Der olympische Geist als mediales Gespenst

Eigentlich sollten Olympische Spiele zu Anfang dieses Jahrhunderts in Deutschland stattfinden – in Berlin 2000 oder in Leipzig 2012. Das ist inzwischen ziemlich in Vergessenheit geraten – zu Recht und zum Glück. Denn sonst hätten wir in den weltweiten Medien möglicherweise Schreckliches über uns lesen können. Zum Beispiel: »Das Land der Kindesmörder. Immer wieder lassen grausame Deutsche ihre Kinder verhungern und verdursten«. Oder: »Die Plage der Kinderschänder. Deutsche Justiz übt Nachsicht gegenüber sexuellen Unholden«. Aber auch: »Kohlendioxid vergiftet deutsche Städte. Autoindustrie verhindert aus Gewinnstreben Gesundheitsschutz«. Schließlich: »Totale Überwachung mit deutscher Gründlichkeit. Sicherheitsdienste dringen heimlich in Computer unbescholtener Bürger ein«. Manches klingt vielleicht ein wenig übertrieben, aber hat es nicht sämtlich einen wahren Kern? Und ist der Rest nicht Meinungsfreiheit, die sich doch keiner nehmen lassen soll?

So jedenfalls wird gegenwärtig gegenüber China argumentiert, das nun die Spiele tatsächlich ausrichtet. Und damit auch eine derartige Berichterstattung ertragen muss, bei der manches ein wenig übertrieben klingt, aber doch wohl einen wahren Kern hat. Und daraus werden dann dieser Tage solche Schlagzeilen – alle aus den Programmen unserer Fernsehsender entnommen: »Chinas gestohlene Kinder. Rund 70000 Kinder werden in China jährlich verkauft«. Oder: »Drill, Kader und Gesang. Chinas Kinder« Oder: Das chinesische Mädchen und die Männer. Junge Mädchen werden entführt und an solvente Singles verkauft«. Oder: »Chinas Autowahn. Für die automobile Revolution zahlen die Chinesen einen hohen Preis«. Oder: Chinas Kämpfer für die Wahrheit. Auch im Reich der Mitte gibt es Journalisten, die über Korruption, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen berichten«. Die gedruckten Medien schlagen den gleichen Ton an; ähnlich tendenziöse Überschriften lassen sich derzeit zuhauf finden. Es gibt natürlich auch anderes, doch das bleibt deutlich in der Minderheit. In unseren Medien wird der olympische Geist, um dessen Aufleben sich die Chinesen durchaus aufopferungsvoll bemühen, zum hässlichen Gespenst, und ihr Land zu einer Gruselzone, deren Zustände dem rechtschaffenen Bürger Schauder über den Rücken laufen lassen sollen.

Hätten die Weltmedien wie eingangs beschrieben über ein denkbares Olympialand Deutschland berichtet, wäre es hier zu Recht zu einem Sturm der Empörung gekommen, obwohl es die genannten Erscheinungen natürlich durchaus gibt. Wie auch die chinesische Wirklichkeit nicht nur von Harmonie und Sonnenschein geprägt ist, so gern das die Verantwortlichen auch behaupten – was sie kaum von Amtspersonen hierzulande unterscheiden dürfte. Doch das chinesische Unverständnis, Proteste gar sind a priori Beschönigung der Wirklichkeit oder auch Verletzung der Meinungsfreiheit, wenn nicht gleich die Fratze eines totalitären Staates.

Dabei ist es selbstverständlich lächerlich, wie empfindlich das offizielle China auf manche westliche Arroganz reagiert, wodurch diese beinahe noch geadelt wird. Es ist die dem einstigen DDR-Bürger durchaus geläufige Denkweise, dass nicht sein darf, was nicht sein kann, die da noch immer grassiert. Wenn ein sich kommunistisch nennendes Land, das seinen wirtschaftlichen Aufstieg vor allem kapitalistischen Methoden, darunter solchen der vulgärsten Art, verdankt, die Olympischen Spiele ausrichtet, dann hat das immer und durchgängig eine totale Erfolgsgeschichte zu sein; jeder weggeworfene Pappbecher trübt dann das erstrebte Bild absoluter Harmonie zwischen Staat, Bevölkerung und internationalem Publikum, und einige Plakate oder Passantenäußerungen gegen die Regierungspolitik werden zum Super-GAU. Da ist es dann auch leicht, diese mimosenhafte Staatsmacht zu provozieren; ein scheeler Blick genügt mitunter schon, um eine Kompanie Sicherheitspersonal in Marsch zu setzen. Nicht wirklicher Aufruhr, sondern die überinterpretierte Abweichung vom Verlangten wird zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung der Katastrophe.

