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	<title>blogsgesang.de &#187; Stasi</title>
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	<description>Blog zu Politik, Zeitgeschichte, Kultur und Welt-Anschauung von Peter Richter (pri) und Rudolf Hempel (rhe)</description>
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		<title>Bundestrojaner, das IM-System des Internetzeitalters</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Oct 2011 19:17:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(pri) Als das Bundesverfassungsgericht vor gut dreieinhalb Jahren den Sicherheitsbeh&#246;rden die Online-Durchsuchung gestattete, sie aber durch allerlei Auflagen zur seltenen Ausnahme zu machen versuchte, war bereits klar dass damit dem Zugriff auf die Computer aller B&#252;rger T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet wurde. &#220;brigens auch dem Gericht selbst, das warnend den Zeigefinger hob: »Wird ein komplexes informationstechnisches [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Als das Bundesverfassungsgericht vor gut dreieinhalb Jahren den Sicherheitsbeh&#246;rden die Online-Durchsuchung gestattete, sie aber durch allerlei Auflagen zur seltenen Ausnahme zu machen versuchte, war bereits klar dass damit dem Zugriff auf die Computer aller B&#252;rger T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet wurde. <span id="more-3320"></span>&#220;brigens auch dem <a href="http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20080227_1bvr037007.html" target="_blank"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/3d0a65f64a4849779c6fcfb0f650c4f7" alt="" width="1" height="1" />Gericht selbst, das warnend den Zeigefinger hob</a>: »Wird ein komplexes informationstechnisches System zum Zweck der Telekommunikations&#252;berwachung technisch infiltriert (,Quellen-Telekommunikations&#252;berwachung‘), so ist mit der Infiltration die entscheidende H&#252;rde genommen, um das System insgesamt auszusp&#228;hen. Die dadurch bedingte Gef&#228;hrdung geht weit &#252;ber die hinaus, die mit einer blo&#223;en &#220;berwachung der laufenden Telekommunikation verbunden ist.« Es wusste also: Wenn eine T&#252;r auch nur einen Spalt weit ge&#246;ffnet wird, reicht das in aller Regel aus, um sie sukzessive immer weiter aufzusto&#223;en – bis hin zum sprichw&#246;rtlichen Scheunentor.</p>
<p>Dass sich die mit dem Verfassungsgerichtsurteil vom 27. Februar 2008 freigegebene Entwicklung in diesem Sinne vollzog, ist also keine &#220;berraschung; erstaunlich ist allenfalls, mit welcher Selbstverst&#228;ndlichkeit vor allem <a href="http://www.zdnet.de/news/41557123/vier-bundeslaender-geben-trojanernutzung-zu.htm" target="_blank">konservative Innenminister</a> und ihre Ermittler den Fu&#223; oder gleich den Polizeistiefel in den T&#252;rspalt schoben oder sie gar ganz auftraten. Sie erkannten offensichtlich sehr schnell, dass ihnen mit der Schn&#252;ffel-Software des Bundestrojaners ein Instrument nicht grunds&#228;tzlich verboten wurde, das in seinen M&#246;glichkeiten einem IM-System, wie es das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit der DDR noch m&#252;hsam aufbauen musste, nicht nur nahe kommt, sondern es teilweise &#252;bertrifft. Vor allem aber ist es hinsichtlich des Einsatzes von Mitteln und Personen wesentlich effizienter und weniger st&#246;ranf&#228;llig.</p>
<p>Der <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ein-amtlicher-trojaner-anatomie-eines-digitalen-ungeziefers-11486473.html" target="_blank">vom Chaos Computer Club enttarnte Bundestrojaner</a> erm&#246;glicht die l&#252;ckenlose &#220;berwachung der gesamten Online-Aktivit&#228;ten eines B&#252;rgers vor allem dadurch, dass er in schneller Folge Bildschirmfotos des Computers liefert, aus dem die jeweilige Aktivit&#228;t des Nutzers abgelesen werden kann. Bei f&#252;nf Eins&#228;tzen des Trojaners in Bayern wurden, so musste das Innenministerium zugeben, 29589 solche Bildschirmfotos (Screenshots) »geschossen«, bei Bedarf alle 30 Sekunden eins. »Wie bei einem Daumenkinoheftchen k&#246;nnen die &#220;berwacher dem Entstehen von Text gewordenen Gedanken, Kalkulationen, Notizen und E-Mails zuschauen – ein Bildschirmfoto nach dem anderen. Auch niemals versendete Nachrichten, die der Verfasser wieder gel&#246;scht hat, statt sie abzuschicken, landen so auf dem &#220;berwachungsserver. Viele Menschen haben es sich angew&#246;hnt, ihre Gedanken und Gef&#252;hlen digital festzuhalten, die sie dann aber nicht unbedingt verschicken &#8230; Nun landen sie mittels der Autorisierung einer einfachen Telekommunikations&#252;berwachung in den Handakten der Ermittler und Geheimdienste.«, stellt dazu die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« fest. Hinzu kommt, dass der Trojaner alle &#252;bers Internet gef&#252;hrten Telefongespr&#228;che aufzeichnen konnte, aber – nachdem er das am Computer angeschlossene Mikrofon aus der Ferne angeschaltet hatte – auch s&#228;mtliche sonstigen Gespr&#228;che in dessen Umfeld und sogar – nach Aktivierung der Webcam, wiederum auf Befehl aus den Wolken – alle Bilder aus dem Raum,also die Personen und ihre Verrichtungen.</p>
<p>Um ein solches Ergebnis zu erreichen, bedurfte es bei der Stasi eines ganzen Netzes dicht an der verd&#228;chtigen Person platzierter und aussagewilliger Lauscher, und selbst dann erfuhr sie nur ein Bruchteil dessen, was der infizierte Computer zu liefern vermag. Denn er vermerkt auch, was der/die Verd&#228;chtige allein tut, allein schreibt und auf der Festplatte abspeichert. Der Intimbereich jeden menschlichen Lebens ist somit entschl&#252;sselbar, der von den Verfassungsrichtern als unantastbar bezeichnete »Kernbereich privater Lebensgestaltung« liegt offen vor den staatlichen Ermittlern.</p>
<p>Und noch mehr. Der Bundestrojaner kann, so wie er Befehle erteilt, Computerinhalte an vorgegebene Adressen zu senden, auch veranlassen, dass Computerinhalte jeglicher Art auf dem infizierten Rechner abgelegt werden. Auch das ist von der Stasi bekannt. Wollte sie einen Verd&#228;chtigen aus dem Verkehr ziehen, wurden schon mal kompromittierende Belege in seinem Umfeld platziert, wozu sie auch auf IM zur&#252;ckgriff oder in die Wohnung einbrach. Jetzt gen&#252;gt ein Mausklick, um das Kompromat auf dem Computer unterzubringen – &#252;brigens auch, um es bei Bedarf wieder r&#252;ckstandsfrei zu entfernen.</p>
<p>Und so wie in der DDR das IM-System beinahe nach Gutd&#252;nken zum Einsatz kam, wird der Bundestrojaner auch heute schon beinahe als Standardmethode angewandt. Jedenfalls war in keinem der aus Bayern, Baden-W&#252;rttemberg, Niedersachsen, Hessen und Brandenburg bekannt gewordenen F&#228;lle ein »&#252;berragend wichtiges Rechtsgut« in Gefahr. Denn dies definiert das Bundesverfassungsgericht so: »&#220;berragend wichtig sind Leib, Leben und Freiheit der Person oder solche G&#252;ter der Allgemeinheit, deren Bedrohung die Grundlagen oder den Bestand des Staates oder die Grundlagen der Existenz der Menschen ber&#252;hrt.« Den <a href="http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article13657847/Der-Skandal-hinter-dem-Trojaner.html" target="_blank">bayerischen Beh&#246;rden</a> gen&#252;gte der Verdacht illegalen Handels mit Bet&#228;ubungsmitteln, um die Online-Total&#252;berwachung gegen einem Pharmah&#228;ndler einzusetzen; sogar das Landgericht Landshut befand das als unrechtrm&#228;&#223;ig.</p>
<p>Ganz anders freilich die zust&#228;ndigen Innenminister, die in keinem Fall einen Rechtsbruch sehen wollten – eine weitere Parallele zum Vorgehen in totalit&#228;ren Staaten, die den Schriftsteller <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ueberwachung-kontrolle-ausser-kontrolle-11487833.html" target="_blank">Dietmar Dath</a> bereits von einem »neuen Typ des Totalitarismus« sprechen lie&#223;. F&#252;r sie gen&#252;gt eine richterliche Best&#228;tigung, also das Plazet durch eine einzige Person, die in der Regel eng mit dem Ermittlungsapparat verbunden ist, um bedenkenlos alles das auszuforschen, was nur auszuforschen ist. Denn nat&#252;rlich kann – eine Grundregel jeglicher Polizeiarbeit – alles einmal von Bedeutung sein. Diese Informationsfetischisten empfanden das Urteil des Bundesverfassungsgerichts weniger als Grenzziehung denn als ein Niederrei&#223;en st&#246;render Schlagb&#228;ume.</p>
<p>Das Bundesverfassungsgericht w&#252;rde es allerdings wohl als ehrenr&#252;hrig empfinden, unterstellte man ihm, es sei von den Sicherheitsbeh&#246;rden &#252;bert&#246;lpelt worden. Tats&#228;chlich wurde es wohl auch in dieser Sache – und die genannte selbstkritische Warnung belegt es – im Sinne seines &#252;bergeordneten Auftrags t&#228;tig, <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/03/04/das-bundesverfassungsgericht-stabilisator-staatlicher-macht/" target="_blank">die Handlungsf&#228;higkeit des Staates jederzeit zu gew&#228;hrleisten</a> und mit genau diesem Ziel f&#252;r die jeweils erforderliche Interpretation des Grundgesetzes zu sorgen. Die Risiken und Nebenwirkungen eines solchen Vorgehens zugunsten der Staatssicherheit nahm es als eine Art Kollateralschaden in Kauf; inwieweit dessen Ausma&#223; nun vielleicht doch zu einigem Unbehagen bei den h&#246;chsten Verfassungsrichtern f&#252;hrt, wird abzuwarten sein.</p>
<p>Zwar muss nicht jeder B&#252;rger von vornherein damit rechnen, dass auf seinen Computer ein Bundestrojaner eingeschleust wird; schlie&#223;lich ist es schon die riesige Datenmenge, die Innenministern und Ermittlern Grenzen setzt. Dennoch sollte sich der »unbecholtene« B&#252;rger nicht allzu sicher f&#252;hlen, kann er doch – von wem und warum auch immer – »bescholten« werden. Und dann sein Leben in k&#252;rzester Zeit nackt und blo&#223; auf den Bildschirmen der Polizei bereitliegen.</p>
<p>Daher gibt es f&#252;r das Problem eigentlich nur eine L&#246;sung: das totale Verbot jeglicher Online-Durchsuchung, so wie in der Verfassung auch das Brief-, das Post- und Fernmeldegeheimnis f&#252;r unverletzlich erkl&#228;rt worden sind (Art. 10). Es gibt keinen Grund, in diesem Falle anders zu verfahren – erst recht nicht nach der Enttarnung des Bundestrojaners.</p>
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		<title>Wie die Zersetzung von Wikileaks organisiert wird</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Sep 2011 17:57:07 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[(pri) Die Stasi war nicht der erste Geheimdienst und erst recht nicht der letzte, der diese Methode gegen Andersdenkende anwandte. Zersetzung steht im Inventar der Schlapph&#252;te ganz vorn, und wie es scheint, war sie auch bei der Operation Wikileaks wieder erfolgreich. Und das ohne dass es besonderer Kreativit&#228;t bedurfte, denn an der verdeckten Front sind [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>(pri) Die Stasi war nicht der erste Geheimdienst und erst recht nicht der letzte, der diese Methode gegen Andersdenkende anwandte. Zersetzung steht im Inventar der Schlapph&#252;te ganz vorn, und wie es scheint, war sie auch bei der Operation Wikileaks wieder erfolgreich. <span id="more-3204"></span>Und das ohne dass es besonderer Kreativit&#228;t bedurfte, denn an der verdeckten Front sind die Assange und Domscheit-Berg eben doch nur Amateure.</p>
<blockquote><p>»Mit der Zersetzung«, so hei&#223;t es im W&#246;rterbuch der Staatssicherheit, »wird durch verschiedene politisch-operative Aktivit&#228;ten Einfluss auf feindlich-negative Personen, insbesondere auf ihre feindlich-negativen Einstellungen und &#220;berzeugungen in der Weise genommen, dass diese ersch&#252;ttert und allm&#228;hlich ver&#228;ndert werden bzw. Widerspr&#252;che sowie Differenzen zwischen feindlich-negativen Kr&#228;ften hervorgerufen, ausgenutzt oder verst&#228;rkt werden.</p>
<p>Ziel der Z. ist die Zersplitterung, L&#228;hmung, Desorganisierung und Isolierung feindlich-negativer Kr&#228;fte, um dadurch feindlich-negative Handlungen einschlie&#223;lich deren Auswirkungen vorbeugend zu verhindern, wesentlich einzuschr&#228;nken oder g&#228;nzlich zu unterbinden bzw. eine differenzierte politisch-ideologische R&#252;ckgewinnung zu erm&#246;glichen &#8230;</p>
<p>Hauptkr&#228;fte der Durchf&#252;hrung der Z. sind die IM. Die Z. setzt operativ bedeutsame Informationen und Beweise &#252;ber geplante, vorbereitete und durchgef&#252;hrte feindliche Aktivit&#228;ten sowie entsprechende Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r die wirksame Einleitung von Z.-Ma&#223;nahmen voraus.</p>
<p>Die Z. hat auf der Grundlage einer gr&#252;ndlichen Analyse des operativen Sachverhaltes sowie der exakten Festlegung der konkreten Zielstellung zu erfolgen. Die Durchf&#252;hrung der Z. ist einheitlich und straff zu leiten, ihre Ergebnisse sind zu dokumentieren.</p>
<p>Die politische Brisanz der Z. stellt hohe Anforderungen hinsichtlich der Wahrung der Konspiration.«</p></blockquote>
<p>Die Methode der Zersetzung kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn offen repressive Ma&#223;nahmen keinen Erfolg versprechen oder aber juristisch wie praktisch nicht m&#246;glich oder zweckm&#228;&#223;ig sind. Sie sollen die als feindlich eingesch&#228;tzte Gruppierung von innen heraus zerst&#246;ren, also zersetzen. Dazu werden die Hauptakteure der Gruppe in geschickter Weise kompromittiert, meist mit schwer widerlegbaren Ger&#252;chten und Unterstellungen ohne politischen Hintergrund; bevorzugt werden finanzielle oder sexuelle Verfehlungen angedeutet. Beliebt ist auch das Sch&#252;ren von Rivalit&#228;ten zwischen einflussreichen Personen innerhalb der Gruppe, meist mit erfundenen, gleichwohl aber nicht unglaubw&#252;rdigen Behauptungen. Ist das Misstrauen erst einmal geweckt, ist es oft ein Leichtes, es durch in die Gruppe geschleuste oder aus ihr herausgeworbene IM zu vertiefen. Am Ende ist die Arbeit der Gruppe vollkommen gel&#228;hmt, sie ist als Gegner des Staates paralysiert.</p>
<p>Mit all diesen Ph&#228;nomenen hat dieser Tage Wikileaks zu k&#228;mpfen, jene Gruppe, die <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Wikileaks-Gruender-Wir-haben-alle-Versprechen-gehalten-1337769.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/74327f09ce374ef58166294194161788" alt="" width="1" height="1" />die staatlichen Geheimdienste der Welt, insbesondere die der USA, herausforderte</a> und von diesen schon mal als ein <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1208/tagesthema/0037/index.html" target="_blank">Feind, vergleichbar mit Osama bin Laden</a>, bezeichnet wurde. Das gesamte Arsenal der Zersetzung kann man gewisserma&#223;en exemplarisch an diesen Fall studieren, einschlie&#223;lich seiner Wirkungen, denn Erfolg kann man der Operation nicht absprechen.</p>
<p>Es war gewiss kein Zufall, dass schon kurz nachdem Julian Assange die Ver&#246;ffentlichung Tausender US-Botschaftsdepeschen angek&#252;ndigt hatte, die ersten Vergewaltigungsger&#252;chte auftauchten; seine Empf&#228;nglichkeit f&#252;r amour&#246;se Abenteuer war schlie&#223;lich bekannt, in Zeiten sexueller Freiz&#252;gigkeit aber auch nicht unnormal. Deshalb wohl hielt die schwedische Justiz zun&#228;chst wenig von Ermittlungen, dann aber wurden sie ihr pl&#246;tzlich so wichtig, dass sie Assange international zur Fahndung ausschrieb, <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1208/tagesthema/0010/index.html" target="_blank">»in Gesellschaft von russischen Gangstern und mexikanischen Drogenbossen«</a>, wie eine Zeitung schrieb. Nur aus eigenem Antrieb?</p>
<p>Assange stellte sich den britischen Beh&#246;rden und sitzt dort seither in Hausarrest. Das war aber nur der Auftakt, denn der Hauptschlag sollte sich gegen die Organisation selbst richten. Die ersten Ma&#223;nahmen kamen <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1206/politik/0017/index.html" target="_blank">panikartig</a>, erinnerten an die Methoden totalit&#228;rer Regimes in vergleichbaren Situationen und l&#246;sten dadurch in der &#214;ffentlichkeit eher Solidarit&#228;t als die erhoffte Abscheu aus. Es war jene Lage eingetreten, aus der nur noch die Zersetzung von Wikileaks selbst helfen konnte. Und tats&#228;chlich kamen aus der bis dahin total intransparenten Internetplattform schon bald erste Nachrichten &#252;ber interne Auseinandersetzungen. In ihrem Mittelpunkt stand Daniel Domscheit-Berg, Assanges Repr&#228;sentant in Deutschland. Mit dem unbewiesenen Vorwurf, Assange k&#246;nne die Sicherheit der Informationen nicht gew&#228;hrleisten, kopierte er wichtige Dateien und trennte sich mit anderen unter Mitnahme dieser Informationen sowie der Software, &#252;ber die Informanten, die so genannten Whistleblower, Daten an Wikileaks &#252;bermitteln konnten, von der Organisation und ging seither seine eigenen Wege.</p>
<p>Das war allein schon ein schwerer Schlag gegen Wikileaks, ob nun dabei jemand im Hintergrund die F&#228;den zog oder nicht. Doch er l&#228;hmte die Arbeit der Plattform nicht. Denn Assange hielt sich strikt daran, die Botschaftsdepeschen nur nach sachkundiger Begutachtung durch seri&#246;se Journalisten freizugeben. Dazu hatte er Kooperationsvertr&#228;ge mit solchen Redaktionen wie der »New York Times«, dem britischen »Guardian« und dem »Spiegel« abgeschlossen und sich damit auch f&#252;r die amerikanischen Geheimdienste ziemlich unangreifbar gemacht, denn gegen diese Zeitungen konnten sie nur schwer direkt vorgehen. Es galt also, diese Kooperation zu zerst&#246;ren, was bei der »New York Times« und dem »Spiegel« ziemlich ger&#228;uschlos gelang. Denn sie schienen bald das Interesse an dem Material zu verlieren, aus welchen Gr&#252;nden auch immer.</p>
<p>&#220;brig blieb der »Guardian«, das von den Dreien am weitesten links stehende Presseorgan. Einer seiner Reporter, <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0903/politik/0048/index.html" target="_blank">David Leigh</a>, zeigte besonderes Interessen an den Botschaftsdepeschen. Im Juli 2010 drang er in stundenlangen Debatten darauf, dass Assange ihm das Passwort nennt, unter dem die US-Botschaftsdepeschen im Netz abgelegt sind. Assange l&#228;sst sich schlie&#223;lich &#252;berreden. Dennoch gelingt es Leigh zun&#228;chst nicht, die Datei zu &#246;ffnen. Noch in der Nacht f&#228;hrt er erneut zu Assange, der ihm weiterhilft. Leigh schilderte das ausf&#252;hrlich in einem Buch; vor allem aber nannte er dort das komplette Passwort, angeblich weil er glaubte, es habe sich um einen tempor&#228;ren, also nur zeitlich begrenzt g&#252;ltigen Code gehandelt – f&#252;r einen investigativ arbeitenden Journalisten eine erstaunlich naive Erkl&#228;rung.</p>
<p>Dennoch wurden die Botschaftsdepeschen vorerst nicht publik, weil ihr Vorhandensein nicht allgemein bekannt war und man deshalb nicht gezielt danach suchte. Geheimdienste unterschiedlicher Couleur d&#252;rften jedoch schon damals auf den Vorgang aufmerksam geworden sein und sich Zugang zu dem Material verschafft haben. Offensichtlich jedoch gab es auch ein Interesse, die Informationen, &#252;ber deren angeblich brisanten Inhalt zwar viel spekuliert wird, aber tats&#228;chlich so gut wie nicht bekannt geworden ist, in die breite &#214;ffentlichkeit zu bringen – um damit m&#246;glicherweise die Unzuverl&#228;ssigkeit von Wikileaks zu belegen. Genau diesen Vorwurf erhob denn auch Daniel Domscheit-Berg, nicht ohne zuvor das seine getan zu haben, um m&#246;gliche Interessenten auf die Spur der Datei mit den Botschaftsdepeschen zu f&#252;hren. Pikant ist dabei, dass Daniel Domscheit-Berg inzwischen offensichtlich direkt mit Geheimdiensten in Kontakt steht. Assange hatte ihm dies seit l&#228;ngerem vorgeworfen, und Domscheit-Berg hatte es stets bestritten. J&#252;ngst jedoch sah man ihn bei einem <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0831/medien/0042/index.html" target="_blank">gemeinsamen Auftritt mit August Hanning</a>, bis 2005 Chef der Bundesnachrichtendienstes und danach Staatssekret&#228;r im Innenministerium.</p>
<p>In der Sache der US-Botschaftsdepeschen gab Domscheit-Berg jedenfalls, als sein Streit mit Assnage eskalierte, kaum verh&#252;llt Hinweise auf Fundort und Passwort. Er nutzte dazu die – ebenfalls linke – <a href="http://www.freitag.de/politik/1134-nerds-ohne-nerven" target="_blank">Wochenzeitung »Freitag«</a>, die er sich als Partner f&#252;r sein Konkurrenzunternehmen Openleaks auserkoren hatte, ohne ihr bisher auch nur eine Information zukommen zu lassen. Jetzt jedoch steckte er dem »Freitag« die <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0902/politik/0027/index.html" target="_blank">Geschichte von den US-Botschaftsdepeschen samt jener mit dem Codewort</a>, das der »Guardian« in Erfahrung gebracht hatte und lie&#223; durchblicken, wie man im Netz beides zusammenf&#252;hren k&#246;nne.</p>
<p>Assange erfuhr von der geplanten Ver&#246;ffentlichung und intervenierte bei »Freitag«-Herausgeber Jakob Augstein, der abwiegelte und auf eine Ver&#246;ffentlichung nur verzichten wollte, wenn Assange selbst sich in seinem Blatt dazu &#228;u&#223;ere, was dieser ablehnte; f&#252;r ihn steht der »Freitag« im Lager seines Gegners Domscheit-Berg. Die drohende Ver&#246;ffentlichung vor Augen, <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,783694,00.html" target="_blank">informierte Assange die US-Regierung</a> &#252;ber die bevorstehende freie Verf&#252;gbarkeit der bisher von Wikileaks unter – allerdings sehr losem – Verschluss gehaltenen Daten. Und nach der Ver&#246;ffentlichung im »Freitag« stellte Wikileaks vergangene Woche selbst <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0903/politik/0017/index.html" target="_blank">den gesamten Datensatz mit 251 287 Botschaftsberichten ins Netz</a>. Assange wollte wohl nicht, dass »sein« Material durch andere verbreitet wird. Zu retten war ohnehin nichts mehr.</p>
<p>F&#252;r all jene, die den freien Fluss von Informationen nur dann guthei&#223;en, wenn er ihnen n&#252;tzt und anderen schadet, ansonsten aber mit einem strenge Kontrollregime die eigenen Daten sch&#252;tzen wollen, war dies der Auftakt zu einer geradezu chorischen Kampagne gegen Wikileaks. All diese Bedenkentr&#228;ger von <a href="http://www.welt.de/print/welt_kompakt/webwelt/article13579738/Wikileaks-ist-tot.html" target="_blank">Rechts</a> bis <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/205910.systematisches-problem.html">Links</a> bedienten sich dazu der <a href="http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/wikileaks-schwere-kritik-an-wikileaks_aid_661619.html" target="_blank">Argumente der US-Administration</a>, die das Bekanntwerden der Informationen als Auftakt zu einem Blutbad skandalisiert. Zwar gibt es daf&#252;r keinerlei Beleg, obwohl die einschl&#228;gigen Dienste schon seit Monaten Zugriff auf das Material haben, aber sie alle beten die Horrorszenarien des State Department, des einzigen Gesch&#228;digten der Wikileaks-Aktion nach. Einige sehen sogar die Whistleblower gef&#228;hrdet, weil deren Klarnamen bekannt w&#252;rden – so als &#252;berreichte man die Daten in einem Briefumschlag, auf dem der Absender steht. Sie aber sind allemal professionell genug, die eigene Identit&#228;t zu verbergen; nicht ohne Grund stie&#223;en die riesigen US-Geheimdienste auf einen der Wikileaks-Informanten trotz intensivster Suche erst dann, als er selbst prahlerisch dar&#252;ber berichtete.</p>
<p>Was die in den Botschaftsdepeschen genannten Namen von Informanten angeht, handelt es sich dabei in ihrer Mehrzahl um <a href="http://www.zeit.de/digital/internet/2011-09/wikileaks-assange-auftritt/komplettansicht">Zutr&#228;ger der US-Geheimdienste</a>, die in ihren diplomatischen Vertretungen so genannte legale Residenturren unterhaltten, also Strukturen, die der heimlichen Ausforschung des Gastlandes dienen. Es sind inoffizielle Mitarbeiter dieser Geheimdienste, IM, die anderswo nicht gr&#252;ndlich genug enttarnt werden k&#246;nnen, f&#252;r den eigenen Gebrauch aber beinahe zu Helden stilisiert werden. Zu ihnen geh&#246;ren eifrige Plauderer wie ein <a href="http://www.tagesschau.de/ausland/wikileaksfdp100.html" target="_blank">fr&#252;herer B&#252;roleiter Guido Westerwelles</a>, der die US-Botschaft br&#252;hwarm &#252;ber die Verhandlungen zur Bildung der schwarz-gelben Koalition ins Bilde setzte, aber auch jene <a href="http://www.faz.net/artikel/C32315/westliche-geheimdienste-und-libyen-alte-akten-neue-belastungen-30497509.html" target="_blank">libyschen Geheimagenten</a>, die westliche Dienste wie die CIA oder den britischen MI6 &#252;ber einheimische Oppositionelle informierten und daf&#252;r <a href="http://weltereignisse.blogspot.com/2011/09/gestern-verbundeter-heute-schurke.html" target="_blank">Amtshilfe in ihrem Kampf gegen eben diese Opposition</a> erhielten.</p>
<p>F&#252;r Wikileaks ist die geschilderte Entwicklung ohne Zweifel ein Desaster, mit dem allerdings zu rechen war. Er die einzig verbliebene Supermacht derart herausfordert, musste mit einer entsprechenden Antwort rechnen, auf die die Organisation in keiner Weise vorbereitet war. Sie konnte vorerst nur den K&#252;rzeren ziehen, doch ein Ende der Idee von der Transparenz von Informationen, die von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sind, bedeutet dies keineswegs. Sie ist in der Welt und wird – ungeachtet der Hoffnungen im politischen Establishment – nicht mehr totzukriegen sein. Denn gewiss finden sich immer neue Whistleblower – vielleicht demn&#228;chst auch zur Aufkl&#228;rung der Vorg&#228;nge um die Organisation der Zersetzung von Wikileaks.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil X und Schluss)</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Dec 2010 15:36:36 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p> Bei der aktuellen Debatte &#252;ber die Wikileaks-Dossiers ist ein Aspekt bisher geflissentlich weitgehend &#252;bersehen worden – die Blamage, die Julian Assange mit seiner kleinen, schlecht ausger&#252;steten Truppe den zahlreichen hoch ger&#252;steten Geheimdiensten dieser Welt zugef&#252;gt hat. Sie alle versuchen, mit riesigem Aufwand an Personen und Geldmitteln, diversen Regierungen einige ihrer zahlreichen, sorgsam verborgenen Geheimnisse zu entrei&#223;en <span id="more-2175"></span>und haben damit oft nur d&#252;rftigen Erfolg. Doch <a href="http://wikileaks.ch/" target="_blank"><img src="http://vg07.met.vgwort.de/na/9e3ec3dcc457462d9dafdcb661695c52" alt="" width="1" height="1" />Wikileaks</a> schaffte es, mit einem Schlag erst 77000 Dokumente zum Afghanistankrieg, dann fast 4000000 Papiere zum Irakkrieg und jetzt noch einmal 250000 geheime Botschaftsberichte aus aller Welt nicht nur auf den eigenen Tisch zu bekommen, sondern auch noch weltweit zu ver&#246;ffentlichen. Und all diese Dossiers stammen nicht aus irgendeiner Bananenrepublik, sondern aus den USA, die in den vergangenen Jahren nicht nur eines der effektivsten Sicherheitssysteme der Welt aufgebaut haben, sondern auch technisch ohne Zweifel zu totaler Geheimhaltung in der Lage w&#228;ren.</p>
