Hauptverwaltung Aufklärung der DDR – kurze Geschichte eines Spionagedienstes (Teil I)

Über Fußball-Weltmeisterschaft und Hitzewelle ist ein nicht ganz unwichtiges historisches Datum ziemlich in Vergessenheit geraten – die endgültige Auflösung der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) Ende Juni vor 20 Jahren. Vom 25. Juni 1990 datiert ein »Abschlussbericht über die Auflösung der ehemaligen HVA«; er beschreibt bürokratisch-geschäftsmäßig die Abwicklung eines Spionagedienstes, den seine Gegner einst zu einem der erfolgreichsten der Welt erklärten und um den sich bis heute ungezählte Legenden ranken. Dieser fast vergessene Jahrestag sollte Anlass sein, eine früh erschienene Darstellung der Geschichte und Arbeitsweise der Hauptverwaltung Aufklärung, die im Handel nicht mehr erhältlich ist, erneut verfügbar zu machen – das Buch »Wolfs West-Spione. Ein Insider-Report«, erschienen 1992 im Berliner Verlag ElefantenPress. Nach einer Art Prolog, der an dieser Stelle bereits publiziert wurde, ging der Blick zurück zu den Anfängen:

Geheimes in der Tschaikowskistraße

An einem Dezembertag des Jahres 1951 traf sich in Berlin eine kleine Gruppe vom Sekretariat des ZK der SED sorgfältig auserwählter Kommunisten, von denen die meisten über eine oftmals langjährige Erfahrung in der geheimen Arbeit für die Partei verfügten. Sie hatten die Aufgabe, einen neuen, streng konspirativ arbeitenden Informationsdienst zu schaffen, der den unverfäng­lichen Namen »Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung« (IWF) tragen sollte.

Stellt man diese Entscheidung in den politischen Kontext jener Zeit, so erkennt man unschwer, dass die Bildung dieses geheimen DDR-Nachrichtendienstes, also des Vorläufers der Hauptverwal­tung Aufklärung, ein typisches Produkt sowjetischer Machtpolitik war und voll in der Logik des immer heftiger werdenden Kalten Krieges lag. Sie stand am Ende einer Phase der deutschen Nach­kriegsgeschichte, in der es durchaus noch einmal eine Chance auf Vereinigung der gerade entstandenen deutschen Staaten gegeben hatte.

Es ist mittlerweile gesicherte Erkenntnis der Historiker, dass die westdeutsche Politik in der zweiten Hälfte der 40er Jahre mitnich­ten die Vereinigung Deutschlands im Auge hatte, sondern zunächst und vor allem die Integration der linkselbischen Besatzungszonen und der späteren Bundesrepublik Deutschland in das westliche System. Verbürgt ist Adenauers Ausspruch, er wolle lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb – was soviel hieß, dass er jeglichem Neutralitätsgedanken abhold war. Für ihn hatte eine »Politik der Stärke« Priorität, die dem von ihm erstrebten (Teil-)Deutschland politische Freiheit und wirtschaft­liche Prosperität geben sollte – und damit zugleich einen Sog schaffen, durch den der östliche Rest über kurz oder lang an Westdeutschland angeschlossen werden könne. Freiheit und Wirt­schaftswachstum aber waren nur im engen Verbund mit den westlichen Siegermächten zu erreichen; außerdem boten diese auch die militärische Sicherheit vor den stets ins Kalkül gezogenen Attacken der Stalinschen Sowjetunion.

Anders hingegen die DDR und die hinter ihr stehende Groß­macht. Beide konnten mit diesem Ergebnis des zweiten Weltkrieges nicht zufrieden sein. Der auf den kleineren Teil des früheren Kriegsgegners Deutschland begrenzte Einfluss und die schon nicht mehr nur latente Gefahr der Einbeziehung der drei westlichen Besatzungszonen des besiegten Staates in die neue Ost-West-Frontstellung verschlechterten die strategische Situation der UdSSR und waren somit Ausgangspunkt ihrer Versuche, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln eine solche Entwicklung zu verhindern. Das war nur »auf kaltem Wege« möglich; Diplomatie und Druck sollten die Instrumente sein.

Die DDR startete in diesem Sinne 1950 eine ganze Reihe von Initiativen, die von vielen ihrer einzelnen Träger subjektiv durch­aus ehrlich gemeint gewesen sein mögen, objektiv aber Bestandteil der auf die allmähliche Einbeziehung ganz Deutschlands in ihren Machtbereich abzielenden sowjetischen Politik waren. Erinnert sei an Wilhelm Piecks Erklärung vom 3. Januar 1950, einen Kongress der Nationalen Front in Westdeutschland einzuberufen, erinnert sei an das Deutschlandtreffen der Jugend zu Pfingsten in Berlin, erinnert sei auch an den Deutschen Nationalkongress, der im August des gleichen Jahres stattfand. In ihrer Agitation erhob die SED die Herstellung der Einheit Deutschlands zu einem »Beschluss«; all ihre Aktivitäten sollten Schritte zu dessen Umsetzung sein.

Die Bundesrepublik konnte derartigen Aktivitäten – aufgrund ihrer oben beschriebenen Grundhaltung – zunächst nur wenig entgegensetzen. Sie zog sich auf die vom amerikanischen Hohen Kommissar McCloy im Februar 1950 entwickelte Idee freier gesamtdeutscher Wahlen zurück und stellte sie den östlichen Vorschlägen immer wieder entgegen – wohl wissend, hiermit eine Achillesferse des stalinistischen Systems zu treffen. Lange igno­rierte die DDR im Verein mit der Sowjetunion diese Forderung; erst im November des gleichen Jahres formulierte Ministerpräsident Otto Grotewohl im Zusammenhang mit dem Vorschlag zur Bildung eines Gesamtdeutschen Konsultativen Rates vorsichtig auch »die Vorbereitung der Bedingungen zur Durchführung einer gesamt­deutschen Wahl für eine Nationalversammlung« als dessen Aufgabe.

