»Jadup und Boel« – ein Gegenwartsfilm im historischen Gewand

Wer sich gestern abend ins Berliner Kino »Toni« aufgemacht hatte – und es waren gar nicht so wenige, der sah dort natürlich den inzwischen fast 30 Jahre alten DEFA-Film »Jadup und Boel«, der in der DDR allerdings erst nach einem langen, nervenaufreibenden Diskussionsprozess und auch dann nur in ganz wenigen Vorstellungen zu sehen war, aber er sah auch überraschenderweise einen Streifen, der durchaus als Gegenwartsfilm, gewissermaßen im historischen Gewand, verstanden werden kann. Die Zuschauer jedenfalls, die anschließend über das Werk diskutierten, hielten sich nicht lange bei der DDR-typischen Verhinderungsgeschichte auf, sondern verwiesen auf die zeit- und systemübergreifende Botschaft des Films. Und der anwesende Regisseur Rainer Simon berichtete gar davon, dass bei einem Filmfestival in Panama ein dort ansässiger Indianer nach der Vorführung von »Jadup und Boel« zu ihm gekommen sei – mit dem Worten: »Da ist zwar immer wieder von Sozialismus die Rede, aber eigentlich ist das eine Geschichte wie bei uns.«

Und tatsächlich: Treten beim Betrachten die typischen – und hier teilweise sehr drastisch ausgemalten – DDR-Details zurück, dann bleibt eine Geschichte, in der es um Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, den Glücksanspruch von Menschen und ihre Sicht auf eigenes wie fremdes Leben geht, um Aufmüpfigkeit und Anpassung sowie die subtilen Methoden schon kleiner Mächtiger, devotes Kopfnicken als Tugend und die Unangepasstheit als Fehlverhalten zu sanktionieren. Zwar ist es heute nicht mehr die formale Selbstverpflichtungsbewegung, wie sie im Film am Beispiel eines HO-Kaufhallenkollektivs dargestellt wurde, aber dafür müssen Beschäftigte mit Kundenkontakt oftmals in straff organisiertgen »Meetings« ihre Erfolgsziele formulieren, sich also zu einem bestimmten Beitrag zum Unternehmensgewinn verpflichten – wobei die Erfüllung oder Nichterfüllung nicht selten über Erhalt oder Verlust des Jobs entscheidet. Oder sie werden durch gemeinsames »Motivationstraining« auf Teamgeist getrimmt – so wie man früher mit mehr oder minder starkem Druck für »Kollektivbildung« sorgte.

Gelangweilte Jugendliche, die sich mit öden Ritualen zu unterhalten suchen und dabei auch schon mal einen Betrunkenen durch die Mangel drehen, sind in dem einen oder anderen Provinzkaff keine Seltenheit – nur dass sie heute oft viel brutaler vorgehen. Gleiches gilt für die kinderreiche Familie mit »Migrationshintergrund«, für die man inzwischen mit »Prekariat« einen eigenen Begriff geprägt hat. Selbst das Leben im Umfeld einer Müllkippe verwundert heute kaum. Und der Glücksritter, der auf Dachböden und in Kellern nach Verwertbarem sucht, um sich über Wasser zu halten, schon gar nicht. All das gab es auch in der DDR, wenngleich sie das mit großer Geste leugnete. Aber es ist mit ihr nicht verschwunden, wird allerdings sichtbarer, zum einen, weil es in der aufgefrischten Umgebung mehr auffällt, aber auch, weil man darüber offen reden kann.

Filme darüber zu machen, ist freilich nicht weniger mühsam als zu DDR-Zeiten. Zwar gibt es nicht mehr die Zensur des Politbüros, dafür aber eine des Geldes, hinter der sich durchaus auch die andere Weltanschauung der Geldgeber verstecken kann. Simon jedenfalls ist es nicht gelungen, eine geplante Fortsetzung des »Jadup«-Stoffes zu realisieren; man kann sogar zweifeln, ob »Jadup und Boel« seit 1990 hierzulande häufiger gezeigt wurde als davor. Heutige Filmemacher müssen sich meist auf »Beziehungskisten« ohne gesellschaftlichen Hintergrund oder auf den Kriminalfilm zurückziehen, um die Finanzierung zu sichern. Und wenn sie dann doch zu sozialen Hintergründen vorzustoßen versuchen, müssen sie irgendwo die Mafia – gerne russischsprachig – einbauen, weil es im eigenen Land Ursachen für Armut und Elend nicht geben darf. Und dennoch rümpft das bürgerliche Feuilleton die Nase, weil jemand wagte, die »wertfreie« Kunst politisch zu kontaminieren. Auch da ist die heutige Bundesrepublik von der früheren DDR oft gar so weit nicht entfernt.

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Eine Antwort zu “»Jadup und Boel« – ein Gegenwartsfilm im historischen Gewand”

  1. Markus sagt:

    „Brot und Spiele“ für das Volk ist bei den Herrschenden wie eh und je beliebt, um unliebsame Fragen und kritisches Nachdenken über gesellschaftliche Hintergründe sozialer Ungerechtigkeiten gar nicht erst aufkommen zu lassen.