<p> Es zeigt sich jedoch an den Wikileaks-Enth&#252;llungen einmal mehr, dass Geheimdienste nicht mehr in diese Zeit passen. Sie sind nicht nur moralisch obsolet; die heutige Zeit mit ihrem bislang ungeahnten Bedeutungszuwachs von Informationen f&#252;r die Bew&#228;ltigung der schnell ablaufenden Prozesse in nahezu allen Lebensbereichen legt die Ineffizienz &#252;bertriebener Geheimhaltung oder gar einer Abschottung der Informationsfl&#252;sse offen. Dass der Kreis jener, die in den USA Zugriff auf die diplomatischen Depeschen hatten, so gro&#223; war, ergab sich schlie&#223;lich nicht aus leichtsinniger Vertrauensseligkeit der Beh&#246;rden, sondern war Resultat der Erkenntnis, dass nur gut informierte Mitarbeiter auf allen Gebieten wirklich effektiv arbeiten.</p>
<p> Auf der anderen Seite jedoch f&#252;hrte US-amerikanische Sicherheitshysterie dazu, dass gegen&#252;ber der allgemeinen &#214;ffentlichkeit immer weniger bekannt gemacht wurde und in den Dossiers des Au&#223;enministeriums auch viel mit Geheimhaltungsstempeln versehen wurde, das nur banale Mitteilungen enth&#228;lt. Diese Tendenz r&#252;gte – nach hilflos-w&#252;tender Kritik an Assange – auch die <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1221/meinung/0044/index.html" target="_blank">»Washington Post«</a>, weil solche Geheimhaltung den Verdacht nahelege, die US-Regierung nehme es nicht so genau mit den Rechten der B&#252;rger. »Die beste Art, mit Assange umzugehen, ist ihn &#252;berfl&#252;ssig zu machen«, schlussfolgert das Blatt.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione1-199x300.gif"><img class="alignright size-full wp-image-2187" title="West-Spione1-199x300" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Solche Erkenntnisse sind so neu nicht. Bereits das Ende der DDR warf schon vor 20 Jahren ein Schlaglicht auch auf die Ineffizienz von Geheimdiensten. Denn weder hatten die westlichen Agenturen dieses Ereignis einschlie&#223;lich des folgenden Untergangs des gesamten sozialistischen Systems vorausgesehen, noch konnten die &#246;stlichen Dienste diese Entwicklung verhindern – auch nicht die hochdotierte Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung des DDR-Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit. Ihre Geschichte und Arbeitsweise wurde hier bereits auf der Grundlage einer Ver&#246;ffentlichung &#252;ber die HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, in neun Folgen dargestellt. Auch die Kapitel &#252;ber ihren langj&#228;hrigen Chef <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf</a>, den schlie&#223;lichen <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/11/13/vor-20-jahren-der-zusammenbruch-des-ddr-spionageapparates/" target="_blank">Zusammenbruch der HVA</a> und ihre bis in die Gegenwart wirkende <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/02/08/vor-20-jahren-die-hinterlassenschaft-der-ddr-spionage-macht-probleme/" target="_blank">Hinterlassenschaft</a> sind an dieser Stelle bereits ver&#246;ffentlicht worden. Im Schlusskapitel res&#252;mierten die Autoren aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen schon damals, dass – – Geheimdienste &#252;berholt , passé seien. Es wird hier zuzm Abschluss der Serie noch einmal wiedergegeben.</p>
<h3><span style="color: #000000;"><span style="font-family: Arial;"><span style="font-size: x-large;">Geheimdienste passé?</span></span></span></h3>
<p>Spionage wird gern als das zweit&#228;lteste Gewerbe der Welt bezeich­net, wird doch bereits in der Bibel davon gesprochen. Heute jedoch bangt die Zunft der Spione um ihre Zukunft. Denn der Untergang der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung erweist sich vielleicht nicht nur als Spezifikum der deutschen Genesis, erkl&#228;rbar aus dem Ver­schwinden eines ganzen Staates und damit auch seiner staatlichen Organe. Auch andere Geheimdienste m&#252;ssen sich zunehmend Fragen nach ihrer Daseinsberechtigung stellen &#8211; im Osten wie im Westen. Dabei mag man die faktische Aufl&#246;sung des sowjetischen KGB wie die armseligen Mutationsversuche der Dienste anderer osteurop&#228;ischer Staaten noch dem Umbruch im Osten, dem Ein­sturz des sozialistischen Systems zuschreiben; f&#252;r die neu aufge­flammte Diskussion um die gro&#223;en westlichen Geheimdienste gen&#252;gt das zur Erkl&#228;rung nicht. Zwar ist es richtig, dass ihnen im Gefolge all dieser Entwicklungen der »Feind abhanden« gekommen ist, wie es oft griffig hei&#223;t, aber die wahren Ursachen f&#252;r die verbreitete Geheimdienst-M&#252;digkeit d&#252;rften tiefer liegen.</p>
<p>In diesem Jahrhundert war die Weltpolitik im wesentlichen durch den Gegensatz der beiden Systeme Kapitalismus und Sozia­lismus gepr&#228;gt. Dieser Widerspruch entwickelte sich in aller Sch&#228;rfe bis hin zur apokalyptischen Gefahr eines thermo-nuklearen Krieges. Damit einher ging eine gewaltige Propagandaschlacht, die sich aller erdenklichen Mittel bediente und mit dem Begriff des Kalten Krieges besser beschrieben war als mit dem sp&#228;teren, gef&#228;lligeren der »ideologischen Auseinandersetzung«. Die beiden Weltsysteme, jeweils angef&#252;hrt von ihren Superm&#228;chten USA und Sowjetunion, waren nur noch auf sich bezogen, betrachteten ihren Konflikt als »Knackpunkt« der Menschheitsgeschichte &#8211; und das war er lange Zeit wohl auch. Geheimdienste hatten in diesem Diadochenkampf ihre selbstverst&#228;ndliche Funktion.</p>
<p>Dabei &#252;bersahen beide Seiten, dass sich im Schatten der System­auseinandersetzung v&#246;llig neue und viel bedeutsamere Widerspr&#252;­che herausbildeten: der sogenannte Nord-S&#252;d-Konflikt als K&#252;rzel f&#252;r die Verelendung der Dritten Welt, hervorgerufen von deren Ausbeutung durch die beiden anderen Welten; die &#246;kologische Herausforderung mit im Grunde den gleichen Ursachen; das Erfordernis, die rasante wissenschaftlich-technische Entwicklung so zu gestalten, dass sie dem Menschen zum Nutzen ger&#228;t und nicht seinen Untergang programmiert. All dies ist nicht im scharfen Gegensatz unterschiedlicher ideologischer Konzepte zu bew&#228;lti­gen, sondern nur in enger Zusammenarbeit. Damit steht die Kooperation auf der Tagesordnung &#8211; und diese kann nur in einer Atmosph&#228;re des Vertrauens gedeihen.</p>
<p>Da objektiv bedingt, haben sich Elemente einer solchen »Politik des neuen Denkens« in den vergangenen Jahren bereits durchsetzen k&#246;nnen. Der KSZE-Proze&#223; machte den Anfang, indem er neben materielle Bereiche eines Interessenausgleichs (Sicherheit und &#214;konomie) erstmals gleichgewichtig die ethisch-moralische Pro­blematik der Menschenrechte stellte. Die deutsche Vereinigung war ein beredtes Beispiel f&#252;r die partielle &#220;berwindung von Blockdenken. Und auf dem besonders sensiblen Sicherheitsbereich wurden »vertrauensbildende Ma&#223;nahmen« vereinbart &#8211; erste Schritte zu mehr Transparenz und Ehrlichkeit. Ihre Realisierung wiederum erhielt Impulse aus den sprunghaft zunehmenden weltweiten Kommunikationsm&#246;glichkeiten &#8211; sowohl durch Mediennutzung als auch im privaten Bereich.</p>
<p>Wer Spionage von innen her kennt, wei&#223;, dass sie diesen Tendenzen im Wege steht. In einem Feld gegenseitig vorteilhafter Zusammenarbeit muss sie kontraproduktiv wirken. Ihre Absichten und Methoden verdienen tiefstes Misstrauen &#8211; wie alles, was jemand hinter seinem R&#252;cken heimlich vorbereitet, w&#228;hrend er mir vorn l&#228;chelnd die Hand entgegenstreckt. Spionage als Kind alten Denkens in den Kategorien der Bl&#246;cke, der antago­nistischen Ideologien, kann globale Kooperation nicht bef&#246;rdern, sondern sie nur st&#246;ren. Diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch &#8211; und sie ist der wahre Hintergrund f&#252;r die sich verst&#228;rkenden Forderungen nach restloser Beseitigung dieser Relikte einer &#252;ber­holten Zeit. Die neue Weltordnung, die heute auf der Tagesordnung steht, bedarf konspirativer Ma&#223;nahmen nicht; im Gegenteil – sie kann nur gelingen, wenn T&#228;uschung, Verschleierung, &#220;bervortei­lung auf dem Felde der Politik restlos ausgemerzt werden.</p>
<p>Wie schwer es aber ist, sich aus den Fesseln einer obsoleten Weltsicht zu l&#246;sen, zeigten gerade die von den diversen KSZE-Folgetreffen vereinbarten vertrauensbildenden Ma&#223;nahmen. Dazu geh&#246;rte die Beobachtung milit&#228;rischer Man&#246;ver, die alle beteilig­ten Staaten sofort dazu veranlasste, die jeweiligen Geheimdienste mit der Ausgestaltung dieser Vereinbarung zu betrauen.</p>
<p>So kam es dann, dass sich die Agenten der beiden Seiten auf dem Man&#246;verfeld gegen&#252;berstanden &#8211; die einen als Gastgeber mit dem Ziel, das wirklich Interessante vor den Augen des »Gegners« zu verbergen, die G&#228;ste hingegen mit der Absicht, die g&#252;nstige Gelegenheit zur Aufkl&#228;rung optimal zu nutzen. W&#228;hrend erstere zum Zwecke der Camouflage lange Erkl&#228;rungen abgaben und ausgedehnte Bankette in den Stabszelten am Rande der Man&#246;ver­zonen organisierten, um die Beobachter besoffen zu reden und zu machen, hatten diese den Auftrag, mehr zu sehen und zu h&#246;ren als erw&#252;nscht, und sich dazu statt mit Sektkelchen mit ausgefeilter Peil- und Lauschtechnik auszustatten. Fast noch absurder mutet die geheimdienstliche Begleitung des deutschen Vereinigungsprozes­ses an. W&#228;hrend das MfS seine Beobachtung der Bundesrepublik nach dem Januar 1990 notgedrungen fast v&#246;llig einstellte und damit auch die elektronische Telefon&#252;berwachung ihr Ende fand, setzte der BND die diesbez&#252;glichen Aktivit&#228;ten ungehemmt fort. Er machte dabei auch nicht vor der Bespitzelung des CDU-Vorsitzen­den und sp&#228;teren Ministerpr&#228;sidenten Lothar de Maizière halt &#8211; lange bevor er in Stasi-Verdacht geriet. Tr&#246;stlich zu h&#246;ren, dass nach der Wahl vom 18. M&#228;rz das Anzapfen von DDR-Telefonen »sukzessive heruntergefahren« und mit der Wahl der neuen Regie­rung am 12. April »endg&#252;ltig eingestellt« wurde. Die formelle Weisung zur Beendigung aller Abh&#246;raktionen &#252;ber Richtfunk erging jedoch erst am 4. Mai. Auch danach hat aber der BND seine Quellen im Osten Deutschlands weiter berichten und sich durch seinen Spitzen-Informanten Schalck-Golodkowski sogar Tipps f&#252;r erfolgversprechende Anwerbungen geben lassen. Gro&#223;z&#252;gig stellte er seine Top-Quelle auch f&#252;r die dilettan­tische Befragung durch einen M&#246;chtegern-Kundschafter der neuen Regierung zur Verf&#252;gung, der auf diese Weise &#8211; in wessen Auftrag? &#8211; Material gegen seinen eigenen Regierungschef sammelte.</p>
<p>Die grotesken Folgen dieser Art von Geheimdienst-Spielen k&#246;nnten zum Lachen verleiten, wenn der Hintergrund nicht so ernst w&#228;re. Er verr&#228;t n&#228;mlich, dass die Konsequenzen des oft beredeten »neuen Denkens« von vielen noch gar nicht begriffen oder aber &#252;berhaupt nicht erw&#252;nscht sind. Jetzt, da es an eigene liebgewordene Machtinstrumente geht, erweisen sich viele fr&#252;here Erkl&#228;rungen als platonisch. So kann man gegenw&#228;rtig landauf, landab &#8211; von Moskau bis Langley, von Paris bis Br&#252;ssel, von K&#246;ln bis Pullach &#8211; immer wieder h&#246;ren, wie unverzichtbar gerade heute Geheim­dienste seien. In den Entwicklungen in Osteuropa sieht BND-Chef Konrad Porzner offensichtlich vor allem Gefahren: »Aber beden­ken Sie auch, dass durch die Aufl&#246;sung des sowjetischen Zentral­staats unsere Arbeit schwieriger geworden ist. Jetzt gen&#252;gt es nicht mehr zu wissen, was in Moskau geschieht. Nun m&#252;ssen wir auch wissen, was in Kiew, Alma-Ata und St. Petersburg passiert.« Ver­fassungsschutz-Vizepr&#228;sident Peter Frisch wird noch deutlicher: »Unser neuer Hauptgegner sind die Staaten der Sowjetunion.« Und dar&#252;ber hinaus: Rum&#228;nien, Bulgarien, Polen, China, der Nahe Osten. Gefahr drohe Deutschland auch von »kubanischen, nord­koreanischen und anderen Diensten«. Ein weites Bet&#228;tigungsfeld &#8211; doch nicht nur die deutschen Geheimdienste malen neue Bedrohun­gen an die Wand.</p>
<p>Mitten in die Aufl&#246;sung des KGB hinein sagte dessen damaliger Chef Wadim Bakatin, es brauchten »auch demokratische Staaten Geheimdienste. Deshalb hei&#223;t unsere Aufgabe nicht Aufl&#246;sung, sondern Reform und Dezentralisierung«. Und der amerikanische CIA r&#228;umt zwar ein, dass das R&#252;stungspotential der UdSSR k&#252;nftig weniger bedrohlich sei; daf&#252;r stelle aber die wirtschaftliche Kon­kurrenz Japans und Europas eine Gefahr dar. Der ehemalige CIA-Chef Stansfield Turner gab die Linie vor: »Wirtschaftliche St&#228;rke muss mehr in den Vordergrund ger&#252;ckt werden, und das bedeutet, dass wir bessere &#246;konomische Aufkl&#228;rung brauchen.« Und er verschweigt auch die Zielrichtung dieser Wirtschaftsspionage nicht: »Nachdem wir mittlerweile mehr Nachdruck auf die Sicherung des wirtschaftlichen Knowhow legen, m&#252;ssen wir auch die weiterent­wickelten L&#228;nder ausspionieren &#8211; unsere Verb&#252;ndeten und Freunde, mit denen wir wirtschaftlich konkurrieren.«</p>
<p>Nach solcher Argumentation best&#228;tigt jedes weltpolitische Ereignis die Notwendigkeit von Geheimdiensten. Die Aufl&#246;sung der UdSSR macht sie ebenso erforderlich wie die »neuen Krisen­herde« sie verlangen. Sie m&#252;ssen das jeweilige Land vor den »neuen Gro&#223;m&#228;chten« (f&#252;r die USA Japan und Europa) sch&#252;tzen, aber auch vor Terrorismus, Rechtsextremismus, Waffenhandel, Umweltkriminalit&#228;t und Drogenverbrechen. Ungeniert greifen die Nachrichtendienste in polizeiliche Kompetenzen ein &#8211; nur um ihre Unersetzlichkeit nachzuweisen. Ehemalige Spionage-Praktiker begr&#252;nden die Unverzichtbarkeit von konspirativer Aufkl&#228;rung gleich f&#252;r alle Ewigkeit und sind in ihren Gedankeng&#228;ngen nahezu identisch. So sei zwar die Satellitenerkundung auch nicht schlecht, aber &#8211; so der ehemalige CIA-Mitarbeiter George Carver: »Die Stimmung im Basar kann ein Satellit aus 160 Kilometern Entfer­nung im Weltall nicht ausmachen.« Und Markus Wolf teilt diese Skepsis gegen&#252;ber der Elektronik: »Aber damit l&#228;sst sich nur feststellen, was geschehen ist oder was passieren k&#246;nnte &#8211; nicht aber, was in den St&#228;ben und Regierungen geplant wird, welche Entwicklungen in den Forschungslabors laufen oder ob ein Staatsstreich bevorsteht, der die ganze Situation ver&#228;ndern kann.«</p>
<p>Hier offenbart sich ein tiefes und offenbar unausrottbares Misstrauen, das zwar durch die bisherige Weltgeschichte best&#228;tigt zu werden scheint, dennoch aber nicht in eine Zeit passt, in der man eine v&#246;llig neue Weltordnung bauen will. Wer so denkt, taugt nicht zum »Erneuerer«, ist kein »Hoffnungstr&#228;ger«, sondern verharrt in einem Denken, das seine Gef&#228;hrlichkeit in unserem Jahrhundert immer wieder nachgewiesen hat und nun endg&#252;ltig &#252;ber Bord geworfen werden muss.</p>
<p>Hinzu kommt, dass der hohe Anspruch der Spionage, durch das Ermitteln der »ganzen Wahrheit« segensreich zu wirken, bisher kaum je eingel&#246;st werden konnte. Hingegen sind die Fehleinsch&#228;tzungen der Auslandsnachrichtendienste Legion und damit &#8211; oft berechtigt, mitunter zwar auch unberechtigt, aber es &#228;ndert nichts am Ergebnis &#8211; die Missachtung ihrer Prognosen. Fast alle Politiker lesen zwar gern die Dossiers ihrer Geheimdienste, aber kaum einer hat dar&#252;ber ein positives Wort verloren. Und tats&#228;chlich gehen Analysen und Einsch&#228;tzungen der geheimen Nachrichtendienste in aller Regel nicht &#252;ber das hinaus, was kluge Zeitgeschichtler, Politologen und Journalisten mit ihren Mitteln zusammentragen und formulieren. Brisante Einzelinformationen jedoch finden oft nicht die erforderliche Beachtung, vor allem dann nicht, wenn sie nicht ins eigene Kalk&#252;l passen und vielleicht dazu zwingen k&#246;nnten, die gerade betriebene Politik zu &#252;berpr&#252;fen.</p>
<p>Selbst Wolf, der 40 Jahre lang die deutsch-deutsche Entwick­lung in all ihren Ver&#228;stelungen verfolgen konnte, sah im Herbst 1989 nicht das baldige Ende der DDR voraus. Auch er unterlag letztlich der Scheuklappensicht, die den Aufkl&#228;rern in diesen Jahren anerzogen worden war und aus der sie trotz optimaler Informiertheit nicht ausbrechen konnten oder wollten. Noch im Sommer 1991 setzte Wolf auf seine alten Vertrauten in der KPdSU-F&#252;hrung &#8211; unf&#228;hig zu der Einsicht, dass es auch mit dieser und der von ihr geschaffenen Sowjetunion zu Ende ging. Er wie die gesamte Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung sind auch daran gescheitert, dass sie das objektive Wissen, das sich in ihrem Speicher ansammelte, nicht vorurteils­frei zu interpretieren vermochten.</p>
<p>Diesen Mangel hatte jedoch die DDR-Spionage mit allen anderen einschl&#228;gigen Diensten gemein. Der CIA lief den Entwick­lungen in Osteuropa st&#228;ndig hinterher, da das Ende des Kommunis­mus in seinem stabilen Feindbild nicht vorgesehen war. &#196;hnlich hat der BND nicht ein einziges Mal in seinen Papieren der letzten beiden Jahrzehnte die Vereinigung Deutschlands vorausgesagt oder auch nur eine solche M&#246;glichkeit noch im letzten Jahrhundert angedeutet. Entsprechend unvorbereitet war die Bundesregierung, als der unwahrscheinliche Fall eintrat. Der Verfassungsschutz bezog noch 1989 ein gro&#223;z&#252;giges neues Geb&#228;ude in K&#246;ln-Chor­weiler, weil auch er das Ende der weltweiten Konfrontationspolitik nicht denken konnte. Die KGB-Reste, die sich den ex­sowjetischen Republiken andienten, sind in ihrer Mehrzahl noch immer der Meinung, der Wandel der letzten drei Jahre sei das Resultat ausl&#228;ndischer Dienste und ihrer Agenten und Saboteure. Weil die Geheimdienste &#252;berall nur Anh&#228;ngsel der Politik waren und sind, diese in ihren Auffassungen bedienen, statt unabh&#228;ngig ihre Schlussfolgerungen aus den internen Materialien zu ziehen, bleiben sie weitgehend wirkungslos &#8211; ein weiteres Argument f&#252;r ihre &#220;berlebtheit.</p>
<p>Und ein drittes, wohl noch bedeutsameres, kommt hinzu. Die Geheimdienste haben mit einem demokratischen Staatswesen nichts zu tun. Die Entwicklung der Auslands-Spionageapparate demon­striert im Gegenteil, dass sie der Versuchung, ihre konspirativen Mittel und Methoden auch bei Operationen im Inland anzuwenden, nie widerstehen konnten und k&#246;nnen. War auch die Kooperation zwischen Spionage und Bereichen der inneren Abwehr bei der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung besonders eng, so ist zugleich nicht zu bestreiten, dass auch die altbundesdeutschen Dienste in dieser Hinsicht eine lange schmutzige Tradition haben, die erst vor einiger Zeit mit der sogenannten Panzeraff&#228;re &#8211; dem heimlichen Verschieben von Kriegsger&#228;t der Bundeswehr, das urspr&#252;nglich aus NVA-Best&#228;nden stammte, nach Israel &#8211; einen neuen H&#246;hepunkt erreichte.</p>
<p>Begonnen hatte das innenpolitische Spiel des Auslandsdienstes aber bereits mit Reinhard Gehlen, der es f&#252;r geradezu unerl&#228;sslich fand, durch den BND auch die »inneren Feinde« der Republik zu bearbeiten. Als der ehemalige Nazigeneral 1968 ausschied, fand sein Nachfolger Gerhard Wessel »sechs, sieben Leitz-Ordner, &#252;ber den Daumen gesch&#228;tzt«, mit Dossiers &#252;ber 54 Politiker vor &#8211; von Heinemann bis Barzel, von Wehner bis Strau&#223; (!). Weniger Aufhebens machte der langj&#228;hrige Gehlen-Stellvertreter von den Akten &#252;ber Kommunisten, Linke, Pazifisten, Sowjetunion-Freunde und andere unzuverl&#228;ssige Kantonisten in den Augen seines Ex­-Chefs. Das ganze Ausma&#223; der Spitzelt&#228;tigkeit im Innern wie auch des ungesetzlichen Vorgehens des BND war mit der »Spiegel«-Aff&#228;re offenkundig geworden. Danach versuchte man, den Nach­richtendienst st&#228;rker unter Kontrolle zu halten, doch mit m&#228;&#223;igem Erfolg, wie die immer neuen Skandale zeigten. Der gescheiterte Kanzleramtsminister Stavenhagen brachte es 1991 auf den Punkt: »Die Frage, wie man Nachrichtendienste, die ja etwas andere Beh&#246;rden sind, richtig kontrolliert, ist eine Frage, die mich schon lange bewegt.«</p>
<p>Bei aller Unterschiedlichkeit in Ausma&#223; und Perfektionierung sind es &#8211; wie in der DDR &#8211; auch in der Bundesrepublik stets Machtinteressen gewesen, die den Einsatz des Geheimdienstes zur Bek&#228;mpfung innenpolitischer Gegner veranlassten; nicht selten wurden sogar parteipolitische Fehden mit seiner Hilfe ausgetragen. Da ist es kein Wunder, wenn alle Versuche, das Treiben der Dienste demokratischen Regeln zu unterwerfen, scheitern mussten. Und es sieht so aus, dass das k&#252;nftig noch weniger m&#246;glich sein wird. Die Tendenz der Geheimdienste, sich neue Felder zu erschlie&#223;en, bringt zwangsl&#228;ufig mit sich, dass konspirative Methoden nicht etwa eingeschr&#228;nkt, sondern im Gegenteil noch ausgeweitet werden. »Das Gebot der Trennung von Polizei und Nachrichtendienst wird nicht mehr sauber eingehalten«, gesteht BfV-Pr&#228;sident Werthebach ein. Und BND-Chef Porzner stellt sogar Forderungen nach Aus­h&#246;hlung gegenw&#228;rtiger Rechtsgrundlagen: »Nach Artikel 10 des Grundgesetzes darf das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis nur mit Zustimmung eines Parlamentsgremiums durchbrochen werden. Dieses Gesetz muss allerdings &#252;berdacht werden.« Die nach der Panzeraff&#228;re erneut in Gang gekommene Diskussion &#252;ber erweiterte parlamentarische Kontrollmechanismen gegen&#252;ber den Geheim­diensten wird so schon im Ansatz unterlaufen. Es ist sicher, dass auch sie ausgehen wird, wie alle vorherigen &#8211; ohne greifbares Ergebnis.</p>
<p>Geheimdiensten ist ein undemokratisches Element inh&#228;rent. Es ergibt sich aus dem Grundessential ihrer Arbeit &#8211; n&#228;mlich das Auge der &#214;ffentlichkeit zu scheuen und demokratische Mitsprache &#252;ber ihre Aktivit&#228;ten nicht zuzulassen. W&#252;rden hingegen Offen­heit und wirkliche Transparenz auch im Wirken der Geheimdien­ste durchgesetzt, w&#228;re ihnen ihr Wesen genommen; sie w&#252;rden automatisch aufh&#246;ren zu existieren. Wer jedoch Spionage und all die anderen klandestinen Verrichtungen verteidigen und verewigen will, plant nichts Gutes. Nach au&#223;en setzt er weiter auf die &#252;berholte Machtpolitik weniger Gro&#223;er und Starker gegen&#252;ber Kleineren und Schw&#228;cheren, nicht jedoch auf das kooperative Zusammenwirken gleichberechtigter V&#246;lker. Im Inneren will er ganz &#228;hnlich vorgehen &#8211; Kabinettspolitik betreiben statt die opti­male Mitwirkung der B&#252;rger an den Staatsgesch&#228;ften zu erm&#246;gli­chen, die Demokratie in ihrer formalisierten Form zementieren statt neue Wege zu mehr Mitsprache und Mitentscheidung vieler zu beschreiten.</p>
<p>Aus all dem ergibt sich der Schluss, dass die T&#228;tigkeit derartiger »Organe« keine Daseinsberechtigung mehr hat. Der Widerspruch ihrer Praktiken zu den heute erforderlichen Formen kooperativer, vertrauensvoller Arbeit ist so gro&#223;, dass sie sich endg&#252;ltig &#252;berlebt haben. Wie die Saurier der Urzeit erweisen sich die Geheimdienste als nicht mehr lebensf&#228;hig, weil ihre einstige Funktion in die heutige Zeit nicht passt. Sie k&#246;nnen nur noch Schaden anrichten, indem sie notwendige Entwicklungen der Weltgesellschaft verz&#246;gern. Und sie kosten viel Geld, das wahrlich nutzbringender angelegt werden k&#246;nnte.</p>
<p>Die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, einst ger&#252;hmt wegen ihrer Effizienz und Professionalit&#228;t, hat schon den Preis ihres Zusammenbruchs entrichten m&#252;ssen; andere Dienste werden auf diesem Weg gewiss folgen &#8211; auch wenn es noch etwas dauert.</p>
<p>Und eines Tages wird die Zeit kommen, da Spionage nur noch das Thema spannender B&#252;cher und Filme ist.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil IX)</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Dec 2010 18:18:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer in diesen Tagen aufmerksam die Vorg&#228;nge um Wikileaks verfolgt und dabei registriert, wie hilflos und unprofessionell die US-Regierung samt ihrer Geheimdienste auf Ver&#246;ffentlichung von ihnen aus gutem Grund geheim gehaltener Informationen reagieren, f&#252;hlt sich nicht selten an die Endzeit der DDR und vor allem ihres Geheimdienstes Ministerium f&#252;r Staatssicherheit erinnert. Nat&#252;rlich gibt es kaum direkte Analogien<span id="more-2096"></span>, sind doch die Vorg&#228;nge gr&#252;ndlich anders, aber die Atmosph&#228;re, die Stimmung, die sich um dieses Ereignis ausbreitet, &#228;hnelt schon jener des Jahres 1989 in der DDR, als ein gef&#252;rchtetes Repressivorgan in atemberaubender Geschwindigkeit seine Macht verlor und darauf nicht angemessen zu reagieren wusste.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-2099" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/12/West-Spione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, der Auslandsgeheimdienst, wurde in diesen Strudel gezogen – und hat es weitgehend geschehen lassen, auch weil sowohl seine F&#252;hrung als auch die Mitarbeiter weder willens noch in der Lage waren, sich gegen die lange einge&#252;bte ideologische Indoktrination und Unterordnung unter h&#246;heren Befehl zu wehren. Dies alles ist in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, ausf&#252;hrlich beschrieben. Im folgenden der neunte Teil.</p>
<h2>Der Weg in die Agonie</h2>
<p>»Er beherrscht sein Handwerk in der t&#228;glichen Arbeit, hat sich aber in das System integriert.« Mit solch d&#252;rren Worten beschreibt <a href="http://www.blogsgesang.de/2007/01/19/markus-wolf/" target="_blank">Markus Wolf </a><img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/f89cb05aa95d49688cd31e70672f05b2" alt="" width="1" height="1" />seinen Nachfolger Werner Gro&#223;mann. Er vergisst hinzuzuf&#252;gen, dass gerade er es war, der seinen langj&#228;hrigen Stellvertreter und »Kronprinzen« ganz wesentlich zu diesem Oppor­tunismus erzog.</p>
<p>Gro&#223;mann, Jahrgang 1929, geh&#246;rte zu jenen Leuten, die 1952 im »Institut f&#252;r wirtschaftswissenschaftliche Forschung« anfingen und so die Auslandsspionage der DDR von Anfang an mit aufbauten. Er war zuvor hauptamtlich in der FDJ t&#228;tig gewesen und diente sich unter Wolf allm&#228;hlich hoch. Nie zeichnete er sich durch besondere Kreativit&#228;t aus; seine St&#228;rken waren die F&#228;higkeit zu flei&#223;iger, penibler Arbeit, und der reiche Erfahrungsschatz, den er sich in fast vierzigj&#228;hriger Arbeit als Aufkl&#228;rer erworben hatte, waren solche Eigenschaften wie Zuverl&#228;ssigkeit, Ruhe und Besonnenheit. Er leitete lange Jahre die f&#252;r Milit&#228;rspionage zust&#228;ndige Abteilung IV, sp&#228;ter die Abteilung I, deren »Jagdgebiet« die Regierungsbeh&#246;rden der Bundesrepublik waren. Als Wolfs Stellvertreter war er dann f&#252;r die Anleitung jener Bereiche zust&#228;ndig, die ihre Operationen auf den westlichen deutschen Staat konzentrierten. Dazu geh&#246;rte auch die besondere Beobachtung der von dort ausgehenden »politisch­ideologischen Diversion«.</p>
