Wirtschaft organisiert sich ihre Rezession

Dass die Banken die sie jetzt treffende Krise selbst verursacht haben, ist mittlerweile eine gesicherte Erkenntnis. Die aber hindert die Vertreter der so genannten Realwirtschaft nicht daran, dem schlechten Beispiel des Finanzsektors beinahe blindlings zu folgen. Der »Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung«, der dieser Tage sein Jahresgutachten vorlegte, machte darin keine Ausnahme – und wie sollte er auch. Sind doch die »Wirtschaftsweisen« nichts anderes als Lobbyisten der Wirtschaftsakteure, wobei selbstverständlich die Arbeitgeberseite in der vierfachen Mehrheit ist, während die Arbeitnehmer allenfalls von einem der Professoren vertreten werden. Und dennoch hätte man erwarten können, dass sie die Zeichen der Zeit deuten können und nicht erneut überwiegend die alten, gescheiterten Rezepte anbieten, durch deren Befolgung die Wirtschaft ihre Rezession selbst organisiert.

Zwar erkennen die Gutachter richtig, dass »deutliche Impulse zur Stärkung der internen Wachstumskräfte und der Binnennachfrage gesetzt werden« müssen und verlangt dafür ein – bisher immer strikt abgelehntes – Konjunkturprogramm in Höhe bis zu 25 Milliarden Euro, aber außer – bislang ebenfalls als Teufelszeug verschrienen – neuen Schulden fällt ihnen zu deren Finanzierung nichts ein. Ganz im Gegenteil verlangen sie – wie gehabt – Steuersenkungen für Unternehmen und Vermögende; womit der Staat aber sein Konjunkturprogramm bezahlen soll, lassen sie im Dunkeln.

Sie verteidigen auch ihre bisherige Linie der Lohnkürzungen und des Sozialabbaus, obwohl gerade hier der Hauptgrund für die niedrige Binnennachfrage liegt. Die erneut hochgelobte Senkung der Arbeitslosenzahlen nützt jenen Unternehmen wenig, die für den Binnenmarkt produzieren, denn die Schaffung neuer Arbeitsplätze war mit einer rapiden Senkung der Einkommen verbunden, was keinen Spielraum für den Konsum lässt. Der Export war dafür ein bisher willkommener Ausgleichsfaktor, der nun aber mit der weltweiten Finanzkrise wegfällt. Im Ergebnis hat die Wirtschaft zwar ihre Kosten gesenkt, bleibt nun jedoch auf den Produkten sitzen. Die Wirtschaftskrise, gern vornehm als Rezession umschrieben, ist die Folge. Und was die Bundesregierung zunächst als Konjukturprogramm verkauft hat, das schrieben ihr selbst die parteiischen »Wirtschaftsweisen« ins Stammbuch, wird daran nichts ändern.

So ist eine tiefgehende, anhaltende Wirtschaftskrise absehbar, die nur dadurch verhindert werden könnte, dass die Wirtschaft sich von ihren horrenden Gewinnerwartungen verabsschiedet und dafür sorgt, dass zum einen die Beschäftigten gerecht an den Erträgen beteiligt werden und zum anderen das Sozialsystem wieder leistungsfähig gestaltet wird. Beides schafft Kaufkraft – und damit die Voraussetzung für einen neuen Aufschwung. Aber vermutlich muss es den Unternehmen erst so miserabel gehen wie derzeit den Banken, ehe sie das begreifen. Von den von ihnen bezahlten Pseudo-Wissenschaftlern, die folglich das gewünschte Lied singen, haben sie in dieser Hinsicht nichts zu erwarten.

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Eine Antwort zu “Wirtschaft organisiert sich ihre Rezession”

  1. Markus sagt:

    Nach einer Pressemeldung sieht Peter Struck von der neoliberalen SPD die „Fünf Weisen“ (doch nicht etwa für Wirtschaft?) sinngemäß als Dampfplauderer an, die nicht viel mehr als heiße Luft verbreiten. Wenn man sich Struck zufolge die Ergebnisse der Jahresgutachten dieser Wirtschaftsexperten mit der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung vergleiche, so sei ein stetes Auseinanderklaffen von wissenschaftlichem Anspruch und realem Verlauf zu konstatieren.

    Damit spricht Struck zwar eine allzu offensichtliche Wahrheit aus, die von kritischen Wissenschaftler allerdings seit langem schon festgestellt und auch öffentlich publiziert wird. Zu denken wäre etwa an die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik mit ihrem jährlich erscheinenden Memorandum als eine Art Gegengutachten zu denen von den „fünf Weisen aus dem neoklassischen Märchenland“.

    Aber nicht nur Inkompetenz (auf Staatskosten), wie Peter Struck meint, ist hier im Spiel, sondern auch ein gehörig-ungehörig ideologisch verengtes Denken ist den gewiß nicht dummen Professoren obendrein noch zu attestieren (freilich kann dieser wirklichkeitsresisten Verbohrtheit mit ein wenig oder mehr „Bakschisch“ in machen Fällen nachgeholfen werden). Macht Strucks SPD nicht aber selbst Politik nach dieser Machart?

    Dem nicht ganz so gebildeten „Normalbürger“ scheint das alljährliche „Professorengeschwätz“ ohnehin schon seit geraumer Zeit nicht nur auf die Nerven zu gehen, sondern zunehmend auch an die wirtschaftliche Substanz und persönliche Existenzgrundlage. Diese Wissenschaft ist eben eine brotlose Kunst für die, die davon betroffen sind.

    Wie groß muß der Graben zwischen Arm und Reich eigentlich noch werden, damit endlich begriffen wird, daß auch die Realwirtschaft von einem daniederliegenden Binnenkonsum und einer allgemeinen Nachfrageschwäche letztlich sogar selbst nicht profitiert? Ist die „heilige Kuh“ der wirtschaftlichen Freiheit es denn wert, elendig zu verrecken, die einen früher und die anderen später? Und das auch noch in einer potenziellen Überflußgesellschaft. Muß erst der Krieg wieder zum Vater einer neuen Ordnung werden, wie im Zuge des Zweiten Weltkriegs, als sich der Keynesianismus der allgemeinen Not gehorchend in seiner wirtschaftssteuernden und wohlfahrtsstiftenden Wirkung entfalten konnte?

    Sozial ist, was Kapital bindet, und vernünftig ist, wer die Wirtschaft steuert.

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