All diese wäre ohne Zweifel hochinteressanter Stoff für psychologische Seminare zur Herrschaftsausübung; es eignet sich aber zugleich für die politische Brunnenvergiftung – indem man zum Beispiel den Nichtempfang einer Internetseite der tibetischen Exilregierung zu einer Art Kriegserklärung an jegliche Olympiaberichterstattung hochstilisiert. Hier begibt sich der Kritiker flugs ins Fahrwasser der Kritisierten, indem er ähnlich überzogen reagiert. Den Vogel dabei hat wohl der Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages, Peter Danckert (SPD), abgeschossen, der verlangte, China – und natürlich Milliarden Sportanhänger auf der ganzen Welt – dadurch zu bestrafen, dass die Eröffnungsfeier nicht im Fernsehen übertragen wird; er verlangte also die Bekämpfung einer »kleinen« chinesischen Zensur durch eine totale, weltweite Zensur. Ihn selbst freilich hindert das »unerträgliche« Verhalten der Chinesen nicht daran, an der Spitze einer Bundestagsdelegation nach Peking zu reisen.
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Es sind nicht nur solche Glaubwürdigkeitsdefizite, die die gegenwärtige Kampagne gegen China als pure Heuchelei entlarven, die man spätestens dann vergessen hat, wenn die nächste Wirtschaftsdelegation – und dann vielleicht gar mit der jetzt urlaubenden Angela Merkel an der Spitze – ins Land der Mitte reist. Woher eigentlich nimmt der Westen, nimmt EU-Europa das Recht, China wegen seiner Entwicklung Vorhaltungen zu machen und so genannte gute Ratschläge zu erteilen? Von Europa gingen immerhin zwei Weltkriege mit Millionen Toten aus, und auch heute spielt der Kontinent in der Welt eine sehr zwiespältige Rolle, die weniger auf Frieden und Ausgleich als auf die Erringung neuer Machtpositionen ausgerichtet ist. Auch die USA, deren Präsident gerade wieder Mahnungen an China gerichtet hat, haben die sie ihrer Geschichte wegen vielleicht dafür prädestinierende Rolle, anderen Völkern bei der Nationenbildung als Vorbild zu dienen, längst verspielt, indem sie nur noch ihre eigenen Interessen im Blick haben und diese zudem als ein Weltgendarm durchzusetzen versuchen.

Die Unglaubwürdigkeit und gleichzeitige Heftigkeit der gegenwärtigen Angriffe gegen China legen – wie auch bei vergleichbaren Vorgängen im täglichen Leben – die Vermutung nahe, dass es weniger um das geht, was da plakativ an der Oberfläche verhandelt wird, sondern um dahinter, tiefer Liegendes, das man jedoch sorgsam verbergen möchte. Dies aber ist wohl die alte Urangst , die seit je das Verhältnis des »Abendlandes« zum fernöstlichen Riesenreich bestimmt, einem Reich, das schon eine entwickelte Kultur vorweisen konnte, als Europa gerade die Steinzeit hinter sich gebracht hatte – von den weltgeschichtlich noch heute in der Pubertät befindlichen Vereinigten Staaten ganz zu schweigen. Jahrzehntelang von den westlichen Mächten beherrscht und unterdrückt, zu denen freilich auch Russland gehörte (mit dem es prompt auch zuerst zu Konflikten kam), befindet sich China seit einigen Jahren in einem rasanten Aufschwung. »Schon jetzt ist China die viertgrößte Wirtschaftsmacht, sein politischer Einfluss steigt stetig, es besitzt die größten Devisenreserven der Welt. Spätestens im Jahr 2040 dürfte China zur Nummer eins der Weltwirtschaft aufsteigen und an den Vereinigten Staaten vorbeiziehen, wahrscheinlich früher. In der Rangliste der Exportnationen liegt das Land auf Platz zwei. Bald wird es Deutschland als Exportweltmeister überholen, im Sport ist es den Deutschen schon uneinholbar enteilt«, fasste kürzlich die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« die Gefahr zusammen, die sie der westlichen Dominanz drohen sieht. Und nun erschreckt davor zittert, dass eine Weltmacht China ähnlich dominant gegenüber dem Westen auftreten könnte, wie dieser es bisher bezüglich der anderen Himmelsrichtungen tat.