<p>Gro&#223;manns Werdegang pr&#228;destinierte ihn anscheinend f&#252;r die Nachfolge Wolfs. Er kannte den Spionageapparat fast wie dieser und garantierte so die Kontinuit&#228;t der Arbeit. Kaum jemand schien sich Gedanken dar&#252;ber zu machen, dass inhaltliche wie methodische Impulse von ihm nicht zu erwarten waren. Der &#220;bergang vollzog sich reibungslos; die Arbeit lief weiter, als sei Wolf gerade einmal in Urlaub oder zur Kur. Die DDR-Aufkl&#228;rung war so in ihrem Fahr­wasser festgelegt, dass Ver&#228;nderungen niemandem erforderlich schienen. Sie hatte ihren Platz in der B&#252;rokratie des Landes gefun­den und sollte dort verbleiben, ohne viel aufzufallen oder gar Turbu­lenzen auszul&#246;sen. Insofern war ein Mann, der sich &#8211; Originalton Wolf &#8211; »in das System integriert« hatte, gerade recht.</p>
<p>Und Gro&#223;mann war der typische Juniorpartner. Weniger flexibel als sein Vorg&#228;nger, weniger kompetent, wenn es um vorausgreifen­des Denken ging, seinem Chef h&#246;rig, solange dieser die Befehls­gewalt hatte, dann schnell auf den neuen Herrn Mielke fixiert und diesem so zu Willen wie vordem Wolf. Das musste nicht nur sein Vorg&#228;nger erfahren, von dem er sich schnell distanzierte, als Kritik an ihm laut wurde. Das zeigte sich auch in den Orientierungen und Festlegungen, die Gro&#223;mann traf und mit denen er der Forderung Mielkes nach immer st&#228;rkerer Einbindung der HVA in die »Haupt­aufgabe« des Ministeriums f&#252;r Staatssicherheit, die Bek&#228;mpfung von Subversion, Diversion und »politischem Untergrund« Rech­nung trug. Der Sekret&#228;r der SED-Kreisleitung des MfS, Horst Felber, bezeichnete das so: »Unter dem neuen Leiter hat Mielke ein bisschen mehr direkte Befehlsgewalt &#252;ber die HVA gehabt als unter Wolf. Aber das war auch ein Prinzip seiner Kaderpolitik, da&#223; er sich immer die Gef&#252;gigeren aussuchte.« Dabei waren es Wolf und sein langj&#228;hriger Stellvertreter Hans Fruck selbst gewesen, die Gro&#223;­mann als Nachfolger vorbereitet hatten. Mielke erkannte jedoch schnell, dass er mit diesem Mann besser klarkommen w&#252;rde als mit dessen Vorg&#228;nger.</p>
<p>In den Jahren des Gro&#223;mannschen Regiments seit Ende 1986 nahmen die Dienstleistungen der HVA f&#252;r die Abwehrbereiche des MfS zu. Profane Verrichtungen der Abwehr wie Eins&#228;tze zum »Per­sonenschutz« h&#228;uften sich. Noch mehr als schon zuvor standen Aufkl&#228;rer auf den Stra&#223;en, sa&#223;en in den Stadien, um Politiker und auch die Dynamo-Fu&#223;ballspieler vor Anschl&#228;gen des »Klassenfein­des« zu sch&#252;tzen. Auf Vorhaltungen seiner Abteilungsleiter, die nicht nur auf die umfangreiche zeitliche Belastung, sondern vor allem auf die Risiken f&#252;r die Konspiration ihrer Mitarbeiter ver­wiesen, reagierte Gro&#223;mann unwirsch: »Keine Diskussion! Wir haben uns den Erfordernissen der Hauptabteilung PS unterzuordnen.«</p>
<p>Die Kooperation mit bestimmten Diensteinheiten der Abwehr verst&#228;rkte sich. Das betraf vor allem die Hauptabteilung XX, deren W&#252;nsche nach Unterst&#252;tzung der Bek&#228;mpfung von Andersdenken­den Gro&#223;mann veranlassten, geeignete Abteilungen wie die IX (Spionageabwehr), II (BRD-Parteien und -Organisationen) und VII (Auswertung) zu engerer Zusammenarbeit zu verpflichten. Die<a href="http://www.blogsgesang.de/2010/09/08/hauptverwaltung-aufklaerung-der-ddr-kurze-geschichte-eines-spionagedienstes-teil-v/" target="_blank"> schon dargestellten Ma&#223;nahmen zum Vorgehen gegen »politische Unter­grundt&#228;tigkeit«</a> wurden von ihm befohlen. Er ordnete auch die intensivere Nutzung der Telefonaufkl&#228;rung der Hauptabteilung III &#252;ber Vorg&#228;nge in der BRD an. W&#228;hrend Wolf, der in klassischer Manier mehr auf die direkte menschliche Quelle setzte, der elektronischen Beschaffung deswegen, aber auch aus Konkurrenzgr&#252;nden ziemlich skeptisch gegen&#252;berstand, sah Gro&#223;mann weniger Anlass, diese effektive technische M&#246;glichkeit nicht maximal zu nutzen.</p>
<p>Schlie&#223;lich aktivierte sich auch die Kooperation mit der Haupt­abteilung VI, die unter anderem f&#252;r den »Polittourismus« zust&#228;ndig war. Darunter verstand das MfS Reisen westlicher Politiker in die DDR, die sich dabei zunehmend nicht auf offizielle Treffen mit hochrangigen Partnern beschr&#228;nkten, sondern Kontakt auch zu ein­fachen Leuten, vor allem aber zu Vertretern der Kirchen und vereinzelt auch oppositioneller Gruppen suchten. Dies unter Kontrolle zu halten, war ein vorrangiges Anliegen Mielkes, dem Gro&#223;mann mit der Zuarbeit von Erkenntnissen &#252;ber Reiserouten, geplante Kontaktauf­nahmen und sp&#228;ter Berichte &#252;ber solche Gespr&#228;che und ihre Bewer­tung durch den bundesrepublikanischen Politiker noch gr&#246;&#223;ere Unterst&#252;tzung gab, als dies schon Wolf getan hatte.</p>
<p>Bundeskanzler Kohl zum Beispiel reiste zu einer Zeit, als er noch Oppositionsf&#252;hrer war, einige Male ohne offizielle Ank&#252;ndigung nach Leipzig. Das lie&#223; er selbstverst&#228;ndlich unter der Hand signa­lisieren, und dann erfreute er sich &#8211; gewiss nicht ohne Einverst&#228;ndnis &#8211; der l&#252;ckenlosen Kontrolle durch das MfS. Die dar&#252;ber angefertig­ten Berichte enthielten bis zum Gang auf die Toilette (mit genauer Zeitangabe) tats&#228;chlich jeden seiner Schritte, und da der Bezirkschef des MfS sogar den Ehrgeiz hatte, auch seine Tischunterhaltungen in einem Restaurant mitzubekommen, platzierte er seine Mitarbeiter an den Nebentischen. Sie hatten nichts anderes zu tun, als die Ohren aufzusperren. Die HVA beteiligte sich an solchen Spielchen nicht, denn die Berichte waren f&#252;r ihre Arbeit kaum von Belang.</p>
<p>Mitunter &#252;bernahm die HVA aber sogar bestimmte Aufgaben des Abwehrbereichs zur G&#228;nze. Das betraf zum Beispiel die fr&#252;here Abteilung III, die im MfS f&#252;r die Planung und Vorbereitung von Sabotageakten im Falle einer milit&#228;rischen Auseinandersetzung mit der BRD geschaffen worden war. Ihre Ineffektivit&#228;t erwies sich schon bald; anstatt aber dieses Relikt des kalten Krieges zu liquidie­ren, wurde seine Aufgabenstellung der HVA &#252;bertragen, die daf&#252;r die Abteilung XVIII aufbaute.</p>
<p>Der Minister f&#252;r Staatssicherheit beschr&#228;nkte sich nicht darauf, seine Arbeitsschwerpunkte bei der HVA besser zur Geltung zu brin­gen. Er war zugleich bem&#252;ht, den Einfluss auf die stets beargw&#246;hnte Aufkl&#228;rung generell zu verst&#228;rken. Als bestes Mittel dazu erschien ihm die Kontrolle &#252;ber deren Personal. Er hatte schon zu Zeiten Wolfs mehrfach versucht, die Leitung der f&#252;r die HVA zust&#228;ndigen Kaderabteilung mit einem seiner Gew&#228;hrsm&#228;nner zu besetzen, doch war ihm das damals nicht gelungen. Wolf hatte immer wieder seine eigenen Personalvorstellungen durchgesetzt, aber nach Gro&#223;manns Amtsantritt veranlasste die von Mielke an der kurzen Leine gehaltene Hauptabteilung Kader und Schulung bald einen Wechsel an der Spitze des HVA-Kaderbereichs. Ins Amt kam Wolfgang Kisch, urspr&#252;nglich zwar auch ein Mann der Aufkl&#228;rung, nach einem Aus­landseinsatz jedoch zum Referenten des Kader-Hauptabteilungslei­ters, Generalleutnant M&#246;ller, berufen. Dieser aber hatte zuvor die Spionageabwehr geleitet und war ein enger Vertrauter seines Ministers. Kisch wurde &#252;brigens bis Anfang 1992 vom Bundes­minister des Innern besoldet, als Mitarbeiter des Bundesverwaltungsamtes.</p>
<p>Eine besondere Bedeutung hatte in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre die Parteiorganisation der HVA. Sie musste mit dem Wider­spruch fertig werden, dass sich in der KPdSU durch Gorbatschows Politik der Perestroika langsame Ver&#228;nderungen vollzogen, w&#228;h­rend die SED stur an ihrer schon gescheiterten Linie festhielt. Nicht wenige HVA-Mitarbeiter dr&#228;ngten &#8211; nicht zuletzt aus ihrer genauen Kenntnis der Lage heraus &#8211; auf Unterst&#252;tzung des sowjetischen Kurses und brachten das auch in den obligatorischen Parteiberichten zum Ausdruck, wenn auch mehr zwischen den Zeilen als im Klartext. Diese Berichte wurden jedoch auf dem Weg bis zur Spitze immer weiter relativiert, abgeschw&#228;cht, so dass am Ende in der Regel die gew&#252;nschten Zustimmungsschreiben standen. Die Leitung der Parteiorganisation, in ihren wichtigsten Funktionen seit Jahrzehnten im Amt, war weder bereit noch in der Lage, diese Signale aufzuneh­men, geschweige denn weiterzugeben. Schon Markus Wolf hatte sie vorrangig als Erf&#252;llungsgehilfen betrachtet; sie sollte seine Politik unterst&#252;tzend begleiten. Dabei blieb es auch unter seinem Nachfolger. Und die Parteimitglieder fanden fast nie die Kraft, sich gegen den apologetischen Kurs ihrer Leitung zu stellen. Die von oben kom­menden Weisungen wurden strikt erf&#252;llt und damit auch all jene gema&#223;regelt, die doch einmal ein offenes Wort gewagt hatten. Indem sie in aller Regel ihre Zunge im Zaum hielten, erleichterten sie der Parteileitung ihre gewiss undankbare, aber doch nie in Frage gestellte Aufgabe.</p>
<p>So war es zwangsl&#228;ufig, dass der Realit&#228;tsverlust auch in der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung &#8211; obwohl gerade sie f&#252;r wahrheits­getreue Berichte zust&#228;ndig war &#8211; um sich griff. Die Informationen aus dem Operationsgebiet lie&#223;en deutlich erkennen, dass auf nahezu allen Gebieten eine R&#252;ckw&#228;rtsentwicklung eingesetzt hatte und es nur noch eine Frage der Zeit war, wann die DDR in existentielle Schwierigkeiten kommen w&#252;rde. In einer Analyse vom Sommer 1989 hie&#223; es zutreffend, dass nach &#252;bereinstimmender Meinung zahlreicher westlicher Beobachter in der DDR »zahlreiche Probleme heranreiften bzw. sich schrittweise herausbildeten, die in absehbarer Zeit neue L&#246;sungen erforderten, ohne dass seitens Partei und Regierung auf diese Herausforderungen in gen&#252;gendem Ma&#223;e reagiert werde. Aus diesem Widerspruch zwischen Notwendigkeiten und tats&#228;chlichen Ver&#228;nderungen erwachse ein Vertrauens­schwund der DDR-B&#252;rger in die Politik der Partei- und Staatsf&#252;h­rung, der mit zunehmender Passivit&#228;t bzw. Resignation breiter Bev&#246;lkerungskreise, ausgedr&#252;ckt insbesondere in einem Anstieg der Antr&#228;ge auf st&#228;ndige Ausreise aus der DDR, verbunden sei. Diese Tendenz w&#252;rde durch &#228;u&#223;ere Einfl&#252;sse, vor allem die Umge­staltung in der UdSSR, Teilreformen in anderen sozialistischen L&#228;ndern, den KSZE-Proze&#223; und die durch Besuchsreisen wesent­lich erweiterten M&#246;glichkeiten f&#252;r DDR-B&#252;rger, die Entwicklung ihres Staates mit der der BRD zu vergleichen, st&#228;ndig verst&#228;rkt. Abgeleitete Ursachen f&#252;r die von ihnen diagnostizierte innere Stagnation der DDR sehen westliche Analytiker im gegenw&#228;rtigen Funktionieren des rechtlichen Systems und den Formen der Machtaus&#252;bung, im Stillstand bzw. einem teilweisen R&#252;ckgang des Lebensniveaus der Bev&#246;lkerung als Resultat r&#252;ckl&#228;ufiger Wachs­tumsraten in der Wirtschaft und einem sich daraus ergebenden Gef&#252;hl der Perspektivlosigkeit bei vielen DDR-B&#252;rgern.«</p>
<p>Obwohl der Bericht mit konjunktivischer Vorsicht abgefasst war, fand er aufgrund seiner vom Selbstbild der SED-F&#252;hrung diametral abweichenden Aussagen nicht die Zustimmung Mielkes. Vor der Weitergabe musste in beinahe jeden Satz eingef&#252;gt werden, dass diese Wertungen von feindlichen Kr&#228;ften der Bundesrepublik stammten, dass Diversionseinrichtungen mit solchen Argumenten die DDR verleumdeten und dass es sich dabei um Behauptungen reaktion&#228;rer, antisozialistischer Kreise handelte. Indem die Aufkl&#228;rer diese verlangten &#196;nderungen vornahmen, wurde das Feindbild der F&#252;hrung bedient; f&#252;r sie war selbstverst&#228;ndlich, dass der »Feind« so urteilte, weil er der »erfolgreichen« DDR am Zeuge flicken oder vielleicht gar von den eigenen »Gebrechen« ablenken wollte. Gro&#223;mann, der jede dieser Informationen unterschreiben musste, aber auch seine Auswerter, die letztlich den Forderungen von oben nachkamen, f&#252;gten sich den &#196;nderungsw&#252;nschen des Ministers.</p>
<p>Die so gereinigten Endprodukte wurden denn auch nicht ernst genommen und, da sie noch ein wenig Kritik enthielten, in eine Reihe mit den Berichten der bundesdeutschen Medien gestellt. Erich Honecker selbst hat dar&#252;ber berichtet: »Die Berichte vom MfS &#8230; erschienen mir immer wie eine Zusammenfassung der Ver&#246;ffentli­chungen der westlichen Presse &#252;ber die DDR &#8230; Ich selbst habe diesen Berichten wenig Beachtung geschenkt, weil all das, was dort drin stand, man auch aus den Berichten der westlichen Medien gewinnen konnte.«</p>
<p>Im Oktober 1989 dann, als die Wahrheit absolut nicht mehr sch&#246;nzureden war, wurden derartige Informationen nicht mehr weitergegeben. Der riesige Beschaffungsapparat der HVA f&#252;hlte sich gel&#228;hmt, da kein Interesse mehr an seinen Erkenntnissen bestand. Vorher jedoch war nach immer neuen Informationen gerufen wor­den, mussten alle Quellen pausenlos berichten, vor allem auch &#252;ber abwehrrelevante Vorg&#228;nge. Die Diensteinheiten der Abwehr erstickten fast in Informationen, ihre Auswertung jedoch erfolgte dort ganz besonders mit den von der SED verordneten Scheuklappen. Und wenn sie selbst einmal Missst&#228;nde registrierten, blieben sie dabei stehen, konnten sie keinen Beitrag zu den notwendigen Ver&#228;n­derungen leisten. Immer &#246;fter fragten Kundschafter aus der Bundesrepublik, was denn mit ihren Informationen werde, ob man sie nicht ernst nehme, warum die DDR-F&#252;hrung &#8211; obwohl vom Geheimdienst ins Bild gesetzt &#8211; nicht reagiere. Die erste Selektion der unangeneh­men Wahrheiten erfolgte &#8211; wie gesagt &#8211; schon im Hause der HVA; dies setzte sich fort bei der gegen jede »Diversion« (auch die der DDR-F&#252;hrung!) vorgehende Zentrale Auswertungs- und Informa­tionsgruppe, die jedes weitergegebene Material in Mielkes Auftrag zensierte. Der Minister selbst legte mitunter auch noch Hand an, und selbst dieses gesch&#246;nte Resultat wurde schlie&#223;lich als unglaubw&#252;r­dig ad acta gelegt. Die Ignoranz ging so weit, dass einfach nicht geglaubt wurde, was nicht ins eigene Bild passte &#8211; nach dem Motto: Die Landschaft ist falsch, aber die Karte stimmt!</p>
<p>&#196;hnliche Erfahrungen hatte schon der f&#252;r die Sowjetunion spio­nierende Deutsche Richard Sorge mit Stalin gemacht, der den Ter­min des faschistischen &#220;berfalls auf die UdSSR als Unsinn abtat. Wer von der eigenen Unfehlbarkeit derart &#252;berzeugt ist, braucht auch den Nachrichtendienst nur noch zur Best&#228;tigung der eigenen Meinung. Die Politik hatte sich mit ihren Einsch&#228;tzungen bereits derart von der Wirklichkeit abgehoben, dass sie weder f&#252;r Argumente und selbst nicht mehr f&#252;r Tatsachen zug&#228;nglich war. Es h&#228;ufte sich nutzloses Wissen an, zu dessen Beschaffung und Verwaltung jedoch ein immer gr&#246;&#223;erer Aufwand betrieben wurde.</p>
<p>Im kleinen Kreis hatten die Leiter der Hauptverwaltung Aufkl&#228;­rung, Markus Wolf eingeschlossen, gelegentlich durchaus dar&#252;ber sinniert, ob nicht weniger mehr sei. Wenn der gro&#223;e quantitative Aufwand auf wenige lohnenswerte Vorg&#228;nge konzentriert w&#252;rde, so die Lesart, k&#246;nnte das die Qualit&#228;t erh&#246;hen. Viele sahen, in welchem Ma&#223;e Kapazit&#228;ten durch die sogenannte Tonnenideologie gebunden wurden, nach der die Ergebnisse der Arbeit von Zahlen abgelesen wurden, ohne gen&#252;gend die dahinterstehenden Leistungen zu beachten. Dennoch konnte sich niemand zu Ver&#228;nderungen durch­ringen. &#220;berall in der Gesellschaft wurden »Erfolge« statistisch errechnet und ausgedr&#252;ckt; wollte jemand anders vorgehen, so schien sein Scheitern vorprogrammiert. Auch in dieser Hinsicht passte sich also die HVA den Gegebenheiten an &#8211; und mit dem Amtsantritt Gro&#223;manns mehr noch als zuvor.</p>
<p>Zum Beispiel mussten immer mehr und neue Werberkandidaten gewonnen werden, obwohl viele von ihnen zwar Arbeit, Zeit und Geld kosteten, jedoch wenig einbrachten. Manche stellten sich sogar auf diese Fehlorientierung der Zentrale geschickt ein und profitierten jahrelang davon. Die gleiche Zahlenspielerei wurde bei den be­schafften Informationen betrieben. In den j&#228;hrlichen Jahresauswer­tungen ging es zuerst um die absoluten Zahlen beschaffter Materia­lien, und kein Abteilungsleiter konnte es sich wagen, unter denen des Vorjahres zu bleiben. Erst in zweiter Linie interessierte die Qualit&#228;t, und Vorhaltungen der Auswerter, im Interesse des nachrichten­dienstlichen Gehalts von Informationen auf diese Seite der Arbeit gr&#246;&#223;eren Wert zu legen, waren zumeist in den Wind gesprochen.</p>
<p>Groteske Formen nahm dieses Haschen nach vordergr&#252;ndigem Erfolg besonders dann an, wenn in der Presse durchgesickert war, dass zum Beispiel die NATO ein neues milit&#228;rstrategisches Papier erarbeite. Man konnte sicher sein, dass dann Mielke sofort beim Leiter der Aufkl&#228;rung anrief und die unverz&#252;gliche Beschaffung dieses Dokuments befahl &#8211; so als k&#246;nne man es an jedem Bahn­hofskiosk kaufen. Ein Wettlauf zwischen den in Frage kommenden Abteilungen begann &#8211; mit allen Gef&#228;hrdungen, die solcher Voluntarismus f&#252;r konspirative Arbeit mit sich bringt. Schlie&#223;lich lag das Material in mehrfacher Ausfertigung auf dem Tisch oder aber &#8211; und das war h&#228;ufiger der Fall &#8211; es konnte nur bruchst&#252;ckhaft, oft allein durch Absch&#246;pfung, beschafft werden, und die Auswertungsabtei­lung hatte die Aufgabe, daraus etwas mit Hand und Fu&#223; zu machen. Ehe dies gelang, stand es vielleicht schon in der Zeitung; oder aber es zeigte sich, dass der NATO-Berg nur mit einem M&#228;uslein schwanger gegangen war. Der gesamte Aufwand hatte sich als &#252;berfl&#252;ssig erwiesen.</p>
<p>Dieses Vorgehen f&#252;hrte zugleich zu einer Fehlbewertung der legalen Residenturen. Sie waren es, die relativ schnell &#8211; durch Gespr&#228;che &#8211; etwas in Erfahrung bringen konnten, w&#228;hrend die illegale Linie zur Beschaffung des entsprechenden Dokuments in der Regel l&#228;nger brauchte, schon aus Gr&#252;nden der Sicherheit ihrer Quellen. Andererseits waren die Absch&#246;pfberichte nat&#252;rlich weitaus weniger aussagekr&#228;ftig, oft sogar verzerrt und irref&#252;hrend. Die in den Aus­landsvertretungen der DDR arbeitenden HVA-Mitarbeiter, zumeist »Offiziere im besonderen Einsatz« (OibE), wussten nat&#252;rlich, was die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« h&#246;ren wollte. Sie passten ihre Berichte oftmals diesen W&#252;nschen an. Au&#223;erdem hatten sie meist Gespr&#228;ch­spartner, die zumindest ahnten, welchen Weg ihre Aussagen nahmen, und entsprechend vorsichtig formulierten. Kaum ein OibE war bereit, in seiner »Nebent&#228;tigkeit« f&#252;r das MfS ein Risiko einzugehen &#8211; konnte das doch sofortigen R&#252;ckzug und das Ende einer vielleicht aussichtsreichen Karriere bedeuten.</p>
<p>All dies wirkte sich negativ auf Zuverl&#228;ssigkeit und nachrichten­dienstlichen Wert der Absch&#246;pfinformationen aus. Da es jedoch vor allem auf Schnelligkeit ankam, &#252;bersah man das gro&#223;z&#252;gig und gab sich mit solch minderer Qualit&#228;t zufrieden. Das dann sp&#228;ter einge­hende Dokument fand kaum noch die geb&#252;hrende Beachtung; mit­unter wurde es sogar unterschlagen, weil auf seiner Basis fr&#252;here Aussagen h&#228;tten korrigiert werden m&#252;ssen. Dennoch blieb in der HVA insgesamt die illegale Beschaffung von Dokumenten das Ent­scheidende, aber Qualit&#228;tseinbu&#223;en aufgrund des genannten Vor­gehens waren nicht zu &#252;bersehen. Auf diese Weise wuchs auch die F&#252;lle oftmals toten Papiers, das nach seiner Bewertung als Mittel­ma&#223; im Archivkeller landete, ohne jemals wieder angesehen zu werden, unaufh&#246;rlich. Die Schlussfolgerung lief jedoch nicht auf eine Reduzierung solch &#252;berfl&#252;ssiger Makulatur hinaus, sondern es wurde dar&#252;ber nachgedacht, wie sie mit Hilfe der modernen Technik besser verwaltet werden k&#246;nne. Dazu schuf sich die HVA eine elek­tronische Datenbank, in die s&#228;mtliche beschafften Informationen einzuspeichern waren. Mit Hilfe eines Thesaurus und der in ihm aufgef&#252;hrten Schlagw&#246;rter sollte der Zugriff zum gesamten Material sichergestellt werden. Diese durchaus sinnvolle Einrichtung war jedoch durch den Umfang des Gespeicherten lediglich begrenzt nutzbar. Die Erfassung der Stichw&#246;rter konnte nur relativ oberfl&#228;ch­lich gehandhabt werden, die Differenzierung zwischen den Informa­tionen erwies sich als zu grob. Besonders absurd war die Vorstellung, durch den Speicher Werbevorg&#228;nge besser prognostizieren zu k&#246;nnen. Man hatte begonnen, einige verf&#252;gbare Angaben &#252;ber Personen im Operationsgebiet im Computer zu speichern. Sie wurden mitunter abgerufen und aus der Zusammenschau der Daten abgeleitet, ob, wie und in welchem Zeitraum eine Werbung m&#246;glich sein m&#252;sste. Dies erinnerte ein wenig an den Krieg der Sterne; einige HVA-Verant­wortliche wollten offensichtlich den Kampf mit ihren Kontrahenten vom Computer aus f&#252;hren.</p>
<p>Bei all dem soll nicht &#252;bersehen werden, dass nat&#252;rlich auch in jenen Jahren das Bem&#252;hen vorhanden war, die geheimdienstliche Arbeit mit allen Mitteln zu qualifizieren, und dabei Ergebnisse erreicht wurden. So eignete sich selbstverst&#228;ndlich der Computer durchaus f&#252;r eine Rationalisierung von Informationsprozessen. In den 80er Jahren bauten die Nachrichtendienste der damaligen sozialistischen L&#228;nder mit dem SUD-System ein Verbundnetz auf, in das vor allem geheimdienstlich interessante Personen, aber auch vermutliche Terroristen und internationale Waffen- und Rauschgifth&#228;ndler eingespeichert wurden. So meldete sich eines Tages in Warnem&#252;nde ein Holl&#228;nder, der mit der F&#228;hre aus D&#228;nemark gekommen war und angab, geheimes NATO-Material zu besitzen, da er bei den Allied Forces of central Europe (AFCENT) in Brunssum bei Maastricht gearbeitet habe. Zwei Spezialisten der HVA f&#252;hlten ihm auf den Zahn und stellten schnell fest, dass er die Geb&#228;ude des AFCENT in Brunssum noch nie von innen gesehen hatte, nicht einmal die Anzahl der Stockwerke wusste und seine eigene Zimmernummer dort &#252;ber­haupt nicht vorkam. Er hatte sich schnell als Scharlatan entlarvt und wurde abgeschoben. Seine Personaldaten aber landeten im SUD-Computer. Nur zwei Wochen sp&#228;ter erschien der gleiche Mann mit einem &#228;hnlichen Angebot bei der polnischen Spionage in Gdansk; dank des Verbundnetzes war man dort &#252;ber ihn sofort im Bilde.</p>
<p>Eine gewisse Entwicklung erfuhr in den 80er Jahren auch die Anwendung der Psychologie in der Spionaget&#228;tigkeit. Jahrelang war sie als Wissenschaft von der HVA untersch&#228;tzt worden, hatte man ihre Erkenntnisse lediglich intuitiv, empirisch genutzt. Nun aber, da die Anbahnung von Kontakten immer schwieriger wurde und die Informationsarbeit &#8211; zum Beispiel durch die Zunahme der legalen Beschaffung &#8211; auch teilweise anderen Gesetzen folgte, spielte sie eine immer gr&#246;&#223;ere Rolle. F&#252;r einige Aufkl&#228;rer bot sie dar&#252;ber hinaus die M&#246;glichkeit, den ideologischen Vorgaben auszuweichen und das Professionelle in der Arbeit st&#228;rker zu betonen.</p>
<p>Insgesamt l&#228;sst sich der &#220;bergang der Leitung der Hauptverwal­tung Aufkl&#228;rung von Wolf auf Gro&#223;mann als kontinuierliche Fort­setzung des fr&#252;heren Kurses, einschlie&#223;lich seiner schon sichtbar werdenden Schw&#228;chen, charakterisieren. Viele Fehlentwicklungen waren lange vorprogrammiert; dass sie jetzt besonders sichtbar wurden, lag nur zum Teil an Werner Gro&#223;mann, der durch seine Ergebenheit und Durchschnittlichkeit sowie die enge Verhaftung mit der jahrelang »bew&#228;hrten« Linie weder in der Lage noch willens war, neue Akzente zu setzen. Die Stagnation der HVA war vor allem bedingt durch die Gesamtsituation der DDR in ihrer zunehmenden Agonie. Die DDR-Spionage als Teil des gesellschaftlichen Systems unterlag dessen allgemeinen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten. Sie war im Prinzip den gleichen Weg gegangen wie der gesamte Machtapparat. Als der Herbst 1989 nahte, fand sie sich daher in der gleichen Verst&#228;ndnis-und Hilflosigkeit wie er.</p>
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		<title>Wikileaks erzwingt Glasnost im Westen</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Nov 2010 17:43:49 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer erinnert sich noch das Wortes »Glasnost«, das vor 20 Jahren Hochkonjunktur hatte? Es kommt aus dem Russischen und hei&#223;t im politischen Sinne »Offenheit«. Damals war es auf die Sowjetunion als Vormacht des »sozialistischen Lagers« gem&#252;nzt und was sich dahinter verbarg, die Offenlegung jahrzehntelang betriebener sozialistischer Geheimniskr&#228;merei, wurde weltweit begeistert mit Beifall bedacht – am meisten von jenen, die heute Glasnost, politische Offenheit. Transparenz in &#246;ffentlichen Angelegenheiten mit dem Staatsanwalt verfolgen wollen. <span id="more-2085"></span>Solange die Offenlegung staatlicher Aktivit&#228;ten – nat&#252;rlich nur der Gegenseite – in der Systemauseinandersetzung von Nutzen war, hat man nicht genug davon haben k&#246;nnen. Nun aber, wo <a href="http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EA6253F73150B4E33ADE613D197B1EF9E~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/8422ccdbcb8f4f0a90c07b198ce23f9f" alt="" width="1" height="1" />die eigene Geheimpolitik </a>pl&#246;tzlich des sch&#252;tzenden Schleiers entzogen wird, macht man daraus gern ein kriminelles Vergehen. Ein <a href="http://www.zdnet.de/news/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_us_kongressabgeordneter__wikileaks_ist_eine_terrororganisation_story-39002364-41541356-1.htm" target="_blank">US-Abgeordneter </a>forderte gar, Wikileaks zur terroristischen Organisation zu erkl&#228;ren.</p>
