Falle«, wie der Angriff auf die Umweltbibliothek am 25. November 1987 MfS-intern genannt wurde, begannen, ist nicht mehr exakt zu ermitteln. Aber die oppositionellen Gruppen hatten schon Wochen zuvor Indizien festgestellt, die auf einen zu erwartenden Schlag hindeuteten So hatte sich die Observation durch das MfS sp&#252;rbar verst&#228;rkt; die Aktivisten der Bewegung konnten kaum noch einen Schritt tun, ohne unauff&#228;llig-auff&#228;llig von den schon bekannten Lada-Limousinen begleitet zu werden. Im Gegensatz zu fr&#252;her gelang es kaum noch, die Bewacher einmal abzusch&#252;tteln, was auf massiven Kr&#228;fteeinsatz schlie&#223;en lie&#223;.</p>
<p>Besondere Probleme hatte die Redaktion des »Grenzfall«. Nicht als Material »f&#252;r den innerkirchlichen Dienstgebrauch« deklariert, galt die Schrift als illegal und wurde verfolgt; ihre Initiatoren waren im wesentlichen bekannt und durch die l&#252;ckenlose &#220;berwachung nicht mehr in der Lage, Redaktionsarbeiten, Druck und Vertrieb zu organisieren.Auch die Umweltbibliothek, wiewohl als kirchliche Gruppe an die Berliner Zionsgemeinde gebunden, sah sich verst&#228;rkter Aufmerksamkeit durch neugierige Besucher ausgesetzt, die jedoch weniger an den in der B&#252;cherei ausleihbaren Publikationen selbst interessiert waren als an solchen Informationen: Wer ist der Chef? Wer hat das geschrieben? Woher habt Ihr diese Informationen? Mitarbeiter der Bibliothek erhielten Vorladungen zu Befragungen verschiedenster Art, die irgendwie aber immer auf die T&#228;tigkeit in der Griebenowstra&#223;e, dem Domizil der Umweltb&#252;cherei, kamen, und schlie&#223;lich wurde sogar die Hygieneinspektion eingeschaltet, die beanstandete, dass man in dem zur Bibliothek geh&#246;renden Lesecafé ohne Erlaubnis Getr&#228;nke ausschenkte.</p>
<p>Einige Vertreter der Kirche und der Umweltgruppe mutma&#223;ten sogar, dass eine Schl&#228;gerei zwischen Punkern und Skinheads nach einem Rockkonzert in der Zionskirche am 17. Oktober, bei dem die Polizei erst erschien, als die Skins bereits »abger&#228;umt« hatten, in die Reihe dieser Anzeichen verst&#228;rkter staatlicher Repressalien geh&#246;rte. Darauf jedoch gibt es keinen verl&#228;sslichen Hinweis. Der Pfarrer der Zionskirche, Hans Simon, der w&#228;hrend der Ereignisse nicht anwesend war, berichtete sp&#228;ter, die Polizei sei vom Veranstalter nicht gerufen worden, und die Westpresse habe eine erste Version ungepr&#252;ft verbreitet. Auch in einem MfS-Bericht wurde am 21. 10. 1987 kritisiert, dass es »zu ernsthaften Verz&#246;gerungen bei der Einleitung von Sofortma&#223;nahmen zur Aufkl&#228;rung der Ursachen, des Umfanges und des daran beteiligten Personenkreises, der Ermittlung der T&#228;ter und daraus folgender Ma&#223;nahmen kam«. Interessant ist jedoch an diesem Bericht, da&#223; er den handschriftlichen Hinweis auf eine »Beratung unter Ltg. E. Krenz« enth&#228;lt, bei der nicht n&#228;her bezeichnete Festlegungen getroffen worden seien. Krenz selbst konnte oder wollte dazu im Nachhinein keine Angaben machen, bestritt aber, dass Grundsatzentscheidungen &#252;ber das Vorgehen gegen die innere Opposition von ihm oder der Abteilung Sicherheitsfragen des ZK der SED getroffen worden w&#228;ren.</p>
<p>Tatsache ist jedoch, dass bald danach, im November, eine Eskalation repressiver Ma&#223;nahmen gegen die Umweltbibliothek einsetzte. Pfarrer Simon erinnerte sich eines Anrufs des Konsistorialpr&#228;sidenten der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Dr. Manfred Stolpe, um den 10. November herum, dass eine Aktion gegen die Umweltbibliothek unmittelbar bevorstehe. Dazu kam es dann jedoch nicht, aber Simon vermutete, dass Stolpe durchaus zuverl&#228;ssige Hinweise hatte dass er dies durch einen Anruf &#252;ber sein oder Simons mit Sicherheit abgeh&#246;rtes Telefon dem MfS kundtun wollte. Denn etwa eine Woche sp&#228;ter, am 18. November, wurde der Pastor am Abend vom Leiter des Sektors Kirchenfragen beim Berliner Magistrat, Dr. Mu&#223;ler , mit der Bitte aufgesucht, einen Blick in der R&#228;ume der Umweltbibliothek, die eigentlich zur Dienstwohnung Simons geh&#246;rten, werfen zu k&#246;nnen. Dort wurde gerade gearbeitet, unter anderem auch gedruckt.</p>