Dass sich die DDR überhaupt so sehr auf die westdeutschen Vorstellungen einließ, ist wohl nur mit sowjetischem Druck zu erklären. Es gibt Spekulationen, dass Moskau möglicherweise schon damals und nicht erst mehr als ein Jahr später mit der berühmten Stalin-Note dem Gedanken etwas abgewinnen konnte, seine eigenen Machtpositionen in Ostdeutschland zugunsten eines Verzichts der Bundesrepublik auf absolute Westbindung zu beschränken. Den Kommunisten in der DDR konnte das kaum recht sein, und so dürften sie über die Ablehnung ihrer Vorschläge durch die Bundesrepublik im Januar 1951 nicht allzu viel Verbitte­rung empfunden haben. Sie beeilten sich denn auch, auf dem 6. Plenum des ZK der SED im Juni 1951 den wiedererstandenen deutschen Imperialismus zur »Hauptgefahr für den Frieden« zu erklären. Die DDR müsse allseitig gefestigt werden; der Kampf gegen den Imperialismus sei entschieden zu verstärken. Das verlange erhöhte Anstrengungen von allen Parteimitgliedern, um die Arbeiterklasse und alle Werktätigen zur Wachsamkeit zu erziehen, vor allem aber um alle Illusionen über die Entwicklung der BRD auszuräumen.

Auf politischer Ebene liefen dennoch die Bemühungen, die Bundesrepublik so weit wie möglich von der entstehenden westli­chen Allianz fernzuhalten, unvermindert weiter. Belege dafür waren offizielle Schreiben an den Deutschen Bundestag und den Bundespräsidenten mit entsprechenden Vorschlägen. Ungeachtet dessen wurden aber im Hintergrund die Sturmriemen für eine neue Runde im Kalten Krieg bereits festgezurrt. Die Zusammenkunft der eingangs genannten konspirativen Runde im Dezember 1951 bewies an einem relativ untergeordneten Beispiel, dass der DDR-Führung bei aller verbalen Unterstützung sowjetischer Wiedervereinigungsideen der Sinn eher nach Abgrenzung und damit dem eigenen Machterhalt stand.

Die Entwicklung der zwei Jahre nach Gründung des in der Sowjetischen Besatzungszone entstandenen deutschen Staates hatte ihrer Führung verdeutlicht, dass das Land ständig sehr unterschied­lichen politischen Einflüssen ausgesetzt war. Einerseits die Domi­nanz der Sowjetunion, der sie ihre Politik in allen Belangen

unterordnen musste. Andererseits aber der andere deutsche Staat, mit dem es nicht nur offene Grenzen, sondern auch auf vielen Ebenen – politischen wie privaten – noch intensive Kontakte gab. Der Informationsfluss allein durch die Kanäle der Partei war lückenhaft und unzuverlässig. Nicht selten erhielt die Führung falsche oder unzureichende Informationen; die Besatzungsmächte, aber auch die junge BRD nutzten diese Schwächen aus, um Meldungen zu lancieren, die politische Entscheidungen in gewünschte Richtungen präjudizieren konnten. Ganz besonders die Diskussionen um die Wiedervereinigung und später über den Generalvertrag der Bundesrepublik mit den Westmächten führten nicht selten zu Verunsicherung in der SED-Führungsriege, die vor allem auf mangelnde Information zurückzuführen war.

Nicht zuletzt deshalb entstand hier die Idee zur Schaffung eines neuen Apparates, der dieses Informationsdefizit beseitigen konnte. In der zweiten Jahreshälfte 1951 begann insgeheim die Rekrutie­rung geeigneter Mitarbeiter. Neben erfahrenen SED-Kadern, die später die Leitungsfunktionen übernehmen sollten, suchte man besonders junge Parteimitglieder, die bereits durch Engagement für die SED aufgefallen waren. Gleichzeitig wurden auch konzeptio­nelle Arbeiten geleistet, und Ende 1951 konnte auf der genannten Zusammenkunft eine erste Bilanz gezogen werden.

Dort saßen dann schon jene Männer beisammen, die jahrzehnte­lang die Geheimdienstarbeit der DDR im Ausland und insbesondere im »Hauptoperationsgebiet BRD« bestimmen sollten: Markus Wolf, Robert Korb, Gerhard Heidenreich, Richard Stahlmann, Willy Wohl, Herbert Hentschke, Peter Scheib. Leiter war Anton Ackermann, damals Staatssekretär im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten. Diese Zuordnung verwies darauf, dass der neue Nachrichtendienst zunächst als verborgenes Organ der Außenpoli­tik gedacht war und nach strengen Regeln der Konspiration aufgebaut werden sollte.

Die meisten der führenden Köpfe der gerade geborenen DDR-Aufklärung hatten ihre Erfahrungen entweder in der illegalen Arbeit der KPD oder im Exil in der Sowjetunion gesammelt; einige waren auch in die Umsetzung der Stalinschen Politik aktiv einbe­zogen gewesen. So arbeitete Korb einige Zeit als Sekretär der Komintern/Kominform in Moskau; er besaß exzellentes Fakten­wissen über die kommunistische Bewegung und außenpolitische Vorgänge der 20er und 30er Jahre. Stahlmann hatte in zahlreichen l .ändern illegal gearbeitet, unter anderem in China und in Nord­europa. Hentschke war während des zweiten Weltkrieges sowjeti­scher Partisan im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht. Scheib hatte im Thälmannschen Zentralkomitee als Parteiorganisator gewirkt. Zu diesen Kadern gehörte auch Heidenreich, einer der Mitbegründer der FDJ, der über ausgezeichnete Beziehungen zu Honecker und über diesen zu Ulbricht verfügte. Er war zusammen mit Wohl für die Rekrutierung der künftigen Geheimdienstler zuständig. Zu den jüngeren gehörten auch Werner Großmann, der es 1987 zum Nachfolger von Markus Wolf bringen sollte, und einige der späteren langjährigen Leiter wichtiger Bereiche der Hauptverwaltung Aufklärung.