<p>Dabei tut Wikileaks nichts anderes als die B&#252;rgerrechtler der sozialistischen L&#228;nder, die DDR eingeschlossen, vor 20 Jahren. Sie brachten damals in die &#214;ffentlichkeit, was die Herrschenden gern verschwiegen haben – und das waren nat&#252;rlich nicht ihre Wohltaten f&#252;rs Volk; die wurden in epischer Breite dargestellt. Doch all das, was Unzufriedenheit ausl&#246;sen konnte, was negativ war, was sich gegen das Volk richtete, bis hin zu Verbrechen, all das verschwand hinter einer Wand von Geheimhaltung, die durch offene Repression wie juristische Man&#246;ver undurchdringlich gemacht wurde. Heute ist es eine Internetplattform, die in die &#214;ffentlichkeit bringt, <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,731918,00.html" target="_blank">was die jetzigen Herrschenden gern verschwiegen h&#228;tten </a>– und auch das sind nat&#252;rlich nicht ihre Wohltaten, die sie wie eh und je unters Volk zu bringen versuchen – vielleicht nicht mehr in ellenlangen Reden, sondern in »Podcasts« oder vornehmen gestalteten Anzeigenseiten in den Zeitungen. Denn auch sie haben viel zu verbergen, negative Beschl&#252;sse, Kungeleien, Intrigen, Kriegsvorbereitungen und auch – wie fr&#252;here Ver&#246;ffentlichungen von Wikileaks zeigten – Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sie in der &#214;ffentlichkeit vorgeblich so hoch sch&#228;tzen. Das Internet gibt Glasnost nun auch in den sich so gern als unfehlbar darstellenden westlichen Demokratien eine Chance – und damit den B&#252;rgern, wie vor 20 Jahren im Osten, die M&#246;glichkeit, kompetent in den eigenen Angelegenheiten mitzureden.</p>
<p>Die Sturmgesch&#252;tze, die seitens der Regierenden gegen solche Transparenz, f&#252;r die sie eigentlich selbst sorgen m&#252;ssten, aufgestellt werden, sind entlarvend. Denn sie verweisen auf un&#252;bersehbare Parallelen im politischen Gesch&#228;ft zwischen undemokratischen Regimen und den so genannten westlichen Demokratien. Nicht zuf&#228;llig d&#252;rfte man <a href="http://www.ftd.de/politik/deutschland/:enthuellungen-bei-wikileaks-razzia-im-jugendklub-der-fdp/50200237.html" target="_blank">in der FDP den in ihren F&#252;hrungsgremien vermuteten »inoffiziellen Mitarbeiter«</a> der US-Botschaft mit dem DDR-Spion G&#252;nter Guillaume verglichen haben, und ebenso wenig zuf&#228;llig hat wohl auch <a href="http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-20594/wikileaks-veroeffentlichung-schaeuble-fuehlt-sich-an-stasi-erinnert_aid_576908.html" target="_blank">Wolfgang Sch&#228;uble </a>den Zusammenhang zwischen den jetzt ver&#246;ffentlichten US-Dokumenten mit Stasi-Akten hergestellt. Da wie dort diente und dient die Geheimhaltung der Beherrschung des Volkes. Es sollte und soll aus den Entscheidungen &#252;ber seine eigene Angelegenheiten herausgehalten werden. Nicht nur Wikileaks durchkreuzt eine solche Strategie; auch die <a href="http://www.focus.de/digital/internet/internet-enthuellungen-wikileaks-ist-erst-der-anfang_aid_577086.html" target="_blank">Demonstranten von Stuttgart </a>forderten als Erstes Information, die Offenlegung der geheimen Vorg&#228;nge, die mit dem dortigen Bahnhofsneubau zu tun haben.</p>
<p>Solche Transparenz, solche Offenheit auf der politischen B&#252;hne geht<a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-usa-wikileaks-und-der-schaden-fuer-die-weltsicherheit-1.1029897" target="_blank"> ans Selbstverst&#228;ndnis der Herrschaftseliten</a>. Deshalb bot Baden-W&#252;rttembergs Landesregierung im Stuttgarter Schlossgarten ihre gesamte repressive Macht gegen friedliche Demonstranten auf. Und deshalb geht die politische Klasse beinahe <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11271004/Nichts-kann-die-Wikileaks-Enthuellungen-rechtfertigen.html" target="_blank">weltweit gegenw&#228;rtig gegen Wikileaks mit Mitteln vor</a>, die fatal an die Zersetzungspraktiken der DDR-Staatssicherheit erinnern. Wer die Arbeit der Geheimdienste nur ein wenig kennt, wei&#223;, dass seit langem ganze Kompanien unterwegs sein d&#252;rften, um die Organisation von Innen her zu zerst&#246;ren. Sowohl die immer wieder, jedoch mit wenig Hintergrund gestreuten <a href="http://www.zeit.de/politik/2010-11/dokumente-des-zorns" target="_blank">Meldungen &#252;ber innere Streitigkeiten </a>als auch die Vergewaltigungsvorw&#252;rfe gegen <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11287482/Das-Netz-des-Anarchisten-Julian-Assange.html" target="_blank">Wikileaks-Sprecher Julian Assange </a>sprechen eine deutliche Sprache. Dazu kommen inzwischen Verd&#228;chtigungen, <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11284510/Wikileaks-Enthuellungen-bedrohen-unsere-Freiheit.html" target="_blank">die Freiheit zu bedrohen,</a> gar f&#252;r andere Geheimdienste zu arbeiten – auch das war Argumentation im Haus Mielke, wenn es B&#252;rgerrechtler auszuschalten galt.</p>
<p>So zeigt Wikileaks mit seinen Aktivit&#228;ten, wie sehr Informiertheit, Transparenz, eben Glasnost Voraussetzung f&#252;r Demokratie ist – unabh&#228;ngig vom jeweils herrschenden politischen System. Die Organisation steht in der Tradition auch derjenigen, die die politische Wende vor 20 Jahren ma&#223;geblich herbeif&#252;hrten. Sie legt offen, wie sehr das jetzt dominierende politische System diesbez&#252;glich Nachholbedarf hat. Und leistet zugleich ihren <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1130/meinung/0014/index.html" target="_blank">Beitrag, dessen demokratische Defizite zu verringern</a>. Eigentlich m&#252;ssten die Regierenden Wikileaks daf&#252;r dankbar sein.</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil VIII)</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Nov 2010 17:59:18 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[K&#252;rzlich machte ein ehemaliger MfS-Offizier noch einmal von sich reden, der schon fast vergessen war. Werner Stiller, der durch seine Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik 1979 die DDR-Spionage in eine ziemliche Krise st&#252;rzte, hatte bereits in den 80er Jahren ein Buch &#252;ber seinen Wechsel von einem Geheimdienst in den anderen geschrieben, bei dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>K&#252;rzlich machte ein ehemaliger MfS-Offizier noch einmal von sich reden, der schon fast vergessen war. Werner Stiller, der durch seine Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik 1979 die DDR-Spionage in eine ziemliche Krise st&#252;rzte<span id="more-2027"></span>, hatte bereits in den 80er Jahren ein Buch &#252;ber seinen Wechsel von einem Geheimdienst in den anderen geschrieben, bei dem allerdings der Bundesnachrichtendienst weitgehend die Feder f&#252;hrte. Offensichtlich wollte er das Propagandawerk so nicht stehen la<a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/11/West-Spione1.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-2033" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/11/West-Spione1-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>ssen und verfasste nun die <a href="http://www.weltexpress.info/cms/index.php?id=6&amp;tx_ttnews%5Btt_news%5D=27573&amp;tx_ttnews%5BbackPid%5D=385&amp;cHash=e3aed3de41" target="_blank"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/d2dd368d245c4c8aa33a662e122c3121" alt="" width="1" height="1" />Neufassung »Der Agent«</a> &#252;ber sein <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/179674.die-gegenspionage-war-toll.html?sstr=Werner|Stiller" target="_blank">»Leben in</a><a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/179674.die-gegenspionage-war-toll.html?sstr=Werner|Stiller" target="_blank"> </a><a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/179674.die-gegenspionage-war-toll.html?sstr=Werner|Stiller" target="_blank">drei</a><a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/179674.die-gegenspionage-war-toll.html?sstr=Werner|Stiller" target="_blank"> Geheimdiensten«, </a>denn auch der CIA hatte ihn zeitweise unter seine Fittiche genommen.</p>
<p>Die erste zusammenfassende Darstellung des Falles Stiller aus Sicht der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung war in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, publiziert 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, nachzulesen. Sie folgt hier als achter Teil der Online-Ver&#246;ffentlichung dieses Buches.</p>
<h2>Als ein Stiller zu sprechen begann</h2>
<p>Das dritte Januar-Wochenende 1979 war f&#252;r viele HVA-Mitar­beiter alles andere als geruhsam. Besonders im »Sektor Wis­senschaft und Technik« (SWT) musste rund um die Uhr gearbeitet werden – zur Schadensbegrenzung. Am Morgen des 19. Januar fand der Leiter der Abteilung XIII, Gerhard Jauck, nicht nur den Panzerschrank seiner Sekret&#228;rin aufgebrochen, sondern auch in seinem eigenen Zimmer einen Mei&#223;el, der offenbar dem Zweck gedient hatte, seinen Safe ebenfalls zu knacken. Das schien nicht gelungen, doch die Sache war alarmierend genug: Ein Mitarbeiter der Abteilung hatte sich – zus&#228;tzlich zu dem, was er wusste – mit konspirativem Material versorgt und war offensichtlich auf dem Wege in die Bundesrepublik. Wie immer in einem solchen Fall, ging es zun&#228;chst um die Identifizierung des »Abgangs«. Der war an diesem Freitag schnell gefunden, wenn auch beinahe unglaub­lich. Ausgerechnet der frisch gew&#228;hlte Sekret&#228;r der SED-Partei­organisation hatte sich in den Westen abgesetzt, der 30j&#228;hrige Werner Stiller, der bis dahin als ein »entwicklungsf&#228;higer Kader« galt.</p>
<p>Nun wurde er zu einer der gr&#246;&#223;ten Schlappen der H VA. In 17 F&#228;llen gelang der bundesdeutschen Polizei nach seinen Hinweisen die Festnahme von DDR-Spionen. Mehr als ein Dutzend weitere Gef&#228;hrdete setzten sich in die DDR ab. Der Generalbundesanwalt leitete &#252;ber 100 Ermittlungsverfahren ein, von denen allerdings zahlreiche ins Leere griffen. Das Innenministerium konstatierte dennoch zu Recht: »Stiller ist einer der wertvollsten &#220;berl&#228;ufer. Seine umfassenden Aussagen in Verbindung mit dem mitgebrach­ten Originalmaterial vermittelten den westlichen Abwehrdiensten ein nahezu l&#252;ckenloses Bild &#252;ber die spezielle Entwicklung des &gt;Sektors Wissenschaft und Technik&lt; sowie der Struktur, Aufgaben­stellung und Arbeitsmethoden der HVA des MfS.«</p>
<p>Tats&#228;chlich war das Verschwinden Stillers ein Schock f&#252;r die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sofort wurden alle erreichbaren Mitarbeiter informiert; ein jeder musste detailliert schriftlich dar­legen, &#252;ber welche konspirativen Fakten und Vorg&#228;nge der Geflohene Kenntnis hatte. Innerhalb weniger Stunden war so das Ausma&#223; des vermutlichen Verrats &#252;bersehbar, und es konnten Ma&#223;nahmen zur Schadensbegrenzung eingeleitet werden. Vor allem galt es, alle diejenigen, die durch ihn unmittelbar gef&#228;hrdet waren, zu warnen. Das gelang nur noch begrenzt. Die genannte Erfolgsmeldung der BRD-Sicherheitsbeh&#246;rden entsprach den Tatsachen.</p>
<p>Bei aller Aufregung, die der &#220;bertritt Stillers in die Bundes­republik ausl&#246;ste, hat er dennoch zu keiner Zeit die Arbeit der HVA paralysiert. Mittlerweile waren vor allem die &#228;lteren Aufkl&#228;rer so erfahren, dass sie einen solchen Einbruch nie ausschlossen. HVA-Chef Markus Wolf hatte noch einen Tag (!) vor der Flucht Stillers auf einer Parteiveranstaltung vor Sorglosigkeit in dieser Hinsicht gewarnt. Stiller selbst, der dabei anwesend war, gab sp&#228;ter zu, dass ihm dabei sehr unbehaglich wurde und er sogar nicht ausschloss, dass Wolf »gleich mit ausgestrecktem Finger auf mich weisen w&#252;rde«. M&#246;glicherweise hat dieses Ereignis zu seiner zwar schon seit einiger Zeit geplanten, dann aber doch recht &#252;berst&#252;rzten Flucht beigetragen.</p>
<p>Au&#223;erdem war Stiller nicht der erste, der einen solchen Schritt tat. Nach <a href="http://www.blogsgesang.de/2010/07/06/hauptverwaltung-aufklaerung-der-ddr-kurze-geschichte-eines-spionagedienstes-teil-i/" target="_blank">Krau&#223; und Heim </a>war 1961 mit G&#252;nter M&#228;nnel ein dritter HVA-Offizier diesen Weg gegangen; mittlerweile lagen also Erfahrungen vor, und die Ma&#223;nahmen zur Schadensbegrenzung waren erprobt. Durch die seither erheblich verbesserte Quellen­situation wurde auch aus dem Operationsgebiet sehr schnell bekannt, was Stiller tats&#228;chlich verraten hatte und was von der vom Bundesnachrichtendienst in die Welt gesetzten Legende zu halten war, Stiller h&#228;tte seit Jahren f&#252;r ihn gearbeitet.</p>
<p>Dennoch bedeutete seine Flucht nat&#252;rlich eine schwere Nieder­lage – und das um so mehr, als die Untersuchungen schnell ergaben, dass gen&#252;gend Signale vorhanden waren, die in diesem konkreten Fall das ansonsten latent immer vorhandene Misstrauen gerechtfer­tigt h&#228;tten. Zugleich wurden erhebliche M&#228;ngel in der Arbeitsweise der HVA deutlich, die oft mit den zum Teil schon geschilderten Praktiken, aber auch mit Nachl&#228;ssigkeit und Leichtsinn zusammen­hingen.</p>
<p>So zeigte sich, dass die sogenannte Kaderauswahl in der HVA entgegen allen Beteuerungen von Sorgfalt und Wachsamkeit viele Schw&#228;chen aufwies. An erster Stelle standen dabei formal immer die »marxistisch-leninistische &#220;berzeugung« und die »Parteitreue«. Wer die in seinem bisherigen – kurzen – Leben »nachgewiesen« hatte, was in der Regel nur verbal geschehen sein konnte, erschien erst einmal grunds&#228;tzlich geeignet. So b&#252;rgerte sich auch bei der HVA bald die Praxis ein, die Nachwuchsarbeit auf eine Art »innere Reproduktion« zu reduzieren. Besonders gern wurden Mitarbeiter angeworben, die Kinder oder zumindest Verwandte anderer MfS-Angeh&#246;riger waren. Das sprach – ohne Ansehen der konkreten Person – schon einmal f&#252;r »Qualit&#228;t« und ersparte umfangreiche Ermittlungen. Vor allem aber war sichergestellt, dass diese Kandi­daten keinerlei Verbindungen zum Westen unterhielten. In diesen Kreis der Bevorzugten geh&#246;rten nat&#252;rlich auch die Kinder f&#252;hren­der Parteifunktion&#228;re – einschlie&#223;lich der Politb&#252;romitglieder der SED.</p>
<p>Stiller, der aus einfachen Verh&#228;ltnissen stammte, geh&#246;rte zwar nicht in diesen exklusiven Kreis, aber er schien aus anderen Gr&#252;nden gut ins Raster der Kaderoffiziere zu passen. Da seine Eltern geschieden waren und die Mutter nicht allzu viel Zeit f&#252;r Erziehung aufwenden konnte, fiel diese Aufgabe &#252;berwiegend auf Schule und FDJ. Sie vermittelten dem Halbw&#252;chsigen jene ober­fl&#228;chlichen marxistisch-leninistischen Lehren, die zwar ein Vaku­um im Kopf auszuf&#252;llen vermochten, nachhaltige Wirkungen aber bei vielen Jugendlichen nicht hinterlie&#223;en. So waren Stillers Entscheidungen f&#252;r die &#220;bernahme von Funktionen – FDJ-Sekret&#228;r schon auf der Oberschule, dann auch beim Studium, Eintritt in die SED bereits mit achtzehn Jahren – mehr Selbstverst&#228;ndlichkei­ten f&#252;r jemanden, der vorw&#228;rtskommen wollte, als Ausdruck nat&#252;rlich gereifter politischer &#220;berzeugung. Stiller begriff schnell, was man von ihm h&#246;ren wollte – auch sp&#228;ter, als er seine Motive f&#252;r den Eintritt ins Ministerium f&#252;r Staatssicherheit darlegen sollte. Und seine Werber fanden, dass sich die Worte des Kandidaten auf dem Papier gut ausmachten; sie verzichteten darauf, ihn gr&#252;nd­licher zu pr&#252;fen, denn der Werbeplan sa&#223; ihnen im Nacken.</p>
<p>Werner Stiller erf&#252;llte zun&#228;chst alle Erwartungen. Er fragte nicht viel, tat, was ihm aufgetragen, und hatte – so erforderlich – die ideologischen Klischees parat. Er geh&#246;rte bald zu jenen Aufkl&#228;rern, die wenig Skrupel verrieten und – wenn doch – in der Lage waren, sie mit vordergr&#252;ndigem Zynismus zu &#252;berdecken. So war er erfolgreich, brachte die geplanten Werbungen, und seine IM lieferten durchaus brauchbare Informationen. Ihm kam dabei zugute, dass im SWT-Bereich oft das Geld, das f&#252;r Spionagematerial gezahlt wurde, eine gr&#246;&#223;ere Rolle spielte als jede ideologische &#220;berzeugung. So brauchte er meist keine politischen Verrenkungen zu machen – aber er w&#228;re sicher auch dazu in der Lage gewesen. Stiller fiel auf; man w&#228;hlte ihn zum Parteisekret&#228;r seiner Abteilung – nach Praxis der HVA ein Schritt auf dem Weg zu einer aussichtsreichen Karriere.</p>
<p>Und doch nagte in ihm das Unbehagen. M&#246;glicherweise war es die Oberfl&#228;chlichkeit und Unausgegorenheit seines marxistisch­leninistischen Weltbildes, das ihn immer &#246;fter am Wahrheitsgehalt dessen zweifeln lie&#223;, was in der Parteischulung gepredigt wurde. Allzu sehr wich es von dem ab, was er um sich herum sah, und auch von dem, was in der HVA praktiziert wurde. Er machte sich Gedanken, was viele um ihn herum nicht taten. Und er zog Konsequenzen, was noch viel seltener war. Aus heutiger Sicht w&#228;re es vermessen, Stiller daf&#252;r zu tadeln, dass er einen Weg ging, auf dem er manchen, der durchaus auch lautere Motive f&#252;r seine Entscheidung hatte, ins Ungl&#252;ck st&#252;rzte. Er w&#228;hlte f&#252;r sich diese Alternative. Heute m&#252;ssen sich jene, die das Unbehagen unter­dr&#252;ckten und weitermachten, fragen, ob sie sich in einem besseren Licht sehen k&#246;nnen.</p>
<p>Zum Frust &#252;ber die Kluft zwischen politischem Anspruch und Realit&#228;t, die Stiller t&#228;glich erlebte, kamen private Probleme, die niemand wirklich ernst nahm. Seine ungarische Frau entfremdete sich ihm bald, der Umgang mit Freunden und Bekannten verflachte, auch im pers&#246;nlichen Bereich blieb jener Zynismus nicht ohne Wirkung, der bei den dienstlichen Kontakten oft dominierte. Signale dessen wurden in seiner Arbeitsgruppe nicht registriert; schon gar nicht wurde auf sie reagiert – eine h&#228;ufige Erscheinung, die zeigt, wie sehr das immer mehr moralischer Antriebe entkleidete Geheimdienst-Gesch&#228;ft das in den Anfangsjahren der HVA durch­aus noch vorhandene Zusammengeh&#246;rigkeitsgef&#252;hl der Aufkl&#228;rer zerst&#246;rte. Man tat seinen Job, versuchte dabei m&#246;glichst wenig aufzufallen – und ansonsten wollte man seine Ruhe haben. Diesen R&#252;ckzug in die tr&#252;gerische private Nische teilte Stiller mit vielen seiner »Genossen«. Aber fast alle unterwarfen sich dem Fatalismus dieser Situation, da f&#252;r sie die Rigorosit&#228;t von Stillers Ausbruch, die sich letztlich auch nur aus seiner Entwicklung im »realen Sozialismus« erkl&#228;rt, nicht in Frage kam. Seine Entscheidung f&#252;r den Bundesnachrichtendienst traf er eben sowenig aus &#220;berzeu­gung wie die seinerzeitige f&#252;r das MfS. In einer aus seiner Sicht ausweglosen Situation nutzte er die ihm gegebenen M&#246;glichkeiten zur Flucht; was er dazu mitbrachte, war das Resultat hektischen Zusammensuchens, wobei er allerdings wusste, wo man f&#252;ndig werden konnte.</p>
<p>Die tieferen Gr&#252;nde f&#252;r den Abgang Stillers liegen letztlich in der trotz der hohen Leistungen bei der Informationsbeschaffung insgesamt negativen Entwicklung der Hauptverwaltung Aufkl&#228;­rung, in der er – wohl zu Recht – f&#252;r sich keine Perspektive mehr sah. Sie wurden erg&#228;nzt durch ein ger&#252;ttelt Ma&#223; von Nachl&#228;ssigkeit und Leichtsinn in der operativen Arbeit, das die gleiche Ursache der Entfremdung vom urspr&#252;nglich so idealistisch gepr&#228;gten Auf­trag hat. So wusste Stiller weitaus mehr, als ihm bei strenger Anwendung der Regeln der Konspiration h&#228;tte bekannt sein d&#252;rfen. Er kannte von anderen Mitarbeitern Namen, Sachverhalte und Zusammenh&#228;nge. Er konnte aus der prahlerischen Beispieldarstel­lung in den Fachschulungen seine Schl&#252;sse ziehen. Er selbst hat sp&#228;ter konkret dargestellt, wie leicht es ihm gemacht wurde, Klarnamen von Spionen in der Bundesrepublik zu erfahren.</p>
<p>Auch die Sicherheitsbestimmungen im Geb&#228;ude der HVA wurden zu lax gehandhabt. Jeder Mitarbeiter, der nach Dienstschluss noch einmal in sein Zimmer wollte, konnte dies ohne jede vorherige Anmeldung. Er erhielt dazu sogar die Schl&#252;ssel seiner gesamten Abteilung ausgeh&#228;ndigt. Er hatte dadurch Zugang zu allen Dienstr&#228;umen. Nur so war es Stiller m&#246;glich, Materialien aus dem aufgebrochenen Panzerschrank der Abteilungssekret&#228;rin zu entwenden. Weder bestimmte sensible R&#228;ume noch die Stahl­schr&#228;nke der Spitzenleute der HVA waren elektronisch gesichert. Eine Kontrolle mitgenommener Unterlagen fand nirgends statt.</p>
<p>&#196;hnliche Nachl&#228;ssigkeiten gab es beim Umgang mit fiktiven Dokumenten, also falschen P&#228;ssen und Ausweisen sowie Papieren, die zum Beispiel am Bahnhof Friedrichstra&#223;e zur Grenzpassage ausgestellt wurden. Vertrauensseligkeit und Kumpelhaftigkeit ver­hinderten oft die Einhaltung der Bestimmungen. Was in den Anfangsjahren der HVA noch mangelnde Professionalit&#228;t gewesen war, ging nun auf das Konto unzureichender Motivation, einer Dienstauffassung, gekennzeichnet durch Achtlosigkeit und Frust.</p>
<p>Nachdem das Kind in den Brunnen gefallen war, wurde er abgedeckt. In den zehn Jahren seit dem »Fall Stiller« bis zur Aufl&#246;sung der H VA perfektionierte sie ihr inneres Sicherheitsregime. Schon wenige Wochen sp&#228;ter formulierte eine f&#252;r alle Abteilungen verbindliche Dienstanweisung Schlussfolgerungen aus dem Vorfall. Sp&#228;ter erdachte eine spezielle »Arbeitsgruppe Sicherheit« unauf­h&#246;rlich Ma&#223;nahmen, die die HVA vor weiteren Verratsf&#228;llen sch&#252;tzen sollten; ihre Vorschl&#228;ge scheiterten jedoch nicht selten an finanziellen oder auch technischen Grenzen. Vor allem aber konn­ten sie nicht das moralische Defizit und die fehlende Motivation wettmachen, die die Dienstauffassung der DDR-Aufkl&#228;rer immer mehr pr&#228;gten. Zwar kam es nicht so bald wieder zum &#220;bertritt eines HVA-Angeh&#246;rigen zum erkl&#228;rten Gegner, aber es h&#228;uften sich Vorkommnisse wie Alkoholmissbrauch, arrogantes Auftreten in der &#214;ffentlichkeit, Unterschlagungen, Ehekonflikte, Probleme in der Kindererziehung und &#228;hnliches. Das »Sicherheitsrisiko Mensch« wurde immer gr&#246;&#223;er – trotz einiger durchaus vern&#252;nftiger Schlussfolgerungen.</p>
<p>So sorgte man daf&#252;r, dass &#228;hnliche »Blitzkarrieren« wie bei Stiller in der Regel nicht mehr vorkamen. F&#252;r eine Einstellung in die HVA vorgesehene Kandidaten wurden zuvor in operativen Au&#223;engruppen (OAG), die sich fast alle Abteilungen schufen, erprobt. Diese Gruppen, getarnt als solche zivile Einrichtungen wie Konstruktionsb&#252;ros, &#220;bersetzungsdienste, Au&#223;enstellen von Betrieben usw., bestanden meist nur aus drei, vier oder f&#252;nf, nur selten aus mehr Mitarbeitern. Sie waren nicht in die zentrale Hauptverwaltung eingebunden und konnten – nat&#252;rlich unter Kontrolle ihrer jeweiligen Vorgesetzten – relativ ungest&#246;rt und dadurch oft unbefangener arbeiten als die Mitarbeiter in der Normannenstra&#223;e. In mindestens ein-, in der Regel aber zwei- bis dreij&#228;hriger T&#228;tigkeit wurden die »Nachwuchskader« auf ihre Bef&#228;higung hin &#252;berpr&#252;ft, und erst dann entschied man &#252;ber die weitere Verwendung. Dieser im Prinzip recht fruchtbare Ansatz ging jedoch bald verloren, wenn die Neulinge sp&#228;ter in die HVA eingegliedert wurden und die dortigen Verh&#228;ltnisse kennenlernten. Die Ern&#252;chterung rief dann auch bei den so besser Getesteten die gleichen Symptome hervor, wie sie seit Jahren  ei ihren Vorg&#228;ngern registriert werden mussten.</p>
<p>Aus diesem Grunde nahmen auch die &#220;berwachungsma&#223;nah­men gegen&#252;ber den Mitarbeitern der HVA zu. Sie gingen vor allem von der Hauptabteilung Kader und Schulung aus, zu deren Auf­gaben die l&#252;ckenlose Kontrolle des Verhaltens aller MfS-Angeh&#246;rigen geh&#246;rte. Dabei war es gewiss kein Zufall, dass zum Leiter dieser Abteilung mit G&#252;nter M&#246;ller ein Spezialist der Spionageabwehr berufen wurde. Das Ziel bestand darin, jeden unkontrollierbaren Kontakt zu verhindern. Daher durften Verwandte ersten Grades keinerlei Beziehungen ins westliche Ausland unterhalten. Reisen wurden nur &#228;u&#223;erst restriktiv gew&#228;hrt; selbst der Urlaub ins sozialistische Ausland war melde- und bei immer mehr L&#228;ndern auch genehmigungspflichtig. Reisen durften grunds&#228;tzlich nur in Gruppen erfolgen. Ein Campingurlaub oder das Mieten privater Unterk&#252;nfte waren untersagt. Kontaktaufnahmen – wie zuf&#228;llig auch immer – mussten unverz&#252;glich gemeldet werden. Um das Verhalten der Mitarbeiter zu testen, wurden derartige Situationen fingiert. Jeder Verdacht konnte gedeckte Ermittlungen ausl&#246;sen, und kein Aufkl&#228;rer war davor gesch&#252;tzt, wie jeder andere DDR-B&#252;rger auch abgeh&#246;rt oder der Postkontrolle unterworfen zu werden. Abh&#246;reinrichtungen konnten sogar in den Diensttelefonen installiert werden. Mit der Zunahme der technischen M&#246;glichkei­ten wurden diese gezielt zur »Gew&#228;hrleistung der inneren Sicher­heit« eingesetzt. So kam es vor, dass das Gespr&#228;ch mit einem verd&#228;chtigen Mitarbeiter der HVA aufgezeichnet wurde, um ihn mit Hilfe eines Sprachmodulators auf Ehrlichkeit seiner Aussagen zu &#252;berpr&#252;fen. Dieses Ger&#228;t, in der HVA unter dem Decknamen »Medium« urspr&#252;nglich f&#252;r operative Zwecke eingesetzt, lie&#223; aus der Sprachmodulation – &#228;hnlich wie der L&#252;gendetektor aus phy­siologischen Abl&#228;ufen – Erregungszust&#228;nde erkennen, die als Best&#228;tigung eines Verdachts interpretiert werden konnten.</p>
<p>Der Fall Werner Stiller belebte innerhalb der HVA einmal mehr fr&#252;here Diskussionen dar&#252;ber, wie mit solchen »Abtr&#252;nnigen« umzugehen sei. Als 1961 G&#252;nter M&#228;nnel die Seiten wechselte, wurde von der Leitung der HVA eine Arbeitsgruppe gebildet, die versuchte, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln und &#252;ber seine weiteren Aktivit&#228;ten Klarheit zu gewinnen. Als dann entsprechende Informationen vorlagen, stellte sich die Frage, ob man M&#228;nnels wieder habhaft werden k&#246;nne und wenn ja, was dann mit ihm passieren sollte. Dazu bestanden sehr unterschiedliche Auffassungen, aber im Prinzip waren sich bei der Aufkl&#228;rung alle einig, dass durch eine solche »Sonderjustiz« der schon durch die Flucht eingetretene Schaden nicht noch gr&#246;&#223;er werden d&#252;rfe. Das hie&#223;, spektakul&#228;re Aktionen wurden ebenso ausgeschlossen wie etwa eine Liquidation des &#220;berl&#228;ufers. Es war vor allem zu bedenken, dass damit eine Kampfform in die Auseinandersetzung der Geheimdienste hinein­getragen worden w&#228;re, die unabsehbare Folgen auch f&#252;r die eigenen Leute in den gegnerischen Reihen h&#228;tte haben k&#246;nnen.</p>
<p>Als schlie&#223;lich klar wurde, dass eine »lautlose R&#252;ckf&#252;hrung« M&#228;nnels nicht m&#246;glich war, blies man die ganze Sache ab. Hatte es bis dahin seitens der HVA schon keine Entf&#252;hrungen Missliebiger aus dem Westen gegeben, so in der Folgezeit erst recht nicht. Als Stiller verschwand, wurde eine vergleichbare Arbeitsgruppe gar nicht erst gebildet. Hier ging es einzig um die Begrenzung des aufgetretenen Schadens; jeder Versuch, Stiller zur&#252;ckzuholen oder auch im Operationsgebiet zu »exekutieren«, wie es Mielke bei einigen Gelegenheiten tats&#228;chlich angedroht hatte, schied von vornherein aus. Die HVA hat dazu keine Vorkehrungen getroffen. Dennoch traute der BND dem Frieden nicht. Er lie&#223; Stiller nicht ein einziges Mal direkt als Zeuge vor Gericht auftreten und besorgte ihm eine neue Identit&#228;t.</p>
