Sunnys Solo – anregend wie am ersten Tag

(pri) Wohl keiner der Besucher der Wiederaufführung des DEFA-Films »Solo Sunny« und der anschließenden Diskussion kürzlich im Berliner Kino »Toni« mag daran gedacht haben, dass es sich dabei um ein – in der Filmsprache gesagt – Remake handelte. Denn solche Debatten über den Film von Konrad Wolf fanden auch schon ziemlich exakt vor 32 Jahren statt, als er im Frühjahr 1980 erstmals über die Leinwände flimmerte – und ein beträchtliches Echo auslöste.

Aus jener Zeit stammt nachfolgender Text über eine dieser Diskussionen im Kino »International«, der hier deshalb wiedergegeben wird, weil er in mindestens zweierlei Hinsicht interessant ist. Erstens zeigt er, dass über eine solchen Film damals öffentlich ganz offen debattiert und gestritten wurde, was heute leider nur noch selten vorkommt. Und zweitens vermittelt er einen Eindruck von der Art und Weise der Rezeption, den Erwartungen und Ansprüchen des Kinopublikums, das Filme nicht nach der heute gern behaupteten Alternative SED-Propaganda oder Verbotsfilm beurteilte, sondern die Botschaften dazwischen aufspüren wollte und eben auch konnte.

 

Großes Solo mit miesem Orchester?

Zu einer Diskussion über Konrad Wolfs Film »Solo Sunny«

An einem bestimmten Punkt schienen alle Beteiligten der Diskussion – Schöpfer und Zuschauer des Films »Solo Sunny« – ein wenig hilflos. Aus fast jeder Meinungsäußerung nach je­ner Sonnabendabendvorstellung im »International« klang etwas von Unzufriedenheit, von Unbehagen beinahe, ohne dass es exakt definiert werden konnte. Konrad Wolf versuchte eine Antwort. Vielleicht, so meinte er sinngemäß, liegt es einfach daran, dass wir das ganz normale Leben auch so normal dargestellt haben wie es ist, ohne besondere dramatische Verwicklungen . . .

Das aber wollte einer Zuschauerin nicht gefallen. Sie fand es geradezu absurd, dass ein Film deswegen unbefriedigend sein soll­te, weil er zu dicht am Leben war. Nein, meinte sie, je besser und genauer ein Film das Leben widerspiegelt, desto wirksamer ist er – und dieser Antwort ist Zustimmung kaum zu versagen. Aber vielleicht ist es das Leben selbst, das – so ungeschminkt und illusionslos vorgeführt – uns Unbehagen bereitet? Das mag bei dem einen oder anderen vielleicht der Fall sein, erklärt aber noch nicht die zwiespältigen Gefühle, die dieser Film trotz seiner künstlerischen Qualitäten bei einem großen Teil der Zu­schauer hinterlässt. (Und auch der offiziellen Filmkritik ging es offensichtlich kaum anders, denn neben der ganz und gar berech­tigten Laudatio auf die Bewältigung des Filmischen – von Kamera bis Musik, von Schnitt bis Schauspielerleistungen – reduziert sich die inhaltliche Bewertung allzu oft auf Drehbuchkurzfassung, Wiedergabe der Absichten der Schöpfer und einige Gemeinplätze.)

Bleibt eigentlich nur noch ein Drittes zur Erklärung der ein­gangs genannten Unzufriedenheit: Das Leben, so wie es der Film zeigt, ist das Leben nicht, ist unser Leben nicht! Dem steht zunächst entgegen, dass allenthalben (und auch in der beschrie­benen Diskussion war das so) der Realismus, die Genauigkeit des Films bei der Sicht auf unser Leben gewürdigt wird. Und tatsäch­lich: Die Bilder aus dem Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg wie aus Neubaugebieten sind stimmig im wahrsten Sinne des Wor­tes. Die Schwierigkeiten der Sunny sind nicht verniedlicht, ihre Konflikte nicht geglättet. All das, was der Film zeigt, gibt es, und es ist richtig, es zu zeigen. Insofern ist der Film realistisch; er ist realistisch im Detail – und indem ich das niederschreibe, plagen mich Zweifel, ob »Realismus« hier wirklich das richtige Wort ist. Auch in der Diskussion mit Wolf, Kohlhaase und Geick wurde es austauschbar gebraucht – mit dem Begriff Naturalismus. Nur ein Zufall, eine sprachliche Ungenauigkeit? Oder endet der Realismus des Films nicht gerade dort, wo es darum geht, über die Vielzahl im einzelnen richtig beobachteter Details und Epi­soden eine gesamtgesellschaftliche Sicht au ermöglichen, die eben falls richtig ist, die mit dem Empfinden und der Erfahrung des Zuschauers übereinstimmt. Um zu präzisieren: Wolf und Kohlhaase haben es vermieden, aus einzelnen negativen Szenen und Vorgängen ein insgesamt negatives Gesellschaftsbild zu konstruieren – aber ein positives Bild unseres Lebens konnte daraus auch nicht werden. So entsteht das Gefühl einer gewissen Unentschiedenheit der Filmschöpfer, die letztlich Ratlosigkeit beim Zuschauer hinterlässt.

