(pri) Dieses Buch ist ein Lebensbericht über beinahe 40 Jahre der DDR. Als ich gerade acht Jahre alt war, trat die »Deutsche Demokratische Republik« in mein Leben ein und bestimmte es in diesem Staat – mit Wirkung für das Tun und Lassen nicht nur jener Jahre, sondern mein Dasein überhaupt. Insofern ist auch das ein Werbetext – in eigener Sache. Der Titel ist ab Februar 2026 überall im Handel zu erwerben.

Der Zufall meines Geburtstages im Jahre 1940 brachte es mit sich, dass ich die DDR von ihrem Anfang bis zum bitteren Ende durchlebt, akzeptiert, aber auch erlitten habe. Diese Zeit, in der ich mit vielem konfrontiert wurde, was das kleine Land im Guten wie im Schlechten zu bieten hatte, wird aus ganz subjektiver und doch über weite Strecken allgemeingültiger Sicht beschrieben.
Es beginnt – fast fünf Jahre vor der Gründung des »ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden« – mit der Flucht aus Oberschlesien in die damalige sowjetische Besatzungszone, geht weiter mit den ersten Schuljahren und der beginnenden Standortsuche im »Niemandsland« , die sich in der frühen DDR fortsetzte.
In der Erweiterten Oberschule wurden erstmals Bekenntnisse verlangt, was mir missfiel und sich zugleich verstärkte, als ich in den Journalistenberuf strebte und dort meine ersten Gehversuche unternahm. Ich folgte den Wünschen und hatte dennoch mitunter Erfolg, wenn ich Kritikwürdiges namhaft machte. Zudem wurde ich im praktischen Jahr im Braunkohlenwerk Laubusch mit der Realität des Arbeiterlebens konfrontiert und später im redaktionellen Vorpraktikum bei der »Leipziger Volkszeitung« mit der Realität des sozialistischen Journalismus. Mein Studienbeginn an der Fakultät für Journalistik im Jahr 1961 fiel in eine Zeit scharfer ideologischer Auseinandersetzungen; ich stand »Im Wechsel der Wetterlagen«, was mich aber nicht hinderte, sowohl die Studentenzeit voll auszuleben als auch vielfältige praktische Erfahrungen in der Zeitungsarbeit zu sammeln.
Ungeachtet dessen ging ich nach dem Studium nicht in die Praxis, sondern blieb an der Fakultät, um zu promovieren. Ich hatte das Glück, mit einer Wissenschaftlerdelegation nach Jugoslawien zu reisen und zugleich das Pech, meinen Wehrdienst bei der NVA zu absolvieren, und zwar als Grenzsoldat an der Berliner Mauer. Dort währte der Dienst nicht sehr lange; ein Journalist wurde in der Redaktion der „Volksarmee“ gebraucht, und ich konnte nun von außen auf das DDR-Grenzregime schauen. Die nach der Rückkehr an die Fakultät folgende wissenschaftliche Arbeit war ebenfalls ein Blick von außen auf ein etabliertes System und verlor in dem Maße an Attraktivität, wie sich mir ihre Wirkungslosigkeit für den praktischen Journalismus offenbarte. Immerhin lernten wir dort viel Nützliches. »Utopien und Grenzen« stießen aufeinander.
Nach meinem subjektiven Selbstverständnis sah ich meine Aufgabe nicht zuletzt darin, den angestrebten Sozialismus nicht nur absolut zu verinnerlichen, sondern zu seiner Verbesserung beizutragen, was nirgends ohne Konflikte blieb, bei denen ich am Ende doch immer irgendwie den kürzeren zog. Trotz dieser eigentlich ernüchternden Erfahrungen entschied ich mich – freilich unbewusst – dafür, dies an möglicherweise entscheidender Stelle neu zu praktizieren. In den 70er-Jahren ließ ich mich von der HVA, der Spionageabteilung des Ministeriums für Staatssicherheit, anwerben und war zunächst im bundesrepublikanischen Operationsgebiet tätig, um dort nun meinerseits Spione anzuwerben.
Das war eine »ehrenamtliche« Tätigkeit; beruflich war ich wieder in den praktischen Journalismus gegangen, in die Redaktion der Studentenzeitung »FORUM«. Dieses für Studenten und junge Intellektuelle gedachte Blatt, das nur erfolgreich sein konnte, wenn es auf die tatsächlichen Probleme seiner Leserschaft einging, geriet immer wieder ins Kreuzfeuer von Kritik seitens SED und FDJ – gerade wegen diese Anspruchs. Die Arbeit für das »FORUM« wurde ebenso wie meine damalige wie folgende Tätigkeit für die HVA zu einem Kampf »Mit der Feder gegen Windmühlen«. Denn vor allem wegen persönlicher Probleme wechselte ich 1977 in die hauptamtliche Arbeit für das MfS. Ich wurde Auswerter in der HVA, eine Tätigkeit, die durchaus etwas mit Journalismus zu tun hatte, jedoch in außerordentlich ungewöhnlicher Weise. Das war so irritierend wie herausfordernd, und ich glaubte damals, dabei etwas bewirken zu können – eine Illusion von Anfang an.
Das begriff ich in seiner ganzen Tragweite allerdings erst später, als eine der Hauptaufgaben des MfS, nämlich die Bekämpfung der »politisch-ideologischen Diversion des Feindes (PID)« unversehens in Widerspruch zur auch von der DDR-Führung befürworteten Entspannungspolitik geriet, was sich vor allem am Umgang mit dem SED/SPD-Papier »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« zeigte. Eine spezielle Forschungsgruppe unter meiner Leitung sollte diesem Dilemma abhelfen, worin ich eine gewisse Chance sah. Doch meine zaghaften Versuche, nicht mehr – wie bisher – fast alle Probleme der DDR auf die PID zu schieben, sondern auch hausgemachte Ursachen dafür anzudeuten, scheiterten. Ich empfand dies als ein »Vorwärts in die Vergangenheit« und stand somit Ende der 80er-Jahre ebenso vor den Trümmern meiner Illusionen über den Sozialismus in der Farben der DDR wie dieser Staat selbst.
Diesem blieb nur noch ein Jahr, das 40 Jahre lang Versäumte nachzuholen – ein aussichtsloses Unterfangen, wie wir heute wissen. Immerhin hatte mich persönlich das Balancieren auf schmalem Grad in der DDR dazu befähigt, einen eigenen Weg zu gehen. Versuchte ich zunächst, als freischaffender Journalist von der sich stürmisch entwickelnden neuen Medienlandschaft zu profitieren und mit einem Buchprojekt zur widerständigen Bürgerbewegung zu reüssieren, bemühte ich mich bald um eine Festanstellung, die ich bei der »Berliner Zeitung« schließlich auch fand. Als die DDR am 3. Oktober 1990 von den Landkarten verschwand, war ich bei diesem Blatt stellvertretender Ressortleiter Innenpolitik. »Das letzte Jahr der DDR« wurde für mich zum Start in einen neuen Anfang – das Ende in den den Sieg ausschöpfenden 90er-Jahren freilich kann man sich denken. Aber das ist eine andere Geschichte …