<p>Im Umfeld der Stiller-Schlappe musste die HVA Erfahrungen mit einer speziellen Sorte von &#220;berl&#228;ufern machen. Zwei der DDR-Spione, denen die Flucht aus der Bundesrepublik – wenn auch auf ganz verschiedene Weise – gelang, kehrten nach einem kurzen Aufenthalt zur&#252;ck, obwohl ihnen in Westdeutschland eine Strafver­folgung sicher war: Rainer F&#252;lle und Erich Ziegenhain. Dabei war der Fall F&#252;lle so abenteuerlich, dass man h&#228;tte annehmen k&#246;nnen, er entstamme einem Spionage-Thriller.</p>
<p>Der Angestellte der Gesellschaft zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen in Karlsruhe war zwar festgenommen worden, entkam aber auf dem Weg zu einem Verh&#246;r seinem (einzigen!) Bewacher, da der – es war ein kalter Wintertag – auf Glatteis ins Stolpern geriet und ihn nicht festhalten konnte. F&#252;lle floh und meldete sich bei der sowjetischen Milit&#228;rmission in Baden-Baden, von wo aus er in einer Holzkiste in die DDR geschmuggelt wurde. Hier konnte er studieren, erhielt ein weit &#252;berdimensioniertes Stipendium, lebte in einer Villa – und auch sonst wurde ihm fast jeder Wunsch erf&#252;llt. Seine »tschekistischen Kampferfahrungen« vermittelte er jungen HVA-Mitarbeitern und Kursanten der Schule des Spionagedienstes in Vortr&#228;gen und Gespr&#228;chsrunden. All das aber verschaffte ihm offensichtlich keine Befriedigung. Seine Familie war ihm nicht in die DDR gefolgt, und &#252;ber sie nahm er Kontakt zum Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz auf, das bald darauf f&#252;r seine R&#252;ckkehr sorgte. Ansonsten aber tat auch diese Bundesbeh&#246;rde wenig f&#252;r ihn: Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte ihn zu sechs Jahren Haft.</p>
<p>Erich Ziegenhain war nach einem R&#252;ckruf aus der Berliner Zentrale Ende Januar 1979 in die DDR geflohen. Aber auch seine Familie – mit seiner nachrichtendienstlichen T&#228;tigkeit konfrontiert – wollte nicht im Osten Deutschlands bleiben, sah aber letztlich keinen anderen Ausweg. Doch Ziegenhain, anders als F&#252;lle auf ideologischer Grundlage angeworben, verkraftete die Realit&#228;t des Sozialismus nicht. Immer h&#228;ufiger kritisierte er die Verh&#228;ltnisse, die er sich so ganz anders vorgestellt hatte, und stellte schlie&#223;lich den Antrag auf R&#252;ckkehr. Bei der HVA stie&#223; er damit nat&#252;rlich nicht auf Gegenliebe, doch nach l&#228;ngeren Auseinandersetzungen sah man schlie&#223;lich ein, dass es sinnlos sei, ihn gegen seinen Willen festzuhalten. Ziegenhain kehrte mit seiner Familie zur&#252;ck und wurde zu zwei Jahren Gef&#228;ngnis auf Bew&#228;hrung verurteilt. Leider wurde in der HVA nicht ernst genommen, was der fr&#252;here Ober­regierungsrat im hessischen Sozialministerium zur Begr&#252;ndung dieses spektakul&#228;ren und f&#252;r die HVA blamablen Schrittes sagte. Er sei durch seinen DDR-Aufenthalt »zu einem &#252;berzeugten und engagierten Antikommunisten geworden &#8230;; denn die DDR ist, nicht zuletzt f&#252;r ehemalige Sozialisten, die &gt; Schule des Antikommunismus&lt;«.</p>
<p>Je mehr sich die gesellschaftliche Realit&#228;t in der DDR von ihren fr&#252;hen Idealen, deren Verwirklichung allerdings nie ernsthaft betrieben wurde, entfernte, desto gr&#246;&#223;er wurden die Probleme mit jenen Spionen, die sich aus dem Operationsgebiet wegen akuter Gef&#228;hrdung zur&#252;ckziehen mussten bzw. die aus eigenem Antrieb flohen. Die Schicksale von F&#252;lle und Ziegenhain machten insofern nur etwas sichtbar, was unter der Oberfl&#228;che schon lange schwelle. In den Anfangsjahren der DDR-Aufkl&#228;rung, als erst Positionen geschaffen wurden und die Betreuung zur&#252;ckgezogener oder geflo­hener Kundschafter lediglich Einzelf&#228;lle darstellte, bereitete sie noch keine Probleme. Sp&#228;ter, als sich solche tragischen Vorf&#228;lle h&#228;uften und – vor allem Mitte der 70er Jahre – ihren Ausnahme­charakter verloren, stand die HVA pl&#246;tzlich vor einem Ph&#228;nomen, das bis dahin ungekannte psychologische Probleme aufwarf. Der Spion, bis dato zumeist ein in guter Position stehender, &#252;ber Sozialprestige verf&#252;gender B&#252;rger der Bundesrepublik, wurde f&#246;rmlich &#252;ber Nacht zum Nobody. Zwar erfuhr er durch das MfS und die HVA, mitunter auch einmal in einem &#246;ffentlichen Auftritt im DDR-Fernsehen hohe W&#252;rdigung als »K&#228;mpfer an der unsicht­baren Front«, doch war diese Phase der Ehrungen beendet, dann trat bald Leere ein. Die hohen Erwartungen der Ex-Kundschafter, die sich ihr Bild von der DDR meist vor allem aus den Berichten ihrer Instrukteure zusammengesetzt hatten, wurden oft tief ent­t&#228;uscht. Einstige Versprechungen konnten nun nicht gehalten werden. Eine berufliche Laufbahn war oft schwierig, da elementare Voraussetzungen fehlten und bestimmte Entwicklungen aus Sicherheitsgr&#252;nden versperrt blieben. Die neuen DDR-B&#252;rger wurden auch mit den Unbilden des t&#228;glichen Lebens konfrontiert, mit Versorgungsm&#228;ngeln, Reisebeschr&#228;nkungen und b&#252;rokrati­schen H&#252;rden, die es zwar auch im Westen gegeben hatte, hier jedoch von ganz anderer Art waren. Die Ver&#228;rgerung schlug bald in Forderungen um, die in einzelnen F&#228;llen bis zur Erpressung gingen. Einige der Ex-Spione wollten ihre Erlebnisse ver&#246;ffentlichen, andere sich auf Vortragsreisen im Ausland vorstellen. Seitens des MfS wurde das alles abgeblockt, wobei oft kleinliche Begr&#252;ndun­gen herhalten mussten. Auch hier hatte das ideologische Kalk&#252;l Primat, wurde ihm die Befindlichkeit des jeweiligen Kundschafters untergeordnet. In den 80er Jahren gr&#252;ndete man an der HVA eine spezielle Betreuungsgruppe, die nichts anderes zu tun hatte, als sich rund um die Uhr um die zur&#252;ckgezogenen oder geflohenen fr&#252;heren Aufkl&#228;rer zu k&#252;mmern. Dennoch &#228;nderte das an den gegenseitigen Irritationen wenig, und in vielen F&#228;llen gelang die Integration bis zuletzt nicht.</p>
<p>Der Versuch, durch &#246;ffentliche W&#252;rdigung der Spione die Spannungen bei der Eingliederung in eine v&#246;llig neue Gesellschaft zu mindern, hatte durchaus seinen Sinn; die formalistische Hand­habung verkehrte aber auch hier die gute Absicht beinahe ins Gegenteil. Lange Jahre hatten die sozialistischen L&#228;nder &#252;berhaupt nicht zugeben m&#246;gen, dass auch sie Spionage betrieben. Dieser Begriff war von vornherein negativ besetzt und galt nur f&#252;r die entsprechenden »imperialistischen Machenschaften«. Erst mit der W&#252;rdigung des sowjetischen Aufkl&#228;rers Richard Sorge &#228;nderte sich daran etwas; von nun an wurden »Kundschafterleistungen«, wie man sie euphemistisch nannte, als »Beitr&#228;ge zur Friedens­sicherung« hervorgehoben. Das war nicht falsch, wenn man sich die meisten der so Geehrten ansieht. Zugleich aber verband sich mit dieser Anerkennung auch der Anspruch, im Gegensatz zu den »Agenten und Diversanten« des Westens einer guten Sache zu dienen und den Sozialismus zu st&#228;rken.</p>
<p>Auf diese Weise wurde das Spionage-Gewerbe ideologisiert – ein Vorgang, der bis heute mit umgekehrten Vorzeichen erneut zu beobachten ist. Doch ungeachtet dessen entsprach der Schritt hin zur &#246;ffentlichen Heraushebung der Aufkl&#228;rung und ihrer Sachwal­ter auch einem Bed&#252;rfnis dieser selbst. Im Einsatz lebt der Spion in einer st&#228;ndigen psychischen Anspannung, die sich sowohl aus den Risiken seiner (Neben-)T&#228;tigkeit als auch aus der Tatsache ergibt, dass er zwar etwas Besonderes, etwas Geheimnisvolles tut, damit aber nicht in die &#214;ffentlichkeit gehen kann. Im Gegenteil, oft musste der konspirativ Arbeitende im Interesse des Erfolgs und seiner Sicherheit besonders unauff&#228;llig agieren, durfte zum Beispiel seine finanziellen Zuwendungen nicht nach Bedarf verwenden, sondern stets dosiert, in &#220;bereinstimmung mit seinem offiziellen Status. Nicht wenige wurden mit diesem Widerspruch nicht fertig und enttarnten sich durch Unvorsichtigkeiten, mitunter sogar Prahlereien. Grunds&#228;tzlich gilt das auch f&#252;r die F&#252;hrungsoffiziere, die Mitarbeiter der Zentrale, die oft auf Ehre und Ansehen, die sie mit ihren F&#228;higkeiten im zivilen Leben durchaus h&#228;tten erwerben k&#246;nnen, verzichten m&#252;ssen. Beide Gruppen haben den Drang, anerkannt zu werden – und diesem Wunsch wurde die HVA dadurch gerecht, dass sie – &#252;berwiegend intern, zunehmend aber auch in der &#214;ffentlichkeit – den »sozialistischen Kundschafter« zu w&#252;rdigen begann.</p>
<p>Aber die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung verband nat&#252;rlich mit der Kundschafterehrung noch einen zweiten Zweck; sie sollte erzieherische Wirkung auf den Nachwuchs haben. Und damit wurde auch sie in ein propagandistisches Korsett gezw&#228;ngt. Bald kam es zu &#220;bertreibungen, dem Verschweigen von Fehlern und M&#228;ngeln. Selbst ganz normale Pannen hatte es pl&#246;tzlich nicht mehr gegeben; der »Held« oder die »Heldin« sollte ohne Makel sein. Dass zum Beispiel einer der DDR-Spione h&#228;ufig zu sp&#228;t zum Treff kam, hatte in der Zentrale nicht selten Stirnrunzeln ausgel&#246;st. Denn der Instrukteur musste sich jedes mal fragen: Ist etwas passiert? Hat eine Beobachtung stattgefunden? Oder gibt es gar schlimmere Gr&#252;nde f&#252;r das Fernbleiben? Sp&#228;ter aber wurde dieses in der konspirativen Arbeit &#228;u&#223;erst problematische Verhalten jedoch heruntergespielt oder gar mit einem Scherz abgetan.</p>
<p>Einzelne Leistungen wurden &#252;bergeb&#252;hrlich aufgewertet, was auch Missgunst im Kreis der Ex-Spione hervorrief. Mancher &#246;ffentliche Auftritt geriet zur Peinlichkeit, da der fr&#252;here Aufkl&#228;rer – abgeschnitten von seiner Umwelt – den Blick f&#252;r die Realit&#228;t verloren hatte und nur noch in der Vergangenheit lebte. Dennoch hinderte das den einen oder die andere nicht, &#252;berheblich und anma&#223;end aufzutreten. Die schon genannten Integrationsprobleme fanden hier ein Ventil, das jedoch nicht im Sinne der Zentrale war. Die voluntaristische Geschichtsschreibung, in der DDR zu einem Prinzip erhoben, setzte sich auch auf diesem kleinen Feld durch und stiftete damit letztlich mehr Schaden als Nutzen.</p>
<p>In den letzten Jahren der HVA wurde die »Traditionspflege« zu einem Kult erhoben. Auf Weisung der Leitung intensivierte man die Erforschung fr&#252;herer Erfolge, richtete »Traditionskabinette« ein und berauschte sich an der Vergangenheit. War dies vielleicht eine Flucht vor den Schwierigkeiten und Schlappen der Gegenwart, ein Ignorieren der im Unterbewusstsein m&#246;glicherweise d&#228;mmern­den Zweifel am Sinn der Arbeit? Sollten Frustration und Resignation, die diese l&#228;hmende Einsicht bedingten, mit Blick auf das Gewesene verdr&#228;ngt werden?</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil VII)</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Oct 2010 17:06:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Bundesinnenministerium ist dieser Tage durch ganz ungew&#246;hnliche Zur&#252;ckhaltung aufgefallen. W&#228;hrend in den USA Regierungsbeh&#246;rden und Medien ihre Warnungen vor unmittelbar bevorstehenden Terroranschl&#228;gen in Europa verst&#228;rken und sogar konkrete Gefahrenorte nennen, wiegelt Innenminister Thomas de Maizière ab. Es gebe keine Hinweise auf aktuell geplante Anschl&#228;ge, sagte er, jedoch eine hohe abstrakte Gefahrenlage. Dar&#252;ber h&#228;tten ihn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Bundesinnenministerium ist dieser Tage durch ganz ungew&#246;hnliche Zur&#252;ckhaltung aufgefallen. W&#228;hrend in den USA Regierungsbeh&#246;rden und Medien ihre Warnungen vor unmittelbar bevorstehenden Terroranschl&#228;gen in Europa verst&#228;rken und sogar konkrete Gefahrenorte nennen, wiegelt Innenminister Thomas de Maizière ab. <span id="more-1995"></span>Es gebe <a href="http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-10/usa-terror-warnung" target="_blank"><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/f4ac56e7140946d3a38b584f6efaa013" alt="" width="1" height="1" />keine Hinweise auf aktuell geplante Anschl&#228;ge</a>, sagte er, jedoch eine hohe abstrakte Gefahrenlage. Dar&#252;ber h&#228;tten ihn die Sicherheitsbeh&#246;rden ins Bild gesetzt.</p>
<p>Im Klartext hei&#223;t dies, dass den deutschen Geheimdiensten offensichtlich &#252;ber die Aktivit&#228;ten von Terrororganisationen wenig bekannt ist. Trotz immensen personellen und finanziellen Aufwandes tappen sie weitgehend im Dunkeln dar&#252;ber, was m&#246;glicherweise in der Terrorszene geplant wird. Und da man <a href="http://www.faz.net/s/RubF359F74E867B46C1A180E8E1E1197DEE/Doc~E43EAE6388EB749CBAA6D38E36DF907B8~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">nichts Konkretes wei&#223;,</a> zieht man sich auf die »abstrakte Gefahrenlage« zur&#252;ck. Das mag zutreffend sein oder auch nicht – es zeigt auf jeden Fall die Unf&#228;higkeit der Geheimdienste, ihre selbsterkl&#228;rte Aufgabe zu erf&#252;llen.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/10/West-Spione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1999" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/10/West-Spione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Neu ist das nicht. Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR war in den 1970/80er Jahren immer weniger in der Lage, ihre betr&#228;chtlichen Ressourcen im Operationsgebiet BRD effektiv einzusetzen und auszunutzen. Der Apparat wurde mit seinem Wachsen immer schwerf&#228;lliger, der Erfolgsdruck erzeugte Routine, und die in der DDR allgegenw&#228;rtige Lobhudelei und Kritiklosigkeit f&#252;hrten zu Nachl&#228;ssigkeiten und Fehlern.</p>
<p>Dies alles ist in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr verf&#252;gbar ist, dem Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, beschrieben. Im folgenden der siebente Teil.</p>
<h2>Routine im Raster</h2>
<p>Eines Morgens im Juni 1976 klingelten an Wohnungst&#252;ren in Stuttgart und K&#246;ln, in Kiel und M&#252;nchen, in Heidelberg und M&#246;nchengladbach die Glocken. Schlagartig hatten Polizeibeamte eine Aktion gestartet, durch die bald zwei oder drei Dutzend Menschen festgenommen wurden, die auf den ersten Blick &#252;ber­haupt nichts miteinander zu tun hatten. Es waren Beh&#246;rdenange­stellte und Ingenieure, Handelsvertreter und Versicherungskaufleute. Gemeinsam war ihnen nur, dass sie alle eine Zeitlang im Ausland gelebt hatten, dann aber wieder zur&#252;ckgekehrt waren, wobei sie ihren Wohnsitz – gewiss ungew&#246;hnlich – niemals wieder dort einnahmen, von wo sie vor Jahren aufgebrochen waren und dabei viele Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen zur&#252;ckgelassen hatten.</p>
<p>Bei einigen festgenommenen Spionen war den Abwehrbeh&#246;r­den aufgefallen, dass sich in deren Biographien gewisse Punkte &#228;hnelten – zum Beispiel der genannte. Sie stellten aber auch fest, dass &#220;bergesiedelte schon wenige Wochen nach ihrer ersten poli­zeilichen Anmeldung wieder umzogen, um sich so in den Besitz echter Papiere zu bringen. Manche wiederholten diese Umz&#252;ge noch &#246;fter. Ehepaare aus der DDR &#252;bersiedelten getrennt und »verheirateten« sich dann neu, um danach ebenfalls neue Personal­dokumente zu beantragen. Die Trauung fand in sogenannten Schnelltrauungs&#228;mtern statt, in denen nicht viel nach Unterlagen gefragt wurde, wo es auch kaum auffiel, wenn Angeh&#246;rige nicht zugegen waren. Einreisen von »Doppelg&#228;ngern« erfolgten – wie gesagt – zumeist aus dem Ausland, in das sich die Originalperson meist erst relativ kurze Zeit zuvor abgemeldet hatte.</p>
<p>All dies waren nat&#252;rlich Besonderheiten, welche die Abwehr­beh&#246;rden bei Enttarnungen registrierten. Und eines Tages fielen ihnen diese seltsamen Gemeinsamkeiten von DDR-Spionen auf. Sie verfertigten ein Raster und &#252;berpr&#252;ften mit seiner Hilfe alle anderen, die in den Jahren zuvor auf &#228;hnliche Weise in die Bundesrepublik gekommen waren oder sich entsprechend verhal­ten hatten. F&#252;r die Bundesgrenzschutzbeamten wurden spezielle Ausbildungskurse organisiert, in denen man sie mit den Verhaltens­mustern der aus der DDR einreisenden Aufkl&#228;rer vertraut machte. Auch sie legten ein Raster an, das vom Alter &#252;ber die Kleidung und das Reisegep&#228;ck bis zu den Antworten auf Befragungen all das enthielt, was die Berliner Zentrale in ihren Schulungen als verallge­meinerungsw&#252;rdig bezeichnet hatte.</p>
<p>So kam es denn eines Tages zwangsl&#228;ufig zum gro&#223;en Einbruch, eben in jenem Juni des Jahres 1976. Nach der Verhaftungswelle setzten sich zahlreiche weitere Spione in die DDR ab, zum Teil in wilder Flucht. Befriedigt konstatierte das Innenministerium in seinem j&#228;hrlichen Bericht &#252;ber die Ergebnisse der Verfassungs­schutz-Arbeit: »Zahlreiche Agenten setzten sich ab, weil sie nach eigener Einsch&#228;tzung ihre Sicherheit gef&#228;hrdet sahen oder von ihren F&#252;hrungsstellen abgezogen wurden. Dies geschah teilweise so &#252;berst&#252;rzt, dass sie nachrichtendienstliche Hilfsmittel oder bereits vorbereitetes Verratsmaterial zur&#252;cklassen mussten.«</p>
<p>Sp&#228;ter erwies sich, dass nicht jede Flucht notwendig gewesen war; in einigen F&#228;llen hatte Panik zu un&#252;berlegten Handlungen gef&#252;hrt, die die Pleite noch schlimmer machten, als sie ohnehin schon war. Auch das teilte der Verfassungsschutz gen&#252;sslich mit: »Eine Reihe weiterer Fluchtf&#228;lle wurde erst durch Hinweise aufmerksamer Nachbarn bekannt, ihnen waren M&#246;belwagen mit Firmenaufschriften aus der &gt;Hauptstadt der DDR&lt; oder Karl-Marx-Stadt vor Wohnungen ihrer Nachbarn, die sie im Urlaub glaubten, aufgefallen.«</p>
<p>Dieser Einbruch war das Ergebnis zunehmender Routine in der Arbeit der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hatte erst jetzt ein solch verheerendes Ergebnis, doch erste Anzeichen von Routine und verk&#252;mmertem innovativem Denken zeigten sich schon in den 50er Jahren, als in der DDR-Spionage die bereits genannte &#220;ber­siedlungsvariante hoch im Kurs stand. F&#252;r ihre Favoritenstellung war neben der in den Jahren einer offenen Grenze bequemen Handhabung auch ein &#252;berzogenes Sicherheitsdenken verantwort­lich, das sich aus sowjetischen Erfahrungen speiste. Es ging davon aus, dass ein zuverl&#228;ssiger Kundschafter nur ein Mann oder eine Frau aus den eigenen Reihen sein konnte. Es sei nur dem zu trauen, der &#252;ber marxistisch-leninistische Bildung verf&#252;gte und im kommunistischen Geist erzogen war. Deshalb galt die Maxime, dass die wichtigsten St&#252;tzpunkte im Operationsgebiet von Abgesandten der Zentrale zu besetzen seien.</p>
<p>Dieses Dogma entsprang gleich mehreren Denkfehlern. Zum einen ging es von einem starren Verst&#228;ndnis des Erziehungsbegriffs aus, unterlag es dem Irrtum, dass einmal erworbene Haltungen unver&#228;nderlich sind. Tats&#228;chlich zeigte sich aber gerade an vielen &#220;bersiedelungskandidaten, dass eine neue Umwelt auch neues Denken hervorbringt. Dies wurde noch dadurch verst&#228;rkt, dass das in der DDR vermittelte Bild der Bundesrepublik den Realit&#228;ten nicht standhielt, Bei allen Gebrechen und Widerspr&#252;chen, die auch dem kapitalistischen System eigen sind, war jedoch das einseitige Klischee der sozialistischen Propaganda von der Wirklichkeit so weit entfernt, dass f&#252;r manchen &#220;bergesiedelten die Konfrontation mit den Tatsachen der Bundesrepublik zum Schockerlebnis wurde. Manche von ihnen meldeten sich &#252;berhaupt nicht wieder bei der Zentrale, zum Teil konnten nicht einmal ihre zur&#252;ckgebliebenen Verwandten Auskunft geben, was aus ihnen geworden war. Andere spielten erst noch eine Zeitlang mit, ehe sie frustriert den Kontakt abbrachen.</p>
<p>Viele der &#220;bergesiedelten hielten aber auch zur Stange, stellten jedoch der Zentrale zunehmend bohrende Fragen. Sie wollten Klarheit haben, wie zu Hause vermittelte Theorie und im Opera­tionsgebiet angetroffene Praxis in &#220;bereinstimmung zu bringen seien, woher die offensichtlichen Widerspr&#252;che r&#252;hrten. Das aber machte sie f&#252;r die Zentrale verd&#228;chtig; sie galten als »aufgeweicht«, und die Neigung, ihnen bei nachrichtendienstlichen Operationen zu vertrauen, schwand. Auch das beeintr&#228;chtigte die Arbeitsergeb­nisse.</p>
<p>Die Verfassungsschutz-Beh&#246;rden der Bundesrepublik konnten aus diesen Vorg&#228;ngen allerdings nur wenig Nutzen ziehen, da sich die wenigsten der »Abtr&#252;nnigen« offenbarten. Die Abwehr ver­st&#228;rkte dennoch ihre Bem&#252;hungen zum Erkennen der so Einge­schleusten, nachdem sie begriffen hatte, welch gro&#223;en Stellenwert die DDR-Spionage ihnen beima&#223;. Zwar war es bei der Vielzahl der &#220;bersiedler nicht einfach, den &#220;berblick zu behalten, aber da die von der HVA Beauftragten fr&#252;her oder sp&#228;ter in sensible Positionen zu gelangen versuchten, konnte bis zu diesem Zeitpunkt mit der Tiefen&#252;berpr&#252;fung abgewartet werden. Dann jedoch wurde der Kandidat intensiv unter die Lupe genommen, sein Vorleben in der DDR ausgeforscht. Daf&#252;r fanden sich – ebenfalls ein Ergebnis der hohen &#220;bersiedlerzahlen von eineinhalb bis zwei Millionen von Kriegsende bis 1961 – gen&#252;gend Zeugen, die den Betreffenden aus der Vergangenheit her kannten und Auskunft geben konnten, ob er tats&#228;chlich schon immer ein Regimegegner oder nicht im Gegenteil gesellschaftlich sehr aktiv gewesen war.</p>
<p>Bald wurden auch die Befragungen und Datenerfassungen in den Fl&#252;chtlingslagern selbst intensiviert, an denen sich die Geheimdienste der Westm&#228;chte ebenso wie BND und Verfassungs­schutz beteiligten. Und wenn auch der eine oder andere dieser Ausforschung entgehen konnte, indem er sofort bei Verwandten oder Bekannten untergeschl&#252;pft war, so passierte es doch, dass er im Nachhinein befragt wurde. Mit dem Vergleich der Resultate solcher Erhebungen hatten die Abwehrbeh&#246;rden der Bundesrepublik schon bald Mittel gefunden, um der &#220;bersiedelungsvariante entgegenzu­wirken. Damit wurde ihre Anwendung immer riskanter, vor allem war es wenig ratsam, gr&#246;&#223;ere Operationen unter Einsatz bisher nicht gef&#228;hrdeter Aufkl&#228;rer durch &#220;bergesiedelte ausf&#252;hren zu lassen. Dass trotzdem lange an einer solchen Methode festgehalten wurde, ging letztlich auf ein Ph&#228;nomen der DDR-Gesellschaft zur&#252;ck, das auch in anderen Bereichen eine gro&#223;e Rolle spielte, nirgends aber wohl so unangebracht war wie gerade im Geheim­dienst. Es handelt sich um die permanente Forderung, gute Erfahrungen auf allen Gebieten zu verallgemeinern, das hei&#223;t nachzuahmen und immer wieder anzuwenden. Die Leitung der HVA orientierte – in »sch&#246;pferischer Anwendung« sowjetischer Praktiken – darauf, erfolgreiche Methoden zu studieren und f&#252;r die eigene operative Arbeit zu nutzen. Die Schule der HVA erarbeitete dazu Lehrhefte, in den sogenannten Fachschulungen wurden die Beispiele vorgestellt. Mancher griff das Angebot mangels eigener Ideen dankbar auf; andere wurden unter Hinweis auf die Notwen­digkeit, an der Praxis zu lernen, dazu gen&#246;tigt.</p>
<p>So kam es dann, dass man Berufs- und Aufenthaltslegenden kopierte, Ansprechpraktiken wiederholte, Antworten auf Stellen­anzeigen vervielf&#228;ltigte und &#228;hnliches mehr. Ebenso wurden gute Erfahrungen aus der Reisegestaltung verallgemeinert und als erfolgreich erkannte Verhaltensweisen im Operationsgebiet imitiert.</p>
<p>Mit dem wachsenden Interesse f&#252;r unsere Umwelt boten sich zum Beispiel solche Legenden f&#252;r das Ansprechen interessanter Leute an wie Projekte zur Landschaftsgestaltung, das Erschlie&#223;en von Routen f&#252;r Radwanderungen und &#228;hnliches. Das wurde dann bei den verschiedensten Operationen wiederholt.</p>
<p>Bei all dem &#252;bersah man jedoch, dass nachrichtendienstliche T&#228;tigkeit wie kaum etwas anderes von der Individualit&#228;t des Spions lebt. Jede Wiederholung mindert seine Exklusivit&#228;t und schw&#228;cht damit die Konspiration des Aufkl&#228;rers. Beispiele konnten nur in dem Sinne von Interesse sein, als daraus abzulesen war, wie man sich nicht verhalten sollte – nicht jedoch, um erfolgreiche Praktiken zu wiederholen. Dennoch wurde immer wieder so gearbeitet.</p>
<p>Der Nachahmungstrieb, bis zuletzt unausrottbar, war nur ein Beispiel f&#252;r die zunehmende B&#252;rokratisierung des DDR-Spionage­apparates. Ein anderes betraf die Leistungsbewertung der Aufkl&#228;­rer. Sie ergab sich vor allem aus quantitativen Gr&#246;&#223;en, also der statistischen Erfassung operativer Ergebnisse. So wurden nicht nur die inoffiziellen Mitarbeiter nach etwa zehn Kategorien ihres Einsatzes erfasst, sondern auch nach ihrem Alter, ihrem sozialen oder famili&#228;ren Status, dem Beruf, den Besitzverh&#228;ltnissen und &#228;hnlichem. F&#252;r die Werbungsarten gab die Statistik f&#252;nf Katego­rien vor. Die beschafften Informationen wurden ebenfalls gez&#228;hlt, zus&#228;tzlich aber noch in eine Werteskala von eins bis f&#252;nf – &#228;hnlich den Schulzensuren – eingeordnet. Zwischen den beschaffenden Abteilungen und den Auswertern gab es immer wieder lange Diskussionen &#252;ber den Wert, da die »Note 4« oder gar die »5« f&#252;r viele Aufkl&#228;rer ein Donnerwetter ihrer Vorgesetzten bedeutete. Oft vergewisserten sie sich zuvor, dass zumindest eine »3« heraus­springt. Die zusammengefassten Angaben erfolgten aus Gr&#252;nden der Verschleierung nat&#252;rlich nur prozentual, waren also kaum vergleichbar.</p>
<p>Dieses Bewertungssystem hatte die HVA unmittelbar aus der DDR-Wirtschaft &#252;bernommen. Dort war die Statistik von Anfang ein beliebtes Instrument zur angeblichen objektiven Leistungs­bewertung. In Wirklichkeit bot sie jedoch gern genutzte M&#246;glich­keiten zur Verschleierung der tats&#228;chlichen qualitativen Probleme und war ein Machtinstrument der Vorgesetzten, mit denen sie unliebsame Mitarbeiter anscheinend auf der Basis objektiver Fakten ma&#223;regeln konnten. Auch andere Praktiken wurden direkt der Wirtschaft entlehnt. Das betraf zum Beispiel die Detailplanung bis hin zum letzten Bleistift und St&#252;ck Papier. Das betraf die auf Jahre festgelegte Zuteilung von B&#252;rom&#246;beln, Technik, Autos und sogar Benzin und Reparaturkapazit&#228;t. Das betraf auch Auszeichnungen und Bef&#246;rderungen, die von einigen Vorgesetzten namentlich auf mehrere Jahre hinaus vorgeplant wurden. All das wirkte jeder effektiven Arbeit entgegen, beeintr&#228;chtigte die Motivation der Mitarbeiter und machte zwangsl&#228;ufig Durchschnittsleistungen zum Erstrebenswerten. Wie auch andere Bereiche, produzierte die HVA auf diese Weise zunehmend »das beste Mittelma&#223; der Welt«.</p>