Eine der ersten Maßnahmen, die diese Gruppe einleitete, war die Organisierung eines Lehrganges. In der Tschaikowskistraße im Berliner Bezirk Pankow versammelten sich im April 1952 etwa 30 auserwählte Parteimitglieder, um nach politischer Unterweisung das Einmaleins der Geheimdienstarbeit zu pauken. Dass es sich um eine solche handelte, war ihnen zwar definitiv nie gesagt worden; sie merkten es aber bald an den Umständen ihrer Schulung. Denn alle Eleven erhielten Decknamen. Sie blieben bis zum Ende des Lehrgangs im Dunkeln über die spätere Aufgabe. In Ansätzen fanden Sprachkurse statt, wurde etwas über politische und ökono­mische Geografie vermittelt, auch das Allgemeinwissen erweitert. Zum Ausbildungsprogramm gehörten sogar gutes Benehmen, Tischsitten und Umgangsformen, wie sie in der »bürgerlichen Gesellschaft« gepflegt wurden.

Die Hauptsache der Ausbildung betraf aber den Marxismus-Leninismus. Innerhalb eines halben Jahres wurden Philosophie, Geschichte der Arbeiterbewegung, kapitalistische und sozialisti­sche Ökonomie und die Lehre vom Aufbau des Sozialismus/ Kommunismus gebüffelt. Namhafte Lehrer kamen unter anderem aus der Parteispitze – wie Hermann Matern und der später in Ungnade gefallene Fred Oelßner. Auch die enge Nachbarschaft zum Amtssitz von Staatspräsident Wilhelm Pieck – er grenzte unmittel­bar an die beiden Villen, in denen sich Schulgebäude und Internat der Geheimdienstschule befanden – mochte den Lehrgangsteilnehmern etwas von der Bedeutsamkeit ihrer späteren Aufgabe signalisiert haben. Sie waren voller Stolz, einen solchen elitären Schulbetrieb zu erleben und fühlten sich durchdrungen von der Vorahnung, einmal an bedeutender Stelle im Kampf für den Sozialismus und gegen den Imperialismus eingesetzt zu werden. Wir Teilnehmer sogen alles begierig auf, was uns geboten wurde und hatten keinerlei Zweifel an der Richtigkeit unserer Sache. Hinzu kam die Erwartung, dass die uns zugedachte Aufgabe weitaus interessanter und lebendiger zu werden versprach als die bisher von den meisten verfolgten Funktionärskarrieren.

Als sich dann im Frühherbst 1952 der Kurs seinem Ende zuneigte, waren auch auf politischer Ebene die Entscheidungen gefallen, die der SED-Führung grünes Licht für den Beginn der konspirativen Arbeit nach außen ermöglichten. Am 10. März belebte die Stalin-Note noch einmal die Wiedervereinigungsdis­kussion. Denn der KPdSU-Generalsekretär hatte überraschend vorgeschlagen, Deutschland als einheitlichen Staat wiederherzu­stellen. Dazu sollten alle Besatzungsmächte innerhalb eines Jahres das Land verlassen, demokratische Rechte und Freiheiten gewähr­leistet werden und politische Parteien und Organisationen die Möglichkeit freier Betätigung erhalten. Die Sowjetunion gestand sogar eine deutsche Verteidigungsstreitmacht und eine Rüstungs­produktion zu, allerdings mit dem Vorbehalt: »Deutschland ver­pflichtet sich, keinerlei Koalitionen oder Militärbündnisse einzu­gehen, die sich gegen irgendeinen Staat richten, der mit seinen Streitkräften am Krieg gegen Deutschland teilgenommen hat.«

Zahlreiche Historiker sind sich einig, dass damals diese Chance zur deutschen Einheit hätte ausgelotet werden müssen. Doch im Westen waren die Weichen bereits in eine andere Richtung gestellt. Die vertragliche Einbindung der Bundesrepublik in das entstehende westliche System wurde vorbereitet. Ganz folgerichtig hat daher Adenauer die von der Sowjetunion verlangte Neutralisierung Deutschlands strikt abgelehnt. »In der Ablehnung einer deutschen Neutralisierung ist der Bundestag fest. Sie würde Deutschland nicht nur unfrei, sondern auch hilflos machen«, dozierte er damals. Bereits vorher hatten die drei Westmächte die sowjetischen Vor­schläge abgeschmettert, vor allem ihren Kernpunkt, den Verzicht Deutschlands auf eine Beteiligung an Bündnissen, die sich auch gegen die Sowjetunion richten könnten. Am 26. Mai 1952 wurde der »Vertrag über die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Drei Mächten«, der sogenannte Deutschland-Vertrag unterzeichnet. Damit war der Grundstein gelegt für den späteren NATO-Beitritt Deutschlands und seine Integration in die Europäische Gemeinschaft.

Natürlich hatte es Stalin den westlichen Alliierten und Adenauer leicht gemacht, sich mit dieser Position durchzusetzen. Sie, die in der Kernfrage einer Wiedervereinigung bei gleichzeitiger Neutrali­sierung Deutschlands wenig überzeugend argumentieren konnten, zogen sich daher schnell auf die Problematik freier Wahlen zurück, die zur Schaffung eines solchen Einheitsstaates notwendig gewe­sen wären. Dazu stellten sie entsprechende Vorbedingungen, die weder die Sowjetunion noch die SED zu erfüllen bereit waren. Dennoch hatte die UdSSR in einer zweiten Note im April Kompromissbereitschaft signalisiert. Aber die Westmächte legten daraufhin nur die Latte höher. »In den letzten Jahren hat sich der Ostteil Deutschlands in eine Richtung entwickelt, die immer mehr von dem Hauptweg des Fortschritts abweicht. Dies ist ein Hauptgrund dafür, warum eine unparteiische Untersuchung erforderlich ist, bevor Wahlen stattfinden können«, verlangten sie in ihrer Antwort.

Die DDR-Führung hatte zwar keine Alternative, als sich der sowjetischen Initiative anzuschließen, doch ihre propagandistische Begleitmusik – so in einer Erklärung des damaligen DDR-Mini­sterpräsidenten bereits am 24. März 1952 – bewies, dass sie eindeutig auf Konfrontation setzte: »Die verfassungsfeindlichen Handlungen des Bonner Kanzlers Adenauer, der hinter dem Rücken des deutschen Volkes mit den Oberkommissaren Verhandlungen über den Abschluss eines versklavenden und kriegerischen General­vertrages führt, die Verfolgung der Anhänger des Friedens und der Demokratie in Westdeutschland zeugen von der Entwicklung zu einer offenen Militärdiktatur.«

Mit der 2. Parteikonferenz vom 9. bis 12. Juli 1952 stellte die SED dann endgültig die Weichen für den Aufbau des Sozialismus. Darin eingebettet war die Schaffung eines Auslandsnachrichten­dienstes, die sich bereits in der ersten Jahreshälfte 1952 schrittweise vollzogen hatte und nun in die entscheidende Phase trat.