<p>Wolfgang R&#252;ddenklau, einer der Initiatoren der Umweltbibliothek, berichtete dar&#252;ber nach der Wende: »Ich sage das jetzt erstmals in der &#214;ffentlichkeit, aber wir bereiteten uns au diesem Abend tats&#228;chlich auf den Druck des ›Grenzfall‹ vor. Zwei Leute von der Redaktion hatten gerade die Maschine ausprobiert, als Pfarrer Simon kam und Mu&#223;lers Anliegen vorbrachte. Wir verstauten die Maschine schnell in einem Nebenraum und beseitigten alle Spuren. Doch Mu&#223;ler muss etwas gewusst haben. Er wurde schnell aggressiv, verlangte Ausweise zu sehen &#8211; wozu er gar kein Recht hatte &#8211; und beschuldigte uns des Druckes illegaler Schriften.«</p>
<p>Pfarrer Simon verwahrte sich dagegen, und es kam fast eine Stunde lang zu einem verbalen Schlagabtausch. Simon wusste offensichtlich tats&#228;chlich nichts von dem geplanten ›Grensfall‹-Druck; R&#252;ddenklau jedenfalls best&#228;tigte, dass er nicht informiert war. Mu&#223;ler ging schlie&#223;lich wieder. Sein Auftritt war wohl als letzte Warnung gedacht, denn genau eine Woche sp&#228;ter schlug das MfS zu.</p>
<p>Es hatte vermutlich durch einen seiner inoffiziellen Mitarbeiter in der Opposition Kenntnis vom »Grenzfall«-Druck und wollte zun&#228;chst &#8211; es handelte sich um kirchliche R&#228;ume, und noch galt das Prinzip, sich mit der Kirche tunlichst nicht anzulegen &#8211; durch entsprechende Signale die Kirche veranlassen, die Sache selbst zu »bereinigen«. Dazu wurde am 19. November der Leiter des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, Oberkirchenrat Martin Ziegler, ins Staatssekretariat f&#252;r Kirchenfragen bestellt, wo ihm Mu&#223;lers Besuchsresultate vorgehalten und mitgeteilt wurde, jetzt sei der Punkt erreicht, an dem die Staatsorgane nicht l&#228;nger zusehen k&#246;nnten. Die Kirche solle die Vervielf&#228;ltigungstechnik einziehen, sofern sie f&#252;r ungenehmigte Presseerzeugnisse genutzt werde. Ziegler verwies auf die Kompetenz der Zionskirche. Ansonsten taten er und die Leitung der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg nichts, aus welchen Gr&#252;nden auch immer &#8211; vielleicht nur, weil sie unzureichend informiert waren. Daf&#252;r spricht zumindest, dass Bischof Dr, Gottfried Forck noch nach der Wende das Handeln der Umweltbibliothek missbilligte: »Auch die ›Umweltbl&#228;tter« (eine Publikation der Bibliothek &#8211; d. Verf.), vom ›Grenzfall‹ v&#246;llig zu schweigen, waren in Inhalt und Stil nicht so geschrieben, wie wir es uns als Kirche gew&#252;nscht h&#228;tten.« Und selbst der der Opposition weitaus st&#228;rker als sein Bischof zuneigende Pfarrer Simon betrachtete den »Grenzfall« als »noch viel radikaler, viel direkter« als die »Umweltbl&#228;tter«. Es h&#228;tte wohl von ihm keine Genehmigung zu der von der Umweltbibliothek f&#252;r den »Grenzfall« geplanten Solidarit&#228;tsaktion gegeben, was R&#252;ddenklaus Konspiration auch gegen&#252;ber seinem »Hauswirt« verst&#228;ndlich macht.</p>
<p>Die Aktion begann am 25. November, Punkt null Uhr. In einer von der Umweltbibliothek selbst herausgegebenen Dokumentation wird sie so beschrieben:<br />
»In der Nacht gegen 00,00 Uhr drangen ca, 20 Mitarbeiter des MfS im Auftrag von Staatsanwalt Gl&#228;sner blitzartig in die R&#228;ume der Umweltbibliothek ein. Zwei Befehle hallten durch den Keller: »H&#228;nde hoch, Maschine aus!