Golf Plusquamperfekt


Besteigt man heute ein Auto, dann fühlt man sich schnell – passend zu Halloween – wie in einer Geisterbahn. Sofort blinken im Cockpit, wie die einstige Armaturentafel heute hochfliegend genannt wird, Dutzende Lichter auf, die dir anzeigen, was alles ausfallen kann, sobald du das Gefährt in Bewegung setzt. Aber sogleich wirst du beruhigt, wenn der Motor läuft, denn alle Lichter, die jetzt verlöschen, signalisieren: Diese Funktionen funktionieren.

Bleiben jene, die weiterglimmen; es sind immer noch genug – und zugleich die gespenstischsten. Denn sie erwecken den Eindruck, als säßest du nicht in einem Auto, sondern in einer rollenden Spionagestation. Da ist zum Beispiel ein kleiner roter PKW zu sehen, dessen Heckklappe weit aufsteht. Du hast die deine ordentlich verschlossen, sie ist auch eingerastet, aber ein Wollfaden hängt über die Bordwand nach draußen. Geisterhaft registriert ihn dein Fahrzeug und fordert gebieterisch: Heckklappe schließen! Gleiches kann dir bei den Vordertüren geschehen, wo der rote PKW – jetzt von oben gesehen – signalisiert, wenigstens zwei Türen stünden offen; dabei hat sich nur ein Zipfel deines Mantels verklemmt. Und wieder heißt es unmissverständlich: Türen schließen!

Noch schlimmer aber wird es, wenn du selbst im Display erscheinst, als etwas breit geratender Fahrzeuginsasse mit O-Beinen, den Sicherheitsgurt quer über den Körper. Doch das Bildnis täuscht, denn der Befehl heißt jetzt ganz im Gegenteil: Gurt anlegen! Eigentlich etwas uncool, denn dieser Text passt eher zum Armaturenbrett als zum Cockpit; da müsste es, wie jeder inzwischen weiß, heißen: Fasten seat belt!. Du tust es trotzdem, doch Piktogramm wie Befehl bleiben, denn deine Nachbarin hat den Gurt noch nicht einrasten lassen. Und hinten ist Tante Berta noch nicht so weit. Tatsächlich erkennt dein Auto nicht nur, welcher Sitzplatz gerade besetzt ist; es zeigt auch zuverlässig an, wo der Gurt noch nicht eingeschnappt ist.

Vollgepumpt mit sensibler Technik, entgeht deinem Auto nichts von dem, was seine Insassen treiben. Doch ist das eigentlich effizient, wenn die Information nur dort verbleiben? Wäre es nicht ein großartiger Beitrag zum Terrorabwehrkampf, würden auch die dafür zuständigen Dienste all dieser Informationen teilhaftig? Wer sitzt im Fahrzeug an welchem Platz, wer hat schon ein wenig die Tür geöffnet und hängt nicht statt des Wollfadens vielleicht eine Zündschnur zum Kofferraum heraus? Es müsste doch eine Antenne einzubauen sein, die all das der nächsten Polizeistation meldet. Dann würde der Golf Plus zum Gold Plusquamperfekt, und wir alle könnten ruhiger schlafen …

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