Wir sind das Volk – Neuauflage nach 25 Jahren

(pri) Wieder ist das Volk auf der Straße – wie vor 25 Jahren. Zwar hat es immer wieder Versuche gegeben, die Montagsdemonstrationen des Jahres 1989 neu aufleben zu lassen, aber dahinter standen in der Regel irgendwelche Organisationen; der Montag als Demonstrationstag wurde von ihnen instrumentalisiert. Jetzt jedoch ist die Spontanität in die Kundgebungen zurückgekehrt – und die Politik, ganz gleich welcher Couleur, reagiert verstimmt bis verstört.

 
Die Regierenden haben für die spontane Volksbewegung nichts als Hohn und Spott – wie für alles, das nicht ihren Regeln gehorcht. Schon die Piraten wurden nicht ernst genommen, ihre neuen, bedenkenswerten Politikansätze und -methoden im besten Falle belächelt, oft aber diffamiert. Die neue Partei in ihrer – auch personellen – Heterogenität war ein leichter Gegner, denn sie schaffte es nicht, ihre Konzepte zum Gemeingut der gesamten Partei zu machen und dadurch mit Leben zu erfüllen.

 
Die Etablierten rechnen darauf, dass es auch mit der neuen, noch widersprüchlicheren Bewegung nichts wird, und sie schüren diese Widersprüche daher nach Kräften. Dazu kommen die gängigen Totschlagsklischees von Rechtslastigkeit, Extremismus und Antisemitismus. Natürlich gibt es von all dem etwas in jeder Volksbewegung, aber was eben in der Ukraine noch Bagatelle, eine zu vernachlässigende Erscheinung, eben der heroische Maidan war, ist nun eine gefährliche Verirrung, wenn nicht gar ein Anschlag auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Jedenfalls gehen die neuen Montagsdemonstranten den Regierenden ziemlich auf die Nerven, vor allem ihre Resistenz gegen die Mainstream-Propaganda der Medien. Eine Kostprobe davon hat gerade erst der deutsche Außenminister geliefert. Frank-Walter Steinmeier, der zu jenen gehörte, die das Schwarz-Weiß-Denken in der Politik wieder hoffähig machten, zeigt sich fassungslos ob des Bumerangs, der nun zurückkommt und ob der Unwirksamkeit seiner realitätsfernen Rhetorik. Er versteht die Welt nicht mehr wie weiland Honecker und Co. Jede emanzipatorische Bewegung beginnt eben damit, dass man den Verlautbarungen von oben nicht mehr glaubt.

 
Aber auch die Opposition betrachtet die neuen Aufmüpfigen keineswegs als Verbündete, sondern beargwöhnt sie in ganz ähnlicher Weise wie die Regierenden, was schlaglichtartig zeigt, dass nicht erst das Regieren den Charakter verdirbt, sondern schon das Streben ins Regierungsamt. Bei den Grünen erstaunt das wenig; sie haben seit der Regierungszeit mit Gerhard Schröder ihre Unschuld nie mehr wiedergefunden.

 
Doch die Linke stellt ebenfalls nicht zuerst die Frage, wie man neue Mitstreiter für die Durchsetzung von Veränderungen gewinnen will, sondern ob diese potentiellen Verbündeten denn auch genügend der reinen Lehre huldigen. Das tun sie natürlich nicht; eine wie auch immer geartete (Partei-) Linie haben sie nicht verinnerlicht. Sie sind einfach dagegen, wie Politik gemacht und durchgesetzt wird. Sie wollen sich nicht damit abfinden, dass die gegenwärtigen Verhältnisse unabänderlich, »alternativlos« sind.

 
Wie es werden soll, wissen sie freilich nicht. Für die Montagsdemonstranten gegen den »realen Sozialismus« war der »freie« kapitalistische Westen die Alternative. Nun einen besseren, »geläuterten« Sozialismus als solchen zu betrachten, davor scheuen die meisten Kritiker aktueller Zustände nicht ohne Grund zurück – und weichen auf allerlei Ersatzreligionen aus: rechte Parolen, phantasievolle Eigenprodukte oder auch einen autoritären Politikansatz wie jenen Putins. Der russische Präsident bezieht seine Faszination vor allem daraus, dass er dem für »alternativlos« erklärten westlichen Herrschaftsmodell etwas entgegensetzt, das tatsächlich Wirkung zeigt, auch wenn es im Kern nicht besser ist.

 
Vor 25 Jahren hat das westliche Lager einen klassischen Pyrrhussieg errungen. Mit der Vernichtung des Gegners legte es zugleich den Keim für einen neuen Herausforderer. Und versorgt ihn seither mit dem Dünger aus eigener Maßlosigkeit und Unfehlbarkeitsphantasien. So wurde er zum »Rächer« all jener, die von solcherart Politik genug haben.

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Eine Antwort zu “Wir sind das Volk – Neuauflage nach 25 Jahren”

  1. Kai Guleikoff sagt:

    Wen es in einem Staatsvolk rumort, wird die zuständige Regierung unruhig.
    Im gegenwärtigen Europa anschaulich zu beweisen, auch für Deutschland.

    Hier heißt (einer) der neuen Unruheherde „Mahnwache für den Frieden“, als Montagsdemo organisiert, in bundesweit ca. 40 Städten.
    Namen, wie Lars Mährholz und Ken Jebsen, werden in die Visiere der Mainstream-Medien genommen. Verschossen wird dabei die übliche Vernichtungs-Munition der beliebten Marken „Rechtspopulisten“ und „Verschwörungstheoretiker“. Doch die Wirksamkeit des Trefferbildes läßt zu wünschen übrig.

    Immer mehr Bürger in Deutschland und Europa haben begonnen zu denken und nicht nur „nachzudenken“, was ihnen zuvor eingeflüstert wurde. Das Ergebnis der Europa-Wahl 2014 legt davon Zeugnis ab:
    Das „Europa von oben“ ist am Ende!

    Nun muß ein „Europa von unten“ geschaffen werden, das Europa der Völkerschaften in gleichberechtigten Vaterländern.
    Der kleinste Nenner für diese Erneuerung ist die Erhaltung des Friedens auf dem Kontinent – die Grundlage jeder politischen und wirtschaftlichen Entwicklung.

    Nach 1990 erlebt Europa bereits den zweiten Bürgerkrieg! Wenn die bestehenden Voraussetzungen für derartige Fehlentwicklungen nicht beseitigt werden, wird er nicht der letzte sein.

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