«. Wir entschieden uns, die H&#228;nde hochzunehmen, wurden an die Wand gedr&#228;ngt und abgetastet. W&#228;hrenddessen lief die Maschine weiter. Erst nachdem der Stapel abgearbeitet war, schaltete sich die Maschine automatisch ab. Nachdem wir die Anwesenheit des gesch&#228;ftsf&#252;hrenden Pfarrers verlangt hatten, klingelten die Staatssicherheitsbeamten bei Pfarrer Simon. Nach dem &#214;ffnen der T&#252;r drangen ste in die Wohnung ein und zwangen Simon und dessen Frau, sich unter ihren Augen anzuziehen. Gegen 0,10 Uhr kamen Pfarrer Simon und dessen Frau in die Umweltbibliothek. Ihr Status war unklar. Sie durften sich, im Gegensatz zu den Mitarbeitern der Umweltbibliothek, frei bewegen und auch telefonieren. Es lag, wie Pfarrer Simon mitgeteilt wurde, eine Anzeige von Unbekannt nach § 218, Abs. 1 (Vereinigung zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele) vor. Beginnend von 0, 30 Uhr wurden 7 Mitarbeiter der &#220;B einzeln in PKW abtransportiert, darunter der 14-j&#228;hrige Timm und zwei, die in der UB-Galerie Dienst gemacht hatten. Die Behandlung w&#228;hrend der Zuf&#252;hrung war unfreundlich und ruppig. Pie Mitarbeiter des MfS durchsuchten die UB und die anliegenden Kellerr&#228;ume, Wie sich dann zeigte, reichte die Kompetenz der »Einsatzgruppe« nur zur Beschlagnahme der Vervielf&#228;ltigungsmaschinen und der etwa vorzufindenden Grenzfallschriften. Tats&#228;chlich fanden sie in einem Lagerraum der Gemeinde eine nicht fertiggestellte Grenzfall-Auflage &#8230;«</p>
<p>Die gesamte Aktion war &#8211; trotz ihres &#220;berraschungseffekts und der Brutalit&#228;t den Vorgehens &#8211; durch einige Ungereimtheiten gekennzeichnet. Diese betrafen zum einen die Behandlung des Ehepaares Simon. Deren relative Bewegungsfreiheit erm&#246;glichte zum Beispiel der Frau des Pfarrers einen Anruf bei B&#228;rbel Bohley, einer Aktivistin der Opposition. Diese erschien auch unverz&#252;glich mit Werner Fischer; ebenfalls Mitglied der »Initiative Frieden und Menschenrechte«, und beide konnten nach gr&#252;ndlicher In-Augenschein-Nahme des Vorgefallenen die Bibliothek auch wieder verlassen. Nat&#252;rlich informierten sie sofort ihre Freunde und westliche Korrespondenten, so dass noch, in der Nacht die ersten Meldungen vom &#220;berfall &#252;ber die Fernschreiber tickerten: »Ost-Berliner Umweltbibliothek von Sicherheitskr&#228;ften durchsucht. F&#252;nf junge Leute vor&#252;bergehend festgenommen. Vervielf&#228;ltigungsger&#228;t beschlagnahmt.« Gleichfalls in der Nacht beschlossen die Oppositionellen, unverz&#252;glich mit Protestaktionen zu beginnen.</p>
<p>Eine zweite Besonderheit nannte der die damalige Aktion leitende Staatsanwalt Dr. Ludwig Gl&#228;sner. »Es sind &#252;berhaupt keine intensiven Ermittlungen gef&#252;hrt worden &#8211; weder in dieser Nacht noch danach. H&#228;tte man n&#228;mlich intensiv ermittelt, dann w&#228;ren die vier Verhafteten &#8211; von den urspr&#252;nglich Festgenommenen blieben zun&#228;chst Wolfgang R&#252;ddenklau, Bert Schlegel, Andreas Kalk und Till B&#246;ttcher in Untersuchungshaft &#8211; intensiver befragt worden, wieso 27 Seiten des »Grensfall« und eine Maschine, auf der nachweislich eine fr&#252;here Ausgabe des »Grenzfall« gedruckt worden war, in der Umweltbibliothek gefunden wurden. Aber das erfolgte gar .nicht; es wurde sehr lieblos ermittelt.« Gl&#228;sner f&#252;hrt das auf politische Entscheidungen zur&#252;ck und war selbst noch nach der Wende ungehalten: »Vieles ist um die Staatsanwalt herumgegangen.«<br />
Diese Version wurde durch Pfarrer Simon zumindest gest&#252;tzt, der von. einem Gespr&#228;ch beim Staatssekret&#228;r f&#252;r Kirchenfragen, Klaus Gysi, am 3. Dezember berichtete, dieser sei Gl&#228;sner bei seinem Vortrag mehrmals, barsch ins Wort gefallen und habe sich um Ausgleich mit der Kirche bem&#252;ht.</p>
<p>Auch Wolfgang R&#252;ddenklau best&#228;tigte, dass bei der Aktion »offensichtlich einiges schief gelaufen« sei und erkl&#228;rte das so: »Sie hatten zu viele Bodies mit beschr&#228;nkter Denkf&#228;higkeit mitgebracht und zu wenig intelligente Spezialisten.« So sei es auch m&#246;glich gewesen, die Ermittler zu t&#228;uschen. &#8220;Wir sagten ihnen einfach, dass wir die gefundenen ›Grenzfall‹-Seiten und die Maschine nur bei uns eingelagert h&#228;tten, da die Leute vom ›Grenzfall‹ ihre Materialien an vielen verschiedenen Orten unterbringen wollten, um nicht mit einem Mal v&#246;llig ausgehoben zu werden. Einen Druck des ›Grenzfall‹ in unseren R&#228;umen oder auch nur den Plan dazu gaben wir nicht zu, weil sie uns das nicht beweisen konnten. Als die Stasi-Leute kamen, druckten wir tats&#228;chlich den ›Grenzfall‹ gerade nicht, und damit war es ein Schlag ins Wasser.«</p>
