Der Totensonntag stört

Zuallererst den Handel. Denn der steht bereits seit der Sommersonnenwende in den Startlöchern, um für den Endspurt Weihnachtsgeschäft den erforderlichen Vorlauf zu haben. Längst sind die Läden geschmückt und die Produkte ins festtägliche Outfit versetzt, dazu neu – etwas erhöht – ausgepreist. Die Weihnachtsmärkte sind aufgebaut, auf dass der übers Jahr liegend gebliebene Ramsch auch noch an Mann und Frau kommt; die ersten öffnen morgen, wenn denn der geschäftsschädigende Totensonntag vorbei ist. Der Handel braucht das Weihnachtsgeschäft mit den kleinen Leuten, denn allein die Millionäre – ihre Zahl hat, oh himmlisches Wunder, erneut zugenommen – können den Umsatz nicht bringen, der seit dem letzten Fest durch Niedriglöhne, Hartz-IV-Deckelungen, karge Renten und deftige Preissteigerungen schwer gelitten hat. Nur noch einen Monat ist Zeit; wie weit wäre man schon, würde der Totensonntag in den Oktober verlegt!

Der Totensonntag stört auch die Politik, zumal dann, wenn er fast mit der Halbzeit einer Regierung zusammenfällt, die sich für die beste seit Menschengedenken hält. Eigentlich wäre da ein rauschendes Fest fällig gewesen, aber selbst der Bundespresseball – stets in die Woche zwischen Volkstrauertag und Totensonntag gelegt, um die gedrückten Gemüter an andere, heitere Ufer zu führen – war heuer nur eine müde Veranstaltung, so dass Kanzlerin wie Vizekanzler gleich wegblieben und sich selbst die neuen Paarungen, die aus der Moderatorinnenzunft vermeldet wurden, wenig Amüsement von einer Veranstaltung versprachen, die unter dem Motto »Schwarz-Weiß« stand. So ging das Jubiläum – durchaus passend zur Jahreszeit – überwiegend mit vorgezogenen Nachrufen über die Bühne, wenn auch die beiden in der Koalition aneinander geschweißten lebenden Leichname zusammen wohl wenigstens noch die Energie aufbringen werden, das Totenglöckchen bis zum übernächsten Totensonntag fest umklammert zu halten.

Den Totstellreflex übte sogar die Opposition in diesen Tagen, denn sie störte die quälend langen Todeskämpfe der Regierung nicht. Im Gegenteil: Die Grünen wählten sogar mit sicherem Sinn für das Symbolische das Wochenende um den Totensonntag für ihren Parteitag in Nürnberg. Jene Partei, die vor einem Vierteiljahrhundert von Lebendigkeit strotzte und damals eine langsam in Totensonntagsstimmung fallende Republik aufmischte, stellt sich nun – und das nicht nur optisch – als eine Partei dar, der schon der Sand aus den Taschen zu rieseln scheint. Sie vermochte es nicht, sich von der Agenda 2010, die sie nicht nur mitbeschlossen, sondern in wesentlichen Teilen auch vehement als eine Art Mantra vertreten hatte, zu lösen, und sie ließ nicht erkennen, dass sie als Partei künftig woandershin streben könnte als zur so kuscheligen »Mitte«. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung will jedenfalls schon jetzt »darauf wetten: Wenn die Hamburger CDU im nächsten Jahr einen Koalitionspartner braucht – dann gehen die Nürnberger Beschlüsse schnell wieder über die Elbe«.

Was aber schlägt nun auch unsereinen dieser Tage aufs Gemüt? Der Totensonntag als solcher? Das miese Wetter? Die Politik in der Gestik des Leichenschmauses? Oder vielleicht doch, dass wir dem Handel trotz aller seiner glänzenden Bemühungen nicht helfen können. Weil die Geldbörse – ganz anders als Angela Merkel jüngst vermutete – leer ist.

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