Die Glienicker Brücke – Tor zu Spähers verborgener Heimat

(pri) Heute ist die Glienicker Brücke nur ein Flussübergang wie jede andere. Zwar überspannen ihre eisernen Bögen die Havel in durchaus beeindruckender Weise, doch ist nicht das der Grund ihrer Berühmtheit. Er ist mit dem 10. Februar vor 50 Jahren verbunden; da schritten zum ersten Mal ein Spion West und ein Spion Ost über ihren Asphalt – zurück in ihre jeweilige Heimat, die sie verlassen hatten, um auszukundschaften, was als Feindesland betrachtet wurde. Mit dem Agentenaustausch des Sowjetspions Rudolf Abel gegen den US-Luftspion Gary Powers begann die geheimnisvolle »Karriere« einer Brücke, die erst Mitte der 80er Jahre endete, ehe sie mit dem Verschwinden der einen Seite des Kampfes der Systeme ihre Normalität wiedererlangte.

 

Dies bieter Gelegenheit, noch einmal zurückzuschauen – zwar nicht direkt auf die geheimen Vorgänge zwischen dem Westberliner Stadtteil Wannsee und der DDR-Bezirkshauptstadt Potsdam, aber doch wenigstens auf ein Ereignis, das schon damals, nämlich 1997, der Erinnerung diente. Da wurde die Umgebung der Brücke auserkoren, die wohl wichtigste Person der dort vollzogenen Agentenaustausche zu würdigen – Wolfgang Vogel, den inzwischen verstorbenen DDR-Rechtsanwalt. Er war es, der nicht nur, aber doch zumeist über diese Brücke insgesamt etwa 150 Spione und Agenten beider Seiten wieder zu ihren Auftraggebern brachte und ihnen damit langjährige Haft in Feindesland ersparte und manchmal wohl sogar das Leben rettete. Dieses letzte Treffen an der Glienicker Brücke, dem Tor zur oft lange im Verborgenen gehaltenen Heimat der Späher aus Ost und West  wurde in einem am 23. August 1997 erschienenen Artikel eine

Wehmütige Reprise einstiger Agentenrochaden

Noch einmal wurde die Glienicker Brücke zum Treffpunkt ergrauter Akteure des Kalten Krieges

Die Vorstellung des Buches »Basar der Spione. Die geheimen Missionen des DDR-Unterhändlers Wolfgang Vogel« von Norbert F. Pötzl machte der Berliner Anwalt am Donnerstag zu einer beinahe sentimentalen Reise in die jüngere Ver­gangenheit.

Das war ein anderer Auftritt als jene in den muffigen Sälen des Berliner Landgerichts, wo sich Wolfgang Vo­gel über viele quälende Monate hinweg des Vorwurfs der Erpressung Ausreise­williger, des Meineids und der Falschbe­urkundung erwehren mußte und den­noch – im ersten Verfahren – zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Dort hatten Staatsanwaltschaft und Gericht, vom Hauptredner Klaus Bölling nun als »übereifrig und mit der komplexen Wirk­lichkeit der DDR nur unzulänglich ver­traut« abqualifiziert, versucht, Vogels Le­benswerk auf kriminelle Handlanger­schaft für das Ministerium für Staatssi­cherheit zu verkürzen.

Daß die von ihm organisierte Ausreise DDR-Überdrüssiger in den Westen in ei­ner Reihe von Fällen mit einem nicht im­mer ganz freiwilligen Besitzerwechsel im Immobilienbereich einherging, ist zwar unbestritten; doch dem Anwalt selbst konnten faktisch keine selbstsüchtigen Motive für derartige Geschäfte nachge­wiesen werden. Die Regeln bestimmte nicht er. Ihm oblag lediglich, unter Be­rücksichtigung und trotz dieser Regeln den Auftrag seines Mandanten zu erfüllen – bei der Familienzusammenführung ge­lang dies immerhin in 215 019 Fällen.

Requisiten und Darsteller von gestern

Dies ist zwar inzwischen gesicherte Er­kenntnis bei fast allen Beobachtern, und selbst die Berliner Richter erkannten im zweiten Verfahren auf Freispruch – aber der Makel der Vorwürfe nagt dennoch an Vogel und seinem Selbstbild. Wohl auch deshalb machte er die Vorstellung eines Buches über Teile seiner sonstigen Wanderungen zwischen Ost und West zu einem Lokaltermin über das, was über das ablaufende Jahrhundert hinweg als Systemauseinandersetzung firmierte -und deren historische Absurditäten.