<p>Ein anderer Aspekt der B&#252;rokratisierung war die personelle Aufbl&#228;hung. Die Aufstockung der Zahl der Quellen, von denen viele nur Durchschnittliches lieferten, jedoch betr&#228;chtliche Kapazi­t&#228;ten banden, f&#252;hrte immer wieder auch zur Erh&#246;hung der Mitar­beiterzahl in der Zentrale. Das wiederum verursachte Un&#252;bersicht­lichkeit und Schwerf&#228;lligkeit des gesamten Apparates, was neue Forderungen nach personellem Zuwachs f&#252;r die administrativen Bereiche der HVA bewirkte, die mit der unmittelbaren operativen Arbeit nichts zu tun hatten. So stieg der Personalbestand unaufh&#246;r­lich, und die Schere zwischen eigentlichen Aufkl&#228;rern und ihren vielf&#228;ltigen »Hilfstruppen« klaffte immer weiter auseinander. Im Herbst 1989, als das MfS zum Amt f&#252;r Nationale Sicherheit (AfNS) umfunktioniert wurde, z&#228;hlte man offiziell 4.128 hauptamtliche HVA-Angeh&#246;rige – eine Zahl, die eher untertrieben als &#252;berzogen war.</p>
<p>Misserfolge in der operativen Arbeit konnten bei solcher Fehl­entwicklung nicht ausbleiben. Sie nahmen im Lauf der 70er und 80er Jahre immer mehr zu, wenn auch angesichts der Vielzahl der Quellen dies im quantitativen Informationsaufkommen kaum ins Gewicht fiel. Doch die seitens der Abwehrbeh&#246;rden der Bundes­republik und anderer L&#228;nder erfolgten Festnahmen gingen weniger auf die T&#252;chtigkeit jener Dienste zur&#252;ck als vielmehr auf M&#228;ngel in der eigenen Arbeit. Dies waren Fehleinsch&#228;tzungen der angespro­chenen Personen, konspirative Nachl&#228;ssigkeiten, ungen&#252;gende Vorbereitung auf die konkrete Situation am Zielort, Abweichungen von fr&#252;heren Aussagen gegen&#252;ber Dritten und eigenm&#228;chtige Ver&#228;nderungen der Vorgaben ohne ausreichende Kenntnis der Zusammenh&#228;nge. Auf das Kopieren bestimmter Verhaltensweisen wurde schon verwiesen. Ein IM mit Wohnst&#252;tzpunkt fiel leicht dadurch auf, dass er nicht nur seine Miete, sondern auch Telefon­rechnungen, Radio- und Fernsehgeb&#252;hren bar bezahlte. Seine oftmalige Abwesenheit erkl&#228;rte er vielleicht mit reger Reiset&#228;tig­keit; dem widersprach jedoch, dass er &#252;ber kein Auto verf&#252;gte und nur &#246;ffentliche Verkehrsmittel benutzte. Wer in einer fremden Stadt ankam, begab sich vielleicht sofort zum Verkehrsverein oder der Zimmervermittlung – was ihn als Fremden auswies. Unauff&#228;lliger konnte es mitunter sein, erst ein konkretes Ziel anzusteuern und erst nach einiger Zeit die Quartiersuche zu beginnen. Die eigenen M&#246;glichkeiten wurden oftmals &#252;ber- und die F&#228;higkeiten der Gegenseite untersch&#228;tzt. Oft spielten die schon angesprochene Routine und eine gewisse &#220;berheblichkeit, nicht selten durch die F&#252;hrungsoffiziere gef&#246;rdert, eine Rolle.</p>
<p>Wie sehr schon anscheinend kleine Fehler gro&#223;e und mitunter erst nach einiger Zeit sichtbare Folgen zeitigten, zeigt folgendes Beispiel eines gemeinsamen Einsatzes zweier Werber, einer aus der DDR, der andere aus der Bundesrepublik. Sie begaben sich in einem Leihwagen nach Spanien und w&#228;hlten unterwegs ein sch&#246;­nes Pl&#228;tzchen f&#252;r eine Pause und ein Bad im Mittelmeer aus. W&#228;hrend sie schwammen, wurde das Auto aufgebrochen und s&#228;mtliches Gep&#228;ck gestohlen, darunter auch die Papiere. Sie meldeten den Vorfall bei der Gendarmerie, f&#252;r die das zun&#228;chst nur ein nicht allzu seltener Routinevorgang war. Dann begab sich der Bundesb&#252;rger zu seinem Konsulat, um dort Papiere f&#252;r die Heim­reise zu bekommen; der DDR-B&#252;rger schlug sich selbst&#228;ndig nach Hause durch.</p>
<p>Anderthalb Jahre sp&#228;ter jedoch musste sich der Westdeutsche einer hochnotpeinlichen Befragung unterziehen, da nun aufgefal­len war, dass zwar zwei Personen den Diebstahl in Spanien gemeldet hatten, jedoch nur einer sich neue Papiere besorgte. Die Sache ging glimpflich aus, da der Befragte glaubw&#252;rdig versichern konnte, dass es sich bei seinem Mitreisenden um einen Anhalter gehandelt habe, der sich nach dem Vorfall von ihm trennte und zu dem er keine weiteren Angaben machen k&#246;nne. Auch in anderen F&#228;llen mag Gl&#252;ck Enttarnungen verhindert haben, aber das Mene­tekel stand an der Wand &#8230;</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil VI)</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Sep 2010 16:27:55 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Gegenw&#228;rtig hat die »Aufarbeitung« der DDR wieder einmal Hochkonjunktur, und wie stets steht dabei die D&#228;monisierung der Stasi im Vordergrund – ungeachtet der seit 20 Jahren zu h&#246;renden Forderung ernsthafter Beobachter, die realen Machtverh&#228;ltnisse in der DDR in den Blick zu nehmen<span id="more-1946"></span> – was einschlie&#223;t, das Ministerium f&#252;r Staatssicherheit als den verl&#228;ngerten Arm der SED zu betrachten. Das freilich ist vielen Politikern und Ideologen der heutigen Bundesrepublik zu riskant, unterhielt doch deren offizielle F&#252;hrung bis zuletzt beste Beziehungen zur DDR-Staatspartei; anderen ist es einfach zu m&#252;hsam, sich wirklich seri&#246;s mit dem DDR-System zu besch&#228;ftigen, sie sind auf <a href="http://www.tagesspiegel.de/medien/gesteuerte-wut/1946204.html" target="_blank"><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/bf0ecd7fc1d645f7885ceedd5960606b" alt="" width="1" height="1" />spektakul&#228;re Darstellungen </a>aus, die sich f&#252;r die Propaganda eignen. Propaganda ist es denn auch, was – &#228;hnlich wie bei vergleichbaren Jubil&#228;en in der DDR – die &#246;ffentliche Meinungsbildung pr&#228;gt.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/West-Spione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1949" title="West-Spione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/West-Spione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Um wie vieles komplizierter die inneren Verh&#228;ltnisse der DDR, einschlie&#223;lich der Rolle eines solchen Bestandteils der Staatssicherheit wie der Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung, im Beziehungsgeflecht von Staat und Partei tats&#228;chlich waren, ist bereits in einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress, nachzulesen. Die Online-Ver&#246;ffentlichung des im Handel nicht mehr erh&#228;ltlichen Buches »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report« wird hier mit dem sechsten Teil fortgesetzt.</p>
<h2>Die verbogene Realit&#228;t</h2>
<p>Eines Tages im Fr&#252;hsommer 1989 griff Generaloberst Gro&#223;mann zum Telefon, um dem Leiter seiner Auswertungsabteilung die Leviten zu lesen. Vor ihm lag ein Vermerk des damaligen Sekret&#228;rs f&#252;r Au&#223;enpolitik im SED-Zentralkomitee, Hermann Axen, in dem dieser in unfreundlichen Worten eine der letzten Geheiminformationen der HVA r&#252;gte. Sie hat sich mit den von Axen und dem SPD-Politiker Egon Bahr gef&#252;hrten Gespr&#228;chen &#252;ber einen atomwaffenfreien Korridor in Europa besch&#228;ftigt und interne Wertungen aus der SPD dazu wiedergegeben. Diese unterschieden sich nicht unwesentlich vom offiziellen Bericht, den Axen dem Politb&#252;ro vorgelegt hatte und der die Diskussionsrunde als gro&#223;en Erfolg der DDR-Au&#223;enpolitik und vor allem als Einlenken der Sozialdemokraten auf SED-Positionen feierte. Axen brachte in seiner Replik zum Ausdruck, dass er die geheimen Gedanken seiner Bonner Gespr&#228;chspartner weitaus besser kenne als irgendein »Kundschafter« und der abweichende Bericht der Spionageabteilung mithin falsch sei – oder vielleicht sogar eine Intrige gegen ihn und seine erfolgreiche Politik.</p>
<p>Gro&#223;mann wies seinen Abteilungsleiter an, k&#252;nftig ein besseres Gesp&#252;r f&#252;r die Sichtweise der Empf&#228;nger von HVA-Informationen zu entwickeln, und der gab die Anordnung an seine Auswerter weiter.</p>
<p>Unabh&#228;ngig davon, wer mit seiner Einsch&#228;tzung im konkreten Fall richtig lag, zeigt das Beispiel, wie die Informationen der HVA Ende der 80er Jahre immer mehr der Gedankenwelt der SED-Spitze widersprachen und diese damit veranlassten, ihre eigenen subjektiven Urteile auch hier zum Ma&#223; aller Dinge zu machen. Begonnen hatten die Bem&#252;hungen, aus den bis dahin noch ungeschminkten Geheimdienstberichten das Unerw&#252;nschte zu eliminieren, aber bereits viel fr&#252;her – etwa zu Beginn der 70er Jahre. Bis dahin hatte die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung etwas Exklusives gehabt. Sie war nahezu das einzige, auf jeden Fall aber das bedeutendste Organ, das etwas &#252;ber die Welt au&#223;erhalb der DDR vermittelte. Nur in den sozialistischen L&#228;ndern sowie einigen wenigen Hauptst&#228;dten der dritten Welt verf&#252;gt der &#246;stliche deutsche Staat &#252;ber Botschaften; ansonsten war ihm der Zugang zur internationalen B&#252;hne versperrt. In dieser Situation besa&#223; die HVA das Monopol auf Informationen aus dem Ausland, und die F&#252;hrung der DDR war auf den Wahrheitsgehalt, die Exaktheit ihrer Berichte angewiesen. Das wirkte sich positiv auf Qualit&#228;t und Seriosit&#228;t aus, zumal – wie schon dargestellt – das weitgehende Fehlen »legaler Residenturen« eine Konzentration auf die illegale Beschaffung erzwang.</p>
<p>Als sich in den 70er Jahren die Entspannungstendenzen international immer st&#228;rker durchsetzten, profitierte davon auch die DDR. Ihre weltweite Anerkennung fiel dem gerade an die Macht gekommenen Erich Honecker wie eine reife Frucht in den Scho&#223;. Die Bundesrepublik hatte in grundlegenden Vertr&#228;gen mit der UdSSR und Polen ihre Bereitschaft signalisiert, wesentliche Ergebnisse des zweiten Weltkrieges anzuerkennen. Selbst die komplizierte Westberlin-Frage wurde durch das Vierm&#228;chteabkommen vom 3. September 1971 entsch&#228;rft, und am 21. Dezember 1972 unterzeichneten die Regierungen der Bundesrepublik und der DDR den Grundlagenvertrag. Damit war f&#252;r den zweiten deutschen Staat der Weg in die internationale Arena frei. 1973 nahm die UNO-Vollversammlung die DDR als Mitglied auf, und am Ende jenen Jahres hatten 100 Staaten zu ihr diplomatische Beziehungen hergestellt.</p>
<p>Nun konnte die DDR &#252;berall in der Welt Botschaften einrichten – und mit ihnen – wie das fast alle Staaten tun – legale Residenturen des Geheimdienstes. Dabei handelt es sich um nachrichtendienstliche St&#252;tzpunkte in einer offiziellen Mission des Landes im Ausland. Besonders geeignet f&#252;r eine solche Abdeckung sind Botschaften, da deren Mitarbeiter diplomatischer Immunit&#228;t genie&#223;en und daher bei Enttarnung im Prinzip nicht belangt werden k&#246;nnen. Au&#223;erdem verf&#252;gen Botschaften &#252;ber weitgehende Arbeitsm&#246;glichkeiten im Gastland sowie ein eigenes Verbindungssystem in die Heimat, worauf sich die Residenten st&#252;tzen k&#246;nnen. Offiziell, das hei&#223;t gegen&#252;ber sowohl den anderen Botschaftsangeh&#246;rigen als auch den Partnern im Gastland, sind die Mitarbeiter einer Residentur Diplomaten und haben als solche ihre festgelegten Aufgaben, zum Beispiel als Sekret&#228;r der Botschaft, Presse- oder Kulturattaché, zu erf&#252;llen. Die T&#228;tigkeit f&#252;r die Residentur kommt in der Regel noch hinzu.</p>
<p>Die HVA konnte nun zwar auf diese neuen operativen M&#246;g­lichkeiten zur&#252;ckgreifen; zugleich verlor sie aber ihren Allein­vertretungsanspruch f&#252;r die Informationsbeschaffung. Mit den Diplomaten, die offiziell aus dem Gastland berichteten, erhielt sie Konkurrenten, die diese Chance entschlossen wahrnahmen und die durch langj&#228;hrige Erziehung im heimischen Apparat sehr genau wussten, worauf es ankam.</p>
<p>Nachdem der lange angestrebte diplomatische Durchbruch geschafft war, wollten SED und DDR-Regierung nun auch nachweisen, welch konstruktive und bedeutsame Rolle sie in den Weltangelegenheiten spielten. Dies aber kollidierte vom ersten Tage an nicht nur mit der tats&#228;chlich begrenzten Rolle des 17-Millionen-Staates, sondern auch mit der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit seiner Politik. Denn die DDR hatte zwar aus den objektiv wirkenden Entspannungstendenzen Gewinn gezogen, sie jedoch schon damals nicht wirklich begriffen. W&#228;hrend sie einer­seits mit unangemessenem Selbstlob die eigene Politik und allen­falls noch die der Sowjetunion pries und die Entwicklung einzig darauf zur&#252;ckf&#252;hren wollte, konnte sie andererseits nicht genug vor »mangelnder Wachsamkeit« und dem »unver&#228;ndert aggressi­ven Wesen des Imperialismus« warnen. Stets betonte sie Lenins These, dass die Politik der friedlichen Koexistenz Klassenkampf sei und sich mit dem Entspannungsprozess die »ideologische Auseinandersetzung versch&#228;rfe«. Vielf&#228;ltige Signale der Dialog­bereitschaft wurden schon damals ungen&#252;gend wahrgenommen und so realistische M&#246;glichkeiten verschenkt.</p>
<p>Die HVA berichtete &#252;ber diese Tendenzen und stellte die neuen Gegebenheiten deutlich heraus. Sie nutzte die Friedenssehnsucht vieler Menschen, bis hinein in politische Kreise, nat&#252;rlich auch f&#252;r ihre Werbet&#228;tigkeit und war dabei durchaus erfolgreich. Dennoch wurde immer mehr sp&#252;rbar, dass ihre Informationen nicht zu den m&#246;glichen Schlussfolgerungen f&#252;hrten, dass die politische F&#252;hrung in den alten Dogmen verharrte und ihnen defensiven Kurs fort­setzte.</p>
<p>Besonders deutlich zeigte sich dies im KSZE-Proze&#223;, der im Sommer 1975 mit der Schlussakte von Helsinki seinen H&#246;hepunkt erreichte. W&#228;hrend der sogenannte Korb I, der in zehn Punkten die Grundprinzipien der Staatenbeziehungen in Europa formulierte, und auch der zweite Komplex mit seinen Festlegungen zur wirt­schaftlichen Kooperation die weitgehende Zustimmung auch der sozialistischen Staaten fand, stie&#223; der Korb III &#252;ber die »Zusam­menarbeit in humanit&#228;ren und anderen Bereichen« auf unverhoh­lenes Misstrauen. Hier waren Erfordernisse der menschlichen Kontakte, der Information und des kulturellen Austauschs aufge­listet, die zwar wegen des Konsensprinzips nur das Minimum des Erreichbaren darstellten, dennoch aber die geschlossenen soziali­stischen Gesellschaften mit beinahe unl&#246;sbaren Probleme kon­frontierten. So nahm es nicht Wunder, dass gerade diese Bestim­mungen die Partei- und Staatsf&#252;hrung der DDR zu immer neuen Winkelz&#252;gen veranlasste, um sie unterlaufen zu k&#246;nnen. Gleiches galt f&#252;r die KSZE-Folgekonferenzen in Belgrad, Madrid und Wien, wo die DDR immer offensichtlicher zu den Bremsern geh&#246;rte – zuletzt, als sich die Perestroika in der UdSSR durchzu­setzen begann, nur noch mit Rum&#228;nien als Verb&#252;ndetem.</p>
<p>Da die DDR-F&#252;hrung nicht bereit war, etwas an den inneren Verh&#228;ltnissen zu &#228;ndern, geriet sie zwangsl&#228;ufig in Konflikt zu den internationalen Trends. Ihre Abgrenzungspolitik ab Mitte der 70er Jahre, verbunden mit Repressionsma&#223;nahmen gegen Anders­denkende, wie sie zum Beispiel in der Ausb&#252;rgerung Wolf Bier­manns und anderer K&#252;nstler zum Ausdruck kamen, passte einfach nicht mehr in die sich ver&#228;ndernde Landschaft. Die Berichte der HVA brachten das schon damals zum Ausdruck, wenn auch nicht mit der gebotenen Deutlichkeit. Dennoch fand sich die SED-F&#252;hrung darin nicht best&#228;tigt, und sie bezog zu ihnen eine zuneh­mend kritische Position. Sie glaubte sich damit um so mehr im Recht, als auf der anderen Seite die Diplomaten fast nur Gutes &#252;ber das Ansehen der DDR in aller Welt berichteten. In den meisten Analysen der Botschaften wurde nachgewiesen, wie erfolgreich die DDR-Politik sei und wie sehr sie das Denken und Handeln der politischen Kreise im Gastland beeinflusse. Die n&#252;chterneren und oft entgegengesetzten Informationen der Auf­kl&#228;rung hingegen st&#246;rten das gesch&#246;nte Bild; das Ansehen der Auslandsspionage der DDR sank.</p>
<p>Ihre Antwort war typisch opportunistisch; auch sie bem&#252;hte sich nun zunehmend, den Erwartungen des Politb&#252;ros und der DDR-Regierung gerecht zu werden. Man muss gerechterweise einschr&#228;nken, dass Markus Wolf als damaliger Leiter der HVA versuchte, dieser Entwicklung entgegenzusteuern, nach wie vor auf hohe Qualit&#228;t und realistische Einsch&#228;tzungen Wert legte. Doch er konnte sich schon immer weniger durchsetzen, machte auch selbst Kompromisse und resignierte schlie&#223;lich so, dass er sich zur Aufgabe seines Amtes entschloss. Sein Nachfolger Werner Gro&#223;mann war nicht so eigenst&#228;ndig und vollzog schnell den &#220;bergang auf die gew&#252;nschte Linie.</p>
<p>Deutlicher Ausdruck dieser Anpassung waren die schon genannten j&#228;hrlichen Planorientierungen, deren einzige Funktion darin bestand, das gesamte ideologische Arsenal der SED auf die Aufkl&#228;rung zu &#252;bertragen. Unter dem Einfluss der starren Sicherheitsdoktrin und eines k&#252;nstlichen Feindbildes gingen jegliche Differenzierungen verloren, wurden mit immer den gleichen abgenutzten Worten l&#228;ngst &#252;berholte Thesen verk&#252;ndet. Stets war der USA-Imperialismus der Hauptfeind, dann folgte sogleich sein Juniorpartner BRD – weitgehend unabh&#228;ngig davon, welcher Pr&#228;sident, Kanzler oder welche Partei gerade die Regierungsgewalt aus&#252;bte. Alle Vorg&#228;nge und &#196;u&#223;erungen, die in dieses &#228;rmliche, eindimensionale Weltbild passten, wurden als Beleg herangezogen, w&#228;hrend neue Tendenzen und Nuancie­rungen kaum Erw&#228;gung fanden. Wenn auch in der konkreten operativen Arbeit – im Interesse des Erfolgs – oft nach anderen Pr&#228;missen vorgegangen wurde, so waren diese Planorientierungen f&#252;r viele doch mehr als nur ein Alibi. Mit immer neuen Verrenkun­gen und dem dazu erforderlichen Kraftaufwand wurde versucht, sowohl ihnen als auch den realen Erfordernissen Rechnung zu tragen.</p>
<p>Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass die westlichen Staaten nat&#252;rlich auch immer wieder Anlass zu Misstrauen boten und den W&#228;chtern der »ideologischen Reinheit« in den sozialisti­schen L&#228;ndern die Munition f&#252;r ihre Attacken auf alle Weiter­denkenden lieferten. Das politische Denken Ronald Reagans vor allem in seiner ersten Amtszeit, die damit verbundene Aufr&#252;­stungspolitik unter dem Vorwand der schon genannten Bedro­hungslegende und das Beharrungsverm&#246;gen auch der politischen Kreise des Westens auf alten Positionen, das sich besonders in der Hilflosigkeit gegen&#252;ber dem neuen Denken Gorbatschows offen­barte, charakterisierten die Widerspr&#252;chlichkeit einer Entwick­lung, die von den f&#252;hrenden Politikern der DDR stets r&#252;ckw&#228;rts­blickend beurteilt wurde. Sie sahen die Welt so, als habe sie sich seit 1918, 1933 oder 1948 nicht ver&#228;ndert. Sie hingen kritiklos und v&#246;llig undialektisch leninschen Lehren an, die unter ganz anderen Bedingungen und schon damals nicht als allgemeing&#252;lti­ge Wahrheiten formuliert worden waren. Die Linie der Sowjet­union, die ihre Kritik am Stalinismus schnell relativierte und jahrzehntelang in innen- wie weltpolitischer Stagnation verharrte, galt als Glaubensbekenntnis.</p>
<p>Kennzeichnend f&#252;r jene Jahre war das Ringen zwischen – zumeist in gr&#246;&#223;eren Zusammenh&#228;ngen denkenden – Politikern und den Milit&#228;rs mit ihrem oft engen Horizont. Der Kalte Krieg hatte letzteren ein ausgezeichnetes Wachstums-Biotop geboten; nun war die Welt voll von Panzern, Flugzeugen und Raketen mit der entsprechenden Munition, darunter immer verheerendere atomare Massenvernichtungswaffen. Dieses materielle Potential gebar zwangsl&#228;ufig die entsprechenden Kriegsplanungen mit ihren n&#252;chternen Gewinn-Verlust-Rechnungen, die &#252;berall – ob im Pentagon oder im Kreml, auf der Hardth&#246;he oder in Strausberg – durchgespielt wurden. In einem Konflikt, da waren sich alle Marsch&#228;lle und Gener&#228;le einig, hatte die Politik ins zweite Glied zu treten. Sie waren es auch, die angesichts der zunehmenden Entspannungstendenzen das Wort von den jederzeit m&#246;glichen »j&#228;hen Wendungen« in der Weltpolitik pr&#228;gten. Es diente dazu, das Misstrauen wachzuhalten und vor allem den Milit&#228;rs auch weiterhin das von ihnen Gew&#252;nschte an politischem Einfluss und materiellen Mitteln zu geben. K&#252;hnes Vorausschauen und Sensibi­lit&#228;t f&#252;r Perspektiven waren da nicht gefragt, und wo die HVA doch vorsichtige Ans&#228;tze in diese Richtung erkennen lie&#223;, wurde sie zur&#252;ckgepfiffen. Sie musste im Gegenteil ihren Beitrag auch zur Absicherung der &#252;berdimensionierten milit&#228;rischen St&#228;rke des Warschauer Paktes leisten. Diese Forderung stand stets an der Spitze aller Planorientierungen – noch vor dem Kampf gegen die »ideologische Diversion«. Vor allem dem SWT-Bereich war auf­getragen, stets Muster neuester Milit&#228;rtechnik zu beschaffen. Da geisterten sogar solch abenteuerliche Vorstellungen in den K&#246;pfen herum, dass ein Leopard-Panzer mit vollst&#228;ndiger Ausr&#252;stung &#252;ber die Grenze gefahren werden k&#246;nne oder eine »Phantom« auf einem DDR-Flugplatz landet. Der riesige Kraftaufwand bei der Beschaffung solcher Muster oder zumindest ihrer Bauunter­lagen erwies sich dann oft als vertan, weil die Erwartungen gr&#246;&#223;er gewesen waren als das Ergebnis; er f&#246;rderte nur den R&#252;stungs­wettlauf mit all seinen Gefahren. Die Informationen der HVA &#252;ber das milit&#228;rische Potential des Westens, das wahrlich gewaltig war und st&#228;ndig ausgebaut wurde, bewirkte immer neue Forderungen der St&#228;be in den Staaten des Warschauer Paktes, wobei diese zum einen die oft h&#246;here Qualit&#228;t der westlichen Waffen durch Quantit&#228;t wett­machen wollten und zum anderen generell von dem Prinzip ausgingen, dass Sicherheit eine Frage mehrfacher &#220;berlegenheit sei.</p>
<p>Als Konsequenz einer solchen Politik wurden die tats&#228;chlichen Bed&#252;rfnisse der Menschen str&#228;flich unterbewertet. Der Sektor Wissenschaft und Technik wusste zwar ganz genau, was an technischen Neuerungen, zum Beispiel im Konsumg&#252;terbereich, auf den Markt kam, und die Aufkl&#228;rer sahen zugleich, dass in der Bev&#246;lke­rung daf&#252;r Bedarf bestand (den sie &#252;brigens mit ihren M&#246;glichkei­ten f&#252;r sich selbst gern befriedigten!), aber sie hatten sich so in die offizielle Wirtschaftspolitik einbinden lassen, dass Beschaffungs­auftr&#228;ge in diese Richtung gar nicht erst ins Kalk&#252;l gezogen wurden.</p>
<p>F&#252;r den Staatssicherheitsminister und auch die F&#252;hrung der HVA hatten solche Aufgabenstellungen h&#246;chste Priorit&#228;t, die ihnen von oben vorgegeben wurden und denen sie keinerlei eigene &#220;berlegungen entgegensetzten. F&#252;r Mielke waren erst das Wort Ulbrichts, dann Honeckers sowie der sowjetischen F&#252;hrer von Stalin bis Tschernenko Gesetz. Nie wich er in der Grundeinsch&#228;t­zung davon ab, und das erwartete er auch von seinen Untergebe­nen, den ihm intellektuell weit &#252;berlegenen Markus Wolf einge­schlossen. Mielke hatte in seinen stundenlangen Reden auch stets konkrete Beispiele aus internen Informationen parat, mit denen er seine dogmatischen Urteile glaubte belegen zu k&#246;nnen. Dies waren dann die Weisheiten, die bei den zahllosen Auswertungen bis zum Erbrechen wiederholt wurden. Wie sehr sie von der Realit&#228;t abwichen, zeigte sich besonders bei der Behandlung solcher »Gro&#223;ereignisse« in der DDR wie von Parteitagen der SED. Zu ihrer Vorbereitung wurden Monate zuvor detaillierte Ma&#223;nahmepl&#228;ne erarbeitet, die f&#252;r die Aufkl&#228;rung oft den Auftrag erhielten, sowohl das internationale Echo akribisch festzuhalten als auch m&#246;gliche St&#246;rungen gegen das »heilige Konzil« – und das waren schon kritische Zeitungsartikel im Westen – nicht nur zu vermelden, sondern nach M&#246;glichkeit zu verhindern. Konnte die HVA damit nicht dienen, einfach deswegen, weil das ver­meintliche Gro&#223;ereignis im Gang der Weltgeschichte nur eine Fu&#223;note war, dann fand das wenig Glauben und machte die Aufkl&#228;rung verd&#228;chtig. Mielke scheute sich auch nicht, angebliche »ideologische Diversanten« in den eigenen Reihen &#246;ffentlich anzuklagen, sie vor einem vielhundertk&#246;pfigen Auditorium strammstehen zu lassen und zu »revolution&#228;rer Wachsamkeit« zu ermahnen. Dieses Regime aus Gehirnw&#228;sche und Einsch&#252;chterung trug nicht unwesentlich zur Unterwerfung der HVA unter die Schmalspurpolitik und die Sicherheitsdoktrin der SED bei.</p>
<p>Die weitgehende Wirkungslosigkeit der HVA, die jedoch auch anderen Geheimdiensten nicht fremd ist, wurde durch das immer widerstandslosere Anpassungsverhalten der 80er Jahre noch ver­st&#228;rkt. Es hatte zugleich deutliche Auswirkungen auf die methodi­sche Stringenz der nachrichtendienstlichen Arbeit. Stand bis dahin die illegale Informationsbeschaffung eindeutig im Vordergrund, so kam nun die legale Arbeit hinzu, die sich vor allem der Absch&#246;p­fung bediente. Darunter ist zu verstehen, dass in Gespr&#228;chen mit Politikern, Milit&#228;rs, Wirtschaftsleuten des Gastlandes Meinungen und Auffassungen erkundet und diese dann entweder unmittelbar oder zu Analysen verarbeitet der Zentrale &#252;bermittelt werden. Der Gespr&#228;chspartner wei&#223; in der Regel, dass er den offiziellen Vertre­ter eines anderen Landes vor sich hat und aufpassen muss, was er sagt, um nicht schutzw&#252;rdige Informationen abflie&#223;en zu lassen. Insofern unterscheidet sich diese Form der Informationsbeschaf­fung kaum von der eines tats&#228;chlichen Diplomaten oder auch eines Journalisten; die T&#228;uschung des Partners h&#228;lt sich in Grenzen, ebenso aber auch die Substanz der von ihm zu erlangenden Neuigkeiten. Oft sind sich die Angesprochenen &#252;ber den nachrichtendienstlichen Hintergrund des Gespr&#228;chs im klaren und daher doppelt wachsam; mitunter aber nutzten sie gerade ihn, um auf diese unkonventionelle Weise Botschaften loszuwerden, die sie ganz offiziell noch nicht formulieren wollen. Bei der DDR wie wohl auch den anderen sozialistischen L&#228;ndern kam noch hinzu, dass die Vertreter des Gastlandes glaubten, auf dem Weg &#252;ber den Nachrichtendienst bei den politischen F&#252;hrungen eher Geh&#246;r zu finden, als wenn sie sich der schwerf&#228;lligen diplomatischen Bahnen bedienten &#8211; was allerdings meist ein Trugschluss war.</p>
