Die Überzeugungsschreiber

(pri) Journalisten geben gern vor, objektiv zu sein; das war schon immer eine Fiktion. Gegenwärtig aber wird sie besonders augenfällig und verunsichert große Teile der Medienzunft

So richtig frei sind die freien Medien eigentlich nie gewesen, eher im Gegenteil. Als Anfang des 17. Jahrhunderts die ersten periodischen Publikationen in Deutschland erschienen, dienten sie keinesfalls allein der Information der Bevölkerung, sondern sollten immer auch eine Botschaft transportieren, die der Produzent für wichtig hielt. So ist schon in einer der ersten deutschen Zeitungen, der »Straßburger Relation« von 1609, eine Tendenz erkennbar – und zwar (damals gaben die Kirchen nicht unwesentlich den Ton an) eine protestantische.

Das ist so geblieben über die Jahrhunderte. Kaiser und Könige gebrauchten die Presse für ihre Hofberichterstattung und taten im übrigen alles, missliebige Informationen durch Zensur zu unterdrücken. Aber auch die Gegner der Herrschenden nutzten die Zeitungen zur Vermittlung der eigenen Sicht. Unumwunden verkündete Friedrich Engels, dass die Fahne der von Marx gegründeten »Neuen Rheinischen Zeitung« nur die einer Demokratie von »spezifisch proletarischem Charakter« sein konnte. Lenin erklärte die Presse später gar zum »kollektiven Agitator, Propagandisten und Organisator« für die kommunistische Sache. Auch auf der anderen Seite gab es stets Parteiblätter. Bismarck hatte 1848 die »Neue Preussische Zeitung« gegründet, die ihre Gesinnung mit dem eisernen Kreuz im Zeitungskopf demonstrierte. Erst vor kurzem verabschiedete sich der »Bayernkurier« als CSU-Wochenblatt.

Solcherart Journalismus will sich jedoch die übergroße Mehrheit der hiesigen Medienzunft nicht zurechnen lassen. Sie betrachtet sich als frei, unabhängig, neutral – und im Vergleich zu autoritären Staaten ist sie es auch. Sie kann die Obrigkeit kritisieren, gar verspotten. Sie zerrt verborgen Gehaltenes ans Licht und stochert unerschrocken in allerlei schmutzigen Affären. Sie verbreitet Nachrichten, die Stimmungen und Meinungen derart beeinflussen, dass das »Durchregieren« erschwert werden kann. Aus all dem bezogen die Medien ihre Reputation. Sie galten als »vierte Gewalt«, wenn Exekutive und Legislative versagten und auch die Justiz ihre Aufgabe unzulänglich erfüllte.

Doch damit scheint es vorbei. In den letzten Jahren haben die hiesigen Medien einen dramatischen Ansehensverlust registrieren müssen. Die Auflage aller deutschen Tageszeitungen sank von 30 Millionen Exemplaren 1983 auf 17,3 Millionen 2013, was oft allein auf das Internet als neues Informationsmedium geschoben wird. Doch mit dem Auflagenschwund ging wachsende Kritik an den Medien einher, besonders an Fernsehen, Rundfunk und den sich dem Qualitätsjournalismus zurechnenden großen Zeitungen. Immer öfter sahen sie sich im Netz »shitstorms« ausgesetzt, und auf den Straßen wurde nicht selten der Ruf »Lügenpresse« laut, wenn sich Journalisten zu erkennen gaben.

Zwei Ursachen scheinen dafür maßgebend zu sein: Zum einen die immer offensichtlichere Nähe vieler Journalisten zu amtlichen Sichtweisen, vielleicht nicht im Detail, aber gewiss in den grundsätzlichen Einstellungen. In vielen Medien dominieren heute Darstellungen, die sich mit jenen aus der Bundesregierung, den Regierungsparteien, dem »Mainstream« also decken. Ob Russland oder Griechenland, ob Europa- oder Sicherheitspolitik, ob Streiks oder Aktionen zivilen Ungehorsams, ob Sparpolitik oder soziale Zumutungen – man findet dazu zwar immer noch ganz unterschiedliche Meinungen, aber immer seltener solche, die wirklich ausdauernd, hartnäckig, kämpferisch vertreten werden und sich nicht dann doch – mehr oder minder verschämt – offiziellen Sprachregelungen anpassen.

Das wäre an und für sich noch nicht schlimm, ist doch jeder Journalismus am Ende subjektiv und – wie dargestellt – stets von Parteinahme geprägt, mal mehr, mal weniger. Dass dies jedoch oft geleugnet und – entgegen der Wahrnehmung des Publikums – der Anspruch absoluter Objektivität vermittelt wird, dürfte der zweite, wohl noch wichtigere Grund für die Rufschädigung des heutigen Medienzunft sein. Allzu häufig und offensichtlich sind die Fehlleistungen nicht Weniger, die sich zu den Qualitätsjournalisten zählen, und allzu kritikempfindlich und rechthaberisch geben sich viele von ihnen, wenn sie ertappt werden.

