Auf der Einbahnstraße gegen die Piraten

(pri) Wer wissen will, warum die etablierten »Qualitätsmedien« zunehmend Probleme damit haben, zahlende Leser, Hörer und Zuschauer zu finden, kann einige Fingerzeige schon dadurch erhalten, dass er sich ihre Berichterstattung über den Parteitag der Piratenpartei am vergangenen Wochenende in Bochum anschaut. Denn diese Berichterstattung zeichnet sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – durch ein hohes Maß an Verständnislosigkeit und Inhaltsleere aus sowie stattdessen hämischer Diffamierung von Diskussionsformen und Entscheidungspraktiken der Piraten, die in ihrer Substanz oft gar nicht begriffen wurden, weshalb man damit nicht mehr anfangen kann als sie lächerlich zu machen.

 

Vergessen ist offenbar, als wie dröge viele Journalisten die routinierten Antragsberatungen auf Kongressen anderer Parteien empfanden, bei denen unbequeme Wortmeldungen meist schnell aussortiert, in imaginäre Ausschüsse abgeschoben werden und am Ende stromlinienförmige, glatte Beschlüsse stehen, die danach kaum jemand mehr zur Kenntnis nimmt, nicht einmal die Parteiführungen mehr sonderlich ernst nehmen, falls konkrete Situationen schnelle und praktikable Entscheidungen verlangen. Man vergleiche das eine oder andere Parteiprogramm von CDU, CSU, SPD, FDP, Grünen bis zur Linkspartei mit ihrer aktuellen Politik – und man wird sehen, dass sie ihre niedergelegten Eckpunkte auch nur als Orientierungen, Rahmensetzungen betrachten, die im Ernstfall erst ihre endgültige Gestalt erhalten. Gerade die von den meisten Medien hochgelobte Angela Merkel hat diese Methode zum Standard erhoben – freilich abgehoben von der Meinung der Bürger und ausgehandelt in den informellen Zirkel von Kanzleramt und Parteizentrale.

 

Was die Piraten wollen und schrittweise, mit vielen Rückschlägen, entwickeln, ist in der Sache nicht unähnlich, in der Methode jedoch grundsätzlich anders. Denn sie haben für solches modernes Regieren, das Entscheidungen auf den aktuellen Prüfstand stellt, das modernste und – wenn es einmal richtig läuft – wohl auch effizienteste Mittel gefunden, das der Schwarmintelligenz, längst von der seriösen Wissenschaft anerkannt, von der Mehrheit der Journalistenzunft hingegen total unverstanden. Die verlacht dieses Konzept nicht nur, sondern versucht allen Ernstes, die Piraten auf die Einbahnstraße der ineffektiven und stets kritisierten Praxis der Altparteien zu drängen, denn so kreativ, etwas Besseres vorzuschlagen, ist sie nicht.. Im Gegenteil, die Medien haben bis heute nicht einmal ein Mittel gefunden, ihre konventionelle Berichterstattung durch das Internet so zu optimieren, dass sich die netzaffinen künftigen Generationen dafür interessieren. Es ist der Gipfel der Arroganz, wenn gerade Zeitungen, denen aufgrund ihrer Erneuerungsverweigerung die Pleite droht,  sich ihrer diesbezüglichen Lernunfähigkeit brüsten – durch die besonders arrogante Darstellung dessen, was ihnen ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist, die Piraten aber mit zunehmendem Erfolg anwenden und so die Formen demokratischer Mitwirkung möglichst vieler weiterentwickeln.

 

Dass ein solches Vorhaben nicht nicht in wenigen Monaten zur Reife gelangen kann, leuchtet eigentlich nur Ignoranten und Gegnern demokratischer Innovationen nicht ein. Doch um Reife geht es den journalistischen Beckmessern gar nicht; sie lehnen das gesamte Projekt ab, was wohl auch daran liegt, dass sie längst in ihrer Mehrheit zum Appendix der Parteien geschrumpft sind und sich nur noch in deren Denkkategorien bewegen können. Dass aber die Parteien die Piraten am liebsten so dargestellt sehen, ist erklärlich, denn diese sind schließlich ihre – unerwünschten – Konkurrenten.

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Eine Antwort zu “Auf der Einbahnstraße gegen die Piraten”

  1. Kai Guleikoff sagt:

    Die „Qualitätsmedien“ sind systemische Medien. Das ist kein Schimpfwort. Es gibt auch „systemische Banken“, wie Angela Merkel erklärt hat. Die PIRATEN dagegen sind Vertreter der längst überfälligen direkten Demokratie. Egal wie ihr „Parteischicksal“ sich entwickelt, sie haben bereits unauslöschliche Zeichen gesetzt. Der mündige Bürger will jederzeit (!) mitbestimmen und technisch (!) ist das bereits möglich. Auch im Deutschen Bundestag bräuchte sich kein Abgeordneter mehr mit emporgehaltenen bunten Kärtchen um die Abstimmungsurne drängeln. Der Bundestagspräsident könnte die Abstimmung per Hand auch konkreter bewerten und nicht mit der Floskel: „Ich stelle Einstimmigkeit fest!“ Deutschland ist immer noch sehr strukturkonservativ ! Die PIRATEN mußten sich gerade in diesem Deutschland organisieren – wie die GRÜNEN in den 1980er Jahren.

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