Einige Zuschauer warfen in der Diskussion die Frage auf, ob der Film nicht durch eine Lösung für Sunny einen optimistischen Schluss hätte haben können. Mir scheint hierin nicht das Problem, zu liegen. Ein solches Happy-End würde es dem Zuschauer zu leicht machen und damit dem Intentionen von Konrad Wolf geradezu zuwiderlaufen. Wichtiger ist wohl etwas anderes: Sunny hat es den gesamten Film über nur mit Leuten zu tun, die ihr nicht helfen können. Sie sind – und hier vergröbere ich – lebensfremd und oberflächlich (Ralph), beschränkt und spießig (Harry), ge­fühlskalt und brutal (Norbert), verständnislos (Hausbewohner), hilflos (Freundin aus dem Betrieb), gleichgültig (Künstlerkollegen), uninteressiert (Arzt), Sie trifft auf keinen, der dem hohen Anspruch, den sie an ihre Umwelt stellt, gewachsen wäre. Im Kampf um ihr Solo hat sie es mit einem miesen Orchester zu tun. So findet der Zuschauer, der ja zum Nachdenken über eine Lösung – keine individuelle, sondern eine gesellschaftliche – angeregt werden soll, keinerlei Ansatzpunkt, Er sieht in keiner Figur des Films eine Identifizierungsmöglichkeit. Seine Schlussfolgerung kann lediglich sein: So darf man nicht leben!

Viel wichtiger wäre aber, wenn er darüber nachdächte, wie man sein Leben einrichten müsste, damit es nicht so verläuft. Gerade das wünschte sich Konrad Wolf, wie er in vielen Diskus­sionen betonte, aber er tat dazu keinerlei Handreichung. Auch das dürfte ein Grund für unzufriedene Meinungen über den Film sein. Eine Zuschauerin sprach gar von Hoffnungslosigkeit, die der Film ausstrahle, Sie gehört offensichtlich zu den vielen, die in ihrem Leben andere Erfahrungen gemacht haben als Sunny.

Trotz aller kritischen Anmerkungen, auch in der Diskussion, von der hier die Rede ist, wurde der Film befürwortet, gelobt. Dass er noch wirksamer hätte sein können, liegt nicht am Sujet und nicht am handwerklichen Können seiner Schöpfer. Der Mangel ist inhaltlicher Natur, und da nun einmal die bestechendste Form eines Kunstwerks nicht lange fesseln kann, wenn es dem Betrach­ter nicht genügend zu sagen vermag, ließ die Aufmerksamkeit all­mählich nach. Jede Szene brachte eine neue Variante des Versa­gens in zwischenmenschlicher Kommunikation – das kam einem bekannt vor. Es fehlte auch die Spannung, die aus einem echten dialektischen Partnerschaftsverhältnis erwächst. Sunny hatte keinen ebenbürtigen Partner – bis auf Ralph zeitweilig. Nicht verwunderlich also, dass gerade seine Figur die Diskussion mit den Filmschöpfern fast ebenso beschäftigte wie die der Heldin.

Sunny sucht weiter nach ihrem Solo – dem eigenen Lied zunächst, im weiteren Sinne nach einem Leben der Selbstverwirklichung. In diesem Film konnte sie es nicht finden. Im wirklichen Leben wird sie ihren Weg machen – nicht ohne Konflikte, aber auch nicht allein.

 

Vergleicht man diesen Bericht mit der Diskussion, die zu »Solo Sunny« im »Toni« stattfand, so fällt zunächst eine große Übereinstimmung auf. Der Film fand damals großen Beifall und fasziniert auch heute noch – und zwar aus Gründen, die schon vor 32 Jahren das Publikum sehr sensibel registrierte. Fast dokumentarisch ließ Wolf den Altbau-Stadtbezirk Prenzlauer Berg in Berlin und seine Bewohner ablichten und hatte sich dafür ausdrücklich den Dokumentarfilm-Kameramann Eberhard Geick ausgesucht. Und natürlich wurde der Film nicht, wie heute gern behauptet, von den Schöpfern als DDR-Kritik angelegt, war nicht ein »besonders raffiniertes Beispiel für Subversion«, wie jetzt von einem Zuschauer im »Toni« ironisch bezeichnet, sondern der Versuch, die DDR in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zu zeigen. Wolfgang Kohlhaase bestätigte das ausdrücklich, räumte aber ein, dass mancher in den DDR-Führungsetagen den Film als Kritik empfand, weil er nur eine, nämlich seine Wahrheit kannte und eine andere auch gar nicht kennenlernen wollte. Und Kohlhaase verwies auf Wolfs Intention, eine allgemeingültige Figur zu schaffen, jemanden, der sein Leben kompromisslos in die eigenen Hände nimmt, und zu zeigen: »Dann fangen die Probleme an!« Und zwar immer und überall.

 

Heute ist diese Erkenntnis Gemeingut; jeder hat sie wohl schon gemacht. Damals allerdings stand sie in gewissem Widerspruch zum Bild, das von der »sozialistischen Menschengemeinschaft« in der DDR gezeichnet wurde. Daraus resultiert wohl die Verunsicherung, ja Verstörung, die der Film 1980 auch bei nicht wenigen auslöste. Es war ungewohnt, so etwas auf DDR-Leinwänden zu sehen, zeichneten doch ansonsten nicht nur die offiziellen Verlautbarungen einschließlich der Medien ein ganz anderes Bild, sondern oft auch die persönlichen Erfahrungen in Betrieb, Schule, Hausgemeinschaft. Auch das waren keine falschen Eindrücke, aber eben nicht die einzigen, zunehmend auch nicht die dominierenden. Wer das heute leugnet, handelt nicht anders als damals jene, die von der Kunst nur das proklamierte Ideal, nicht die konkrete Realität abgebildet haben wollten. Nur dass an die Stelle des proklamierten Ideals jetzt ein ideologisch geprägtes Vorstellungsbild von dieser Realität getreten ist.

Der oben wiedergegebene Bericht war für die Studentenzeitung »Forum« geschrieben worden. Dass er 1980 nicht erschienen ist, lag nicht an deren Redaktion, sondern ist schon wieder eine ganz eigene Geschichte.

 

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