<p>&#220;ber die Hintergr&#252;nde eines solch dilettantischen Vorgehens bei der offensichtlich hoch angebundenen Aktion kann man nur spekulieren. Aber es gab schon damals und gibt inzwischen weitere Hinweise darauf, dass auch im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit unterschiedliche Auffassungen &#252;ber die Zweckm&#228;&#223;igkeit einer solchen Aktion bestanden.</p>
<p>Der Leiter der mit der Kirche besch&#228;ftigten Abteilung der MfS-Hauptabteilung XX, Oberst Joachim Wiegand, hatte nach seinen. Worten keinerlei Neigung, sich mit der Kirche anzulegen, »Ich wusste: Wenn man einen Pr&#228;laten einsperrt, muss man ihn auch wieder herauslassen. Deshalb wollten wir nur warnen, aber es gab keine f&#252;r uns befriedigende Reaktion, So entschlossen wir uns schlie&#223;lich, das belastende Material zu beschlagnahmen, um auf dieser Basis die Auseinandersetung mit der Kirche zu f&#252;hren. Von Festnahmen rieten wir ab. Mielke .selbst schlug unsere vorsichtigen Mahnungen in den Wind. Er pers&#246;nlich ordnete die Festnahmen und die Ermittlungsverfahren an.« Der Oberst wusch seine H&#228;nde in Unschuld: »Die Aktion selbst wurde von der Berliner Bezirks-Verwaltung durchgef&#252;hrt. Mit ihr hat Mielke alles organisiert.«</p>
<p>Tats&#228;chlich hatte die BV Berlin schon zuvor ihre Untersuchungst&#228;tigkeit gegen die Umweltbibliothek intensiviert. Mit Datum vom 23. November 1987 (!) schickte sie an ihren obersten Dienstherrn eine »Information &#252;ber die Rolle des in den R&#228;umen der Evangelischen Kirchgemeinde Zion wirkenden ›Friedens- und Umweltkreises‹ bei der Organisierung einer politischen Untergrundt&#228;tigkeit«. Das Papier zeichnete von der Umweltbibliothek ein finsteres Horrorgem&#228;lde. «Nach uns vorliegenden Informationen .ist es den F&#252;hrungskr&#228;ften des in der Zionsgemeinde etablierten ›Friedens- und Umweltkreises‹ gelungen, die am 6, September 1986 er&#246;ffnete »Umweltbibliothek als Anlaufpunkt, Informations-, Kommunikations- und Koordinierungszentren politischer Untergrundt&#228;tigkeit in des- DDR zu profilieren«, hie&#223; es da. Und weiter: »Die der ›Umweltbibliothek‹ zur Verf&#252;gung stehende Vervielf&#228;ltigungstechnik wird &#8230; zur Herstellung &#8230; schriftlicher Materialien mit feindlichem Inhalt genutzt. So vurde zeitweise das bekannte Machwerk ›Grenzfall‹ vervielf&#228;ltigt.«</p>
<p>Nach der Aufz&#228;hlung einer Reihe weiterer »Feindaktivit&#228;ten« nahm sich das Material Pfarrer Simon vor: »Sichtbar wurde inzwischen, dass Simon nicht nur eine allgemeine Schutzfunktion f&#252;r die Aktivit&#228;ten der Organisatoren der ›Unrweltbibliothek‹ aus&#252;bt, .sondern auch deren gesetzwidrige Handlungen tatkr&#228;ftig unterst&#252;tzt. Er handelt offensichtlich aus Feindschaft zur DDR« Und dann wird ein Fazit gezogen: »Insgesamt kann eingesch&#228;tzt werden, dass sich hinl&#228;nglich bekannte Exponenten der politischen Untergrundt&#228;tigkeit in der Hauptstadt mit ausdr&#252;cklicher Billigung und Unterst&#252;tzung durch kirchliche Amtstr&#228;ger in R&#228;umen der Evangelischen Zionsgemeinde etabliert haben und im Sinne einer Zusammenf&#252;hrung und Vernetzung der verschiedenen politisch-negativen Gruppen wirken.«</p>