Belege dafür finden sich zuhauf, vor allem zur Ukraine-Berichterstattung, zur Griechenland-Problematik, aber auch zum Bahnstreik und zum Terrorismus. Man muss nur einmal auf die Website des jeder Einseitigkeit unverdächtigen Medienjournalisten Stefan Niggemeier (www.stefan-niggemeier.de/blog/) schauen, um fündig zu werden. Dort gibt es Anschauungsunterricht für einseitige Informationsvermittlung, das Weglassen unerwünschter Fakten, vorurteilsgeprägte Sprache und andere Verletzungen der journalistischen Sorgfaltspflicht.

Gewiss griffe es zu kurz, hier vorwiegend Absicht und Vorsatz im Spiel zu sehen; dazu erscheinen viele der Beispiele als zu plump, zu leicht zu entlarven – gerade in den Zeiten des Internets mit seinen beinahe unerschöpflichen Recherchemöglichkeiten. Viel eher entsteht der Eindruck, als arbeiteten die objektiv der Desinformation überführten Journalisten in fester Überzeugung, das Richtige zu schreiben, der Wahrheit gerecht zu werden. Ihre Überzeugung, ihre geistige Einstellung ist es, die ihnen die Richtung vorgibt – die Richtung der Recherche, den Kanon der Darstellung, die Linie der Kommentierung. ZDF-Anchorman Claus Kleber gestand einmal, er verstehe nicht, warum die Mehrheit der Zuschauer glaube, bei Interviews werden zwischen Politiker und Journalist alles vorher abgesprochen. Das ist bestimmt nicht der Fall, aber nicht selten legt das Auftreten des Journalisten einen solchen Schluss nahe, weil er in seiner Grundhaltung mit dem Politiker d’accord ist.

Die Betrachtung des Faktischen durch die Brille der eigenen (sozialistischen) Überzeugung war im Journalismus des »realen« Sozialismus, also auch in der DDR, Prinzip. Journalistikstudenten wurde hier beigebracht, dass am Anfang des journalistischen Schaffensprozesses Thema und Absicht zu bestimmen seien, also nicht nur das Thema als solches, sondern stets verbunden mit einer ganz bestimmten Zielstellung. Dieser Grundsatz prägte die Medien; sie waren Kampforgane bei der Durchsetzung erwünschter Überzeugungen, und von den Journalisten wurde verlangt, in diesem Sinne »Überzeugungsschreiber« zu sein.

Die westlichen Medien hingegen hielten sich immer zugute, gerade so nicht zu arbeiten. Sie nahmen für sich das Credo des einstigen Tagesthemen-Moderators Hanns-Joachim Friedrichs, »Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mir einer guten«, in Anspruch, ohne ihm freilich je gerecht werden zu können. Aber viele bemühten sich darum, und vor dem Hintergrund der medialen Praxis im Osten erlangte der »freie« Journalismus des Westens zusätzlich eine besondere Strahlkraft. Heute aber wird die Qualität journalistischer Praxis nicht an abschreckenden Beispielen anderswo gemessen, sondern an der konkreten eigenen Tatsachenwahrnehmung – und da erscheinen viele Journalisten als »Überzeugungsschreiber« des anderen Systems.

Schließlich können auch sie der eigenen Subjektivität nicht entgehen. Da gibt es ökonomische Rücksichtnahmen auf den Verleger. Da gibt es die »Einbettung« in meinungsbildende politische Netzwerke, übrigens von einem Satiremagazin (!) des Fernsehens, nicht etwa vom investigativen Journalismus aufgedeckt. Da gibt es interne Gesprächskreise in Parteizentralen und Ministerien, zu denen nur eingeladen wird, wer als pflegeleicht gilt. Eine solche Sozialisation hinterlässt Wirkung, die das Publikum immer kritischer registriert.

Die Betroffenen reagieren darauf oft hilflos und unsouverän. Gegen die Satiresendung bemühten einige gar die Justiz. Kritik an der »Tagesschau« beantwortete deren Chefredakteur Kai Gniffke schon mal mit dem Gegenvorwurf von »Verschörungstheorien«. Und was die kritische Sicht auf die Politik angehe, »müssen wir die Maßstäbe wahren und nicht skandalisieren, was kein Skandal ist«. Wer aber entscheidet, was ein »Skandal« ist – und nach welchen Maßstäben? Und wenn sich Gniffke dazu bekennt, »dass wir auch die offizielle Politik abbilden«, verbindet er dies mit der Absicht, »Voraussetzungen für eine Urteilsbildung und gesellschaftliche Teilhabe zu schaffen«, was wohl eher auf Konsens als auf Konflikt mit den Mächtigen hinausläuft.

