Mutmacherinnen – 20 Berliner Frauen im Porträt

(rhe) Gästebücher sind Brennspiegel der Stimme des Volkes, Lob und Tadel haben dort gleichermaßen ihre Berechtigung. Die „Präsentation Berlin Stadt der Fraeuen – 20 Biografien erzählen Geschichte“, noch bis zum 28. August im Berliner Ephraim-Palais zu sehen, ist mit einem hohen, im doppelten Sinne historischen Anspruch versehen – der betrifft das Konzept, ebenso aber auch die ausgewählten Personen.

Was die Besucherinnen hier oft mit globalem Kommentar versehen: „Wunderbar“, „Ausgezeichnet…“, „Schönes Spiegelbild“. Wer nachgedacht hat schreibt: „dass es gut wäre, die zweimal 40 Jahre deutsche Gegenwartsgeschichte gebührend aufzunehmen.“ Und wer nicht vergessen hat, woher er kommt und dass es dort auch Frauen von Format gegeben hat, der moniert das Fehlen „wenigstens einer Frau aus dem Osten Berlins.“

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Das Rokoko-Gebäude unweit der Spree am Rande des Nikolai-Viertels, in dem gegenwärtig 20 historische Frauen der besonderen Art täglich vor allem von einer mehrfach größeren Anzahl von Frauen der gegenwärtigen Art besichtigt werden wird als schönstes historisches Bürgerhaus von Berlin bezeichnet. Foto: Rudolf Hempel (JBHB)

Das Rokoko-Gebäude unweit der Spree am Rande des Nikolai-Viertels, in dem gegenwärtig 20 historische Frauen der besonderen Art täglich vor allem von einer mehrfach größeren Anzahl von Frauen der gegenwärtigen Art besichtigt werden wird als schönstes historisches Bürgerhaus von Berlin bezeichnet. Foto: Rudolf Hempel (JBHB)

 

Was wir in diesem hoch gelobten Bürgerhaus auf drei Etagen (700 qm) und in 14 Ausstellungsräu- men vorfinden, ist eine große Erzählung, die über 150 Jahre reicht. Es ist das Epos, dem Künstlerlinnen, Lehrerinnen, Wissenschaft- lerinnen, Politikerinnen und solche Frauen wie Elly Beininger, die als Fliegerin in keines dieser personellen Raster zu passen scheint, den Rahmen und die Tiefe verleihen.

Allen gemeinsam ist die Annäherung von Träumen und Wünschen, die Hoffnung sich selbst zu finden, indem sie von einer konservativen Gesellschaft soviel nehmen wie möglich, ohne Rücksicht auf Gesetz und Verordnung. Und so mit dazu beitragen, dass genau diese vorgegebene Einschränkung aufgehoben und damit einer zunehmend größeren Zahl von „Leidensgenossinnen“ der Weg ins Freie gebahnt wird. Sie geben der Gesellschaft zurück, was sie selbst verdienen – ein Kreislauf der Emanzipation.

Hana Schoenrock vom Senioren-Domizil am Alexanderplatz beeindrucken die Frauen, die an sich glauben und „ihre Kräfte auf das Unmögliche richten, um das Mögliche zu erreichen.“ Es sei diese Kombination von Spaß und Freude, die in ihrem Gedächtnis bleibt. Auf andere Weise, aber immerhin „außerordentlich“, war Ilka Lenz von der holden Weiblichkeit angetan. Und – sie hätte nichts dagegen und fände es darüber hinaus auch spannend, „wenn sich jemand die Mühe machen würde, vergessene Frauen zu beschreiben“.

Selbstbildnis von Charlotte Berend Corinth, der Frau des Malers Lovis Corinth, angefertigt 1921, obwohl der Mann das nicht wollte. Ihr Leben ist ein Beispiel für Selbstbehauptung in schwerer Zeit und künstlerischer Emanzipation, auch außerhalb ihres Heimatlandes. Nach dem Tode ihres Mannes 1925 betreute sie dessen Nachlass, malte, zeichnete und gründete eine Malschule, um Gleichgesinnten mitzuteilen, was in ihnen steckt an Talent und Vermögen.

Selbstbildnis von Charlotte Berend Corinth, der Frau des Malers Lovis Corinth, angefertigt 1921, obwohl der Mann das nicht wollte. Ihr Leben ist ein Beispiel für Selbstbehauptung in schwerer Zeit und künstlerischer Emanzipation, auch außerhalb ihres Heimatlandes. Nach dem Tode ihres Mannes 1925 betreute sie dessen Nachlass, malte, zeichnete und gründete eine Malschule, um Gleichgesinnten mitzuteilen, was in ihnen steckt an Talent und Vermögen.