<p>Man m&#252;sste annehmen, dass die nun empfohlenen Ma&#223;nahmen, auf die sofortige Zerschlagung dieses »Nestes der Konterrevolution« zielen w&#252;rden, aber pl&#246;tzlich wird zu moderateren T&#246;nen &#252;bergegangen und ein fast ausschlie&#223;lich politisches Vorgehen vorgeschlagen; auch das ein Hinweis auf unterschiedliche Konzepte im Ministerium f&#252;r Staatssicherheit, die sp&#228;ter in dem Buch »Das Kreuz mit dem Kreuz« der damalige Stellvertreter Wiegands, Oberstleutnant Klaus Ro&#223;berg, best&#228;tigte. Die Bezirksverwaltung Berlin schlug vor: »1, Zur Verunsicherung der Organisatoren und positiven Beeinflussung von Personen aus deren personeller Basis sollten in Veranstaltungen der ›Umweltbibliothek‹ ausgew&#228;hlte gesellschaftliche Kr&#228;fte mit entsprechenden Sachkenntnissen teilnehmen und durch fundierte Gegenargumente negative Aussagen in Frage stellen bzw. deren Unglaubw&#252;rdigkeit nachweisen. In diesem Zusammenhang k&#246;nnte gleichzeitig auf echte M&#246;glichkeiten des praktischen Umweltschutzes hingewiesen werden. 2. Der Einsatz gesellschaftlicher Kr&#228;fte sollte noch konzentrierter darauf gerichtet werden, Voraussetzungen f&#252;r eine verst&#228;rkte staatliche Druckaus&#252;bung zu schaffen. In diesem Sinne sollten M&#246;glichkeiten der Initiierung von Eingaben und Anzeigen progressiver B&#252;rger gegen die von der ›Umweltbibliothek‹ ausgehenden feindlichen Aktivit&#228;ten und damit verbundenen Gesetzesverletzungen gepr&#252;ft werden. (Solche »Eingaben« hatte es bereite gegeben. Pfarrer Simon berichtete von angeblichen Beschwerden aus dem Wohngebiet um die Zionskirche, doch als er sich bereiterkl&#228;rte, mit dem WBA-Vorsitzenden &#8211; WBA hie&#223; Wohngebietsausschuss &#8211; dar&#252;ber zu sprechen, wurde ihm das verweigert, und auch die »beschwerdef&#252;hrenden B&#252;rger« wurden ihm nicht genannt. &#8211; d. Verf.) 3. Im Wohngebiet um die ›Umweltbibliothek‹ sollte nach geeigneten Formen des Umgangs und der Zusammenarbeit gesellschaftlicher Kr&#228;fte (z. B. WBA, Kreisvorstand der CDU) mit dem Gemeindekirchenrat der Evangelischen Zionsgemeinde gesucht werden, um bei dessen Mitgliedern schrittweise die &#220;berzeugung zu erreichen, dass die T&#228;tigkeit des ›Friedens- und Umweltkreises‹ in den R&#228;umen der Gemeinde mit Religionsaus&#252;bung nichts zu tun hat und sich nicht auf dem Boden der sozialistischen. Gesetzlichkeit bewegt. 4. &#220;ber die Fachbereiche Inneren auf Magistrats- und Stadtbezirksebene sollte st&#228;ndig auf kirchenleitende Kr&#228;fte eingewirkt und auf die sich aus der T&#228;tigkeit der ›Umweltbibliothek‹ ergebenden Belastungen der Beziehungen Staat &#8211; Kirche hingewiesen werden. Dabei ist die Erfahrung zu ber&#252;cksichtigen, dass mit sofortigen Erfolgen nicht gerechnet werden kann, sondern die stetige Wiederholung staatlicher Forderungen angebracht ist. 5. Zu pr&#252;fen w&#228;re die M&#246;glichkeit der Profilierung eines Jugendklubs, dessen Veranstaltungs- und Programmangebot ein breites Spektrum interessanter Themen zum Umweltschutz beinhaltet, um nicht feindlichen Kr&#228;ften die &#246;ffentliche Auseinandersetzung mit Problemen des Umweltschutzes zu &#252;berlassen. Unter Einbeziehung beispielsweise der Akademie der Wissenschaften, des Ministeriums f&#252;r Umweltschutz und Wasserwirtschaft, der Urania k&#246;nnten Vertrags- und Diskussionsreihen, aber auch M&#246;glichkeiten f&#252;r praktischen Umweltschutz geboten werden.«</p>
<p>Wenn sich der stellvertretende Leiter der BV Berlin, Oberst Kurt Zeiseweis, dennoch wunderte, dass diese Anregungen &#8211; eine Mischung von schon beinahe r&#252;hrender Hilflosigkeit und zugleich infamer Hinterh&#228;ltigkeit &#8211; in den Wind geschlagen wurden, dann zeigte das ziemliche Blau&#228;ugigkeit. Denn nach dem vorangegangenen Text muteten die Empfehlungen wie eine Kapitulation an, und bei der Mentalit&#228;t Mielkes konnte man ziemlich sicher sein, dass er ein solches, f&#252;r ihn ohne Zweifel pflaumenweiches Vorgehen nicht billigen w&#252;rde. Zeiseweis war noch nach dem ende der DDR der Meinung, dass die Herstellung des »Grenzfalls« den Tatbestand der »staatsfeindlichen Hetze« erf&#252;llte, und er r&#228;umt auch ein, dass seine &#220;berraschung &#252;ber Mielkes Befehle nicht lange anhielt: »Angesichts unserer Erfahrung, dass jedes Nachgeben zu immer weiterer Verbreitung der Opposition f&#252;hrte, war uns der Einstieg in die Umweltbibliothek dann doch willkommen, denn nun geschah wenigstens etwas.« Seine Philosophie dr&#252;ckte er recht bildhaft aus: »Wenn Wasser im Boot ist, und es wird vorgeschlagen, es durch Schaukeln rauszukriegen, dann mag das vielleicht gutgehen. Aber weil da auch noch andere im Boot sind, die dann vielleicht mitschaukeln, kann es auch untergehen. Doch irgendetwas mussten wir schlie&#223;lich tun, obwohl wir schon ahnten, dass das eine wie das andere falsch war.«</p>