Das »Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung« (IWF) nahm jetzt in Berlin seine regelmäßige Arbeit auf. Es hatte seinen Sitz in einem Gebäude am Rolandufer der Spree, in der Nähe des Neuen Rathauses. Die Mitarbeiter dieser Tarninstitution waren Absolventen des genannten Pankower Lehrganges – junge Leute von Mitte 20 bis 30 Jahren mit ersten Meriten als Funktionäre der SED und der FDJ. Sie waren von den Erfahrungen des Weltkrieges geprägt und hatten zumeist in ihren Elternhäusern eine Erziehung genossen, die sie für die Propaganda der sowjetischen Besatzungs­macht und der SED aufgeschlossen hatte. Auf Zentralschulen für sowjetische Kriegsgefangene oder Kreis- und Landesparteischulen der SED war ihnen die neue, »einzige wissenschaftliche« Welt­anschauung vermittelt worden. Oft aus objektiven Gründen von geringer Allgemeinbildung, fanden sie im theoretischen Angebot des Marxismus-Leninismus einen geistigen Halt, an dem sich ihr festgefügtes, aber oft simplifizierendes Weltbild orientierte. Zwei­fel waren nicht erlaubt und kamen vor diesem Hintergrund auch kaum auf. Zudem bestätigte die Entwicklung im Westen Deutsch­lands viele der propagandistischen Aussagen – und was nicht ins gelernte Bild passte, wurde schon damals verdrängt. Männer solchen Geistes prägten im wesentlichen fast 40 Jahre lang die DDR-Spionage. Bis zuletzt fiel es vielen von ihnen schwer, neue Signale, die gerade sie intensiv erhielten, aufzunehmen und zu verarbeiten.

Zu diesen jungen Kadern stießen die bewährten antifaschisti­schen Kämpfer. Sie bildeten die Leitung des Instituts und profitier­ten dabei von ihren praktischen Erfahrungen im illegalen Kampf, mit denen sie zum einen Eindruck machten, andererseits aber auch eine oft praktizistische Enge erkennen ließen. So war der welt­erfahrene, intellektuell aber eher schlichte Richard Stahlmann dafür bekannt, dass er seine Zöglinge mit der Erkenntnis verblüffte: »Weißt du, wer unser größter Feind ist? – Das Telefon! Sage niemals am Telefon etwas Konkretes, weder Zeit noch Ort, noch Namen!« Sie vermittelten ohne Zweifel viele Erfahrungen, prägten aber den Aufklärungsapparat von Anfang an durch ihre »revolutio­näre Wachsamkeit«, d. h. ihr Misstrauen und ihre Scheu vor einem unkonventionellen, pragmatischen, von ideologischen Scheuklap­pen weitgehend freien Vorgehen. Was damals keine Folgen hatte, da die Spionage ganz unbefangen betrieben wurde und es den Widerspruch zur ideologischen Aufgabenstellung noch nicht gab, sollte sich später als schwere Hypothek für die Entwicklung des DDR-Auslandsnachrichtendienstes erweisen.

Die wichtigsten Arbeitsbereiche des IWF waren: Die politische Aufklärung in Bonn und West-Berlin; hierfür war mit Alfred Schönherr zum Beispiel ein Kommunist zuständig, der während der Nazizeit zwölf Jahre im Zuchthaus gesessen hatte. Die Wirt­schaftsaufklärung, geleitet von Gustav Szinda, der sich als Partisan der Roten Armee ausgezeichnet hatte. Die Spionageabwehr, die bereits Markus Wolf übernahm. Die Militärspionage und die Bearbeitung ausländischer Missionen, für die im wesentlichen Horst Jänicke, bis 1987 Stellvertreter Wolfs, verantwortlich zeich­nete. Sie alle leisteten mit ihrem Mitarbeiterstab, der bald auf 200 Personen anwuchs, die Anfänge der Nachrichtenbeschaffung. Diese begann – ganz unspektakulär – mit bürokratischer Kleinarbeit, wobei man sich auf die Erkenntnisse der zuvor schon ziemlich aktiven Parteiaufklärung stützen konnte. Zunächst wurden alle Bonner und Westberliner Politiker einschließlich ihrer Mitarbeiter und Assistenten sowie alles über sie erreichbare Wissen von Belang auf Karteikarten erfasst; ebenso die Beziehungen, die zwischen ihnen bestanden, die Informanten, die Kontakt zu ihnen hatten, und anderes mehr. Die Räumlichkeiten der Behörden in Bonn und West-Berlin, aber auch der westalliierten Besatzungsorgane wurden ausgekundschaftet. Und all das verband sich schon mit der Beschaffung erster Informationen, oft noch improvisiert und unprofessionell – aber der Weg zu einem effizienten Auslandsnach­richtendienst war damit beschriften.

So erwuchs den bereits seit längerem arbeitenden Geheimdien­sten der gerade entstandenen Bundesrepublik ein ernst zu nehmen­der Gegner, von dem diese aber zunächst überhaupt nichts merkten. Fast ein Jahr arbeitete das IWF, ehe der Bonner Verfassungsschutz Kenntnis von der östlichen Spionagebehörde erhielt. Und auch dazu bedurfte es noch eines Überläufers. Im April 1953 trat Johann Krauß, der im IWF in der Wirtschaftsaufklärung gearbeitet hatte, zu einem alliierten Dienst über und wurde dann auch dem Bundesamt für Verfassungsschutz zur Verfügung gestellt. Er berichtete seinen Vernehmern vom neugeborenen DDR-Geheimdienst und löste sogleich Hektik und nervöse Betriebsamkeit aus. Er hatte außer­dem 38 Karteikarten von Personen in der Bundesrepublik mitge­nommen; und sie alle wurden prompt verhaftet. Damit handelte der Verfassungsschutz außerordentlich unprofessionell. In Unkenntnis der Arbeitsweise des IWF beschuldigte er auf diese Weise auch solche, die zwar in der Kartei auftauchten, jedoch noch gar nicht wegen einer konspirativen Mitarbeit angesprochen worden waren.

