Wo findet der Nowitschok-Attentäter seine nächsten Opfer?

(pri) Wenn in unmittelbarer Nähe einer streng geheimen Chemiewaffenforschungseinrichtung ein Anschlag mit einem Nervengift stattfindet, dann sollte man annehmen, dass sich die Ermittlungen sogleich auf das Umfeld dieses Objekts konzentrieren. Erst recht dann, wenn sich dort einige Monate später solch ein Attentat wiederholt. In Großbritannien jedoch geschah und geschieht weder das eine noch das andere. Vielmehr suchte man schon im vergangenen März den oder die Attentäter im weit entfernten Moskau, und auch jetzt richten sich die Augen zuerst wieder nach Osten, womit man ohne Zweifel in Kauf nimmt, dass der offensichtlich noch im Lande befindliche Verbrecher ungestört den nächsten Anschlag vorbereiten und ausführen kann.

Grund für solch ungewöhnliches und wohl auch gegenüber der eigenen Bevölkerung verantwortungsloses Verhalten war im Frühjahr die Tatsache, dass sich das Attentat gegen den früheren russischen Geheimagenten Sergej Skripal und seine Tochter richtete und zugleich das einst in der Sowjetunion entwickelte Nervengift Nowitschok zum Einsatz gekommen war. Beides bot der notorisch russophoben konservativen Regierung des Königreichs Anlass zu einer antirussischen Kampagne, die zur Ausweisung Hunderter russischer Diplomaten aus Großbritannien und zahlreichen beflissen den britischen Verschwörungstheorien folgenden NATO-Staaten führte und damit wohl von den beträchtlichen Schwierigkeiten der Premierministerin May mit dem Ausstieg des Landes aus der EU ablenken sollte.

Diese ideologisch begründete Schuldzuweisung, die durch keinerlei überzeugenden Beweis gestützt wurde, verhinderte, dass auch in der Umgebung des Tatorts in der Stadt Salisbury ermittelt wurde, zum Beispiel im nur wenige Kilometer entfernten Porton Down, wo das Defence Science and Technology Laboratory seinen Sitz hat, die einzige und streng geheime Chemiewaffenforschungseinrichtung des Landes. Wie sich jetzt zeigte, mit fatalen Folgen. Denn kürzlich schlug der Attentäter offensichtlich erneut in Salisbury zu. Diesmal traf es zwei Arbeitslose, ein Paar, das mit Geheimdiensten und Kontakten nach Russland offensichtlich nicht das Geringste zu tun hat. Dennoch zeigten May und ihr Sicherheitsminister sofort wieder nach Moskau, und die regierungshörigen Medien ergehen sich erneut in allerlei Spekulationen.

Damit versuchen sie zu verbergen, dass ihre Behörden vollkommen im Dunkeln tappen und einen nächsten Anschlag nicht ausschließen können. Die Version, es habe sich um Überreste des Gifts aus dem Skripal-Anschlag gehandelt, wird von den für die Dekontaminierung zuständigen Stellen widersprochen; dies wäre auch ein Armutszeugnis für die Professionalität der wochenlang tätigen Experten. So bleibt als einzige Möglichkeit die anhaltende Präsenz des Attentäters in Salisbury und Umgebung mit allen sich daraus ergebenden Risiken. Ideologisch motivierte Scheuklappen haben offensichtlich einmal mehr zum Versagen der Sicherheitsorgane beim Kampf gegen terroristische Aktionen geführt.

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