<p>Oberst Wiegand in der MfS-Zentrale sah das Dilemma &#228;hnlich, setzte jedoch eindeutiger Priorit&#228;ten: »Wir erkannten schnell, wie negativ die ganze Aktion war. Es blieb nur die Freilassung, aber Mielke war starrsinnig, und Jarowinsky, der damals im Politb&#252;ro f&#252;r Kirchenfragen zust&#228;ndig war, hatte ausgesprochene › Schei&#223;ideen‹«. Auch Zeiseweis von der Berliner Verwaltung r&#228;umte sp&#228;ter das schnelle Scheitern der Aktion gegen die Umweltsch&#252;tzer ein: »Wir konnten die Ermittlungsverfahren nicht durchhalten, obwohl das formaljuristisch durchaus m&#246;glich gewesen w&#228;re. Die Kr&#228;ftekonstellation war so, dass wir in der &#214;ffentlichkeit damit keinerlei Plus machen konnten.«</p>
<p>Mehr noch: Die Reaktion in der &#214;ffentlichkeit erwies sich als das ganze Gegenteil dessen, was man erhofft hatte. Der »Grenzfall« schrieb in seiner Nr. 11/1987 triumphierend: »Es ist schwer, angesichts des Verlaufs der zehn Tage zwischen dem 24.11. und dem 4.12. nicht in Euphorie zu verfallen, so eindrucksvoll waren die Erfahrungen und Erlebnisse. Und warum auch sollte Freude nicht am Platz sein? Immerhin zeigte sich zum erstenmal in der nun schon langen Geschichte der emanzipatorischen Bewegung etwas von ihrer lebendigen Kraft und Gr&#246;&#223;e. Es blieben nicht nur, wie bisher, isolierte Akte der Selbstbehauptung, schon gar nicht, wie in fr&#252;heren Jahren, der Zusammenbruch nach einem harten Schlag und die Friedhofsruhe f&#252;r manchmal lange Zeit, das Verkriechen, bis wieder eine Generation daran ging, sich einen Freiraum f&#252;r ihr Denken und ihre Phantasie zu schaffen. Diesmal gab es Widerstand, eine &#8211; sicher unvermutet f&#252;r die, die das Kr&#228;ftemessen ausgel&#246;st hatten, die gesichtslosen Gesichter &#8211; breite Solidarisierung, schlagartig, vom Punk bis zum Bischof, von Wismar bis Gro&#223;hennersdorf. Die in dem Berliner Spektrum bisweilen schon dem Anschein nach tiefen Meinungsverschiedenheiten &#252;ber den Weg aus der Atmosph&#228;re von Isolierung und Ohnmacht erwiesen sich als unwichtig angesichts des alles vereinenden reaktion&#228;ren Angriffs. Die Solidarisierung ergriff, &#246;ffentlich sichtbar, auch Teile der Kirchengemeinden und demonstrierte deren Verbundenheit mit den Anliegen nicht nur des Umweltschutzes, sondern dar&#252;ber hinaus der gesamten Friedens-, &#214;kologie- und Menschenrechtsbewegung.«</p>
<p>Tats&#228;chlich hatte sich binnen k&#252;rzester Zeit in den Kirchengemeinden der DDR und dann auch im Ausland eine Solidarit&#228;tswelle entwickelt, die es bisher noch nie gab. Die Aktivit&#228;ten in Berlin begannen schon in den Morgenstunden des 25. November. Sie f&#252;hrten zu einer Andacht in der Zionskirche am selben Abend, bei der die Einrichtung einer st&#228;ndigen Mahnwache &#8211; einer so bisher nicht erprobten Methode des Widerstandes gegen staatliche Willk&#252;r &#8211; beschlossen wurde. Ziele waren die Freilassung aller Inhaftierten, die Einstellung aller Ermittlungsverfahren, die Wiederherstellung der vollen Arbeitsf&#228;higkeit der Umweltbibliothek durch Herausgabe der Vervielf&#228;ltigungstechnik und die generelle Einstellung politischer Repressalien gegen Andersdenkende. Obwohl Polizei und Staatssicherheit massiv gegen die Teilnehmer der Mahnwachen vorgingen und mehrere von ihnen »zuf&#252;hrten«, breitete sich die Initiative schnell aus. Am 26. November stellte sich der eher konservative