Blinde Überwachungskameras finden nicht mal ein einziges Korn

Ausgerechnet in Großbritanniens, im fortgeschrittensten Orwell-Land mit seiner Hauptstadt London, die als jene mit den meisten Überwachungskameras in der Welt gilt, haben diese Kameras – wie schon vor knapp zwei Jahren, als Selbstmordattentäter bei einer Anschlagsserie auf U-Bahn und Busse 52 Menschen töteten und 732 verletzten – neue Anschläge nicht verhindern können. Es waren Zufälle, die die Polizei auf die Spur der Autobomben im Zentrum der britischen Hauptstadt kommen ließen, wo um den Piccadilly Circus und den Haymarket allein 160 »staatliche« Überwachungskameras installiert sind – neben zahlreichen privaten: Aus dem einen Wagen stieg Rauch auf, und der andere war falsch geparkt und roch auffällig nach Benzin. Wären die Attentäter nur ein wenig professioneller vorgegangen – es hätte eine Katastrophe gegeben, ungeachtet der flächendeckenden Kameraüberwachung.

Auch in Glasgow hatte die Polizei die Attentäter nur sehr vage im Visier. Immerhin waren sie mit ihrem Sprengstoffauto bis zum Terminal des Flughafens gelangt, und gewiss kann man im Nachhinein die Fahrtroute bis ins Detail nachvollziehen. Doch was nützt das noch nach einem Anschlag? Die Vorgänge in Großbritannien bestätigen einmal mehr, worauf Experten schon seit langem warnend hinweisen: Die von den Sicherheitsbehörden weltweit eingeleiteten Maßnahmen zur totalen Überwachung der Bürger sind weitgehend untauglich beim präventiven Kampf gegen den Terrorismus. Sie dienen allenfalls dazu, Taschendiebe oder Umweltsünder zu erkennen, vielleicht bei einer Schlägerei schneller vor Ort zu sein, aber Selbstmordattentäter können sie kaum stoppen; schließlich tragen diese ihre Absicht nicht auf der Stirn geschrieben. Die Identifizierung solcher möglichen Täter ist ein beinahe unlösbares Problem, wie sich gegenwärtig auch an der Fahndung der britischen Polizei zeigt – und das vor allem wegen des massenhaften Datenanfalls der Überwachung, der eine zuverlässige Auswertung weitgehend unmöglich macht. Schon die DDR-Staatssicherheit hatte diese Erfahrung mit ihrem weitaus geringen Informationsaufkommen gemacht, aber offensichtlich sind Sicherheitsleute wenig lernfähig – das jedoch im Zweifel zum Schaden der Bürger, die sie eigentlich schützen sollen.

Ein klassisches Beispiel für solche Ignoranz gab – keine Überraschung – unser Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Als erste Reaktion auf die vereitelten Anschläge in England forderte er – na was schon? Eine verstärkte Videoüberwachung zentraler Punkte in deutschen Großstädten, so wie es sie schon auf Veranlassung der Bundesbehörden auf Flughäfen und bei der Bahn gebe.

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