Die Furcht sei den arroganten Weltbherrschern der Vergangenheit gegönnt. Uns aber sollten wir Olympische Spiele gönnen, in denen vor allem der Sport zu Wort und Bild kommt und sich selbst ein Fest bereitet, das glanzvoll zu werden verspricht. Dies wird zwar die noch vorhandenen Defizite in China nicht vergessen machen, ihnen aber den angemessenen Platz zuweisen – als Herausforderungen für die Zukunft, für die bereits das Fundament gelegt ist, auf dem sich weiterbauen lässt. Mancher, der sich den Chinesen derzeit so sehr überlegen dünkt, sollte einen Blick in die von Grausamkeiten und permanenten Menschenrechtsverletzungen geprägte Geschichte Europas werfen und daran denken, dass auch Rom nicht an einem Tag erbaut worden ist. Peking ist auf dem Weg und schon weiter, als uns derzeit die Medien suggerieren wollen.

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3 Antworten zu “Der olympische Geist als mediales Gespenst”

  1. Lemmy Caution sagt:

    Ein erstaunlich hoher Grad an Zustimmung von meiner Seite.
    Ich würd weniger stark relativieren. Natürlich passieren in China in Sachen Staatswillkür, Korruption, sozialer Ungerechtigkeit (Kinder von Wanderarbeiter müssen in den Küstenstädten Schulgeld bezahlen, dort geborene nicht), Beschneidung der Meinungsfreiheit, die in der Form bei uns undenkbar sind.

    Auf der anderen Seite. Ja. Ich halte es auch für maßlos übertrieben. Wie sähs denn bei uns aus bei chinesischen Löhnen. Und man muß sich auch mal in deren Lage versetzen. Im 19. Jhdt haben unsere Vorfahren gegen die Krieg geführt, weil die sich dagegen gewehrt haben, daß unsere Vorfahren dort massiv einen auf Opium-Dealer gemacht haben. Und als die Japaner das Land überrannt und versklavt haben, hat im Westen auch keiner einen Finger gerührt.

    Entwicklungsdiktaturen sind zwar umstritten. Aber vielleicht funktionieren sie unter bestimmten Bedingungen in einer bestimmten Entwicklungsphase. Süd Korea war ja auch 1960 deutlich unterentwickelter als sämtliche lateinamerikanischen Länder und viele afrikanische Länder. Heute ist u.a. mein Fernseher von denen. Politisch war es bis tief in die 80er eine Militärdiktatur ohne Meinungsfreiheit. Das hat sich nun deutlich geändert. Ähnliches gilt glaub ich für Taiwan. Es ist vermutlich ziemlich schwierig ein so großes Land zusammenzuhalten, wenn es noch so viel ökonomisches Leid gibt. Indien hat zwar Demokratie und Meinungsfreiheit, dafür ist China offenbar viel besser in der Lage physische Infrastruktur in Form von Straßen, Kraftwerken, etc. zu schaffen.

    Ich denke nicht, daß die Angst gegenüber China aus einem kulturellen Inforitätskonflikt kommt. Das wird problemlos adaptiert. Viele junge Leute lernen heutzutage chinesisch. „Die Kunst des Krieges“ ist ein altes, schreckliches Buch, daß bei Managern sehr beliebt ist. Konfuzius und Lao Tse waren schon immer bei Intellektuellen recht hoch im Kurs. Ich bin z.B. ein mittelmäßiger aber begeisterter Go-Spieler.