Gemeindekirchenrat der Zionsgemeinde hinter die Aktion, und am n&#228;chsten Tag wurden Solidarit&#228;tsbekundungen auch aus Weimar, Wismar, Saalfeld, Halle, Leipzig, Dresden und Erfurt gemeldet, verbunden ebenfalls mit Repressionen der Staatsorgane. An diesen Abend, dem 27. November, nahmen schon 500 Menschen an einer Gemeindeversammlung in der Zionskirche teil. Aus dem Ausland kamen gleichfalls Solidarit&#228;tsadressen, so aus Polen, den Niederlanden, der BRD, Finnland und Frankreich, In den westlichen Medien waren die Ereignisse um die Umweltbibliothek Spitzenthema. Doch Mielke wollte nicht aufgeben. Zwar lie&#223; er Kalk und B&#246;ttcher schon am 26, November frei, doch sollten auch gegen sie &#8211; wie gegen die weiter Inhaftierten R&#252;ddenklau und Schlegel &#8211; Ermittlungsverfahren gef&#252;hrt werden. Am 27. November wurde dies durch eine Meldung in den DDR-Zeitungen bekr&#228;ftigt, die unter dem Titel »Auf frischer Tat ertappt« folgenden Wortlaut hatte: »Laut Mitteilung der Berliner Staatsanwaltschaft wurden am Mittwoch im Keller eines Nebengeb&#228;udes der Zionskirche sieben Personen auf frischer Tat bei der Herstellung staatsfeindlicher Schriften ertappt. Sie wurden zur n&#228;heren Untersuchung des Sachverhaltes festgenommen. Es wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet, zwei Personen befinden sich in Untersuchungshaft. Die von ihnen benutzte Druck- und Vervielf&#228;ltigungstechnik zur Herstellung von Materialien staatsfeindlichen Inhalts wurde dabei beschlagnahmt Aus allen Beweismaterialien soll der Mitteilung zufolge hervorgehen, dass die festgenommenen Personen hinter dem R&#252;cken der zust&#228;ndigen kirchlichen Stellen handelten.«</p>
<p>Dies verst&#228;rkte jedoch nur die Aktivit&#228;ten der Opposition. Am Morgen des 27. November wurde am Turm der Zionskirche in 30 Metern H&#246;he ein Transparent mit dem Text »Wir protestieren gegen die Festnahmen und Beschlagnahmung in der Umweltbibliothek« angebracht. Das MfS, das offensichtlich &#252;ber diese Aktion auch schon vorinformiert war, schickte ein bereit stehendes Feuerwehrauto, und binnen weniger Minuten war die Losung heruntergerissen. Genau 24 Stunden sp&#228;ter aber sind Wolfgang R&#252;ddenklau und Bert Schlegel frei; die Ermittlungsverfahren v/erden jedoch weitergef&#252;hrt.</p>
<p>Nun war seitens der Opposition ein Entscheidung &#252;ber das weitere Vorgehen zu treffen. Die Kirche, die bisher die Mahnwachen aktiv mitgetragen hatte, pl&#228;dierte jetzt f&#252;r deren Beendigung. »Wir haben gesagt: Mahnwachen f&#252;r Menschen ja, f&#252;r Materialien nicht«, erl&#228;uterte Bischof Forck die Position der evangelischen Kirche. Ein anderes Argument war, dass dem einschalteten Rechtsanwalt der R&#252;cken f&#252;r seine Arbeit frei gehalten werden m&#252;sse. Dieser Rechtsanwalt war Wolfgang Schnur, der Anfang 1990 als Stasi-Topinformant enttarnt wurde. Er sprach sich damals am entschiedensten f&#252;r die Einstellung der spektakul&#228;ren Aktionen aus &#8211; eine Haltung, die sp&#228;ter durchschaubarer ist als 1987. Damals jedenfalls wurden derartige Vorschl&#228;ge vielfach als Kapitulation empfunden und waren heftig umstritten. Pfarrer Simon erinnert sich an Teilnehmer am Gottesdienst, die das kirchliche »Brimborium« ablehnten. Warum sollen wir hier das Vaterunser sprechen und Lieder singen, hier findet eine Revolution statt, meinten sie. Und eine &#228;ltere Frau sagte ihm ins Gesicht: »Ihr Pfarrer habt uns schon einmal beschissen, in den 30er Jahren. Jetzt passiert das nicht mehr, jetzt machen wir weiter,«</p>
<p>So war es letztlich nur der Besonnenheit einiger strategisch denkender Oppositioneller wie Reinhard Schult und des Konsistorialprasidenten Manfred Stolpe zu verdanken, dass die Aktionen friedlich beendet wurden. Am 29. November fand sich daf&#252;r in der Eliaskirche eine Mehrheit, nachdem Stolpe als Abschluss einen Kerzenmarsch von der Elias- zur Zionskirche vorgeschlagen hatte. Er hatte dem Staat, der jeder Stra&#223;endemonstration abhold war, dieses Zugest&#228;ndnis abgetrotzt, weil er danach Ruhe versprach.. So konnten die Gottesdienst-Besucher unbehelligt zur Zionskirche gehen, aber damit fanden die Mahnwachen auch ihr Ende; lediglich Andachten fanden weiter statt, t&#228;glich in einer anderen Kirche.</p>
