Ägypten und andere – arabisches Menetekel für westlichen Hochmut

Mit den Ereignissen in Ägypten, Tunesien und eventuell weiteren arabischen Ländern hat das westliche Konzept der »Befriedung« und möglichst störungsfreien Ausbeutung der arabischen wie wohl überhaupt der so genannten dritten Welt eine schwere Niederlage erlitten. Nicht in jenen Staaten, die die USA und die EU mit ideologischer Absicht als »Schurkenstaaten« und Störenfriede der Weltpolitik bezeichnen – Iran, Syrien, sogar Libyen – ist der Volkszorn zuerst ausgebrochen, sondern dort, wo der Westen glaubte, stabile Regimes von eigenen Gnaden etabliert zu haben, im Zweifel auch mit Mitteln der Repression und der Diktatur. Zwar ist die weitere Entwicklung noch nicht abzusehen, aber offensichtlich finden im arabischen Raum Regierungen, die sich vom Westen zu emanzipieren versuchen, ungeachtet ihrer Vergleichbarkeit in diktatorischer Herrschaftsattitüde mehr Zustimmung in der Bevölkerung als jene, die sich von den USA und ihren europäischen Verbündeten aushalten lassen.

Die Bewegung, die sich derzeit in arabischen Ländern vollzieht, ist auch deshalb bemerkenswert, weil damit möglicherweise eine neue Etappe der Dekolonialisierung eingeleitet wird. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte die meisten Kolonien ihre Unterdrücker davon gejagt und nationale Unabhängigkeit erkämpft, die jedoch in ihrer Entwicklung oft schon auf halber Strecke stecken blieb. Viel zu schwach waren die neuen Länder – vor allem nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems, um sich der kolonialistischen Variante früherer Unterdrückungspolitik zu widersetzen. Dem Westen gelang es, mit Geld und geheimdienstlichen Intrigen gefügige Potentaten in den meisten dieser Staaten zu etablieren, die für ihn die Geschäfte besorgten – zumeist unbehelligt von Appellen nach Demokratie und Menschenrechte.

Diese Fügsamkeit könnte sich jetzt dem Ende zuneigen. Mit einer Mischung aus bürgerrechtlichen und sozialen Forderungen verlangen die Länder der »dritten Welt« Veränderungen – und warten dazu nicht auf fremde Hilfe. Im Gegenteil, es könnte sich für manche wankende Regierung als zusätzlich kontraproduktiv erweisen, wenn sie auf westliche Hilfe setzt.

Wie die westlichen Staaten reagieren, ist noch nicht absehbar. Sie haben es nicht mehr mit armen, analphabetischen Massen zu tun wie vor 50 Jahren, die sie leicht übertölpeln konnten. Jetzt stehen ihnen oftmals gut gebildete, selbstbewusste Menschen gegenüber, die – nicht zuletzt am Beispiel Chinas – sehen, dass sie auf Hilfe aus der selbst ernannten »ersten« Welt nicht angewiesen sind. Deren salbungsvolle Predigten über Freiheit und Demokratie haben sich im Gegenteil einmal mehr als Heuchelei entlarvt, da sie repressive, diktatorische Regimes jahrzehntelang gegen ihre Völker verteidigten und es wohl auch jetzt noch – wie Frankreich bezüglich Tunesiens bewies – lieber sähen, wenn die Aufstände niedergeschlagen würden, und sei es blutig, um die alte, also von ihnen verfügte Ordnung wiederherzustellen.

Für den Westen steht viel auf dem Spiel – im Grunde die gesamte globale Weltordnung, die er nach dem Zusammenbruch des Sozialismus aufgebaut hatte und an deren Ewigkeit – siehe die Sprüche vom Ende der Geschichte – er in seinem Hochmut glaubte. Wieder einmal erweist sich: Geschichte folgt nicht voluntaristischen Erwartungen, sondern vollzieht sich nach objektiven Gesetzen in Richtung Fortschritt, die niemand außer Kraft zu setzen vermag.

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4 Antworten zu “Ägypten und andere – arabisches Menetekel für westlichen Hochmut”

  1. Markus sagt:

    Das ewig hohle Gerede von Freiheit und Demokratie, daß nur der Westen dem „Rest der Welt“ und damit auch der arabischen Welt diese erstaunlichen Errungenschaften bringe werde, findet derzeit in der Tat eine beeindruckende Widerlegung, wenngleich der Ausgang dieses Dramas noch völlig offen ist.

    Jahnke weist zudem auf den enormen Druck der Bevölkerungssteigerung hin:

    http://www.jjahnke.net/rundbr80.html#2285

  2. Erika Reichardt sagt:

    Ich habe heute mal wieder gedacht – was haben wir nur für Politiker -: Da sagt doch tatsächlich Herr Niebel: Im Moment müsse man sich keine Gedanken um die Entwicklungshilfe machen. Wenn es jedoch zu einer menschenverachtenden und keiner seriösen Regierungsform komme, müsse man neu nachdenken.
    Frage: Was hat den unsere Regierung bisher gedacht? Das alles so o.k. ist?

  3. Monex sagt:

    Die meisten Araber aus dem linken Lager sehen in der Globalisierung einen in sich neutralen Prozess der eine fortgeschrittene Phase im internationalen kapitalistischen System darstellt. Dieser Prozess wird ihrer Ansicht nach allerdings von den Landern angefuhrt die eine neoliberale Politik verfolgen und die Errungenschaften der dritten industriellen Revolution der Informations- und Kommunikationsrevolution nicht zuletzt fur die Ausbeutung und Marginalisierung der Lander der Dritten Welt benutzten.

  4. Rudolfo sagt:

    Der letzte Satz, dieses ansonsten – von ein paar Details (Bevölkerungszustimmung, Beispiel China) abgesehen – schlüssigen Beitrages zu einem hochkomplexen und ebenso komplizierten Prozeß in der Region des Nahen Osten gibt doch zu denken.
    Welche objektiven Gesetzte mögen es wohl sein, die der Autor da meint? Der Begriff „Richtung Fortschritt“ scheint mir da doch einigermaßen unscharf zu sein.

    Was Ägypten angeht:
    + So überraschend schnell wie der „Sturz“ von Mubarak letztendlich auch kam, so spielen hier neben bestimmten objektiven, auch ein paar subjektive Gründe eine nicht unbedeutende Rolle:
    hätte Mubarak klügere, psychologisch versiertere Berater gehabt und eine ähnliche Rede gehalten mit der Schlußpassage „Ich beuge mich dem Willen der Straße und trete mit sofortiger Wirkung zurück!“, dann wäre er vermutlich mit einigem Beifall verabschiedet worden.

    + Wie den Medien zu entnehmen, gibt es aus guten Gründen in den politischen Klassen rund um den Globus eine eine allgemeine Zurückhaltung zu Prognosen über den weiteren Verlauf der Ereignisse.
    Nicht auszuschließen aber ist,
    dass sich der „Sieg des Volkes vom Tahrir-Platz“ über kurz oder lang in eine Niederlage verwandelt – in eine Stabilisierung des alten Regimes im neuen Gewand.

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