Günther Nollau, späterer Chef des Bundesamtes für Verfassungs­schutz, der den Fall intensiv untersucht hatte, stellte ernüchtert fest: »Die bloße Aufnahme des Namens einer Person in diese Kartei war jedenfalls kein Beweis für eine Agententätigkeit.« Eine Erkenntnis übrigens, die heute, bei der Bewertung der Mf S-Datenträger, schon wieder auf taube Ohren stößt.

Nollau musste eingestehen, dass das Vorgehen seines Dienstes in der »Vulkan-Affäre«, wie sie im Verfassungsschutz genannt wurde, kein Ruhmesblatt war: »Was ein schöner >Erfolg< hätte sein können, die Kompromittierung eines östlichen Dienstes durch einen Überläufer, wurde nun durch die Fehler bei der Vernehmung des Überläufers und durch die vorschnelle Verwertung seiner subjektiv wahrheitsgemäßen Aussagen zu einer Blamage.«

Und die nächste folgte auf dem Fuße! Denn nach der Dekonspirierung ihres Dienstes leitete die DDR in einer blitzartigen Nacht­aktion die Dezentralisierung des IWF ein. Lastwagen fuhren am Rolandufer vor, alle Materialien wurden verladen, die Mitarbeiter mussten aufsitzen, und eine stundenlange Fahrt durch das nächtliche Berlin begann. Immer wieder schlugen die Fahrzeuge Haken, um mögliche Verfolger abzuschütteln. Schließlich fanden alle Abteilun­gen neue Unterkünfte, doch nicht mehr in einem Haus, sondern weit verbreitet im gesamten östlichen Stadtgebiet. Ein Teil der politischen Spionage kam zum Beispiel nur wenige hundert Meter vom alten Domizil unter – in der Klosterstraße. Die Militär- und Botschafts­aufklärung bezog in Schmöckwitz Quartier, Teile der Wirtschafts­aufklärung in Johannisthal usw. Diese Tatsache war dem Verfas­sungsschutz erneut entgangen. Er nahm lange an, mit dem Übertritt von Krauß sei die DDR-Spionage zerschlagen. Erst 1959 schreckte ihn wieder ein Überläufer auf. Hauptmann Max Heim berichtete, dass mittlerweile die »Hauptverwaltung Aufklärung« entstanden sei, mit einem schlagkräftigen Apparat und einem Informantennetz von – wie er sagte – 2.000 bis 3.000 Personen in der Bundesrepublik.

Auch wenn diese Zahl – offensichtlich aus den Registratur-Nummern abgeleitet – stark überhöht war, so ging doch die Dezentralisierung des jungen Geheimdienst-Apparates zugleich mit einer erheblichen Aufstockung einher. Er wurde zahlenmäßig vergrößert, seine Aufgabenstellungen erweitert.

Wesentlicher aber war, dass die bislang relativ selbständig arbeitende Behörde nun unter die Kontrolle verschiedener Seiten geriet. Zunächst nahm sich ihr der sowjetische Geheimdienst intensiv an. Die östliche Besatzungsmacht hatte auf ihrem Territo­rium von Anfang an starke konspirativ arbeitende Kräfte statio­niert. Zunächst vor allem mit Aufgaben der Entnazifizierung betraut, erhielten sie später mehr und mehr Funktionen zur Über­wachung der Entwicklungen sowohl in der sowjetischen Besat-/.ungszone als auch im Westen Deutschlands.

Mit dem Entstehen eigener Geheimdienste der DDR trat dann deren Ausbildung und Unterstützung hinzu – eine durchaus eigen­nützige Beschäftigung, konnte doch der KGB schon bald auch von den Ergebnissen der ostdeutschen Spionagetätigkeit profitieren. Die sowjetischen Verbindungsleute aus Karlshorst saßen von nun an dabei, wenn politische Orientierungen und konkrete Aufgaben­stellungen beraten und festgelegt wurden. Sie gewannen schnell eine dominierende Stellung – sowohl durch ihre langjährige geheimdienstliche Erfahrung als auch durch das nicht selten offen zur Schau getragene und in der Zusammenarbeit betonte Selbstbewusstsein, das sich aus dem gewonnenen Krieg herleitete. Wie stets im Leben gab es dabei diese und jene, das heißt, mit nicht wenigen konnte konstruktiv zusammengewirkt werden, mit anderen aber war kein Miteinander möglich, sondern nur die strenge Unterordnung unter ihre Weisungen. Alle aber hatten die Erziehung in Stalinschem Geist genossen und glaubten an die Prinzipien der »tschekistischen Arbeit«, die in ihren Grundzügen zwar vom Begründer des Sowjet-Geheimdienstes, der »Tscheka« (Abkürzung für »Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konter­revolution und Sabotage«), Feliks Edmundowitsch Dzierzynski, stammten, später aber durch Stalin und seine Adepten verschärft und ihrem Machtanspruch entsprechend maßgeschneidert wurden. Das nun übertrugen sie auf das neue Betätigungsfeld im Osten Deutschlands, und so erhielt die Geheimdienstarbeit fast von Anfang an eine Ausrichtung, die maßgeblich zu den späteren Irrwegen beitrug. Jede einzelne Abteilung des »Instituts für wirtschaftswissenschaftliche Forschung« bekam einen sowjetischen Verbindungsmann, der überwiegend mit dem jeweiligen Abtei­lungsleiter verkehrte. Dieser übergab dem KGB-Vertreter auch die Durchschriften aller vermeintlich wichtigen Informationen. Dabei interessierte weniger ihre Quelle als der Inhalt, und es war konspiratives Prinzip, auch bei dieser Zusammenarbeit die Kenntnis über die Herkunft des Materials eng begrenzt zu halten. Inwieweit dies eingehalten wurde, hing natürlich auch vom konkre­ten Umgang der »Genossen« von KGB und IWF ab. In der Regel wurden aber Klarnamen der Quellen und andere Hinweise, die auf ihre Spur führen könnten, dem KGB nicht schriftlich übergeben. Seine Offiziere erhielten auch nicht die operativen Vorlagen, die nun prinzipiell von allen Aktionen angefertigt und zur Bestätigung eingereicht werden mussten.