<p>Der Druck auf den Staat aber blieb erhalten, und dabei fand auch die Kirche zu neuem Selbstbewusstsein. Noch im Sommer 1987, als sich anl&#228;sslich des Kirchentages in Berlin eine »Kirche von unten« gegen die allzu kompromissbereite Haltung der Kirchenleitung gebildet hatte, war sie tunlichst bem&#252;ht gewesen, es zu keinerlei Konflikt mit dem Staat kommen zu lassen. Bischof Forck erinnerte sich, dass sogar noch am 5. November eine heftige Auseinandersetzung mit den Vertretern der »Kirche von unten« stattfand, die beinahe mit einem Eklat endete. Jedenfalls waren die Differenzen tief wie nie und schienen un&#252;berbr&#252;ckbar. »In diesem Moment startete der Staat seine Aktionen, und sofort waren die Gruppen an unserer Seite, beanspruchten uns, wir gingen auf sie zu«, urteilte der Bischof r&#252;ckblickend.«&#8221;Wir wurden vom Staat f&#246;rmlich aufeinanderzugetrieben. Wenn der Staat angenommen hatte, den im Laufe des Jahres 1987 entstandenen Dissenz Gruppen &#8211; Kirche durch scharfes Vergehen nutzen zu k&#246;nnen, so war dies ein« strategische Fehlkalkulation. Sein Handeln hat sich total gegenteilig ausgewirkt.«</p>
<p>Mehr noch: Die Kirche fand durch diesen Konflikt mit der Staatsmacht Ans&#228;tze f&#252;r ein unverkrampfteres Verh&#228;ltnis zu den Gruppen. Danach kam es erstmals zu Kontakten mit der sich ausdr&#252;cklich nichtkirchlich verstehenden »Initiative Frieden und Menschen-rechte« (IFM). Stolpe hatte auf dem H&#246;hepunkt der Auseinandersetzungen gegen&#252;ber Staatssekret&#228;r Klaus Gysi sogar in Erw&#228;gung gezogen, die IFM unter den Schutz der Kirche zu stellen.. Dazu kam es nicht, zumal die Initiative die damit m&#246;glicherweise verbundene Abh&#228;ngigkeit ja gerade zu vermeiden suchte, aber es wurden Gespr&#228;che gef&#252;hrt, die seitdem nicht mehr abrissen und von denen Gerd Poppe, Mitbegr&#252;nder und f&#252;hrender Vertreter der IFM, sagte: »Dabei ging es nicht um theologische Probleme, sondern um Politik. Dar&#252;ber konnten Bischof Forck und seine Mitarbeiter Stolpe und Furian mit uns viel unbefangener sprechen als mit den kirchengebundenen Gruppen.«</p>
<p>So erwies sich der Stasi-Sturm auf die Umweltbibliothek nicht nur als gro&#223;er Fehler, sondern wohl sogar als Initialz&#252;ndung f&#252;r die sich nun rasch vollziehende Aufw&#228;rtsentwicklung der Opposition in der DDR. Kirche wie Gruppen erkannten &#8211; wenn auch nur z&#246;gernd und oft; zweifelnd, dass sich im Massenbewusstsein allm&#228;hlich Prozesse vollzogen, die auf eine Schw&#228;chung des bestehenden Machtapparates hinausliefen. Sie sch&#246;pften daraus Mut und fanden eine neue Basis f&#252;r ihre dennoch weiterhin schwierige Zusammenarbeit.</p>
<p>Der Staat hatte eine Niederlage erlitten, die zwar mit der faktischen Einstellung der Ermittlungsverfahren (angek&#252;ndigt bereits am 4. Dezember, vollzogen am 7. Januar 1988, wenige Tage vor einem Staatsbesuch Honeckers, diesmal in Frankreich) auch &#228;u&#223;erlich sichtbar war, deren Wesen jedoch noch verborgen blieb und wohl &#8211; wenn &#252;berhaupt &#8211; nur im Unterbewussten wahrgenommen wurde: Auch diese hoch perfektionierte Staatemacht ist nicht unverwundbar; sie hat einen m&#228;chtigen Gegner &#8211; die Solidarit&#228;t der Massen. Noch war diese kaum erkennbar, weil noch nicht hergestellt, aber es existierten schon die Kr&#228;fte, die sich als f&#228;hig erweisen sollten, sie zwei Jahre sp&#228;ter zu einer revolution&#228;ren Erhebung zu mobilisieren.<img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/0d416824657243e9af7063f5393054e3" width="1" height="1" alt=""/></p>
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