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Im Mittelpunkt des Angebots steht der Lette-Verein, der, 1866 in Berlin gegründet, sein 150jähriges Jubiläum begeht und folgerichtig Kooperationspartner der Ausstellung ist. Nicht nur Anne Schepeler-Lette, die erste Leiterin, wird vorgestellt. Der Besucher erfährt auch manches aufschlussreiche Detail über die „Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts“, die sich der Verein auf seine emanzipatorische Fahne geschrieben hat. Kulturgeschichte lässt grüßen. Selbst wenn oder gerade weil man die 20 Ephraim-Frauen ins Verhältnis setzen muss zu den 1,5 Millionen Frauen, die Berlin in seinen Grenzen beherbergt.

Es ist eine hochkomplexe Kombination von Kultur, Alltagsleben, Niedergang und Auferstehung, Korsett und Krise, Charakter und Befreiung – mit all dem wird sichtbar gemacht, was und warum der Betrachter die Denkaufforderung der modernen Frau betrachten soll.

Wir erfahren aber auch, dass man Frauen erst 1908 zum Universitätsstudium zuließ, das Wahlrecht wurde ihnen 1918 zugestanden und die Restriktionen setzen sich bis in die Neuzeit fort: Bis 1958 hatte der Ehemann das Recht den Arbeitsvertrag seiner Frau zu kündigen, die im Übrigen bis 1962 kein eigenes Bankkonto eröffnen konnten. Noch bis 1977 war gesetzlich festgelegt, welchen Pflichten die Frau als Ehefrau nachzukommen hatte, wozu auch der eheliche Geschlechtsverkehr gehörte.

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Mit der verdienstvollen Rückerinnerung an diese Art von sozialökonomischer und individueller Einschränkung in der frauenfeindlichen BRD ist zugleich ein gravierendes politisches Dilemma dieser Veranstaltung verbunden. Im Osten Berlins, seit 1949 auch als Hauptstadt der DDR firmiert, wäre diese Art von Einschränkung undenkbar gewesen. Die Gesetzgebung war diesbezüglich anders, progressiver gestrickt. Einen Hinweis auf dieses Faktum sucht man hier – selbst mit einer frauenfreundlichen Lupe – vergeblich. Wie überhaupt es nicht ein einziges weibliches Wesen aus dem Osten Berlins gibt, das Eingang in den mehr oder weniger illustren Kreis der Aus- und vorgestellten Vorzeigefrauen fand.

Anna Seghers

Anna Seghers

Ruth Werner

Ruth Werner

Helene Weigel Fotos: Gabriele Senft, Quelle: "Dialog. Schriftsteller der DDR - Fotografien von Gabriele Senft", Verlag Wiljo Heinen, Berlin und Böklund

Helene Weigel
Fotos: Gabriele Senft, Quelle: „Dialog. Schriftsteller der DDR – Fotografien von Gabriele Senft“, Verlag Wiljo Heinen, Berlin und Böklund

So als hätte es keine Anna Seghers, weltberühmte Autorin („Das siebte Kreuz“) und Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbandes gegeben, deren literarisches Vermächtnis in Berlin-Treptow besichtigt werden kann. Oder eine Ruth Werner, Tochter aus dem gutbürgerlichen Hause Kuczynski, die auf andere Weise („Sonjas Rapport“) mit ihrer 20jährige Tätigkeit für den Russischen Militärischen Geheimdienst (GRU) in China, Polen, der Schweiz und in England einiges zur Erhaltung des Friedens in einer schwierigen Zeit beigetragen hat. Auch Helene Weigel zählt zu den Personen, die als überragende Schauspielerin, Frau von Bertolt Brecht und Intendantin des Berliner Ensembles dauerhafte Bedeutung weit über die Grenzen ihrer Stadt an der Spree erwarb.

Wie aus einem Interview mit Dr. Martina Weinland, Abteilungsdirektorin Sammlung des Stadtmuseums Berlin, zu erfahren ist, sei es den Veranstaltern nicht nur darum gegangen, Biografien und Pionierleistungen zu erzählen. „Wir haben versucht in der jeweiligen Biografie die Zäsur, die Krise aufzuspüren und auch darzustellen – also die Momente, in denen bei diesen Frauen der vorgezeichnete Lebensweg, ob durch politische Einflüsse von außen oder durch die persönlichen Lebensumstände, eine Wendung erfährt.“

Auf die hier genannten mehr oder weniger willkürlich ausgewählten drei „Ostfrauen“ ließe sich problemlos dieser Anspruch im vollen Wortlaut übernehmen.

Insofern bleibt in der 20-Frauen-Präsentation zumindest für den blogsgesang-Schreiber die Abwesenheit des „Ostens“ ein politisch gefärbtes Rätsel. Das aber so rätselhaft in der gesellschaftlichen Landschaft des wiedervereinigten Deutschland auch nicht ist.

Es gibt im Jahre 2018 ein Doppeljubiläum: das hundertjährige Wahlrecht für Frauen in Deutschland und vor 50 Jahren der Beginn der Nachkriegs-Frauenbewegung. Falls das Haus, exakter das Stadtmuseum Berlin, aus diesem Anlass eine weitere oder neue Frauenpräsentation anbieten will, könnte man ja das Prinzip einer paritätischen Geschichtsdarstellung noch einmal überdenken. Anlass dazu ist allemal und ausreichend gegeben.

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