Neben dem sowjetischen Geheimdienst verstärkten in dieser Zeit auch die für die innere Abwehr geschaffenen Dienste in der DDR ihre Kontrolle über den Aufklärungsapparat. Bereits am 8. Februar 1950, vier Monate nach DDR-Gründung, hatte die Volkskammer den Beschluss gefasst, die bis dahin bestehende Hauptverwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft aus dem Innen­ministerium auszugliedern und zu einem selbständigen Ministeri­um für Staatssicherheit zu machen. Das IWF war ihm ausdrücklich nicht zugeordnet worden, sondern unterstand – wie dargestellt – dem Außenministerium. Die ersten Erfolge der neuen Behörde weckten jedoch schon bald Begehrlichkeiten im MfS. Immerhin konnten schon damals aussagekräftige Informationen über Denk-und Verhaltensweisen westdeutscher Politiker und von Spitzenver­tretern der Besatzungsmächte, Originale von Vorstandsbeschlüssen der Parteien der Bundesrepublik, Muster technischer Neuentwick­lungen und vieles andere mehr beschafft werden. Das Wissen über derartige Interna versprach Macht und Einfluss. Die Bemühungen um größeren Einfluss auf den Aufklärungsapparat nahmen zu, und der Fall des Überläufers Krauß war ein willkommener Anlass, diese weiter zu forcieren.

Mehr oder weniger versteckt wiesen sowohl der erste Staats­sicherheitsminister Zaisser als auch später sein§ Nachfolger Woll­weber und Mielke darauf hin, daß der Aufklärung Abwehrerfahrun­gen fehlten, daß ihre Mitarbeiter nicht wachsam genug seien, daß sie sich zu leicht vom Westen »aufweichen« ließen und man ihnen den Ernst des Klassenkampfes erst noch begreiflich machen müsse. So war es Aufklärern in vielen Fällen verboten, in Betriebe zu gehen, weil die Abwehr darin eine Störung ihrer Arbeit sah. Mancher Ingenieur oder Technologe war nämlich bereit, für die HVA in Westdeutschland oder dem Ausland zu arbeiten, nicht jedoch als Spitzel gegen seine eigenen Kollegen tätig zu werden. Die Differenzen zwischen Aufklärung und Abwehr gingen mitunter sogar so weit, dass Aufklärer festgesetzt wurden, wenn sie nach Meinung der Abwehr ihre Kompetenzen überschritten. So war es kein Einzelbeispiel, dass einmal ein hauptamtlicher Mitarbeiter der HVA bei Nachfragen in einem Neubrandenburger Betrieb zunächst eingesperrt wurde und dann – aber erst nach scharfem Protest – unverrichteter Dinge wieder in seine Dienststelle zurückkehren musste.

Die Spezifik ihrer Arbeit verschaffte den Aufklärern tatsächlich ein weiter gefächertes Weltbild, als es die Abwehrexperten besaßen. Die HVA-Mitarbeiter diskutierten auch schon mal außerhalb der ideologischen Grenzen, die ansonsten immer wieder gezogen wurden, glaubten nicht jede Schwarzweißmalerei über »Nissenhütten im Ruhrgebiet« und die »gewaltigen Streikbewegungen«, die zwar in der Sache stattfanden, aber ständig überbewertet wurden. Sie wollten sich im Gegenteil von den ideologischen Schranken befreien, sich selbst ein Bild von jenem »Operationsgebiet« machen, das Gegenstand ihrer täglichen Arbeit war. Ihr Wunsch jedoch, einmal selbst in den Westen zu reisen, sogenannte Regimestudien an Ort und Stelle zu betreiben, stieß auf wenig Gegenliebe und verstärkte nur das Misstrauen gegen die Aufklärer.

Der permanente Druck und der Verweis auf die sowjetische Praxis, wo die Aufklärung ebenfalls Bestandteil des KGB war, führten schließlich zum Erfolg. Ende 1955 wurde das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung dem MfS einverleibt. Markus Wolf, bereits 1953 zum Nachfolger Ackermanns als Leiter der Spionagebehörde avanciert, erhielt die Funktion eines stellver­tretenden Ministers für Staatssicherheit, was wie Machtzuwachs aussah, tatsächlich aber seine Selbständigkeit beschränkte. Er selbst mag das damals, jung und unerfahren wie er war, so nicht empfunden haben.

Die Konzeption, die das MfS hinsichtlich der Aufklärung verfolgte, lief nunmehr zu einem beträchtlichen Teil auf Unterstüt­zung der Parteipropaganda hinaus. Der Nachrichtendienst sollte vor allem Beweise dafür liefern, wie schlecht es den Menschen in der »bourgeoisen BRD« und den kapitalistischen Staaten Westeuropas gehe, wie sehr sie unterdrückt und ausgebeutet würden, wie ihre herrschenden Klassen zum Kriege rüsteten. Besonders der ZK-Sekretär der SED, Albert Norden, nutzte bei seinen Auftritten

Aufklärungsmaterial, mit dessen Hilfe er zwar tatsächlich manches ans Licht brachte, was im Westen gern verschwiegen worden wäre, das aber immer wieder dadurch entwertet wurde, dass es platten propagandistischen Zwecken diente. Es ist sicher dem Instinkt von Markus Wolf zu verdanken, dass er dieser Linie weitgehend widerstand und bemüht war, die eigentlichen Aufgaben eines Auslandsnachrichtendienstes vor die Schützenhilfe für die »Abtei­lung Gefechtslärm«, Ulbrichts Propagandaapparat, zu stellen.

Das wurde ihm nicht leicht gemacht, denn mit der Einordnung der Aufklärung in das MfS waren der damalige Minister Wollweber wie auch sein Stellvertreter Mielke, der das Amt 1957 ganz übernahm, sogleich bemüht, den Einfluss der Abwehr auf den Spionageapparat auszubauen. Führende Abwehrspezialisten rückten in Leitungsfunktionen der Aufklärung: Hans Fruck, bis dahin Leiter der Bezirksverwaltung Groß-Berlin des MfS, wurde Stell­vertreter Wolfs und blieb es bis zu seinem Ausscheiden aus Altersgründen. Alfred Scholz, Heinz Hoske und Otto Knye – allesamt bewährte Abwehrleute – erhielten wichtige Funktionen. Aus dem Parteiapparat des ZK der SED kam der Parteisekretär der nunmehrigen Hauptverwaltung Aufklärung. Sie alle sorgten für die straffe Eingliederung der Spionage in das Sicherheitssystem der jungen DDR. Von nun an war die Aufklärung Bestandteil des Sicherheitsapparates, der seine Hauptaufgabe in der Schaffung von Ruhe und Ordnung vornehmlich nach innen sah.