<p>Die HVA nutzte bald diese neue M&#246;glichkeit mit aller Extensi­t&#228;t &#8211; ungeachtet dessen, dass so beschaffte Informationen in der Regel nur &#252;ber einen begrenzten Neuigkeitswert verf&#252;gten. Sie baute die Abteilung III, die f&#252;r die Arbeit der legalen Residenturen zust&#228;ndig war, erheblich aus und strebte ein im Grunde weltweites Engagement an, das sich nicht an den wirtschaftlichen M&#246;glich­keiten und dem tats&#228;chlichen politischen Rang der DDR ma&#223;, sondern an subjektivistischen Vorstellungen &#252;ber den eigenen Einfluss auf die Weltpolitik. Zwar gab es in einigen L&#228;ndern durchaus potente Quellen, die aufschlussreiche Informationen lie­ferten, aber die &#220;berzahl des auf diesem Wege nicht selten in gro&#223;er Menge eingehenden Materials war von geringem Belang. Die Auswerter hatten oft den Eindruck, dass einige der Sendungen, vor allem aus entfernteren L&#228;ndern Asiens und S&#252;damerikas, nicht mehr enthielten als eine mehr oder weniger geschickte Zusam­menstellung von Pressemeldungen, was von Berlin aus kaum &#252;berpr&#252;fbar war. Entsprechend waren dann auch die Ausgangs­materialien; sie h&#228;tten von einem L&#228;nderexperten mit gutem Hintergrundwissen auch ohne geheimdienstliches Beiwerk erar­beitet werden k&#246;nnen.</p>
<p>Aber auch aus der Bundesrepublik kamen nun immer mehr solcher Informationen. Die Residentur in der Bonner St&#228;ndigen Vertretung der DDR machte die Absch&#246;pfarbeit zu einer ihrer Haupts&#228;ulen; sie wurde unterst&#252;tzt durch die Reisekader des Instituts f&#252;r Politik und Wirtschaft (IPW) in Berlin, das zwar dem ZK der SED und seinem au&#223;enpolitischen Sekret&#228;r Hermann Axen unterstand, zugleich aber eng mit der HVA kooperierte. In letzterer war extra die Abteilung XVI f&#252;r die Betreuung solcher offizi&#246;ser Kontakte von DDR-Institutionen geschaffen worden; das IPW nahm dabei den ersten Rang ein. Die so beschafften Informationen hatten jedoch mit wirklicher Spionage nur wenig zu tun. Sie &#228;hnelten eher den Recherchen eines Politikwissen­schaftlers oder Buchautors und enthielten kaum Geheimnisse — es sei denn solche, die die andere Seite ganz gezielt ohnehin publik machen wollte, ohne gleich eine Pressekonferenz abzuhalten. Die Wissenschaftler des IPW hatten ihre Gespr&#228;chspartner im Bonner Konrad-Adenauer-Haus wie in der »Baracke« der SPD. Sie spra­chen aber auch bei Kollegen jener Institute vor, die in der Bundesrepublik &#228;hnliche Aufgaben wie sie selbst wahrnahmen. Jeder Politologe zum Beispiel des Bundesinstituts f&#252;r internationale und ostwissenschaftliche Studien oder der Stiftung Ebenhausen, zweier f&#252;hrender Forschungseinrichtungen der Bundesrepublik, brachte und bringt von Reisen in L&#228;nder seines Forschungsinter­esses ganz &#228;hnliche Berichte mit und verarbeitet sie dann in seinen Expertisen. Durch die HVA wurden sie aber zu Spionagedossiers gemacht. Darunter litt zwangsl&#228;ufig der nachrichtendienstliche Charakter der HVA-Informationen; ihre Qualit&#228;t &#252;berstieg kaum die der Beitr&#228;ge einer gut redigierten politischen Wochen- und Monatsschrift.</p>
<p>Ganz &#228;hnliches ist f&#252;r die Absch&#246;pfung von Politikern durch Journalisten zu sagen. Der Ende 1991 bekanntgewordene Fall des SPD-Bundestagsabgeordneten Karsten Voigt, dessen Kontakte mit einer DDR-Journalistin unter den Augen der HVA abliefen, zeigte, wie wenig &#252;ber einen solchen Kanal tats&#228;chlich zu erfahren war. Zum einen hatte Voigt als Oppositionspolitiker ohnehin wenig Einblick in die nachrichtendienstlich interessanten Regierungsent­scheidungen. Zum anderen war er sich stets der Risiken einer solchen offenen Verbindung zur DDR bewusst. Er habe in seiner Position immer damit rechnen m&#252;ssen, dass versucht werde, »irgendwelche Informationen abzusch&#246;pfen« und sich daher stets so verhalten, dass »keine Informationen abflie&#223;en konnten«. Selbst &#8216;das Bundeskriminalamt habe ihm in dieser Sache v&#246;llig korrektes Verhalten bescheinigt.</p>
<p>Parallel zur weltweiten und immer mehr auf oberfl&#228;chliche Quantit&#228;t als tiefgehende Qualit&#228;t orientierenden Informations­beschaffung verst&#228;rkte die DDR auch ihre Einflussnahme auf ausgew&#228;hlte Staaten der dritten Welt durch den Aufbau nationaler Geheimdienste. Die HVA leistete dazu einen betr&#228;chtlichen Bei­trag. Bei der Auswahl der in Frage kommenden L&#228;nder setzten sich jedoch stets ideologische Erw&#228;gungen durch, das hei&#223;t, es handelte sich um Staaten mit sogenannter sozialistischer Orientie­rung, denen nun die Erfahrungen der Sowjetunion bzw. der kaum modifizierte Abklatsch der DDR aufgezwungen wurde. Aus heutiger Sicht ist offensichtlich, dass alle diese Bem&#252;hungen scheiterten, nicht zuletzt wegen des subjektivistischen Herangehens. Weder f&#252;r das Vorzugsland der 60er Jahre, &#196;gypten, noch f&#252;r die sp&#228;te­ren Favoriten Tansania mit Sansibar, Ghana, Sudan, S&#252;djemen, Angola und Mosambik taugten die aufgepfropften tschekisti-schen Strukturen, zumal beim konkreten Vorgehen nicht selten der Eindruck entstand, als w&#252;rde die ostafrikanische Metropole Daressalam mit dem s&#252;dth&#252;ringischen Kreisst&#228;dtchen Ilmenau gleich­gesetzt.</p>
<p>Die tats&#228;chlichen Kr&#228;ftekonstellationen in diesen L&#228;ndern wurden allzu oft untersch&#228;tzt, so 1966 in Ghana, als der HVA-Resident J&#252;rgen Rogalla, sp&#228;ter bis 1989 Leiter der Nordamerika bearbeitenden Abteilung XI, den Milit&#228;rputsch gegen Pr&#228;sident Nkrumah nicht voraussah und von den neuen Machthabern verhaftet wurde. Zwei Jahrzehnte sp&#228;ter erlebte die HVA in S&#252;djemen eine &#228;hnliche Schlappe. Dort schlachteten sich zwei rivalisierende F&#252;hrungsgruppen gegenseitig ab; eine von ihnen hatte sogar die &#214;ltanks sprengen lassen, so dass die Innenstadt von Aden dezime­terhoch mit Roh&#246;l &#252;berflutet wurde, in dem die Tausenden Leichen des Massakers lagen. Nichts davon hatte die Residentur der HVA vorausgesagt. Dies wiederholte sich bei den Stammes- und Ban­denk&#228;mpfen in Angola und Mosambik.</p>
<p>Die Aufkl&#228;rung der DDR, die vieles h&#228;tte besser wissen m&#252;ssen, beugte sich auch bei ihren Eins&#228;tzen in der dritten Welt den ideologischen Vorgaben. Sie tat bei Aktivit&#228;ten mit, die sich letztlich nicht nur als sinnlos erwiesen, sondern auch kein Ruh­mesblatt ihrer Geschichte waren. So muss sie sich heute bohrende Fragen nach manchem Engagement gefallen lassen, zum Beispiel hinsichtlich der PLO. Als gewisserma&#223;en staatlich anerkannte Befreiungsbewegung erhielt diese auch seitens des MfS alle Unterst&#252;tzung, einschlie&#223;lich eines milit&#228;rischen Trainings. »Wir haben einiges zu dieser Ausbildung beigesteuert«, best&#228;tigte Wolf, »aber zu keiner Zeit hat unsere Abteilung sich an Terroraktivit&#228;ten beteiligt.«</p>
<p>Die »Partei- und Staatsf&#252;hrung« der DDR verlangte stets ein Bild der Welt, das ihren Erwartungen entsprach – gleich, ob es sich bei den Entwerfern um Politiker, Journalisten, K&#252;nstler oder Spione handelte. Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung hat sich diesem Wunsch in vielen F&#228;llen unterworfen und mit gro&#223;em Aufwand Informationen produziert, die allzu oft eine verbogene Realit&#228;t darstellten.</p>
<p>Aber die Einbu&#223;en an methodischem Niveau beschr&#228;nkten sich nicht auf diese Seite der Aufkl&#228;rungsarbeit. Ganz generell nahm die Motivation zu immer h&#246;heren Leistungen ab, da viele Aufkl&#228;rer sahen, dass es auch mit weniger Aufwand und sogar Routine geht. Der hohe Rang, der Absch&#246;pfinformationen zugewiesen wurde, vor allem aber die st&#228;ndige Forderung nach quantitativem Zuwachs, ohne auf analogem Qualit&#228;tsgewinn zu bestehen, beg&#252;nstigten Mittelma&#223; und besch&#228;digten auf lange Sicht den einst guten Ruf der HVA.</p>
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		<title>B&#228;rbel Bohley: Ich setze darauf, dass die Menschen sich f&#252;r sich entscheiden lernen</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Sep 2010 16:18:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gestern fand in der Akademie der K&#252;nste in Berlin eine Gedenkveranstaltung f&#252;r die j&#252;ngst verstorbene B&#252;rgerrechtlerin B&#228;rbel Bohley statt. Heute treffen sich ihre Freunde in der Gethsemanekirche. Sie trauern um eine der wichtigsten Figuren der Wende in der DDR; schlie&#223;lich war sie es, die die bis dahin &#252;berwiegend im verborgenen agierenden Oppositionsgruppen zu einer Massenbewegung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gestern fand in der Akademie der K&#252;nste in Berlin eine Gedenkveranstaltung f&#252;r die j&#252;ngst verstorbene B&#252;rgerrechtlerin B&#228;rbel Bohley statt. Heute treffen sich ihre Freunde in der Gethsemanekirche. Sie trauern um eine der wichtigsten Figuren der Wende in der DDR; schlie&#223;lich war sie es, die die bis dahin &#252;berwiegend im verborgenen agierenden Oppositionsgruppen zu einer Massenbewegung machte, die die DDR untergehen lie&#223;. <span id="more-1930"></span>Zwar war sie nicht &#252;ber jede Entwicklung, die darauf folgte, froh, aber ihr <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/11/09/vor-20-jahren-buergerbewegung-scheitert-am-einheitsstreben/" target="_blank"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/f17e28896d8548158471345f692df397" alt="" width="1" height="1" />Respekt vor den Menschen</a>, deren Mutbeweisen wie Irrt&#252;mern, f&#252;hrte sie weder zu opportunistischer Anpassung noch zu Verbitterung, sondern gaben ihr immer wieder Hoffnung und Kraft, etwas f&#252;r sie zu tun.</p>
<p><a href="http://www.baerbelbohley.de/" target="_blank">Mit ihrer Meinung hielt sie bis zuletzt nicht hinter dem Berg</a>; unbequem war sie gegen&#252;ber Herrschenden, gleich welcher F&#228;rbung. Das kam auch in einem Gespr&#228;ch zum Ausdruck, das am 28. Juni 1990 in ihrer damaligen Berliner Wohnung in der Fehrbelliner Stra&#223;e stattfand und in dem Buch »Der Untergrund. Die Vorgeschichte der ostdeutschen Revolution« verarbeitet werden sollte. Leider ging das Projekt seinerzeit in den Wendewirren unter, wurde jedoch in gro&#223;en Teilen an dieser Stelle unter dem Rubrum »Vor 20 Jahren &#8230;« ver&#246;ffentlicht, auch jene Teile, die sich mit dem <a href="http://www.blogsgesang.de/2009/09/05/vor-20-jahren-der-kurze-sieg-der-opposition/" target="_blank">Wirken B&#228;rbel Bohleys </a>besch&#228;ftigen. Als Zeitdokument d&#252;rfte jedoch dar&#252;ber hinaus die vollst&#228;ndige Mitschrift des damaligen Gespr&#228;chs von Interesse sein, das unter ein Wort gestellt werden soll, das durchaus  als ihr Credo verstanden werden k&#246;nnte:</p>
<h2 style="text-align: center;">Ich setze darauf, dass die Menschen sich f&#252;r sich entscheiden lernen</h2>
<p style="text-align: center;"> </p>
<address>Wie und warum kamen sie in der DDR zur Opposition?</address>
<p>Meine Auseinandersetzung mit der Staatsmacht begann mit einer Eingabe gegen das neue Wehrdienstgesetz der DDR, die sich vor allem gegen die Einbeziehung von Frauen in die Vorbereitung der Mobilmachung richtete. Diese Eingabe haben 150 Frauen au&#223;erhalb der Kirche unterschrieben. Nat&#252;rlich kamen wir da in Ber&#252;hrung mit der Stasi, haben aber dennoch eine Gruppe »Frauen f&#252;r den Frieden« gegr&#252;ndet. Das war zun&#228;chst nur eine kleine, ghettoisierte Gruppe. Wie auch Ulrike Poppe kam ich dann ins Gef&#228;ngnis, f&#252;r sechs Wochen. Wir wollten etwas f&#252;r die Menschenrechte tun.</p>
<address>Sie haben trotz der Haft weitergemacht &#8230;</address>
<p>Ich bin dann mit anderen, die &#228;hnliche Erfahrungen gemacht hatten, zur »Initiative Frieden und Menschenrechte« (IFM) gekommen. Auch das war damals nur eine kleine, ghettoisierte Gruppe. Die meisten Menschen hatten noch nicht den Mut, ihre Meinung zu &#228;u&#223;ern und sich in solchen Gruppen zu engagieren.</p>
<address>Nach der <a href="http://www.blogsgesang.de/2008/01/17/vor-zwanzig-jahren-karl-und-rosa-zwischen-den-fronten/" target="_blank">Liebknecht/Luxemburg-Demonstration 1988 </a>wurden sie erneut verhaftet und sind dann aus der DDR ausgereist, was hier viele nicht verstanden.</address>
<p>Die unbequemsten Geister sollten doch raus. F&#252;r mich stand die Frage der Ausreise &#252;berhaupt nicht. Ich wollte eine klare Entscheidung des Staates: Entweder richtig und offen rausgeschmissen oder hierbleiben. Der Staat wollte aber Ruhe – und die Kirche letztlich auch. F&#252;r die zugesagte R&#252;ckkehr nach einem halben Jahr hatten wir nichts Schriftliches, keinerlei Rechtssicherheit.</p>
<address>Welche Rolle spielte die Kirche?</address>
<p>Auch die Kirche war da sehr indifferent. Sie versuchte, dem Staat aus der Klemme zu helfen. Wir sollten weg. Die Kirche und Rechtsanwalt Schnur verhandelten dar&#252;ber. Wir hatten dabei gar nichts zu sagen. Auch wenn die Kirche vielleicht f&#252;r uns das Beste wollte, letztlich hat sie uns entm&#252;ndigt.</p>
<address>Viele Oppositionelle suchten das Dach der Kirche. Vielleicht f&#252;rchtete sie um ihre Stellung in der DDR?</address>
<p>Auch das Argument, dass die Kirche an ihre eigenen Arbeitsm&#246;glichkeiten dachte, sticht nicht. Sie h&#228;tte sich aus der Sache leicht heraushalten k&#246;nnen. Die Demonstration war keine kirchliche Veranstaltung, wir haben auch Bischof Forck nicht einbezogen. Mit ihren Mahnwachen und Andachten hat die Kirche durchaus auch einen gewissen Druck gemacht, aber wenn der ihr zu gro&#223; wurde, hat sie gebremst. Und bei diesem Man&#246;ver bin ich irgendwo dazwischengeraten und dann rausgefallen.</p>
<address>Sie mussten ausreisen. Viele DDR-B&#252;rger wollten ausreisen, weshalb nicht wenige von ihnen den Kontakt zur B&#252;rgerbewegung suchten, ohne deren Intention, etwas in der DDR zu ver&#228;ndern, zu teilen.</address>
<p>Wenn ich f&#252;r das Recht eintrete, ist mir egal, was die Menschen damit anfangen wollen, ob sie ausreisen wollen oder hierbleiben, um die Gesellschaft zu ver&#228;ndern. Zu ihrem Recht muss man ihnen verhelfen, aber man darf sie nat&#252;rlich nicht benutzen, um eigene politische Ziele durchzusetzen. Das galt irgendwie auch f&#252;r die Ausreisewilligen. Wenn das ihr Ziel war, mussten sie es schon irgendwie selbst bewerkstelligen. Wir hatten genug andere wichtige, wohl auch wichtigere Dinge zu tun. Deshalb war ich dagegen, dass sie uns benutzten, um schneller raus zu kommen.</p>
<address>Zu diesen wichtigeren Dingen geh&#246;rte gewiss die Gr&#252;ndung der »Neuen Forum«. Wie kam es dazu?</address>
<p>Als wir nach einem halben Jahr in die DDR zur&#252;ckkehrten, war mir klar, dass man so wie bisher nicht weitermachen kann. Wir sp&#252;rten, dass wir uns f&#252;r einen viel gr&#246;&#223;eren Kreis &#246;ffnen und die zahlreichen einzelnen Gr&#252;ppchen zusammenf&#252;hren mussten. Das erreichten wir 1989 mit dem »Neuen Forum«, von dem am 10. September der erste Aufruf kam. Sp&#228;ter, als immer mehr mitmachten, setzte eine Differenzierung ein; das hing mit den unterschiedlichen Zielen der einzelnen Gruppen zusammen. So ist »Demokratie jetzt« keine B&#252;rgerbewegung, die »Initiative Frieden und Menschenrechte« besch&#228;ftigt sich mit einem ganz bestimmten Thema usw. Jeder hatte sein Thema. Das »Neue Forum« wollte die Diskussion in diesem Land. Es versuchte, das gesamte Spannungsfeld zu erfassen, ohne eine L&#246;sung vorzugeben. Wir waren in diesem Sinne eine Provokation und wollten so auch wirken.</p>
<address>Gab es Vorstellungen, wodurch der DDR-Sozialismus ersetzt werden k&#246;nnte?</address>
<p>In unserem Aufruf fehlt das Wort Sozialismus, aber nicht weil wir den Sozialismus nicht wollten, sondern weil wir erkannten, dass man mit diesem Wort keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken konnte. Wir wollten aber durchaus etwas erreichen, was unserer Vorstellung vom Sozialismus entsprach. Und auch viele andere wollten einen besseren Sozialismus, auch wenn sie das anders nannten. Alle sie wollten wir sammeln, DDR-weit, in allen Altersstufen.</p>
<address> Hat nicht gerade diese Breite der Bewegung die schnelle Differenzierung zur Folge gehabt, gewisserma&#223;en zwangsl&#228;ufig?</address>
<p>Die Differenzierung ergab sich vor allem daraus, dass anfangs, als das DDR-System noch bestand, eine Diskussion &#252;ber das Zusammengehen nicht m&#246;glich war. Das verhinderte der Stasi-Druck. Ich habe etwa 30 Leute angesprochen, von denen ich wusste, dass man mit ihnen etwas machen kann, das ganz legal sein sollte. Bei unseren vielen Diskussionen zuvor hatten wir die Erfahrung gemacht, dass oft ewig geredet, alles aufgebauscht wurde, sich einige wichtig machten und zum Schluss der Stasi alles bekannt war und sie es leicht verhindern konnte. Es ging aber nicht um lange Diskussionen, durch die wir der Stasi nur aufgefallen w&#228;ren, sondern um schnelles Handeln. Bei den 30, so denke ich, war keiner dabei, der so etwas mitmachte, und daher konnte das auch nicht zuvor abgeblockt werden. Genau darum ging es, dass etwas entsteht und nicht vorher abgeblockt wird. Man musste den Ring, den die Stasi um uns gelegt hatte, durchbrechen. Deshalb war es nicht m&#246;glich, alles bis ins Einzelne auszudiskutieren; man musste handeln. Daher haben wir unseren Aufruf schnell in die &#214;ffentlichkeit gebracht und uns selbst offiziell angemeldet. Ich wollte etwas machen, was ganz legal sein sollte. »Demokratie jetzt«, die IFM und die SDP haben das nicht gemacht. Nur wir haben uns angemeldet.</p>
<address>Aber auch jetzt, wo das Stasi-Druck weg ist, findet die B&#252;rgerbewegung nicht zusammen &#8230;</address>
<p>Es gibt auch jetzt keine Einheit, aber wir wollen ja auch keine Einheitspartei. Der Hauptgrund aber ist, dass Einhelligkeit bei uns eigentlich nur in der Frage bestand: Es muss jetzt hier anders werden. Nie haben wir uns dar&#252;ber verst&#228;ndigt, wie es werden muss. Das war ein Nachteil aller unserer Bewegungen in den letzten Jahren. Sie haben stets mehr eine Anti-Position entwickelt als eine Position f&#252;r etwas. Dar&#252;ber gab es viel zu wenig Auseinandersetzung, wegen des Drucks des Staates, sp&#228;ter auch der ungen&#252;genden Zeit. Das sehe ich als den gro&#223;en Knackpunkt an. Wir sahen die Zukunftsaufgaben nur allgemein in Reformen, mehr nicht. Wir strebten keine Differenzierung an, sondern verstanden uns als offen f&#252;r alle, f&#252;r SED-Mitglieder und f&#252;r Parteilose, f&#252;r jeden, der unseren Aufruf unterschreiben wollte. Deshalb haben wir auch der SED einen Brief geschrieben; wir wollten alle einbeziehen, keinen ausschlie&#223;en. Wir wollten auch den Staat nicht zu Fall bringen. Wir wollten ihn verbessern. Die Entwicklung, die das ausl&#246;ste, konnten wir nicht erwarten.</p>
<address>Dennoch werden jetzt auch vom »Neuen Forum« Konzepte f&#252;r die Zukunft erwartet. Hat es ein Programm f&#252;r die Umgestaltung der DDR. Setzt es der SED-Ideologie eine eigene entgegen?</address>
<p>Das Ziel unseres Wirkens ist der m&#252;ndige Mensch. Das schlie&#223;t in unserer gesamten politischen Arbeit ein, dass man die Meinung des anderen respektiert. Uns geht es darum, dass alle sich zu Rebellen entwickeln, nicht zu Revolution&#228;ren. Sich zu wehren ist f&#252;r mich das Gr&#246;&#223;te. Wenn die Menschen ermutigt werden, sich zu wehren, wenn sie es lernen, sich zu wehren.</p>
<p>Was bisher erreicht wurde, haben die B&#252;rgerbewegungen gemacht – und zwar ganz ohne Ideologie. Wozu sollten wir Ideologie in Zukunft brauchen? Wir haben praktische Arbeit gemacht, ohne Ideologie – na, und? Das »Neue Forum« hat keine Ideologie., sondern ist in seinen Meinungen so breit, dass sich einige auch &#252;ber die gegenw&#228;rtige Entwicklung freuen, ich allerdings nicht. Dass das »Neue Forum« keine Ideologie hat, ist seine St&#228;rke, aber auch seine Schw&#228;che.</p>
<address>Sie sind unzufrieden mit der gegenw&#228;rtigen Entwicklung?</address>
<p>Was wir jetzt haben, muss uns nicht deprimieren. So schwierig und f&#252;r manchen unbefriedigend das hier jetzt ist, so hat es doch auch eine gro&#223;e Chance in sich. Auch die alte Bundesrepublik wird sich ver&#228;ndern. Sie denkt vielleicht, sie k&#246;nnte einfach so expandieren, aber 16 Millionen DDR-B&#252;rger sind nicht so einfach zu vernaschen. Insofern ist dieser Aufbruch eben auch eine gro&#223;e Chance. Wenn man ehrlich ist und wirklich an den m&#252;ndigen Menschen glaubt, dann muss man ihn auch in den Augenblicken seiner Unm&#252;ndigkeit ernst nehmen, muss man auch akzeptieren, wenn er nicht so reagiert, wie man es vielleicht m&#246;chte, wenn er vielleicht nichts weiter als aus der Schei&#223;e raus will. Das bedeutet f&#252;r mich eigentlich nur, dass man sich jetzt in einen Lernprozess begibt, aus dem jeder garantiert anders rauskommt als er reingegangen ist. Ich setze darauf, dass die Menschen lernen, dass sie sich f&#252;r sich entscheiden lernen.</p>
<address>Daraus klingt Entt&#228;uschung. Sind Sie mit Ihren Zielen gescheitert?</address>
<p>Zu sagen, die Leute sind zu bl&#246;d, ist mir zu einfach. Vielleicht k&#246;nnte man uns sagen: Ihr wart zu bl&#246;d, die Leute zu lenken. Aber auch das w&#228;re zu einfach, weil wir das gar nicht wollten. Ich w&#252;rde nicht von Scheitern sprechen. Wir haben hier in der DDR die Chance gehabt, ein Experiment zu machen, aber ein selbstgewolltes und selbstbestimmtes Experiment, nicht eins, das das »Neue Forum« diktierte – oder die IFM oder die SDP, die PDS oder sonstwer. Ein Experiment zu machen: Wir wollen zusammen rauskriegen, was wir eigentlich wollen. Was wir jetzt erleben, ist die Demokratie der Mehrheit, die westliche Demokratie. Das ist f&#252;r mich keine Demokratie im eigentlichen Sinne. Mir geht es um Verantwortung – und die hat die Minderheit ebenso wie die Mehrheit, und deshalb w&#252;nschte ich mir, dass man der Minderheit die gleichen Chancen einr&#228;umt wie der Mehrheit.</p>
<address>Die aktuelle Entwicklung l&#228;uft jedoch in eine ganz andere Richtung &#8230;</address>
<p>Das was jetzt hier l&#228;uft, wird sich noch als Fehlinvestition erweisen. Das westliche Parteiensystem ist am Ende. Das sieht man an der gro&#223;en Parteienm&#252;digkeit in Westdeutschland; viele wollen dort von keiner Partei mehr etwas wissen. Die Parteien dort rei&#223;en kaum noch jemanden vom Hocker. Sie werden noch gew&#228;hlt, aber das Unbehagen ist gro&#223;. Warum also soll nicht das, was sich hier ereignete, auch in einem anderen System passieren? Es wird anders laufen, aber es ist schon so eine Tendenz &#8230; Letztlich wird es dem Kapitalismus so ergehen wie dem Sozialismus. Der Sozialismus hat sich selber aufgefressen, und auch der Kapitalismus wird sich selber fressen. Den Sozialismus haben die angeblichen Sozialisten auf dem Gewissen. Und auch im Kapitalismus k&#246;nnen Dinge geschehen, an die wir noch gar nicht denken, die wir in unsere &#220;berlegungen bisher gar nicht einbeziehen. Wer h&#228;tte denn gedacht, dass dieses ganze stalinistische System innerhalb von sechs Wochen kippt. Da kann es Sachen geben, mein Gott, das werden andere Sachen sein – ein Atomungl&#252;ck in Cattenom so wie in Tschernobyl; da w&#252;rde der Kriegszustand ausgerufen. Oder Entwicklungen in der Dritten Welt &#8230;</p>
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		<title>Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil V)</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Sep 2010 10:17:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>oberblogsaenger</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Dieser Tage werden Pl&#228;ne von Bundesinnenminister Thomas de Maizière bekannt, die Arbeit der bundesdeutschen Geheimdienste und der Polizei besser zu koordinieren. Beamte beider Institutionen sollen zeitweilig ausgetauscht werden<span id="more-1902"></span>, um &#8211; laut <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,715727,00.html" target="_blank">»Spiegel«</a><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/2d0e22e70e284e5d8c6b064fe09817e8" alt="" width="1" height="1" /> &#8211; die »fachliche Kompetenz des Personals« zu steigern und das f&#252;r eine »reibungslose Zusammenarbeit notwendige gegenseitige Verst&#228;ndnis« zu f&#246;rdern. Zwar geht er damit noch nicht so weit wie einst die DDR, die ihre Geheimdienste &#8211; f&#252;r In- wie Ausland &#8211; unter einem Dach, dem Ministerium f&#252;r Staatssicherheit, zusammenfasste und die Arbeit der Polizei diesem Organ zumindest teilweise unterordnete, doch die Tendenz zur Zentralisierung ist unverkennbar.</p>
<p><a href="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/Westspione.gif"><img class="alignright size-medium wp-image-1905" title="Westspione" src="http://www.blogsgesang.de/wp-content/uploads/2010/09/Westspione-199x300.gif" alt="" width="199" height="300" /></a>Die Erfahrungen des MfS mit solcher Zentralisierung waren allerdings ern&#252;chternd; vor allem die Hauptverwaltumng Aufkl&#228;rung, die sich gern als etwas Besseres als die innere Abwehr verstand, sah sich bald in der Lage eines verl&#228;ngerten Arms der Repression nach Innen, ohne sich freilich dagegen ernsthaft zu wehren. Sowohl die Parteir&#228;son als auch die Vorteile, die durchaus auch die HVA aus solch zentralisierter Geheimdienstarbeit ziehen konnte, beg&#252;nstigten ihre Unterordnung unter die paranoide Sicherheitsdoktrin der SED.</p>
<p>Im f&#252;nften Teil einer fr&#252;h erschienenen Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der HVA, die im Handel nicht mehr erh&#228;ltlich ist, im Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, ver&#246;ffentlicht 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress wird diese Problematik thematisiert.</p>
<h2>R&#252;ckzug in die Wagenburg</h2>
<p>Als am 17. Januar 1988 Tausende Berliner wie allj&#228;hrlich zu den in der Presse ver&#246;ffentlichten Stellpl&#228;tzen strebten, um nach immer gleichem Ritual an der »Kampfdemonstration zum Jahrestag der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs« teilzunehmen, ahnten die wenigsten, dass damit eine neue Stufe der seit Herbst 1987 versch&#228;rften Auseinandersetzung mit der sogenannten inneren Opposition der DDR begann. An diesem Tag wollten zur Ausreise entschlossene DDR-B&#252;rger mit eigenen Losungen aus den Werken Rosa Luxemburgs f&#252;r ihr Recht auf Freiz&#252;gigkeit demonstrieren. Die B&#252;rgerrechtler selbst waren gespalten hinsichtlich einer Teilnahme an dieser Aktion, wollten sie doch nicht f&#252;r eine Sache stehen, die ihr eigenes Anliegen gar nicht war. Sie hatten stets betont, dass sie in der DDR bleiben w&#252;rden, um von innen heraus f&#252;r eine Ver&#228;nderung der Verh&#228;ltnisse einzutreten. So waren unter den Festgenommenen nach den Protesten der Ausreise­willigen lediglich sechs B&#252;rgerrechtler, unter ihnen als bekannteste der Liedermacher Stephan Krawczyk und Vera Wollenberger.</p>