Diese Abwehrhaltung verwundert freilich nicht, ist doch die behauptete Unabhängigkeit für viele aus der Medienzunft ein Kapital, das zu ihrer Identität gehört. Als »freie« Medien inszenieren sie sich als über den Parteien stehend, in Äquidistanz zu allen Mächtigen gleichermaßen. Der Vorwurf der Parteinahme für die eine, die ihnen nahestehende, die eigene Seite zerstört ihr Selbstbild und kratzt besonders an ihrer Selbstgewissheit. Trotzig verteidigen viele die Fiktion von Objektivität, was ihre Glaubwürdigkeit weiter untergräbt. Sie können diese nur zurückgewinnen, wenn sie sich zum Prinzip der geistigen Unabhängigkeit, der Neutralität und Fairness auch gegenüber abweichenden Meinungen bekennen – und zugleich nicht auszublenden versuchen, dass auch ihre Sicht eine subjektive ist.

(Veröffentlicht in: »Neues Deutschland« vom 22.08.2015)

 

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2 Antworten zu “Die Überzeugungsschreiber”

  1. Kai Guleikoff sagt:

    Der Begriff des „eingebetteten“ Journalismus mußte aus den USA zu uns kommen – woher auch sonst. Anfangs nur auf die Kriegsberichterstattung im Irak-Feldzug begrenzt, wurde er Schritt für Schritt zum Reanimator der „Hof-Berichtungerstattung“ aus vergangen geglaubten Zeiten. Es ist eben nichts neu unter der Sonne!
    Die Produktion staatskonformer Meinungstrends bestimmt die Aussage der deutschen Printmedien. Der bereits allseitig belächelte „Personenkult“ um Angela Merkel ist hierfür zum traurigen Symbol geworden. Ein sogenannter „kritischer Journalismus“ wird lediglich (nur noch) in „vertretbarem Umfang“ geduldet.
    Selbst der einmal höchste Repräsentant Deutschlands, Christian Wulff, mußte diese Tatsache in seinem Buch „Ganz oben, ganz unten“ zur Rolle der Macht der Meinungs-Konzerne eingestehen.

    Diese Machtfülle ergibt sich aus der engen Verflechtung der privatwirtschaftlichen Meinungsmacher mit der staatlichen Exekutive. Die Legende von der „vierten Macht im Staate“ hat ausgedient. Der Staat unterstützt dieses nun offene Machtkartell mit der eingeführten GEZ-Gebühr von jährlich ca. acht Milliarden Euro für ARD,ZDF und Deutschlandradio.
    Aus den öffentlich-rechtlichen Medien wurden nun quasi „Staatsmedien.“ Die Antwort der öffentlichen Meinung darauf war der Begriff „Lügenpresse“, erstmals skandiert bei PEGIDA Dresden und nun fast schon das Unwort des Jahres in Deutschland. Das dieser Begriff im Osten Deutschlands geprägt wurde, ist der Erinnerung an das SED-Medien-Monopol aus DDR-Zeiten geschuldet.

    Der kritische Verweis auf die „Schuld“ des Internets am Auflagenrückgang und den Einschaltquoten ist insofern berechtigt, da jeder politisch interessierte Bürger jederzeit Zugriff auf weltweite Information zur eigenen Meinungsbildung bekommen hat. Diese Möglichkeit (ein Bürgerrecht!) soll nun durch Einführung von Nutzergebühren und Zensurerlaubnis beschränkt werden.
    Kann das Zeichen staatlichen Hilflosigkeit noch größer sein?

  2. Lady Malsch sagt:

    Die guten alten Zeiten, als Mami noch sagte:“Das stimmt, das stand sogar in der Zeitung“, sind dahin. Und das alles, weil es da ein Pack, besser gesagt, das Pack gibt. Das Pack misstraut ordentlich dem, was es da seit Jahr und Tag vorgesetzt bekommt. So versucht man erst mal das Pack zu spalten: Jung gegen alt, arm gegen reich, dick gegen dünn, West gegen Ost und nun eben Bevölkerung gegen Flüchtlinge. Hinterfotzig beschwört man Solidarität und Toleranz, um im gleichen Atemzug süffisant die Kosten dafür bis ins Detail auszubreiten. Der Pressefreiheit wegen und immer der Wahrheit verpflichtet. Was denn sonst? Und dann diese talktauglichen Ostversteher. Immer um gute Ratschläge bemüht:“ Flüchtlinge, aber sicher, darf es noch etwas mehr sein. Nur bitte nicht da, wo mein Töchterchen aufs Gymnasium geht“ (habe ich persönlich erlebt). Das Pack hieß auch schon mal das Volk. Daran wird man sich spätestens dann erinnern, wenn es wieder wählen darf. Fürchtet euch sehr!

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