Zwar gelang es Wolf und seinen Aufklärern, die meisten der zugeteilten Abwehrleute von den andersartigen Erfordernissen der nach außen gerichteten Arbeit zu überzeugen und ihnen klarzuma­chen, dass für eine solche Tätigkeit enge Blickwinkel und einfältige Vorstellungen nicht ausreichten, doch die Diskrepanz zwischen den von Wollweber und später Mielke in den Vordergrund gestellten Doktrinen der inneren Sicherheit und den Notwendigkeiten nach außen gerichteter Aufklärung blieb. Dies führte nicht selten zu Entscheidungen und Kompromissen, die nicht zu rechtfertigen waren und sind. Damals jedoch war uns das nicht bewusst.

Die Entstehungsgeschichte der DDR-Spionage einschließlich ihrer Unterordnung unter die Sicherheitsbedürfnisse der SED nach innen ist kaum verständlich ohne einen Blick auf die parallele Entwicklung zunächst in den westlichen Besatzungszonen und später der Bundesrepublik Deutschland. Hier hatte der Aufbau von Sicherheitsapparaten nach außen wie nach innen ebenfalls frühzeitig begonnen. General Reinhard Gehlen, Chef der Abteilung Fremde Heere Ost des Nazi-Generalstabs, bot sich, einen großen Teil seiner Mitarbeiter und sichergestellte Unterlagen der früheren Spionagetätigkeit gegen die Sowjetunion den Amerikanern an, die ihn nach einer kurzen Schamfrist, in der er sogar mit einem Gefängnis Bekanntschaft machte, auch akzeptierten. Sie vereinbarten mit dem Ex-Nazi-General ein – wie er es nannte – »Gentlemen’s Agree­ment«, das im Grundsatz besagte: »Es wird eine deutsche nachrich­tendienstliche Organisation unter Benutzung des vorhandenen Potentials geschaffen, die nach Osten aufklärt bzw. die alte Arbeit im gleichen Sinne fortsetzt. Die Grundlage ist das gemeinsame Interesse an der Verteidigung gegen den Kommunismus.« Im Juli 1946 nahm die »Organisation Gehlen« ihre Tätigkeit auf; ihr Credo verkündete der Chef später selbst: »Ich beabsichtigte daher von Beginn meiner Tätigkeit an, in den Jahren, die vergehen mussten, bis eine neue deutsche Regierung wieder existieren würde, die Voraussetzungen für einen Gesamtdienst zu schaffen, der auf allen Gebieten das Potential des Gegners aufzuklären hatte.« Gehlen nahm schon ein Jahr später in Pullach Quartier, der früheren »Rudolf-Heß-Siedlung«, wo zeitweilig der Führer-Stellvertreter und später auch NS-Reichsleiter Martin Bormann residiert hatten, ehe 1945 die US-Army dort ihre Postzensurstelle einrichtete. Dieses Domizil hat der Bundesnachrichtendienst bis heute nicht verlassen. Schon ein Jahr später hatte der »Org« (Kürzel für »Organisation Gehlen«) 200 Bedienstete; Gehlen veranlasste, dass sie sich samt ihren Familien im »Camp Nikolaus« (nach dem Bezugsdatum am 6. Dezember 1947) niederließen. Eigene Kinder­gärten und Schulen, ein Krankenhaus, ein Kasino gehörten zum Komplex – Mielke ahmte das später für sein MfS bewusst oder unbewusst weitgehend nach.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz kam etwas später zur Welt. Bei den Vorbereitungen zur Bildung der Bundesrepublik im Jahre 1949 wurde auch vereinbart, »eine Stelle zur Sammlung und Verbreitung von Auskünften über umstürzlerische, gegen die Bundesrepublik gerichtete Tätigkeiten einzurichten.« Im November 1950 verfügte die Bundesregierung die Errichtung des Bundes­amtes für Verfassungsschutz in Köln, nachdem zuvor schon ent­sprechende Behörden in den Ländern geschaffen worden waren. Ihr erster Präsident wurde Otto John, ein Gewährsmann der Engländer, auf den noch zurückzukommen sein wird. Schon sein Stellvertreter hatte aber einst unter Canaris gedient.

Mit der Bildung des »Amtes Blank«, den Anfängen der Bundes­wehr, kam schließlich noch ein militärischer Geheimdienst hinzu. Seine Initiatoren, die mit dem Widerstand des 20. Juli in Verbindung gestanden hatten, waren Gehlen ein Dorn im Auge. Er sorgte dafür, dass Personen aus seiner Umgebung auch hier bald das Sagen hatten. Als 1956 der Militärische Abschirmdienst (MAD) einge­richtet wurde, hieß dessen erster Chef Gerhard Wessel, Stellvertreter Gehlens unter Hitler wie den Amerikanern.

Es ist heute sicher müßig darüber zu philosophieren, wer im einstigen Nachkriegsdeutschland seine Dienste als erster etablierte und wer nachzog. Es lag offensichtlich in der Logik jener Zeit des Kalten Krieges, dass keiner glaubte, auf die Camouflage verzichten zu können und daher all seine Anstrengungen nur darauf richtete, den anderen beim Auskundschaften von Geheimnissen zu übertref­fen. Das Misstrauen war groß und in mancher Hinsicht wohl durchaus berechtigt. Die Westmächte mussten nach allem, was sie über Stalin wussten, durchaus vor ihm auf der Hut sein. Und im Osten sah man mit beträchtlicher Sorge, wie sich im Westen nazistische Strukturen wieder restaurierten, indem ihre Repräsen­tanten schon bald alte Positionen zurückgewannen. Gerade die Verwendung der »alten Experten« in den Geheimdiensten der Bundesrepublik – Gehlen war der Prototyp – führte manchen zu der Auffassung, es sei erforderlich, dagegen in gleicher Weise anzu­kämpfen, Organe zu schaffen, die konspirativ in diese eindringen und sie weitgehend neutralisieren.