    Ich denke, es ist eine „normale“ Angst vor dem Fremden gemischt mit materiellen Abstiegs-Ängsten. Ähnlich wars mit den Japanern in den 70ern und 80ern. Wurden damals auch als die großen Super-Brains mit Wunder-Schulen dargestellt, die uns mal völlig um den kleinen Finger wickeln würden. Ist nicht so gekommen. China wirds ähnlich ergehen. Im Zuge des Aufholprozess in China werden die Handelsströme mehr ausgeglichen, obwohl die natürlich dank des gewaltigen Binnenmarktes schon gute Skalenvorteile besitzen. Noch ist das aber im Durchschnitt ein sehr armes Land.

    Und für die Welt insgesamt ist das gar nicht so schlecht. Länder mit reicher Rohstoff und Landwirtschaftsausstattung sind weniger auf uns angewiesen.
    Irgendwie wirken die auch neugierig auf uns. Sieht man u.a. an den vielen chinesischen Europa-Touristen.

    Deshalb sollte man ihnen trotz allem offen begegnen.

  2. Markus sagt:

    Westliche Überheblichkeit ist keineswegs angebracht und „gute Ratschläge“ werden sich die Chinesen auch vom Westen nicht geben lassen. Damit sollen die noch bestehenden politisch-rechtlichen Unzulänglichkeiten und auch gravierenden sozialen Ungerechtigkeiten in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen des Riesenreichs nicht bagatellisiert werden. Aber auch der westliche Beobachter wird nicht leugnen können, daß es mit Chinas Entwicklung deutlich bergauf geht, vor allem in und mit der boomenden Wirtschaft, aber natürlich auch in anderen Bereichen. Die Armutsbekämpfung z.B. hat beachtliche Erfolge vorzuweisen.

    Daß diese aufstrebende und dazu noch kommunistisch regierte fernöstliche Macht dem „freien“ und demokratisch regierten Westen nicht nur ein „netter Nachbar“ (dies meint übrigens auch Alt-Kanzler ud China-Freund Helmut Schmidt) sein wird bzw. schon ist, der den Vorgaben des Westens bedingungslos Folge leisten wird, könnte auch ein Grund sein für die bisweilen mit viel Pathos und Selbstgerechtigkeit vorgetragene Kritik an der politischen Führung in Peking in puncto Menschenrechte. China ist eben auch ein ernstzunehmender Konkurrent auf den Weltmäkten geworden. Und als ob der „gute“ Westen und insbesondere die USA es immer so genau nehmen würden mit den Menschen- und Bürgerrechten! Daß die chinesische Kulturtradition eine völlig andere ist als die im abendländischen Westen sei auch noch hinzugefügt.

  3. Renate & Klaus sagt:

    So richtig überzeugend erscheint mir der Rundumschlag nach der vermutlich wohl eher im weiteren Sinne zu verstehenden „mea culpa“-Devise, der- unter dem Motto „wenn schon, denn schon“ – gleichzeitig so vehement gegen bewundernswert engagierte und keineswegs nur bestimmten „Lagern“ zuzuordnende Leute zu Felde zieht, gleichwohl nicht – oder darf eine Menschenrechtsverletzung allein dadurch relativiert werden, dass derjenige, der sie anprangert, schon zwangsläufig seine Glaubwürdigkeit einbüßt, weil er irgendetwas in dieser so zukunfts- und profitgläubigen „globalen „Welt wirklich unerträglich scheinheilig findet, obwohl es – vielleicht auch näher liegend – genügend Anlässe gäbe, hier und dort und vielleicht überhaupt einfach aufzuschreien? Allein die Relativierung ist doch höchst bedenklich und deckelt jede Kritik schon im Ansatz, oder meint Ihr im Ernst, dass die Bibel mit der Aufforderung, den ersten Stein nur unbefleckt werfen zu dürfen, uns wirklich weiter bringt, nachdem uns fast 2000 Jahre gelehrt haben dürften, dass das gerade nicht reicht. Kurzum – die olympischen Spiele sind schon jetzt ein Erfolg, weil nicht nur das brisante Thema Tibet wieder im Gespräch ist sondern auch China selbst sich nicht nur darstellen darf, sondern sich auch aus der Sicht der aus aller Welt anwesenden Journalisten darstellen lassen muss – ich finds spannend und sehe – bisher jedenfalls -im Gegensatz zu Euch nicht die Gefahr unreflektierter Berichterstattung
    und wenns jetzt noch mehr Spitzen- als Spritzenleistungen gäbe, wärs kaum auszuhalten!