Vogel hatte dem »Spiegel«-Redakteur Norbert F. Pötzl Einblick in sein reich­haltiges Archiv gewährt, in dem er – wie der Autor schrieb – Berge von Papier »mit der ihm eigenen Pedanterie aufgehoben und abgelegt« hat. Alles, was er dort über das undurchsichtige Geschäft des Austauschs von Spionen zwischen Ost und West fand, das 1962 mit dem Transfer Abel gegen Powers begonnen hatte und schließlich etwa 150 Agenten beider Sei­ten nicht nur vor drakonischen Frei­heitsstrafen bewahrte, sondern mitunter sogar das Leben rettete, machte er zur Grundlage jener 542 Seiten, die nun je­dermann für fast 50 Mark kaufen kann.

Zur Präsentation des Buches lud Wolf­gang Vogel an einen geschichtsträchtigen Ort, die Remise des Restaurants »Schloß Glienicke«, nur einen Steinwurf von der legendären Glienicker Brücke entfernt, auf der sich die Agentenrochaden in der Regel abgespielt hatten. Und er vergaß auch sonst nichts an Symbolik, das eine fast wehmütige Erinnerung an die da­malige Zeit wecken konnte. Ein goldfar­bener Mercedes 300 E war ebenso dabei wie viele der damals Beteiligten – als Weitestgereister gewiß Francis J. Meehan, einst US-Botschafter in der DDR.

Mit ihm, seinem langjährigen Bonner Verhandlungspartner Walter Priesnitz und dem Autor ging Vogel noch einmal über die Brücke, hielt mit den dreien vor dem weißen Strich in ihrer Mitte an, und während Priesnitz fröhlich drüber hüpfte, wollte sich Vogel noch immer nicht soviel Eigenständigkeit herausnehmen. Er war­tete auf den Befehl Meehans: Im Gleich­schritt! Drei ältere Herren, die Geschichte nachzuspielen versuchten – damit wohl ungewollt verratend, daß ihr Handeln auch damals viel von einem Spiel hatte, in dem der Einsatz allerdings Menschen waren.

Die Rolle Vogels dabei zeichnete Böl­ling, nach Gaus der zweite Ständige Ver­treter der Bundesrepublik in der DDR, in überwiegend freundlichen Farben. Er ba­lancierte sorgsam auf der politisch kor­rekten Linie zwischen fassungsloser Bewunderung und heiligem Schauder, auf die sich die politische Klasse des heutigen Deutschland nach einigem Zögern in Sa­chen Vogel begeben hat. Da ist er dann zwar eine »Ikone«, ein »Brückenbauer«, »Personifizierung einer vertrauensbil­denden Maßnahme«, doch »kein Wider­standskämpfer, eher ein »Nutznießer des Kalten Krieges, wenn auch mit Herz«.

Mit Sanftmut für Harmonie

Auch »harmoniestiftend« wurde Vogel genannt, und tatsächlich saßen vor dem Buch, bei Weißwein und Snacks Leute beisammen, die sonst auf einer Party kaum noch gemeinsam zu finden sind: Brandenburgs Justizminister Hans Otto Bräutigam und Egon Krenz, ein Ex-US-Botschafter und ein früherer DDR-Au­ßenminister, Berlins PDS-Vorsitzende Pe­tra Pau und der Chefredakteur des »Spie­gel«. Doch den Geist diplomatischer Höf­lichkeit, den die Seiten pflegten, als sie sich im Grunde noch als Gleiche unter Gleichen verstanden, konnte der Profes­sor natürlich nicht wiederbeleben. Man­che kannten sich nicht mehr, andere schossen kleine giftige Pfeile ab. Vogel nahm auch hier die Realität, wie sie ist, und tat das, was ihm die Laudatio be­scheinigt hatte: Er schaute »sanftmütig auf eine schlechte Welt«. Vielleicht eine Erklärung für das Phänomen Vogel.

 (Erschienen in »Neues Deutschland« vom 23./24. August 1997)

 

 

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