Der Krieg und seine für die Menschen schrecklichen Folgen hatten die Sehnsucht nach echten Alternativen zum Vergangenen hervorgebracht. Zwei Gesellschaftsmodelle waren in den Wettstreit getreten – einerseits ein bürgerliches System, das sich auf seine besten Traditionen der Demokratie und der Sozialstaats, angerei­chert durch urchristliches Gedankengut, zu besinnen versuchte, und andererseits der Marxismus-Leninismus, schon damals jedoch vom Virus des Stalinismus infiziert. Der Krieg mit seiner Verrohung aller Sitten und die danach nicht selten geübte Sieger- und Rachejustiz führten aber dazu, dass die Anfänge des Neuaufbaus mit zahlreichen schwerwiegenden Hypotheken belastet wurden. Die Grenzziehungen und in ihrer Folge Umsiedlungen und Vertreibungen von Millionen Menschen, die im Ansatz steckengebliebene Ahndung der Kriegsverbrechen, das Großmachtgebaren der Sieger bargen den Keim für immer neue Auseinandersetzungen. Hinzu kam im Osten die Deformierung der sozialistischen Idee durch den Stalinismus. So ging der Wettbewerb der Systeme, der nach den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit nur noch friedlich ausgetragen werden durfte, bald in einen harten Schlagabtausch über. Wegen seiner Unerbittlichkeit erinnerte er bald an einen Krieg, wenn auch nicht in Formen der »heißen« Auseinandersetzung. Der Kalte Krieg bestimmte die 50er Jahre; die Schaffung zweier deutscher Staaten war ebenso sein Resultat wie ähnliche Spaltun­gen in Korea, Palästina, später Vietnam. Die Menschen mussten sich für die eine oder andere Seite entscheiden – oft ohne es in ihrem Innersten zu wollen – und danach handeln. Dass die junge DDR damals durchaus als eine echte Alternative angesehen wurde, war also auch das Ergebnis von Fehlentscheidungen auf westlicher Seite. Die schnelle Rehabilitierung ehemaliger Nazis und die Restauration alter Machtverhältnisse gehörten dazu. Diese Ent­wicklungen bestätigten die ideologischen Klischees, die in der Parteischulung der SED vermittelt wurden, und ließen ihre Empfänger aufgeschlossen werden auch für viele andere simplifi­zierende Thesen wie denen von der Diktatur des Proletariats, der ständigen Verschärfung des Klassenkampfes oder vom gesetzmäßi­gen Niedergang des Imperialismus.

In diesem Kontext wurden auch Ereignisse wie der 17. Juni 1953 von vielen der so Indoktrinierten nicht anders gesehen als es die Parteiführung vorgab. Die durchaus vorhandenen Hinweise einer westlichen Einflussnahme wurden so zur alleinigen Ursache des Arbeiterprotestes erklärt; es war mithin der vom Westen gesteuerte »konterrevolutionäre Putschversuch«, dessen Nieder­schlagung mit Hilfe der sowjetischen Armee wir für richtig hielten. Die eigene Anschauung, die wir Aufklärer vom Rolandufer bei unseren Besuchen im Stadtzentrum zu verarbeiten hatten, die Meinungen und Auffassungen, die wir hörten, bestärkten uns darin, die Deutung der Partei sei richtig.

Hinzu kam, dass in jenen Jahren der Kampf der DDR um diplomatische Anerkennung begann. Zahlreiche deutschlandpoliti­sche Ereignisse, darunter die Außenministerkonferenzen der vier Mächte, wurden genutzt, um dieses Anliegen, das auf Durchset­zung der deutschen Zweistaatlichkeit zielte, zu verfolgen. Anfänglich waren Chancen auf Verwirklichung dieser Absicht durchaus vor­handen; nicht wenige Politiker in Bonn wie West-Berlin, aber auch im Ausland, ließen sich zu inoffiziellen und dennoch konstruktiven Gesprächen herbei. Sie respektierten die militärische Stärke der UdSSR und sahen auf lange Sicht keine Möglichkeit, die DDR aus dem sowjetisch dominierten Ostblock herauszubrechen. Adenauers Hoffnung, der westliche Sog werde bereits jetzt den Anschluss der DDR bewirken, trog. Er musste im Gegenteil befürchten, dass – vor allem nach der Etablierung einer bundesdeutschen Botschaft neben der schon bestehenden Vertretung der DDR in Moskau – über kurz oder lang der zweite deutsche Staat diplomatisch anerkannt werden würde, und dem wollte er einen Riegel vorschieben. Das Instrument war die im Dezember 1955 erstmals in ihren Grundzügen formu­lierte Hallstein-Doktrin, die den Abbruch der bundesdeutschen Beziehungen zu allen Staaten vorsah, die die DDR anerkannten. Danach wurde in den Folgejahren gehandelt, und es dauerte bis in die 70er Jahre, ehe die DDR diese diplomatische Blockade durch­brach. Für die Mitarbeiter der DDR-Aufklärung galt es aber stets als vornehmste Pflicht, mit ihrer Arbeit die Hallstein-Doktrin zu durchlöchern.

So verstand sich der ständige wachsende Spionageapparat der DDR als das Auge und Ohr des jungen Staates zur Welt. Diploma­tische Berichte aus westlichen Hauptstädten gab es nicht. Von Konferenzen und Tagungen waren offiziell lediglich durch die sowjetische Brille gesehene Informationen zu erhalten. Und aus der Bundesrepublik sickerten allenfalls die, ideologisch befrachteten Wertungen aus dem zunächst noch legalen, dann nur noch illegal arbeitenden KPD-Apparat ein. So war es aus der Sicht der DDR-Regierung eine zwingende Notwendigkeit, sich auf andere Weise zu informieren – und die immer effizienter arbeitende Hauptver­waltung Aufklärung des MfS erfüllte diese Aufgabe. Sie nutzte die spezifischen Möglichkeiten im geteilten Deutschland und entwickelte Methoden, mit denen sie viele Jahre erfolgreich war.

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