Syrien als Schlachtfeld weltstrategischer Machtkämpfe

(pri) Je länger die kriegerische Auseinandersetzung in und um Syrien dauert, umso klarer wird, dass es sich dabei schon lange nicht mehr um eine nationale Angelegenheit, nicht einmal vordergründig um einen regionalen Konflikt im Pulverfass des Nahen Ostens, sondern um eine weltstrategische Auseinandersetzung handelt, bei der es darum geht, wer global das Sagen hat und wer nicht, wer die Geschicke der Welt bestimmt und wer sich diesem Weltgendarmen unterzuordnen hat.

Alle großen Kriege der Vergangenheit hatten letztlich eben dieses Motiv. Stets ging es um Weltherrschaft, bei deren Erlangung Konkurrenten blutig niedergerungen wurden. Nicht einmal der zweite Weltkrieg war in diesem Sinne ein Kampf der Systeme; schließlich begann er mit dem Angriff auf Polen, Frankreich und andere europäische (kapitalistische) Länder, ehe die Großmacht des Sozialismus ins Visier genommen wurde. Auch heute sind Russland und China nicht die Widerparts des Westens mit den USA und der NATO an der Spitze, weil sie den Systemwechsel anstreben würden. Sie sind längst Teil des verbliebenen Systems, in diesem jedoch stark genug, die westliche Vorherrschaft in Frage zu stellen – und deshalb eine Gefahr für die selbsternannten Weltherrscher.

In Libyen haben beide Staaten – aus welchen konkreten Gründen immer – den Westen gewähren lassen, vielleicht gar gehofft, dadurch mit ihm auf Augenhöhe zu sein; ein ernüchternder Irrtum. Die USA und die NATO nutzten den Sturz Gaddafis zur Stärkung der eigenen strategischen Position und wollen den Vorgang jetzt in Syrien wiederholen. Der durch die starrsinnige, brutale Politik Assads ohne Zweifel provozierte, von den reaktionärsten arabischen Regimes um Saudi-Arabien und Katar aktiv angeheizte und vom Westen vielfältig unterstützte innersyrische Widerstand liefert den Vorwand für eine weitere wahlstrategische Machtverschiebung. Um die Interessen des syrischen Volkes geht es dabei – ganz im Gegensatz zum propagandistischen Getöse – zuallerletzt. Russland und Chinas sollen aus diesem Machtpoker gedrängt werden – und das mit ihrer eigene Zustimmung.

Ausgerechnet Deutschlands Verteidigungsminister Thomas de Maizière, dessen Außenamtskollege Westerwelle diese Botschaft geradezu als Dauerschleife an Russland und China formuliert, verwies kürzlich darauf, dass nie ein militärisches Eingreifen des Westens beispielsweise in Ruanda erwogen wurde, obwohl dort eine Million (!) Menschen brutal niedergemetzelt wurden. Auch nicht in Somalia trotz einer Hungersnot, gegen die der Westen hätte vorgehen können. Freilich um den Preis militärischer Auseinandersetzungen mit dortigen Milizen. Aber das Leiden der ruandischen oder somalischen Zivilbevölkerung sei »nicht bis in unsere Wohnzimmer« gedrungen, so de Maizière. Warum wohl nicht, und warum wohl im Falle Syriens?

De Maizière sagt das nicht, und auch unsere hochgelobten »Qualitätsmedien« verlieren darüber kaum ein Wort: Weder in Ruanda noch in Somalia gab es weltstrategische Interessen – nicht für den Westens, aber auch nicht für den Osten mit Russland und China. In Syrien ist das ganz anders.Weil die USA, die NATO und Israel die nahöstliche Region mit dem »Schurkenstaat« Iran in ihrem Sinne »befrieden« wollen, soll jeder Störfaktor ausgeschaltet werden, jetzt der syrische. Und weil Russland und China nach den strategischen Umbrüchen nach 1989 seit langem zum Gegenangriff angetreten sind, um wenigstens die noch bestehenden Positionen zu halten, eventuell gar zu stabilisieren, können und wollen weiteren westlichen Bodengewinn gerade hier nicht zulassen, wo der Islam als neuer strategischer Mitspieler eine noch nicht abschätzbare Rolle zu spielen angetreten ist.

Syrien hat das Pech, zum Schlachtfeld eines Stellvertreterkrieges um strategische Geländegewinne geworden zu sein, der sich längst nicht – wie beim Aufeinanderstoßen von Kapitalismus und Sozialismus – auf einen kalten Krieg beschränkt, sondern bedrohliche heiße Formen angenommen hat. Widersprüche im kapitalistischen Lager, die einst angesichts der Systemauseinandersetzung überwiegend unter Vermeidung kriegerischer Zuspitzung ausgetragen wurden, treiben heute wieder auf gewaltsame Lösungen zu; schließlich ist der Kapitalismus unter sich und entscheidet allein über die Weltordnung.

Dass es selbst Großmächte wie Russland und China schwer haben, der westlichen Front etwas Wirksames entgegenzusetzen – auch dafür liefert Syrien ein anschauliches Beispiel. Diplomatisch befanden sich beide Länder in einer Schlüsselstellung, war und ist doch die Neigung der USA und der NATO gering, sich ohne und gegen die UNO-Vetomächte Russland und China in ein ungewisses militärisches Abenteuer zu stürzen. Aber dennoch konnten sie daraus nur wenig Kapital schlagen. Ihre Orientierung auf eine einvernehmliche Verhandlungslösung wurde westlicherseits systematisch unterlaufen, jetzt durch direkte materielle Unterstützung des Anti-Assad- Lagers auch ohne eine UN-Resolution. Da die strategische Machtverschiebung friedlich nicht zu haben war, wurde gewaltsames Vorgehen bis hin zum Bürgerkrieg forciert. Militärisch haben dem weder Russland noch China etwas entgegenzusetzen.

Aus all diesen Gründen ist Syriens Leiden noch lange nicht zu Ende, eher im Gegenteil. Wo auf Krieg gesetzt wird, muss immer die Zivilbevölkerung die blutigen Folgen tragen. Der Westen hat dies ohne Rücksicht auf die Folgen für die Menschen getan. Dem Osten fehlt die Kraft zu einem Gegenkonzept, weshalb auch er sich auf die Wahrung der eigenen Interessen zurückzieht. Und derweil geht das Sterben weiter.

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