<p>Ungeachtet dessen begann in der Presse eine scharfe Kampagne gegen alle Oppositionellen, die jedoch von diesen mit einer bis dahin ungekannten Solidarit&#228;tsbewegung in den Kirchen beant­wortet wurde. Im MfS bereitete man sich inzwischen auf eine Art Entscheidungsschlag gegen die unbotm&#228;&#223;igen Staatsb&#252;rger vor. Eine juristische Bewertung der Schuldvorw&#252;rfe gegen Oppositio­nelle, die im Kollegium des MfS vorgetragen wurde, offenbarte zwar die sogar dort als &#228;u&#223;erst schwach eingesch&#228;tzte rechtliche Position der Staatssicherheit; dennoch entschied Mielke &#8211; offen­sichtlich mit Honecker und anderen f&#252;hrenden Politb&#252;ro-Mitglie­dern -, dass weitere Verhaftungen vorzunehmen seien. Am 25. Januar wurden mit Freya Klier, der Lebensgef&#228;hrtin Stephan Krawczyks, B&#228;rbel Bohley, Werner Fischer, Ralf Hirsch sowie Wolfgang und Regina Templin die bekanntesten B&#252;rgerrechtler unter dem »begr&#252;ndeten Verdacht auf landesverr&#228;terische Bezie­hungen« festgenommen. Die Beweise sollten unverz&#252;glich nach­gereicht werden; vor allem war die »geheimdienstliche Steuerung der feindlich-negativen Kr&#228;fte« aktenkundig zu machen. Mielke und sein Stellvertreter Mittig richteten an alle Diensteinheiten des MfS einen entsprechenden dringenden Auftrag. Der Leiter der mit der »Bek&#228;mpfung der Untergrundt&#228;tigkeit« beauftragten Haupt­abteilung XX, Generalmajor Kienberg, verlangte beispielsweise: »Ich brauche den Decknamen und die Vorgangs-Nummer der B&#228;rbel Bohley beim BND!«</p>
<p>Eine solche Forderung richtete sich vor allem auch an die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung. Sie hielt zwar das konkrete Vor­gehen gegen die kleine Gruppe der B&#252;rgerrechtler f&#252;r ziemlich &#252;bertrieben, hatte aber keinerlei grunds&#228;tzliche Zweifel an der Richtigkeit von Ma&#223;nahmen gegen sie. Vor allem sah die HVA keinen Grund, die Unterst&#252;tzung bei der Aufdeckung ihrer »Hinterm&#228;nner« zu versagen. Schon am 25. Januar, dem Tag der genannten Verhaftungen, &#252;bermittelte die Auswertungsabteilung der HVA allen anderen Diensteinheiten »Informationsschwerpunkte zur politisch-ideolo­gischen Diversion (PID) gegen die DDR und die anderen soziali­stischen Staaten«. In diesem mehrseitigen Papier wurden sowohl politische Aktivit&#228;ten seitens der BRD &#8211; von der Regierung &#252;ber die SPD und die Massenmedien bis hin zu wissenschaftlichen Instituten &#8211; als auch Unzufriedenheit in der DDR selbst dem Wirken »ideologischer Diversanten« zugerechnet. Es war somit ein typisches Dokument des v&#246;llig realit&#228;tsfremden Denkens im MfS, dem sich auch die HVA nicht entzog – hatte doch auch sie sich immer wieder theoretisch mit der Rolle der Ideologie im Klassen­kampf auseinanderzusetzen gehabt.</p>
<p>Die Ideologie spielte bei der Auseinandersetzung des Systems seit je eine hervorragende Rolle. Zum einen hatte bereits Lenin als eins der Postulate seiner Lehre die Unvers&#246;hnlichkeit des ideologi­schen Kampfes proklamiert: »&#8230; b&#252;rgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht&#8230; Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine St&#228;rkung der b&#252;rgerlichen Ideologie.« Und auf der anderen Seite t&#246;nte es in einem Heft der »Europ&#228;ischen Wehrkunde« von 1979: »Da infolge der selbstzerst&#246;rerischen Wirksamkeit jetziger Waffentechnik Macht- und Interessenwider­spr&#252;che speziell zwischen Gro&#223;machtstaaten nur im Extremfall mittels milit&#228;rischer Gewaltanwendung ausgefochten werden k&#246;n­nen, erwies sich die Forcierung propagandistischer Strategien gerade in der Rivalit&#228;t ideologisch gegens&#228;tzlicher Herrschaftsfor­men oder Sozialordnungen als unausweichliche Konsequenz &#8230; Psychologischer Krieg oder Propaganda kommt zu Diplomatie und milit&#228;rischer St&#228;rke als das dritte Instrument zur Durchsetzung au&#223;enpolitischer Ziele.«</p>
<p>Aus diesem objektiven Widerspruch machte der Marxismus-Leninismus ein Dogma, indem er diesen »psychologischen Krieg« als die letztlich entscheidende Ursache f&#252;r alle inneren Probleme des Sozialismus bezeichnete. Dies hatte schon Tradition in der Sowjetunion Lenins und Stalins; es fand seine augenscheinliche Best&#228;tigung im Kalten Krieg. Anfang der 50er Jahre benutzte Mielke erstmals den Begriff der »politisch-ideologischen Diversion« (PID); er wurde seitdem zu einem Schl&#252;sselwort f&#252;r das Selbst­verst&#228;ndnis des MfS. Die Bek&#228;mpfung der PID war von Anfang an eine Hauptaufgabe der Staatssicherheit, und je bedr&#228;ngender die Situation f&#252;r die SED-F&#252;hrung wurde, um so mehr feuerte Mielke seine Mitarbeiter an, den »ideologischen Diversanten« das Hand­werk zu legen.</p>
<p>Im Jahre 1988 erschien an der Juristischen Hochschule Potsdam-Eiche, der zentralen Ausbildungsst&#228;tte des MfS, ein Lehrbuch »Politisch-ideologische Diversion gegen die DDR«. In diesem Buch wurde der PID-Begriff definiert als »das subversive ideolo­gische Einwirken des Imperialismus auf das gesellschaftliche Bewusstsein in sozialistischen Staaten und das individuelle Bewusstsein ihrer B&#252;rger, insbesondere durch das planm&#228;&#223;ige und systematische Verbreiten von Konzeptionen, Anschauungen, Wer­tungen und Grunds&#228;tzen, deren Inhalt sowohl von militant-grob­schl&#228;chtigem als auch flexibel-verschleiertem Antikommunismus gepr&#228;gt ist &#8230; Mit ihr wird das subversive Ziel verfolgt, in den sozialistischen Staaten in einem langfristigen Prozess entscheiden­de ideologische Voraussetzungen f&#252;r konterrevolution&#228;re Ver&#228;nde­rungen zu schaffen. Diese Zielstellung schlie&#223;t ein, die sozialisti­sche Bewusstseinsentwicklung zu verhindern, sozialistisches Bewusstsein zu zersetzen, feindlich-negative Einstellungen zu erzeugen, deren Umschlagen in feindlich-negatives Handeln zu bewirken sowie feindlich-negatives Handeln zu aktivieren.«</p>
<p>Nicht das Sein bestimmte also das Bewusstsein &#8211; wie doch ein materialistisches Grundprinzip lautete -, sondern der Klassenfeind. Also entsprangen alle kritischen Positionen zum »realen Sozialis­mus« nicht M&#228;ngeln und Defiziten dieses Systems, sondern der »ideologischen Diversion«. Wer sie vertrat, besorgte das Gesch&#228;ft des Feindes und musste mithin wie ein solcher behandelt werden. Mit dem PID-Begriff war somit nicht nur eine Art S&#252;ndenbock f&#252;r jederlei abweichende Meinung gefunden, sondern zudem auch die Rechtfertigung f&#252;r drakonisches Vorgehen gegen ihre Tr&#228;ger.</p>
<p>Auch die Hauptverwaltung Aufkl&#228;rung konnte und wollte sich dieser prinzipiellen Vorgabe nicht entziehen. Ihr oblag es &#8211; wie allen anderen Diensteinheiten &#8211; den Kampf gegen die »ideologi­sche Diversion« zu f&#252;hren und dazu alle ihre Mittel und M&#246;glich­keiten einzusetzen. Allj&#228;hrlich war der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) ein Bericht zu &#252;bergeben, in dem sich alle Erkenntnisse der HVA auf dem Gebiet der PID widerzu­spiegeln hatten. Und au&#223;erdem bestand die Aufgabe, &#252;ber wichtige Vorkommnisse »ideologischer Diversion« die zust&#228;ndigen Abtei­lungen der Abwehr unmittelbar zu informieren.</p>
<p>Ab Mitte der 70er Jahre, nach der Konferenz &#252;ber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sowie den Folgekonferenzen der KSZE, verst&#228;rkt dann in den 80er Jahren gewann die gegen ideologische Einwirkung gerichtete Aufgabenstellung des MfS st&#228;ndig an Bedeutung. Die Zugest&#228;ndnisse, die die sozialistischen L&#228;nder im KSZE-Prozess machen mussten, der dadurch erweiterte Spielraum f&#252;r Oppositionelle, der sich verst&#228;rkende Austausch &#252;ber die Grenzen hinweg, die neuen technischen M&#246;glichkeiten bei der Verbreitung der Massenmedien &#8211; all das erh&#246;hte nat&#252;rlich den geistigen Einfluss des Westens und multiplizierte die Unzufrieden­heit, die sich in den osteurop&#228;ischen Staaten aufgrund der dort herrschenden Verh&#228;ltnisse angesammelt hatte. Aus der Sicht des MfS handelte es sich dabei jedoch nur um einen »Missbrauch des Entspannungsprozesses«. In den sogenannten Planorientierungen &#8211; vom Minister f&#252;r Staatssicherheit f&#252;r jeweils f&#252;nf Jahre herausge­geben, dazu j&#228;hrlich pr&#228;zisiert und von seinen Hauptabteilungslei­tern f&#252;r ihren jeweiligen Verantwortungsbereich noch einmal konkretisiert &#8211; stand die »politisch-ideologische Diversion« stets ganz oben an. Das letzte dieser f&#252;r f&#252;nf Jahre g&#252;ltigen »Dokumente« hatte Mielke 1986 als »Geheime Verschlusssache« verbreitet. Unter dem Punkt »1.4. Aufkl&#228;rung und Vereitelung der strategischen Pl&#228;ne des Imperialismus im Kampf gegen den Sozialismus« hie&#223; es da: »Besondere Bedeutung besitzt dabei die gr&#252;ndliche Aufkl&#228;rung und vorbeugende Verhinderung der gesamten subversiven T&#228;tig­keit, der konkreten Absichten und Aktivit&#228;ten f&#252;r das weitere Vorgehen gegen den Sozialismus, der dabei zum Einsatz gelangenden Mittel und Methoden sowie der damit beabsichtigten Wirkungen seitens des Imperialismus, besonders seiner Geheimdienste, der Zentren der politisch-ideologischen Diversion und weiterer feind­licher Stellen und Kr&#228;fte.« &#220;ber die zuletzt genannten Objekte existierte eine lange Liste, in der sich die Bundestagsparteien ebenso wiederfanden wie die Fernsehsender der Bundesrepublik, die von Organisationen der Friedensbewegung bis hin zu Menschenrechtsgruppen reichte. Die HVA wurde angewiesen: »Im Interesse der Erf&#252;llung der Gesamtaufgabenstellung des MfS zur Gew&#228;hrleistung der inneren Sicherheit der DDR und des MfS sind operativ bedeutsame Erkenntnisse der Aufkl&#228;rung zielgerichteter f&#252;r die Abwehrarbeit zu erschlie&#223;en. Noch umfassender haben die Diensteinheiten der Aufkl&#228;rung mit ihren spezifischen Mitteln und M&#246;glichkeiten dazu beizutragen, die von den feindlichen Zentren gegen die DDR gerichteten Pl&#228;ne und Aktivit&#228;ten aufzukl&#228;ren, feindliche Verbindungen und Kontakte in die DDR aufzusp&#252;ren und damit ihren Anteil an der Kl&#228;rung der Frage &gt;Wer ist wer?&lt; zu erh&#246;hen.«</p>
<p>Damit waren die seit Jahrzehnten bestehenden Forderungen an die HVA noch h&#246;hergeschraubt worden. Mit der Frage »Wer ist wer?« umschrieb Mielke schon seit langem die Aufgabenstellung der fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung. &#220;ber jeden musste volle Klarheit bestehen, keiner sollte f&#252;r das MfS ein unbeschriebenes Blatt sein. Die HVA &#8211; und auch das l&#228;sst sich aus Mielkes Weisung ablesen &#8211; hatte bisher zwar stets das ihre zur »inneren Sicherheit« getan, jedoch ihre ureigene Aufgabe immer vorangestellt. Das hatte zunehmend den Unwillen der Abwehr erregt. Nun wurde verlangt, dieses Verh&#228;ltnis &#8211; wenn schon nicht umzukehren, so doch anzu­n&#228;hern. Der Hinweis auf den Beitrag der HVA zur »Gesamtaufgabenstellung« des MfS hatte zur Folge, dass die Aufkl&#228;rung sich st&#228;rker bem&#252;hte, Quellen in den sogenannten PlD-Zentren anzuwerben und dass sie vor allem alle Informationen, die gewisserma­&#223;en nebenbei zur »ideologischen Diversion« abfielen, unverz&#252;g­lich an die Abwehrabteilungen weitergab. Mitunter wurde dabei im Vertrauen auf Mielkes PID-Phobie auch getrickst. Als zum Beispiel Ende 1987 der erste Entwurf des Haushalts f&#252;r das damalige Ministerium f&#252;r innerdeutsche Beziehungen beschafft werden konnte, gab ihn die HVA mit gro&#223;em Brimborium weiter. Einige Tage sp&#228;ter wurde er jedoch ganz offiziell den Journalisten vorgestellt.</p>
<p>Immer dringender verlangte die Leitung des MfS, dass der »strategische Plan« des Imperialismus, unter dem man sich offen­sichtlich ein fertig ausgearbeitetes Papier vorstellte, beschafft werde und dass es endlich gelinge, jene Agentur, die im Kampf gegen den Sozialismus die F&#228;den zieht, zu finden und zu zersetzen. Ganz konkret stand zum Beispiel jahrelang die Aufgabe, den Geheimdienst der NATO zu enttarnen, bis dann nachgewiesen werden konnte, dass ein solcher strukturm&#228;&#223;ig &#252;berhaupt nicht existiert. Die Drahtzieher f&#252;r das Ansteigen der Ausreiseantr&#228;ge sollten ebenfalls gefunden werden, um ihnen das Handwerk zu legen und damit &#8211; so die tats&#228;chlich vertretene einf&#228;ltige Position &#8211; das Problem aus der Welt zu schaffen. Und nat&#252;rlich waren jene Politiker der Bundesrepublik namhaft zu machen, die zum Beispiel die kritischen Positionen von Kirchenleuten inspirierten, Opposi­tionsgruppen in der DDR aufbauten und aufm&#252;pfigen Schriftstel­lern die Feder f&#252;hrten.</p>
<p>Vielen Aufkl&#228;rern waren solche Aufgabenstellungen l&#228;stig. Sie lenkten von den eigenen Schwerpunkten ab und versprachen zudem &#8211; wegen ihrer Lebensferne &#8211; wenig Erfolg. Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass die HVA das Informationsaufkommen zur PID allm&#228;hlich erh&#246;hte. Sie beschaffte Protokolle von Gespr&#228;chen, die Kirchenf&#252;hrer bei Reisen in die Bundesrepublik mit dortigen Politikern f&#252;hrten, sie legte Arbeits- und Strukturpl&#228;ne einiger der sogenannten PID-Objekte vor, und sie sch&#246;pfte Personen ab, die der PID-Szene zugerechnet wurden; allerdings erfuhr sie dabei nur wenig &#252;ber die angeblich »strategischen Pl&#228;ne« zur Unterminie­rung des Sozialismus von au&#223;en. Meist handelte es sich dabei um singul&#228;re Kontaktf&#228;lle, die jedoch f&#252;r die Abwehr auch von einigem Wert waren. Ganz normale Forschungsarbeit an Univer­sit&#228;ten oder Instituten wurde zu »geheimdienstlichen Aktivit&#228;ten« erkl&#228;rt, wobei nicht &#252;bersehen werden soll, dass nat&#252;rlich die westlichen Dienste an bestimmten Untersuchungen durchaus Interesse bekundeten. Die Reiseberichte des Direktors des Bundes­instituts f&#252;r internationale und ostwissenschaftliche Studien, Hein­rich Vogel, gingen der HVA zum Beispiel auf dem Umweg &#252;ber den Bundesnachrichtendienst zu.</p>
<p>Die Bunkermentalit&#228;t der DDR-F&#252;hrung zeigte sich auch in der gebetsm&#252;hlenartig wiederholten Aufgabenstellung, »jegliche vom Feind ausgehenden &#220;berraschungen auf allen Gebieten« zu verhin­dern. Diese Orientierung zielte urspr&#252;nglich auf das rechtzeitige Erkennen von Anzeichen f&#252;r einen Atomschlag &#8211; und mag derge­stalt noch Sinn gehabt haben. Sie ging zur&#252;ck auf den schon genannten Befehl 40/68 des Ministers f&#252;r Staatssicherheit und sah vor, Indikatoren zu entwickeln, aus denen der &#220;bergang in ein Kriegsregime fr&#252;hzeitig ablesbar war. Grotesk war jedoch, dass die konkrete Umsetzung dieses Befehls sich in dem Ma&#223;e intensivierte, wie auf internationaler Ebene der Entspannungsprozess vorankam. Parallel zu den Abr&#252;stungsverhandlungen Gorbatschows mit Reagan und sp&#228;ter Bush baute das MfS im Verein mit dem KGB dieses »Fr&#252;hwarnsystem« immer weiter aus. Allein f&#252;r die Feststellung und &#220;bermittlung der angenommenen Atomkriegs-Indikatoren wurde eine eigene Struktur geschaffen; f&#252;r einen denkbaren »Ernstfall« wurden Verbindungspl&#228;ne festgelegt, Notquartiere in der Bundesrepublik eingerichtet und j&#228;hrlich &#220;bungen veranstaltet. Die HVA steuerte ein Lagezentrum bei, das rund um die Uhr besetzt war und alle Kriegsanzeichen penibel zu registrieren hatte.</p>
<p>Der Begriff der »&#220;berraschung« wurde sp&#228;ter &#8211; &#252;ber die milit&#228;rische Ebene hinaus &#8211; auf alle Aktivit&#228;ten des anderen politischen Lagers angewandt. Ob neue wissenschaftliche Erkennt­nisse, ob unkonventionelle politische Angebote, ob aber auch die private Einreise eines SPD-Bundestagsabgeordneten in die DDR oder das Ankn&#252;pfen wei&#223;er B&#228;nder an die Auto-Antenne (ein Protestzeichen ausreisewilliger DDR-B&#252;rger) &#8211; all das firmierte als &#220;berraschung, die das MfS tunlichst rechtzeitig zu erkennen und »prophylaktisch« zu verhindern habe. Die HVA sollte dazu nicht nur ihre Positionen im Operationsgebiet nutzen, sondern &#252;ber ihre inoffiziellen Mitarbeiter auch aus der DDR berichten. Die &#220;ber­mittlung solcher Abwehrberichte wurde zu einer Schwerpunktauf­gabe erkl&#228;rt.</p>
<p>Mittlerweile war der Begriff der »politisch-ideologischen Diversion« durch den der »politischen Untergrundt&#228;tigkeit« (PUT) erg&#228;nzt worden. Darunter verstand Mielke das Umschlagen der PID in Aktivit&#228;ten, in Handlungen, in Aktionen. Faktisch wurden so alle nicht von Partei und Staat ausdr&#252;cklich angeordneten oder zumindest gef&#246;rderten Aktivit&#228;ten, von Veranstaltungen im Rahmen der Kirche &#8211; und seien es Rockkonzerte oder Kabarettauftritte &#8211; &#252;ber das B&#228;umepflanzen von Umweltgruppen bis hin zum Zeigen eigener Losungen bei offiziellen Kundgebun­gen, zu staatsfeindlichen Handlungen erkl&#228;rt. Sie waren in seinen Augen Straftaten, obgleich er feststellen musste, dass selbst das rigide DDR-Strafrecht nicht gen&#252;gend Bestimmungen enthielt, um die »Untergrundt&#228;ter« ins Gef&#228;ngnis zu bringen. Daher erwartete er &#8211; wie im Falle der Liebknecht/Luxemburg-Demonstration &#8211; gerade von der HVA Beweise, dass die innere Opposition der DDR vom Ausland gesteuert werde. In einer Rede vor den Leitern der MfS-Kreisdienststellen am 26. Oktober 1988 sagte er: »Noch wesentlich gr&#246;&#223;erer Anstrengungen bedarf es vor allem, um unanfechtbare, offiziell auswertbare Beweise zu Straftaten und anderen Rechtsver­letzungen dieser Kr&#228;fte und ihrer Hinterm&#228;nner zu erarbeiten. Das gilt in Bezug auf die Steuerung der feindlich-negativen Kr&#228;fte in der DDR durch BRD- oder andere westliche Geheimdienste und deren Agenturen, weitere feindliche Stellen und Kr&#228;fte sowie die Formen ihrer Zusammenarbeit.«</p>
<p>So bem&#252;hte sich auch die HVA verst&#228;rkt, vor allem in Forschungseinrichtungen, die sich mit deutschland- und ostpolitischen Fragen befassten, in sogenannte PID-Organisationen, zumeist Menschenrechtsgruppen, und in die Medien Aufkl&#228;rer einzuschleusen. Selbst der Berliner Privatsender 100,6 kam auf die Liste der Schwerpunktobjekte. Alle Informationen &#8211; selbst die banalsten &#8211; wurden als Abwehrberichte weitergeleitet; es erfolgte eine zahlen­m&#228;&#223;ige Erfassung, nach denen das Engagement der einzelnen HVA-Abteilungen bewertet wurde. Um eine bessere Koordination dieses Informationsflusses zu erreichen, schuf man eine »nicht­strukturelle Arbeitsgruppe«, in der die Abwehr-Diensteinheiten XX (Untergrundt&#228;tigkeit), II (Spionageabwehr) und III (Elektroni­sche Aufkl&#228;rung) zusammenarbeiteten und in die f&#252;r die HVA Vertreter aus dem Auswertungsbereich der Abteilung IX delegiert wurden. Deren Ziel bestand ausdr&#252;cklich darin, die Steuerung oppositioneller T&#228;tigkeit in der DDR von au&#223;en her, vor allem aber durch Geheimdienste, nachzuweisen.</p>
<p>Die Resultate aller dieser Bem&#252;hungen waren naturgem&#228;&#223; d&#252;rftig; dennoch wurden nat&#252;rlich Informationen beschafft, die den B&#252;rgerrechtlern der DDR Schaden zuf&#252;gen sollten. Eine konkrete Folge der als Weisung von General Gro&#223;mann unterzeichneten Informationsschwerpunkte war zum Beispiel, dass die im Januar 1988 festgenommenen B&#252;rgerrechtler nach ihrer Ausweisung aus der DDR Anfang Februar &#8211; die Aktion lief unter der Tarnbezeich­nung »St&#246;renfried/Falle« &#8211; im Ausland stets unter dem wachsamen Auge der DDR-Aufkl&#228;rer blieben. Das Ziel war dabei, in den Augen des MfS kompromittierendes Material zusammenzutragen, das es gerechtfertigt h&#228;tte, den B&#252;rgerrechtlern die Wiedereinreise zu verweigern. Das ist bekanntlich nicht gelungen, zum einen, weil das Verhalten der Betroffenen in der Bundesrepublik und West­europa nichts Strafbares enthielt, zum anderen, weil die Aufkl&#228;rer &#8211; entgegen den Intentionen ihrer Vorgesetzten &#8211; zumeist recht lustlos an diese Aufgabe herangingen. Die jahrelangen Orientierungen auf Schaffung operativer Positionen in einschl&#228;gigen Einrichtungen waren ohne gro&#223;es Echo geblieben; mitunter wurden auch eigene operative Zielstellungen &#8211; zum Beispiel die Suche nach f&#252;r eine Werbung geeigneten Personen &#8211; unter dem Vorwand der PID-Bearbeitung betrieben. Da die Tendenz bestand, ganz normale politische Vorg&#228;nge zu Aktivit&#228;ten der »politisch-ideologischen Diversion« zu erkl&#228;ren, war es mitunter leicht, das »Soll« bei der Aufkl&#228;rung solcher »Machenschaften« zu erf&#252;llen. Einige Aufkl&#228;­rer entwickelten im Laufe der Zeit eine gewisse Meisterschaft darin, unter dem Stichwort »PID« wesentliche Teile ihrer normalen Arbeit abzurechnen.</p>
<p>Grunds&#228;tzlich hielten die Aufkl&#228;rer zwar wenig von den ideo­logischen Verrenkungen der Abwehr, in der Praxis aber bedienten sie sich durchaus gro&#223;z&#252;gig, wenn sie die M&#246;glichkeit dazu hatten. Sie taten dies einmal, weil sie die »Gesamtaufgabenstel­lung« des MfS nat&#252;rlich mittrugen und deshalb nichts dabei fanden, sich an der fl&#228;chendeckenden &#220;berwachung des Volkes zu beteiligen, solange dadurch die eigenen Kreise nicht gest&#246;rt wurden. Zum anderen hatte mancher schon bald nach der Einglie­derung der HVA ins MfS erkannt, wie gut sich von den Abwehr­ma&#223;nahmen profitieren lie&#223;. Die HVA hatte nicht nur Zugriff zu Speichern der Abwehr; dar&#252;ber hinaus waren die f&#252;r die »innere Sicherheit« zust&#228;ndigen Abteilungen ausdr&#252;cklich verpflichtet, ihr Personendossiers zuzuarbeiten. Die von der Abteilung M in gro&#223;em Umfang betriebene Briefkontrolle erlaubte es, nahezu die gesamte Post in die und aus den sie interessierenden Ballungszen­tren zu kontrollieren. Das betraf insbesondere den Bereich K&#246;ln/ Bonn, bezog aber zum Beispiel auch Bad Neuenahr, Ottobrunn oder Bad Ems ein. Wenn es der HVA erforderlich schien, konnte sie eine Telefon&#252;berwachung durch die daf&#252;r zust&#228;ndige Abteilung 26 beantragen. Alle relevanten Informationen, die durch das funkelektronische Abh&#246;ren der Telefonverbindungen zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet beschafft wurden, landeten auf den Schreibtischen der HVA. Sie standen der Auswertung als Erg&#228;nzung, Pr&#228;zisierung oder auch eigenst&#228;ndige Meldung zur Verf&#252;gung. So war die HVA stets ganz aktuell &#252;ber Interna der Bundespolitik im Bilde, zum Beispiel das gl&#252;cklose Wirken des kurzzeitigen Verteidigungsministers Rupert Scholz, der am Telefon seinen Frust &#252;ber die ihm wenig gewogene Bundeswehr-Generalit&#228;t und den ihn st&#228;ndig ins Abseits stellenden Au&#223;enminister Genscher ablie&#223;. Schlie&#223;lich hatte die HVA auch einen guten Draht zur MfS-Abteilung VI mit ihren Grenz- und Passkontrollstellen; diese waren verpflichtet, Protokolle ihrer Kontrollgespr&#228;che zu &#252;ber­senden.</p>
<p>Als »Gegenleistung« gaben die Aufkl&#228;rer konkretisierende Aufgabenstel­lungen der Abwehr an ihr IM-Netz in der DDR weiter. Sie beruhigten sich dabei mit den durchaus vorliegenden Erkenntnissen &#252;ber die Kontakte westlicher Geheimdienste zu Emigrantenorgani­sationen oder zu solchen Rundfunksendern wie »Radio Free Europe«, auch wenn diese nat&#252;rlich nie die Ursache der um sich greifenden Unzufriedenheit in den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern waren. Sie wussten auch von den Informationsschwerpunkten der CIA oder des BND hinsichtlich der DDR und hatten Beweise f&#252;r ihre Anbahnungsversuche in bestimmten oppositionellen Kreisen. Dies lie&#223; sie manche Aufgabenstellung als sinnvoll erscheinen, zumal Zweifel an Befehlen und Weisungen der Vorgesetzten auch in der HVA nicht &#252;blich waren.</p>
<p>Hinzu kam, dass »Amtshilfe« zwischen Auslandsnachrichten­dienst und innerer Abwehr in ziemlich allen Staaten praktiziert wird. Zwar nicht in jedem Falle mit der im MfS betriebenen Intensit&#228;t, die sich daraus ergab, dass beide geheimdienstliche Bereiche unter einem Dach arbeiteten. In westlichen L&#228;ndern sind die einzelnen Dienste in der Regel selbst&#228;ndig, aber sie finden dennoch Gelegenheit, sich gegenseitig interessierende Informatio­nen zukommen zu lassen und dazu auch &#8211; entsprechende Enth&#252;l­lungen zeigen es immer wieder &#8211; die Gesetze sehr gro&#223;z&#252;gig zu handhaben.</p>
<p>Hinsichtlich des Verfassungsschutzes ist in einem Gesetz gere­gelt, dass »die Gerichte und Beh&#246;rden und das Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz gegenseitig Rechts- und Amtshilfe« leisten. F&#252;r den BND wie den MAD gibt es solche Festlegungen nicht, aber es hat sich eine ziemlich effektive Praxis herausgebildet. So ist der Bundesnachrichtendienst &#252;ber sein sogenanntes Grenzmeldenetz stets &#252;ber Vorkommnisse im Grenzgebiet, ein- und ausreisende Personen und die Ergebnisse von Befragungen informiert. Er unterh&#228;lt au&#223;erdem in allen Bundesl&#228;ndern »Hauptstellen f&#252;r spezielle Datenverarbeitung«, die sich der Post- und Fernmelde­kontrolle widmen. Ihre Ergebnisse werden unb&#252;rokratisch auch den anderen Diensten &#252;bergeben. Die &#220;berwachung ausl&#228;ndischer Botschaften erfolgt in enger Kooperation zwischen BND und Verfassungsschutz.</p>
<p>Die Resultate solcher Zusammenarbeit kommen nur selten ans Licht, wirbeln dann aber gew&#246;hnlich viel Staub auf. Zu Zeiten Gehlens war es fast noch normal, dass auch der BND Inlandsspionage betrieb; das ist heute durch Gesetze weitgehend unterbunden. Aber im Zusammenhang mit der Terroristenfahndung oder zum Zwecke der internationalen Unterst&#252;tzung zum Beispiel f&#252;r den israeli­schen Mossad oder den t&#252;rkischen Geheimdienst kommt es immer mal wieder auch zu BND-Operationen im Innern.</p>
<p>Bei all dem ist unbestritten, dass die Verquickung von Aufkl&#228;­rung und Abwehr in der DDR besonders eng war. Aus den gegebenen M&#246;glichkeiten versuchte die HVA das Beste f&#252;r sich zu machen. Das erforderte immer wieder Kompromisse, mitunter auch gegen die eigene Einsicht. Mit Kopfsch&#252;tteln und Achselzucken wurden die st&#228;ndig praktizierten Ungesetzlichkeiten abgetan. Auch die HVA hat sich freiwillig in die ideologische Wagenburg begeben, obwohl gerade sie &#8211; schon aus operativen Gr&#252;nden &#8211; jedes Interesse daran h&#228;tte haben m&#252;ssen, dass der Dialog auf internationaler Ebene wie im Inneren zum bestimmenden Element der Politik wird. Sie hat damit objektiv gegen ihre eigenen Interessen gearbeitet &#8211; von der moralischen Schuld ganz abgesehen. Mit dieser Anpassung verlor sie sukzessive an Ansehen selbst bei ihren inoffiziellen Mitarbei­tern. Und die Partei- und Staatsf&#252;hrung sah die Zeit f&#252;r gekommen, auch die HVA-Berichte zu Erfolgsbekundungen umzufunktionie­ren.</p>
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